Mir ist so seltsam zu Mute bei dieser Silberhochzeit. Etwas zum Mauerfall


Gefühle soll man ernst nehmen.
Deshalb hab ich mich gefragt, weshalb mir so seltsam zu Mute ist bei diesem Jubiläum? 25 Jahre Hochzeit zwischen Ost und West. 25 Jahre Fall der Mauer? Silberhochzeit.
Große Worte sind in der Welt.
Von „Revolution“ wird da geredet. Friedlich sei sie verlaufen.
Von „Freiheit“ wird auch geredet. „Widerstandkämpfer“ habe es gegeben
Mir ist das alles eine Nummer zu groß und mich beschleicht das Gefühl, dass etwas „nicht stimmt“.
Ich wusste lange nicht, wie ich es in Worte fassen könnte.
Bis da heute ein Text geflogen kam. Ein Redetext.
Gehalten von einem Südamerikaner.
Es hat da zum ersten Mal ein Treffen von sozialen Gruppen aus aller Welt gegeben im Vatikan.
Und dieser südamerikanische Papst fand die Worte, die eine Erklärung wurden, woher mein Unwohlsein kommt bei dieser Silberhochzeit, die in Deutschland gefeiert wird in diesen Tagen.
Denn da stimmt etwas ganz und gar nicht. Nicht nur im Staate Dänemark.
Und Papst Franziskus hat es in Worte gekleidet:
„Die Sozialen Bewegungen bringen zum Ausdruck, wie dringend unsere Demokratien verlebendigt werden müssen, weil sie oft von unzähligen Faktoren entführt werden. Für die Gesellschaft ist eine Zukunft nur vorstellbar, wenn die Mehrheit der Bevölkerung eine aktive bestimmende Rolle mit spielt. Eine solch aktive Rolle geht über die logischen Verfahren einer formalen Demokratie weit hinaus. Die Aussicht auf eine Welt mit dauerhaftem Frieden und Gerechtigkeit verlangt von uns, jeden paternalistischen Assistentialismus hinter uns zu lassen und neue Formen der Partizipation zu entwickeln, damit die sozialen Bewegungen aktiv mitwirken können. So könnte der moralische Energieschub, der aus der Eingliederung der Ausgeschlossenen in den Aufbau einer gemeinsamen Zukunft entsteht, zu Regierungsstrukturen auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene animieren. Und das konstruktiv, ohne Groll, mit Liebe.“
Was ist geworden aus der Aktivität der Vielen, die 89 auf der Straße waren?
Ist sie erstickt im Konsum?
Geht es nur noch darum, wer das schönste Selfie schickt?
Geht es nur noch darum, möglichst selber gut über die Runden zu kommen?
Ist das das Erbe von 89?

Wir müssen wieder von vorne anfangen. Oder, genauer: dort weitermachen, wo wir 1989 aufgehört haben.
Was sind „Maßstäbe des Menschlichen“ in einer wahnsinnig gewordenen Welt, in der sich alles nur noch um Geld zu drehen scheint, um die Sicherung der eigenen Interessen, um Einflusssphären und Gewalt?
Wie kann eine Gesellschaft aussehen, in der es nicht nur um Gewinnmaximierung sondern um Gemeinschaft geht?

„Einige von euch haben gesagt: Dieses System ist nicht mehr zu ertragen. Wir müssen es ändern. Wir müssen die Würde des Menschen wieder ins Zentrum rücken und dann auf diesem Grund alternative gesellschaftliche Strukturen errichten, die wir brauchen. Das müssen wir mit Mut, aber auch mit Intelligenz betreiben. Hartnäckig, aber ohne Fanatismus. Leidenschaftlich, aber ohne Gewalt. Und gemeinsam, die Konflikte im Blick, ohne uns in ihnen zu verfangen, immer darauf bedacht, die Spannungen zu lösen, um eine höhere Stufe von Einheit, Frieden und Gerechtigkeit zu erreichen“.

Friede, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung.
Das waren die Stichworte, die zur „Wende“ geführt haben.
Geblieben sind davon die Reisefreiheit (so man genug Geld hat), die Meinungsfreiheit (die schamlose Auswüchse entwickelt), die Wahlfreiheit (und die Wahlbeteiligung sinkt mit jeder Wahl).
Das ist zu wenig!
Wir wollten mehr.
Wir träumten von einer solidarischen Gesellschaft – aufgewacht sind wir im real existierenden Kapitalismus.
„Dieser Kapitalismus tötet“ – sagt Franziskus.
Eine im Konsum gefangene Gesellschaft kann Freiheit nicht feiern. Welche denn? Die, sofern man Geld hat, unbegrenzt zu konsumieren?
Nein, da stimmt etwas nicht mit dieser silbernen Hochzeit.

„Wir sprechen über Landbesitz, Arbeit und Dach über dem Kopf … wir sprechen über die Arbeit für Frieden und die Bewahrung der Natur … Aber warum schauen wir dann immer noch zu, wie menschenwürdige Arbeit beseitigt, so viele Familien aus ihren Häusern vertrieben, campesinos ihrer Länder beraubt, Kriege geführt werden und die Natur misshandelt wird? Weil man in diesem System den Menschen, die menschliche Person, aus der Mitte gerückt und sie durch etwas anderes ersetzt hat. Weil man dem Geld einen götzendienerischen Kult widmet. Weil man die Gleichgültigkeit globalisiert hat! Man hat die Gleichgültigkeit globalisiert nach dem Motto: Was geht mich das an, wie es anderen geht, wenn ich mich doch um mich selbst zu kümmern habe? Denn die Welt hat den Gott vergessen, der Vater ist. Sie ist wieder eine Waise geworden, weil sie Gott beiseite geschoben hat“.

