Tante Hildegard spricht von der Bildung


Tante Hildegard ist alt und sie ist frech. Das sagte ich schon. Dabei ist frech gar nicht richtig. Sie sagt halt, was sie denkt.
Gradeaus und ohne Umschweife. Das Übrige macht die Erfahrung. Und davon hat sie viel.
Sie ist fromm und sie hat eine dicke runzlige rote Nase.
Das eine kommt vom Krieg.
Das andre vom Schnaps. Sie trinkt gern mal einen. „So zur Verdauung“.
Wenn ich sie besuche, soll ich ihr hin und wieder was aus der Zeitung vorlesen.
Die Augen eben, das geht nicht mehr so.
„Nur die Überschriften!“ sagt mir Tante Hildegard. „Das andre weiß ich dann schon.“
Die alte Indianerin hat wohl die Gabe des Hellsehens, denke ich so bei mir, nur die Überschriften!

„Wir brauchen ein Top-Bildungssystem“ lese ich vor.
„Wer hat das gesagt?“ will Tantchen wissen.
„Der Gysi Gregor“.
Da fängt die Tante an zu kichern und nimmt sich noch ein Schnapsbonbon.
„Heute ist alles topp, nicht?“ fragt sie und kichert immer noch.
„Alles ist topp – die Bildung, die Autos, die Lappen. Alles topp“ kichert sie und meint:
„Ach weißt du, wir hatten einen alten Lehrer damals, als ich noch ein junges Ding war.
Der war so stolz, weißt du. Ging immer mit seinem steifen Kragen durch die Stadt und war sehr streng zu den Kindern.
Ich durfte ja nicht so lange zur Schule gehen, musste früh um vier immer erst die Kühe melken und durfte dann erst in die Schule.
Mein Vater wollte nicht, daß ich zuviel lerne. Eigentlich wollte ich Krankenschwester lernen. Aber ich durfte nicht. Nach der Grundschule war Schluss. Ich sollte lieber zu Hause helfen.
Das hat er falsch gemacht“ sagt die alte Tante. „Lern du mal ordentlich. Das ist schon recht so. Aber bild dir nix drauf ein, hörst du?“
„Und was war mit deinem Lehrer?“ frage ich nach.
„Ach der, was soll ich dir sagen, der war ein ganz Gescheiter. So mit Lateinisch und so. Hat ihm alles nix geholfen.
Ist trotzdem in den Krieg gezogen 1914 und seine Schüler auch.
Gesungen haben sie und die Hüte geschwenkt. Stäußchen an der Jacke. Und die Mädels haben gewinkt, als der Zug losfuhr in den Krieg.
Als das vorbei war, ich war sechzehn damals, da haben sie keine Sträußchen mehr gehabt, weißt du. Und gesungen haben sie auch nicht mehr.
Und dieser Lehrer, dieser Schlaue, als der älter wurde, wurde der immer vergesslicher. Ganz schlimm war das.
Der ist dann – da war er schon in Pension – da ist er immer durch den Ort gegangen – und alle kannten ihn ja von der Schule – und hat die Leute immer angesprochen und gemeint:
„Kennen Sie mich? Ich bin hier der Lehrer. Kennen Sie mich?…“
Mensch, soweit kann es mit einem kommen.
Wenn die Krankheit kommt – da ist sie plötzlich futsch, die ganze schöne Bildung.

Aber das wissen die nicht, die da solche Reden schwingen. Egal wie sie heißen, Gregor, Fritz oder egal wie.
Alles soll topp sein“. – Dann macht sie eine Pause.
„Der Gysi, war das nicht der, der bei dem Hornickel für die Kirchen zuständig war?“

„Nein, das ist der Sohn“ werfe ich ein.
„Ach so“, meint die alte Tante. „Der Sohn also.“

„Wir brauchen ein Top-Bildungs. Was?“
„System“ sage ich.
„Das hat er gesagt?“ fragt sie nach einer Weile, zupft sich die Wolldecke zurecht, mit der sie ihre Beine bedeckt hat, wenn sie in ihrem Sessel sitzt.
„Ach Jung, ich weiß nicht, was das alles soll. Da reden sie und reden, alles solle topp sein auch mit der Bildung, aber im Grunde wollen sie nur, daß man nicht nachdenkt und immer mitmacht.
Das war beim Adolf so, und auch beim Hornickel oder wie der hieß, und jetzt ist’s auch nicht anders.
Weißt du, beim Adolf, da hab ich meiner Tochter verboten, zu dem zu gehen.
Ich war schon allein damals; der Mann war schon gestorben.
Aber die Tochter hab ich denen nicht gegeben. Da war ich gradeaus.
Da haben sie erst mächtig rumgeknurrt, als ich das gesagt hab. Aber ich hab mich nicht beirren lassen.
Und geschadet hat’s dem Mädel nicht, daß sie nicht zu den Nazis gegangen ist.“

Dann macht sie wieder eine Pause, die Tante Hildegard.
Verschnauft ein wenig.
Und dann sagt sie noch, schon halb beim Hindämmern:
„Alles soll top sein. Alles.
Wenn die nur wüssten, daß das Leben erst richtig anfängt, wenn es mal nicht top ist….“

Sagt sie und nickt ein.
Ich stehe auf und schleiche mich leise aus dem Zimmer.

Vergesst Cancun!


Das 2-Grad-Ziel ist nicht mehr zu halten. „Denn es bleibt nicht mehr viel Zeit, um „das Unbeherrschbare noch zu vermeiden und das Unvermeidbare sicher zu beherrschen“. (Homepage vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. http://www.pik-potsdam.de/forschung)

„Der Pfad, auf dem wir gegenwärtig sind, geht Richtung 4-5 Grad“. (Dr. Anders Levermann, PIK).

Und die globalen Trends deuten in eben diese Richtung: das Wirtschaftswachstum mit den damit verbundenen Emissionen insbesondere in Asien und Lateinamerika geht weiter steil nach oben. Treiber ist u.a. das weitere starke Wachstum der Weltbevölkerung, die zunehmende Verstädterung (mehr als 50% der Weltbevölkerung leben in den sogenannten Mega-Cities wie Hongkong, Seoul, Sao Paolo etc.).
Der Energieverbrauch der Weltbevölkerung steigt.
Die Emissionen steigen.

Trotz Kyoto. Trotz internationaler Klimadiplomatie. Trotz Emmissionshandel.
Dies ist eine wichtige Einsicht: trotz Klimadiplomatie, trotz Energieeinsparprogrammen, trotz Klimaschutzmaßnahmen – steigen die Emmissionen.
Das Scheitern des UN-Gipfels in Kopenhagen vor einem Jahr und die aktuellen Bedingungen in Cancun zeigen: die Diplomatie ist zu langsam, um auf die Herausforderungen zu reagieren.
Notwendige Kompromisse werden, je höher man in den politischen Ebenen geht (lokal, Kreis, Land, Bund, Europa, UN) immer schwerer gefunden. Der Langsamste bestimmt das Tempo im Tross.
Jetzt in Cancun werden nicht einmal die Staatschefs anreisen. Sie überlassen ihren Umweltministern die „Bühne“ (was ja immer ein wenig ans Theater erinnert…..).

Um Missverständnissen vorzubeugen: es gibt keine Alternative zu Klimaschutzmaßnahmen und zu Klimadiplomatie.
Denn sie könnten den Anstieg der Emmissionen vielleicht doch verlangsamen.
Aber: zu einem Stopp der Emmissionen ab 2050 wird es nicht kommen. Der Trends wegen.
Dies jedoch wäre nötig, um das 2-Grad-Ziel (Erwärmung der Atmosphäre um nicht mehr als 2 Grad) zu erreichen.

Das Wachstum der Weltbevölkerung und des Energiehungers frisst die Einspareffekte auf. Es ist schneller als die Einsparungen.
Deshalb ist wohl richtig: Der gegenwärtige Pfad geht auf 4-5 Grad Temperaturanstieg in der Atmosphäre hinaus.

In meinen Augen wäre es daher ein Zeichen verantwortlicher Politik, wenn man den Menschen nicht länger etwas vormachen würde.
Es wäre verantwortlich, den Menschen zu sagen, daß man sich auf die Folgen des Anstiegs der Durchschnittstemperatur um 4-5 Grad bis Ende des Jahrhunderts einstellt.

Es ist falsch, den Menschen zu sagen, daß man den Klimawandel stoppen könnte. Alle Trends sprechen dagegen.
Vielleicht gelingt es, den Anstieg der Emmissionen etwas zu verlangsamen. Aber selbst dafür wären einschneidende Schritte nötig. Die Ergebnisse der bisherigen Klimaverhandlungen und auch die Effekte der bislang eingesetzten Klimaschutzmaßnahmen jedoch deuten in eine andere Richtung. Sie reichen bei weitem nicht aus, um eine wirksame Verlangsamung des Anstiegs der Emmissionen zu erreichen.

Wir wissen sehr genau, daß beispielsweise die Effizienzgewinne bei der Entwicklung von Motoren (deutlich weniger Spritverbrauch) vom Wachstum des Verkehrs (insbesondere des Schwerlast- und Flugverkehrs) mehr als aufgefressen wird.
Ähnliches gibt es vom Energiehunger der Städte zu berichten. Er wird immer stärker.

Die Folgen sind überaus komplex und sollen hier nicht dargestellt werden. Es genügt, auf die Arbeiten des IPCC dazu zu verweisen. Vieles ist bereits gesichert. Die Prognosen werden auch – dank moderner Höchstleistungsrechner – immer regionaler und präziser.

