Über den Tag hinaus….


Im vergangenen Jahr gab es weltweit 60 Millionen Flüchtlinge. Das war der höchste Stand seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
In zweieinhalb Legislaturperioden, also in etwa 10 Jahren, werden es 250 Millionen sein. So sagt es das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, UNHCR.
Man weiß auch: einer der wichtigsten Treiber dieser Entwicklung ist der Wandel des Klimas.
Ein geringer Teil dieser gegenwärtig 60 Millionen erreicht Europa. Ein noch kleinerer Teil davon Deutschland. Und dennoch sind Reaktionen bereits jetzt enorm. Rechtsradikalismus macht sich breit, Gewalt nimmt zu. Der sächsische Polizeipräsident warnt öffentlich vor einer gefährlichen Pogromstimmung.
Gegenwärtig, also im Jahre 2016, schlagen nun einige vor, Menschen, die zu uns kommen, als „ultima ratio“ „mit dem Einsatz von Waffengewalt“ abzuwehren.
Erstens kann bei diesem Vorschlag von „ratio“ keine Rede sein und zweitens werden selbst diese Leute einsehen, dass man 250 Millionen Menschen nicht einfach erschießen kann.

Die Kanzlerin hat früh erkannt, dass die „Flüchtlingsfrage“ eine globale Frage ist, auf die Europa als Kontinent und politische Gemeinschaft eine Antwort entwickeln muss, weil Nationalstaaten dazu nicht mehr in der Lage sind.
Wir erleben jedoch gegenwärtig überall in Europa eine Zunahme nationalstaatlichen Denkens, was aber den „Problemen“, die da auf uns zu kommen, nicht angemessen ist.

Willy Brandt hat vor langen Jahren davon gesprochen, man müsse „mehr Demokratie wagen.“ Er hat die Republik damit zukunftsfähiger gemacht.
Mir scheint die Zeit gekommen zu sein, wo man sagen muss:
Wir müssen mehr internationale Kooperation wagen„.

Denn: wenn schon in zehn Jahren 250 Millionen Menschen auf der Flucht sein werden – nicht nur aus Gründen von Konflikten und Kriegen, sondern eben auch, weil sich das Klima so verändert, dass viele Menschen zu Hause „nichts mehr haben“, wie gerade jetzt in Äthiopien, wo die schlimmste Dürre seit 30 Jahren herrscht – dann wird man nur durch mehr internationale Kooperation zu angemessenen Lösungen kommen.

Die Kanzlerin hat die Dimension der Fragestellung verstanden, weshalb sie konsequent versucht, eine europäische Lösung zu finden.
Man wird ihr eines Tages noch sehr dankbar sein, dass sie so weitsichtig war und sich davon auch nicht abbringen läßt.
Dass alle diejenigen, die nun von „mehr Kontrollen“, „besser geschützten Grenzen“, gar vom „Einsatz von Schusswaffen“ reden, viel zu kurz springen, ist offensichtlich, wenn man die Trends ansieht, die ja bekannt sind. Sogar auf dem gerade erst zu Ende gegangenen Weltwirtschaftsforum in Davos hat man sich mit der Angelegenheit befasst, weil sie sich nicht „wegdiskutieren“ lässt.

Also: etwa 250 Millionen in den nächsten zehn bis 15 Jahren.
Nun sagt aber die Klimaforschung – der Weltklimagipfel in Paris hat das ja weltöffentlich gemacht – die eigentliche Herausforderung kommt erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts.
Denn: allein mehr als eine Milliarde Menschen lebt in Küstengebieten.
Die Zahl der Umweltflüchtlinge wird also weiter stark ansteigen.

Da helfen auch keine Zäune und keine Kontrollen. Und: man kann diese Menschen nicht einfach erschießen, wie die AfD vorschlägt und das auch noch „ultima ratio“ nennt.

Was ist zu erwarten und was bleibt zu tun?
Diese abzusehende Entwicklung kann zu mehr Nationalismus führen.
Das tritt dann ein, wenn die Hetzer gewinnen und die Menschen „ihr letztes Hab und Gut“ gegen andere „verteidigen“ wollen.
Das wäre der Zerfall Europas und das würde Kriegsgefahr bedeuten. Auch in Europa.

Diese abzusehende Entwicklung kann aber auch zu mehr Kooperation führen.
Denn eine“Krise“ ist immer auch eine Chance.
Die Krise kann „zum Tode“ führen, wie bei einer ernsten Erkrankung, sie kann aber auch zur Heilung führen, wie bei einer ernsten Erkrankung.

Leadership, also wirklich weitsichtige politische Führung, müsste die Chance zu mehr internationaler Kooperation zum Leitbild machen.
Und zwar sehr viel deutlicher als bislang.
Denn es genügt ja bei Weitem nicht, wenn Landes- und Bundes- und Europapolitik sich immer nur auf den status quo und die jeweils gerade im Kalender stehenden Wahltermine orientiert. Das wäre viel zu kurz gesprungen.
Zehn Jahre sind nicht lang.
Das sind nur zweieinhalb Legislaturperioden.
Jetzt sind es 60 Millionen Flüchtlinge weltweit, dann sind es 250 Millionen.
Und dreißig Jahre sind auch nicht lang. Gerade mal so eine Generation. dann kommt die eigentliche Herausforderung.

