Redefreiheit – oder: etwas über die Worte


Dürfen Menschen in öffentlichen Ämtern alles sagen, was sie wollen? Die Frage scheint belanglos. Sie tun es ohnehin. Dennoch: Worte haben eine große Kraft. Sie enthalten die Tat. Das ist ein alt bekannter Zusammenhang.
Es gibt ein Sprichwort, das sinngemäß etwa lautet: „achte auf deine Gedanken, denn aus den Gedanken folgen die Worte. Achte auf deine Worte, denn aus den Worten folgen die Taten. Achte auf deine Taten, denn aus ihnen wird dein Schicksal.“
Deshalb ist es nicht egal, welche Worte „benutzt“ werden, zumal in öffentlicher Rede.
Man hat mir seit gestern in hunderten von mails vorgeworfen, ich wolle durch meine Anzeige gegen Herrn Seehofer die „Redefreiheit“ einschränken. Nein. Darum geht es mir nicht.
Ich trete sehr für die Redefreiheit ein. Sie ist ein sehr wichtiges Grundrecht, vielleicht sogar eines unserer wichtigsten. Ich gehöre zu denen, die sagen: „Ich teile Deine Meinung nicht, aber ich will dafür eintreten, daß du sie sagen kannst.“
Dennoch muss ein Weiteres bedacht werden. Denn es gibt eine Grenze.
Das Strafrecht hat diese Grenze gezogen. Es gibt Worte und Reden, die sind strafbewehrt. Zum Beispiel im §130 StBG sind einige davon ausgeführt.
Im Einzelfall zu beurteilen, ob durch eine Rede die Grenze zwischen Redefreiheit und Strafbarkeit überschritten worden ist, ist Sache der Justiz. Dafür ist sie da.
Ich kann nur etwas über die „Kraft der Worte“ beitragen, denn davon verstehe ich ein wenig.
Wenn ich mir verschiedene öffentliche und nichtöffentliche Diskurse daraufhin anschaue, was da eigentlich für eine Sprache benutzt wird, welche Worte man wählt – und wie die Reaktionen darauf sind, dann habe ich den Eindruck, daß in unserer Gesellschaft der Beliebigkeit Tor und Tür geöffnet ist. Zumal Journalisten und Politikern scheint man alles zuzutrauen und man scheint auch bereit, alles zu tolerieren.
Das geht nach dem Motto: „es ist ja ohnehin egal, was die reden“. Zu einem solch vernichtenden Urteil über „die Politik“ und „die Medien“ tragen natürlich öffentliche Reden von Politikern und veröffentliche Texte von Journalisten etliches bei. Weshalb ich für verantwortungsvolles Reden und Schreiben plädiere.
Im eher privaten Bereich beobachte ich Ähnliches: die vielen mails, die mich nun erreichen und die manchmal offen aggressiv und ausländerfeindlich sind, zeigen es: in der Anonymität der e-mail traut sich ein Absender zu sagen, was da in ihm ist. Da wird sehr viel Ungutes sichtbar. Hass, Verachtung, Niedertracht, Häme, Neid, Hohn, Fremdenfeindlichkeit, Verachtung anderer Kulturen und Religionen. Die Kommentare zum blog von gestern zeigen eine kleine Auswahl davon. Die weitgehend anonyme Kommunikation im Internet macht diese in der Bevölkerung offenbar vorhandenen Einstellungen in ungewohnter Brutalität sichtbar.
Denn, wer nicht mal unter seinem Klarnamen schreibt, kann sich noch leichter „verstecken“ und endlich mal ganz offen aussprechen, was so in ihm steckt. Es wird wichtig sein, für das Reden und Schreibem im Internet Regeln zu finden. Denn: was im öffentlich geäußerten Wort gilt, müsste, so denke ich, eigentlich auch im halböffentlichen Raum des Internets gelten: Hass, Fremdenfeindlichkeit, Verachtung anderer Kulturen und Religionen dürften nicht zugelassen sein. Ich weiß, daß das eine sehr komplexe und schwierige Frage ist. Ich will nur auf ein Problem aufmerksam machen.
Nun mag es in Zeiten einer von Bildern und Videos geprägten, stark vom Auge vermittelten Massenkommunikation wie der Streit Don Quichottes gegen Windmühlenflügel anmuten, wenn ich etwas über die Worte und ihre Kraft sage.  Es scheint mir dennoch not-wendig. Denn außer der Körper-Sprache, die sich in Gesten, Mimik und Motorik äußert, haben wir nur die Worte, um uns mitzuteilen. Wenn es nun darum geht, das Miteinander der Menschen, ihre verschiedenen Ansichten, Interessen, Meinungen, Verhaltensweisen zu ordnen und möglichst friedlich zu halten – und das ist vornehme Aufgabe von Politik – haben die Worte eine um so größere Bedeutung.
Vielleicht trägt der Vorgang um die Passauer Rede eines Ministerpräsidenten und die sich nun daran anschließende Debatte ein wenig dazu bei, daß wir sorgsamer mit den Worten umgehen. Das wäre sehr sehr viel, ich weiß das. Ob bei dieser Rede die Grenze zwischen Redefreiheit und Strafrecht verletzt worden ist, habe ich nicht zu klären. Mir liegt aber daran, daß das geklärt wird.
Und mir liegt daran, daß wir aufmerksam bleiben gegenüber dem gesprochenen und geschriebenen Wort.
Denn: aus den Gedanken folgen die Worte, aus den Worten die Taten, aus den Taten wird unser Schicksal.

Charmeur, Politiker, Spitzel – das seltsame Leben des Manfred „Ibrahim“ Böhme


Die Robert-Havemann-Gesellschaft /Archiv der DDR-Opposition, hatte mich als Zeitzeugen eingeladen zum Gespräch mit der Autorin Christiane Baumann über ihr Buch.
Sie hat das Leben eines der schillerndsten Politiker der Wendejahre nachgezeichnet. Manfred „Ibrahim“ Böhme.
Ich kannte ihn seit den achtziger Jahren bis zu seinem Tode.
Fast wäre er der erste frei gewählte Ministerpräsident in Ostdeutschland geworden.
Doch er flog vorher auf…..

Es war gestern eine gut besuchte Veranstaltung in der Magdeburger Stadtbibliothek.

Ich fand immer: Manfred war ein Charmeur.
Nicht nur Frauen fielen auf ihn herein.
Er war ausgesprochen redegewandt, wirkte klug, hatte die Fähigkeit, andere so gefangen zu nehmen, daß sie ihm sogar erfundene Zitate glaubten.
Manfred galt als gebildet.
Aber: er war vielleicht so etwas wie ein politischer „Heiratsschwindler“.

Wir wussten nicht, daß er seit 1969 Spitzel der Staatssicherheit war.

Christiane Baumann hat in ihrem sehr lesenswerten Buch versucht, das Leben dieses seltsamen Mannes nachzuzeichnen. Sie hat Quellen studiert, ausgewertet, hat Interviews geführt mit Menschen, die ihn genauer kannten. So sind wir uns auch begegnet und saßen nun zusammen im Podium in der Magdeburger Stadtbibliothek.

Wenn „die Opposition“ der DDR als „etwas hemdsärmelig“ galt, der Jeans und grünen Kutten wegen, man trug gern Pullover und eher einfache Kleidung – Manfred, den wir „Ibrahim“ nannten, war anders.
Er trug Krawatte.

