Geschichten von der Oder. Clip 3. Von der Nachbarschaft, dem Gesangsverein und dem 5. Pommerschen Infanterie-Regiment „Prinz Moritz von Anhalt-Dessau“ Nr. 42, stationiert in Stralsund

Geschichten von der Oder. Clip 3. Von der Nachbarschaft, dem Gesangsverein und dem 5. Pommerschen Infanterie-Regiment „Prinz Moritz von Anhalt-Dessau“ Nr. 42, stationiert in Stralsund

Heute erinnert sich Martha Dähn, geborene Engelmann an ihre unmittelbaren Nachbarn in Gartz an der Oder. Sie denkt an die vielen Vereine, die es im Städtchen vor dem Ersten Weltkrieg gab; auch kommt ihr ältester Bruder Fritz Engelmann in die Erinnerung, weil der „als Infantrist“ im 5. Pommerschen Infanterie-Regiment „Prinz Moritz von Anhalt-Dessau“ Nr. 42, stationiert in Stralsund, deshalb nicht befördert wurde, weil er mal ohne Jagdschein erwischt worden war.

Das hier im Auszug dokumentierte Gespräch fand etwa im Jahre 1980 statt, Martha Dähn, geborene Engelmann, überblickte da schon fast achtzig Jahre. Am Ende ihres Lebens wird es beinahe ein Jahrhundert sein, das sie erlebt hat und erinnert. Immer wieder interessant: ihre persönliche Erzählperspektive. Sie erinnert nur authentisch Erlebtes. Da taucht der Nachbar auf, „Wilhelm Kohlmeier“, der Zigarrenmacher war. Ein Hinweis darauf, daß in Gartz (und Umgebung) Tabak angebaut und auch gleich vor Ort verarbeitet wurde. Der 11 Jahre ältere Bruder Fritz taucht auf, der beim Militär nicht befördert wurde; die vielen Vereine im Ort sind auch in lebendiger Erinnerung. Wir sehen das Städtchen Gartz aus der Perspektive eines Bauern-Kindes und einer Schülerin. Die alt gewordene Martha Dähn erinnert sich in diesem clip an ihre Kinder- und Jugendzeit, an die Jahre zwischen 1902 und etwa 1920, an ein gemütliches Ackerbauerstädtchen, das lange schon im Kriege untergegangen ist.

In der Transkription (der O-Ton folgt weiter unten) liest sich der heutige Abschnitt so:

„Wilhelm Kohlmeier war nicht reich, der Junggeselle. Der war Zigarrenmacher[1]. Wenn ich zu dem kam, dann lag der ganze Tisch schon voll mit Heringsabfällen und all so was. Ich hab ihm immer Essen hingetragen[2].
Morgens kam er an und holte sich Milch von uns, aber umsonst natürlich. Er hatte ja auch nicht mehr als die Rente. Und dann hat er uns öfter geholfen, und dann sagt er: „Ach singen….“ Er war früher im Gesangverein, aber nun waren ihm die Zähne rausgefallen[3] und nun blubberte das immer über.
„Nee“ sagt er, „dat is ja keen Singen“ und dann sang er:
„Der liebe Herrgott geht durch den Wald, der liebe Herrgott geht durch den Wald“.



Das haben sie im Gesangverein gesungen.
Und dann war’s so: die Vereine alle: Turnerverein rechts, Turnerverein links; Feuerwehr-Verein, landwirtschaftlicher Verein, Bürger-Verein, Krieger-Verein, was war’s denn noch, Bildungs-Verein, ach, was gab das alles für Vereine!
Ach ja, Schützen-Verein gab’s auch. Die waren im Schützenhaus hier bei uns. Und da waren die Schrey-Schützen alle mit Zylinder und schwarze Röcke, das waren all die studierten Schützen[4]. Die gab’s im Gartzer Schrey[5].
Und immer war wat los. All[6] Sonntag.