Ich weiß auch, Politik ist vor allem Tagesgeschäft. Es geht um das möglichst schnelle Lösen von aktuellen Konflikten.
Dennoch muss ein Denken über den Tag hinaus möglich sein.
Dummerweise lassen sich die Ursachen der abzusehenden Entwicklung – also der Klimawandel beispielsweise – nicht „einfach abstellen“. Und zwar deshalb nicht, weil das Klima langsam reagiert.
Deshalb muss gegenwärtig beides gelingen:
Die Versorgung der Flüchtlinge aktuell. Und zwar europäisch und wesentlich kooperativer als bislang. Darin ist die Kanzlerin unbedingt zu unterstützen.
Gleichzeitig jedoch muss mit starker Energie die internationale Kooperation in Sachen Klimavorsorge und Flüchtlingsfürsorge vorangetrieben werden. Denn im Klimawandel liegt eine der Hauptursachen für die abzusehende Entwicklung.

Ich weiß nicht, ob es gelingt, diese große Herausforderung zu bewältigen.
Falls es nicht gelingt, wird es Krieg geben. Auch in Europa.
Es gibt aber Hinweise dafür, dass es gelingen kann. Weil die Zahl der Menschen wächst, die bereit sind, über den Tag hinaus zu denken.  Das hat man beim Weltklimagipfel in Paris sehen können.
Wir müssen mehr Kooperation wagen, denn die Zahl der Menschen, die gegen Kooperation und für mehr nationalstaatliche Lösungen argumentieren, wächst leider gegenwärtig auch in ganz Europa.

Aber dieses Wagnis zu mehr Kooperation müssen wir eingehen.
Nicht allein der Flüchtlinge wegen, sondern auch um unser selbst willen.

 

 

Kein Offener Brief an Frau Wagenknecht und Herrn Seehofer


Liebe Frau Wagenknecht, lieber Herr Seehofer, meine alten Ohren mussten in den zurückliegenden Tagen öfter aus Ihrem gewählten Munde die Rede vom “Gastrecht” vernehmen. Und meine alten Augen mussten davon lesen.
Sie führten unter anderem aus, dass dieses Gastrecht den Deutschen gehöre und vor allem, dass dieses Gastrecht mißbraucht werden könne.
Weshalb Sie die Ansicht vertreten, dass Menschen, die “unser Gastrecht missbrauchen” möglichst schnell woandershin weitergeschoben werden sollten.
Ich will Sie deshalb etwas fragen:
Als Sie liebe Frau Wagenknecht und Sie lieber Herr Seehofer, auf diese schöne Welt kamen, da war diese schöne Welt doch schon da, oder irre ich mich?
Hm.
Und eines fernen Tages – der Herr schenke Ihnen einen langes und arbeitsreiches Leben – werden Sie diese schöne Welt in einer Kiste (vermutlich) wieder verlassen und weiter ziehen.
Sie beiden sind also, wie wir alle, Durchreisende in einer Welt, die uns nicht gehört.
Haben wir darin Übereinstimmung?
Nun. Dann meine einfache Frage:
Wenn uns diese Erde nicht gehört, sondern wir Menschen alle nur Durchreisende sind, wie alle unsere Vorfahren und Nachkommen, wie kommen Sie dann auf die Idee, ein Teil dieser Erde – sagen wir Bayern -, gehöre nur den Deutschen?
Und die Deutschen hätten ein “Gastrecht” zu vergeben?
Also: schlafen Sie doch noch mal eine Nacht über Ihrer Rede vom Gastrecht und dann packen Sie mal etwas von dem Überfluss aus, der in unseren Schränken und Häusern und auf unseren Konten anzufinden ist und zeigen Sie sich mal von der menschlichen Seite.
Wir geben unserem Kumpel und seiner Frau, die da auf der Durchreise sind, schlicht etwas ab von dem, was wir zu viel haben.
Schließlich können wir sie ja verstehen.
Denn wir sind ja selber nur auf der Durchreise.
Mit freundlichen Grüßen Ulrich Kasparick Dorfpastor

 

Selbstverbrennung. Etwas zur Lage der Menschheit.


Die CO2-Emissionen der Weltwirtschaft (!) müssen bis 2050 auf Null.
Das ist die gewaltige Herausforderung.

Die Wahrscheinlichkeit, dass das gelingt, liegt bei etwa 9%.
So ist die gegenwärtige Lage.

„Verzweiflung. So müsste eigentlich mein persönliches Fazit lauten, wenn ich die Einsichten über den Klimawandel und die Aussichten für den Klimaschutz nach 25 Jahren intensiver Auseinandersetzung mit der Thematik in einem Wort zusammenfassen sollte. Die wissenschaftliche Beweislage, dass unsere Zivilisation dem Feuer immer näher rückt, ist erdrückend, aber gleichzeitig scheinen alle, die das Steuer noch herumreißen könnten, entschlossen, den Selbstmordkurs zu halten“ (S. 642)

Das sagt einer der weltweit bekanntesten Klimaforscher. Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderungen der Bundesregierung; Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, Professor Hans-Joachim Schellnhuber nach 25 Jahren intensiver Forschungsarbeit in seinem umfassenden Werk „Selbstverbrennung. Die fatale Dreicecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff“, C. Bertelsmann, 2015.

Ich hab ihn Anfang der neunziger Jahre kennengelernt, als ich ihn besuchte am Telegrafenberg in Potsdam. Ich war als junger Abgeordneter unterwegs, weil ich alle Forschungseinrichtungen persönlich aufsuchen wollte, die sich in den „Neuen“ Bundesländern und in Berlin befinden.