Als die Ost-SDP im Pfarrhaus in Schwante gegründet war, wurde Manfred Böhme bald zum Spitzenkandidaten, abgesegnet auf einem Parteitag der SDP in Leipzig.
Und bekam schnell Kontakt zu Willy Brandt, Egon Bahr und anderen Politgrößen der westlichen Sozialdemokratie.
Er wurde, was man einen „Medienstar“ nennt. Journalisten prügelten sich um ihn. Ich erinne mich noch, wie einst einer seiner Anzüge drauf ging, als das Gedränge besonders groß war…..

Eigentlich hatte er nur eine Ausbildung.
Die eines Bibliothekars.
Aber in der Wendezeit hieß es, er würde „an seiner Promotion arbeiten“.
Legendenbildung.
Gezielt unter die Leute gebracht vielleicht.
Diese Legenden, die er um sich strickte wurden ihm zur zweiten Haut.
Es war immer etwas Seltsames um den Mann: immer von Menschen umgeben, aber dennoch im Grunde allein.
Ich wußte wenig Privates von ihm.

Ich kannte Manfred Böhme, seit er bei einem Freund im Pfarrhaus in der Nähe von Jena hin und wieder „Unterschlupf“ fand.
Es hieß, er habe wieder „Ärger mit der Staatssicherheit“ gehabt. Eines Tages reiste er gar mit einem blauen Auge an…..
Und doch diskutierten wir lange Nächte über Marx, einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz -ähnlich wie ihn die Tschechen versuchten – und tranken Wodka.

Manfred hat mich später gefragt, ob ich nicht Jugendsenator in Berlin werden wolle, schließlich verstünde ich doch „etwas von Jugendarbeit“.
Ich habe abgelehnt und bin besser in die politische Erwachsenenbildung gegangen, als es galt, für eine Demokratie, die nur erst auf dem Papier stand, Demokraten auszubilden.
Andere waren nicht so zögerlich und griffen zu….

Nun, zwanzig Jahre nach den Wendejahren, zwanzig Jahre, nachdem der Tornado über das Land zog, war wieder Gelegenheit, sich zu erinnern.
An die Hoffnungen und Enttäuschungen; an das, was wir wollten und das, was gekommen war.
Manfred „Ibrahim“ Böhme gehört zu diesen Jahren.

Ich empfehle das Buch von Christiane Baumann sehr.
Besonders Landsleuten, die in den westlichen Bundesländern groß geworden sind.

Man kann an dieser überaus merkwürdigen Biografie eines „politischen Hochstaplers“ oder „politischen Heiratsschwindlers“ eine Menge über die DDR erfahren.
Allgemeingültiges aber eben auch sehr Besonderes. Denn dieser Manfred Böhme, den wir „Ibrahim“ nannten, war ein typischer Spitzel, aber er war eben auch sehr anders.
Das wird im Buch von Christiane Baumann sehr deutlich.
Mich freut, daß das Buch bislang gute Resonanz gefunden hat.
Ich wünsche ihr und dem Buch, daß es noch viele aufmerksame Leser und Zuhörer findet.

Der Große Dichter aus Afghanistan – Dshellaludin Rumi (1207-1273)


In der Nähe von Mazar-i-Sharif bin ich seiner Spur zum ersten Mal begegnet. Dshellaludin Rumi, wohl der größte Dichter und Poet der muslimischen Welt. In Balkh soll er zur Schule gegangen sein.
Er musste mit seinen Eltern auf die Flucht. Als Kind noch. In Konya in der heutigen Türkei hat sich die Familie niedergelassen. Mich berührt, daß die Kampfflugzeuge, die heute die westliche Allianz Richtung Afghanistan schickt, den umgekehrten Weg nehmen: sie starten in Konya und fliegen nach Kundus oder Mazar, in Rumis Heimat.
Es wäre gut, wenn das Bomben auf dies uralte Kulturland beendet würde.
Denn Afghanistan, besonders die Region um Kundus, Mazar-i-Sharif und Balkh haben der Welt sehr viel zu geben.
Zum Beispiel: die Erinnerung an Dshellaludin Rumi, den Gründer des Ordens der „Tanzenden Derwische“. In seinem „Diwan-i Schams-i Tabriz“ formuliert Rumi in frischer und bilderreicher Sprache seine Versuche, „durch Freundschaft und Liebe den unmittelbaren Weg zu Gott zu finden.“
Man hat ihn als den „Sänger der unendlichen Liebe“ bezeichnet. Zu Recht.
Wer beispielsweise das kleine Bändchen aus dem Manesse-Verlag Zürich „Dschalaluddin Rumi: Traumbild des Herzens. Hundert Vierzeiler“ zur Hand nimmt, wird es bestätigt finden.

Rumi wurde 1207 in Balkh, der „Bactria“ des Altertums, geboren. Seine Familie floh vor den Mongolen, die bald darauf Balkh wie zahllose andere blühende Städte Persiens dem Erdboden gleichmachten. 1228 erreichte die Familie Konya. 1231 starb der Vater und Rumi trat seine Nachfolge als Hofprediger der Seldschuken an. Die Begegnung mit dem Wanderderwisch Schamsuddin von Tabriz veränderte sein Leben. Die Ermordung des Freundes brachte Rumi in tiefe Verzweiflung. Die aber ließ die eigentliche schöpferische Energie in Rumi erst wirklich frei werden. Als Alterswerk entstand das große „Mathnawi“.

„Kein anderer mystischer persischer Dichter hat die ganze Fülle des Lebens so eingefangen und die bunte Vielfalt irdischer Vorgänge und Phänomene in ihrer verborgenen Symbolkraft so gleichsam entschleiert und poetisch fruchtbar gemacht wie Rumi“ schreibt Johann Christoph Bürgel in seiner Einleitung zum zitierten vorzüglichen Band aus der Manesse-Bücherei Zürich.
Es ist im Übrigen ein lohnendes Unterfangen, die Texte Rumis neben das Hohe Lied der Liebe aus unserer Tradition zu legen.
Man sieht, daß man beide Texte „auf zwei Ebenen lesen“ kann: auf einer sinnlich-erotischen und einer spirituellen.

Ich bin seit jenem Besuch im Norden Afghanistans Rumi auf der Spur.
Ich verdanke ihm die Wiederentdeckung der eigenen, abendländischen Kultur, bin durch ihn auf den Erfurter Meister Eckhart gestoßen, auf Theresa von Avila, Johannes vom Kreuz.
Es war ein folgen-reicher Besuch in jenem wunderschönen, uralten Kulturland.

Einen kleinen Text will ich hier einfügen, der die Verbindung aufzeigt, die wie ein geheimes Band zwischen den Religionen da ist, die sich heute, im Jahr 2011, gegenüber zu stehen scheinen.
Es gibt da dieses feine verbindende Band.
Das uns helfen könnte, Gemeinsames zu entdecken in der Kultur des Abend- und des Morgenlandes. Es wäre wichtig, dieses Verbindende zu entdecken.
Nicht nur aus politischen Gründen.

„Seit Du den Menschen schufest, wohnt ihm
durch Dich das Bild der Harfe inn‘.
Die Seele wird, indem sie betet,
vor Dir zu einer Sängerin.
Der Du verschenkst mit Deiner Lippen
Rubin unsterblichen Gewinn,
wirf von dem mächtigen Rubine
dem Sänger eine Gabe hin!“
(Dschalaluddin Rumi. Traumbild des Herzens. Manesse Bücherei Zürich, S. 84).