Schaut man in die sozialen Netzwerke, kann man finden: die „Ironie“ ist beinahe zum Standard-Ausdrucksmittel geworden.
Auch nimmt Zynismus zu.
Besonders schlimm sind die „Euphemismen“ – Worte, die gut klingen sollen. Um etwas zu verbergen.

„Es ist schon komisch, wie Beschönigung und Bagatellisierung durch Euphemismen in der Welt der Ungerechtigkeit überhand nehmen. Man redet nicht in eindeutigen klaren Worten, sondern sucht nach beschönigenden Umschreibungen. Ein Mensch, ein abgesonderter Mensch, ein außen vor gehaltener Mensch, ein Mensch, der unter Elend und Hunger leidet, wird also als Mensch auf der Straße bezeichnet – eine elegante Lösung, nicht wahr? Sucht stets hinter jedem Euphemismus das Verbrechen, das sich dahinter verbirgt – im Einzelfall mag ich mich irren, aber im allgemeinen ist es so, dass hinter einem Euphemismus ein Verbrechen steckt“

„Bei diesem Treffen habt ihr auch über Frieden und Ökologie gesprochen. Das liegt in der Logik: Man kann kein Land besitzen, man kann kein Dach über dem Kopf haben, man kann keine Arbeit haben, wenn wir keinen Frieden haben und wenn wir den Planeten zerstören. Diese wichtigen Themen müssen die Völker und ihre Basisorganisationen dringlich diskutieren. Sie dürfen nicht allein von den politischen Führungskräften behandelt werden. Alle Völker der Erde, alle Männer und Frauen guten Willens, alle müssen wir zum Schutz dieser beiden kostbaren Gaben unsere Stimmen erheben, für Frieden und für die Natur, bzw. – wie Franz von Assisi sie nennt – für die Schwester Mutter Erde.

Kürzlich habe ich gesagt, und ich wiederhole das hier, wir stecken mitten im dritten Weltkrieg, allerdings in einem Krieg in Raten. Es gibt Wirtschaftssysteme, die um überleben zu können, Krieg führen müssen. Also produzieren und verkaufen sie Waffen. So werden die Bilanzen jener Wirtschaftssysteme saniert, die den Menschen zu Füßen des Götzen Geld opfern. Man denkt weder an die hungernden Kinder in den Flüchtlingslagern, noch an die Zwangsumsiedlungen, weder an die zerstörten Wohnungen, noch an die im Keim erstickten Menschenleben“.

Warum ist mir so seltsam zu Mute bei dieser Silberhochzeit?
Weil da etwas ganz gewaltig aus dem Lot geraten ist.
Deutschland ist stark geworden.
Aber ich wünsche mir kein Deutschland, dass wegen seiner Kraft nun auch noch militärisch eine „führende Rolle“ übernimmt.
Ich wünsche mir ein Deutschland, das anknüpft an das Erbe der Bürgerrechts- und Ökologiegruppen, die sich damals zunächst unter dem Dach einiger weniger Kirchen und Pfarrhäuser versammelten und sich die Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“ an die Jacke nähten.

Wir stehen wieder ganz am Anfang. Lasst uns dort weitermachen, wo wir 1989 aufgehört haben.
Die Aufgabe ist zu groß, als dass wir sie allein den Parlamenten und Regierungen überlassen dürften.

(den kompletten Text der Rede von Franziskus vom Oktober 2014 findet man hier).

Ein Dank an Juli Zeh und Illija Trojanow


Juli Zeh und Illija Trojanow ist für die internationale Initiative der Schriftsteller gegen den Überwachungsstaat zu danken.
Die Initiative hat ein breites Medienecho gefunden, die Diskussion geht weiter. Das ist gut und wichtig.
Iris Radisch von der ZEIT kann man zustimmen, wenn sie meint, dieser Aufruf zeige „eine Internationale der Schriftsteller, wie es lange keine mehr gab“. Auch ist ihr Hinweis auf Jean-Paul Sartre, Albert Camus und Stèphane Hessel berechtigt.
Allerdings weist Iris Radisch zu Recht darauf hin, dass der Aufruf „keinen Adressaten“ habe. Zwar wird an die UN appelliert, eine entsprechende „Konvention“ zu verabschieden, aber selbst dieses bleibt eher im Ungefähren.
Dem Aufruf fehlt die Konkretion.
Im Moment ist die Beobachtung sicher nicht ganz unberechtigt, dass es in den Parlamenten für das Anliegen an wirksamer Unterstützung fehlt. Zwar gibt es hinreichend allgemeine Erklärungen, dass „man“ sich um den Schutz der Bürgerrechte kümmern „müsse“, Konkretionen jedoch fehlen.
Allerdings konnte man im amerikanischen Parlament erleben, dass es davon Ausnahmen gibt. Dort wurde der Versuch unternommen, die „Dienste“ unter eine strenge parlamentarische Kontrolle zu zwingen, indem man ihnen das Geld kürzt.
Nur wenige Stimmen fehlten der notwendigen Mehrheit für diesen Antrag. Ein Achtungserfolg. Immerhin.
Die NSA war dermaßen alarmiert über jenen politischen Angriff aus dem Parlament, dass der Chef der NSA, Keith Alexander, persönlich im Parlament erschien, um das aus seiner Sicht „Schlimmste“ zu verhindern.
Ein Signal dafür, das die Initiative genau richtig war.
Was fehlt, ist ein internationales Bündnis von entschlossenen Abgeordneten, die über die Haushaltsausschüsse ihrer Parlamente die Angelegenheit nun konkret in die Hände nehmen.
Denn die Finanzierung ist das einzige Argument, das die Dienste sofort verstehen.
Allgemeinen Absichtserklärungen gegenüber sind sie immun, wie man in der Vergangenheit oft beobachten konnte.
Bitten um Auskunft über ihre Tätigkeiten wimmeln sie mit allgemeinen Papieren und vernebelnden Erklärungen ab.
Sie rücken an Informationen nur heraus, was sie herauszugeben bereit sind.
Längst dominieren die Dienste die Politik, längst sind die Diener zu Herren geworden.
Die entscheidende Frage ist, wer in der Lage sein könnte, sie wieder in ihre Schranken zu weisen.
Mutige Abgeordnete könnten das, wenn sie von ihrem stärksten Recht Gebrauch machen.
Ihre stärkste Waffe sind die Haushalte, die Parlamente haben das Haushaltsrecht.
Es ist noch ein weiter Weg zu gehen bis dahin, darüber braucht man sich nicht täuschen.
Was aber nicht bedeutet, dass man ihn nicht gehen kann.
Deshalb gebührt Juli Zeh und Illija Trojanow Dank dafür, dass sie gemeinsam mit ihren internationalen Schriftstellerkollegen den ersten Schritt gegangen sind.
Weitere müssen folgen.

