Fundsache: der Dienstkalender Heinrich Himmlers (1943-1945) und der „Hundemüller“.

Fundsache: der Dienstkalender Heinrich Himmlers (1943-1945) und der „Hundemüller“.

Es war eine Sensation, als man die verloren geglaubten Blätter mit dem Dienstkalender Heinrich Himmlers für die Jahre 1943 – 1945 im Jahre 2013 in Podolsk in der Nähe von Moskau in einem russischen Archivbestand fand.
Nun (2020) sind sie ganz frisch in einer sorgfältig edierten wissenschaftlich kommentierten Ausgabe bei piper erschienen und stehen der Forschung als erstklassige Quelle zur Verfügung.

Die Jahre 1943 – 1945 sind für unseren Zusammenhang der Erforschung der NS-Geschichte auf dem Darss insofern von Bedeutung, als der Forstmeister und spätere SS-Generalmajor der Waffen-SS, Franz Mueller-Darss in jenen Jahren hauptamtlich im Persönlichen Stab des Reichsführers SS, Heinrich Himmler arbeitete. Er war zuständig für das „Hundewesen“ in Polizei, Wehrmacht und SS.

Himmlers Dienstkalender gibt uns nun exakte Auskunft darüber, mit wem Mueller-Darss im Kontakt war, wann er sich mit Himmler und den anderen Ganoven traf und manchmal wurde sogar vermerkt, worüber gesprochen wurde.

Beispielsweise Sonntag, 19. September 1943. Feldkommandostelle Hochwald.
14.00 Uhr Mittagessen mit SS-Obergruppenführer Berger, SS-Obergruppenführer Krüger, SS-Brigadeführer Glücks, SS-Standartenführer Mueller, SS-Standartenführer Rode, SS-Hauptsturmführer Cantow
17.10 Uhr SS-Brigadeführer Glücks, SS Standartenführer Mueller
20.10 Uhr Abendessen mit SS-Obergruppenführer von dem Bach, SS-Obergruppenführer Berger, SS-Obergruppenführer Krüger, SS-Standartenführer Rode, SS-Standartenführer Mueller, SS-Standartenführer Lammerding. (zitiert nach: Matthias Uhl u.a. „Die Organisation des Terrors. Der Dienstkalender Heinrich Himmlers 1943-1945“ Piper 2020, S. 452)

Beim Gespräch um 17.10 Uhr mit Glücks und Mueller ging es um den vermehrten Einsatz von Hunden bei der Bewachung der Konzentrationslager.

Wir sehen an diesem einen Tag: Mueller gehörte zum engsten Kreis um Himmler, er gehörte zur „Tafelrunde“ und traf sich an Tagen wie diesem gleich mehrfach mit dem Reichsführer SS.

Ich werde mir diese wertvolle mehr als 1000-seitige Quelle, die mir seit gestern zur Verfügung steht, nun genau auf die Kontakte von Mueller-Darss durchschauen und auch seine „Tischgenossen“ genauer in den Blick nehmen, damit deutlicher wird, in was für einem SS-Netzwerk der Hundemüller aus Born a. Darß gearbeitet hat. Was wir jetzt bereits sehen können: Mueller-Darss war keineswegs ein „irgendwer“ im Kreise des Reichsführers SS, sondern gehörte zum inneren Zirkel.

Das „NS-Archiv“ der Staatssicherheit, die „Organisation Gehlen“ und der Schauprozess („Gehlen-Prozess“) im Jahre 1953

Das „NS-Archiv“ der Staatssicherheit, die „Organisation Gehlen“ und der Schauprozess („Gehlen-Prozess“) im Jahre 1953

Die Staatssicherheit der DDR unterhielt ein eigenes, sogenanntes „NS-Archiv“, das heute im Bundesarchiv zugänglich ist.
Die Staatssicherheit der DDR sammelte darin Material gegen NS-Belastete, ehemalige NSDAP-Mitglieder, Mitglieder von SA und SS etc, die im Gebiet der ehemaligen „SBZ – Sowjetischen Besatzungs-Zone“ und ab 1949 der DDR wohnten.
Diese Aktensammlung – die u.a. durch eine geheime Razzia von Schließfächern in Sparkassen und Banken der DDR zustande kam – wurde von der Staatssicherheit jedoch keineswegs nur dazu angelegt, ehemalige NS-Verbrecher zu „entlarven“ und anzuklagen, wie es der offiziellen DDR-Lesart entsprochen hätte, sondern man benutzte diese Akten ganz nach politischem Nutzen. Manche mit schwerer NS-Vergangenheit wurden angeklagt, andere nicht, je nachdem, wie die Stasi den „politischen Nutzen“ einer Anklage einschätzte.

Der Aufstand vom 17. Juni 1953 war noch nicht lange vorbei, da fand im Dezember 1953 der sogenannte „Gehlen-Prozess“ statt. Ein Schauprozess, in dem „Spione“, die innerhalb der DDR für die „Organisation Gehlen“, dem Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes arbeiteten, enttarnt und verurteilt wurden.

Wir wissen mittlerweile, dass der ehemalige SS-Generalmajor Franz Mueller-Darss von Hamburg aus ab 1948 für die „Organisation Gehlen“ und den BND gearbeitet hat. Meine Bitte um Auskunft beim BStU, ob die Staatssicherheit über Mueller-Darss Akten angelegt hat, wurde positiv beschieden, eine Akteneinsicht ist für Anfang November in der BStU vereinbart.

Auf diesem Hintergrund ist ein Dokument von Interesse, das den Kenntnisstand der Staatssicherheit über Aufbau und Arbeitsweise der „Organisation Gehlen“ im Dezember 1953 deutlich macht: man war bestens informiert.
Wir befinden uns im Jahre 1953 mitten im „Kalten Krieg“. Das wird auch an der Sprache deutlich, die im folgenden Tondokument hörbar wird.

Hier nun die etwa anderthalbstündige Urteilsbegründung im Gehlen-Prozess vom Dezember 1953 als Tondokument.

Wir werden auf das Thema Mueller-Darss und Organisation Gehlen wieder zurückkommen, wenn die Akten ausgewertet sind.

Mueller-Darss und der Leibarzt Himmlers

Mueller-Darss und der Leibarzt Himmlers

Beide kannten sich. Beide gehörten zum engsten Kreis um Reichsführer SS, Heinrich Himmler. Der eine war sein „Beauftragter für das Diensthundewesen“ – der hatte sich um etwa 50.000 Hunde bei SS, Militär und Polizei zu kümmern, wozu auch die Bewachung der KZ-Häftlinge, insbesondere in den Außenkommandos der Konzentrationslager gehörte. Der andere war ein Arzt, der den Heinrich Himmler behandelte, wenn der mal wieder seine Magenschmerzen hatte.

Jener Arzt nun, Felix Kersten, bittet den „Hundemüller“, Franz Mueller-Darss also, um einen Gefallen. Man schreibt das Jahr 1949, der Krieg war vorbei. Felix Kersten soll in einem Untersuchungsverfahren belegen, dass tatsächlich er es war, der durch eine Intervention bei Heinrich Himmler erreicht hat, dass etwa 8 Millionen Holländer nicht in die Ukraine und nach Weißrussland und ins Generalgouvernement zwangsumgesiedelt wurden, wie ein angeblich von Adolf Hitler unterzeichneter Umsiedlungsplan schon für das Jahr 1941 eigentlich vorsah.