Solche Texte könnten auch von abendländischen Mystikern geschrieben worden sein.
Von Johannes vom Kreuz beispielsweise. Oder vom Amerikaner Thomas Merton. Wer seinen „Berg der sieben Stufen“ liest, wird es bestätigt finden.

Der „Kampf der Religionen“ ist kein Naturgesetz, wie uns einige weismachen wollen.
Denn: es gibt da dieses verbindende Band zwischen muslimischer Mystik (Sufismus) und christlicher Mystik (u.a. Meister Eckhart) und selbst buddhistischer Frömmigkeit im ZEN.
Kenner wie der UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld wussten um dieses verbindende Band.
Hammarskjöld hatte das Bild eines „tanzenden Derwischs“ in seinem Arbeitszimmer vor Augen und hat sich mit ZEN beschäftigt.
Es ist eine überaus lohnende Spur. Nicht nur aus politischen Gründen.

Wer sich vertieft mit dem großen Dichter Dshellaludin Rumi beschäftigen möchte, dem sei Prof. Annemarie Schimmel empfohlen.
Diese großartige Kennerin des Islam hat wie kaum ein anderer Forscher die Welt des Islam für das Abendland „erschlossen“.
Sie hat eine Tür aufgemacht.
Die Tür des besseren Verständnisses.
Aus der umfangreichen Literatur der Harvard-Professorin sei zum Thema Islam hier nur auf das Büchlein „Sufismus. Eine Einführung in die islamische Mystik“. C.H.Beck, 2000 hingewiesen.

Ich wünschte mir sehr, daß unsere „moderne“ Kultur es fertig brächte, mit den Bomben auf Afghanistan aufzuhören.
Aus Konya sollten keine Kampfflugzeuge nach Afghanistan starten.
Wir sollten uns auf den Rück-Weg machen, auf den Weg, den Rumi einst als flüchtendes Kind gegangen ist.
Um eine uralte Kultur zu entdecken, zu der es ein verbindendes Band gibt.

Rumi könnte uns führen.

Etwas über Schlagworte


Sie sind, was sie sagen: Schläger.
Schlagworte schlagen oder erschlagen gar. Meist die Wahrheit.
Sie sind beliebt und vielfach im Gebrauch.
Je kürzer der Text wird, je enger der Raum zwischen den Worten im Kampf um das knappe Gut Aufmerksamkeit, je beliebter werden sie.
Komplizierteste Sachverhalte werden in der Hitze des Meinungsstreits im Kampf um Aufmerksamkeit eingeschmolzen zum Schlag-Wort.
Nach-Denken ermöglichen sie nicht mehr. Denn meist geht die Be-Sinnung verloren.
Es geht den Schlag-Worten und ihren Nutzern nur noch darum, Wirkung zu erzielen.
Wie in einem Box-Kampf.
Das Argument des andern soll möglichst schnell erschlagen werden.
Manche reihen sich gar zur Schlag-Zeile. Zeitungen leben davon.
Je „treffender“ eine Schlag-Zeile, umso größer die Chance, daß das Blatt gekauft wird. Am Kiosk. Und anderswo.

Politiker und Bosse, auch Schauspieler oder Sportler können gar „Schlag-Zeilen machen“. Ist zu lesen.
Wobei dies nur einen Teil der Wahrheit beschreibt, denn Schlag-Zeilen entstehen in Redaktionen oder privaten Computern. Zuvor jedoch in den Hirnen derer, die sie dann auf-schreiben.
Die Nutzung von Schlag-Worten sagt also etwas über den Nutzer. Und sein Denken.
Menschen regen sich gern über solche Schlag-Zeilen auf, die Politiker oder Wirtschaftsbosse oder andere Obrigkeiten betreffen.
Dann kaufen sie das Blatt.
Oder teilen es in einem Netzwerk.
Je größer die Aufregung, je besser der Umsatz.
Das ist beabsichtigt.

Es geht also ums Geld.
Ah ja.

Schlagworte eignen sich besonders für Titel-Seiten.
Titel-Seiten sind soetwas Ähnliches wie Titel-Kämpfe. Beim Boxkampf. Oder Ähnlichem.

Titel-Seiten entscheiden mit ihren Schlag-Worten, aufgereiht in Schlag-Zeilen, über den Verkaufs-Erfolg einer Zeitungsausgabe.
Es geht also erneut um Geld.
Was wir schon ahnten.

Die Bereitschaft zum differenzierten, genauen Argument nimmt mit der Häufigkeit der Nutzung von Schlagworten ab.
Das Denken wird ein-fach. Manchmal gar ein-fältig.
Man sieht es an den Kommentaren.

Schlag-Worte sind Zeichen einer immer mehr verarmenden Alltagssprache.
Sie sind Menetekel, An-Zeichen eines immer mehr verarmenden Denkens.
Sie sind die „Schrift an der Wand“, die das Un-Heil ankündigt. Vom König wird erzählt, er konnte diese Schrift nicht lesen, die da als Menetekel an der Wand stand.
Weshalb er nach einem Deuter rufen lies….

Hilfreiche Worte jedoch sind assoziativ, erzählen Geschichten, laden ein. Zunächst zum Zu-Hören, später zum Teilen der Gedanken, zum Dia-log.
Doch, solche hilfreichen Worte werden knapp in Zeiten, die von Schlag-Zeilen und Schlag-Worten bestimmt werden.

Dass Schlag-Worte die Gewalt unseres Alltags zur Sprache bringen, ist bekannt.
Sie zeigen uns die Gewalt in unserem Alltag. In Politik, Gesellschaft, Meinungsstreit.
So gesehen, halten sie uns einen Spiegel vor.
Nicht nur den gedruckten.
Die häufige Nutzung von Schlag-Worten in unserer Alltagssprache sagt uns etwas.
Über uns.
Und die Art, wie wir leben und miteinander umgehen.

Es ist also zu bedenken: Schlag-Worte haben eine Wirkung. Nicht nur beim „Gegner“, sondern auch beim „Schläger“:
Sie machen unser Leben gewalttätiger.
Denn Worte haben immer eine Wirkung auch auf den Sprechenden. Meist eine unbemerkte.
So, wie der geführte Schlag immer auch auf den Boxer zurückwirkt – er lernt im Training, jene Kraft abzufedern, die da vom Schlag auf ihn selbst zurückkommt – so wirkt das benutzte Wort auf den Nutzer zurück.
Es ist wichtig, dies wahrzunehmen.

Nun lässt sich zeigen, daß sich eine immer komplexer und komplizierter werdende Welt immer unzureichender in Schlag-Worten abbilden lässt.
Am Wort „Klima-Wandel“ lässt sich das studieren.
Spricht man es aus, spaltet man. In Menschen, die „an den Klimawandel glauben“ und jene, die dies nicht tun.
Das Schlag-Wort ist zum Spalt-Wort geworden.
Wenn es zutrifft, daß Wahrheit sinfonisch ist, also aus dem Zusammenklang von Teilwahrheiten besteht, dann kann man sehen, daß sich „die Wahrheit“ in Schlag-Worten nicht gut genug transportieren lässt.
Es gibt im ZEN den klugen Satz:
„Es gibt Deine Wahrheit. Und meine Wahrheit. Und DIE Wahrheit.“
Sinfonisch also.
Dazu sind Schlag-Worte jedoch nicht geeignet.
Bestenfalls zu einem Pauken-Schlag.
Diese Worte transportieren zu wenig Inhalt. Sie klingen nicht. Sie schlagen nur.
Damit die Kassen klingeln.
Es gibt mittlerweile Maschinen, die Texte nach Schlag-Worten durchsuchen.
Wenn man Texte schreibt, kann man sie gar „verschlagworten“, damit jene Maschinen den Text schneller finden.