Die Klimafolgenforschung ist eine junge naturwissenschaftliche Disziplin, die den ehrgeizigen Versuch unternimmt, die Erde als System zu begreifen. Weshalb man nicht nur mit Mathematikern und Physikern, mit Biologen und Klimaforschern, sondern auch mit Entwicklern von hochkomplexen Computermodellen, Historikern, Demografen und anderen Disziplinen zusammenarbeiten muss. Man braucht, um die Erde als System begreifen zu können, die anspruchsvollsten Groß-Rechner, die die Wissenschaft aufzubieten hat. Das ist nichts mehr für die Wettervorhersage. Hier geht’s ums Ganze: ums Klima.
Und um die Folgen, die die Veränderung des Klimas für die Gattung Mensch hat.
Dabei sind ein paar Grenzen zu beachten.
Da sich das Klima rasend schnell verändert, dem Menschen also faktisch kaum Zeit bleibt, sich anzupassen, ist die Erhöhung der Durchschnittstemperatur unserer Atmosphäre um 8 Grad tödlich. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie gar auf 12 Grad steigt.

Weshalb sehr viel davon abhängt, ob Ende des Monats November und Anfang Dezember diesen Jahres in Paris gelingt, was wichtig wäre: das „2-Grad-Ziel“ zu bekräftigen und zu verbindlichen Absprachen der Völker untereinander darüber zu kommen, mit welchen Instrumenten, welchen Finanzierungen und welchen politischen Ansätzen diese „Dekarbonisierung der Weltwirtschaft“ unter Hochdruck umgesetzt werden soll.
An diesem „2-Grad-Ziel“ ist nicht wichtig, ob es nun 2,3 oder 2,5 Grad werden, sondern wichtig ist, dass diese „Brandmauer“ errichtet wird.

Schellnhuber ist Realist. Er weiß, wie solche internationalen Treffen abzulaufen pflegen, hat er doch an zahlreichen davon teilgenommen. Weshalb seine Erwartungen nicht sonderlich hoch sind.
Er rechnet deshalb am Ende seines überaus faszinierenden und exzellent geschriebenen Lebens-Werkes aus, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass Politik, Wirtschaft und Gesellschaft die richtigen Konsequenzen aus dem zieht, was die weltweite Klimawissenschaft mit immer präziseren Modellen und Studien seit etlichen Jahren vorträgt.
9 Prozent Wahrscheinlichkeit.

Aber: hochkomplexe Systeme sind nicht eindeutig vorhersehbar – das wird im 778 Seiten starken Werk immer wieder durchexerziert – weshalb die begründbare Hoffnung besteht, dass aus jenen 9% eine weltweite Bürgerbewegung erwächst, die Politik und Wirtschaft zum Umsteuern zwingt. Und die weltweite Bürgerbewegung beginnt – an den Universitäten. Sie nennt sich „Deinvest„, wird unterstützt von 350.org und unter anderem dem britischen „Guardian“.
Worum geht es? „Folge der Spur des Geldes“ – also zieht die Investitionen in Industrien ab, die CO2 emittieren. Nehmt ihnen das Geld weg.
Mit einer solchen De-Invest-Bewegung begann der Niedergang des südafrikanischen Apartheid-Systems. Auch damals begann es an den Universitäten. Auch dieses Beispiel ist umfänglich im Buch dargestellt und diskutiert.

Man kann ein knapp 800 Seiten starkes Buch – allein das kleingedruckte Literaturverzeichnis sind etwa 50 Seiten! – nicht in einem blog angemessen konnotieren.

Aber man kann auf dieses enorme Buch aufmerksam machen.
Wer wissen will, wie der Zustand unserer Welt angesichts der fundamentalsten Herausforderung, vor der die Menschheit je gestanden hat (der amerikanische Präsident spricht von einer „big challenge“), gegenwärtig ist – der möge es lesen.
Hans-Joachim Schellnhuber: „Selbstverbrennung. Die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff“; C. Bertelsmann 2015.

Für meine Person kann ich sagen, ich habe seit „Die Grenzen des Wachstums“ (1972) und Gorbatschows „Perestroika“ (1986) kein aufregenderes und spannenderes Buch gelesen. Denn: hier geht’s ums Ganze.

 

 

Selbstverbrennung. Eine Ankündigung


Was einer der weltweit einflussreichsten Klimaforscher pünktlich zum Welt-Klima-Gipfel in Paris in seinem neuesten Buch zu sagen hat, muss man kennen, wenn man sich mit der vermutlich wichtigsten Frage der Gegenwart seriös befassen will.
„Selbstverbrennung“ heißt das nun angekündigte Buch von Prof. Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.
Schellnhuber hat die Kanzlerin beraten und die britische Regierung, er hat die Enzyklika von Papst Franziskus voran getrieben und dieser nüchterne Naturwissenschaftler greift nun zu drastischen Worten: „Selbstverbrennung“.
So beschreibt er die gegenwärtige Situation.
Selbst, wenn es gelingen sollte – aber derzeit sieht es überhaupt nicht danach aus – die „2 Grad“ zu halten – selbst dann würde der Meeresspiegel um 6 Meter ansteigen. Das ist die nüchterne Auskunft.
Doch statt auf dem Pfad zu „2 Grad“ befinden wir uns gegenwärtig eher auf einem Pfad, der „3-4 Grad“ erwarten lässt.
Damit sind Konflikte, Flüchtlingsströme und extrem hohe Folge-Kosten vorprogrammiert.
Wenn die Menschheit nicht umsteuert.

Wenn ein Naturwissenschaftler energisch wird, auch energisch in der Wortwahl, dann tut er das nicht ohne Grund.
Denn dann ist derlei energisches Reden not-wendig.

