Als die großen Demonstrationen in Leipzig, Berlin und zahlreichen anderen Städten im Jahre 1988/89 begannen, war das Ende der DDR im Grunde besiegelt. Denn schon lange vorher hatten zahlreiche kirchliche Großveranstaltungen, Gruppeninitiativen, Papiere über all im Lande den Boden für die Veränderungen bereitet. Die Ökumenische Jugendversammlung im Mai 1988 in Gotha gehört ganz sicher mit in diese Reihe.
Wir hatten in Teil 1 gesehen, dass die Vorbereitungen für die Versammlung schon früh im Jahre 1987, also mehr als ein Jahr zuvor, begonnen hatten. Bis auf wenige hauptamtliche kirchliche Mitarbeiter wurden die Vorbereitungen von vielen Ehrenamtlichen geleistet. Diese Ehrenamtlichen kannten sich zum großen Teil aus unterschiedlichen kirchlichen Zusammenhängen und Treffen. Der „Kirchentag von unten“ vom 24. – 28. Juni 1987 beispielsweise war Treffpunkt für die Gruppen der „Offenen Arbeit“ der evangelischen Jugendarbeit. Am 4. und 5. Juli 1987 fand in Erfurt eine „Werkstatt“ der Offenen Arbeit statt – wieder eine Gelegenheit, sich zu treffen, Informationen auszutauschen, sich zu verknüpfen.
Am 26. September 1987 fand in Weimar ein sogenanntes „Basisgruppentreffen“ statt, an dem viele Vertreterinnen der „Offenen Arbeit“ aus Berlin, Erfurt, Eisenach, Jena und anderen Orten angereist waren. Die jungen Leute trafen sich, berichteten von den neusten Entwicklungen in Berlin und anderen Städten; man hörte von Verhaftungen; man hörte von Problemen Jugendlicher mit dem Staat; man hörte davon, wie kirchliche Mitarbeiter sich verhielten – der enge persönliche Austausch war Kennzeichen dieser Treffen, denn die wenigsten verfügten über ein eigenes Telefon. Eine Kommunikation, wie sie heute normal ist (Handy, Laptop, mail, social media) war damals unvorstellbar. Man musste sich schon in den Zug setzen oder von jemandem im Auto mitgenommen werden zu so einem Treffen, damit man sich informieren und austauschen konnte. Die Bedingungen waren nicht einfach.
Wieder ein anderer Arbeitszusammenhang der evangelischen Jugendarbeit, in die ich direkt eingebunden war, war die „Beratung von Wehrpflichtigen„. Zwar gab es offiziell zum Dienst an der Waffe keine Alternative in der DDR. Aber man konnte den Dienst an der Waffe verweigern und sich als „Bausoldat“ mustern lassen – oder „total verweigern“. Letzteres war nicht selten mit massiven Repressalien verbunden, die in nicht wenigen Fällen bis zum Gefängnis und zum Ausreiseantrag führten. Die evangelische Jugendarbeit hatte beispielsweise in Jena einen „Arbeitskreis Wehrdienstfragen beim Stadtjugendpfarramt“ eingerichtet, der regelmäßig Vorbereitungs-Seminare anbot. Im Rollenspiel konnten sich die jungen Männer auf die Musterung vorbereiten und ihre Argumente schärfen, die sie brauchten, um die Musterung auch zu bestehen und „zu den Bausoldaten“ gemustert zu werden. Ehemalige Bausoldaten waren die ehrenamtlichen Leiter dieses Arbeitskreises. Stephan Schack und Andreas Kosmalla gehörten zu den besonders Aktiven in Jena, denen ich noch heute für ihr Engagement dankbar bin. Wir sind nach wie vor in Verbindung.
Alle diese Arbeitszusammenhänge der evangelischen Jugendarbeit standen unter Beschuss durch die Staatssicherheit. Besonders die „Offene Arbeit“ und die „Arbeit mit Wehrpflichtigen“ war der Obrigkeit ein Dorn im Auge. Ich finde deshalb in meiner Stasi-Akte zahlreiche Hinweise auf die Beobachtung gerade dieser Arbeitsfelder. Als wir Pastoren und Diakone uns vom 14. – 17. September 1987 zu einem Pastoralkolleg (Weiterbildung) zum Thema „Seelsorge an Wehrpflichtigen“ in Neudietendorf trafen, wurde das Programm von beflissenen Kollegen schon im Vorfeld an die Stasi gemeldet und unmittelbar hinterher von der Veranstaltung berichtet.