Der niederländische Historiker Louis de Jong hat sich mit jenem Umsiedlungsplan, für dessen angebliche Verhinderung Felix Kersten höchste Auszeichnungen in den Niederlanden erhalten hat, genauer befasst. Seine Ergebnisse kann man in der Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte Nr. 28 unter dem Titel „Zwei Legenden aus dem Dritten Reich“ „Felix Kersten und die Niederlande“ (DVA Stuttgart 1974, S. 77-138) finden. Das Ergebnis seiner vorzüglichen textkritischen Arbeit lautet kurz und lapidar:
einen solchen von Hitler unterzeichneten Umsiedlungsplan hat es nie gegeben.

Nun aber schreibt man das Jahr 1949 und der Leibarzt Himmlers sucht immer noch weitere „Zeugen“ für seine Variante der Erzählung. Vom persönlichen Adjutanten Himmlers, Dr. Rudolf Brandt (im „Ärzteprozess“ am 20. August 1947 zum Tode verurteilt und am 2. Juni 1948 in Landsberg hingerichtet) hatte er schon im Oktober 1947 eine als „vorsichtige Unterstützung“ zu lesende schriftliche Aussage bekommen . Man muss dabei wissen: Zur Unterstützung Brandts in dessen Prozess hatte Kersten am 8. Januar 1947 eine eidesstattliche Erklärung abgegeben, die dem American Military Tribunal zur Entlastung Brandts vorgelegt wurde.
Beide Männer helfen sich also gegenseitig.

Einen weiteren „Zeugen“ seiner Variante der Wahrheit bringt Felix Kersten im Jahre 1949 bei: er wählt Franz Mueller-Darss, der sich im Verfahren aber als „Franz Müller-Darss. Generalmajor d. R. Beauftragter für Forst- u. Jagdwesen im Stabe des Oberbefehlshabers des Ersatzheeres“ bezeichnet. Beide kannten sich aus dem Persönlichen Stab des Reichsführers SS. Der eine als dessen „Hundebeauftragter“, der andere als dessen Leibarzt.

Franz Mueller-Darss (er hat, so ist es in seiner SS-Personalakte sauber notiert, größten Wert darauf gelegt, MUELLER geschrieben zu werden. Nun heißt er schlicht „Müller“) behauptet, „Beauftragter für Forst- und Jagdwesen“ gewesen zu sein. So jemanden hat es aber nie gegeben. Schon gar nicht im Stabe des „Oberbefehlshabers des Ersatzheeres“. Interessanterweise gibt Mueller-Darss keine Adresse an, als er am 28. September 1949 in Hamburg eine schriftliche „Erklärung“ zugunsten von Felix Kersten abgibt.

Wie Luis de Jong in seinem Artikel akribisch nachweist:

der ehemalige Generalmajor der Waffen-SS Franz Mueller-Darss, im Persönlichen Stab des Reichsführers SS Heinrich Himmler „Beauftragter für das Diensthundewesen“ gibt dem Leibarzt Himmlers, Dr. Felix Kersten im Jahre 1949 ein zusammengelogenes Gefälligkeitsgutachten zu einem „Deportationsplan“, den Kersten verhindert haben will, den es aber nie gegeben hat.

Dabei – und das ist nebenher noch interessant – vermeidet es Herr „Müller“, eine Adresse anzugeben und die Unterschrift unter seiner „Erklärung“ weicht ebenfalls deutlich von der Unterschrift unter seinem persönlichen Lebenslauf in der SS-Personalakte ab.
Luis de Jong kommentiert trocken: „Müller-Darss hat aus Gründen, die man nur vermuten kann, in seiner Aussage seinen wahren Rang und seine wirkliche Funktion verschwiegen und durch andere Angaben ersetzt.
Der „Generalmajor der Reserve“ hatte offenbar Gründe, Nachforschungen über seine Person zu erschweren.“ (a.a.O. S. 116).

Ein Grund ist inzwischen bekannt: Franz Mueller-Darss war seit 1948 in den Diensten der Organisation Gehlen, dem Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes. Er lebte im Jahre 1949 in Hamburg.

Verklungen Horn und Geläut – die Lügen des Franz Mueller-Darss

Verklungen Horn und Geläut – die Lügen des Franz Mueller-Darss

Mein Exemplar stammt aus der 15. Auflage des Buches „Verklungen Horn und Geläut. Die Chronik des Forstmeisters Franz Mueller-Darß“. Diese Auflage erschien im Jahre 1994. In dieser Ausgabe (1994!) kann man zum Beispiel folgende Sätze lesen:
„Etwa im Jahre 1937 kam auch General Keitel zum ersten Male auf den Darß, ein kräftig gebauter, ruhiger, freundlicher und nachdenklicher Mann, der manche gute Stunde in meinem Walde und an meinem Kamin mit mir verbrachte …….Ich denke, daß ihm schweres Unrecht angetan worden ist, nicht nur durch den schmählichen Prozeß in Nürnberg, der ihn ein Opfer politischer Rache werden ließ, sondern auch durch das schnell fertige Urteil aller jener, die den Beweis schuldig geblieben sind, daß sie selbst in seiner Stellung richtiger, klüger, verantwortungsbewußter und tapferer gehandelt hätten. …..Dies muss gesagt werden um der Gerechtigkeit willen.“ (a.a.O, S. 331/332).

Da schreibt also ein ehemaliger SS-Generalmajor im Jahre 1954, der Herr Mueller-Darss nämlich, der Herr Feldmarschall Keitel sei in Nürnberg im großen Kriegsverbrecher-Prozeß ein „Opfer politischer Rache“ geworden, im Übrigen sei der ganze Prozess ein „schmählicher Prozess“ gewesen. (Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, von 1938 – 1945 Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, wurde im Nürnberger Prozess in allen neun Punkten für schuldig gesprochen und am 16. Oktober 1946 in Nürnberg durch den Strang hingerichtet.)

Man muss wissen: die erste Ausgabe dieses Machwerks vom Herrn Mueller-Darß erschien 1954, also knapp zehn Jahre nach Kriegsende. Es erschien nicht in Deutschland, da wäre das nicht möglich gewesen, es erschien in der Schweiz. Dieses Buch, das als „Chronik“ angelegt ist, hat einen einzigen Zweck: die lange NS-Vergangenheit des Herrn „Forstmeisters“ zu verschleiern, seine SS-Mitgliedschaft zu bagatellisieren und seine Biografie zu „begradigen“. Das ist das eigentliche Ziel dieses schwülstigen Waldromantik-Buches. Es ist kein Wunder, dass dieses Machwerk in rechtsradikalen Kreisen nach wie vor gern gelesen wird. 15 Auflagen kommen ja nicht von ungefähr.

Man kann allerdings am Text nachweisen, worum es dem „Forstmeister“ mit dem Buch eigentlich geht. Über seine SS-Mitgliedschaft – die nur ein einziges Mal im ganzen dicken Buch überhaupt Erwähnung findet -, ist folgendes zu lesen:

„Etwa um die gleiche Zeit (Sommer 1940) wurde mir die Einberufung zugestellt. Göring befahl mich als „forstlichen Verbindungsmann zur Waffen-SS mit der Aufgabe, in den der Waffen-SS zugefallenen Waldgebieten der besetzten Länder die forst- und wildwirtschaftliche Kontrolle und Verwaltung zu üben.“ (a.a.O. S. 345) – So eine Art „SS-Oberförster über Russland und angrenzende Gebiete also“.
Der Mann lügt schlicht und einfach.
So einen SS-Wald-Verbindungs-Menschen hat es nie gegeben.
Wie aber ist er wirklich zur SS gekommen? Er hat sich, wie die hier im blog bereits veröffentlichten Dokumente zeigen, schon 1936 um die Aufnahme in die SS geradezu gedrängelt, weil er bei der SA nichts mehr werden konnte. Er hat weiterhin in der SS eine überaus steile Karriere gemacht, weil er engste Beziehungen zu Himmler und Pohl (Chef vom WVHA der SS) unterhielt. Und bei seinen SS-Freunden, insbesondere seinem „lieben Oberführer“ hat er dafür gesorgt, dass er aus der Zuständigkeit der Wehrmacht eben zur SS kam, „dass sie mich nicht etwa plötzlich einziehen“, wie wir im Dokument (von 1943!!) sehen können.

