Jochen Klepper und Herr Kubitschek. Oder, weshalb die Neue Rechte versucht, den Kirchenlieddichter Klepper „als einen von uns“ zu reklamieren

Jochen Klepper und Herr Kubitschek. Oder, weshalb die Neue Rechte versucht, den Kirchenlieddichter Klepper „als einen von uns“ zu reklamieren

Götz Kubitschek unterhält sich mit Erik Lehnert über Jochen Klepper. Man kann das auf dem youtube-Kanal von Schnellroda unter dem Datum 3. 2. 2021 sehen. Die Sache dauert etwa 1 Stunde und 45 Minuten.
Worum es geht, erfährt man im letzten Satz des Videos: „Es ging uns mit diesem Beitrag darum, Klepper als einen von uns zu reklamieren“ sagt Erik Lehnert, der Geschäftsführer vom „Institut für Staatspolitik“, das seit 2020 vom Verfassungsschutz als Verdachtsfall eingestuft ist und entsprechend beobachtet wird.

Die Sache hat mich interessiert, weil ich gerade über Jochen Klepper, dessen Lieder mir seit Kindertagen vertraut sind, recherchiere und ein literarisch-musikalisches Programm vorbereite, das auch jüngeren Zeitgenossen diesen wichtigen Dichter nahebringen soll. Also hab ich mir die knapp zwei Stunden Video aus Schnellroda angetan. Und hab mich hinter gefragt, was die Sache soll? Man gibt sich belesen beim Schnaps aus Wilthen, hält das eine oder andere Buch in die Kameras; wenn es um Kriegstagebücher geht, gleich mehrere – und man endet damit, das Ganze habe deshalb stattgefunden, um Jochen Klepper „als einen von uns zu reklamieren“. Das kommt zwar erst als exakt letzter Satz, war aber von Anfang an klar. Was also soll das Ganze?


Denn Klepper war sicher national eingestellt, auch hatte er eine „Achtung vor dem Heer“, auch er hielt „Versailles“ für erniedrigend, wie es bei vielen insbesondere unter den Protestanten damals war, selbst bei solchen, die aktiv am Attentat gegen Hitler gearbeitet haben, anfangs sogar bei deutschen Juden, insbesondere bei den Weltkriegsteilnehmern.
Aber eines war der Jochen Klepper ganz gewiss nicht: ein völkisch denkender, rassistisch argumentierender Mensch. Ganz gewiss war er kein Kumpan von Herrn Kubitschek und Herrn Lehnert, davon zeugt seine Biografie mehr als überdeutlich.
Vielmehr hat sich Klepper das Schicksal der Juden zu eigen gemacht, er war verheiratet mit einer deutschen Jüdin, hatte deren Töchter Brigitte (geb. 1920) und Renate (geb. 1922) als Stieftöchter angenommen. Er hat, als die Repressionen gegen ihn zunahmen, abgelehnt, als seine Frau sich von ihm scheiden lassen wollte, „um seine Arbeit nicht weiter zu behindern“ und ist sehr bewusst bei ihr geblieben, bis in den Tod übrigens.
Nein, Klepper ist das Gegenteil eines rassistisch und völkisch denkenden Menschen, dazu war er viel zu unpolitisch, wie er selber ja immer wieder betont hat. Aber er war ein sehr wacher Geist.
Als die Olympiade im August 1936 in Berlin stattfand, hat der hochsensible Dichter Klepper statt der kraftstrotzenden Sportlerinnen und Sportler der Völkisch-Nationalen „Tote durch das Brandenburger Tor“ laufen sehen, wie es sein Freund Reinhold Schneider betroffen bemerkte, als er Kleppers „Olympische Sonette“ las. (vgl. dazu die ausgezeichnete Dissertation von Martin Wecht „Jochen Klepper. Ein christlicher Schriftsteller im jüdischen Schicksal. Düsseldorf und Görlitz 1986, S. 107 ff).
Und als die Olympiaglocke Mitte August 1936 zum Ende der Olympiade läutete, hörte Klepper „die Totenglocke Europas“ läuten, weil er sah, worauf das Ganze hinauslaufen würde, auf einen totalen Krieg nämlich, den hat er schon 1935 sehr wach kommen sehen.

Es kann auch überhaupt keine Rede davon sein, dass Klepper im „Vater“ „das Preußentum“ schlechthin verherrlicht habe, wie Lehnert und Kubitschek suggerieren, „Lieber Himmel, des „Vaters“ Regierung ist Kritik, nicht Verherrlichung des Heutigen“ notiert er in sein Tagebuch am 16. 1. 1934 (vgl. Wecht 83).

Was die beiden mit ihrem Schnapsglas in der Hand zum Verhältnis Kleppers zur „Bekennenden Kirche“ zu sagen haben, trifft ebenfalls nicht zu. Klepper hat die „Bekennende Kirche“ nicht bekämpft; er hat sie nicht zum eigenen Anliegen gemacht, er war kein Mann der „Bekennenden Kirche“, weil er einzelne Repräsentanten dieser innerkirchlichen Bewegung als zu laut und zu „aktivistisch“ fand, das war seine Sache nie; er las allerdings ihre Zeitschrift „Junge Kirche“. Seine Kritik an der BK war, sie käme „über den politischen Impetus nicht hinaus“ und wisse „wenig von der Bibel“. Das wars dann aber auch schon so ziemlich mit der Kritik. Nein, Klepper hielt sich für einen unpolitischen Menschen, wie im Tagebuch mehrfach bezeugt ist; er hielt nichts von lauten und „aktivistischen“ Menschen. Er war ein stiller, sehr wacher und aufmerksamer Mensch.
Einen, den die „aktivistischen Menschen“ von der national-sozialistischen Ecke auf der Liste hatten. Sie haben ihn schikaniert, haben ihm gekündigt, haben seine Arbeit behindert und haben ihn und seine Familie schließlich in den Tod getrieben.