Schlagworte enthalten vor allem eins: Wertung.
Sie tragen kein Argument, sondern eine Meinung.

Ein wirkliches Gespräch ist bei Be-nutzung von Schlag-Worten nicht möglich.
Schlagworte gehören zum Streit, nicht zum Gespräch.

Ich hab mir daher angewöhnt, mit einer Zeitung ein kranke Fliegen zu erschlagen.
Um sie zu erlösen.
Aber nur ausnahmsweise.

Mit Büchern geht das schlechter als mit Zeitungen.
Wieder was gelernt….

Sex, „Pornografie“ und suchende Menschen – Wedekinds „Frühlings Erwachen“ am Deutschen Theater


1906 wurde das Stück von Max Reinhardt in den Kammerspielen in Berlin uraufgeführt. Und war bald der Zensur unterworfen. Man warf dem Autor „Pornografie“ vor.
Was sich nicht wirklich begründen lässt, denn es geht in dem Stück um die Suche junger Menschen nach gelingendem Leben.
Das „Junge DT“ am Deutschen Theater hat das Stück nun neu inszeniert. Und es war ausverkauft. Rappelvoll der Zuschauerraum. Rappelvoll mit jungen Leuten, die wach, voller Aufmerksamkeit, auch mit heiterer Zustimmung dem Stück folgten, das Wedekind einst mit „Eine Kindertragödie“ untertitelt hatte.
Und das Stück kam an. Der Applaus zeigte es.
Frisch kam es daher. Mit einer Pantomime beginnt und endet es. Es ist voller Einfälle. Jugendlich kommt es daher, frisch in der Sprache, wodurch die übernommenen Originalzitate besonders sichtbar werden.
Die Geschichte junger Menschen im Alter zwischen 14 und 25, die, von ihren Eltern allein gelassen, selber sehen müssen, wie sie mit dem Leben zurecht kommen.
„Das Leben ist von einer ungeahnten Gemeinheit. Ich hätte nicht übel Lust, mich in die Zweige zu hängen. Wo Mama mit dem Tee nur bleibt!“….
Die Jugend ist fast vorbei. Am Ende steht der Tod zweier Menschen.
Am Ende des Stückes, in der letzten Szene, die auf einem Friedhof spielt, klingt sehr überraschend das Requiem an: „Requiem aeternam….“ Ruhe(t) im ewigen Frieden“.
Es wirkt wie die Fürbitte für eine verlorene Generation. Es ist ein anrührender und, wie ich finde, starker Regie-Einfall. Denn dieses Zitat aus der Tradition überrascht und wirkt gerade deshalb, weil sich die Inszenierung sonst sehr an einer gegenwärtig üblichen Jugendsprache orientiert.
Zwei tote junge Menschen liegen auf der Bühne. Der eine hat sich erschossen, weil er dem Leistungsdruck in der Schule nicht mehr genügte, die andere hat sich das Leben genommen, weil sie mit etwas über vierzehn Jahren schwanger geworden war.
„Requiem aeternam…..
et lux perpetua….und das ewige Licht leuchte ihnen……“

Diese Theaterarbeit entstammt einer engen Kooperation des Deutschen Theaters mit Berliner Schulen und Berliner Hochschulen. Dem Deutschen Theater ist an dieser Zusammenarbeit sehr gelegen. Werkstätten, Seminare, Workshops dienen der Pflege dieses Netzwerkes.
Ein lohnendes Anliegen, dessen Früchte nun sichtbar werden.
Mich hat die natürliche Spielweise von Sandro Fioravanti (Melchior Gabor) sehr überzeugt.
Da kann man ein „junges Talent“ erleben. Sehr begabt, sehr natürlich. Mir scheint, da hat  jemand eine große Zukunft vor sich. Aus dem wird noch was….

Das Stück ist in die Gegenwart übertragen. Das Anliegen der Inszenierung ähnlich wie bei Wedekind: ein Verständnis zu erwecken für eine Generation, die häufig sich selbst überlassen bleibt und allein sehen muss, wie sie mit dem Leben zurecht kommt. Deswegen ist „Einsamkeit“ ein Thema. Und „Suizid“. Und „Verzweiflung“. Dieses Verständnis für die junge Generation geht einher mit einer kräftigen und sehr direkten Kritik an der Generation der Lehrer und Eltern, die als Vorbilder nicht taugen.

Sehr empfehlenswert!

Frank Wedekind: Frühlings Erwachen.
Am Deutschen Theater.
Regie Marc Prätsch
Bühne und Kostüme Steffi Bruhn
Musik Sven Kaiser
Dramaturgie Birgit Lengers

Besetzung
Sandro Fioravanti (Melchior Gabor), Elisabeth Brückner (Moritz Stiefel), Finja-Marie Wilke (Wendla Bergmann), Geraldine Diallo (Ilse), Rike Übermut (Frau Bergmann), Bianca Praetorius (Frau Gabor), Marcel Heuperman (Lämmermeier / Seal, Gitarre), Till Rückwart (Ernst Röbel), Cihan Kazan (Hänschen), Rüya Yatkin (Thea), Clara Aurich (Marta Bessel), Wojciech Zopoth (Dr. Brausepulver / Karl / Der vermummte Herr), Anne Weber / Roxanne Radovanovic (Sandy), Lea Nacken (Maria, Cello), Mirjam Wulff (Robert), Nico Ehrenteit (Heidi), Sebastian Herrmann (Georg Zirschnitz, Synthesizer), Franziska May (Viola, Wurlitzer-Piano)

http://www.deutschestheater.de/home/fruehlings_erwachen/

Tante Ma und Tante Hildegard – ein Versuch


Während die twitter- und facebookwelt eine Neuigkeit nach der anderen im Sekundentakt durchs Internet jagt, wächst da eine interessante kleine Geschichte. Die von Tante Ma und Tante Hildegard.
Bei einem Mittagessen entstand die Idee, zwei historische Personen – sie haben tatsächlich gelebt  – wieder zum Leben zu erwecken.
Die eine – Jahrgang 1900; die andere – Jahrgang 1902.
Die historischen Daten sind vertraut.
Nun ist es so, daß sich die beiden alten Damen nicht nur an dem einen oder anderen Gespräch im Internet beteiligen, sondern sich auch ziemlich regelmäßig zum „Kaffeplausch“ treffen.
Dabei werden aus der Idee zwei Figuren.
Sie gewinnen an Kontur, je länger sie miteinander sprechen.
Im Dialog wird erkennbar, was sie geprägt hat, wie sie das Leben gesehen haben mögen, wo ihre Stärken und Schwächen liegen.
Der Vorgang ist in sofern interessant, als er im Internet stattfindet.
Im Dialog zweier real lebender Menschen.

Nicht ein einzelner Autor denkt sich am stillen Schreibtisch eine Figur aus und gibt ihr Farbe.
Sondern zwei Autoren, die sich persönlich kennen und schätzen, entwickeln da zwei Figuren und geben ihnen Farbe durch den Dialog.
Das hübsche dabei: da werden kleine Geschichten erzählt. Mundartlich manche sogar. Historisch einige.
Man kann die beiden sitzen sehen. Beim Kaffee oder Tee. Wie sie reden über die Zeitläufte.