Am 2. November wird dieses wichtige Buch bei C. Bertelsmann erscheinen.
Man kann es jetzt schon bestellen.
Hans-Joachim Schellnhuber. „Selbstverbrennung“.

Was habt ihr vor? Wollt ihr sie in die Wüste schicken? Europa und die Flüchtlinge


Es ist eine kleine Meldung von n-tv, die mir da auf den Tisch flattert.  Von der „Westbalkan-Konferenz“ wird berichtet: „Merkel will Dublin-System abschaffen“. Das klingt zunächst richtig. Ich lese weiter: „Diskutiert wird dabei auch ein Vorschlag, der ursprünglich aus Österreich stammt und von der EU-Kommission aufgegriffen wurde: Demnach sollen im afrikanischen Staat Niger „Resettlement“-Möglichkeiten geschaffen werden. Menschen, die in Europa kein Asyl bekommen aber auch nicht ohne weiteres in ihre Herkunftsstaaten abgeschoben werden können, sollen dort angesiedelt werden. „Wir unterstützen das“, kommentierte die Kanzlerin den EU-Vorschlag. Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini betonte, bei diesem Projekt arbeite man mit den UN-Flüchtlingswerk (UNHCR) und der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zusammen.“

Was ist los? Ihr wollt sie in die Wüste schicken?
Ich fange mit der Recherche an.
Was ist Niger für ein Land? „Existenzbedrohend für den größten Teil der nigrischen Bevölkerung sind regelmäßig wiederkehrende Dürren und Hungersnöte.“ schreibt Wikipedia. Also ein Land, das stark vom Klimawandel betroffen ist. Die Flucht vieler Menschen aus diesem Land ist also vorprogrammiert. Und dort will man in Europa abgelehnte Flüchtlinge ansiedeln?
Ja genau dort, wollen UN und EU nun „Resettlement“ machen. Die UN teilt auch mit, wie das gehen soll.
Ich will das nicht glauben und bitte per facebook um Recherche-Hilfe. Das will ich genauer wissen. Wir stoßen auf einen Text aus der WELT. „Wartesaal vor der Wüste“ vom August 2015.
Man (Europa) plant also derlei „Pilotprojekte“ in Niger und in Mali. Später vielleicht in anderen Ländern.
Das Ziel: man will die Zahl der Menschen, die nach Europa wollen, reduzieren.
Mit diesen Mitteln?
Das ist geradezu abenteuerlich. Denn man kann wissen, dass der Klimawandel, insbesondere in Äquatorial-Afrika, aber auch in anderen Gegenden der Welt zu einem massiven Anstieg der Flüchtlingszahlen führen wird.
Aber die EU „unterstützt“ das Vorhaben.
Mit Geld, versteht sich. Ein paar dreißig Millionen Euro will man sich die Sache im Niger kosten lassen. Portokasse also. Peanuts. Was für Lager sollen das werden?
Nein, ich kann und will nicht glauben, dass die reiche Welt sich mit derlei „Vorschlägen“ aus ihrer Verantwortung freikaufen will.

Bislang sind es nur recht dürre Informationen, die über das Vorhaben an die Öffentlichkeit kommen.
Noch weiß ich nicht, wie Pro Asyl. Brot für die Welt, Caritas und andre dieses Vorhaben beurteilen. Weitere Recherche ist nötig, um sich ein Bild zu machen, von dem was Europa da vorhat. Vielleicht können sich via Internet auch andere an dieser Recherche über „Resettlement in Niger und Mali“ beteiligen.

Aber in mir sträubt sich jetzt schon alles, wenn ich lesen muss, um was es ja im Kern wohl geht: „Schickt sie in die Wüste!“….

Vom Ende unseres Wirtschaftssystems. Zum Stand der Debatte


„Post-Wachstumsgesellschaft“ heißt das Stichwort der weltweiten Diskussion um zukunftsfähige Wirtschaftsformen.
Das alte Modell hat ausgedient. Da sind sich die Diskutanten weitgehend einig.
Es hat aus verschiedenen Gründen ausgedient:
1. Die Ressourcen sind erschöpft
2. die „Senken“ sind gefüllt und können nicht noch mehr „Abfall“ unserer Lebens- und Produktionsweise aufnehmen
3. der Klimawandel ist in den Augen vieler, die sich an der Debatte beteiligen „the last challenge“.

Was einmal als „Fortschritt“ daher kam, erweist sich nun als „Stolperstein“.
Die wichtige Frage lautet: ist eine Weltgesellschaft vorstellbar, die eine Ökonomie „ohne Wachstum“ zur Grundlage hat?
Darüber ist – etwa seit der Jahrtausendwende – eine der wichtigsten und interessantesten weltweiten Diskussionen entbrannt.
Klar ist: einfach so weitergehen kann es nicht. Das würde die Erde nicht aushalten.
Die Frage ist also: was denn dann? Gibt es Alternativen? Gibt es ein Entrinnen aus der Sackgasse? Gibt es Ansätze, die Hoffnung machen?
Die Universität Jena hat nun mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ein Kolleg „Postwachstumsgesellschaften“ eingerichtet, das sich mit eben diesen, nicht einfach zu beantwortenden Fragen auseinandersetzt.
Bei diesem international besetzten Kolleg kann man sich online registrieren und so an der Diskussion teilnehmen.
Dankenswerter Weise haben die Jenaer Professoren eine „kommentierte Literaturliste“ erarbeitet, die es ermöglicht, sich zügig in die gängigen Argumente der überaus spannenden Debatte einzuarbeiten. Man kann das paper in etwa einer Stunde aufmerksam zur Kenntnis nehmen und ist damit in etwa auf dem aktuellen Stand der Debatte.
Wer nicht nur diverse Zeitungsmeinungen ungeprüft weitergeben, sondern sich qualifiziert an der Diskussion beteiligen will, dem sei deshalb dieses Kolleg empfohlen.