Bleibt also die Frage, was die Herren Kubitschek und Lehnert mit ihrem seltsamen Video bezwecken?
Sie versuchen, Menschen, die in ihrem Denken dem Denken von Kubitschek/Lehnert diametral entgegengesetzt waren, „als einen von uns“ zu reklamieren. So hat man es schon unverschämterweise mit den Geschwistern Scholl getan, so hat man es mit der Kommunistin Rosa Luxemburg getan (man zitiert von ihr immer gern „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“).
Und nebenher will man vor allem Kriegstagebücher verkaufen, die man deshalb im Video auch ausführlich und breit in die Kamera hält; der Herr Kubitschek betreibt ja schließlich eine „Versandbuchhandlung“.

Interessanter Weise gehen die beiden Herren mitsamt ihren Schnapsgläsern auf den eigentlichen Kern der Klepperschen Dichtung, die Lieder nämlich, nur ganz zum Schluß und eher am Rande ein. Sie können einfach nichts anfangen mit Versen wie

Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern.
So sei nun Lob gesungen
dem hellen Morgenstern!
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.

Etwas aus meiner Werkstatt


Internet bedeutet für mich: täglich dazu lernen. Ich bemühe mich schon etliche Jahre, so einigermaßen auf dem Laufenden zu bleiben, aber die Möglichkeiten des Netzes sind so enorm gewachsen, dass ich gar nicht mehr hinterher komme.
Selbstverständlich nutze ich schon seit langen Jahren facebook, twitter, früher auch mal google+, instagram und pinterest, blogge, nutze soundcloud, youtube und all die neuen Möglichkeiten.
Aber dass ich jetzt meine Manuskripte von zu Hause aus sowohl als print als auch als ebook zur Verfügung stellen und dafür e-publishing samt seiner interessanten Vertriebswege nutzen kann, das ist schon eine prima Sache, dass muss ich schon sagen. Ich bin ja schließlich mal in einem Land auf die Welt gekommen, in dem man sich alles was länger als 20 Zeilen war, vom Staat genehmigen lassen musste – das bedeutet allerdings auch tägliches Weiterlernen. Learning by doing. Formatieren, layouten, produzieren lassen – all das.  Aber was für großartige Möglichkeiten gerade für ehrenamtlich Engagierte, für Vereine, für Kirchgemeinde, für Kulturinitiativen sich dadurch ergeben! Ich bin immer noch begeistert.

Diejenigen, die beruflich in der Branche epublishing arbeiten, werden müde lächeln, wenn sie meine Zeilen lesen, ich bitte um Nachsicht, aber für mich sind das schon wichtige Entdeckungen, wenn ich zum Beispiel die Autorenseite bei #amazon entdecke. Oder wenn ich sehe, mit welchem großen Vertrieb #epubli arbeitet. Schließlich mache ich diese Sachen nicht beruflich.

Jedenfalls geht es mir immer noch so, daß ich mich täglich daran freue, was das Internet für überaus praktische Dinge für einen bereit hält und nutze sie gern.  Und: dazulernen hat noch niemandem geschadet.

Besondere Menschen. Eine Erinnerung an Klaus-Peter Hertzsch


Für mich ist er einer dieser wenigen besonderen Menschen, die einem im Leben begegnen.
Dieser zierliche, beinahe blinde kleine Mann mit den von Krankheit gezeichneten Händen und der zarten Jungen-Stimme.
Als mich gestern die Nachricht von seinem Tode erreichte – tauchten sofort Bilder auf. Bilder aus vergangenen Tagen, über ein Vierteljahrhundert liegen sie zurück und sind doch so gegenwärtig. Das Studium an der Friedrich-Schiller-Universität im schönen thüringischen Städtchen Jena unter den Bedingungen der Diktatur. Ich war von Naumburg gekommen, um bei ihm zu lernen.
Er hatte „etwas zu sagen“, etwas von der Sprache und etwas von der Hoffnung.
Als erstes kam die Erinnerung an seine zierliche Gestalt und die große Brille, die er brauchte, wenn er mal – was selten vorkam – etwas ablesen musste. Meistens sprach er auswendig. Sein phänomenales Gedächtnis habe ich immer bewundert. Egal, welches Lied angestimmt wurde – er konnte es auswendig. Früh schon hatte ihn seine Augenkrankheit gezwungen, zu improvisieren. Lesen war schlecht – aber auswendig lernen, das war möglich.
Und dann war da seine Stimme. Diese stets lächelnde, beinahe verschmitzte, oft hintergründige, zarte Stimme.
Wenn er ans einfache Pult trat im größten Raum der „Sektion Theologie“, wie das damals noch hieß, der überfüllt war von Menschen, die die Professor-Ibrahim-Straße aus der dunklen Stadt hinaufgestiegen waren, um ihm zu lauschen, wenn er vortrug. Ging da ans Pult, rückte mit der linken Hand die große Brille zurecht, schwieg einen Moment und begann. Und vom ersten Moment an hatte er uns gepackt, ergriffen, angefasst, berührt.
Vorlesungen über Literatur, die selbst Literatur waren. Gesprochenes Wort, Rede. Ja. Und doch druckreif. Erzählend, packend auch, heiter nicht selten und immer eröffnend. Eine Welt ging mir auf und nicht nur mir, das weiß ich von vielen, die bei ihm auch gelernt haben.
„Schattenland. Ströme“. Johannes Bobrowski und Max Frisch, Christa Wolf und andere. „Unsere Sprache ist klüger als wir“. „LTI“ von Klemperer haben wir gelesen – und daneben lag das „Neue Deutschland“. „Achtet auf die Sprache!“
Die Welt des in Verantwortung gesprochenen Wortes, die er hat er zugänglich gemacht, hat die Türen dahin geöffnet und die Ohren aufgeschlossen für DAS WORT, um das es ihm in allem, was er schrieb und sprach, immer zu tun war.
Erzählkurse gehörten zur Ausbildung. Wir sollten erzählen lernen. Ins gemütliche Dörfchen Tautenburg sind wir gefahren, um zu wandern, gemeinsam zu essen und – erzählen zu lernen.
Und: „Wenn es Ihnen schon möglich ist: legen Sie ihr Manuskript beiseite. Predigt ist Rede, nicht Lese……“
Weshalb wir erzählen lernen sollten?
Seine Antwort: „die angemessene Form, sich dem Geheimnis zu nähern, ist die Erzählung“.
Das war eine Theologie, die mich im Kern berührt hat, dazu hatte ich unmittelbaren Zugang. Das Buch der Bücher erschloss sich auf ganz neue Weise, wurde zum Lehrmeister, zum begehrten Studienobjekt.
Vielen anderen ging es ebenso.