Am Wissen liegt es nicht.
Es liegt auch nicht am Wollen (daß wir es mit einem Systemfehler zu tun haben, darauf hatte ich kürzlich im blog hingewiesen. („Und? Heute schon verdrängt?“).
Man weiß zwar noch zu wenig über die sozialwissenschaftlichen Zusammenhänge des Klimawandels, weshalb das PIK nun entsprechende Schwerpunktforschung eingerichtet hat (Näheres auf der Homepage). Aber die wesentlichen Zusammenhänge sind mittlerweile deutlich.

Da die internationale Forschercommunity seit längerem auf ein zentrales Problem hinweist – uns läuft die Zeit davon, um noch reagieren zu können – müsste m.E. ein Umdenken in der Hinsicht stattfinden, daß man sich auf den 4-5 Grad Anstieg einstellt. (Wenn es dank Klimaschutzmaßnahmen weniger wird, um so besser).

Wenn man dies jedoch tatsächlich tun würde – hätte das sehr weitreichende Konsequenzen für Parlament und Administration.
Denn man würde von der Annahme ausgehen, daß die Prognose eintrifft: Anstieg der durschnittlichen Temperatur um 4-5 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts.
Von diesem „archimedischen Punkt“ aus würde man relativ zügig entwickeln können, was zu tun wäre.
Ein paar Stichworte:

1. Einrichtung eines wirklich entscheidungsfähigen green cabinet. (Erste Vorarbeiten dazu gibt es in einigen Staaten, auch in Deutschland; aber die Durchsetzungsfähigkeit dieser Gremien ist nicht gegeben; es fehlt beispielsweise ein Veto-Recht vor Zuleitung ins Kabinett).

2. Fokussierung aller mittelfristigen Planungsprozesse auf das Thema Klimawandel (in Deutschland z.B. Bundesverkehrswegeplan (Laufzeit 15 Jahre) (diese Planung hat noch einen Ölpreis von vor zehn Jahren zur Grundlage…..); Stadtentwicklungspolitik (erste Anfänge gibt es mit der Leipzig-Charta); MifriFi (die von Karl Schiller eingeführte mittelfristige Finanzplanung des Bundes, die sie etwas unabhängiger von Konjunkturzyklen machen soll); Küstenschutzmaßnahmen (allein die Hafenstädte werden in den kommenden Jahren enormen Finanzierungsbedarf haben); Fokussierung der Forschungspolitik (es ist beispielsweise ein Unding, wieviel Geld der Bund in der seit 50 Jahren erfolglosen Fusionsforschung versenkt, ohne, daß es zu brauchbaren Ergebnissen kommt) auf Effizienz, Neue Materialien, Senkung der Energieverbräuche; Klimafolgenforschung. Dies würde beispielsweise bedeuten, daß die Finanzierung der ausseruniversitären Forschung in Deutschland sehr viel stärker als bislang tatsächlich transdisziplinär möglich werden müsste. Davon sind wir meilenweit entfernt (man stelle mal einen wirklich transdisziplinären Forschungsantrag bei der DFG, dann merkt man schnell, wovon ich rede).

3. Präzisierung der zu erwartenden Folgen des Klimawandels in allen anderen Politikfeldern (es gibt kein Ressort, das nicht vom Klimawandel betroffen ist): exemplarisch:  Auswirkungen in der Land- und Forstwirtschaft; in der Außen- und Sicherheitspolitik; in der Migrationspolitik; Auswirkungen auf die Energiewirtschaft und übrigen Wirtschaftsbereiche; Auswirkungen im Gesundheitssystem (die extrem heißen Sommer in vergangenen Jahren haben beispielsweise zum starken Anstieg von Todesopfern geführt).

4. Einrichtung von wirklich transdisziplinär arbeitenden parlamentarischen Arbeitsgruppen (mit Ausnahme der Arbeitsgruppen Energie ist die parlamentarische Arbeit noch sehr stark segmentiert; wirklich transdisziplinäres Arbeiten sehr ungewohnt).

5. Verbesserung der Kooperation über Fraktionsgrenzen hinweg. (nichts eignet sich weniger zum Parteienstreit als das Thema Klimawandel, denn die Folgen müssen bezahlt werden, egal, wer grad regiert). Ich weiß, daß gerade dieser Punkt angesichts des parlamentarischen Alltags überaus kühn ist und schnell das Votum „ist ja lächerlich“ bekommt. Dennoch sei’s gesagt.

Gesamtgesellschaftlich wäre es überaus wünschenswert, wenn dem Thema Klimawandel weitaus mehr seriöse Aufmerksamkeit gewidmet würde. Im Moment hat das Thema Zyklen, die von immer den selben Bildern von „untergehenden Inseln“ etc. begleitet werden – ohne wirklich zu einer wirksamen Veränderung des Denkens beizutragen. Diese Marktschreierei hilft nicht.
Nicht nur Fachjournalisten, sondern insbesondere die Herausgeber großer Medien haben auch eine Verantwortung – nicht nur die, sich um Einschaltquoten und Verkaufszahlen zu kümmern. Die Herausforderung besteht ja gerade darin, zu einer Veränderung des Denkens auf eine Weise beizutragen, die nicht von Sensationslust, Einschaltquoten und kurzfristigen „Erfolgen“ geprägt ist, sondern sich wirklich darum bemüht, zu veränderten Denken zu kommen.

Am Anfang der Bemühungen um eine wirksame Vorbereitung auf die voraussehbaren Entwicklungen stünde jedoch die nüchterne Einsicht: der Klimawandel ist nicht zu stoppen. Vielleicht gelingt es, ihn ein wenig abzumildern. Es wäre vorausschauend und verantwortliche Politik, sich auf den Korridor von 4-5 Grad vorzubereiten (z.B. die Einführung einer neuen Technologie wie z.B. eines Elektro-Autos bis zum Erreichen der Massenmarkt-Schwelle(die wird bei etwa 1 Million verkaufter Einheiten erreicht; Deutschland hat das Ziel, 2020 diese 1 Million e-cars auf den Straßen zu haben) dauert etwa 8 – 10 Jahre!).

Um es in einem Bild zu sagen: es ist vielleicht wie bei der Diagnose einer schweren Erkrankung. Es genügt nicht, die Ursachen in der Vergangenheit zu analysieren (falsche Lebensweise), sondern es kommt nun darauf an, mit der Diagnose verändert weiterzuleben. Dies bedeutet: eine radikale Veränderung. Man muss lernen, „mit der Krankheit zu leben“.

Heute (1.12.2010) sind diese Zusammenhänge sehr schön in diesem Artikel über den neuen UN-Bericht dargestellt:
http://www.taz.de/1/zukunft/umwelt/artikel/1/die-gigatonnen-luecke/

Deshalb stünde am Anfang eines solchen Bemühens eine nüchterne Ehrlichkeit:

Vergesst Cancun!

Wo warst du Adam? Erinnerung an einen Text von Heinrich Böll


„Wo warst du Adam?“
„Ich war im Weltkrieg“ .
So überschreibt Heinrich Böll seinen 1951 erschienenen Antikriegsroman sechs Jahre nach Kriegsende.
„Wo warst du Adam?“ fragt nach der Verantwortung des Menschen.
Es ist eine unerbittliche Frage.

Dieses „triste Buch“ beschreibt der Spiegel 1952 als das „bildkräftigste Kriegsbuch aus deutscher Feder“.
Die Generation der Heimkehrer versucht zu verstehen, was da um sie herum und mit ihnen geschehen war.

Heute im Kriegsjahr 2010 gibt es wieder Heimkehrer in Deutschland. Traumatisierte Soldaten. Gestorbene Soldaten.
Wieder trauern Familien an den Särgen ihrer Angehörigen.
Und der Minister redet von „Verteidigung“ und von „Freiheit“ und von „Sicherheit“.

Heute, im Kriegsjahr 2010, ist es gut, sich an Heinrich Bölls Buch „Wo warst du Adam?“ zu erinnern.
Es ist ein schmales Bändchen. Zügig gelesen an einem Wochenende.
Aber uns Deutschen ins Gewissen geschrieben.
Man sollte dieses Büchlein wieder lesen im Kriegsjahr 2010.
Denn wieder macht man sich daran, ein Volk an einen Krieg zu gewöhnen.

Wieder wird die „Kommunikation“ (früher nannte man es Propaganda) zugunsten des „Einsatzes“ „verbessert“.
Man versucht wieder, mit Hilfe vor allem von Bildern und Videos, die „Stimmung in der Bevölkerung“ zugunsten des Krieges zu beeinflussen.
1945 war die parteiübergreifende zentrale politische Forderung: „Nie wieder Krieg“.
Heute, im Kriegsjahr 2010, erinnern die beiden großen Kirchen in der ökumenischen Friedensdekade (7. – 17. November) „Wir sind im Krieg. Entrüstet Euch!“

Heute, im Kriegsjahr 2010, will uns der Verteidigungsminister wieder weismachen, der Krieg sei nötig.
Wieder bemüht man große Worte wie „Freiheit“ und „unsere Sicherheit“ um das Töten zu begründen.
Wieder werden Parlament und Öffentlichkeit belogen (der Internetdienst Wikileaks und etliche politische Magazine haben kürzlich erst wieder darauf hingewiesen).

Da findet ein Krieg statt, der mittlerweile länger dauert als der Zweite Weltkrieg gedauert hat.
In jenem fernen Land im Osten, von dem die meisten nur den Namen kennen. Es ist ja weit weg. Es geht uns nichts an.
Nur die Särge stören ein wenig, wenn sie nach Hause gebracht werden.
Aber bald schon sind auch diese Bilder wieder vergessen in der Bilderflut unserer Tage und man widmet sich wieder dem Spiel und dem Essen.
Grast weiter. Wie eine Herde Kühe.