Nein, der Herr Mueller war nicht bei der Wehrmacht. Und er war auch kein „Verbindungsmann“ wegen irgendwelcher forstlichen Angelegenheiten. Er war seit 1941 im Persönlichen Stab des Reichsführers SS und ab 1942 dessen „Beauftragter für das Diensthundewesen“ – dazu gehörten Such-, Melde-, Munitionsspür-, Panzerabwehr- und eben KZ-Wachhunde. Er war der Herr über zuletzt 50.000 solcher Hunde, die Himmler gern „zu reißenden Bestien“ erzogen sehen wollte, damit sie Häftlinge zerreißen, die etwa die Absicht haben, aus dem KZ-Außenkommando zu fliehen, wie es in Born vorgekommen ist.

Im Übrigen: seit 1940 waren die ersten KZ-Häftlinge auf dem Darss. In Zingst und in Wieck und dann auch in Born direkt. Mueller-Darss war der zuständige SS-Mann mit besten Verbindungen zum Reichsführer SS persönlich, in dessen „Persönlichem Stab“ er ja diente.
Darüber allerdings erfährt man in jenem Büchlein auch in der fünfzehnten Auflage nicht ein Sterbenswörtchen.
Davon, das er sich persönlich vier KZ-Häftlingsfrauen als Bedienstete im „Forsthaus“ hielt; davon dass die SS mitten im Dorf ein KZ-Außenlager mit über 100 russischen Kriegsgefangenen betrieb; davon, dass die SS eine Meilerei im Dorf betrieb, wofür die Häftlinge im Darßer Wald Stubben sprengen mussten – von alldem erfährt der interessierte Leser nichts. Es ging im Buch darum, die Biografie zu „begradigen“. Und das geschah vor allem durch Verschweigen und durch nachweislich falsche Behauptung.

Immerhin schrieb man schon das Jahr 1954, als die „Chronik des Forstmeisters“ zum ersten Mal erschien, da passte sowas nicht mehr ins Bild, darüber schrieb man nicht, das verschwieg man.
SS? NSDAP? SA? – Nie gehört.

Denn schließlich hatte man ja schon einen neuen Arbeitgeber: seit 1948 arbeitete der ehemalige „Forstmeister“ und Generalmajor der Waffen-SS Franz Mueller-Darss zunächst für die „Organisation Gehlen“, dann für den Bundesnachrichtendienst. Das ist aktenkundig.
Auch davon ist im 1954 erschienen Büchlein nichts zu erfahren.
Kein Sterbenswörtchen.

Anmerkung: Das Buch wurde von Wolfgang Frank geschrieben, geht aber in den biografischen Details selbstverständlich auf die Angaben von Mueller-Darss persönlich zurück. Wolfgang Frank war ein NS-Schriftsteller.

SS-Mueller-Darss und die CIA

SS-Mueller-Darss und die CIA

„Die Organisation Gehlen war doch eine Veranstaltung der CIA“ sagt mir der Historiker, mit dem ich mich getroffen habe. „Also ist es sinnvoll, in den Akten der CIA nachzuschauen, wenn man jemanden sucht, der für OG gearbeitet hat“. Und diese Akten sind öffentlich? „Die können Sie ganz bequem von zu Hause aus recherchieren“. Und tatsächlich, eine Akte zu Franz Mueller-Darss findet sich, und zwar im reading room (Lesesaal) der CIA im Internet.
Weshalb sind diese Akten öffentlich? „Das kam durch den Fall Klaus Barbie“, lerne ich im Gespräch. „Es kam heraus, dass der SS-Mann Klaus Barbie (GESTAPO-Chef in Frankreich) nach dem Krieg für die CIA gearbeitet hatte. Und als das in Amerika bekannt wurde, gab es mächtige Unruhe, die schließlich politisch dazu führte, dass alle Akten der NS-Kollaborateure, die nach dem Kriege mit der CIA zusammengearbeitet haben, öffentlich gemacht wurden“.

Die Akte stammt vom 1. Januar 1953. Seine Geburtsdaten identifizieren ihn eindeutig als den Gesuchten Franz Mueller-Darss. Wir finden einen Sohn aus erster Ehe mit Ilona Linde , geboren am 2. November 1922 in Berlin, Nicolassee, Hans-Wilhelm Linde. Auf Seite 2 der Akte erfahren wir noch mehr: alle dort aufgeführten Daten identifizieren ihn eindeutig als den SS-Generalmajor Franz Mueller-Darss, den „Hundemüller“ aus dem Persönlichen Stab RFSS.

Wenn man die Seite 2 von oben her liest, erfährt man außer dem schon bekannten Lebenslauf von Mueller-Darss, dass seine ehemalige Frau von einem Herrn Dr. Linde „wiedergeheiratet“ wurde, dem Chef von „Lindes Eismaschinen“. (Anm: gemeint ist Dr. Friedrich Linde, der im Alter von 65 Jahren Ilona Linde geheiratet hat (1935). Der wiederum hat ihren Sohn, den Hans-Wilhelm adoptiert. Hans-Wilhelm Linde, ehemals Mueller wiederum wurde „als Kurier rekrutiert“ und als „Deckadresse“, Kürzel: V 21 406, hat also ebenfalls für den CIA gearbeitet.
Wir erfahren weiterhin, dass Mueller-Darss „gegenwärtig in Holzhausen als Holz-Verkäufer lebt“. Ausserdem ist er „Berater für Schädlingsbekämpfung“ (Anmerkung: damit kannten die Nazis sich ja aus, das in Auschwitz verwendete Cyklon B war ja bekanntlich ein Schädlingsbekämpfungsmittel). Außerdem hat er ein Buch geschrieben „Kein Ort zu bleiben“. Er sei ein freier Schriftsteller und arbeite an einem Buch über die Forstwirtschaft. Er sei 1939 in die NSDAP eingetreten (was ganz offensichtlich falsch ist; Mueller war schon 1933 in der NSDAP), sei aber inzwischen entnazifiziert worden (Anmerkung: wie das gelaufen sein soll, wüsste ich gerne) und spräche Englisch und Französisch.

Dann erfahren wir, dass Mueller-Darss von einem „V-1701“ rekrutiert worden sei, einem „persönlichen Freund und entfernten Verwandten (Cousin)“. Sein Auto sei angemeldet in „Hamburg Fallingbuettel“ (muss Hamburg-Fallingbostel heißen) und als Postadresse verwende man „Kaffeeversand KOMM WIEDER“ in Salzhausen„. Schließlich erfahren wir noch seine Decknamen: „Mettke Fritz“; „Dr. Fritz“; „Fritz Bohm“ oder „Bartels“.

Mit dieser Akte befinden wir uns mitten im Kalten Krieg. Die ehemaligen Alliierten gegen Hitlers „Drittes Reich“ sind inzwischen Gegner. Und der amerikanische Geheimdienst scheut sich nicht, hochrangige ehemalige Nazis in Dienst zu nehmen, um „gegen den Kommunismus“ zu spionieren. Glücklicherweise sind diese Akten nun seit 1998 öffentlich.