Nun ist er gestorben. Prof. Dr. Klaus-Peter Hertzsch. Ein großer Lehrer. Ein Stiller im Lande, auf den man aber gehört hat, der geprägt hat, der Hoffnung gegeben hat, der uns hingewiesen hat auf die Große Hoffnung, auf die wir zugehen. Nicht nur im kleinen Thüringen, sondern in ganz Deutschland und weit darüber hinaus.

Bei youtube gibt es eine kleine Dokumentation über Ausschnitte aus seinem Leben. Darin sagt Klaus-Peter Hertzsch: „Es ist schön, wenn man einem sterbenden Menschen sagen kann: Auf Wiedersehen. Das ist tragender Glaube.“

Ich sage das nun: „Lieber Professor Hertzsch, ich bin sehr dankbar, dass wir uns begegnet sind. Und ich bin dankbar dafür, dass wir einen für mich sehr wichtigen Abschnitt unserer Lebenswege gemeinsam gegangen sind. Auf Wiedersehen.“

Die Weisheit der Sprache


Sonnenaufgang in der Uckermark
Sonnenaufgang in der Uckermark

Die Sprache, die ich nutze, ist älter als ich. Sie ist reich, birgt altes Wissen der Generationen, die vor mir gelebt haben. Diese Erfahrungen sind in Worte geronnen. Manche sind sehr alt.
Die Sprache beherbergt Erfahrungen, auf die ich neugierig bin.
Deshalb denke ich ihr nach, höre ihr nach, spüre ihr nach, bin auf Entdeckungsreise.
In aller Herrgottsfrühe“ war da heute einer aufgestanden, so stand es bei facebook zu lesen.
Ich sehe nach und finde: „Die Bezeichnung „Herrgottsfrühe“ kann sich auf Gott als dem Geber und Herrn der Zeit beziehen, oder aber es handelt sich um einen Hinweis auf das Läuten der Glocke zur Frühmesse „. (www.redensarten-index.de).
Gott als der Geber und Herr der Zeit.
Altes Wissen birgt sich da im Wort.
Alte Erfahrung.
Weitergegeben von Generation. Eingewurzelt nun in unserer Sprache. Damit diese Erfahrung nicht verloren geht.
Das Wort „Gott“ ist selbst eher eine Verdunkelung, denn eine Erklärung, weshalb ich es hier unerklärt stehen lasse, wie einst die Hebräer das Wort JHW. Wichtiger ist mir, was von ihm ausgesagt ist:
nicht wir, sondern „er“ (oder „es“, oder „sie“) ist Geber der Zeit.
Das ist die alte Erfahrung: ich kann meinem Leben nicht eine Sekunde hinzufügen. Leben ist Geschenk.
Alle, die glauben, man könne Leben „verlängern“, irren grundsätzlich.
Wir sind nicht die Herren der Zeit, die uns gegeben ist.
Wer sich morgens, in einem Urlaub vielleicht, die Freude bereitet, einen Sonnenaufgang still zu beobachten, den Moment, in dem ein neuer Tag geboren wird, kann eine Ahnung vom Gemeinten ergattern.
Wenn man ganz still nur beobachtet.
Nicht kommentiert.
Nur wahrnimmt.
Es lohnt sich, hinterher einmal aufzuschreiben, was man da eigentlich genau wahrgenommen hat.
Geschenkte Zeit.
Jochen Klepper dichtet 1937, die Nazis waren schon 4 Jahre an der Macht und glaubten, sie seien nun die Herren:

Der du die Zeit in Händen hast

1. Der du die Zeit in Händen hast, Herr, nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen.
Nun von dir selbst in Jesus Christ die Mitte fest gewiesen ist, führ uns dem Ziel entgegen.

2. Da alles, was der Mensch beginnt, / vor seinen Augen noch zerrinnt, / sei du selbst der Vollender. / Die Jahre, die du uns geschenkt, / wenn deine Güte uns nicht lenkt, / veralten wie Gewänder.

3. Wer ist hier, der vor dir besteht? / Der Mensch, sein Tag, sein Werk vergeht: / Nur du allein wirst bleiben. / Nur Gottes Jahr währt für und für, / drum kehre jeden Tag zu dir, / weil wir im Winde treiben.

4. Der Mensch ahnt nichts von seiner Frist. / Du aber bleibest, der du bist, / in Jahren ohne Ende. / Wir fahren hin durch deinen Zorn, / und doch strömt deiner Gnade Born / in unsre leeren Hände.

5. Und diese Gaben, Herr, allein / lass Wert und Maß der Tage sein, / die wir in Schuld verbringen. / Nach ihnen sei die Zeit gezählt; / was wir versäumt, was wir verfehlt, / darf nicht mehr vor dich dringen.

6. Der du allein der Ewge heißt / und Anfang, Ziel und Mitte weißt / im Fluge unsrer Zeiten: / bleib du uns gnädig zugewandt / und führe uns an deiner Hand, / damit wir sicher schreiten.

Lebenszeit.
Geschenkte Zeit.
Ich bin dankbar für jeden neuen Tag, der mir geschenkt wird.
Am klarsten fühle ich diese Dankbarkeit in aller Herrgottsfrühe, wenn der Tag noch klar und jung und unbenutzt vor mir liegt.

