Gelassenheit. Eine Erinnerung


Der Erfurter Meister Ekkehart (1260-1328) hat das Wort von der Gelassenheit geprägt und die deutsche Sprache um dieses schöne Wort bereichert.
Gemeint ist: Gegründet sein. Seinen Ort gefunden haben, ein-gelassen sein. Verbunden sein mit dem Grund, der alles trägt.
Gelassenheit ist eine rare Tugend in Zeiten wie unseren, die von täglich neuer Aufregung geprägt sind.

Meine Erinnerung geht an einen Ort, an dem Gelassenheit anschaulich geworden ist. Volkenroda bei Meiningen.
1131 wurde jener Ort von ein paar Männern gegründet, die ihrem Zeitgeist widersprochen und Mönche geworden waren – Zisterzienser.
Sie wollten nicht länger vom Ertrag des Zinses, von der Rendite des Geldes, sondern von ihrer Hände Arbeit leben.
Deshalb gründeten sie die Klöster ihrer Lebensgemeinschaft abseits von den aufstrebenden Städten, in denen die reichen Händler lebten; weit draußen auf dem Lande, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen.
Jene Orte des Protestes gegen den Zeitgeist wurden jedoch über die Jahrhunderte Stätten der Kultur, der Gelassenheit, der Gesundheit.
Denn die Wurzeln, die sie tief in die Erde trieben und die Äste, die sie dem Himmel entgegenstreckten waren so kräftig und gesund, daß über die Jahrhunderte hinweg Menschen in ihnen Orientierung und Halt fanden.
Die Menschen kamen und suchten diese besonderen Orte auf. Denn es waren Kraft-Orte. Orte der Orientierung in orientierungsloser Zeit.
Orte der Verwurzelung in einer entwurzelten Gesellschaft.
Orte, an denen Gelassenheit erfahrbar wurde.

Thomas Müntzer hat 1525 mit seinen kriegerischen Bauern jenen alten Ort weitgehend zerstört.
Alle Versuche, den Ort wieder herzurichten, blieben erfolglos.
In den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war der Ort praktisch nur noch eine vermüllte Ruine.

Heute jedoch, zwanzig Jahre später, lebt der Ort, der auf der EXPO 2000, der Weltausstellung, die Aufmerksamkeit der Welt auf sich lenkte.
Denn auf der EXPO wurde jener „Christus-Pavillon“ zum ersten mal gezeigt, der nun in Volkenroda neben der alten Kirche der Zisterzienser ein Zentrum der ganzen Anlage geworden ist.
Gelassenheit.
An diesem Ort kann man sie finden.
Der Ort selbst spricht mit seiner Geschichte das Wort aus.

1000jährige Eiche in Volkenroda/Thüringen

In Volkenroda fand ich heute am Morgen auch einen alten Baum.
Etwa 1000 Jahre alt ist er.
Auch er ein Zeichen von tief gegründeter Gelassenheit.

Ich war an jenen Ort gekommen, weil mich jemand eingeladen hatte. Dr. Schoedl, den Leiter des europäischen Jugendbegegnungszentrums Volkenroda hatte ich bei einer Gesprächsrunde im Mitteldeutschen Rundfunk kennen gelernt. Wir sprachen damals über die Stille. Über unsere schnelle, laute und oftmals krankmachende Gesellschaft; wir dachten nach über die Not-Wendigkeit, in aller Hektik und Betriebsamkeit die Orientierung und vor allem, eine gute Verwurzelung zu behalten. Zuviele Entwurzelte leben in unserer Gesellschaft, die sich immer schneller nur noch um sich selber dreht.

Nun kamen da vier zusammen an jenem Ort in Thüringen: der Computerfachmann und Fotograf Markus Spingler, der mit wundervollen schwarz-weiß Fotografien und einfühlsamen Texten dem Thema „Stille“ nachspürt.
Der Saxophonist Rainer Schwander und der Gitarrist Bernhard von der Goltz, die beide seit über dreißig Jahren der Musik nachspüren, jener Brückenbauerin zwischen Himmel und Erde. Wer den Jan Garbarek einmal gehört hat, der hat eine Vorstellung, wie das Sopransaxophon von Rainer Schwander im abendlichen Pavillon in Volkenroda gestern geklungen hat.

Ich hatte ein paar Texte mitgebracht, die vom Hören sprechen, von der Not-Wendigkeit einer wirklichen Orientierung in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt. Einen Text hatte ich auch, der handelt von der Musik, vom „sound of silence“, den nicht nur Simon&Garfunkel kannten.
Und siehe da: es fügte sich ein wundervoller Abend in uraltem Gelände.
Männer, die sich nie vorher gesehen, geschweige denn, je etwas gemeinsam gemacht hatten, fügten ihre Arbeiten zu einem sehr schönen Ganzen zusammen: Bild, Wort, Musik.
Und: sie „verstanden“ sich.
Jeder in seiner Sprache, in der Sprache der Musik, des Bildes, des Wortes – und doch sprachen wir von gemeinsamer Erfahrung.

Spät noch am Abend standen wir draußen im Hof der alten Klosteranlage bei einem Gläschen Rotwein und spürten dem nach, was da gerade geschehen war:
eine Erfahrung von Gelassenheit.

Das wird bleiben: die Erinnerung
an  denkwürdigen Ort, der scheinbar hoffnungslos verlassen war – und doch neu aufgeblüht ist.
Die Erinnerung an den Baum – der so viel mehr gesehen hat als eine Menschengeneration sehen kann.
Die Erinnerung an die Klänge des Abends und die Bilder, die eine Brücke schaffen zwischen Himmel und Erde.

