Am 30. 1. 1933 war Hitler Reichskanzler geworden. In großer Eile gingen die Nazis daran, demokratisch gewählte Vertretungen (Gewerkschaften, Parteien etc.) entweder zu verbieten, ihre Funktionäre in Gefängnisse und KZs zu stecken – oder sie „gleichzuschalten“. Das betraf auch die Evangelische Kirche. Durch Erlaß des „Staatskommissars“ für Kirchenfragen (August Jäger) vom 25. Juni 1933 galten die kirchlichen, demokratisch gewählten Körperschaften wie die Gemeindekirchenräte als „aufgelöst“, wie das folgende Dokument auch für Hohenschönhausen zeigt:

Quelle: Evangelisches Gemeindeblatt vom 1. Juli 1933 für Hohenschönhausen; aufbewahrt im Stadtmuseum Lichtenberg

Pastor Dr. Kurth bestellte den Land- und Amtsgerichtsrat Dr. Bork und den Diplomingenieur Dierstein mit in die Leitung der Kirchgemeinde, bis die „Körperschaften neu gewählt“ sein würden. Sowohl mit Dr. Bork – mit dem besonders – als auch mit Herrn Dierstein hat Dr. Kurth schwerste Auseinandersetzungen geführt. Beide Herren setzten alles daran, Dr. Kurth „loszuwerden“, aber dazu kommen wir noch ausführlicher in einem späteren Beitrag.
Am 28. Juli 1933 werden die kirchlichen Körperschaften neu „gewählt“. Von freien Wahlen konnte allerdings überhaupt gar keine Rede sein, sogar Hitler selbst hatte noch am Vorabend der Wahlen über den Rundfunk zugunsten der „Deutschen Christen“ gesprochen. Entsprechend gingen diese „Wahlen“ aus: in Hohenschönhausen setzten sich die nationalsozialistisch gesinnten „Deutschen Christen“ zu 100% durch. Im evangelischen Gemeindeblatt heißt es lapidar: „Kampflos ist in unserem Ort die Kirchenwahl verlaufen. Bereits bei der vorigen Wahl hatte die Glaubensbewegung „Deutsche Christen“ die absolute Mehrheit erhalten…….“

Quelle: evangelisches Gemeindeblatt für Hohenschönhausen, 1. 7. 1933, Stadtmuseum Lichtenberg.
Für unsere Untersuchungen sind nun die Namen der „Gewählten“ interessant. Zwei Gremien waren zu bestimmen: der „Gemeindekirchenrat„, also der eigentliche, innere Kern der Gemeindeleitung und zusätzlich die „Gemeindeverordneten„, die eine breite „Absicherung“ der Kirchgemeinde in der Gesamtgesellschaft in Hohenschönhausen sicherstellten.
Zum engeren Leitungskreis um Pastor Dr. Kurth gehörten nun (allesamt „D.C.“)
1. Fritz Dierstein
2. Friedrich Hagen
3. Hannes Haak
4. Dr. Günther Bork
5. Fritz Koch
6. Emil Briesemeister
7. Johannes Moll
8. Heinrich Haehn
9. Hugo Trembinski
10. Johannes Leutke
11. Wilhelm Müller
12. Curt Papsdorf
Von den Gemeindevertretern will ich die Nr. 21 hervorheben: Richard Vahlberg. Das war der Ortsgruppenleiter der NSDAP in Hohenschönhausen. Vahlberg gehörte zu den „alten Kämpfern“ um Adolf Hitler. Er war schon 1931 „Sektionsleiter“ der NSDAP in Hohenschönhausen, wie das folgende Dokument nachweist: (Auszug aus der „Geschichte der NSDAP in Weißensee“. Aus der Festschrift zu 700 Jahre Weißensee im Jahre 1937, S. 97)

Nr. 25 unter den neu bestimmten „Gemeindevertretern“ findet sich Willi Hausen, war „Gemeindegruppenleiter der Deutschen Christen“, wie aus folgendem Dokument hervorgeht, auf das wir noch gesondert zu sprechen kommen: es handelt sich dabei um eine „Unterschriftenliste“, die Dr. Bork, ein Intimfeind von Pastor Dr. Kurth, im Jahre 1935 gegen den Pastor gesammelt hat, um seine Versetzung in den Ruhestand zu erzwingen. (Quelle: Kirchliches Zentralarchiv ELAB 14/5222)

Im nächsten Blog-Beitrag will ich etwas näher auf die „gesellschaftlichen Verhältnisse“ im Hohenschönhausen jener Jahre eingehen, weil sie für das Verständnis der vorliegenden Dokumente notwendig sind.

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