Es ist ein interessanter Versuch, denn da findet eine Brechung von Lebenserfahrung statt.
Denn, die Enkel oder Großneffen lassen da Menschen wieder lebendig werden, die real gelebt haben und von denen sie ziemlich viel wissen.
Aber: sie sehen es natürlich durch ihre „Brille“.
Und spiegeln es am Gegenwärtigen.
Im Dialog. In der ungeplanten, spontanen Begegnung.

Es ist ein Experiment. Ein heiteres zudem, das Freude und Freunde macht.
Kann man über eine größere Distanz hinweg, wenn man sich zu bestimmten Zeiten verabredet, einen solchen Versuch unternehmen?
Man kann.

Im Netzwerk facebook.
Mit Tante Ma und Tante Hildegard.
Beim Kaffeplausch.
Und Zwischendurch.

„…denn deine Sprache verrät dich“


Der Mann hatte zweimal geleugnet. Gar geschworen. Und doch: seine Sprache verriet ihn als einen Kombattanten, als einen Genossen, einen Weggefährten, einen Gleichgesinnten. Der Satz stammt aus einer alten Geschichte, die von einem berühmten Gerichtsprozess handelt. Ein Hahn kommt auch drin vor. Seither findet man jenen Hahn oben auf der Wetterfahne vieler Kirchen. Der Hahn als Zeuge des Meineids und der Lüge.
Lüge beginnt im Denken.
Die Sprache folgt.
Und schafft Wirklichkeit.
Deshalb ist es interessant, wenn absichtliche Veränderungen an Sprache vorgenommen werden. In Ministerien zum Beispiel.
Man kann mit Hilfe der Sprache Zusammenhänge verschleiern, kann sie deuten, kann Beabsichtigtes vorweg nehmen.
Wer mit wachem Auge die Titel von Gesetzen liest, findet hundertfachen Beleg für solches Denken.
Ich bin in einem Land aufgewachsen, vor langen Jahren in jenem „Land hinter den Bergen“, wie es mir manchmal vorkommt, in dem die Beobachtung der Sprache zu einem Hilfsmittel wurde, um herauszufinden, was die Obrigkeit tatsächlich im Schilde führte.
Die zweite Diktatur hat gar einen eigenen „Wortschatz“ hervorgebracht, wobei mir das Wort vom „Schatz“ gar nicht gefallen will. Denn die Sprache der Diktatur war vor allem eins: Instrument zur Vernebelung der Hirne.
Zu meinem Handwerkszeug zur Entschlüsselung gesellschaftlicher Wirklichkeit wurde seit meinen Studienjahren das großartige Buch von Victor Klemperer „LTI – Lingua Tertii Imperii. Sprache des Dritten Reiches“. Man konnte es bei Reclam kaufen für ein paar Groschen.
Ich weiß noch, wie ich manches Mal gemeinsam mit Freunden den Klemperer las und daneben das „Neue Deutschland“, das „Zentralorgan der SED“. Wir wollten entschlüsseln, was um uns vorging. Wollten aus der Sprache der Oberen erraten, wie es um sie und uns stand.
Ich erinnere mich noch an ein Gespräch mit einem unserer Professoren, dem ich viel verdanke. Er machte uns auf das zunehmend Religiöse in der Sprache der Diktatur aufmerksam. Nur wenige Jahre vor dem Ende der Diktatur begann sie, die sich doch eigentlich atheistisch verstand, religiöse Vokabeln zu benutzen. Da war von „ewiger Freundschaft zur Sowjetunion“ zu lesen. Man sprach zu einem Zeitpunkt von „ewiger Freundschaft“, als die Reformbemühungen Gorbatschows einen ersten Schwall frische Luft ins System bliesen. Als Kurt Hager auf die Frage, wie er zur Perestroika stünde, lakonisch kommentierte: „Wenn mein Nachbar renoviert, brauche ich nicht auch gleich neue Tapeten“ wurde klar, daß es mit dem „Ewigen“ in jener Freundschaft nicht gut bestellt sein konnte. Der Kaiser war nackt.
Als die Titel, die die Gazetten, allen voran das „Neue Deutschland“ dem „Staatsratsvorsitzenden und Ersten Sekretär des ZK der SED“ beigaben, immer länger und die eigentliche Nachricht immer kürzer wurde, war klar: er hatte um seine Macht zu fürchten. Manche Meldung bestand zu drei Vierteln aus den Titeln jenes Herrn und im letzten Satz konnte man erfahren, daß er verreist sei. Ins „Bruderland“ zum Beispiel.
Auch vom „neuen Menschen“ konnte man erfahren, dies schon vom Anbeginn der Diktatur. Je religiöser die Sprache der Diktatur wurde, um so näher war die Diktatur vor ihrem Ende. Wenn ein Staat beginnt, religiöse Sprache zu benutzen, führt es zum Ende. Die Generation meiner Eltern hatte es schon einmal erlebt.
Wenn eine Diktatur eine von Handwerkern unter Polizeischutz gemauerte Wand als „antifaschistischen Schutzwall“ bezeichnet, liegt offen zu Tage, daß es sich um Propaganda handelt. Man hört die Absicht und ist verstimmt.
Wer an einem Geschäft, in dem es tote Hühner gibt „Goldbroiler“ lesen kann, weiß, daß es um den Versuch der Diktatur geht, „dem Westen“ etwas „entgegenzusetzen“.
Ich lese in einer kleinen Wortesammlung über die Sprache der zweiten Diktatur bei Wikipedia und tauche plötzlich wieder ein in jene seltsame Atmosphäre in jenem Land, in dem ich dreißig Jahre gelebt habe. Es berührt mich, wie sehr diese dort gesammelten Vokabeln mir das Gefühl zurückbringen, das meinen Alltag hinter der Mauer bestimmte. Sprache als Heimat. Vertrautes, bekanntes Land. Gewohnte Worte. Bilder werden wieder klarer. Erinnerungen kehren zurück. Sie sind in den Worten enthalten. Ganze Geschichten stecken in den Worten. Zum Beispiel im „Bausoldat“. Die Geschichte von der Verweigerung des „Wehrdienstes“ in der Diktatur. Ich seh mich noch stehen vor den vier Männern hinter dem Tisch. Wie ich ihnen erklärte, weshalb ich keine Waffe nehmen würde. Und wie die Angst erst bemerkbar wurde, als ich schon auf dem Weg nach Hause war.