Glut unter der Asche – etwas vom 17. Juni


Vom 17. Juni 1953 weiß ich aus Erzählungen. Ich kam erst vier Jahre später zur Welt, wurde hineingeboren in die Diktatur.
Mein Vater war ein junger Mann damals 1953 und lebte in Halle an der Saale. Er erzählte oft, wie am 17. Juni die „Genossen“ ihre Parteiausweise und andere Dokumente aus den Fenstern der SED-Kreisleitung warfen, weil sie Angst hatten. Angst vor dem Volk, als dessen Vertreter sie sich doch immer ausgaben.
„Mit Panzern kannst du nicht diskutieren“. Diesen Satz lernten wir Kinder von den Eltern. Jene Panzer, die am 17. Juni einen Aufstand niederschlugen, der mit einer Demonstration um bessere Löhne im Baugewerbe begonnen hatte. „Mit Panzern kannst du nicht diskutieren“ – aber du kannst dennoch einen anderen Weg gehen, als den, den sie mit ihren Panzern erzwingen wollen.
Diesen Weg gingen wir: weder bei den Pionieren, noch bei der FDJ, in keinem Armeelager, bei keiner Wahl.
Wir beteiligten uns nicht.
Dieser Weg war möglich, wenn er auch einen hohen Preis verlangte.
Wenn die Kanzlerin heute vor laufenden Kameras meint, es habe keinen anderen Weg gegeben, als in der FDJ zu sein, dann ist das falsch.
Es gab einen anderen Weg.
Allerdings gehörte ein wenig Mut dazu, ihn zu gehen. Die Stärkung durch Gleichgesinnte und der Schutz der Familie waren ebenso nötig.
1953 schien es, als seien nun die letzten Hoffnungen auf ein demokratisches Gemeinwesen im Osten Deutschlands begraben worden unter den Ketten der russischen Panzer.
Aber es schien nur so.
Denn da war Glut unter der Asche.
1968 kam der Prager Frühling. Dubcek versuchte den „dritten Weg“. Hoffnung keimte auf.
Wieder schickte die „Diktatur des Proletariats“ die Panzer und begrub die Hoffnung unter ihren Ketten.
Es wollte scheinen, als wenn die Diktatur ewig wären und ziviler Ungehorsam erfolglos bleiben würde.
Aber es schien nur so.
Denn im Januar 1988 gab es da diese Demonstration in Berlin, bei der einige wenige an die „Freiheit der Andersdenkenden“ erinnerten und dabei ausgerechnet Rosa Luxemburg zitierten, jene Unangepasste, die von der Obrigkeit doch so gern vereinnahmt und für ihre Zwecke benutzt wurde. ….
Die Verhaftungen jener Demonstranten führten zu „Fürbittandachten für die zu Unrecht Inhaftierten“, ich war schon Jugendpfarrer damals in der schönen Universitätsstadt Jena.
Wir waren mit die Ersten, die mit jenen Andachten anfingen, aus denen später die „Friedensandachten“ wurden. Wir saßen in der kleinen Sakristei der Jenaer Stadtkirche anfangs und ich lies Wolf Biermanns „Du lass dich nicht verhärten“ singen – draußen stand die Polizei vor der Kirche und registrierte jeden Besucher. Als Qelle für den Text hatte ich „volkstümlich“ drunter geschrieben…..
Auch hatte die Staatssicherheit etliche Beobachter in die Andachten geschickt, bei denen wir die neuesten Informationen aus Berlin auswerteten und uns überlegten, wie wir handeln könnten. Diverse umfängliche Akten zeugen davon.

Da war Glut unter der Asche.
Eine neue Generation war herangewachsen.
Die Kinder derer vom 17. Juni 1953.
Viele von ihnen wollten das Land verlassen. Oft waren es die Aktivsten, die sich der Diktatur nicht beugen wollten. Viele wollten „raus“, weil sie Freiheit und persönlichen materiellen Wohlstand wollten. Wir haben das kritisiert, empfanden es als Flucht vor der Verantwortung.
Es gab aber auch jene, die ans Schwarze Brett der Universität schrieben: „Ich bleibe hier. Du auch?“ Wir gehörten zu denen, die blieben, weil sie im Lande ihre eigentliche Aufgabe sahen.
Wir wollten einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, einen „dritten Weg“ zwischen dem zerstörerischen Kapitalismus des Westens, seinem billigen Materialismus und jener Diktatur in der wir groß geworden waren. Wenn man die Programme der Reformgruppen der Wendejahre heute liest fällt dieses auf: alle wollten sie einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz, einen „dritten Weg“.
Glut unter der Asche.
Später hat ein Kollege mal sarkastisch gemeint, als wir über diesen Fakt sprachen: „Das Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung sammelt auch Illusionen……“