„Wo warst du Adam?“
Wir wissen, daß das Parlament belogen wurde. Wir wissen, daß das Parlament nicht umfassend informiert war über die Bedingungen und Konsequenzen des Krieges in Afghanistan.
Entscheidungen wurden getroffen auf unsicherer Grundlage.
Entscheidungen mit fatalen Konsequenzen: in diesem Krieg sind deutlich mehr Zivilisten umgekommen als Soldaten.
Die Unsicherheit wächst.

„Wo warst du Adam?“
Das ist die Frage nach meiner Verantwortung.
Hier und jetzt.

Meine Verantwortung besteht darin, hier und jetzt meinen Beitrag zu leisten, damit dieser Krieg aufhört.
Man kann Blut nicht mit Blut abwaschen. (Bertha von Suttner).
Meine Verantwortung besteht darin, hier und jetzt gegen die Gewöhnung zu argumentieren.
Diese gefährliche Gewöhnung an den Krieg, der so weit weg scheint; diese gefährliche Gewöhnung an die Bilder, die schnell wieder untergehen in der Bilderflut unserer Tage.

Wir wollen uns nicht gewöhnen lassen an diesen Krieg, der „nicht zu gewinnen“ ist (Helmut Schmidt).
Deshalb arbeiten wir dafür, daß der Bundestag einer erneuten Mandatsverlängerung nicht mehr zustimmt.
Die Online-Petition wurde gestern beim Bundestag eingereicht. Die Facebook-Gruppe zur Unterstützung der Petition ist eingerichtet.

So, wie die Niederländer mit dem Abzug bereits begonnen haben, müssen die Soldaten der gesamten Allianz abgezogen werden.
Man kann den Frieden nicht herbeibomben.

„Wo warst du Adam?“
Es ist die Frage nach meiner Verantwortung.

Ich habe lange Zeit als Abgeordneter im Parlament den Einsätzen am Hindukusch zugestimmt, weil ich den Argumenten gefolgt war, die man uns vorgehalten hatte:
es waren vor allem Bündnisverpflichtungen gegenüber den USA, nachdem in der Folge vom 11. September der „Bündnisfall“ ausgerufen worden war. Das Argument, es ginge am Hindukusch um die „Verteidigung unserer Sicherheit“ hat mir nie eingeleuchtet.
Denn, das wissen wir nicht erst seit jenem politischen Papier aus den achtziger Jahren, das noch in der Zeit der Blockkonfrontation zwischen SPD und SED besprochen worden war:
es gibt nur eine „gemeinsame Sicherheit“ in einer eng verknüpften Welt.

Seit jenem September 2009 jedoch, als ein deutscher Offizier – obwohl selbst die Amerikaner ihm abgeraten hatten – jenen Tanklastzug bei Kunduz bombardieren ließ, hat sich die Situation für mich völlig geändert:
seither trage ich eine Mitverantwortung am Tod jener 142 Menschen.
Denn das Mandat des Parlaments hat diesen Angriff überhaupt erst ermöglicht.
Dieser Angriff hat mir schlagartig vor Augen geführt, was wir da eigentlich tun am Hindukusch.
Und er hat mir die hohe Verantwortung vor Augen geführt, die der Deutsche Bundestag hat.
Denn die Abgeordneten haben die Soldaten geschickt.
Das Mandat kommt vom Parlament.
Wir, die wir damals den Mandaten zugestimmt haben, tragen die Verantwortung.
Nicht die Generäle.
Denn wir haben mit unserer Abstimmung jenen Angriff überhaupt erst ermöglicht.

Das ist unsere Verantwortung.
Wir können diesen Angriff und seine Folgen nicht rückgängig machen.

Wir können aber dafür arbeiten, daß dieser Krieg beendet wird.
Hier und jetzt.
Im Kriegsjahr 2010.

Massenpsychologie und web 2.0 – mehr als 2.000 Fernsehsender online. (2)


Man kann das für Fortschritt halten. Muß man aber nicht. Daß man nun allein auf i-see-tv.org mehr als 2.000 Fernsehsender online sehen kann.
Der Mensch bastelt sich seine Welt zusammen.
Wählt aus, was er sehen will, was er hören will.
Der Trend heißt: Individualisierung.
Man könnte auch sagen: Zersplitterung der Gesellschaft in einzelne Menschen.

Die Frage entsteht: was verbindet sie noch?
Daß man einen gemeinsamen tv-Favoriten hat?
Daß man ähnliche Musik mag? Oder gar Bücher?

Was hält eine massenmedial kommunizierende Gesellschaft noch zusammen, in der der Trend zur Individualisierung (seit längerem beschrieben und auch für die Unternehmen bestens ausgewertet) derart überhand nimmt?

Gemeinsame Werte erodieren. Gemeinsame Orientierungen allemal. Eher zufällig bildet sich Wählerverhalten in einer Bevölkerung, die an Dauermitgliedschaften in irgendwelchen Organisationen (Parteien, Verbänden, Kirchen) jedes Interesse verliert.
Atomisierte Gesellschaft. Jeder sein eigener Unterhalter als Konsument von nur für ihn und von ihm selbst maßgeschneiderten Informationsangeboten, aus denen er sein Weltbild zusammenzimmert.

Was ist das Bindeglied, was ist der Kitt, der die Steinchen beieinander hält, damit das Haus nicht einstürzt?
Vielleicht: daß jeder jedem irgendwas verkaufen will?

Religion ist es nicht. Denn die religiösen Anschauungen sind so vielfältig wie die Nationalitäten, die in der Bevölkerung vertreten sind.
Politik ist es schon lange nicht mehr.

Wie verführbar ist eine derart atomisierte Gesellschaft geworden? Wie bilden sich Mehrheiten, wie bilden sich gemeinsame Anschauungen und Überzeugungen?
Jeder ist sein eigener Redakteur, sein eigener Hörer, sein eigener Designer.

Einsamkeit ist ein Thema. Ganz gewiß. Ein Tabu zumal.
Man zwitschert und mailt, bloggt und „kontaktiert“ – aber wirkliche Begegnung gerät immer mehr zur seltenen Ausnahme.

Wie verführbar ist eine solche Massengesellschaft, die in höchstem Maße weiter individualisiert?

Die Vermutung liegt nahe, daß die Verführbarkeit der indivualisierten Masse in dem Maße steigt, in dem der Grad der Individualisierung zunimmt.
Denn: Gemeinsames geht verloren. Gemeinsame Anschauungen und Überzeugungen beispielsweise, die ein Geländer, vielleicht auch ein Schutz sein könnten gegen politische und wirtschaftliche Verführung.

In dem Maße, in dem jeder – auf sich gestellt – zum Hersteller des Wertekanons, von Grundüberzeugungen und Glaubensinhalten, von Lebenseinstellungen und politischen Vorlieben wird; in dem Maße, wie der Konsum von Massenmedien immer mehr individualisiert und auf „Zielgruppen“ zugeschnitten konsumierbar wird – in dem Maße steigt die Überforderung an den Einzelnen.

Wenn in einer solch atomisierten Gesellschaft, in der das Verbindende vielleicht die Erfahrung von „jeder gegen jeden und Hauptsache irgendwie nach oben“ ist, Angebote von Gemeinschaft, von Gemeinsinn, von überzeugenden gemeinsamen Erfahrungen ermöglicht werden – und solche „Heilsbringer“ sind ja längst in verschiedenster Gestalt unterwegs – was hat denn der Einzelne solchen Angeboten noch entgegenzusetzen?
Die Verführbarkeit steigt.

Es ist im Grunde nur eine Frage der Cleverness der Anbieter, auf welchem Wege (via TV, Radio, print oder Web) man den Einzelnen erreicht.
Die Festung scheint sturmreif geschossen.
Nur der Einzelne steht diesem unglaublichen Überangebot an Informationen, an Wertung, an Urteil gegenüber, daß ihm nun dargeboten wird – im Namen des „Fortschritts“.
Die Frage ist: wie lange wird der Einzelne diesem Druck standhalten?

Gut, es gibt da den besagten Knopf am Fernseher oder Radio oder PC, mit dem der ganze Zauber einfach abzuschalten ist.

Aber dann?

Freud hat unter Verwendung einer Arbeit von le Bon auf die gewaltigen unbewußten Sehnsüchte hingewiesen, die der Grund für die Verführbarkeit der Massen immer waren: der Wunsch nach Anerkennung wurde den Massen zum Verhängnis, als ein „Führer“ sich anbot, dem sie dienen konnten. Plötzlich wird aus einer Ansammlung von gut ausgebildeten, mehrere Sprachen sprechenden Intelektuellen – eine Horde. Eine Horde von ähnlich empfindenden und sehnsüchtigen Menschen, denen nichts besseres einfällt, als das eigene Denken auszuschalten und einem Führer nachzulaufen.
Ein kurzes Zitat mag genügen:
„Wir sind von der Grundtatsache ausgegangen, daß ein einzelner innnerhalb einer Masse durch den Einfluss derselben eine oft tiefgreifende Veränderung seiner seelischen Tätigkeit erfährt. Seine Affekttivität wird außerodentlich gesteigert, seine intellektuelle Leistung merklich eingeschränkt, beide Vorgänge offenbar in der Richtung einer Angleichung an die anderen Massenindividuen; ein Erfolg, der nur durch die Aufhebung der jedem einzelnen eigentümlichen Triebhemmungen und durch den Verzicht auf die ihm besonderen Ausgestaltungen seiner Neigungen erreicht werden kann. …. der Grundtatsache der Massenpsychologie, den beiden Sätzen von der Affektsteigerung und der Denkhemmung in der primitiven Masse, ist ….nicht widersprochen worden….“ (Sigmund Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse, Fischer, S. 51).