Auch die Vorbereitungen der Jugendversammlung in Gotha waren frühzeitig in Kreisen der Staatssicherheit bekannt. Der erste Beleg davon stammt bereits vom 8. Januar 1987 ! (Man erkennt am Datum: „erhalten Cramer am 8.1.87“, dass der Spitzel direkt von der Konferenz berichtet hat.)

„Runge“ berichtet an die Stasi den bis dahin bekannten Planungsstand:

„Die Firma“, wie wir die Staatssicherheit damals auch nannten, war also von Anfang an im Bilde und bekam nun fortlaufend Berichte über den Fortgang der Vorbereitungen. Wie wir mittlerweile wissen, hatte die Staatsicherheit ihre Leute sehr präzise „platziert“: der Jurist, bei dem alle komplizierten Fälle im Zusammenhang mit Wehrdienstfragen zusammenkamen, Wolfgang Schnur, war Stasi-Mann. Er war regelmäßiger Gast bei Tagungen der evangelischen Jugendarbeit und galt als vertrauenswürdiger „Mann der Kirche“ – bis seine andere Seite bekannt wurde. Es gab im Jenaer Konvent Kollegen, die direkt berichtet haben; es gab auch unter den Jugendlichen den einen oder anderen, den man erpresst hatte, für die „Firma“ zu berichten; es gab bis hinauf in die Kirchenleitung gut informierte Stasileute. In der Kirchenprovinz Sachsen besonders schwerwiegend der Präsident des Konsistoriums, Detlef Hammer.
Dass wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der evangelischen Jugendarbeit „unter Beobachtung“ standen, dass man unsere Post kontrollierte, das Telefon abhörte, unseren Besuch – insbesondere den aus den westdeutschen Partnergemeinden – überwachte; dass man in unseren Veranstaltungen saß und mitschrieb, – all das ahnten wir, manche wussten es auch, wir gingen jedenfalls davon aus. Wir wussten allerdings nicht, wer berichtete. All das kam erst nach dem Fall der Mauer ans Tageslicht, als die Akten zugänglich wurden.
Wir haben uns nicht beirren lassen. Dass Großveranstaltungen wie die Jugendversammlung in Gotha vom Mai 1988 dennoch so stattfinden konnten, wie sie dann stattfanden – obwohl Staatssicherheit und „Abteilung Inneres“ bei den Räten der Städte und der Bezirke von Anfang an bestens im Bilde waren und uns auch Schwierigkeiten machten – dass unsere Großveranstaltungen dennoch stattfinden konnten, das wundert mich heute immer noch. Und ich bin dankbar dafür.
Man hat sich später innerhalb der Landeskirchen mit der Problematik „Stasi in der Kirche“ auseinandergesetzt. Die Landeskirchen haben das auf verschiedene Weise getan und auch die Berichte über diese Arbeit fallen verschieden aus. Sie sollen an dieser Stelle auch nicht behandelt werden, das wäre ein großes eigenes Kapitel.

Wir werden in Teil 3 unserer Dokumentation zur Jugendversammlung in Gotha sehen, wie sehr sich die Dinge im Jahre 1988 verschärften, nachdem bei der jährlich stattfinden Demonstration zu Ehren von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg im Januar eines jeden Jahres in diesem besonderen Jahr Bürgerrechtler unter den Demonstranten auftauchten, die sogar noch selbst gemalte Transparente mitgebracht hatten: „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“ (Rosa Luxemburg) stand auf einem dieser Plakate geschrieben. Mehr dazu und wie sich diese Demonstration und ihre Folgen auf die Jugendversammlung in Gotha auswirkte, in Teil 3.

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