Aus den „Friedensandachten“ wurden Demonstrationen. Denn die Menschen mussten ja nach den Andachten irgendwie wieder nach Hause kommen.
Die Zahlen der Menschen in den Andachten stiegen rapide, denn die Andachten waren der einzige Ort, wo man seine Fragen, Sorgen und seine Kritik loswerden und aussprechen konnte.
Auf ihrem Weg nach Hause wurden die Menschen mutiger, schrieben eigene Transparente, wurden politischer, wurden lauter.
Aus Friedensandachten wurden Demonstrationen.
Am Ende fiel das System in sich zusammen.
Ein Stasi-Offizier brachte es auf den Satz: „Wir hatten mit allem gerechnet, aber nicht mit euren Kerzen…..“

Das bringen die Ostdeutschen mit: die Erfahrung, daß eine ewig geglaubte Staatsform über Nacht verschwinden kann.
Als die Diktatur begann, ihre innere Hohlheit mit religiöser Sprache zu verbrämen – man sprach von „ewiger Freundschaft zur Sowjetunion“ – machten uns wache Menschen wie Professor Klaus-Peter Hertzsch auf diese wichtige Änderung in der Alltagssprache aufmerksam und deutete sie als Zeichen des Verfalls. In Erinnerung an die LTI, die „Sprache des Dritten Reiches“, die von Victor Klemperer so ausgezeichnet untersucht worden ist.
Wir waren vorbereitet.
Die Sprache zeigte, daß das System fallen würde.
Wir wußten nicht, wann, aber wir wußten: es würde fallen. Denn es war innerlich ausgebrannt und hohl. Den Gerontokraten, wie man die Mitglieder des ZK in jenen Tagen nannte, ging es nur noch um Machterhalt. Es war nur noch eine Frage der Zeit.
Dann ging alles ziemlich schnell in jenen verrückten Tagen im Herbst 89.
Und am Ende war da eine Flamme zu sehen, angeblasen von einem frischen Wind, der durch das Land zog.
Die Glut unter der Asche flammte neu auf, wurde zum Signal, das die Diktatur hinwegfegte.
Die Panzer blieben in den Kasernen…..

Es hat mehr als eine Generation gedauert vom Juni 1953 bis zum Herbst 1989.
Auch das ist eine Erfahrung, die Ostdeutsche mitbringen: manches dauert – und führt doch zum Ziel.
Und dann, eines Tages, wenn „die Zeit reif“ ist, wie wir damals sagten, dann kann es sehr schnell gehen.
Wir haben erlebt, wie die Regierung zusammenbrach und sich auflöste, wie die Ministerien verschwanden, sogar das für allmächtig gehaltene Ministerium für Staatssicherheit.
Wir haben erlebt, wie die, die noch vor wenigen Stunden in Staatskarossen unter strengem Schutz durch’s Land reisten, um sich bejubeln zu lassen, verschwanden wir ein Schatten an der Wand.

Ich sehe seither Regierungsprogramme, Vorhaben, das Land zu erneuern, nun endlich „alles ganz anders zu machen“ unter dem Blickwinkel dieser Erfahrung: Politik ist vorläufig.
Über Nacht können sich Bedingungen radikal verändern, die man für „ewig“ gehalten hatte.

Deshalb ist es hilfreich, sich an den 17. Juni und sein Ende im Herbst 89 zu erinnern.
Denn die Mächtigen sind, so lehren es jene Tage, nur „ein Schatten an der Wand“.
Manchmal genügen ein paar Kerzen und sie sind nicht mehr…..

Charmeur, Politiker, Spitzel – das seltsame Leben des Manfred „Ibrahim“ Böhme


Die Robert-Havemann-Gesellschaft /Archiv der DDR-Opposition, hatte mich als Zeitzeugen eingeladen zum Gespräch mit der Autorin Christiane Baumann über ihr Buch.
Sie hat das Leben eines der schillerndsten Politiker der Wendejahre nachgezeichnet. Manfred „Ibrahim“ Böhme.
Ich kannte ihn seit den achtziger Jahren bis zu seinem Tode.
Fast wäre er der erste frei gewählte Ministerpräsident in Ostdeutschland geworden.
Doch er flog vorher auf…..

Es war gestern eine gut besuchte Veranstaltung in der Magdeburger Stadtbibliothek.

Ich fand immer: Manfred war ein Charmeur.
Nicht nur Frauen fielen auf ihn herein.
Er war ausgesprochen redegewandt, wirkte klug, hatte die Fähigkeit, andere so gefangen zu nehmen, daß sie ihm sogar erfundene Zitate glaubten.
Manfred galt als gebildet.
Aber: er war vielleicht so etwas wie ein politischer „Heiratsschwindler“.

Wir wussten nicht, daß er seit 1969 Spitzel der Staatssicherheit war.

Christiane Baumann hat in ihrem sehr lesenswerten Buch versucht, das Leben dieses seltsamen Mannes nachzuzeichnen. Sie hat Quellen studiert, ausgewertet, hat Interviews geführt mit Menschen, die ihn genauer kannten. So sind wir uns auch begegnet und saßen nun zusammen im Podium in der Magdeburger Stadtbibliothek.

Wenn „die Opposition“ der DDR als „etwas hemdsärmelig“ galt, der Jeans und grünen Kutten wegen, man trug gern Pullover und eher einfache Kleidung – Manfred, den wir „Ibrahim“ nannten, war anders.
Er trug Krawatte.

Als die Ost-SDP im Pfarrhaus in Schwante gegründet war, wurde Manfred Böhme bald zum Spitzenkandidaten, abgesegnet auf einem Parteitag der SDP in Leipzig.
Und bekam schnell Kontakt zu Willy Brandt, Egon Bahr und anderen Politgrößen der westlichen Sozialdemokratie.
Er wurde, was man einen „Medienstar“ nennt. Journalisten prügelten sich um ihn. Ich erinne mich noch, wie einst einer seiner Anzüge drauf ging, als das Gedränge besonders groß war…..