Was hat der Einzelne, der Mensch in der atomisierten, in höchstem Grade atomisierten Gesellschaft solchen Angeboten entgegenzusetzen?
Wie lange wird er dem Werben standhalten können?

Was passiert, wenn im Netz eine solche „zufällige“ Autorität entsteht, das kann eine Person oder eine Idee sein?
Was geschieht, wenn sich diese Person oder diese Idee mit der Kraft des Netzes verbindet und sich über die persönlichen Netzwerke, die jeder unterhält, wie ein Virus verbreitet, basierend auf dem Vertrauen, daß die Netzwerkmitglieder untereinander entwickelt haben, durch die Spiele, die sie miteinander spielen; durch die Geschäftskontakte, die sie miteinander aufgebaut haben; durch die nächtlichen Dialoge, die sie miteinander geführt haben?
Wird eine solche „Welle“, wenn sie durch das Netz geht, in wenigen Stunden und Tagen eine Masse formen, die allen Gesetzen der Massenpsychologie folgend, zunächst jene ausgrenzen wird, die anderer Ansicht sind?

Wir sehen derzeit in einigen europäischen Ländern auch politische Gewinne der Neuen Rechten.
Wir sehen in anderen Kontinenten der Welt die Zunahme von Fundamentalismen.
Einfache Antworten auf komplexe gesellschaftliche Fragen kommen immer mehr in Mode.
Es ist die Stunde der Verführer.

Wozu eine Masse gut ausgebildeter, international erfahrener, mehrere Sprachen sprechender Menschen „fähig“ ist, wenn sie den Rattenfängern ins Netz geht, hat uns das 20. Jahrhundert auf furchtbare Weise gelehrt.
Es war das Zeitalter der industriealisierten Massenvernichtung. In den Lagern des Gulag, in Kambodscha, in Deutschland und anderswo.
Der sogenannte „aufgeklärte“ Mensch hatte – getrieben von den mächtigen unbewußten Sehnsüchten seiner Seele – dem Werben der Verführer nichts mehr entgegenzusetzen und verfiel dem Wahn der „Gemeinschaft“, die einem „Führer“ folgte.
Tagsüber hörten die Schlächter Mozart – dann gingen sie ins Lager, um andere hinzurichten.
Bildung ist offenbar kein Schutz gegen Verführung.
Was aber geschieht, wenn sich solche – im Netz bilden sie sich „zufällig“, abhängig von retweets beispielsweise – Verführer der Macht des Netzes bedienen und binnen weniger Sekunden in beinahe jeden Haushalt gelangen können?

Ich kann es nicht für einen Fortschritt halten, daß wir nun allein auf einer Plattform über 2000 Fernsehsender online sehen können.
Es ist für mich eher ein Zeichen einer aufs Höchste vorangetriebenen Individualisierung, die den Einzelnen immer mehr überfordert und ihn anfällig macht für die Verführung.
Wenn erst die „Freunde“ im Netzwerk einen bestimmten Sender empfohlen haben; wenn erst die „Kontakte“ bei XING oder anderen geschäftlich orientierten Netzwerken einen „Tipp“ gegeben haben; wenn das eigentliche Kapital des Netzes, das „Vertrauen“ und „Authentizität“ heißt – eingesetzt worden ist, um für eine „Idee“ oder eine „Person“ zu werben – dann sind der Verführbarkeit Tor und Tür geöffnet.

Was aber hat unsere atomisierte Gesellschaft einer solchen Entwicklung wirklich entgegenzusetzen?
Was könnte sie wappnen vor der Verführbarkeit?

Massenpsychologie und web 2.0 – ein Versuch (1)


Es gibt keinen überzeugenden Grund, nicht anzunehmen, daß die im vorigen Jahrhundert beschriebenen Phänomene einer „Psychologie der Massen“ nicht auch in einem Medium ihre Wirkung entfalten können, das wie kein anderes in der Lage ist, Massen zu mobilisieren – im Internet und insbesondere in den „social networks“.  Wenn diese Grundannahme zutrifft, lohnt ein Nach-denken darüber, inwiefern social media und „Psychologie der Massen“ miteinander interagieren und zu welchen Phänomenen dies führen kann.

Gustave Le Bon hat in „Psychologie der Massen“ im Jahre 1911 den Begriff der „Massenpsychologie“ geprägt und aufgezeigt, daß sich das Verhalten vernünftiger Menschen in Menschenmassen dramatisch zum schlechteren hin verändert. Sigmund Freud hat mit zwei Aufsätzen aus den Jahren 1926/27 zum Thema „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ diese Arbeiten fortgesetzt und erweitert. Goebbels hat offenbar die Einsichten von Le Bon für die Propaganda zu nutzen gewußt (Rolle der Bilder beispielsweise; insbesondere des Tonfilms). Die Mitscherlichs und andere haben beim Versuch, zu verstehen, was da mit dem industriellen Massenmord eigentlich vonstatten gegangen war im „Land der Dichter und Denker“ , auf die Arbeiten von Le Bon, Freud und anderen zurückgegriffen, sie diskutiert, kritisiert und erweitert. Mittlerweile weiß man aus sozialwissenschaftlicher und sozialpsychologischer Forschung eine ganze Menge über das Verhalten von Menschen in Menschenmassen. Man weiß z.B., daß sich Menschen, wenn sie sich zu Menschenmassen zusammenfinden, anders verhalten und zu anderen, meist primitiveren Urteilen kommen, als wenn sie für sich allein eine Position vertreten müssten. Es ist in umfangreichen Tests gezeigt worden, wie sich das Verhalten von Menschen in Massen verändert – bis hin zur Ausführung von befohlener Tötung.

All diesen vorliegenden Arbeiten ist gemeinsam, daß sie Internet und web 2.0 nicht kannten.
Man kannte zwar die Regeln der Wirkung und die Funktionsmechanismen von „Massenmedien“ wie Zeitungen, Rundfunk und TV, auch Kino; aber die Möglichkeiten des Internets sind neu. Die der „sozialen Netzwerke“ stammen erst aus jüngster Zeit.
Und man weiß noch wenig darüber, zu welchen Urteilen und zu welchem Verhalten eine im Netz zusammengewachsene Community kommen mag, die blitzschnell zu einer mehrere Hunderttausend Menschen umfassenden Menschenmasse anwachsen kann.
Wir wissen aus Beobachtung, daß sich „Urteile“ bei Twitter zum Beispiel durch die Zahl der retweets bilden: wird eine „Information“ besonders oft „retweetet“, bekommt sie „Bedeutung“. Die Masse der Nutzer entscheidet auf diese Weise darüber, was „gilt“ und „Beachtung findet“. Der „main stream“ wird zum Kriterium. Das mag für Verkäufer von Waren interessant sein – für die politischen Prozesse und die Möglichkeiten der social networks, politische Prozesse zu beeinflussen, ist es mehr als das.

Die Menge von retweets sagt wenig über die Qualität der Information, die da durchs Netz geht. Ein Kriterium für Qualität jedenfalls ist es nicht, wenn eine „Information“ nur viele tausend Mal wiederholt wird. Das wissen wir aus den Arbeiten über die Psychologie von Menschenmassen und aus eigener Anschauung.
Denn: was eine „Masse“ für eine „gesicherte“ Information hält, hängt weit mehr von Gefühlen, inneren Wahrnehmungsmöglichkeiten, Vorurteilen, Prägungen und insbesondere den gewaltigen unbewußten Anteilen ab, die menschliches Handeln in der Masse bestimmen, als von Verstand und logischem Denken.

Warum also sollten sich Menschenmassen im Netz anders verhalten als sonst in der Gesellschaft?

Anders gefragt: gelten für Menschenmassen im Netz ähnliche Einsichten über ihr Verhalten wie sie sonst in der Massengesellschaft gelten?

Wenn wir annehmen, daß sich Menschenmassen im Netz nach ähnlichen Mustern verhalten wie Menschenmassen sonst in der Gesellschaft – was bedeutet das für die Nutzung des Netzes, beispielsweise, zur Meinungsbildung?
Was ist es mit der angenommenen „kritischen Öffentlichkeit“ im Netz, wenn man annehmen muß, daß hier ähnliche massenpsychologische Effekte ihre Wirkung haben können wie sonst in der modernen nachindustriellen Gesellschaft auch?

Gilt im Netz auch, was sonst in der Gesellschaft von der „Intelligenz der Massen“ beschrieben ist, nämlich – daß sie überaus leicht zu verführen ist? Gilt im Netz auch, daß wirklich kritisches und reflektiertes Denken von der Masse eher ausgeschieden und stattdessen nur der „main stream“ zur Geltung gebracht wird?

Wir können annehmen, daß social web als Möglichkeit für große Menschenmassen, politisch eine Meinung zu artikulieren, sich eher noch entwickeln wird. Die Nutzung wird weiter zunehmen. Wir haben es bei diversen Kampagnen für diverse politische Ziele ja bereits erlebt. Und es gibt keinen überzeugenden Grund, anzunehmen, diese Entwicklung, die gerade erst begonnen hat, sei bereits an ihr Ende gekommen.