Ein guter Ort.
Uralt.
Gut verwurzelt.
Ein Ort der Gelassenheit.

Vom Sitzen. Oder: wie Texte entstehen


Im Zentrum der Übung liegt ZAZEN (sprich: Sasén).
Die Entgiftung gelingt mir nicht ohne diese tägliche Übung.
ZAZEN muß man tun.
Es ist nichts für den Kopf.
Es ist nichts für Worte.
Denn Worte hören im ZAZEN auf.
Der Wort- und Datenmüll, der unseren Alltag füllt, verschüttet den Zugang zum Kern. Ständig. Immer wieder.
Deshalb ist die Übung erforderlich.
Täglich.
Das „Reinigen der Schale“.
Es ist eine Frage der Seelenhygiene. So, wie das Duschen und Zähneputzen zur Körperhygiene gehören.
Die Übung scheint einfach:
sitz aufrecht. schweig. atme. atme vor allem lang aus.
Die Mitte deines Körpers liegt zwei Zentimeter unter dem Bauchnabel.
Dort hast du deine Hände zusammengelegt.
Mich erstaunt nach der täglichen Übung des ZAZEN oft, welche unglaublichen Mengen an Gedanken- und Wortmüll sich in mir angesammelt haben.
Alles unwichtiges Zeugs, das den Spiegel der Seele beschmutzt.
ZAZEN hilft mir, daß der Spiegel der Seele wieder klar wird.
Es ist eine einfache, schlichte Übung.
Aber sie hat sehr große Kraft.
Schwertkämpfer trainieren ZAZEN.
Es ist das Training der Wachheit.
HIER und JETZT.
Keine Gedanken mehr, kein Wollen mehr. Ganz gegenwärtig sein.
Wenn der Schwertkämpfer nicht im HIER und JETZT ist, wird er es sehr bald spüren: sein Kampfpartner wird ihm kräftig „eins überziehen“.
Die Wachheit für den gegenwärtigen Augenblick.
Darum geht es.
Du hast nur diesen gegenwärtigen Augenblick. Er ist dein ganzes Leben.
Das Vergangene ist vergangen, was kommen wird, kannst du nicht wissen.
Nur HIER und JETZT.
Übe die Achtsamkeit für das, was jetzt gerade ist.
Alle Sorgen, alle Ängste, aller Zorn und aller Kleinmut verlieren ihre Kraft.
Die „Mühle im Kopf“ kommt zum Stillstand.
Klarheit breitet sich aus in dir.
Namenlose Klarheit.
Gegenwart.

Ich habe viel ausprobiert in meinem Leben, um im Gleichgewicht zu bleiben: bin gelaufen, habe Yoga trainiert; bin geschwommen und habe die „fünf Tibeter“ praktiziert.
Das ZAZEN jedoch ist wegen seiner Einfachheit und Klarheit die mir entsprechende tägliche Übung.
Denn sie hilft mir, die „Mühle im Kopf“ abzustellen.
Sie hilft mir, innerlich in der Balance zu bleiben, wenn sich starke Gefühle melden.
Dann setz dich aufrecht.
Atme.
Nimm wahr, was jetzt ist: hör die Geräusche um dich herum, schmecke, was du gerade schmeckst; rieche, was wahrzunehmen ist; nimm wahr, was in deinem Körper ist. Schau dir an, was sich in der Seele zeigt: schau dir das Gefühl an – wie in einem Spiegel.
Du bist nicht das Gefühl.
Es ist nur ein Schatten im Spiegel.

Das wichtigste am ZAZEN:
man kann davon eigentlich nicht sprechen.
Man muß es tun.

Anfangs kommen sehr große innere Widerstände: eine große Unruhe zeigt sich; dir ist, als müsstest du „weglaufen“; man sieht es am Schwanken des Körpers, an der Unruhe des flachen Atems.
Widerstand.
Die „Affen im Kopf“ fangen an zu tanzen.
Lass dich nicht irritieren.
Schau deinem Atem zu. Er führt dich.
Und dann schau sie dir an, diese Affen. Wie sie tanzen.
Wenn sie Gewalt über dich zu gewinne scheinen: kehre zum Atem zurück.
Er verbindet dich mit dem Leben.
Der Atem ist der „Hauch Gottes“.
Dann kehre zurück zu den Affen. Schau sie dir an. Wie sie tanzen.
Sie sind nur eine Illusion. Sie tun nur so, als wären sie da.
Sie werden gehen eines Tages.

Starke Gefühle können sich zeigen:
unbändige Wut; große Trauer, starker Zorn.
Aber auch Hingabe wird möglich.
Wenn die starken Gefühle kommen; wenn Tränen fließen; wenn der Körper sich schüttelt: kehre zurück zum Atem.
Er führt dich.
Die starken Gefühle sind alt.
Alte, frühe Verletzungen werden so wieder fühlbar.
Schau sie dir an im Spiegel.
Sie werden schwächer und schwächer, je öfter du sie angeschaut hast.
Sie kommen immer wieder, gewiß.
Aber sie verlieren ihre Kraft.
Sie melden sich – wie alte Bekannte.
Du lernst, deine inneren Landschaften zu kennen.
Du lernst dich kennen.
Du lernst, wenn du atmest und zuschaust, was sich da alles zeigt: wieviele alte Gefühlsreste du mit dir herumschleppst.
Dann atmest du aus.
Und lässt sie gehen.
Sie sind nicht mehr wichtig.

SAZEN ist „einfach“.
Gerade deshalb ist es eine „Große Übung“.

Ich hätte den Text „Mitten im Lärm der Stadt betrete ich die Stille“ nicht schreiben können ohne diese Erfahrung.

http://www.randomhouse.de/book/edition.jsp?edi=339747

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