Eigentlich hatte er nur eine Ausbildung.
Die eines Bibliothekars.
Aber in der Wendezeit hieß es, er würde „an seiner Promotion arbeiten“.
Legendenbildung.
Gezielt unter die Leute gebracht vielleicht.
Diese Legenden, die er um sich strickte wurden ihm zur zweiten Haut.
Es war immer etwas Seltsames um den Mann: immer von Menschen umgeben, aber dennoch im Grunde allein.
Ich wußte wenig Privates von ihm.

Ich kannte Manfred Böhme, seit er bei einem Freund im Pfarrhaus in der Nähe von Jena hin und wieder „Unterschlupf“ fand.
Es hieß, er habe wieder „Ärger mit der Staatssicherheit“ gehabt. Eines Tages reiste er gar mit einem blauen Auge an…..
Und doch diskutierten wir lange Nächte über Marx, einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz -ähnlich wie ihn die Tschechen versuchten – und tranken Wodka.

Manfred hat mich später gefragt, ob ich nicht Jugendsenator in Berlin werden wolle, schließlich verstünde ich doch „etwas von Jugendarbeit“.
Ich habe abgelehnt und bin besser in die politische Erwachsenenbildung gegangen, als es galt, für eine Demokratie, die nur erst auf dem Papier stand, Demokraten auszubilden.
Andere waren nicht so zögerlich und griffen zu….

Nun, zwanzig Jahre nach den Wendejahren, zwanzig Jahre, nachdem der Tornado über das Land zog, war wieder Gelegenheit, sich zu erinnern.
An die Hoffnungen und Enttäuschungen; an das, was wir wollten und das, was gekommen war.
Manfred „Ibrahim“ Böhme gehört zu diesen Jahren.

Ich empfehle das Buch von Christiane Baumann sehr.
Besonders Landsleuten, die in den westlichen Bundesländern groß geworden sind.

Man kann an dieser überaus merkwürdigen Biografie eines „politischen Hochstaplers“ oder „politischen Heiratsschwindlers“ eine Menge über die DDR erfahren.
Allgemeingültiges aber eben auch sehr Besonderes. Denn dieser Manfred Böhme, den wir „Ibrahim“ nannten, war ein typischer Spitzel, aber er war eben auch sehr anders.
Das wird im Buch von Christiane Baumann sehr deutlich.
Mich freut, daß das Buch bislang gute Resonanz gefunden hat.
Ich wünsche ihr und dem Buch, daß es noch viele aufmerksame Leser und Zuhörer findet.

Das Fanal – Erinnern an die Selbstverbrennung des DDR-Pfarrers Oskar Brüsewitz 1976


Am 18. August 1976 verbrannte sich Pfarrer Oskar Brüsewitz aus Rippicha öffentlich in der Innenstadt der DDR-Kreisstadt Zeitz.
Er hatte zwei selbstgemalte große Plakate aufgestellt:
„Funkspruch an alle….Funkspruch an alle….
Die Kirche in der D.D.R. klagt den Kommunismus an! wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen.“

Ich war zu seiner Beerdigung. Sie fand am 26. August 1976 nachmittags um 14.00 statt. Wir waren zu viert im Auto von Naumburg nach Rippicha gefahren.
Zusammen mit Rainer Bohley, unserem Rektor am Proseminar, einer kleinen kirchlichen Schule, in der man Abitur machen konnte.
Die Linie führt von Brüsewitz‘ Selbstverbrennung über die Ausweisung von Wolf Biermann zu den bei der Rosa-Luxemburg-Demonstration 1988 zu Unrecht Inhaftierten über die Friedensgebete, aus denen die „Montagsdemonstrationen“ wurden direkt bis zum „Fall der Mauer“ 1989.

Nun, im Januar 2010, halte ich „Das Fanal“ in den Händen.
Die Geschichte von Schuld und Verstrickung.
Eine Geschichte von Staatssicherheit, Kirche, SED und Spitzeltum; eine Geschichte von Gerüchten und Verdächtigungen, von Angst und Mut.
Ein Buch, das versucht, die genauen Vorgänge zu rekonstruieren. Es ist schon 1999 erschienen, doch heute erreicht es mich erst.
Alte Bilder werden lebendig.
Die vielen vielen Menschen. Die „schwarze Reihe“ der Männer und Frauen in Talar.
Die Staatssicherheit.
Die Fernsehkameras der ARD.
Die anschließende „Ausweisung“ des ARD-Korrespondenten Lothar Loewe, man entzog ihm die Akkreditierung.
Die folgenden heißen Diskussionen, nächtlichen Gespräche im Freundes- und Bekanntenkreis über den Tod des Pfarrers.
In meinem Tagebuch von 1976 lese ich von den „regelrechten Hetzkampagnen der SED-Zeitung ‚Neues Deutschland‘ gegen Brüsewitz“.
Die „Schaukästen“ meines Vaters, in denen er als Pfarrer, der das offene Wort pflegte, gegen das „Neue Deutschland“ wetterte unter der Überschrift: „Halbe Wahrheiten sind ganze Lügen“.
Das „ND“ hatte versucht, Pfarrer Brüsewitz als „geisteskrank“ und „anormal“ darzustellen.

Mir begegnen sehr viele vertraute Namen in dem Buch.
Bischof Krusche, Propst Bäumer, OKR Stolpe, OKR Schultze, OKR Detlev Hammer…
Menschen, die ich persönlich kenne oder kannte. Einige sind schon gestorben.
Ich tauche ein in ein Stück eigener Geschichte, hole Bilder wieder in die Gegenwart, die schon so lange versunken schienen.