Ein Dank an Juli Zeh und Illija Trojanow


Juli Zeh und Illija Trojanow ist für die internationale Initiative der Schriftsteller gegen den Überwachungsstaat zu danken.
Die Initiative hat ein breites Medienecho gefunden, die Diskussion geht weiter. Das ist gut und wichtig.
Iris Radisch von der ZEIT kann man zustimmen, wenn sie meint, dieser Aufruf zeige „eine Internationale der Schriftsteller, wie es lange keine mehr gab“. Auch ist ihr Hinweis auf Jean-Paul Sartre, Albert Camus und Stèphane Hessel berechtigt.
Allerdings weist Iris Radisch zu Recht darauf hin, dass der Aufruf „keinen Adressaten“ habe. Zwar wird an die UN appelliert, eine entsprechende „Konvention“ zu verabschieden, aber selbst dieses bleibt eher im Ungefähren.
Dem Aufruf fehlt die Konkretion.
Im Moment ist die Beobachtung sicher nicht ganz unberechtigt, dass es in den Parlamenten für das Anliegen an wirksamer Unterstützung fehlt. Zwar gibt es hinreichend allgemeine Erklärungen, dass „man“ sich um den Schutz der Bürgerrechte kümmern „müsse“, Konkretionen jedoch fehlen.
Allerdings konnte man im amerikanischen Parlament erleben, dass es davon Ausnahmen gibt. Dort wurde der Versuch unternommen, die „Dienste“ unter eine strenge parlamentarische Kontrolle zu zwingen, indem man ihnen das Geld kürzt.
Nur wenige Stimmen fehlten der notwendigen Mehrheit für diesen Antrag. Ein Achtungserfolg. Immerhin.
Die NSA war dermaßen alarmiert über jenen politischen Angriff aus dem Parlament, dass der Chef der NSA, Keith Alexander, persönlich im Parlament erschien, um das aus seiner Sicht „Schlimmste“ zu verhindern.
Ein Signal dafür, das die Initiative genau richtig war.
Was fehlt, ist ein internationales Bündnis von entschlossenen Abgeordneten, die über die Haushaltsausschüsse ihrer Parlamente die Angelegenheit nun konkret in die Hände nehmen.
Denn die Finanzierung ist das einzige Argument, das die Dienste sofort verstehen.
Allgemeinen Absichtserklärungen gegenüber sind sie immun, wie man in der Vergangenheit oft beobachten konnte.
Bitten um Auskunft über ihre Tätigkeiten wimmeln sie mit allgemeinen Papieren und vernebelnden Erklärungen ab.
Sie rücken an Informationen nur heraus, was sie herauszugeben bereit sind.
Längst dominieren die Dienste die Politik, längst sind die Diener zu Herren geworden.
Die entscheidende Frage ist, wer in der Lage sein könnte, sie wieder in ihre Schranken zu weisen.
Mutige Abgeordnete könnten das, wenn sie von ihrem stärksten Recht Gebrauch machen.
Ihre stärkste Waffe sind die Haushalte, die Parlamente haben das Haushaltsrecht.
Es ist noch ein weiter Weg zu gehen bis dahin, darüber braucht man sich nicht täuschen.
Was aber nicht bedeutet, dass man ihn nicht gehen kann.
Deshalb gebührt Juli Zeh und Illija Trojanow Dank dafür, dass sie gemeinsam mit ihren internationalen Schriftstellerkollegen den ersten Schritt gegangen sind.
Weitere müssen folgen.

Glut unter der Asche – etwas vom 17. Juni


Vom 17. Juni 1953 weiß ich aus Erzählungen. Ich kam erst vier Jahre später zur Welt, wurde hineingeboren in die Diktatur.
Mein Vater war ein junger Mann damals 1953 und lebte in Halle an der Saale. Er erzählte oft, wie am 17. Juni die „Genossen“ ihre Parteiausweise und andere Dokumente aus den Fenstern der SED-Kreisleitung warfen, weil sie Angst hatten. Angst vor dem Volk, als dessen Vertreter sie sich doch immer ausgaben.
„Mit Panzern kannst du nicht diskutieren“. Diesen Satz lernten wir Kinder von den Eltern. Jene Panzer, die am 17. Juni einen Aufstand niederschlugen, der mit einer Demonstration um bessere Löhne im Baugewerbe begonnen hatte. „Mit Panzern kannst du nicht diskutieren“ – aber du kannst dennoch einen anderen Weg gehen, als den, den sie mit ihren Panzern erzwingen wollen.
Diesen Weg gingen wir: weder bei den Pionieren, noch bei der FDJ, in keinem Armeelager, bei keiner Wahl.
Wir beteiligten uns nicht.
Dieser Weg war möglich, wenn er auch einen hohen Preis verlangte.
Wenn die Kanzlerin heute vor laufenden Kameras meint, es habe keinen anderen Weg gegeben, als in der FDJ zu sein, dann ist das falsch.
Es gab einen anderen Weg.
Allerdings gehörte ein wenig Mut dazu, ihn zu gehen. Die Stärkung durch Gleichgesinnte und der Schutz der Familie waren ebenso nötig.
1953 schien es, als seien nun die letzten Hoffnungen auf ein demokratisches Gemeinwesen im Osten Deutschlands begraben worden unter den Ketten der russischen Panzer.
Aber es schien nur so.
Denn da war Glut unter der Asche.
1968 kam der Prager Frühling. Dubcek versuchte den „dritten Weg“. Hoffnung keimte auf.
Wieder schickte die „Diktatur des Proletariats“ die Panzer und begrub die Hoffnung unter ihren Ketten.
Es wollte scheinen, als wenn die Diktatur ewig wären und ziviler Ungehorsam erfolglos bleiben würde.
Aber es schien nur so.
Denn im Januar 1988 gab es da diese Demonstration in Berlin, bei der einige wenige an die „Freiheit der Andersdenkenden“ erinnerten und dabei ausgerechnet Rosa Luxemburg zitierten, jene Unangepasste, die von der Obrigkeit doch so gern vereinnahmt und für ihre Zwecke benutzt wurde. ….
Die Verhaftungen jener Demonstranten führten zu „Fürbittandachten für die zu Unrecht Inhaftierten“, ich war schon Jugendpfarrer damals in der schönen Universitätsstadt Jena.
Wir waren mit die Ersten, die mit jenen Andachten anfingen, aus denen später die „Friedensandachten“ wurden. Wir saßen in der kleinen Sakristei der Jenaer Stadtkirche anfangs und ich lies Wolf Biermanns „Du lass dich nicht verhärten“ singen – draußen stand die Polizei vor der Kirche und registrierte jeden Besucher. Als Qelle für den Text hatte ich „volkstümlich“ drunter geschrieben…..
Auch hatte die Staatssicherheit etliche Beobachter in die Andachten geschickt, bei denen wir die neuesten Informationen aus Berlin auswerteten und uns überlegten, wie wir handeln könnten. Diverse umfängliche Akten zeugen davon.