Und denn hatten’s noch nebenan ne Jagd. Wie die Jungs so jung waren, sonntags ganz früh um drei, um zwei gings schon zur Jagd.
Der älteste Bruder, der Fritz, der war ja elf Jahre älter wie ich, dann haben sie sich da oben anjebammelt[7] mit ne Schnur nen großen Wecker, denn musste der den wecken, nich.
Wenn’t denn zur Jagd ging, dass sie auch zeitig hinkamen. Unser Fritz war ja ein ruhiger Mann, so eine ruhige Art wie du.
Und denn secht Vadder: „Jeh du nich up Jagd! Dein Jagdschein is abjelaufen.“
„Ach, wird nich jrad eener kommen“.
Da kam ja die Schandarmerie[8]!
Wir hatten Polizei, aber dann kam noch die Schandarmerie.
Und mit eenmal kommt der Reimann, der war überhaupt so schabbig[9], und da kriegt er 20 Mark Strafe, weil er keinen Jagdschein hatte!
Und nachher dient er bei die Zweiundvierziger, nee, in Stralsund hat er jedient, stimmt. In Stralsund hat er jedient bei die Zweiundvierziger, als Infantrist[10].
Und denn gratuliern ihm die andern all und seggn (sagen): „Fritz, Mensch, du wirst wohl dit ma (diesmal) Jefreiter wern und wirst wohl irgendwat wern.“
Und denn kommt der Offzier uns secht:
„Engelmann, wir wollten Sie avangsiern[11], aber dat geht nich, Sie ham mal 20 Mark Strafe jehabt.“
So war dat.
Da kannst du sehen, wat für’n Umschwung dat all’s jewesen is. Wie dat heute aussieht!
Heut is eener froh, der jar nich Soldat wird! Und früher: ach, furchtbar!
Ja, 20 Mark Straf hat er müssen jem[12].“

Im Orginal-Ton hört sich das dann so an:

Soweit heute. Den nächsten Clip gibt’s in etwa einer Woche. Oral History – erzählte Geschichte.


[1] Man erfährt in diesem Gespräch eben auch etwas über die damals üblichen Berufe. In Gartz wurde unter anderem Tabak verarbeitet. Es gab Zigarrenmacher. Und wer arm war wie Wilhelm Kohlmeier, dem „fielen die Zähne aus“.

[2] Martha Engelmann (später Dähn) war noch Schulkind. Die Erinnerungen wechseln immer mal wieder die Zeiten. Hier also die Zeit etwa zwischen 1906 (sie ist 1902 geboren) und 1916/1920.

[3] Ein Hinweis auf die schlechte medizinische Versorgung für arme Leute in jenen Jahren

[4] Soziale Schichten unterschieden sich offenbar auch nach ihrer Kleidung.

[5] Der Gartzer Schrey ist ein Waldgebiet am westlichen Hohen Ufer der Oder. Der Oder-Neiße-Radweg führt heutzutage durch den Gartzer Schrey.

[6] Jeden Sonntag

[7] angebunden

[8] Gendarmerie, die war für die Dörfer zuständig. Sie war beritten.

[9] Ein jiddisches Wort. „schabbig“. Gemeint ist etwa „schäbig, häßlich, streng“.

[10]  5. Pommersches Infanterie-Regiment „Prinz Moritz von Anhalt-Dessau“ Nr. 42, stationiert in Stralsund.

[11] Avancieren, also befördern

[12] Gesprochene Abkürzung für „geben“

Geschichten von der Oder. Clip 2. Vom Zeppelin über der Uckermark und vom Untergang der Titanic

Geschichten von der Oder. Clip 2. Vom Zeppelin über der Uckermark und vom Untergang der Titanic

Das vorliegende Tonband ist vor etwa vierzig Jahren aufgenommen worden. Martha Dähn (*1902) erinnert sich an ihre Zeit in Gartz an der Oder am Ostrand der Uckermark. .“Schön am Strom gelegen“, wie Johannes Bobrowski vielleicht sagen würde. Dieses etwa einstündige Band teile ich in kleine Abschnitte auf und kombiniere Tondokument und Transskription, um es als Quelle für die Ortsgeschichte zur Verfügung zu stellen, solche alten „oral history“ Dokumente sind ja eher selten.

Martha Dähn, geborene Engelmann wohnte beinahe ihr ganzes Leben in Gartz an der Oder in der Großen Mönchenstraße 360. Von dort aus hat sie die Welt kennengelernt. Die Welt kurz nach der Jahrhundertwende im kleinen Ackerbürgerstädtchen Gartz mit etwa 3.500 Einwohnern. Man kannte sich. Bauern, Fischer, Handwerker, ein Gymnasium, ein Gericht, einen „Supperndenten“ von der Kirche, einen „Paster“ auch. Und dann natürlich das eine oder andere „Original“, wie es sich gehört für einen uckermärkisch-pommernschen Ort.