Reaktionen. Ostsee-Zeitung vom 9. 10. 2020

Reaktionen. Ostsee-Zeitung vom 9. 10. 2020

Das Internet gibt Informationen schnell weiter. Heute früh erreichte mich die Nachricht, dass die Ostsee-Zeitung, Ausgabe Ribnitz-Damgarten eine ganze Seite (12) zum Thema Franz Mueller-Darss und Erinnerungsarbeit veröffentlicht hat. Dr. Edwin Sternkiker hat dazu folgendes geschrieben:

Forstmeister machte Karriere bei der SS Der Borner Franz Mueller-Darß war für den Einsatz von KZ-Häftlingen auf dem Darß verantwortlich / Zur Verantwortung gezogen wurde er dafür nie.

Born. Je mehr sich die militärische Lage an allen Fronten verschlechterte, desto abenteuerlicher wurden die Bemühungen hochrangiger Nazis, das Ruder doch noch herumzureißen. Der Aufbau einer Partisanenarmee gehört zu diesen sinnlosen Vorhaben. Sie erhielt die markig klingende Bezeichnung „Werwolf“. Deren Angehörige sollten in den vom Feind besetzten Gebieten Anschläge verüben. Bereit zum Guerillakampf Der Werwolf unterstand Heinrich Himmler persönlich. Chef der Terrortruppe war SS-Obergruppenführer Hans Prützmann. Im Mai 1945 wartete ein Mann auf dem Darß auf Nachricht von ihm – und auf die versprochenen Schnellboote mit Stoßtrupps. Doch der Mann wartete vergebens. Sein Name: Franz Mueller-Darß. Der bekleidete zu diesem Zeitpunkt den Rang eines SS-Obergruppenführers und „bildete mit einigen hartgesottenen Getreuen eine kleine Werwolfgruppe, legte mit ihnen in mehreren unterirdischen Bunkern Waffendepots an und war zu einem Guerillakampf gegen die ’Russen’ bereit“, so schreibt Helga Radau aus Barth, die seit vielen Jahren die Zeit des Nationalsozialismus in ihrer Heimatstadt erforscht, in einem 2017 in der Buchreihe „LandeBarth“ erschienenen Beitrag. Die Mitglieder der Darßer Werwolfgruppe hätten sich bis zum 20. Juni 1945 versteckt gehalten, bevor es ihnen dann gelungen sei, auf nächtlichen Märschen die britische Besatzungszone zu erreichen, schreibt Helga Radau weiter.
Wer war dieser Franz Mueller-Darß? Geboren wurde er am 29. April 1890 im bayerischen Lindau (Landkreis Northeim). 1909 legte er sein Abitur ab, leistete dann seinen Militärdienst, begann anschließend eine Forstlehre und studierte danach Forstwissenschaften in Eberswalde und München. Am Ersten Weltkrieg nahm er als Kriegsfreiwilliger teil. Als Oberförster kam er 1923 nach Born und übernahm hier 1925 die Leitung des Forstamtes. Mueller-Darß hatte sich bereits sehr frühzeitig der Nazi-Bewegung angeschlossen. Als Forstmeister in Born war er von 1940 bis 1945 zuständig für den Einsatz von mehr als 200 KZ-Häftlingen auf dem Darß und in Zingst. Franz Mueller-Darß machte schnell Karriere. Im Juli 1942 wurde er hauptamtlich als SS-Standartenführer in den persönlichen Stab Heinrich Himmlers geholt. Hier war er „Beauftragter für das Diensthundewesen“ und „Beauftragter für das Forst- und Jagdwesen“. Außerdem wurde ihm unter anderem die Leitung der Hauptabteilung DI/6 „Schutz- und Suchhunde“ im Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt (WVHA) der SS übertragen. Sie war auch für den Einsatz von Hunden in Konzentrationslagern zuständig, so Bertrand Perz in einem 1996 in den Dachauer Heften erschienenen Beitrag. Nach Flucht neue Karriere Nach seiner Flucht in den Westen kam Mueller-Darß in britische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Entlassung gelang es ihm, wieder schnell Karriere zu machen, nämlich beim Bundesnachrichtendienst (BND). Wie jetzt Anfragen und Recherchen von Ulrich Kasparick, der sich intensiv mit der Geschichte des Darß zwischen 1933 und 1945 befasst, ergeben haben, war Mueller-Darß bereits seit 1948 Mitarbeiter der „Organisation Gehlen“ und schied erst im Februar 1966 aus dem BND aus, so Kasparick in einer Mail an den Autor dieses Beitrages. Juristisch ist die Rolle von Franz Mueller-Darß als Verantwortlicher des KZ-Außenlagers auf dem Darß übrigens nie aufgearbeitet worden. 1976 verstarb er, von der Justiz völlig unbehelligt, im oberbayerischen Lenggries.
(Quellenangabe: Dr. Edwin Sternkieker Ostsee-Zeitung Ribnitz-Damgarten vom 09.10.2020, Seite 12)