Twitter hat einen starken Impuls bekommen, als ein Flugzeug auf dem Hudson-River notlanden musste und die ersten Bilder von dieser Beinahe-Katastrophe – eben über ein Handy und über Twitter gesendet wurden.
Wir haben beobachten können, daß bei vergleichbaren Ereignissen per Handykamera und Twitter „Augenzeugen“ ihre Berichte ins Netz gestellt haben und so zu einem wichtigen Korrektiv für veröffentlichte Meinung wurden.
Wir haben gesehen, wie bei Demonstrationen gegen rechtsradikale Abenteurer Aktivisten über Twitter und facebook miteinander im Kontakt standen, um schnell und angemessen reagieren zu können. Man konnte diese Dialoge im Netz live verfolgen und konnte „dabei sein“, auch wenn hunderte Kilometer zwischen dem tatsächlichen Ereignis und dem beobachtenden Zuschauer lagen.
Anbieter wie Wikileaks tragen durch die Veröffentlichung von eigentlich als geheim eingestuften Texten dazu bei, daß sich eine „kritische Öffentlichkeit“ bilden kann – im Gegenüber zu staatlicher veröffentlichter Meinung.

So weit, so gut. Das Netz hat Chancen, insofern es einen Beitrag zu einer „neuen Öffentlichkeit“ leisten kann. Einen Beitrag zur mehr unzensierter Information.

Aber: im Netz finden auch Phänomene statt, die aus den Untersuchungen zum Verhalten von Menschenmassen bekannt sind.
Das Gerücht – verbreitet sich im Netz blitzschnell.
Das Gerücht entfaltet seine verheerende Kraft nicht nur in einer physisch vorhandenen Menschenansammlung, sondern eben auch im Netz. Sehr viele „Informationen“ werden im Netz ungeprüft und unkritisch gelesen einfach weitergegeben und verstärken sich auf diese Weise, bis der Eindruck einer „gesicherten Annahme“ entsteht. Über die Charaktereigenschaften von Politikern beispielsweise.
Das Internet ist wie kaum ein anderes Medium in der Lage, Politiker „abzuschießen“: durch die „Urteile“, die es bildet. Durch die „Meinungen“, die es produziert und verstärkt.
Wird jemand, den „das Volk“ nicht leiden mag, im Internet negativ kommuniziert, hat der- oder diejenige kaum Chancen, mit tatsächlichen Argumenten durchzudringen oder sie gar zu korrigieren.
Steht eine „Meinung“ über eine Person des öffentlichen Lebens erst einmal fest – und die Masse bildet sich solche Meinungen schnell – dann wird es die Person mehr als schwer haben in der öffentlichen Stellungnahme, weil alles was er oder sie dann von sich gibt, durch jene Brille des gebildeten Urteils gesehen und kommentiert wird.

Die Masse bildet sich ein Urteil schnell.
Ob es gerechtfertigt ist, steht dahin.
Wir haben beobachtet, wie anlässlich einer Bundestagswahl Spitzenkandidaten zuerst hochgejubelt und unterstützt wurden – nach dem Wahlausgang jedoch schon am nächsten Tage vernichtend kritisiert wurden. Das alte „Hosianna!“ und „Kreuziget ihn!“ war auch im Netz wieder in seiner ganzen Brutalität zu beobachten.
Ein typisches Verhalten in einer Menschenmasse.

Schaut man sich die Themen an, die im Netz kommuniziert werden, scheint sich ein Urteil le Bon’s zu bestätigen:
„Die Masse ist der Spielball aller äußeren Reize, deren unaufhörliche Schwankungen sie widerspiegelt“
Es scheint sich in der Tat auch im Netz zu bestätigen:
„Die in ihrem (gemeint ist die „Massenseele) Gemüt hervorgerufenen Bilder werden für die Wirklichkeit gehalten“.
Oder: „Die Massen kennen weder Zweifel noch Ungewissheit und ergehen sich stets in Übertreibungen – Ihre Gefühle sind stets überschwänglich.“
Letzteres bestätigt sich schon bei einem kurzen Blick in den thread einer facebookseite: steht ein Urteil über jemanden ersteinmal „fest“ – gibt’s nur noch ein „dafür“ oder „dagegen“.
Der Raum für differenzierte Wahrnehmung verengt sich dramatisch.

Umgekehrt: im Netz lassen sich auch Phänomene beobachten, die man mit „Verstärkung“ und „Idealisierung“ beschreiben könnte.
Dieses Phänomen war bei der zurückliegenden Wahl zum Bundespräsidenten zu beobachten, auch im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf.
In Situationen, in denen es um scheinbar „klare“ „Alternativen“ geht; in Situationen, die für eine Polarisierung günstig erscheinen – ist das Phänomen der „Verstärkung“ und „Idealisierung“ zu beobachten: Gruppen bilden sich blitzschnell, die für jenen oder gegen einen anderen Kandidaten argumentieren. Lager bilden sich. Die Frage wird entscheidend, welches Lager das andere überwinden kann. Die argumentative Kraft schwindet. Am Ende geht es um „Religion“: bist du dafür oder bist du dagegen?

Die Möglichkeit der online-Petition, die das Parlament geschaffen hat, ermöglicht es, politische Themen auch innerhalb einer Legislatur, unabhängig von Wahlterminen, ins Parlament zu tragen und dort einer Behandlung zu unterwerfen.
Das scheint ein Gewinn für die Demokratie zu sein.
Dennoch: die massenhafte Unterzeichnung einer solchen Petition sagt noch herzlich wenig über ihre Sinnhaftigkeit.
Der Umstand allein, daß viele tausende Menschen das Anliegen unterstützen, ist kein Kriterium für Angemessenheit und Richtigkeit.
Das gilt in der Gesellschaft allgemein und es gilt ebenso im Netz.
Das Netz jedoch ist wie kaum ein anderes Medium in der Lage, blitzschnell, innerhalb weniger Stunden, große Menschenmassen für ein Anliegen zu mobilisieren: wenn die Zeit „reif“ zu sein scheint für eine solche Initative.

Aber: die „Urteile“ von Menschenmassen sind rationalem Denken durchaus nicht immer zugänglich, denn Massen bilden ihre Urteile vor allem nach Analogien: dem Arbeiter ähnlich, der von seinem Arbeitgeber ausgebeutet wurde und daraus schließt, dass alle Unternehmer Ausbeuter seien.
„Verknüpfung ähnlicher Dinge, wenn sie auch nur oberflächliche Beziehungen zueinander haben, und vorschnelle Verallgemeinerung von Einzelfällen, das sind die Merkmale der Massenlogik“.
„Die Urteile, die die Massen annehmen, sind nur aufgedrängte, niemals geprüfte Urteile.“ (le Bon, 67).

Mann kann die Richtigkeit dieser Beobachtung leicht bestätigt finden, wenn man sich Threads zu tagesaktuellen Ereignissen beispielsweise in facebook anschaut.

Massenpsychologie und Bilder:

in einem Medium, das in zunehmendem Maße von geposteten Bildern und Videos besteht (einige IT-Forscher gehen davon aus, daß in den kommenden zehn Jahren über 90% der geschickten „Nachrichten“ aus Videos bestehen werden) wird man besondere Aufmerksamkeit auf das Thema „Bilder und Massenpsychologie“ richten müssen.
Denn: es ist seit langem bekannt, welche unglaublich starke Wirkung Bilder, vor allem bewegte Bilder (Film, Fernsehen) auf die Vorstellungkraft und Urteilsbildung großer Menschenmassen haben.
Deshalb haben die vielen Milliarden geposteten Videos und Fotos eine besondere Bedeutung.
Nun ist es im Netz ein Leichtes, solche Bilder zu fabrizieren.
Sie sind alles andere als „Beweise“ für „Echtheit“.
Nirgends wird so sehr gelogen wie im Reich der Bilder, Hollywood und Youtube wissen, wovon die Rede ist…..

Bei le Bon kann man dazu lesen:
„Die Massen können nur in Bildern denken und lassen sich nur durch Bilder beeinflussen“ (69).
„Die auffallende Einbildungskraft der Massen ist, ….., leicht aufs Tiefste zu erregen. Die Bilder, die in ihrem Geist durch eine Person, ein Ereignis, einen Unglücksfall hervorgerufen werden, sind fast so lebendig wie die wirklichen Dinge. …. Für die Massen, die weder zur Überlegung noch zum logischen Denken fähig sind, gibt es nichts Unwahrscheinliches. Vielmehr, die unwahrscheinlichsten Dinge sind in der Regel die auffallendsten. Daher werden die Massen stets durch die wunderbaren und legendären Seiten der Ereignisse am stärksten ergriffen. … Der Schein hat in der Geschichte stets eine größere Rolle gespielt als das Sein. Das Unwirkliche hat stets den Vorrang vor dem Wirklichen….“ (68 f.).

Diese Macht der Bilder kann man bei Unglücksfällen oder Katastrophen besonders klar erkennen:
Ein paar über das Handy geschickte Bilder von Verletzten genügen bereits, um den Ruf „alle Verantwortlichen sollen zurücktreten!“ zu hören.
Urteile bilden sich in solchen Fällen blitzschnell. Und werden verstärkt im Netz. Das Netz wird zum „Resonanzboden“ für schnelles Urteilen.
Man kennt die genauen Zusammenhänge nicht, weiß allenthalben etwas, das einen über andere Massenmedien erreicht hat – und hat doch schon sein Urteil fertig.
Blitzschnell geht das.