Im heutigen clip erinnert sich Martha Dähn an den Zeppelin und an die Titanic. Vom Untergang der Titanic erfuhren die Menschen aus der Zeitung oder, wie man damals sagte, von den „Zigeunern“, denn, wenn die „zum Volksfest“ nach Gartz kamen, hatten sie die neuesten Nachrichten „auf die Planen gemalt“, Fernsehen und Radio gabs ja noch nicht. Wir hören auch von Zauberern und „Hipnotisierern“, erahnen etwas von der Stimmung bei einem Gartzer Volksfest kurz nach der Jahrhundertwende, so, wie es sich in der Erinnerung der mittlerweile Achtzigjährigen eingegraben hat. Im Originalton klingt das so:

Zepplin[1], ja! So 1911 muss et jewesen sind. 1910 oder 1911. Da warick noch’n klein Mädchen. Und da haben se lauter Zettel runterjeschmissen.  Wees ick noch janz jenau. Wie die Zijarre[2] so rüber kam so janz langsam. Ja.“

Wann war dat, 1910 oder 1911, wo die Titanic[1] unterjejang is?
Da kam se bei uns: so’n großen Wagen, mit lauter Leinen bespannt ringsrum und da war dat all’s jezeichnet. Der janze Untergang der Titanic.

Da ist so’n Zauberer jewesen, eener, der hat denen wat vorjemacht, und da hat er jesacht: „Bei mir jehen die Leute durch’n Baumstamm!“ Er ginge jetzt durch’n Baumstamm.
Und da ham die jesacht: „Nee, dat is nich wahr!“
Und dann isser, ham auch wirklich jedacht, er jeht durch’n Baumstamm, und eene Frau hat jesacht: „Nee, der is nich durch’n Baumstamm, der is gleich nebenbei jejang.“  Die hat dat jesehn.
„Huh, Wasser, Wasser!“ hat er jesacht und da hat sie janz und jar die Röcke hat se hoch jenomm.
Und die Leute haben jelacht, und wie! Du, früher war dat überhaupt, wo dat allet frei war, da kam so ne, na, die so hipnotisiert[2] ham. Und dat war, wie hieß er denn noch, Mensch, siehste, ick hab den Nam‘ verjessen.
Die sagen, der is früh jestorben.
Da hat er se immer hipnotisiert, da war’n Leute bei uns, der hatte die Gasanstalt, und wir jingen ja immer da hin, wenn wat los war. Bei uns war ja wenig und denn jing[3] wir da hin.
Und da sacht er zu ihm, er soll uffen Tisch, nee, ein Flugzeug fährt über, nich, und er soll winken und so jelenkig und denn hopst er aufen[4] Tisch und hat jewunken, als ob er richtig da dem Flugzeug zuwinkt, haha, dabei war jar nüscht.
Und erst sacht er, wir mussten alle so machen, guck mal, so. Und die dat so nich auseinander krichten, ob er damit wat bezweckt, die hat er wohl, die hat er auch meist hoch[5] jeholt. Und denn hat er allet versteckt bei die Leut und denn immer wieder rausjeholt, ach, wie hieß denn dieser Kerl noch, dat war so ein Schwarzer. Da zogen sie ja all mit sowat rumher.
Und denn nachher, da waren welche da, die ham solche Ringkämpfe jemacht. Und denn mussten welche vom Publikum ruff komm‘, wer da mitmacht, nich. Und denn da ruff[6]. Und denn nachher, ach, dat war immer ein Gaudium! Da war immer wat los.“


[1] Die „Titanic“ galt damals als das schnellste und sicherste Passagierschiff der Welt. Auf seiner ersten Fahrt ist das Schiff am 14. April 1912 auf einen Eisberg gefahren und untergegangen.

[2] Ein Hypnotiseur also

[3] Gingen

[4] Auf den

[5] Auf dem Markt war wohl eine kleine Bühne aufgebaut. Und die ausgesuchten Leute mussten dann „hoch“ auf die Bühne für die Kunststückchen beim Jahrmarkt.

[6] Rauf auf die Bühne. Den einfachen Bauersleuten ist das nicht leicht gefallen. Jetzt konnte einen ja jeder sehen…..



[1] Zeppelin. Ein mit Wasserstoff gefülltes, riesiges Luftschiff

[2] „Zigarre“ sagten die Leute, weil das Luftschiff wie eine große Zigarre aussah