zum Thema Erinnerungsarbeit ist in derselben Ausgabe zu lesen: Historiker soll beauftragt werden / Kosten würden sich auf 25 000 Euro belaufen / Gemeindevertretern liegt am 14. Oktober entsprechender Antrag vor Von Edwin Sternkiker
Born. Die NS-Zeit ist ein Thema, um das auf den Homepages vieler Kommunen bis heute ein großer Bogen gemacht wird. Die zwölf Jahre der NS-Diktatur bleiben ausgespart. Als hätte es sie nie gegeben. Ein Befund, der nicht nur auf zahlreiche kleinere Orte, dazu gehören auch die Kommunen auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst, sondern auch auf viele Städte im Lande zutrifft. Michael Buddrus und Sigrid Fritzlar schreiben in ihrem 2014 erschienenen Buch „Städte Mecklenburg im Dritten Reich“: „Betrachtet man die heutigen Internet-Auftritte der mecklenburgischen Städte – sowohl die offiziellen Homepages dieser Kommunen als auch die historisch ambitionierten Artikel unter Wikipedia – so ist für die meisten Städte des Landes eine weitgehende Abwesenheit der Zeit des Dritten Reiches zu beobachten, eine geradezu gespenstisch anmutende Ausblendung der nationalsozialistischen Geschichte des jeweiligen Ortes.“ „Borner Hof“ fungierte als KZ-Außenlager Warum das so ist, darüber machte sich unter anderem der Historiker Wolfgang Benz Gedanken und kam in einem 2007 von der OZ mit ihm geführten Interview zu dem Schluss: „Sich zur Vergangenheit zu bekennen, könnte, so glauben viele immer noch, in den Kommunen dem Image schaden oder dem Tourismus.“ Bereits seit Langem ist bekannt, dass in der Zeit von 1940 bis 1945 auf dem Darß und in Zingst insgesamt über 200 männliche und weibliche Häftlinge aus den Konzentrationslagern Neuengamme und Ravensbrück eingesetzt worden waren, wobei die Gaststätte „Borner Hof“ als KZ-Außenlager fungierte. Verantwortlich für den Einsatz der ­KZ-Häftlinge war der Borner Forstmeister und SS-Obergruppenführer Franz Mueller-Darß. Mehrere ­KZ-Häftlinge überlebten diese Zeit nicht, so wurden fünf Männer im Oktober 1944 bei einem Fluchtversuch erschossen. Ihre Gräber befinden sich am Rande des Borner Friedhofes. Die KZ-Häftlinge mussten unter schwersten Bedingungen Bäume im Darßer Wald fällen und in der ­SS-Meilerei Born schuften, andere Häftlinge wurden in Eiseskälte beim Schneiden von Schilfrohr eingesetzt. Und was findet sich auf der Hinweistafel vor dem „Borner Hof“? Nichts.
Statt dessen ist da unter anderem nachzulesen, dass hier Masken-, Schützen- und Tonnenbälle sowie Kinderfeste stattfanden. Aus Sicht von Ulrich Kasparick, Staatssekretär a. D. aus Berlin, ist es an der Zeit, dies zu ändern. Er ist Autor des Buches „Der Darß zwischen 1933 und 1945 – Eine Studie zur Regionalgeschichte im nördlichen Teil des ehemaligen Landkreises Franzburg-Barth“. Er recherchierte im Stadtarchiv Barth, im Pfarramtsarchiv Prerow sowie im Bundesarchiv Berlin und sprach mit Nicola Nibisch, Leiterin des Borner Forst- und Jagdmuseums, mit dem Borner Ortschronisten Holger Becker und Pastor Witte in Prerow. Auch in seinem privaten Blog setzt er sich mit der NS-Vergangenheit auseinander und verweist darauf, dass es über die Zeit zwischen 1933 und 1945 auf dem Darß bereits brauchbare Quellen gebe. Deshalb sei es aus seiner Sicht unverständlich, weshalb die Kommunen auf Fischland, Darß und Zingst „die Jahre zwischen 1933 und 1945 in ihren öffentlichen Darstellungen faktisch verschweigen. Es wäre aus meiner Sicht sehr angemessen, an wichtigen Orten jener Jahre, zum Beispiel am ’Borner Hof’, Gedächtnis- und Informationstafeln anzubringen. Die Dokumentation des Geschehenen ist dafür umfänglich und ausreichend.“ Solche Tafeln könnte man mit QR-Codes versehen, sodass besonders historisch interessierte Besucher mit ihren mobilen Endgeräten hier zusätzliche Informationen abrufen können, so Kasparick.
Gemeinde ist sich ihrer Verantwortung bewusst
Borns Bürgermeister Gerd Scharmberg betont, dass sich die Kommune ihrer Verantwortung bewusst sei. Aus diesem Grunde wolle man die Geschichte der Oberförsterei Born in der NS-Zeit und den Einsatz von KZ-Häftlingen von einem ausgewiesenen Historiker aufarbeiten lassen. Auch das Wirken der damals handelnden Führungspersonen, dazu gehöre vor allem Franz Mueller-Darß, solle beleuchtet werden. Die Kosten werden auf 25 000 Euro veranschlagt. Eine entsprechende Beschlussvorlage liegt den Gemeindevertretern in ihrer Sitzung am kommenden Mittwoch vor. Die Notwendigkeit, einen fachlich versierten Historiker mit dieser Aufgabe zu betreuen, „steht in engem Zusammenhang mit der Schaffung einer musealen Einrichtung in der Gemeinde, die sich inhaltlich mit der Geschichte der Forst und der Jagd auf dem Darß befasst“, heißt es in der Begründung der Beschlussvorlage. Im Übrigen sei es nicht so, dass in Born die NS-Zeit erst jetzt ein Thema sei, so Scharmberg abschließend. Er verweist etwa auf den Ortschronisten Holger Becker. Dieser habe im Laufe vieler Jahre umfangreiches Material zusammengetragen über die Geschichte von Born, auch und nicht zuletzt über die Zeit zwischen 1933 und 1945.
(Quellenangabe: Dr. Edwin Sternkiker in Ostsee-Zeitung, Ribnitz-Damgarten vom 09.10.2020, Seite 12)

Meta Zils und der SS-Mann Mueller-Darss in Born a. Darß

Meta Zils und der SS-Mann Mueller-Darss in Born a. Darß

Mueller-Darss hat sich persönliche Häftlinge gehalten. Sie mussten bei ihm im Forsthaus arbeiten. Eine davon hieß Meta Zils. Es gibt ein Foto von Meta Zils. Und Akten in den Arolsen-Archives, aus denen hervorgeht, dass ihr geschiedener Mann Karl Zils sie nach dem Kriege gesucht hat:

Franz Wegener hat noch mehr über sie herausgefunden. In seinem Buch „Barth im Nationalsozialismus“ (Gladbeck 2016) ist zu lesen:

„Eine der ersten Insassen des KZ Ravensbrück war Meta Zils, eine Zeugin Jehovas mit der Häftlingsnummer 442. Meta stammte aus einem kleinen Dorf, gelegen vor dem (heute polnischen) Zanow. Metas Tochter Gerda berichtet über ihre Kindheit und das Schicksal ihrer Mutter:
„Als die Verfolgung begann, war meine Schwester sieben und ich acht Jahre alt. Es verging keine Woche ohne eine Hausdurchsuchung. Manchmal kam die Gestapo auch öfter. Mir ist nicht bekannt, dass bei meinen Eltern irgendwann Literatur der WT-Gesellschaft (Wachturm-Gesellschaft, der Verlag der Zeugen) gefunden wurde …. meinen Vater hatte die Gestapo … verhaftet. Das muss Ende 1936 gewesen sein … Vom Verhör in Zanow kehrte (meine Mutter) nicht wieder zurück … Der Zeitpunkt, als meine Mutter mit drei weiteren Glaubensschwestern … als Außenkommando nach Born/Darß, zum Brigadeführer der SS Franz Mueller (dem damaligen Darßer Forstmeister und Revierverwalter) abkommandiert wurden, ist mir nicht bekannt. Die vier Schwestern mussten in ihren Sträflingskleidern hauptsächlich Wald- und Feldarbeit verrichten, ohne Bewachung. Untergebracht waren die vier Zeugen Jehovas in der Waschküche auf dem Gelände des SS-Brigadeführers, in der auch die Kartoffeln für die Schweine gekocht wurden, von denen sich die Schwestern hauptsächlich ernährten, wenn nicht Reste von der Küche übriggeblieben waren. (Beiliegen zwei Fotos, eins das Gebäude mit Waschküche, das zweite, das Gebäude, das der SS-Brigadeführer Mueller bewohnte und als Gästehaus von Naziführern, wie z.B. Hermann Göring, diente.) Meine Schwester und mir, war es durch die Initiative eines im Nachbardorf Bliesenrathe (Bliesenrade, Wieck a.d. Darß) wohnenden mutigen Bewohners möglich, unsere Mutter zweimal heimlich bei Nacht zu besuchen. Kurz vor Kriegsende durften alle vier Frauen nach Hause gehen. Meine Mutter legte in ihrer Sträflingskleidung einen Fußmarsch von ca. 300 Kilometern zurück, bis sie meine Großeltern und uns Kinder in die Arme schließen konnte. Doch 1946 wurden wir aus der Heimat vertrieben. Unseren Vater konnten wir erst 1947 wieder finden. Obwohl er vier Jahre im KZ-Buchenwald war, hat er zum Schluss des Krieges noch in Hitlers Armee gedient und hat schwer krank den Krieg überlebt … Dass wir während der Haftzeit unserer Eltern nicht in ein Heim gekommen sind und bei unseren Großeltern bleiben konnten, haben wir sicher Jehova zu verdanken. Der Polizist, der meine Mutter zum Verhör abgeholt hatte, legte Fürsprache für uns ein.“ (a.a.O, S. 161-163).

Aus den in den Arolsen-Archives aufbewahrten Such-Akten geht hervor, dass Meta Zils, geborene Krüger, am 11.8.1906 in Wandhagen, Kreis Schlawe in Pommern geboren wurde. Ihr Mann sucht sie im Jahre 1946 von Neviges (NRW) aus.

Wenn der SS-Mann Mueller-Darss mal wieder Staatsbesuch zur Jagd zu Gast hatte, wird er die Häftlingsfrau Meta Zils gar nicht wahrgenommen haben. Vielleicht hat er ihr gar untersagt, während des Besuchs der hohen Gäste im Forsthaus Born die Kartoffelküche zu verlassen. Meta Zils gehört zu den Born-Häftlingen, deren Namen wir mittlerweile wissen, deshalb soll sie hier in der Dokumentation ihren Platz finden.