Angst essen Seele auf. Etwas aus der reichen Welt.


Die ErdeDie Debatte um Flüchtlinge in Deutschland ist erbärmlich. Weil sie provinziell ist.
Die reichsten Bundesländer – Bayern beispielsweise – tun sich dadurch hervor, dass sie Szenarien an die imaginäre Wand malen, die frei erfunden sind. Herr Scheuer (CSU) glaubt zu wissen, dass da nun „Millionen vor unseren Toren“ stehen. Der Zweck seiner Rede: „Die sollen hier ja nicht herkommen und uns unseren Wohlstand aufessen“.
Hier zeigt sich der Egoismus der reichen Welt in seiner ganzen Brutalität.
Angst regiert die Politik. Angst, der Gartenzwerg im Vorgarten könnte Schaden nehmen, wenn Menschen in Not geholfen wird.
Schaut man auf die Welt – und nichts anderes ist sinnvoll, wenn man zu angemessenen Antworten kommen will – sieht die Situation so aus, dass „über 86 % der Flüchtlinge in sogenannte Entwicklungsländer fliehen“. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) weist immer wieder darauf hin. ARTE hat nun dankenswerter Weise diese Daten noch einmal zusammengetragen, verbunden mit Berichten aus den großen Flüchtlingslagern dieser Welt.
„Wer nimmt Flüchtlinge auf? Noch vor dem Iran und dem Libanon liegt Pakistan mit 1,6 Millionen hauptsächlich afghanischen Flüchtlingen als Gastland an der Spitze; dies gilt auch bezüglich der Wirtschaftsleistung: Auf jeden Dollar BIP pro Einwohner kommen 512 Flüchtlinge, gefolgt von Äthiopien mit 336 und Kenia mit 295 Flüchtlingen. Im Verhältnis zur Bevölkerungszahl liegt allerdings der Libanon an der Spitze: Jeder vierte Einwohner ist dort derzeit ein Flüchtling. Mehrheitlich sind dies Palästinenser, die schon seit 1948 in libanesischen Camps untergebracht sind und Syrer, die seit Ausbruch des Bürgerkriegs 2011 ins Land gekommen sind. Ein trauriger Rekord, seit Somalia vor drei Jahrzehnten 1980 zwei Millionen äthiopische Flüchtlinge aufgenommen hat. Auf 1000 Einwohner kamen seinerzeit 328 Flüchtlinge. Bei den Kontinenten liegt Asien mit 3,5 Millionen Flüchtlingen noch vor dem Mittleren Osten (2,6 Millionen), Europa (1,8 Millionen) und Amerika (800 000). Ferner ist anzumerken, dass 86% aller Flüchtlinge in sogenannte Entwicklungsländer geflohen sind – dies ist der höchste Prozentsatz seit 22 Jahren.“

Auf welcher Grundlage also wird in Deutschland davon geredet, das Land sei „überfordert“?
Auf Grund der „Kassenlage“. Es geht nicht um Barmherzigkeit, es geht um Geld.
Es ist sehr wichtig, dass wir uns das klar vor Augen halten. Weil wir daran sehen können, was unsere eigentlichen Maßstäbe sind.
Man führt uns „Zeltlager“ in den Städten vor, man schreibt, die Kommunen seien „überfordert“, man addiert diverse Missstände – all das mit einem Ziel: Flüchtlinge abzuschieben. Die gegenwärtig geltende europäische Regelung, wonach ein Asylverfahren von dem Land der „Einreise“ in die Europäische Union geregelt werden muss, erschwert die Lage. Denn nicht selten werden Menschen in Not „weitergereicht“, obwohl sie schon begonnen haben, in ihrem Ankunftsort ein wenig einzuwurzeln. Die ARD hat das in einer sehr guten Dokumentation gestern (21.7.2015) ausführlich dargestellt.
Deutschland hat zudem kein modernes Zuwanderungsrecht. Burkhard Jung (Oberbürgermeister von Leipzig) und andere weisen zutreffend darauf hin.

Angesichts der tatsächlichen Verhältnisse ist die Flüchtlings- und Asylpolitik der Europäischen Union ein einziges Desaster. Je reicher ein Land, je mehr wehrt es sich gegen die Aufnahme von Menschen in Not.
Es ist de Angst, man könne durch die Aufnahme von Menschen ein winziges Teilchen seines „Wohlstandes“ verlieren. Was für ein Irrsinn.
Menschen, die glauben, ihr materieller Wohlstand – ihr Haus, ihr Auto, ihr Boot, ihr Vorgärtchen, ihre Lebensversicherung – würden sie „reich“ machen, sind sehr arm.
Weil sie die Angst regiert.
Reich ist, wer teilt.
Deshalb zeigt die Debatte um die Aufnahme von Menschen in Not vor allem eines: wir sind erbärmlich.