Da war Glut unter der Asche.
Eine neue Generation war herangewachsen.
Die Kinder derer vom 17. Juni 1953.
Viele von ihnen wollten das Land verlassen. Oft waren es die Aktivsten, die sich der Diktatur nicht beugen wollten. Viele wollten „raus“, weil sie Freiheit und persönlichen materiellen Wohlstand wollten. Wir haben das kritisiert, empfanden es als Flucht vor der Verantwortung.
Es gab aber auch jene, die ans Schwarze Brett der Universität schrieben: „Ich bleibe hier. Du auch?“ Wir gehörten zu denen, die blieben, weil sie im Lande ihre eigentliche Aufgabe sahen.
Wir wollten einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, einen „dritten Weg“ zwischen dem zerstörerischen Kapitalismus des Westens, seinem billigen Materialismus und jener Diktatur in der wir groß geworden waren. Wenn man die Programme der Reformgruppen der Wendejahre heute liest fällt dieses auf: alle wollten sie einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz, einen „dritten Weg“.
Glut unter der Asche.
Später hat ein Kollege mal sarkastisch gemeint, als wir über diesen Fakt sprachen: „Das Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung sammelt auch Illusionen……“

Aus den „Friedensandachten“ wurden Demonstrationen. Denn die Menschen mussten ja nach den Andachten irgendwie wieder nach Hause kommen.
Die Zahlen der Menschen in den Andachten stiegen rapide, denn die Andachten waren der einzige Ort, wo man seine Fragen, Sorgen und seine Kritik loswerden und aussprechen konnte.
Auf ihrem Weg nach Hause wurden die Menschen mutiger, schrieben eigene Transparente, wurden politischer, wurden lauter.
Aus Friedensandachten wurden Demonstrationen.
Am Ende fiel das System in sich zusammen.
Ein Stasi-Offizier brachte es auf den Satz: „Wir hatten mit allem gerechnet, aber nicht mit euren Kerzen…..“

Das bringen die Ostdeutschen mit: die Erfahrung, daß eine ewig geglaubte Staatsform über Nacht verschwinden kann.
Als die Diktatur begann, ihre innere Hohlheit mit religiöser Sprache zu verbrämen – man sprach von „ewiger Freundschaft zur Sowjetunion“ – machten uns wache Menschen wie Professor Klaus-Peter Hertzsch auf diese wichtige Änderung in der Alltagssprache aufmerksam und deutete sie als Zeichen des Verfalls. In Erinnerung an die LTI, die „Sprache des Dritten Reiches“, die von Victor Klemperer so ausgezeichnet untersucht worden ist.
Wir waren vorbereitet.
Die Sprache zeigte, daß das System fallen würde.
Wir wußten nicht, wann, aber wir wußten: es würde fallen. Denn es war innerlich ausgebrannt und hohl. Den Gerontokraten, wie man die Mitglieder des ZK in jenen Tagen nannte, ging es nur noch um Machterhalt. Es war nur noch eine Frage der Zeit.
Dann ging alles ziemlich schnell in jenen verrückten Tagen im Herbst 89.
Und am Ende war da eine Flamme zu sehen, angeblasen von einem frischen Wind, der durch das Land zog.
Die Glut unter der Asche flammte neu auf, wurde zum Signal, das die Diktatur hinwegfegte.
Die Panzer blieben in den Kasernen…..

Es hat mehr als eine Generation gedauert vom Juni 1953 bis zum Herbst 1989.
Auch das ist eine Erfahrung, die Ostdeutsche mitbringen: manches dauert – und führt doch zum Ziel.
Und dann, eines Tages, wenn „die Zeit reif“ ist, wie wir damals sagten, dann kann es sehr schnell gehen.
Wir haben erlebt, wie die Regierung zusammenbrach und sich auflöste, wie die Ministerien verschwanden, sogar das für allmächtig gehaltene Ministerium für Staatssicherheit.
Wir haben erlebt, wie die, die noch vor wenigen Stunden in Staatskarossen unter strengem Schutz durch’s Land reisten, um sich bejubeln zu lassen, verschwanden wir ein Schatten an der Wand.

Ich sehe seither Regierungsprogramme, Vorhaben, das Land zu erneuern, nun endlich „alles ganz anders zu machen“ unter dem Blickwinkel dieser Erfahrung: Politik ist vorläufig.
Über Nacht können sich Bedingungen radikal verändern, die man für „ewig“ gehalten hatte.

Deshalb ist es hilfreich, sich an den 17. Juni und sein Ende im Herbst 89 zu erinnern.
Denn die Mächtigen sind, so lehren es jene Tage, nur „ein Schatten an der Wand“.
Manchmal genügen ein paar Kerzen und sie sind nicht mehr…..

Gelassenheit. Eine Erinnerung


Der Erfurter Meister Ekkehart (1260-1328) hat das Wort von der Gelassenheit geprägt und die deutsche Sprache um dieses schöne Wort bereichert.
Gemeint ist: Gegründet sein. Seinen Ort gefunden haben, ein-gelassen sein. Verbunden sein mit dem Grund, der alles trägt.
Gelassenheit ist eine rare Tugend in Zeiten wie unseren, die von täglich neuer Aufregung geprägt sind.

Meine Erinnerung geht an einen Ort, an dem Gelassenheit anschaulich geworden ist. Volkenroda bei Meiningen.
1131 wurde jener Ort von ein paar Männern gegründet, die ihrem Zeitgeist widersprochen und Mönche geworden waren – Zisterzienser.
Sie wollten nicht länger vom Ertrag des Zinses, von der Rendite des Geldes, sondern von ihrer Hände Arbeit leben.
Deshalb gründeten sie die Klöster ihrer Lebensgemeinschaft abseits von den aufstrebenden Städten, in denen die reichen Händler lebten; weit draußen auf dem Lande, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen.
Jene Orte des Protestes gegen den Zeitgeist wurden jedoch über die Jahrhunderte Stätten der Kultur, der Gelassenheit, der Gesundheit.
Denn die Wurzeln, die sie tief in die Erde trieben und die Äste, die sie dem Himmel entgegenstreckten waren so kräftig und gesund, daß über die Jahrhunderte hinweg Menschen in ihnen Orientierung und Halt fanden.
Die Menschen kamen und suchten diese besonderen Orte auf. Denn es waren Kraft-Orte. Orte der Orientierung in orientierungsloser Zeit.
Orte der Verwurzelung in einer entwurzelten Gesellschaft.
Orte, an denen Gelassenheit erfahrbar wurde.