SS-General Mueller-Darss und der Bundesnachrichtendienst


Man kannte ihn. „Sind Sie bei Ihren Recherchen zur frühen Geschichte des Bundesnachrichtendienstes auf Franz Mueller-Darss, den „Hundemüller“ gestoßen?“ hatte ich vor einiger Zeit Dr. Gerhard Sälter gefragt, der in der Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des BND maßgeblich mitarbeitet.

„Ja, wir kennen ihn. Es gibt mehrere Akten über ihn beim BND, darunter 2 Personalakten. Ich kann Ihnen sagen: Mueller-Darss war von 1948 zunächst im Dienste der Organisation Gehlen, dann bis 1966 im Dienste des BND“, so schrieb mir Dr. Sälter im September 2020.


Mueller-Darss gehörte zur Riege derjenigen, von denen im hier eingefügten Film von ARTE (2018) die Rede ist: https://www.youtube.com/watch?v=bjI5t2hKGD4&feature=share&fbclid=IwAR0JOPR9SNBQ3FBCMZhmPGsVNJ7hqgKHYXmfWlo9R-ZKFP8vLbBX7ZnX5fk

Generalmajor der Waffen SS. Franz Mueller-Darss. Lebenslauf anhand von Dokumenten

Generalmajor der Waffen SS.               Franz Mueller-Darss. Lebenslauf anhand von Dokumenten

DatumVorgangDokument
29. April 1890 * in Lindau, Landkreis Nordheim (Untereichsfeld) als Sohn eines Forstmeisters geboren BArchR1501/127660
1901 Eintritt in das Kadettenkorps in Ploonhandschriftlicher Lebenslauf von 1936 im Zusammenhang mit der Aufnahme in die SS, BArch R 1501
https://www.facebook.com/DarssGeschichte/photos/a.109516313782741/152024429531929
1905 Versetzung an die Kadettenanstalt Berlin-LichterfeldeHandschriftlicher Lebenslauf von 1936, BA R 1501
1910 AbiturAbiturhandschriftlicher und maschinenschriftlicher Lebenslauf
1932„Zur Partei gemeldet“. maschinenschriftlicher Lebenslauf in der SS-Personalakte, BArch.
1.5.1933Mitglied der NSDAP, Mitgliedsnummer 2.225.286auf allen Personalbögen in der SS-Personalakte vermerkt
1933Mitglied der SA; Führer der SA-Reiterstaffel in Born a. Darssmaschinenschriftlicher Lebenslauf in der SS-Personalakte
13. 5.
1934
Geburt des Sohnes Hubertus MuellerSchulbuch Born, in dem auch die Einschulung am 28.3.1940
https://www.facebook.com/DarssGeschichte/photos/a.109516313782741/155080292559676
Der Name Hubertus Mueller-Darss wird später im Jahre 1992 in einem Dokument der ILO (Organisation der UNO) über Internationale Forstwirtschaft wieder auftauchen und einer Beerdigungsanzeige aus dem Jahre 2007, in der er unterzeichnet hat.
4.4. 1936Antrag auf Aufnahme in die SShttps://www.facebook.com/DarssGeschichte/photos/a.1095163
13782741/151530252914680 ; BArch.
27.10.1936Mueller will offensichtlich beschleunigt in die SS aufgenommen werden. der vom 27.10.1936 an ihn adressierte Brief bittet ihn, Ariernachweis und andere Unterlagen so schnell wie möglich beizubringen, damit er wie gewünscht, zum November (übliches Eintrittsdatum) aufgenommen werden könne. vgl. https://www.facebook.com/DarssGeschichte/photos/a.109516313782741/152012989533073
9.11. 1936Aufnahme in die SS. Gleichzeitige erste Beförderung zum Untersturmführer. Mitgliedsnummer: 277.284sowohl NSDAP als auch SS-Mitgliedsnummern sind faktisch auf beinahe allen Schriftstücken der SS-Personalakte vermerkt und kehren ständig wieder.
https://www.facebook.com/DarssGeschichte/photos/a.109516313782741/399295754804794
28.10. 1937Mueller will offensichtlich zum Sicherheitsdienst (SD) der SS wechselnvgl. Anfrage, ob gegen eine Versetzung zum SD Bedenken bestehen in der SS-Personalakte Mueller-Darss; nach 1945 wird Mueller bei der Organisation Gehlen und dann beim Bundesnachrichtendienst anheuern (von 1948 – 1966); die Spur zum „Sicherheitsdienst“ beginnt im Jahre 1937.
https://www.facebook.com/DarssGeschichte/photos/a.109516313782741/399315804802789
9.10. 1937Mueller wird vor allem „im SD“ verwandtPersonalakte Mueller-Darss im Bundesarchiv. Interessant: das Dokument ist von „Prützmann“ unterzeichnet. Nach dem Krieg wird Prützmann Selbstmord begehen und Mueller-Darss wird Prützmanns Frau Christa heiraten. Offensichtlich bestanden enge Beziehungen zwischen Mueller-Darss und Familie Prützmann. vgl. auch https://de.wikipedia.org/wiki/Hans-Adolf_Pr%C3%BCtzmann
https://www.facebook.com/DarssGeschichte/photos/a.109516313782741/399354511465585/
1. 5. 1941Mueller wird in den Persönlichen Stab des Reichsführers SS, Himmler, übernommenSS-Personalakte, Bundesarchiv
https://www.facebook.com/DarssGeschichte/photos/a.109516313782741/399345294799840/
15.5.1942Mueller ist „Im Persönlichen Stab des RFSS Beauftragter für das Diensthundewesen“ und damit für alle Militär-, Polizei- und KZ-Hunde, inklusive Ausbildung der Hundeführer verantwortlichSS-Personalakte; Bundesarchiv, https://www.facebook.com/DarssGeschichte/photos/a.109516313782741/399424804791889/
19.10. 1943Mueller versucht zu verhindern, dass er zur Wehrmacht eingezogen wirdhttps://www.facebook.com/DarssGeschichte/photos/a.109516313782741/399374851463551/
21.12.1944die letzte Beförderung zum SS-Brigadeführer und Generalmajor der Waffen-SS SS-Personalakte Mueller-Darss; Bundesarchiv
https://www.facebook.com/DarssGeschichte/photos/a.109516313782741/151891216211917
1948 – 1960Mueller-Darss lebt in Hamburgim September 1949 gibt er in Hamburg „eine Erklärung“ ab in einem Verfahren, bei dem es um Umsiedlungspläne der Nazis ging. Dieses Dokument ist überprüft worden. Nach Auskunft des Einwohnermeldeamtes lebte ein Franz Müller-Darss von 1948 bis 1960 in Hamburg. Als Beruf habe er „Forstmeister in Ruhe“ angegeben. Offensichtlich fälscht er mittlerweile auch seine eigene Unterschrift, um Spuren zu verwischen. Der Beleg ist hier festgehalten: https://www.facebook.com/DarssGeschichte/photos/pcb.400004454733924/400002491400787/
18.6.1976Tod in Lenggries/Bad Tölz Bayern

Ausgewertet und überprüft wurde vor allem die SS-Personalakte Franz Mueller-Darss, die im Bundesarchiv eingesehen wurde. (BArch R 1501/127660). Einsicht und Auswertung weiterer Unterlagen für die Jahre nach 1945 beim BND (u.a. 2 Bände Personalakten) und beim BStU stehen noch aus. (Stand 4.10.2020, wird fortlaufend bearbeitet und aktualisiert)