Vielleicht ist es ja nicht zufällig, dass mir das Buch in diesen Tagen begegnet, in denen eine erneute öffentliche Debatte um den „Kommunismus“ aufgeflammt ist.
Brüsewitz hat seinen Tod als Zeugnis „gegen den Kommunismus“ verstanden. So jedenfalls hat er es vor seinem Tod dem behandelnden Arzt in Halle gesagt.

Das Buch ist gut geschrieben. Bis Redaktionsschluss zugängliche Dokumente sind sorgfältig ausgewertet, einige Dokumente sind nachträglich vielleicht noch zugänglich geworden, das schadet dem Ganzen aber nicht.
Es gewährt auch den Jüngeren Einblick in eine Gesellschaft, die nach dem Willen der SED, der Blockparteien (maßgeblich in dem Zusammenhang die CDU) und der Staatssicherheit geformt werden sollte.
Es gewährt Einblick in ein kompliziertes Beziehungs- und Begründungsgeflecht, das das stets angespannte Verhältnis zwischen Kirche und Staat betrifft.
Es ist insofern ein Lehr-Buch. Ein Lehr-Buch über die Zweite deutsche Diktatur.

„Das Fanal“ ist ein bemerkenswertes Buch. Denn es versucht, in ein kompliziertes Geflecht von individueller Biografie, schuldhaftem Verhalten von Kirche und SED-Staat ein wenig mehr Licht zu bringen, damit das Verständnis wachsen kann für das Verhältnis zwischen Staat und Kirche in der Zweiten Deutschen Diktatur.
Dieses Leben in der Diktatur war hoch komplex und oft auch kompliziert; die Charaktere der im „Fall Brüsewitz“ Handelnden waren sehr verschieden.
Es gab Angepasste und Ängstliche, aber es gab auch klare und mutige Menschen. Es gab Taktiker und Denunzianten, aber es gab auch Freunde und Gefährten.

Oskar Brüsewitz war kein einfacher Mensch.
Er war gradeaus. Unkonventionell.
Er war ein wichtiger Mensch. Und ein mutiger Mensch zudem.
Seine persönliche, direkte und konsequente Verkündigung als Pfarrer in der Zweiten deutschen Diktatur hat mit dem „unterirdischen Beben“, das sie auslöste, einen großen Beitrag geleistet zum Fall der Mauer.

Lohnenswerte Lektüre:
Helmut Müller-Enbergs; Wolfgang Stock, Marco Wiesner.
Das Fanal.
Das Opfer des Pfarrers Brüsewitz aus Rippicha und die evangelische Kirche.
Aschendorff-Verlag 1999
ISBN 3-402-05263-6.

Was bleibt? Oder: Die Unfähigkeit zu trauern.


Nun gehen sie wieder nach Hause mit ihren Lebensgeschichten. Mehr als 200 Menschen waren zum 21. Bautzen-Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung gekommen. Vorträge waren zu hören, Lebensberichte.
Ich höre zwei frühere Häftlinge zueinander sagen: „Na, dann kommen Sie mal gut nach Hause. Bis zum nächsten Jahr! Und: bleiben Sie vor allem gesund!“
Und nun geht er wieder. Und trägt seine Geschichte in sich, wie er sie vor dem Forum in sich trug. Er nimmt sie wieder mit nach Hause. Sie lässt ihn nicht los.

Heute Vormittag erzählten vier Zeitzeugen ihre zum Teil ungeheuerlichen Erfahrungen mit der Diktatur. Diese „Zeitzeugenberichte“ sind ein fester Bestandteil der Foren geworden und sie sind wichtig, weil die Menschen, denen man die Zähne ausgeschlagen hat; die man tagelang in der Dunkelzelle hat stehen lassen; die sich in der Untersuchungshaft über ein Viertel Jahr lang nicht waschen durften – diese Menschen haben nun endlich einmal die Gelegenheit, ein wenig von dem zu berichten, was ihnen beinahe täglich als inneres Bild vor Augen steht.
Zeitzeugen aus den fünfziger Jahren waren zu hören; aus der Zeit der sowjetischen Militärtribunale, aber auch Zeitzeugen aus den 70iger Jahren.
Der Mann zum Beispiel, Jahrgang 1962; der in Hannover aufwuchs und erst im Alter von 16 Jahren bei einer angeblichen Besuchsreise in den Osten – zum angeblich kranken Großvater – mitsamt seinem Vater und seiner Mutter DDR-Bürger wurde. Weil der Vater Spitzel der DDR im Westen war und die Gefahr bestand, dass er im Westen „enttarnt“ wurde…. Dieser Mann führt heute Besuchergruppen in der Gedenkstätte Berlin Hohenschönhausen und erzählt ihnen seine abenteuerliche Geschichte.
Was bleibt zwanzig Jahre nach dem Ende der Diktatur?

Trauer wird fühlbar und Ratlosigkeit.

Es sind so viele unglaubliche Einzelschicksale aus der Zeit der Zweiten Diktatur, über die niemand etwas weiß und von denen kaum noch jemand etwas hören will.
Vieles ist zwar dokumentiert, auch gehen Zeitzeugen mittlerweile in die Schulen oder schreiben Bücher über ihre Erfahrungen – aber im Grunde bleiben sie allein mit dem Erlebten.
Nur in seltenen Fällen gelingt es ihnen mit Hilfe von erfahrenen Trauma-Therapeuten, das Erlebte so zu verarbeiten, daß ein einigermaßen „normales“ Leben wieder möglich wird.

Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat sich sehr verdient gemacht um diese Menschen, weil sie nun seit zwanzig Jahren das Bautzen-Forum veranstaltet, um den Opfern der Diktatur ein Forum zu geben; um zur Vergangenheitsklärung beizutragen.