Le Bon notiert:
„Alle Gefühle, gute und schlechte, die eine Masse äußert, haben zwei Eigentümlichkeiten; sie sind sehr einfach und sehr überschwänglich. ….Die Einseitigkeit und Überschwänglichkeit der Gefühle der Massen bewahren sie vor Zweifel und Ungewissheit. …. Ein ausgesprochener Verdacht wird sogleich zu unumstößlicher Gewissheit. Ein Keim von Abneigung und Missbilligung, den der einzelne kaum beachten würde, wächst beim Einzelwesen der Masse sofort zu wildem Hass. … Die Gewissheit der Straflosigkeit, die mit der Größe der Menge zunimmt, und das Bewusstsein einer bedeutenden augenblicklichen Gewalt, bedingt durch die Masse, ermöglichen der Gesamtheit Gefühle und Handlungen, die dem einzelnen unmöglich sind. In den Massen verlieren die Dummen, Ungebildeten und Neidischen das Gefühl ihrer Nichtigkeit und Ohnmacht; an seine Stelle tritt das Bewusstsein einer rohen, zwar vergänglichen, aber ungeheuren Kraft.“ (54)
Die vorliegenden Untersuchungen über Massenverbrechen in Revolutionen, Kriegen und Diktaturen bestätigen dieses Urteil auf schreckliche Weise. ….

„Da die Masse in das, was sie für Wahrheit oder Irrtum hält, keinen Zweifel setzt, andererseits ein klares Bewusstsein ihrer Kraft besitzt, so ist sie ebenso eigenmächtig wie unduldsam.
Der einzelne kann Widerspruch und Auseinandersetzung anerkennen, die Masse duldet sie niemals. In den öffentlichen Versammlungen wird der leisteste Widerspruch eines Redners sofort mit Wutgeschrei und groben Schmähungen beantwortet, und wenn der Redner beharrlich ist, folgen leicht Tätlichkeiten, und der Redner wird hinausgeworfen. ….Herrschsucht und Unduldsamkeit sind für die Massen sehr klare Gefühle, die sie ebenso leicht ertragen, wie sie sie in die Tat umsetzen. …. Für den einzelnen wäre es zu gefährlich, diese Triebe zu befriedigen, während ihm sein Untertauchen in einer unverantwortlichen Masse, durch die ihm Straflosigkeit gesichert ist, völlige Freiheit der Triebbefriedigung gewährt.“ (59).
Das ist ausführlich untersucht worden und hat sich bestätigt.

Die Frage also entsteht: wie verhält sich die individuelle, kritische, selbstreflektierte, aus eigener Überlegung gebildete Überzeugung und Anschauung zum gefundenen Massenurteil im Netz?
Anders gefragt: wie ist es tatsächlich um die „kritische Funktion“ des Netzes und der in ihm verbundenen Menschenmassen bestellt?

Jaron Lanier, einer der „Internetpioniere“, dem wir dem Begriff der „virtuellen Realität“ verdanken, ist nachdenklich geworden. (FAZ.net 16. Januar 2010):

„….

Sind Sie von den Geeks tiefer enttäuscht als vom Markt?

Die neue Geek-Religion, in der das Internet ein lebender Organismus ist und als vermeintliches Wesen angebetet wird, kann einen schon sehr enttäuschen. Der Markt hingegen funktioniert ja in gewisser Weise. Wenn es nach ihm ginge, wäre Twitter, wäre Facebook, wäre all das Zeug, das ich nicht mag, Vergangenheit. Die Ideologie überstimmt da den Markt.

Sie meinen eine Ideologie wie die hive mind, die Schwarmintelligenz? Was haben Sie dagegen? Und warum reden Sie von digitalem Maoismus, wenn andere sich über Wikipedia begeistern?

Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, davor Angst zu haben. Der menschliche Charakter scheint unglücklicherweise einen verborgenen Schalter zu haben, mit dem im Menschen das Herdentier anzuknipsen ist. Uns ist die Fähigkeit gegeben, als Individuum zu handeln, aber wir können uns auch zum Mob zusammenschließen. Dafür gibt es in der Geschichte unzählige Beispiele. Die Weisheit, die aus der Menge heraus entsteht, taugt eigentlich nur dazu, Kalkulationen schneller durchzuführen oder den Marktpreis festzulegen. Und was die Menge beschließt, ist immer noch besser als der Beschluss von Bürokraten. Wenn eine Menge aber nicht nur den Preis eines Produktes festlegt, sondern etwas produzieren will, endet sie leicht als Mob. Es gibt nach meiner Meinung deutliche Parallelen zwischen den frühen Kommunisten und den heutigen Internetpiraten. Als Ideologie klang das damals doch gut, bis es empirisch in den Abgrund ging. Es hängt wohl mit der menschlichen Biologie zusammen, dass im Kollektiv die Strategie, etwas zu verbessern, zum Scheitern verurteilt ist. Menschen verwandeln sich da in Drecksäcke. Davor habe ich am meisten Angst“.

http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE64960822FA5429A182360/Doc~EF3D66AAB23104807987FC43BF07E5FCE~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Wir stehen am Anfang einer Entwicklung.
Vorsichtig beginnen wir zu verstehen, was Internet und im Besonderen social web bedeuten.
Ob social web zu wirklich mehr selbständigem Denken und Urteilen in einer Massengesellschaft beitragen kann, wissen wir noch nicht.
Bei mir jedenfalls werden die Fragen dringlicher…..

Martin Buber und Dag Hammarskjöld


In Martin Bubers „Nachlese“ (Verlag Lambert Schneider 1966) finde ich heute diesen wunderbaren Text über die Begegnung der beiden Männer und teile ihn wegen seiner Bedeutung:

Martin Buber: Erinnerung an Hammarskjöld.
1962.
Rede für den Schwedischen Rundfunk.

Ich bin ersucht worden, den Hörern des Schwedischen Rundfunks etwas über mich selbst zu sagen.
Da ist es wohl das beste, ich erzähle Ihnen von meinen Beziehungen zu einem großen Sohn des schwedischen Volkes, Dag Hammarskjöld.
Als ich im Frühjahr 1958 Gastvorlesungen an der Universität Princeton hielt, schrieb mit Hammarskjöld, er habe in meinem Buch „Pointing the Way“ meine Reden und Aufsätze über die politischen Grundprobleme dieser Stunde gelesen. „I want to tell you“, schrieb er, „how strongly I have respondet to what you write about our age of distrust and to the background of your observations which I find in your philosophy of unity created ‚out of the manifold'“.
Als wir dann in New York in dem Haus der merkwürdigerweise so genannten United Nations zusammenkamen, zeigte es sich, daß es uns beiden in der Tat um das gleiche ging:
ihm, der an dem vorgeschobensten Posten internationaler Verantwortung stand, und mir in der Einsamkeit eines Geistesturms, der in Wahrheit ein Wachtposten ist, von dem aus man alle Fernen und Tiefen der planetarischen Krisis zu erspähen hat. Daß es uns, sage ich, um das gleiche ging.

Uns beide peinigte gleicherweise die von einem fundamentalen gegenseitigen Mißtrauen durchsetzte Scheinsprache der Vertreter von Staaten und Staatengruppen, die in der unveränderlichen Rolutine aneinander vorbei zu den Fenstern hinausreden.

Wir beiden hofften, wir beiden glaubten daran, daß doch noch zur rechten Zeit vor der Katastrophe treue, ihrer wahren Sendung treue Vertreter der Völker miteinander in ein echtes Gespräch, in eine echte Verhandlung treten würden, in der es sich in aller Klarheit ergeben müßte, daß die gemeinsamen Interessen der Völker noch stärker sind als die einander entgegengesetzten.
Eine echte Verhandlung, in der es sich ergeben müßte, daß ein Zusammenwirken – ich sage nicht: „eine Koexistenz“, das ist nicht genug, ich sage und meine trotz all der ungeheuren Schwierigkeiten:
eine Kooperation dem gemeinsamem Untergang vorzuziehen ist.

Denn es gibt kein Drittes, nur eins von beiden: gemeinsame Realisierung der großen gemeinsamen Interessen oder das Ende all dessen, was man auf der einen und auf der anderen Seite die menschlichte Zivilisation zu nennen pflegt.

Damals, im Hause der „Vereinigten Nationen“ einander gegenübersitzend, erkannten wir beide, Dag Hammarskjöld und ich, was es im Grunde war, das uns miteinander verband.
Aber ich spürte, ihn anschauend und anhörend, noch etwas, das ich mir nicht zu erklären vermochte, etwas Schicksalhaftes, das irgendwie mit dieser Weltstunde, mit seiner Funktion in dieser Weltstunde zusammenhing.

Bald darauf, im Juni 1958, legte er in einer Dankrede an der Universität Cambridge, die ihm das Ehrendoktorat verliehen hatte, Zeugnis für unsere Gemeinsamkeit ab, indem er mit besonderer Betonung einen großen Teil der Ansprache vorlas, die ich 1952 in New York gehalten hatte, und zwar den Teil, dessen Gegenstand die Bekämpfung des allgemeinen existentiellen Mißtrauens war.

Im Januar 1959 besuchte mich Hammarskjöld in Jerusalem.
Im Mittelpunkt unseres Gesprächs stand das Problem, das mich im Lauf meines Lebens immer wieder beansprucht hat:
das Scheitern des geistigen Menschen in seinen geschichtlichen Unternehmungen.
Ich exemplifizierte es an einem der höchsten uns bekannt gewordenen Beispiele: an dem Mißlingen von Platons Versuch, in Sizilien seinen Staat der Gerechtigkeit zu begründen.
Ich empfand, und Hammarskjöld, das war mir gewiß, empfand es wie ich: auch wir waren Empfänger jenes Briefs, in dem Platon von seinemn Scheitern und von seiner Überwindung dieses Scheiterns erzählt.

Im August 1961 schrieb mir Hammarskjöld über seine Eindrücke vom Lesen einiger meiner philosophischen Werke.
Er wolle, schrieb er, eins dieser Bücher ins Schwedische übersetzen: „so as to bring you closer to my countryman“, fügte er hinzu und fragte noch an, welches Buch ich dafür für das geeignetste halte.
In meiner Antwort empfahl ich ihm, das Buch „Ich und Du“ zu übersetzen.
Er ging sogleich an die Arbeit.
In dem Brief, in dem er mir darüber berichtete, bezeichnete er das Buch als „key-work“, decisive in its message.