Schatten im Schilf

Schatten im Schilf

Nebel im Schilf. Ich sehe Schatten gehen. Der Mond schmutziggelb im Dunst.
Die Tochter von Meta Zils kommt gegangen von Bliesenrade. Nachts geht sie durchs Schilf, duckt sich, versteckt sich, man hat ihr einen Pfad gewiesen hinüber zum Forsthaus. Dort schuftet ihre Mutter für den Forstmeister. Der ist bei der SS seit 1936. Und die Meta, die ist aus Ravensbrück.
Ich sehe Schatten gehen. Vergangenes. Siehst du, da gehen sie.
Da, am Kleinen Stern, da sehe ich die Kinder spielen im Schrott, den die SS hinterlassen hat. Görings „Leibstandarte“, wie man behauptet, dabei war es nur ein Wachbataillon. Man hat die Autos gesprengt mitten im Wald als der Krieg verloren war und von der zurückgebliebenen Munition hat noch ein Kind ein Auge verloren, als es damit spielte. Der Alte hat es mir erzählt.
Den seh ich als Jungen durchs Dorf gehen, hinüber in die „Grüne Hufe“, da hat man gewohnt in jenen Tagen.
Die Häftlinge aus dem „Borner Hof“ sind da an einem Haus zugange und mauern und werkeln, wie du sehen kannst. Die SS gleich daneben mit ihren scharfen Hunden, die überall im Dorf zu sehen und zu hören sind.
„Der war so scharf, der hat meiner Mutter die frische Wäsche zerrissen, wenn ein kleiner Wind wehte im Hof. Dem konnten wir das Fressen nur mit einer Stange zuschieben. Mein Vater hat ihn töten müssen, es ging nicht mit dem.“

Schatten im Schilf. Schatten im Wald.
Da kommen sie geritten.
Der Forstmeister Mueller und der Förster Mehl und der Beilhardt und der Kruse. Stecken die Köpfe zusammen und haben was zu reden.

Schatten im Wald.
Bunker im Wald.
Da haben sich Männer versteckt, die sind aus Peenemünde gekommen und von der Sundischen Wiese. Haben sich mit dem Forstmeister verabredet und wollen fliehen, als die Russen schon in Barth standen.
Der Fischer Becker wird ihnen ein Boot geben in der nebligen Nacht. Er hat ja seine Fischerei gleich unten am Forsthaus.

Nebel auf dem Bodden. Der Mond schwindsüchtig und schmutzig.
Die Männer rudern nachts.
Sie hatten sich versteckt im Wald. Zwei ihrer Bunker hat man gefunden später. Als die Jungs aus dem Dorf zusammen mit den „Kosaken“ auf dem Panjewagen ins Holz gefahren waren. Der eine davon hat noch Ärger gekriegt zu Hause, weil der Hirsch, den die Russen geschossen hatten, mit auf dem Wagen lag, gleich neben dem Jungen. Und der hatte nun die Haare voll von den Hirschläusen. Er hat mirs selbst erzählt.
Bei Ahrenshoop hat man später ein gestrandetes Landungsboot gefunden. Sie haben versucht, sich über die See abzusetzen Richtung Westen. Nur weg von den Russen.
Später findet man ihn wieder, den Forstmeister, den General der Waffen SS. Man findet ihn in Bayern. Aber da arbeitet er schon für den Bundesnachrichtendienst.

Schatten im Dorf.
„Die Tochter lebt ja noch“ höre ich vom Alten. „Von dem SS-Mann leben ja noch Enkel im Dorf“ sagt er auch noch. „Die reden da nicht so gerne drüber“ sagt er. „Wer dabei war, weiß es, redet aber nicht.“
Daher kommen die Schatten im Dorf.
Gespenster gehen durch die Gärten.
Nachts, wenn der schmutzige Mond übers Schilf gezogen kommt.
Weil nicht geredet wird. Dabei haben die Häftlinge mitten im Dorf gehaust. Der „Borner Hof“ war vergittert und eingezäunt, Hunde davor, Wachmannschaften in der oberen Etage. „Ich höre sie ja noch, wie sie morgens mit ihren Holzpantinen losgezogen sind und ihr Lied singen mussten“ sagt der Alte.
Russische Kriegsgefangene. Mussten Stubben sprengen im Wald. Das nach der Holzernte übrig gebliebene massive Wurzelwerk auf der Lichtung war so leicht nicht zu roden, man musste sprengen. „Manchmal haben sie schon gezündet, da war der Russe noch gar nicht weg vom Stubben. Da hat es Verletzte gegeben. Tote auch. Man hat sie beerdigt da in der Ecke auf dem Friedhof.
Vom SS-Mann Hans Kruse wird erzählt, er soll noch ins Grab gepinkelt haben bei der Beerdigung.“ Sagt der Alte.

Da schreit der Kranich im Schilf.
Das Schilf hat nichts vergessen, es hat diese Geschichten tief im Wurzelwerk eingeschlossen, wenn der Wind durchs Schilf gezogen kommt, hört man diese alten Geschichten.
Die Leute wollen nicht erinnert werden. Dass das alles mitten im Dorf passiert ist, das wollen sie nicht hören.
Sie wollen nicht erinnert werden, dass sie ihre Vorteile hatten vom SS-Mann im Forsthaus. Der hat ihnen Jagdrechte gewährt und andere Privilegien. Man hat ja auch profitiert von dem.
Aber das soll jetzt keiner wissen.
Das stört die Urlauber. Und vor allem die, die immer noch am Schilf wohnen.

Inzwischen sind vierzig Jahre Sozialismus im Dorf gewesen und dreißig Jahre Kapitalismus auch, die Leute reden vom Geld, fast nur noch vom Geld, die Häuser sind was wert heutzutage – aber über die alten Zeiten will man immer noch nicht reden. Siebzig, achtzig Jahre ist das nun alles her – aber geredet wird immer noch nicht. Deswegen gehen die Schatten durchs Dorf.

„Naja, die Männer waren weg, es gab viele junge Frauen im Dorf und die jungen SS-Männer am „Borner Hof“ waren schick in ihren schwarzen Uniformen, da hat sich so einiges getan. Nicht für immer, aber einige sind ja doch geblieben“ sagt der Alte. „Enkel von dem sind ja heute noch im Dorf“.
Da gehen die Schatten.

Es ist Winter geworden. Neue Häftlinge sind gekommen. In Wieck haben sie Schilf geschnitten, bis an die Knie im eisigen Wasser, in die Schuhe hatte man ihnen extra Löcher hineingeschnitten, damit auch ja das Eiswasser hineinlief.
In Zingst auch. Von Neuengamme sind sie gekommen. Die Frauen beim Forstmeister sind aus Ravensbrück. Sie müssen bei den Tieren schlafen.
Meta Zils hat das überlebt. Ihre Tochter hat sie besuchen können, nachts ist sie durchs Schilf gekommen von Bliesenrade, weil ihr einer den Weg gezeigt hat. Auch das hats gegeben.

Hedwig, das Findelkind.
Man hat sie in einem Fischerkahn gefunden. Ihre Eltern und Großeltern wurden in Ostpreußen erschossen. Das Kind blieb übrig. Die Eltern des Alten haben sie aufgenommen.
Hedwig hat sich die Pulsadern aufgeschnitten, da war sie achtzehn. Der Doktor war grad noch rechtzeitig da. Sie konnte seit jenen Tagen nicht ohne Zittern neben einem Russen sein. Heinz Michaelis hat sie geheiratet. Sie haben später an der Nordsee gewohnt.
Das Schilf bringt mir diese Geschichte herüber, der Alte hat sie mir erzählt.
Der Mond zieht schmutzig gelb hinter Regenwolken bei solchen Geschichten.
Und die Frau Kasten hat der Maria, so hieß die junge Häftlingsfrau wohl, die Frau Kasten hat der Maria, die da mit nackten Füßen in den Holzpantinen im kalten Oktober auf dem Feld Kartoffeln roden musste, was Warmes zu essen zugesteckt. Dafür hat man sie angezeigt im Dorf. So waren die Zeiten.