Thomas Müntzer hat 1525 mit seinen kriegerischen Bauern jenen alten Ort weitgehend zerstört.
Alle Versuche, den Ort wieder herzurichten, blieben erfolglos.
In den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war der Ort praktisch nur noch eine vermüllte Ruine.

Heute jedoch, zwanzig Jahre später, lebt der Ort, der auf der EXPO 2000, der Weltausstellung, die Aufmerksamkeit der Welt auf sich lenkte.
Denn auf der EXPO wurde jener „Christus-Pavillon“ zum ersten mal gezeigt, der nun in Volkenroda neben der alten Kirche der Zisterzienser ein Zentrum der ganzen Anlage geworden ist.
Gelassenheit.
An diesem Ort kann man sie finden.
Der Ort selbst spricht mit seiner Geschichte das Wort aus.

1000jährige Eiche in Volkenroda/Thüringen

In Volkenroda fand ich heute am Morgen auch einen alten Baum.
Etwa 1000 Jahre alt ist er.
Auch er ein Zeichen von tief gegründeter Gelassenheit.

Ich war an jenen Ort gekommen, weil mich jemand eingeladen hatte. Dr. Schoedl, den Leiter des europäischen Jugendbegegnungszentrums Volkenroda hatte ich bei einer Gesprächsrunde im Mitteldeutschen Rundfunk kennen gelernt. Wir sprachen damals über die Stille. Über unsere schnelle, laute und oftmals krankmachende Gesellschaft; wir dachten nach über die Not-Wendigkeit, in aller Hektik und Betriebsamkeit die Orientierung und vor allem, eine gute Verwurzelung zu behalten. Zuviele Entwurzelte leben in unserer Gesellschaft, die sich immer schneller nur noch um sich selber dreht.

Nun kamen da vier zusammen an jenem Ort in Thüringen: der Computerfachmann und Fotograf Markus Spingler, der mit wundervollen schwarz-weiß Fotografien und einfühlsamen Texten dem Thema „Stille“ nachspürt.
Der Saxophonist Rainer Schwander und der Gitarrist Bernhard von der Goltz, die beide seit über dreißig Jahren der Musik nachspüren, jener Brückenbauerin zwischen Himmel und Erde. Wer den Jan Garbarek einmal gehört hat, der hat eine Vorstellung, wie das Sopransaxophon von Rainer Schwander im abendlichen Pavillon in Volkenroda gestern geklungen hat.

Ich hatte ein paar Texte mitgebracht, die vom Hören sprechen, von der Not-Wendigkeit einer wirklichen Orientierung in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt. Einen Text hatte ich auch, der handelt von der Musik, vom „sound of silence“, den nicht nur Simon&Garfunkel kannten.
Und siehe da: es fügte sich ein wundervoller Abend in uraltem Gelände.
Männer, die sich nie vorher gesehen, geschweige denn, je etwas gemeinsam gemacht hatten, fügten ihre Arbeiten zu einem sehr schönen Ganzen zusammen: Bild, Wort, Musik.
Und: sie „verstanden“ sich.
Jeder in seiner Sprache, in der Sprache der Musik, des Bildes, des Wortes – und doch sprachen wir von gemeinsamer Erfahrung.

Spät noch am Abend standen wir draußen im Hof der alten Klosteranlage bei einem Gläschen Rotwein und spürten dem nach, was da gerade geschehen war:
eine Erfahrung von Gelassenheit.

Das wird bleiben: die Erinnerung
an  denkwürdigen Ort, der scheinbar hoffnungslos verlassen war – und doch neu aufgeblüht ist.
Die Erinnerung an den Baum – der so viel mehr gesehen hat als eine Menschengeneration sehen kann.
Die Erinnerung an die Klänge des Abends und die Bilder, die eine Brücke schaffen zwischen Himmel und Erde.

Ein guter Ort.
Uralt.
Gut verwurzelt.
Ein Ort der Gelassenheit.

Alte Texte


Ich lebe in Worten. Worte sind Heimat und Fremde seit Jugendtagen. Worte bergen und zerstören. Worte halten und lassen.
In diesen Tagen, in denen die Erde wankt, lese ich alte Worte. Denn die Worte meiner Zeit erweisen ihr Unvermögen.
Seit Jahrtausenden wurden diese alten Worte weitergegeben von Generation zu Generation, von Vater zu Sohn, von Mutter zu Tochter.
Es sind hebräische Worte.
Der große „Steller der Schrift“ Martin Buber hat sie verdeutscht, hat ihre Sperrigkeit und Vorzüglichkeit  in Worte unserer Sprache umgegossen, ihre Form und Gestalt, ihr Inneres bewahrend, damit sie auch bei uns und in unserer Sprache funkeln wie Edelsteine.
Ich lese sie am Morgen nachdem man gestern den Tod gefunden hatte. Man fand ihn in Pfützen. Man fand ihn im Rauch. Man fand ihn in der Erde. Man fand ihn im Meer.
Gestern erfuhr die Welt, dass im fernen Japan, das uns doch so nah ist, der Tod gefunden wurde in Fukushima. 10.000fach seien die Grenzwerte überschritten in jenen Pfützen von Kühlwasser, die man in Kellerräumen fand unter den Reaktoren. Unsere Vorstellungskraft wird gesprengt. Da liegt ein Material in den Kellern, daß noch nach 340.000 Jahren den Tod bringt. Nun tritt es an den Tag.
Behälter bersten und geben den Tod frei.
Er kommt still.
Man findet ihn in Pfützen, man findet ihm im Rauch, man findet ihn im Meer.
Nur der Ticker des Zählers zeigt ihn an.
Unsere Kraft, sich vorzustellen, was das bedeutet für die vielen Millionen Menschen, die in der Umgebung leben, reicht nicht aus.
Dafür haben wir keine Bilder, keine Sprache. Dunkle Ahnungen vielleicht. Annäherungen an das Unvorstellbare. Mehr nicht. 1 Kilogramm dieses Materials genüge, so sagen es Physiker, die Menschheit zu zerstören. Man weiß aber, daß in jenen feuchten Kellern mehrere Kraftwerksladungen lagern….