Aber der politische Alltag in Deutschland geht über diese Dinge hinweg.
Er geht über diese Menschen hinweg.
In Ostdeutschland hat die alte „Nationale Front“ (SED und Blockparteien) wieder Mehrheiten; die Täter sind wieder sehr gut organisiert in „Selbsthilfegruppen“ und Netzwerken; die „Nachfolgepartei“ der SED behauptet von sich, sie habe sich mit ihrer Vergangenheit „auseinandergesetzt“ – doch das steht alles nur auf dem Papier. Es ist nicht glaubwürdig. Man kann es fühlen, wenn man die Worte liest und die Sätze hört.
Weil die eigentliche Arbeit – die notwendige Trauerarbeit, wie die Mitscherlichs eindrücklich geschrieben haben, nicht geleistet worden ist.

Deshalb liegt die eigentliche, die innere Arbeit noch vor uns. Ich stimme Joachim Gauck bei dieser Aussage sehr zu. Die eigentliche Arbeit liegt noch vor uns.
Denn die Traumatisierungen der Zweiten deutschen Diktatur wirken nach wie schleichendes Gift in den Familien.
Sie entfalten ihre vergiftende Wirkung umso stärker, je mehr die eigene Verantwortung am langen Bestehen der Diktatur nicht gesehen wird.
Solange wir die seelische Kraft nicht aufbringen, genau dorthin zu schauen, „wo es weh tut“ (Joachim Gauck), so lange wird Vergangenheitsklärung nicht wirklich gelingen.
Das wurde sehr deutlich auf diesem 21. Bautzen-Forum der FES.
Denn nach den vielen Veranstaltungen, Podiumsdiskussionen, Filmbeiträgen, Büchern der zurückliegenden 20 Jahre bleibt – ein überaus schales Gefühl.
„Da stimmt etwas nicht“.
Es ist noch lange keine Versöhnung gelungen; denn: noch wird viel zu viel geleugnet. Noch gibt man viel zu schnell „den Oberen“, „den Großmächten“, „der Politik“ die „Schuld“ am Gewesenen.
Viel zu schnell lenkt man ab von der eigenen Rolle im System. (Das gilt übrigens für Ost und West, denn auch der Westen hatte seinen Anteil am langen Bestand der Diktatur!).

„Die Unfähigkeit zu trauern“ haben die Mitscherlichs ihr wichtiges Buch genannt, das den Deutschen nach der Ersten Diktatur ins Gewissen redete und für die Revolte der Kinder gegen ihre Eltern und Großeltern in den sechziger Jahren im Westen so wichtig war.

Nun, zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer, liegt diese gewaltige Aufgabe erneut vor den Deutschen in Ost und West. (Ich weiß, daß so mancher in einem süddeutschen Bundesland nicht sehen kann, was denn die DDR mit seinem Leben zu tun haben sollte….).
Diese Aufgabe liegt eigentlich vor uns. Aber sie wird verdrängt von Tagesaktuellem, von Bankenkrise, Landtagswahlen, Medienthemen.
Erneut stellen sich die Deutschen nicht wirklich ihrer Vergangenheit.
Zwar werden kluge Vorträge gehalten, wichtige Bücher geschrieben, auch Zeitzeugenberichte gesammelt und publiziert – aber es kommt nicht wirklich zu einer Besinnung darüber, was denn diese Zweite Diktatur eigentlich im Volk angerichtet hat.
Der Westen macht es zu einem „Problem der Ostdeutschen“, so, als ginge ihn das alles eigentlich gar nichts an.
Der Osten rettet sich in großen Teilen der Bevölkerung in erneute Anpassung. Man sieht es an den Wahlergebnissen und an der Wahlbeteiligung.
Die „alten Kameraden“ haben wieder Mehrheiten: Ost-CDU und SED feiern fröhliche Urständ. Ja, es geht sogar soweit, daß frühere Täter in Foren und Veranstaltungen ihre Opfer von damals erneut auslachen und beleidigen. Sie tun das beispielsweise anlässlich von Buchpräsentationen, in denen sie beschreiben, „wie es wirklich war“. Diese „Innenansichten der Staatssicherheit“ verkauften sich auch im Westen prächtig.
Markus Wolf, der „Oberspitzel“ war einer der ersten, der sich das zunutze machte und mit seinen „Innenansichten“ im Westen auf Verkaufstour ging.

Aber was ist mit den Lebensgeschichten derer, denen man den Schädel eingeschlagen hat und die zwei Tage bewußtlos im Saal II im „Gelben Elend“ lagen, nachdem der Häftlingsaufstand im Gefängnis der „Nationalen Volkspolizei“ 1950 von den „Volkspolizisten“ so brutal niedergeschlagen worden war?

Was ist mit den Lebensgeschichten derer, die man noch als Minderjährige zum Tode verurteilt und anschließend zu 25 Jahren „begnadigt“ hat, von denen sie schließlich 9 Jahre „abgesessen“ haben?

Was ist mit den Erfahrungen derer, denen heute noch die Tränen in die Augen steigen, wenn sie auf dem Podium erzählen, wie sie verhört wurden: daß da der eine Soldat im Verhör immer sein Gewehr auf den Kopf des Häftlings legte, wenn der antwortete, und auf die Blumentöpfe schoß, so mal eben, die Knarre auf dem Schädel des „Delinquenten“?

Sie bleiben im Grunde alleine mit ihren Erfahrungen.
Denn wir haben die Ebene der Gefühle noch nicht erreicht mit all unseren Bemühungen um Vergangenheitsklärung.
Was hast du gefühlt, als du zur Wahl gingst, obwohl du eigentlich „gegen den Staat“ warst, obwohl du wusstest, dass allein schon die Teilnahme als „Bekenntnis zum Staat“ gewertet wurde?
Wo ist dein Zorn über deine gespaltene Persönlichkeit?
Was hast du gefühlt, als du zur „Nationalen Volksarmee“ gingst, obwohl du eigentlich „gegen den Staat“ warst?
Was hast du gefühlt in dir, als du in die Blockpartei eintratest, obwohl du eigentlich „gegen den Staat“ warst?
Oder:
Was hast du gefühlt, als du das Päckchen packtest und zur Post trugst, adressiert an „die Verwandten im Osten“?
Was hast du gefühlt, als Strauß den Milliardenkredit mit Honecker verhandelte?
Was hast du gefühlt, als eine große Mehrheit in Westdeutschland eigentlich meinte, die völkerrechtliche Anerkennung der DDR stünde eigentlich kurz bevor?
Unbequeme Fragen sind das, ich weiß.