Ok. Reden wir vom Geld


5021 Milliarden € hatten die Deutschen im Jahr 2013 auf ihren Sparkonten. Das ist etwa das Zwanzigfache (!) des Jahres 1970.
Schellnhuber Das ist ne Menge. Eine große Menge. Etwa so groß wie die gesamte Wirtschaftsleistung der Europäischen Union!
Die Frage ist, was die Banken, denen wir unser Geld anvertrauen, die also das Giro- und vielleicht auch ein kleines Sparkonto betreuen, damit machen.
Ich will gar nicht wissen, bei welcher Bank Sie Ihr Konto haben, aber vielleicht wollen Sie ja wissen, was Ihre Bank mit Ihrem Geld so macht? Haben Sie Ihre Bank schon mal danach gefragt? Online-Auskünfte sind ja meist dürftig. Von Ausnahmen einmal abgesehen.
Also: Erster Schritt: ich frage meine Bank, was sie mit meinem Geld eigentlich so tut. In welche Fonds oder Aktien oder Branchen sie investiert. Es mag sein, dass der Kollege am Bankschalter ein wenig irritiert ist über diese Frage, aber das macht ja nichts.

Und dann kann ich mich entscheiden, ob ich das „so lassen“, oder ob ich „das ändern“ will.
Es gibt eine weltweite Kampagne von überwiegend jungen Leuten, die den Hebel für verantwortliches Investment genau an dieser Stelle ansetzt. Unter dem Titel „De-invest“ fordert sie dazu auf, das eigene Geld aus solchen Branchen abzuziehen, die klimaschädliche Investitionen tätigen.

5021 Milliarden € privates Geldvermögen. Nur in Deutschland. Immobilien und anderes sind da noch nicht mitgerechnet.
Darum geht es.

Das Spendenaufkommen in Deutschland betrug im Jahr 2014 knapp 5 Milliarden €, also nur ein Bruchteil der Summe, über die eigentlich zu sprechen wäre.
Es ist erfreulich, dass die Deutschen so viel spenden. Gewiss.
Aber der Hebel, den sie eigentlich in ihren Händen halten, ist größer. Etwa tausendfach größer: 5021 Milliarden.

Schritt 2 ist also: ich kann mir überlegen, ob ich die Bank wechsle und mein Geld einer solchen Bank anvertraue, die nicht an klimaschädlichen Investitionen beteiligt ist. Ich kann entscheiden, ob ich mein Geld aus klimaschädlichen Investitionen abziehe, so, wie es die Kampagne „Deinvest“ tut.
Zu Recht werden in diversen Kampagnen und Zeitungsartikeln, Fernseh- und Radiosendungen klimaschädliche Investitionen kritisiert. Das ist auch einfach. Man muss ja dabei selber nichts tun.
Die Frage allerdings, was ich mit meinen Spargroschen anfange, die muss ich schon selber beantworten. Da wird die Sache konkret.
5021 Milliarden €. Darum geht es.

Egal, wie Sie sich entscheiden. Sie treffen in jedem Fall eine Entscheidung.
Entweder Sie investieren Ihr Geld in die Zerstörung des Planeten, oder in seine Erhaltung.
Sie haben die Wahl.

Angemerkt sei:
natürlich hat auch jede Kirchgemeinde, jede Kommune, jeder Landkreis, jede Universität, jedes Unternehmen, jeder Verein und jede Stiftung die Wahl, wo die Spargroschen anlegt werden. Und wenn die Abgeordneten oder anderen Aufsichtsgremien in einem Kommunalparlament oder in einem Kreistag oder anderswo entscheiden, wie es angelegt werden soll, dann übernehmen auch sie damit Verantwortung.

 

black out. Etwas vom Versagen


Havanna Februar 2015 Hafenstraße Malecon. Windstärke 3 an einem normalen Tag
Havanna Februar 2015 Hafenstraße Malcon. Windstärke 3 an einem normalen Tag

Unsere gegenwärtigen politischen Systeme sind offensichtlich nicht in der Lage, dieses im Bild sichtbare Problem angemessen zu lösen: Klimawandel. Die wohl größte Herausforderung unseres Jahrhunderts.