Geschichten von der Oder. clip 1

Geschichten von der Oder. clip 1

Gartz ist ein kleines Städtchen an der Ostgrenze der Uckermark, direkt an der Oder gelegen. Ehemals ein hübsches, intaktes Ackerbauernstädtchen, sieht man heute immer noch die verheerenden Folgen eines Angriffs der Roten Armee vom 20. April 1945, der die Stadt zu 90% zerstörte. Dumme Hitlerjungen waren auf die St. Stephans-Kirche geklettert und hatten statt der weißen die Hitler- Fahne gehisst, dabei war der Krieg längst entschieden.
Gartz ist die Heimatstadt von Martha Dähn, geb. Engelmann. Ihr Vater war Landwirt und Ratsmann in Gartz, er gehörte zum Deich-Verein und war im Ort „bekannt wie’n bunter Hund“, wie man so sagt „und allet ehrenamtlich“, wie seine Frau gelegentlich schimpfte, doch dazu später.
Es gibt in meinem Archiv ein Tonband etwa aus dem Jahre 1980 mit einem knapp einstündigen Kaffee-Gespräch mit Martha Dähn (*1902 – +2000), in dem ihre Erinnerungen bis etwa 1860 zurückreichen, die Zeit, als die Berlin-Stettin-Bahn gebaut und ständig erweitert wurde – ein interessantes Zeitzeugnis nicht nur für das Heimat-Archiv in Angermünde, sondern vielleicht auch für den einen oder anderen in Gartz selbst.
Ich will deshalb diese Tonbandaufzeichnung in kleine podcast-Einheiten aufteilen, mit erklärenden Texten versehen und als „erzählte Geschichte“ öffentlich machen, vielleicht entsteht aus dem Ganzen eines Tages ja auch ein kleines Buch, mal sehen, was da werden will.
Martha Dähn hat am Ende ihres Lebens fast ein ganzes Jahrhundert überblickt und was sie von der Weltgeschichte wusste und verstand, das erzählte sie in Geschichten und Anekdoten. Das Erzählen lag in der Familie, auch ihr Vater erzählte so. Und beim Tabak-Fädeln hörte man ja auch das eine oder andere, was sich weiterzugeben lohnte.
Einen kleinen Ausschnitt ihrer Geschichten werden wir nun nach und nach kennenlernen und eintauchen in die Zeit kurz nach der Jahrhundertwende, die Zwanziger Jahre, die Inflation; die Weimarer Republik; die Hitler-Zeit. Ihre im Gespräch dokumentierten Geschichten spielen mehrheitlich in den Jahren zwischen 1902 und 1933, was danach kam, kann ich ergänzen, weil ich ihre Geschichten gut kenne, auch die nicht als Tondokument überlieferten.
Martha Dähn spricht in der vorliegenden Aufzeichnung eine Mischung aus Hochdeutsch und Pommersch Platt. Weshalb ich die Abschnitte des Tondokuments auch als transskribierten Text abbilde.

Also dann, beginnen wir: Martha Dähn. Geboren am 2. Dezember 1902 in Gartz an der Oder. Sie wohnte fast ihr ganzes Leben lang in der Großen Mönchenstraße 360. Das Haus sieht heute so aus:

Große Mönchenstraße 360. Bis 1987 im Besitz der Familie Kasparick, dann an die Stadt gegeben.

Als Martha Dähn am 2. Dezember 1902 auf die Welt kam, herrschte ein kalter Winter. Es sei so kalt gewesen, erzählt sie, daß ihrer Mutter „die Schmalztöpfe zerfroren“ seien. Aber, hören wir ihre Stimme selbst:

„Meine Mutter“. Die stammte aus der Wels-Familie. Und in der Familie gab es „eine Menge Jungs, wie bei den Dähns auch“. Und die waren alle kräftig und konnten ordentlich zulangen. Vom „Onkel Otto“ und seinem Bruder „Onkel Fritz“ gibt es folgende Geschichten:

„Nee, Onkel Otto, wir hatten doch, über die Oder hatten wir doch Wiesen.
Und da ham wir über die Oder im Sommer immer dat Vieh rüber jebracht. Immer in Kähnen, da war noch keene Brücke[1], so rin in die Kähne und war hintenrum ne Barriere jebaut und da wurden se rüber jebracht.
Und mit einmal ein Bulle, der is raus und is losjeschwomm.
Und Otto hinterdran geschwommen. Bis unten nach Mescherin, hinterm Schrey!
Und da hat er’n jekricht und denn hat er’n wieder hoch jebracht.
Dat waren die Welsens, die waren so kräftig, weißt du.
Onkel Otto, der Ält’ste, der die Gastwirtschaft jekricht hat, der hat zu seine Kameraden jesacht beim Militär: „Ich stell mich untern Pferd und heb’t hoch!“
Und da ham die jesacht: „Dat is doch Quatsch!“
Da hat er aber’n Verweis jekricht.
Hat er sich unterjestellt und hat dat Pferd hochjehoben, war aber’n ruhiges Tier. Onkel Fritz, wat Hilde[2] ihr Vater war, der machte so mit’n Groschen und hat ihn auf’m Tisch umjebogen! Die hatten all so ne Kraft!
Aber sind all nich alt jeworden, weiß du.
Ja, die Welsen, die hatten mächtig Kraft, dat waren die, die von den Ungarn abstammen“.


Von den „Welsen“ und von den „Dähns“ werden wir noch mehr zu hören bekommen. Im nächsten Clip.


[1] Die Brücke wurde 1926 gebaut

[2][2] Hilde Schuhmacher, geb. Wels wohnte mit im Haus Große Mönchenstraße 360