Die Erde bebte. Und das Meer erhob sich.
Nur eine Welle kam.
Gemessen an der Größe des Ozeans eine winzige. Gemessen an der Größe unserer Zivilisation eine gewaltige.
Sie spülte einfach hinweg, was wir „Zivilisation“ nennen. Ganze Orte. Ganze Häuser. Viele zehntausend Menschen mitsamt ihren Autos und Fernsehern, Kühlschränken und Computern.
Die Zerbrechlichkeit unserer „stolzen Zivilisation“ stand uns plötzlich vor Augen.
Das Menetekel an der Wand. Die Schrift, die der König nicht zu lesen verstand.
In diesen Stunden, in denen das Unvorstellbare Realität wird Stunde um Stunde, Tag um Tag, lese ich alte Worte.
Man hat sie weitergegeben von Generation zu Generation, von Jahrtausend zu Jahrtausend.

Das Menschlein, wie des Grases sind seine Tage,
wie die Blume des Feldes, so blühts:
wenn der Wind drüber fährt, ist sie weg,
und ihr Ort kennt sie nicht mehr.
Aber SEINE Huld,
von Weltzeit her und für Weltzeit
ist über den ihn Fürchtenden sie,
seine Bewährung für Kinder der Kinder
denen, die seinen Bund hüten,
denen, die seiner Verordnungen gedenken,
sie auszuwirken.
ER hat seinen Stuhl im Himmel errichtet,
und sein Königtum waltet des Alls.
Segnet IHN, ihr seine Boten
-starke Helden, Werker seiner Rede-,
im Horchen auf den Schall seiner Rede!
Segnet IHN, ihr all seine Scharen,
die ihm amten, Werker seines Gefallens!
Segnet IHN, ihr all seine Werke
an allen Orten seines Waltens!
Segne, meine Seele, IHN!

(aus Psalm 8, verdeutscht von Martin Buber und Franz Rosenzweig. Stuttgart 1976).

Redefreiheit – oder: etwas über die Worte


Dürfen Menschen in öffentlichen Ämtern alles sagen, was sie wollen? Die Frage scheint belanglos. Sie tun es ohnehin. Dennoch: Worte haben eine große Kraft. Sie enthalten die Tat. Das ist ein alt bekannter Zusammenhang.
Es gibt ein Sprichwort, das sinngemäß etwa lautet: „achte auf deine Gedanken, denn aus den Gedanken folgen die Worte. Achte auf deine Worte, denn aus den Worten folgen die Taten. Achte auf deine Taten, denn aus ihnen wird dein Schicksal.“
Deshalb ist es nicht egal, welche Worte „benutzt“ werden, zumal in öffentlicher Rede.
Man hat mir seit gestern in hunderten von mails vorgeworfen, ich wolle durch meine Anzeige gegen Herrn Seehofer die „Redefreiheit“ einschränken. Nein. Darum geht es mir nicht.
Ich trete sehr für die Redefreiheit ein. Sie ist ein sehr wichtiges Grundrecht, vielleicht sogar eines unserer wichtigsten. Ich gehöre zu denen, die sagen: „Ich teile Deine Meinung nicht, aber ich will dafür eintreten, daß du sie sagen kannst.“
Dennoch muss ein Weiteres bedacht werden. Denn es gibt eine Grenze.
Das Strafrecht hat diese Grenze gezogen. Es gibt Worte und Reden, die sind strafbewehrt. Zum Beispiel im §130 StBG sind einige davon ausgeführt.
Im Einzelfall zu beurteilen, ob durch eine Rede die Grenze zwischen Redefreiheit und Strafbarkeit überschritten worden ist, ist Sache der Justiz. Dafür ist sie da.
Ich kann nur etwas über die „Kraft der Worte“ beitragen, denn davon verstehe ich ein wenig.
Wenn ich mir verschiedene öffentliche und nichtöffentliche Diskurse daraufhin anschaue, was da eigentlich für eine Sprache benutzt wird, welche Worte man wählt – und wie die Reaktionen darauf sind, dann habe ich den Eindruck, daß in unserer Gesellschaft der Beliebigkeit Tor und Tür geöffnet ist. Zumal Journalisten und Politikern scheint man alles zuzutrauen und man scheint auch bereit, alles zu tolerieren.
Das geht nach dem Motto: „es ist ja ohnehin egal, was die reden“. Zu einem solch vernichtenden Urteil über „die Politik“ und „die Medien“ tragen natürlich öffentliche Reden von Politikern und veröffentliche Texte von Journalisten etliches bei. Weshalb ich für verantwortungsvolles Reden und Schreiben plädiere.
Im eher privaten Bereich beobachte ich Ähnliches: die vielen mails, die mich nun erreichen und die manchmal offen aggressiv und ausländerfeindlich sind, zeigen es: in der Anonymität der e-mail traut sich ein Absender zu sagen, was da in ihm ist. Da wird sehr viel Ungutes sichtbar. Hass, Verachtung, Niedertracht, Häme, Neid, Hohn, Fremdenfeindlichkeit, Verachtung anderer Kulturen und Religionen. Die Kommentare zum blog von gestern zeigen eine kleine Auswahl davon. Die weitgehend anonyme Kommunikation im Internet macht diese in der Bevölkerung offenbar vorhandenen Einstellungen in ungewohnter Brutalität sichtbar.
Denn, wer nicht mal unter seinem Klarnamen schreibt, kann sich noch leichter „verstecken“ und endlich mal ganz offen aussprechen, was so in ihm steckt. Es wird wichtig sein, für das Reden und Schreibem im Internet Regeln zu finden. Denn: was im öffentlich geäußerten Wort gilt, müsste, so denke ich, eigentlich auch im halböffentlichen Raum des Internets gelten: Hass, Fremdenfeindlichkeit, Verachtung anderer Kulturen und Religionen dürften nicht zugelassen sein. Ich weiß, daß das eine sehr komplexe und schwierige Frage ist. Ich will nur auf ein Problem aufmerksam machen.
Nun mag es in Zeiten einer von Bildern und Videos geprägten, stark vom Auge vermittelten Massenkommunikation wie der Streit Don Quichottes gegen Windmühlenflügel anmuten, wenn ich etwas über die Worte und ihre Kraft sage.  Es scheint mir dennoch not-wendig. Denn außer der Körper-Sprache, die sich in Gesten, Mimik und Motorik äußert, haben wir nur die Worte, um uns mitzuteilen. Wenn es nun darum geht, das Miteinander der Menschen, ihre verschiedenen Ansichten, Interessen, Meinungen, Verhaltensweisen zu ordnen und möglichst friedlich zu halten – und das ist vornehme Aufgabe von Politik – haben die Worte eine um so größere Bedeutung.
Vielleicht trägt der Vorgang um die Passauer Rede eines Ministerpräsidenten und die sich nun daran anschließende Debatte ein wenig dazu bei, daß wir sorgsamer mit den Worten umgehen. Das wäre sehr sehr viel, ich weiß das. Ob bei dieser Rede die Grenze zwischen Redefreiheit und Strafrecht verletzt worden ist, habe ich nicht zu klären. Mir liegt aber daran, daß das geklärt wird.
Und mir liegt daran, daß wir aufmerksam bleiben gegenüber dem gesprochenen und geschriebenen Wort.
Denn: aus den Gedanken folgen die Worte, aus den Worten die Taten, aus den Taten wird unser Schicksal.