„Es ist nicht so, dass man die Familie Albitzius enteignet hat, wie immer behauptet wird. Den „Borner Hof“ werden sie so an die SS gegeben haben, waren ja selber in der NSDAP. Die Frau Kasten haben sie angezeigt, weil sie der Marie was Warmes zugesteckt hat. So war das“ sagt der Alte.
Und kaum hat er die Geschichte erzählt, versteckt die sich schon wieder im Schilf.
Sowas will keiner hören im Dorf.

Wenn ich heute durchs Dorf gehe, schreit mich dieses Schweigen an.
Hinter all den aufgedonnerten Häuserfassaden mit ihren Touristen-Türchen dröhnt das Schweigen. Ich laufe wie in dicker Milch, neblig, schwer voran zu kommen. Zähe, träge Geschichten drängen aus den Häusern, wenn man mal hinter die Fassaden schaut.
Die Menschen schweigen so dröhnend, sie sind regelrecht gelähmt davon, sie haben es nach 70 Jahren ja nicht mal geschafft, eine kleine Gedenktafel an den „Borner Hof“ anzuschrauben, dass hier KZ-Häftlinge gehaust haben. Nicht mal so ein Schildchen haben sie angeschraubt.
Sie wollen nicht erinnert werden und sie wollen nicht erinnern. Nein, sie wollen davon nichts hören.
Deshalb gehen nachts die Schatten.

„Der Polizist aus Wieck hat den wohl erschossen, wird erzählt“ sagt der Alte. Die Rede ist von einem der Häftlinge, die fliehen wollten. In einem Heuschober auf der Wiese hat man ihn gefunden. Irgendeiner der Hunde wird ihn wohl erschnüffelt haben. Dann haben sie ihn einfach abgeknallt und verscharrt. Von mehreren Fluchtversuchen ist die Rede im Dorf. Einen hat man sogar in Stralsund aufgegriffen, da war der Lagerleiter Wilhelm Plöger persönlich an der Verhaftung beteiligt. Über eine Woche war der Flüchtling unterwegs. Dann hat man ihn abgeknallt.
Wilhelm Plöger, der Lagerleiter von der SS. Der war ja auch liiert im Dorf. Die Tante vom Alten hat mit ihm gelebt.
Und seine Kumpels von der SS und von der NSDAP. Der Ernst Koppelmann und der Friedrich Wendland. Ein paar von denen sind in der Russenzeit nach Fünfeichen gekommen. Range, der Schwager von Koppelmann, hat das nicht überlebt – erzählt der Alte.
Den ersten Kommandanten hat er ja noch gekannt. Peter hieß der. Konnte deutsch. Kommandant Peter ging im Haus des Vaters ein und aus, denn der Vater war ja für die Verpflegung im Dorf zuständig geworden. Es gibt sogar ein Foto von diesem Peter aus Russland.

Wenn ich heute durchs Dorf gehe, höre ich noch immer die Hunde bellen.
Am Forsthaus waren die Zwinger, an der „Alten Bäckerei“, wie man heute sagt, ebenfalls. Mitten im Dorf waren die Käfige. Die SS hat diese Hunde trainiert, sie sollten Häftlinge töten lernen. Die Hundetrainer von der SS haben sich Häftlingslumpen angezogen, damit die Hunde lernten, wen sie zerreißen sollten. Der SS Mann im Forsthaus hat die ausgebildet, da war er schon im Persönlichen Stab vom Reichsführer SS, Heinrich Himmler. KZ-Wachhunde.

Schatten gehen durchs Schilf. Da steht das Haus im Moor. Häftlinge haben es gebaut. „Da wohnte einer in Zivil“, sagt der Alte. „Wenn der in die Stube kam, da standen die Leute schon stramm, da hatte der den Hut noch nicht mal abgesetzt. Irgendein hohes Tier von der Gestapo muss das gewesen sein.“
Das Haus im Moor steht heute noch.
Schatten im Schilf. Der Mond hängt schief und gelb und schmutzig über dem Bodden.
„Und bei Familie Tarn hat einer gewohnt, zu dem sagten sie nur „der Major“. Was der eigentlich gemacht hat, wusste auch keiner.“

Im Mai war der Krieg zu Ende. Einige wollten das im Juni immer noch nicht glauben. Nach dem Krieg verkrochen sich die Menschen in ihre Häuser. Ihre Geschichten haben sie im Schilf vergraben und im Moor versenkt. Aber das Schilf hat sie aufgehoben.

„Eine Entnazifizierung hats hier eigentlich nicht gegeben“ sagt der Alte. „Die SS war ja abgehauen, nur ein paar wenige waren noch da. Zwei, drei Leute kamen nach Fünfeichen, sind aber zurückgekommen. Der Lehrer Paul Treu hatte es schwer, denn der war ja der Chef der Schule hier und der war ja oft mit der SA-Uniform in die Schule gekommen. Nach dem Krieg war der ganz schön gekniffen“ sagt der Alte.
Übrigens, die Sache mit Peterssons Hof sei ja auch etwas anders gewesen, als man heute so hört. Nach Petersson habe der Hof nämlich einer Familie Willschky gehört. „Dieser Willschky war auch bei der SS“ sagt der Alte und es rauscht im Schilf.

Heinrich, der Landarzt.
„Der hatte anfangs, als die Russen kamen, ein bisschen Schwierigkeiten gehabt. Er war ja der Leibarzt vom Mueller-Darss.“ Aber auf den Heinrich lässt der Alte nichts kommen. „Der Heinrich, das war unser Lebensretter und unser Doktor“ sagt er. Man war angewiesen auf den Heinrich, wenn sich einer die Pulsadern aufgeschnitten hatte wie die Hedwig; oder wenn sich ein Kind das Auge rausgeschossen hatte beim Spielen mit Munition; oder wenn einer unter dem Baumstamm lag, weil der Stamm falsch gefallen war beim Fällen im Forst. Auf den Heinrich lassen sie nichts kommen. Man kann das verstehen. Er war ihr Lebensretter.

Man möchte gar nicht wissen, wie viele Revolver, Gewehre, Helme, Munition und anderes Gerät in den Bodden geworfen wurden in jenen Tagen, als die Russen kamen. Fotos wurden verbrannt, Uniformen auch, Fahnen sowieso.
Etliches hat man vergraben und vor allem hat man geschwiegen. Keiner wusste irgendwas.
Wenn einer was sagte, dann nur, wenn er ausdrücklich gefragt wurde. Und selbst dann sagte er nur, was man ohnehin schon wusste.

Das Schweigen dröhnt im Dorf. Jetzt wollen sie für sage und schreibe 25.000 Euro einen Historiker damit beauftragen, das alles aufzuschreiben, dabei haben schon die wichtigsten Historiker aufgeschrieben, was über das KZ-Außenlager in Born zu sagen ist. Da gibt’s nichts Neues aufzuschreiben. Man will nur Zeit gewinnen. Man will jetzt nicht eine Gedenktafel an den „Borner Hof“ schrauben, das sei alles „übereilt“ und „viel zu schnell“ und all das. Ein Historiker soll also aufschreiben, was längst bekannt ist.
Und die eigentlichen Geschichten, die Geschichten aus dem Schilf, die weiß man selber, man muss nur die Alten endlich fragen.
Und die müssen endlich den Mund aufmachen. Viel Zeit haben sie nicht mehr.

Solange sie nicht reden, hängt der Mond schief und schmutzig über dem Bodden und der Wind rauscht durchs Schilf.
Und die Schatten gehen durch das Dorf. Nachts.