Was man hier sehen kann, ist ein „normaler Tag“. Die Prognose beim kompletten Abschmelzen des Grönlandeises sieht einen Anstieg des Meeresspiegels um etwa 6 Meter. Einige Szenarien rechnen gar mit 8 Metern. Noch in diesem Jahrhundert, von dem schon 15 Jahre vergangen sind. Havanna wird im Wasser stehen.
Dieses Bild steht für viel: denn etwa ein Drittel der Menschheit lebt in Hafenstädten in einem Küstenstreifen von ca. 50 Kilometern.
Es besteht dringender Handlungsbedarf. Aber die Klimaverhandlungen kommen nicht voran. Das 2-Grad-Ziel ist ganz offensichtlich nicht mehr zu erreichen. Weil der CO-2-Kreislauf ein träger Kreislauf ist. Selbst wenn man alle Emissionen sofort auf Null stellen würde, würden die Emissionen weiter steigen.
Klaus Töpfer, mit dem ich in Tokyo darüber sprechen konnte, rechnet mit etwa 500 Millionen Umweltflüchtlingen (gegenwärtig hat die Welt etwa 51 Millionen). Deshalb zwingt der Klimawandel zu einer vernünftigen Flüchtlingspolitik. Doch davon ist weltweit nichts zu erkennen. Der Trend heißt: Abschottung. Doch das wird keine Lösung sein.
Wir beobachten weltweit eine Zunahme von Konflikten. Große Länder wie China stecken ein Vielfaches ihrer Umwelt-Ausgaben in Aufrüstung. Auch in Deutschland spricht man über mehr Geld fürs Militär.
Das wird jedoch herzlich wenig helfen, die notwendigen Anpassungen der Infrastruktur nicht nur in den Hafenstädten zu finanzieren…..
Erheblich betroffen ist die Landwirtschaft. Wassermangel auf dem Festland. Wassermangel auf den Inseln. Denn das steigende Salzwasser dringt in die Grundwässer ein und versalzt sie. Dürren verhindern eine Bewässerung der Felder auf dem Festland. Landwirtschaft ist das zentrale Thema für etwa die Hälfte der Weltbevölkerung. Die andere Hälfte lebt bereits in den Mega-Städten dieser Welt.
Ist die Entwicklungszusammenarbeit auf den Klimawandel vorbereitet? Offensichtlich nicht. Wenn, dann nur in ersten Ansätzen. Beispiel: die Gelder, die Mosambique für Entwicklungshilfe erhält, benötigt das Land, um steigende Spritpreise zu finanzieren…..Und ein paar Solaranlagen in ein paar abgelegenen Dörfern werden das Problem auch nicht wirklich lösen – wenn es am Wasser mangelt.
Was wir sehen können: die enorme Herausforderung Klimawandel zeigt ein komplettes Versagen der bestehenden politischen Systeme. Die langsamen Verfahren, denen Politik unterworfen ist; das enge nationalstaatliche Denken – all das verhindert eine sinnvolle und effektive internationale Kooperation, die dringend erforderlich wäre. Weil die Auswirkungen dieser größten Herausforderung unseres Jahrhunderts so hoch komplex sind, dass sie nur in internationaler Arbeitsteilung zu lösen sind. Nationalstaaten allein können das nicht mehr schaffen. Auch die reichsten Länder der Welt können das nicht mehr alleine. Aber von wirklicher, zielgerichteter Kooperation ist weit uns breit nichts oder nur sehr wenig zu entdecken. Was man finden kann zu Hauf: nationalstaatliche Eigeninteressen.
Statt mehr Kooperation erleben wir gegenwärtig mehr Abgrenzung. Exemplarisch zu studieren am Verhältnis Europas zu Russland. Wir erleben also das glatte Gegenteil dessen, was eigentlich erforderlich wäre. Sir Nicolas Stern hat schon vor Jahren eine Zahl genannt: nötig wären Klimaschutz-Investitionen von etwa 5% des BIP.
Wir sind meilenweit davon entfernt.

Gleichzeitig erleben wir, dass neue Handelsabkommen geschlossen werden sollen, die vor allem ein Ziel haben: noch mehr wirtschaftliches Wachstum. Stichworte sind TTIP und andere.
Das bedeutet: noch mehr Emissionen. Denn: eine Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Emissionen ist bislang nicht gelungen. Der zu erwartende Trend heißt also:
noch schneller steigende und noch mehr Emissionen.
Ökologen sagen uns: wir haben es bei den Zerstörungen mit einem exponentiellen Wachstum zu tun. All das ist seit vielen Jahren bekannt, es ist „nichts neues“ (als ob das ein Kriterium wäre!).
Neu ist die Nachricht vom vergangenen Jahr: das Schmelzen des Eises auf der Südhalbkugel ist offenbar unumkehrbar. Da ist ein weiterer Kipp-Punkt erreicht worden.

Deshalb ist für mich die alles entscheidende, zentrale Frage, um die sich aber alle Parlamente und Regierungen herumdrücken: Wie viel ist genug?

Jede Politik, die auf „mehr Wachstum“ setzt, ist eine zerstörerische, antiquierte Politik und den eigentlichen Herausforderungen unseres Jahrhunderts nicht gewachsen.
Viele Menschen sehen diese Entwicklungen mit großer Sorge. Viele fühlen sich ohnmächtig angesichts der hohen Komplexität der beschriebenen Herausforderung. Viele haben resigniert, weil trotz jahrelanger Klimadiplomatie, trotz Demonstrationen und trotz so mancher sinnvoller Gesetzgebung die Emissionen dennoch weiter stark ansteigen und sich das zerstörerische Rad immer schneller dreht. Ich kann solche Reaktionen verstehen.

Weltweit sind glücklicherweise auch andere Entwicklungen zu beobachten: da finden sich Menschen, die sich vom immerwährenden wirtschaftlichen Wachstum verabschieden. Sie leben in Genossenschaften, entwickeln behutsame Tourismuskonzepte, arbeiten an Modellen von besserer wirtschaftlicher Gerechtigkeit, sorgen für mehr fairen Handel, investieren klug. Zaghafte, winzige, erste Ansätze einer dringend notwendigen neuen Ökonomie. Das Internet gibt die Möglichkeit, sich schnell miteinander zu verbinden. Das ist eine Chance. Immerhin.

Allerdings ist wohl eines abzusehen: die bestehenden politischen Systeme, die von Egoismen, Einzelinteressen und „Denken bis zum eigenen Tellerrand“ geprägt sind, werden weiter an Bedeutung verlieren – wenn sie sich nicht dazu aufraffen, die wirklich großen politischen Themen zu fokussieren und gezielt und in internationaler Kooperation anzugehen.
Ich weiß nicht, wozu diese zu beobachtende Entwicklung führen wird.
Ich gestehe aber: meine Skepsis nimmt zu, je älter ich werde. Gerade weil ich das politische Geschäft von innen kenne. Stephe Hawkins hat kürzlich gemeint: wenn es den Menschen nicht gelingt, ihre Aggression (die sich ja auch im immerwährenden wirtschaftlichen Wachstum zeigt!) in den Griff zu bekommen und lebenserhaltend einzusetzen, dann sieht er wenig Chancen für eine gute Entwicklung.