Seit über zwanzig Jahren lebe ich nun in dem anderen Land vor oder hinter den Bergen, je nachdem, von wo aus man schaut.
Beinahe ebenso lang. Ich kann vergleichen. Und viele Millionen mit mir, die beide Länder hinter den Bergen kennen.
Eine neue Sprache ist über uns gekommen wie ein fremdes Hemd. Anfangs fühlte ich mich wie „ein Fremder im eigenen Land“. War es Christa Wolf, die so sprach, oder war’s ein anderer? Ich weiß es gar nicht mehr sicher. Aber das Gefühl weiß ich noch sicher. Das sich verband mit der neuen Sprache.
Sie ist subtiler, weniger offensichtlich. Aber doch auch wieder sehr direkt.
Und, was mir immer mehr auffällt. Sie wird immer gewaltsamer. Ich bin über die Aggressivität erstaunt, die ich beispielsweise „im Netz“ finden kann, in „Dialogen“ zu „postings“. Denkwürdigerweise nicht selten von Menschen vorgetragen, die sich „gegen Gewalt“ aussprechen. Wenn ich „streams“ lese, in denen Menschen über der Umgang mit rechtsextremen Gedanken streiten, fällt es mir oft besonders auf: wie gewaltsam die Sprache ist, wie offen aggressiv. Die Bereitschaft, die Meinung eines Menschen offen aggressiv anzugreifen, wenn man selbst eine andere Meinung vertritt, ist überraschend groß. Da ist viel Wut im Lande. Die Sprache verrät es.
Auch lässt sich jene depressiv gestimmte Aggressivität in „streams“ erkennen, die sich mit Sozialreformen beschäften. „Hartz IV“ zum Beispiel. Da kocht die Wut.
In der Politik dann war schließlich alles „auf einem guten Wege“. Vor allem, wenn es von der Regierung kam. Und, vor allem, es war „eine Erfolgsgeschichte“.
Denn: nur der „Erfolg“ zählt. Woran man ihn misst, hat man mir nicht verraten.
Die „Performance“ war entscheidend. Das „Bild in den Medien“, das doch täglich wechselt, je nachdem, welche Sau grad wieder durchs Dorf getrieben wird.
Das Reden vom „guten Weg“ und der „Erfolgsgeschichte“ war ein Ritual: was Regierung tat, war eine „Erfolgsgeschichte“. Per se. Aus sich selbst. Es war ein Axiom. Ein Voraus-Gesetztes.
Die Antwort der jeweiligen Opposition war nicht weniger ritualisiert. Man kann es finden in Redeprotokollen.
Die Rede von der „Erfolgsgeschichte“ verrät, wie sehr unsere Gesellschaft am „Erfolg“ orientiert ist. Sie hängt an diesem Wort wie der Junkie an der Nadel. Mit „Erfolg“ wird assoziiert, daß man „sich durchgesetzt“ hat; man hat dann „Erfolgszahlen vorzuweisen“ zum Beispiel. Oder Mehrheiten.
Wenn nun ein Bundesminister, dessen Ressort zu über 90% von europäischer Gesetzgebung betroffen ist, in „seinem Hause“ Anglizismen zugunsten deutscher Vokabeln verbieten will; wenn er von „Klapprechnern“ statt „Laptop“ redet, dann zeigt sich nationales Denken. Es ist sicher unbedacht und unbeabsichtigt. Aber offensichtlich. Denn in einer Welt, die von einem hohen Maß internationaler Arbeitsteilung bei der Herstellung von Waren geprägt ist, in einer Welt, in der die Worte oft dem Produkt „folgen“, folglich englisch sind, wenn sie aus englischsprachigem Ausland stammen, in einer solchen Welt wirkt der Versuch, Anglizismen verbieten zu wollen wie der Kampf des Don Quichotte gegen jene Windmühlenflügel, von denen man lesen kann. Der Bundesminister scheint noch nicht wirklich in Europa „angekommen“ zu sein.
Aber das soll meine Sorge nicht sein. Es ist nur eine Beobachtung.
Was mich begleitet all die Jahre bleibt: so, wie ich in jenem Land hinter den Bergen die Sprache beobachtet habe und die Veränderungen in der Gesellschaft, die von den Veränderungen in der Sprache angezeigt werden, lange bevor sie eintreten; so beobachte ich die Sprache in diesem Land hinter oder vor den Bergen, je nachdem, von wo aus man schaut.
Der Klemperer ist immer noch gut.
Man kann ihn für ein paar Groschen bekommen….
Und das jüdische Sprichwort ist vermutlich wahr:
„Achte auf dein Denken, denn aus ihm kommt deine Sprache.
Achte auf deine Sprache, denn aus ihr werden deine Handlungen.
Achte auf deine Handlungen, denn aus ihnen wird dein Schicksal“

Gott 9.0 – ein Zwischenruf zum neuen Buch von Tiki Küstenmacher


Was für eine schlechte Sprache! Ich bin entsetzt.
„Nach Gott 4.0 müssen Sie sich zu Gott 5.0 weiterentwickeln“ lese ich schon auf Seite 15 des neuen Buches von Tiki Küstenmacher und lege das Buch zur Seite. Nein, auf eine solche Sprache habe ich eigentlich keine Lust.
„So kommt es durchaus vor, dass Menschen ein Glaubenssystem mit Gott 4.0 haben, im Berufsleben reibungslos in 5.0 funktionieren, in Partnerschaft und Freundeskreis aber ist für sie bereits 6.0 Standard“ gehts gleich danach weiter.
Was sagt eigentlich solche Sprache? Sie sagt nichts. Sie ist hohl. Sie ist eine Phrase, die sich „modernem“ Sprechen anbiedert. Mir ist ohnehin der Bezug zwischen Religiosität, Spiritualität und der Computersprache überaus fremd. Möglicherweise ist solche Sprache Absicht. In der Hoffnung vielleicht, Menschen anzusprechen, die sich mit Computersprache ausdrücken. Mir ist es fremd. Denn es gibt kaum etwas lebendigeres als wache, wachsende Spiritualität und kaum etwas abgestorbeneres als diese Computerplastiksprache, die sich im Kern mit Programmierung beschäftigt. Weshalb sich die Frage aufdrängt, warum sich ein Buch, das sich mit spirituellem Wachstum beschäftigt, sich solch anbiedernder Sprache bedient.
Nun lese ich weiter von der Einteilung der Menschen in „Typen“, lese von „Bewusstseinsstufen“ und spüre weiteren inneren Widerstand. Bin drauf und dran, zornig zu werden. Ich habe Tiki Küstenmacher als fröhlichen und warmherzigen Menschen erlebt, der seinen Vortrag klug entwickelt und sehr authentisch spricht. Ich habe ihn als Kreativen wahrgenommen. Und nun kommt er mir mit Einteilungen daher. Mit Fragmentierungen. Mit einem System gar. Ich mag Systeme nicht. Weil sie die fließende Wirklichkeit unseres Lebens niemals wirklich erfassen. Ständig schwappt da was über die Ränder der Systemkästen. Weil es lebendig ist. Was also soll mir ein Buch, das einen erneuten Versuch unternimmt, lebendiges Leben in ein System zu zwängen? Soetwas ist vielleicht etwas für den Kopf. Die Seele macht es nicht satt. Inneres Wachstum lebt von erzählten Geschichten, nicht von Baukastensystemen.

Nun habe ich Tiki Küstenmacher glücklicherweise persönlich erlebt als einen warmherzigen, humorvollen, sehr geschickt Vortragenden. Deshalb will ich für einen Moment weiter seiner Sprache folgen. Aber: der erste Schock sitzt. Solche Sprache verrät nichts Gutes.

Nach einer kurzen Erklärung der Forschungsarbeiten des amerikanischen Erkenntnistheoretikers Clare Graves – wesentliche Grundlage des vorliegenden Buches – lese ich: „Paulus könnte man als Apostel für die Ich-Stufen bezeichnen“ (S. 44). Aha. Auf das Schubfach. Paulus rein. Ein wenig nachstopfen, damit er ins neue System passt. Fertig. Und nichts ist gewonnen. Ich möchte rufen: „Tiki, was machst du da? Mal lieber eine schöne heitere Zeichnung vom Apostel, aber doch nicht sowas! Schubfächer sind nicht deine Sache! Deine Sache sind die Bilder!“ Aber nein. Es geht weiter mit den Schubfächern.

