Man solle „realistisch bleiben“, sagt die Frau Bundeskanzlerin in Richtung Europäisches Parlament in Bezug auf dessen Vorschlag, mehr für den Klimaschutz zu tun.
Was sie vermutlich meint: „ich habe keine Lust, mich noch mehr zu engagieren“; sie meint vielleicht auch: „wir sollten erst mal das Ziel erreichen, auf das wir uns nach langen Mühen verständigt haben, bevor wir neue Reduktionsziele beschließen“; vielleicht meint sie ja auch: „mehr als das Beschlossene ist angesichts der Kräfteverhältnisse in der EU nicht zu erreichen“.

Ich höre vor allem eine müde Kanzlerin.
Ihre Regierungszeit geht nun zu Ende. Das Jahr 2021 wird voraussichtlich das letzte ihrer langen Kanzlerschaft sein, eine Fortsetzung hat sie mehrfach öffentlich ausgeschlossen.

Gerade jetzt aber kommt es darauf an, dass die Staaten der Erde, dass die politischen Gemeinschaften dieser Erde, also auch die Europäische Union, deutlich größere Anstrengungen unternehmen, um den sich beschleunigenden Klimawandel wenigstens etwas zu verlangsamen. Das wäre schon viel. Gerade jetzt befinden wir uns im entscheidenden Jahrzehnt, die kommende Legislaturperiode wird die vielleicht wichtigste in der Geschichte der Europäischen Union sein – wenn die Staatengemeinschaft jetzt nicht „die Kurve kriegt“, dann ist es zu spät, denn die Naturkreisläufe reagieren äußerst träge. Was wir jetzt sehen, sind die Auswirkungen der Emissionen der Neunziger Jahre, alle späteren Emissionen werden ihre Wirkung erst noch entfalten!

„Bleiben Sie realistisch!“ sagt die Kanzlerin Richtung Europäisches Parlament und ich will ihr sagen:
Wenn wir wirklich realistisch blieben, uns also von dem, was wir wissen, leiten ließen, dann müssten wir sagen: im Moment deutet alles darauf hin, dass die von der Menschheit beschlossenen und eingeleiteten Klimaschutzmaßnahmen bei weitem nicht ausreichen, um das 1,5-Grad-Ziel des Paris-Vertrages zu erreichen.
Wenn wir wirklich realistisch blieben, dann hätten wir momentan keinerlei begründeten Hinweis auf eine wirkliche Wende bei den CO2-Emissionen. Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre nimmt weiter zu – trotz Corona.
Wenn wir realistisch blieben, müssten wir angesichts der vorliegenden Zahlen feststellen: wir werden es nicht schaffen, bis 2050 die Emissionen auf NULL zu bringen. Aber genau das wäre notwendig, wie die internationale Klimawissenschaft seit langen Jahren nachweist.

Wir kommen folglich nicht weiter, wenn wir „realistisch bleiben“.
Was notwendig wäre, wäre eine mutige und entschlossene Klimaschutzpolitik, die wirklich alles versucht, um die Emissionen dramatisch zu senken. Auf diesem Wege wären selbst die vom EU-Parlament beschlossenen minus 60% nur ein kleiner Schritt.

Das, was auf einen Blick plausibel erscheint – Realismus – erweist sich bei genauerer Betrachtung als gewaltiger Hemmschuh und bremst diejenigen, die engagierten Klimaschutz vorantreiben wollen, nicht zuletzt das Europäische Parlament.

Wer, wie die Kanzlerin, angesichts der Lage fordert, man solle auf strengere Ziele verzichten und stattdessen „realistisch bleiben“, der dient nicht dem Klimaschutz, der steht ihm im Weg.

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