Ich erhielt jenen Brief eine Stunde, nachdem ich am Radio die Nachricht von seinem Tode gehört hatte.
Wie mir hernach berichtet worden ist, hat er noch auf seinem letzten Flug an der Übertragung von „Ich und Du“ gearbeitet.“

(a.a.O. S.33-36).

Ich wünschte mir in diesen Tagen der Weltkrise, das wir anknüpfen könnten an jenem Gespräch über das Mißtrauen zwischen den Völkern und die Notwendigkseit sähen, unsere Welt als ein gemeinsam zu verantwortendes zu begreifen.

„Denn es gibt kein Drittes, nur eins von beiden:
gemeinsame Realisierung der großen gemeinsamen Interessen oder das Ende all dessen, was man auf der einen und auf der anderen Seite die menschlichte Zivilisation zu nennen pflegt“.

Beide Männer, Buber und Hammarskjöld, waren „Stilleerfahrene“. Sie kamen beide vom Hören des Wortes her. Sie kamen beide vom Dialog, von der wirklichen Begegnung.
Ich bin im Buch deshalb auf beide Männer eingegangen. Sie sind zu Weggefährten geworden:

http://www.randomhouse.de/book/edition.jsp?edi=339747

Vom Sitzen. Oder: wie Texte entstehen


Im Zentrum der Übung liegt ZAZEN (sprich: Sasén).
Die Entgiftung gelingt mir nicht ohne diese tägliche Übung.
ZAZEN muß man tun.
Es ist nichts für den Kopf.
Es ist nichts für Worte.
Denn Worte hören im ZAZEN auf.
Der Wort- und Datenmüll, der unseren Alltag füllt, verschüttet den Zugang zum Kern. Ständig. Immer wieder.
Deshalb ist die Übung erforderlich.
Täglich.
Das „Reinigen der Schale“.
Es ist eine Frage der Seelenhygiene. So, wie das Duschen und Zähneputzen zur Körperhygiene gehören.
Die Übung scheint einfach:
sitz aufrecht. schweig. atme. atme vor allem lang aus.
Die Mitte deines Körpers liegt zwei Zentimeter unter dem Bauchnabel.
Dort hast du deine Hände zusammengelegt.
Mich erstaunt nach der täglichen Übung des ZAZEN oft, welche unglaublichen Mengen an Gedanken- und Wortmüll sich in mir angesammelt haben.
Alles unwichtiges Zeugs, das den Spiegel der Seele beschmutzt.
ZAZEN hilft mir, daß der Spiegel der Seele wieder klar wird.
Es ist eine einfache, schlichte Übung.
Aber sie hat sehr große Kraft.
Schwertkämpfer trainieren ZAZEN.
Es ist das Training der Wachheit.
HIER und JETZT.
Keine Gedanken mehr, kein Wollen mehr. Ganz gegenwärtig sein.
Wenn der Schwertkämpfer nicht im HIER und JETZT ist, wird er es sehr bald spüren: sein Kampfpartner wird ihm kräftig „eins überziehen“.
Die Wachheit für den gegenwärtigen Augenblick.
Darum geht es.
Du hast nur diesen gegenwärtigen Augenblick. Er ist dein ganzes Leben.
Das Vergangene ist vergangen, was kommen wird, kannst du nicht wissen.
Nur HIER und JETZT.
Übe die Achtsamkeit für das, was jetzt gerade ist.
Alle Sorgen, alle Ängste, aller Zorn und aller Kleinmut verlieren ihre Kraft.
Die „Mühle im Kopf“ kommt zum Stillstand.
Klarheit breitet sich aus in dir.
Namenlose Klarheit.
Gegenwart.

Ich habe viel ausprobiert in meinem Leben, um im Gleichgewicht zu bleiben: bin gelaufen, habe Yoga trainiert; bin geschwommen und habe die „fünf Tibeter“ praktiziert.
Das ZAZEN jedoch ist wegen seiner Einfachheit und Klarheit die mir entsprechende tägliche Übung.
Denn sie hilft mir, die „Mühle im Kopf“ abzustellen.
Sie hilft mir, innerlich in der Balance zu bleiben, wenn sich starke Gefühle melden.
Dann setz dich aufrecht.
Atme.
Nimm wahr, was jetzt ist: hör die Geräusche um dich herum, schmecke, was du gerade schmeckst; rieche, was wahrzunehmen ist; nimm wahr, was in deinem Körper ist. Schau dir an, was sich in der Seele zeigt: schau dir das Gefühl an – wie in einem Spiegel.
Du bist nicht das Gefühl.
Es ist nur ein Schatten im Spiegel.

Das wichtigste am ZAZEN:
man kann davon eigentlich nicht sprechen.
Man muß es tun.

Anfangs kommen sehr große innere Widerstände: eine große Unruhe zeigt sich; dir ist, als müsstest du „weglaufen“; man sieht es am Schwanken des Körpers, an der Unruhe des flachen Atems.
Widerstand.
Die „Affen im Kopf“ fangen an zu tanzen.
Lass dich nicht irritieren.
Schau deinem Atem zu. Er führt dich.
Und dann schau sie dir an, diese Affen. Wie sie tanzen.
Wenn sie Gewalt über dich zu gewinne scheinen: kehre zum Atem zurück.
Er verbindet dich mit dem Leben.
Der Atem ist der „Hauch Gottes“.
Dann kehre zurück zu den Affen. Schau sie dir an. Wie sie tanzen.
Sie sind nur eine Illusion. Sie tun nur so, als wären sie da.
Sie werden gehen eines Tages.

Starke Gefühle können sich zeigen:
unbändige Wut; große Trauer, starker Zorn.
Aber auch Hingabe wird möglich.
Wenn die starken Gefühle kommen; wenn Tränen fließen; wenn der Körper sich schüttelt: kehre zurück zum Atem.
Er führt dich.
Die starken Gefühle sind alt.
Alte, frühe Verletzungen werden so wieder fühlbar.
Schau sie dir an im Spiegel.
Sie werden schwächer und schwächer, je öfter du sie angeschaut hast.
Sie kommen immer wieder, gewiß.
Aber sie verlieren ihre Kraft.
Sie melden sich – wie alte Bekannte.
Du lernst, deine inneren Landschaften zu kennen.
Du lernst dich kennen.
Du lernst, wenn du atmest und zuschaust, was sich da alles zeigt: wieviele alte Gefühlsreste du mit dir herumschleppst.
Dann atmest du aus.
Und lässt sie gehen.
Sie sind nicht mehr wichtig.

SAZEN ist „einfach“.
Gerade deshalb ist es eine „Große Übung“.

Ich hätte den Text „Mitten im Lärm der Stadt betrete ich die Stille“ nicht schreiben können ohne diese Erfahrung.

http://www.randomhouse.de/book/edition.jsp?edi=339747

http://www.facebook.com/pages/Nachtgesprache/126836900686268?ref=ts

20 Jahre Deutsche Einheit – Ein Rückblick von einem, der seit 1990 dabei war


Gerade komme ich von einem Wochenendurlaub aus Hessen.

Vor 20 Jahren wäre diese Selbstverständlichkeit undenkbar gewesen.

Mich ließ man als „Oppositionellen“ zu Zeiten der Diktatur nicht mal zu Dienstreisen in den „Westen“. Die Zeiten haben sich geändert. Ob sie sich radikal geändert haben, steht dahin, denn durch den Zusammenbruch des früheren Ostblock-Systems entfiel zwar ein einfaches Abwehr-Argument für die Verteidiger der alten bundesdeutschen Ordnung, aber ob das nun geeinte Land und sein gesellschaftlich-politisches System tatsächlich besser mit den globalen, Umwelt- und Sozialherausforderungen umgehen kann, wird sich noch erweisen müssen. So jedenfalls sah es Egon Bahr noch im Wendejahr 1989/1990 bei einer Veranstaltung der FES, an die ich mich oft erinnere.

Was ist es mit der „geteilten Wirklichkeit“? Seit dem Fall der Mauer habe ich in deutsch-deutschen Teams gearbeitet. Seit 1990 bei der FES, seit 1998 im Bundestag, seit 2004 in der Regierung.

Die Zeiten der „Besserwessis“ und „Jammerossis“ habe ich nie so erlebt, wie sie in manchem Zeitungsartikel beschrieben waren. Denn beim genauen Zuhören konnte man auch bei denen, die „ein Jahr länger zur Schule gegangen sind, um Selbstdarstellung zu lernen“ (Westlern) das große Engagement erkennen, das Anfang der 90iger Jahre für den Wiederaufbau der Neuen Länder in ihnen war. Es gab auch welche, die im Westen voraussichtlich beruflich nicht mehr weiter gekommen wären. Gewiss. Für sie war der Osten eine berufliche Chance. Zumal mit „Buschzulage“ garniert. Aber bald schon zeigte sich, ob sie ihrer Aufgabe tatsächlich gewachsen waren.