Dann folgt das Kapitel „Gott 1.0 – Beige“. Und ich beschließe, das Buch nicht weiter Seite für Seite zu lesen. Ich werde es überblättern. Werde mir nur die interessanter klingenden Abschnitte ansehen. Ich kann nichts anfangen mit einen „Gott 1.0 – Beige“. Da schau ich mir lieber die Fenster in St. Stephan in Mainz an. Die sind von Chagall. Und erzählen mir mehr über die Wirklichkeit, die unsere Sprache „Gott“ nennt. Denn mit diesen Bildern kann ich wirklich (etwas) anfangen. Mit Schubfächern nicht. Die kann ich nur auf- und zuschieben.

Lesenswerter finde ich den Abschnitt „Zustände“. Da geht es um lebendige Spiritualität. Und stolpere schon wieder: „Wir teilen Wilbers Überzeugung, dass die saubere Unterscheidung zwischen Stufen und Zuständen das heutige Verständnis von Religion revolutionieren kann, weil sie „den einzigen und wichtigsten Schlüssel zum Verständnis des Wesens spiritueller Erfahrungen enthält.“ (S. 237).
Ah, da ist es wieder. Dieses Wörtchen, das ich so sehr liebe: „einzig“. Der „einzige und wichtigste Schlüssel“ also. Zum Verständnis.
Nein! Tiki, nein! Es ist ein Schlüssel.
Neben vielen anderen.
Ob ein solches Verständnis von Religion der „wichtigste Schlüssel“ ist, sollen Spätere entscheiden.
Solche exklusive – ausschließende – Sprache sagt mir nicht zu.
Sie ist nicht einladend. Sie ist nicht offen.
Sie erzählt nicht. Solche Sprache deklamiert. Ich fühle mich angepredigt, nicht eingeladen.
Großartig stattdessen Marc Chagall. Der malt mir ein Bauernhäuschen mit einer offenen Tür. Einladend. Eine solche Tür braucht gar keinen Schlüssel. Denn sie ist offen.
Damit man eintreten kann.
In ein „erkenntnistheoretisches System“ noch dazu „mit einem einzigen und wichtigsten Schlüssel“ kann ich nicht eintreten.
Will ich auch nicht.

Anschaulich erzählt sind Abschnitte im Buch wie „Das Sakrament des Augenblicks“ (S. 241 ff). Da geht es um Achtsamkeit, um Wachsamkeit für das Leben im Jetzt. Da geht es um die Wiederentdeckung einer lebendigen Spiritualität. Dazu habe ich besseren Zugang. Auch was über die „Tiefseetaucher des Bewusstseins“ (S. 242) geschrieben ist, ist mir zugänglich. Vielem kann ich zustimmen, was da über die großen Lehrer der Religionen geschrieben steht. Aber schon wieder kommt da so eine Tabelle daher. Zwar hübsch und heiter gezeichnet, wie es Küstenmachers Art ist – man sieht diverse Knollennasenmännchen in Meditation versunken – aber eben doch als „Tabelle“. Und da es mit dem „Wilber-Combs-Raster“ (S. 245) weitergeht, lese ich das Schlusskapitel.

Den letzten Worten kann ich zustimmen.
Hier wird Paulus zitiert:
„In Wirklichkeit ist Gott
jedem von uns überhaupt nicht fern.
Denn wir leben in ihm.
Wir sind mit unserem ganzen Leben und Sein
in ihn hinein verwoben.
An seinem göttlichen Wesen
haben wir teil.“

Ich wünsche, daß „Gott 9.0“ zu dieser Erkenntnis beiträgt.
Denn der Anspruch des Buches ist gewaltig: 100.000 Jahre menschliche Geistesgeschichte zwischen zwei Buchdeckel zu kriegen.

Ob das Buch aber nur ein „gemalter Kuchen“ ist, etwas für den Kopf oder ob es auch die Seele sättigt, das mögen die Leser für sich herausfinden.

Für mich ist es so: dieses Buch wirkt auf mich wie ein „gemalter Kuchen“.
Von jenem sagt man im ZEN: „Ein gemalter Kuchen macht nicht satt.“

Da nehme ich mir nun doch zur Versöhnung lieber den Chagall aus dem Regal und betrachte seine Bilder. Oder ich nehme den Martin Buber, diesen großartigen „Steller der Schrift“, wie er sich selbst bezeichnet hat und lese eine chassidische Geschichte.
Die hat mehr Nährwert.

Klangfarben im Frost…


Die Wintersonnenwende dieses zu Ende gehenden Jahres werde ich wohl lange nicht vergessen. Als „Blutmond“ war Frau Luna am morgen aufgegangen, hatte gar ihre Finsternis gezeigt. Und am Abend, wir waren schon irgendwo im Nirgendwo kurz vor dem Schneehaus, das uns Herberge sein würde für die Feiertage, zeigte sie sich in einer Größe und Pracht am klaren Winterhimmel, wie ich sie noch nie gesehen habe. Das Schneeland leuchtete, Schatten gab Frau Luna, die wir merkwürdigerweise als „den Mond“ bezeichnen. Ein Ton klang über das Land im Frost, wie ich ihn noch nie gehört habe.
Der Klang des Mondes.
In jener Nacht konnte ich ihn hören.

Mit dem Licht kam der Klang.

Es gibt einen tiefen Zusammenhang zwischen Farbe und Klang. Die Sprache weiß es. Sie hält Worte dafür bereit:  „Klangfarbe“ und „Farbklang“, „Farbton“ auch. Farben klingen.  Töne lassen sich in Farbtönen ausdrücken. Es ist eine Frage der Schwingung. Denn Farben sind nur schneller schwingende Töne. Der „Sonnenton“ – hinreichend oft oktaviert-, ergibt Orange – die Farbe des Mönchsgewandes im Buddhismus. Joachim-Ernst Berendt hat in seinem Buch „Die Welt ist Klang“ darauf hingewiesen.

Die zarten Gräser im Schnee klingen ebenso. Ganz fein ist ihre Farbe, sehr fein ihr Klang. „Schläft ein Lied in allen Dingen“ wusste Eichendorff. Es ist seltsam, wunderbar, merkwürdig – wie die Dinge ineinander fließen. Klänge in Farben, Farben in Klänge. Der Krach, der uns im Alltag umgibt, überdeckt diesen feinen Zusammenhänge. Man braucht tiefe Stille, um eine Ahnung vom Zusammenhang zwischen Klang und Farbe zu bekommen.

Eine Stille ist gut, wenn selbst die Schritte im frostigen Schnee störend und zu laut wirken. Sie ist tief, wenn sich das feine Sirren im Ohr einstellt, das eintritt, wenn die Schritte still stehen.
„Wenn du auslöschst Sinn und Ton – was hörst du dann?“ fragt ein KOAN im ZEN.
Ein KOAN kann man nicht mit dem Kopf beantworten.
Denn es zielt auf eine Erfahrung, die aus der Praxis kommt.
Aus der Praxis der Sammlung.
Aus der Praxis der geübten Stille.