Charmeur, Politiker, Spitzel – das seltsame Leben des Manfred „Ibrahim“ Böhme


Die Robert-Havemann-Gesellschaft /Archiv der DDR-Opposition, hatte mich als Zeitzeugen eingeladen zum Gespräch mit der Autorin Christiane Baumann über ihr Buch.
Sie hat das Leben eines der schillerndsten Politiker der Wendejahre nachgezeichnet. Manfred „Ibrahim“ Böhme.
Ich kannte ihn seit den achtziger Jahren bis zu seinem Tode.
Fast wäre er der erste frei gewählte Ministerpräsident in Ostdeutschland geworden.
Doch er flog vorher auf…..

Es war gestern eine gut besuchte Veranstaltung in der Magdeburger Stadtbibliothek.

Ich fand immer: Manfred war ein Charmeur.
Nicht nur Frauen fielen auf ihn herein.
Er war ausgesprochen redegewandt, wirkte klug, hatte die Fähigkeit, andere so gefangen zu nehmen, daß sie ihm sogar erfundene Zitate glaubten.
Manfred galt als gebildet.
Aber: er war vielleicht so etwas wie ein politischer „Heiratsschwindler“.

Wir wussten nicht, daß er seit 1969 Spitzel der Staatssicherheit war.

Christiane Baumann hat in ihrem sehr lesenswerten Buch versucht, das Leben dieses seltsamen Mannes nachzuzeichnen. Sie hat Quellen studiert, ausgewertet, hat Interviews geführt mit Menschen, die ihn genauer kannten. So sind wir uns auch begegnet und saßen nun zusammen im Podium in der Magdeburger Stadtbibliothek.

Wenn „die Opposition“ der DDR als „etwas hemdsärmelig“ galt, der Jeans und grünen Kutten wegen, man trug gern Pullover und eher einfache Kleidung – Manfred, den wir „Ibrahim“ nannten, war anders.
Er trug Krawatte.

Als die Ost-SDP im Pfarrhaus in Schwante gegründet war, wurde Manfred Böhme bald zum Spitzenkandidaten, abgesegnet auf einem Parteitag der SDP in Leipzig.
Und bekam schnell Kontakt zu Willy Brandt, Egon Bahr und anderen Politgrößen der westlichen Sozialdemokratie.
Er wurde, was man einen „Medienstar“ nennt. Journalisten prügelten sich um ihn. Ich erinne mich noch, wie einst einer seiner Anzüge drauf ging, als das Gedränge besonders groß war…..

Eigentlich hatte er nur eine Ausbildung.
Die eines Bibliothekars.
Aber in der Wendezeit hieß es, er würde „an seiner Promotion arbeiten“.
Legendenbildung.
Gezielt unter die Leute gebracht vielleicht.
Diese Legenden, die er um sich strickte wurden ihm zur zweiten Haut.
Es war immer etwas Seltsames um den Mann: immer von Menschen umgeben, aber dennoch im Grunde allein.
Ich wußte wenig Privates von ihm.

Ich kannte Manfred Böhme, seit er bei einem Freund im Pfarrhaus in der Nähe von Jena hin und wieder „Unterschlupf“ fand.
Es hieß, er habe wieder „Ärger mit der Staatssicherheit“ gehabt. Eines Tages reiste er gar mit einem blauen Auge an…..
Und doch diskutierten wir lange Nächte über Marx, einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz -ähnlich wie ihn die Tschechen versuchten – und tranken Wodka.

Manfred hat mich später gefragt, ob ich nicht Jugendsenator in Berlin werden wolle, schließlich verstünde ich doch „etwas von Jugendarbeit“.
Ich habe abgelehnt und bin besser in die politische Erwachsenenbildung gegangen, als es galt, für eine Demokratie, die nur erst auf dem Papier stand, Demokraten auszubilden.
Andere waren nicht so zögerlich und griffen zu….

Nun, zwanzig Jahre nach den Wendejahren, zwanzig Jahre, nachdem der Tornado über das Land zog, war wieder Gelegenheit, sich zu erinnern.
An die Hoffnungen und Enttäuschungen; an das, was wir wollten und das, was gekommen war.
Manfred „Ibrahim“ Böhme gehört zu diesen Jahren.

Ich empfehle das Buch von Christiane Baumann sehr.
Besonders Landsleuten, die in den westlichen Bundesländern groß geworden sind.

Man kann an dieser überaus merkwürdigen Biografie eines „politischen Hochstaplers“ oder „politischen Heiratsschwindlers“ eine Menge über die DDR erfahren.
Allgemeingültiges aber eben auch sehr Besonderes. Denn dieser Manfred Böhme, den wir „Ibrahim“ nannten, war ein typischer Spitzel, aber er war eben auch sehr anders.
Das wird im Buch von Christiane Baumann sehr deutlich.
Mich freut, daß das Buch bislang gute Resonanz gefunden hat.
Ich wünsche ihr und dem Buch, daß es noch viele aufmerksame Leser und Zuhörer findet.