Der Staat glaubt, mit der Einrichtung der „Gauck-Behörde“, mit der Erhöhung der kleinen Opferentschädigung; mit der Einrichtung der „Bundesstiftung“ zur Aufklärung der Diktatur seine Schuldigkeit getan zu haben.
Aber wir machen erneut die Erfahrung:
die Diktatur ist mit Mitteln der Justiz (ist eigentlich ein einziger Stasi-Offizier dafür verurteilt worden, daß er Pläne zur „Zersetzung“ politisch anders denkender Menschen erfand und durchsetzte?) nicht aufzuarbeiten.
Sie ist auch mit Mitteln des Staates (Stiftungen zur Aufklärung, Opfer“renten“) nicht wirklich zu leisten.

Denn eine Begegnung zwischen Tätern und Opfern findet nicht statt. Und die Ebene der Gefühle ist längst nicht erreicht.
Die Schatten werden länger und mächtiger, man sieht es an der „Verklärung“ der DDR, die man in so vielen Äußerungen erkennen kann.

Und die gewaltige Masse der Mitläufer tut so, als ginge sie das alles gar nichts an.

Das  Volk schweigt.
Die Väter schweigen.
Die Mütter schweigen.
Die Großeltern schweigen.
Sie schweigen, wie sie am Ende der Ersten Diktatur geschwiegen hatten.

„Man konnte ja nichts machen“ ist die achselzuckende Antwort, eine Ohrfeige für alle die, die wegen politischer „Aktivitäten“ im Knast landeten oder auf subtilerere Weise „zerstört“ wurden, wie die „Maßnahmepläne“ des Geheimdienstes ja klar und deutlich als Ziel formulierten.

Warum hat die Zweite Diktatur immerhin 40 Jahre Bestand gehabt?

Unbequeme Fragen sind das.
Denen wollen wir uns nicht stellen. Denn sie tun weh.
Wir wollen lieber darüber sprechen, wohin wir im nächsten Urlaub fahren…..

Die Diktatur hat immer diese zwei Seiten: die Seite der Unterdrücker – aber eben auch die Seite derer, die zur Anpassung bereit sind.

Wie also steht es um die Anpassungsbereitschaft der Deutschen?
Wie steht es mit ihrer Bereitschaft zum Konflikt, mit ihrer Bereitschaft zum „aufrechten Gang“?
„Sie müssen sich anpassen“ – das war die erneute zentrale, fast überlebenswichtige Forderung, die Ostdeutschland nach dem Beschluss der Volkskammer zum „Beitritt“ zur alten Republik zu erfüllen hatte.
Wieder war „Anpassung“ verlangt. „Beitritt“ zur alten Republik. Das erforderte eins vor allem: Anpassung.

Wieder war „der Untertan“ auf der Bühne, den Heinrich Mann so trefflich schon aus der Kaiserzeit zu zeichnen wußte.
Die Deutschen und ihre Obrigkeiten – eine scheinbar nicht endenwollende, unheimliche Geschichte des nicht geleisteten Widerstandes; der nicht geleisteten befreienden Trauerarbeit über verfehltes, weil überangepasstes Leben.

Was also bleibt?

Die Bautzen-Foren der FES haben eine überaus wichtige Funktion und müssen weiter gehen, keine Frage.
Aber: sie brauchen eine neue Dimension: man muss nun, zwanzig Jahre nach dem Ende der Diktatur, den Versuch unternehmen, Täter und Opfer in Kontakt zu bringen.
Man muss den Versuch unternehmen, die Ebene der Gefühle zu erreichen.
Denn das, was die Opfer in den Gefängnissen und außerhalb der Gefängnisse zu ertragen hatten, ist so gewaltig, daß man sich dieser Dimension allein mit dem analytischen Verstand nicht ausreichend nähern kann.
Und: man braucht noch mehr Öffentlichkeit für die unglaublich traurigen Lebensgeschichten derer, die von sowjetischen Militärtribunalen oder von der kommunistischen Justiz in späteren Jahren inhaftiert, gefoltert, und körperlich und seelisch zerstört wurden.

Ich weiß, daß das unbequem ist.
Ich weiß auch, daß ich nur einen „Stein in den Strom werfe“.
Denn ich kenne auch genügend Menschen, die meinen, nun müsse doch „endlich mal Schluss“ sein mit solchen Beschäftigungen mit der Vergangenheit.

Wir wissen aber auch, daß die Schatten immer länger werden, wenn wir nicht bereit sind, die Tür zu öffnen, hinter denen sie lauern.
Ihre Wirkung wird stärker werden, ihr Gift gefährlicher.
Es frißt von innen.
Wer sich dem Schatten nicht stellt, der wird vom Schatten gestellt.
Es ist nur eine Frage der Zeit.
Denn die Seele kann man nicht betrügen.

Was fangen wir nun an mit unseren beiden deutschen Diktaturen?
Was fangen wir nun an mit unserer Geschichte und der Geschichte unserer Familien?

Manchmal habe ich den Eindruck, wir stehen erst ganz am Anfang.


(Übrigens: das 21. Bautzen-Forum wird erneut als gedruckte Publikation erscheinen und ist dann kostenlos bei der Friedrich-Ebert-Stiftung, Büro Leipzig, bestellbar).