Bedrückend ist dabei vor allem: diejenigen, die für den Klimawandel am wenigsten können, werden am stärksten seine Folgen spüren.
Manchmal stelle ich mir vor, dass die Generation der kommenden Enkel uns eines Tages fragen wird: ihr habt das alles gewusst. Was habt ihr unternommen?
Und dann werden da Tage sein, da wird man noch lauter als jetzt schon einen Internationalen Umwelt-Straf-Gerichtshof fordern, vielleicht ja auch in Den Haag, um diejenigen zur Verantwortung zu ziehen, die dafür Verantwortung trugen. Bei genauem Hinsehen wird sich dann aber schnell zeigen: das sind wir alle mit unseren Erwartungen, unseren Zielen, unserem Alltagsverhalten.
Das, was sich abzeichnet, ist ein black out. Ein komplettes Versagen.
Ich weiß, dass diese Zeilen hier „in den Wind geschrieben“ sind.
Das macht aber nichts. Sie mussten geschrieben werden.

Hybris. Oder: etwas vom Brot.


Man muss innehalten in diesen Tagen. Sonst geraten die wichtigen Sachverhalte aus dem Blick.
Nach dem Terror-Anschlag von Paris wird in Europa zwar kräftig und auch ausführlich über die Frage „Was darf Satire?“ diskutiert, jedoch nicht über die viel wesentlichere Frage: „Was sind eigentlich Ursachen für Terror?“
Auch nach dem Attentat vom 11. September 2001 hat man diese wichtigere Frage nicht hinreichend erörtert. Und das hatte schlimme Folgen: einen Krieg zum Beispiel. Man kann aber die Ursachen von Gewalt nicht mit einem Krieg bekämpfen.
Deshalb will ich heute eine von der University of Notre Dame erarbeitete neue Grafik über die Folgen des Klimawandels besprechen.
Aus ihr geht hervor, dass der Klimawandel – der längst stattfindet – vor allem Länder in Afrika und Asien betrifft. Das ist zwar nicht neu, aber ausdifferenzierter als früher. Auffallend ist: etliche dieser besonders stark betroffenen Länder sind eben auch „Quellorte“ für Terroristen.
Was ist der Zusammenhang? Terrorismus rekrutiert sich auch aus Ungerechtigkeit und Armut. Armut ist unter anderem eine Folge des Klimawandels, der wiederum eine seiner Ursachen in den Wirtschaftsbedingungen des reichen Nordens der Erde hat.
Kurz: der Lebensstil des Nordens führt zur Armut im Süden. (Man kann sich unter diesem Aspekt ja mal die Wirkungen des Hochfrequenzhandels an den Börsen betrachten)
Papst Franziskus hat die Folgen des Kapitalismus kurz und prägnant zusammengefasst:
„Dieses Wirtschaftssystem tötet.“
Schon Willy Brandt hat gesehen, dass der Lebensstil des Nordens zur Armut im Süden führt, als er sich für einen stärkeren Nord-Süd- und Süd-Süd-Dialog eingesetzt hat in den siebziger Jahren, dennoch muss es wiederholt werden, weil es im Bewusstsein des Nordens überhaupt noch nicht angekommen und politikwirksam geworden ist. Eher im Gegenteil. Das Thema wird verdrängt. Man redet lieber über „Was darf Satire?“
Schaut man sich die Wirtschaftsgeschichte der maßgeblichen Industriestaaten an, findet man schnell, dass sie ihren Reichtum schon früher aus dem Süden bezogen haben: während der Kolonialzeit.
Jean Ziegler weist in seinem Buch „Der Hass auf den Westen“ deshalb völlig zu Recht darauf hin, dass man durchaus verstehen kann, wenn die Länder des Südens, die von Kolonialismus und Klimawandel besonders betroffen waren und sind, allmählich zornig werden.
Wenn man sich daraufhin nun nocheinmal die oben eingefügte Grafik über die Folgen des Klimawandels anschaut; wenn man dabei zusätzlich bedenkt, dass
1. demnächst etwa 10 Milliarden Menschen die Erde bewohnen werden und
2. über ein Drittel des Menschheit in einem nur etwa 50 km breiten Streifen an den Küsten der Kontinente lebt (vor allem in sogenannten Mega-Citys, die jetzt schon über die Hälfte der Weltbevölkerung beherbergen)
3. die ärmeren Länder besonders unter dem Klimawandel zu leiden haben werden
4. die reicheren Länder vor allem mit Abschottung reagieren (Stichwort: FRONTEX)
dann kann man ermessen, was für ein mächtiges Gewaltpotenzial sich da aufbaut.

Wenn ich mir unter diesem Aspekt die – vor allem in Europa geführte – Debatte über Satire und „freie Meinungsäußerung“ nach dem Anschlag von Paris anschaue, dann finde ich vor allem eins: Hybris.

Denn: scharf formuliert und zugespitzt lautet der Konflikt:
Ein Armer kommt zum Reichen und sagt: „Gib mir Brot, meine Familie verhungert!“
Der schaut den Armen an und antwortet:
„Brot bekommst du nicht. Aber deine Religion taugt nichts. Und ich darf das sagen.“

Wir werden von diesem hohen Ross wohl absteigen müssen.
Wir werden wohl vor allem über die Ursachen der Gewalt sprechen müssen.
Aus einem einfachen Grund.
Wenn wir das wieder nicht tun, dann wird die Gewalt zunehmen.