Wenn ich die Stille betrete, vielleicht genauer: wenn ich in sie eintrete wie in einen großen Raum, dann weitet sich der Horizont. Die Welt wird groß. Im Kleinen kann ich das Große wahrnehmen. In der Stille den Klang. Und Altes klingt ganz neu und frisch.
Wir haben alte Lieder gespielt und gesungen an diesen Feiertagen im Schnee, irgendwo im Nirdendwo in einer kleinen Ferienwohnung in einem winzigen Dörfchen irgendwo zwischen Hamburg und Bremen.
Die Stille hatte uns aufgenommen. Der Mond hatte sein Licht und seinen Klang geschickt zum Beginn dieser Tage. Der Klang wurde intensiver, je mehr wir die Stille an uns heran ließen.
Und dann traten die alten Melodien hinzu. Fünfhundert Jahre alte Lieder, manche noch älter. Lieder von der Weih-Nacht. Menschen haben sie immer wieder gesungen, diese alten Lieder. Von dem feinen Sproß, der auch am abgehauenen Stamm wieder wächst. „Es ist ein Reis entsprungen aus einer Wurzel zart…..“.

Wenn ich das stille Jahr bedenke, das nun hinter mir liegt, die Erlebnisse und Erfahrungen, die es gebracht hat, dann fühle ich mich beschenkt. Viel Überraschendes ist da in meine leere Schale gefallen. Diese leere Schale, die ich am Morgen des Tages dem Leben hinhalte, damit es sie füllen möge.
In dem Maße, wie ich mir nichts vornehme für den Tag, in dem Maße werde ich beschenkt. Es ist eine wundersame Erfahrung.
Mein Leben wird reicher, je weniger ich mir vornehme.
Begegnungen werden überraschend.
Je mehr ich lasse, um so gelassener werde ich.
Meister Ekkehart hat wie kaum ein anderer über dieses schöne Wort nachgedacht. „Gelassenheit“.
Es geht um das sich einlassen auf das, was uns im Tiefsten trägt. „Sitz nehmen“, „sich niederlassen“, „seinen Ort finden“ – dazu führt Gelassenheit, die aus dem Los-Lassen kommt. Es ist seltsam, klingt paradox: je mehr ich loslasse, um so mehr erfahre ich mich als eingebunden, verwurzelt, getragen. Gerade das Los-Lassen führt zur Erfahrung von Sicherheit und Halt.
Gerade das Nicht-Tun, das Nicht-Wollen führt zur Erfahrung großer Intensität, führt zur Erfahrung von sprudelnder Lebendigkeit.

Wir haben Nikolai Gogol gelesen. Erzählungen aus der Sammlung „Abende auf dem Weiler in Dikanka“. Geschichten aus der Ukraine. „Die Nacht vor Weihnachten“.
Und die Bauern kamen vom Ofen wieder herunter, auf den sie sich schon gelegt hatten, um den Winter zu überstehen.
Ihre Lieder klangen wieder.
Und ihre schönen alten Geschichten.

Die Frauen hatte ihre schönsten Farben angelegt. Und die Männer ihre schweren Pelze.

Der Frost klang in jedem Schritt der Pferde, die den Schlitten zogen hinüber ins Dorf, wo man schon von ferne die Lieder hören konnte.

Farben und Klänge mischen sich.
Sehe ich das eine, höre ich das andre.

Der Horizont wird weit.
Das Große zeigt sich im Kleinen.
In der Sprache der Alten hören wir: „und Gott wurde Mensch“.

Am späten Abend des 24. Dezember waren wir in einer Musik. Jaques Brel war unser Wegbegleiter. „Was wäre, wenn es wahr wäre……“ fragt er in einem seiner Lieder.

Was wäre, wenn das wahr wäre: das Große zeigt sich im Kleinen.
Der Klang in der Farbe.

Der Mondklang im Schnee.
„und Gott wurde Mensch“ sagen die Alten.
Ich lausche den alten Worten nach.
Ihre Farben gefallen mir.

Sisyphos – oder eine Geschichte vom Schnee


Die Strafe des Sisyphos bestand bekanntlich darin, seinen Felsbrocken einen steilen Berg hinauf zu rollen.
Kaum hatte er ihn oben, entglitt er ihm und rollte den Hang wieder herab.
Beim morgendlichen Schneeschieben fällt mir dieses alte Bild wieder ein.
Es gibt Gemälde, die einen lachenden Sisyphos zeigen, der übermütig seinen Stein den Hang hinunterrollt. (Wolfgang Mattheuer).
Sisyphos, der den Göttern ein Schnippchen schlägt.
Sisyphos, der aus der Mühe einen Spaß macht. Eine Freude.

Mir gefällt das Bild.
Ich kenne viele Menschen – mich eingeschlossen – die an manchen Tagen beklagen, was ihnen zu tun aufgegeben ist.
Solche Klage ist weit verbreitet.
Man erlebt das, was zu tun ist, wie eine Strafe.

Die Götter lachen sich ins Fäustchen.
Das Feuer in der Unterwelt lodert heißer.

Nun kann man den Göttern aber auch entkommen, wie der Maler wusste.
Wenn man die Arbeit, die einem für den Tag gegeben ist, als die Arbeit annimmt, die an diesem Tag eben zu erledigen ist.
Wenn man aufhört, sie wie eine Strafe zu bekämpfen.
Und siehe da: die Perspektive verändert sich. Die Durch-Sicht.
Ich sehe die Dinge wie mit anderen Augen.

ZEN-Meister wissen um die Kraft solcher Lebensweise.
„Meister, was ist Erlösung?“ fragt der Schüler den Meister.
Der antwortet: „Geh das Geschirr spülen.“

Darum geht es womöglich, wenn man danach sucht, dem Leben einen Sinn abzuringen.

Meine alte Freundin Teresa von Avila (1515-1582) hat davon etwas gewusst.
Die zeitlebens kranke Frau, der so mancher Tag „sauer“ wurde, wie die Sprache noch weiß, einem Teig ähnlich, oder einer Speise, die zu lange steht – diese Frau wusste etwas vom Gebet zum „Herrn der Töpfe und Pfannen“ – mitten in dem, was zu tun ist – konnte sie das Größere wahrnehmen.

Es ist eine innere Haltung.
Der Stein ist nicht mehr zu rollen.
Die „Strafe“ der Aufgabe wird nichtig.
Sisyphos triumphiert.
Übermütig kann er „seinen Stein“ den Hang, kaum hat er ihn mühsam hinauf geschafft, sogar selber wieder hinabrollen.
Kann sich freuen an der Vergeblichkeit seiner Mühe.
Und sie von vorn beginnen.

In dem, was jetzt zu tun ist, kann ich nun einen Hinweis erkennen.
Einen Fingerzeig, daß die Wirklichkeit, die mich trägt, so sehr viel größer ist als mein kleiner Stein, den ich heute zu rollen habe.
Ich fühle die Erde, die mich mitsamt meinem Steinchen trägt….
Ich sehe, wie Sisyphos sich mit ausgebreiteten Armen rücklings auf die Erde fallen lässt.

Der Himmel wird sichtbar.
Sisyphos lacht.

Freiheit wird fühlbar.
Entlastung.
Nicht mehr die Klage hält mein Herz umklammert.
Sondern Freiheit atmet die Seele.

Ich stelle mir den Sisyphos vor, wie er, schweißnass, oben am Berg beinahe ankommt mit seinem schweren Stein, dann aber, laut lachend, voller kindlichem Übermut seinen Stein den Hang hinabrollt.
Ich seh ihn unten sitzen, den Sysiphos. Im Schnee vielleicht. Räumt sich ein Plätzchen frei.
Atmet tief.
Und lernt das Staunen:

„Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten“

(Hilde Domin).