Mittlerweile gibt es eine ganze Generation von Ostlern, die seit fast 20 Jahren im Westen leben und umgekehrt gibt es eine Generation von Westlern, die an maßgeblicher Stelle, als Bürgermeister, Landrat, Abgeordneter, Arbeitgeber oder Vereinsvorsitzender sich um den Aufbau Ostdeutschlands verdient gemacht haben. Die Unterschiede beginnen, sich zu verwischen. Der Westen ist nicht mehr nur „westdeutsch“, der Osten schon lange nicht mehr nur „ostdeutsch“, gerade die Eliten mischten sich schnell. Am schnellsten ging es in den Unternehmen, aber auch in der Politik. Denn durch den Beschluss der Volkskammer, der alten Bundesrepublik „beizutreten“, kamen Inhalte und Personen in den Osten, die Bewährtes und weniger Bewährtes aus dem Westen nun auch hier einführten und praktizierten. Anfangs liefen die Kopierer heiß: Satzungen, Statuten, Gesetze, Geschäftordnungen wurden von West nach Ost übertragen – oft, ohne die Chance für einen Neubeginn zu nutzen. Die Aufgabenverteilung zwischen Bund und Ländern in der Bildungsfrage hat das im Lissabon-Prozess, aber auch in der Föderalismuskommission I überdeutlich werden lassen: man hätte die Wende nutzen müssen, um dieses große Hindernis für eine moderne europäisch orientierte Bildungspolitik zu beseitigen. In der „FÖKO I“ aber war es schon wieder zu spät dafür….

So war es in der Wendezeit beschlossen worden: Beitritt des Ostens zum Westen.

Nun allerdings zeigt sich, dass Ostdeutschland in etlichen Bereichen zum Vorreiter, zum „Labor“ für gesamtdeutsche Problemlagen geworden ist: im Städtebau angesichts des demografischen Wandels beispielsweise. In Ostdeutschland bewährte Programme werden nun in umgekehrter Richtung „exportiert“: das Programm „Stadtumbau Ost“ fand sein Pendant im Programm „Stadtumbau West“. Die „Modellregionen Demografischer Wandel“ begannen in Ostdeutschland und finden nun ihre Fortsetzung in strukturschwächeren Regionen Westdeutschlands.

Die Zeiten ändern sich.

Deutschland ist im Krieg. In Afghanistan stehen Soldaten aus Ost- und Westdeutschland in derselben Armee und tun gemeinsam die Arbeit, zu der das gesamtdeutsche Parlament sie geschickt hat.

Mit der Wahl 2009 trat eine weitere Zäsur ein: – mit wenigen Ausnahmen – trat die „Wendegeneration“ ostdeutscher Politiker ab, die 1989 angetreten war, um ein demokratisches Gemeinwesen in Ostdeutschland aufzubauen. Eine neue Politikergeneration geht nun in die Verantwortung.

Mir fällt auf, dass etliche politische Freunde aus der „Wendegeneration“, die in den Aufbaujahren sehr schnell in neue Führungsaufgaben hineinwachsen mussten, zu ihrer alten Nachdenklichkeit zurückkehren, die sie schon vor der Wende ausgezeichnet hat. Mancher meint hinter vorgehaltener Hand noch etwas schüchtern: „Wir sollten mal wieder nach Schwante fahren[2]“.

Wer sich mit offenen Augen die großen Zentren der Welt besieht – und wir hatten ausführlich Gelegenheit dazu – der fragt sich zum Beispiel angesichts der ökologischen Herausforderung, angesichts von Klimawandel und zunehmender Ungerechtigkeit, angesichts von Bankenkrise und moralischem Verfall insbesondere der „Wirtschaftseliten“, was denn am neuen System so überragend besser sein soll als das Bekannte? Ist unsere gemeinsame Ordnung tatsächlich in der Lage, diese Herausforderungen besser zu lösen?

Es ist ungewiss.

Man kann den Eindruck gewinnen, dass zunehmende Umweltzerstörung, sich beschleunigender Klimawandel, zunehmende Ungerechtigkeit Hinweise sind auf ein lediglich höheres Tempo einer Entwicklung, die, wenn sie nicht gestoppt wird, zur Selbstzerstörung führen kann.

Ich gehörte als Ostler nie zu denen, die in den Westen wollten, weil der Umzug in den Westen mir immer so vor kam, als wechsele man auf einem untergehenden Schiff lediglich vom Kellerdeck an die Bar. Man hatte zwar Reise- und Wahlfreiheit, gewiss. Hohe Güter, die viel zu schnell wieder „verschleudert“ wurden – man sieht es an der Wahlbeteiligung. Aber an der grundsätzlichen materialistisch orientierten Ausrichtung des ganzen „Schiffes“ hat sich nicht viel geändert. Der Westen ist ebenso materialistisch wie es der Osten immer war. Nur eben ist er auch darin effizienter.

Es ist ein interessantes Phänomen, dass in Ostdeutschland 20 Jahre nach der „Wende“ bei Wahlen die alte „Nationale Front“ (frühere SED und CDU) wieder politische Mehrheiten erlangt. Das ist mit „Ostalgie“ allein nicht erklärbar, weil ja mittlerweile eine ganze Generation nachgewachsen und eine andre ausgeschieden ist. Die SPD ist seit zwanzig Jahren strukturschwach – die ostdeutschen Landesverbände oszillieren seit 20 Jahren immer so um die 5.000 Mitglieder, je nach Wahlausgang. Das „Bündnis der 90 Grünen“ – wie wir etwas despektierlich von der anderen „Neugründung“ im Osten sprachen – hat ein ähnliches Problem. Die „Blockflötenparteien“, CDU und FDP haben das Problem in etwas gemilderter Form, weil sie die alten Strukturen übernehmen konnten und so Zeit gewannen, dennoch merken auch sie: Die Parteien ändern sich von Mitgliederparteien zu Kampagnenparteien. Ihre Funktion reduziert sich zunehmend auf die eines Bereitstellungsmechanismus für politisches Personal. Auch dies ist eine Entwicklung, die früh gesehen wurde und die nun zunehmend auch im Westen Einzug hält. Die Zeiten der Mitgliederparteien scheinen zu Ende zu gehen. Diese Entwicklung wird sicher auch getrieben und unterstützt durch soziale Netzwerke, Web 2.0 und andere neue Phänomene, die neue Formen der gesellschaftlichen Teilhabe ermöglichen. Die Formen des Engagements ändern sich: man will nicht mehr Dauermitglied sein, wohl aber ist man bereit, für eine begrenzte Zeit ein konkretes Anliegen zu unterstützen. Der Osten musste das schnell begreifen, der Westen lernt es im Moment.

Ostdeutschland musste manches schneller begreifen, denn der fast totale Zusammenbruch des ökonomischen Systems, der beinahe völlige Neubeginn in Forschung und Lehre zwangen dazu: der Wiederaufbau des östlichen Teils Deutschlands gelang in den Ländern am besten, die von Anfang an auf den Ausbau von Forschung und Technologie setzten. Am weitesten vorn ist Sachsen. Diese neuen ostdeutschen Forschungsstandorte mussten nicht nur im innerdeutschen, sondern sofort auch im europäischen Wettbewerb bestehen. Eine doppelte Herausforderung, die aber – mittlerweile kann man es an den Exportquoten und Umsätzen der erfolgreichen forschungsaffinen Unternehmen ablesen, weitgehend gelungen ist. Manch ostdeutscher Forschungsstandort ist moderner als es westdeutsche Zentren sind.

Allerdings: die neue soziale Frage ist weiter ungelöst.

Ostdeutschland wird mit seinen zwei Rentensystemen, angesichts von enormer Dauerarbeitslosigkeit seit 20 Jahren und angesichts des verstärkten demografischen Wandels (junge gut ausgebildete Leute ziehen in die Wachstumsregionen; ältere Menschen ziehen nach Ostdeutschland) in ein großes Problem hineinlaufen: Altersarmut.

„Der demografische Wandel gefährdet den Aufbau Ost“ – so sagten es meine Fachleute im Ministerium. Dieser Trend der Entleerung ganzer Landstriche beginnt im Osten, aber er setzt sich – so zeigen es alle brauchbaren Prognosen – bis weit in den Westen fort. Es bleibt das große „C“ wirtschaftlicher Prosperität in den Regionen von Hamburg über das Ruhrgebiet bis hinunter nach Stuttgart/München und es bleibt der Ballungsraum Berlin. Dann werden die Städte, die über eine Hochschule verfügen, noch mithalten können. Dann, weiter draußen im Lande, wird es schwierig.

Die wirtschaftlichen Möglichkeiten der Bundesländer, sich selbst zu helfen, werden sich angesichts der stark rückläufigen Steuereinnahmen durch den demografischen Wandel (Mecklenburg rechnet mit minus 40% in den kommenden zwanzig Jahren!) dramatisch verändern. Das Finanzausgleichssystem nach Ländern wird nicht mehr lange standhalten können, weil die Unterschiede innerhalb eines Landes immer größer werden.

Im vereinigten Europa konkurrieren ohnehin längst nicht mehr Länder gegeneinander, sondern Forschungsstandorte mit der sie umgebenden forschungsaffinen Industrie, die Ländergrenzen verwischen sich weiter. Die Partnerschaften der Universitäten sind oft der Beginn für solche „Wachstumsregionen“, die Ländergrenzen überschreiten. In Aachen kann man es besichtigen, in München ebenso. In den übrigen „europäischen Modellregionen“ – 13 haben wir davon in Deutschland – zeigt sich ein vergleichbares Szenario. Die internationale Verflechtung nimmt zu, stark gepusht von europäischer Gesetzgebung.

Zwanzig Jahre des politischen und wirtschaftlichen Wiederaufbaus liegen hinter uns.

Was wird in den kommenden 20 Jahren gelingen können?

Die europäische Verflechtung wird weiter an Tiefe gewinnen. Wirtschaftsräume entstehen über Ländergrenzen hinweg. Die Universitäten machen oft den Anfang für diese Entwicklung.

Große Bereiche Deutschlands werden mit zunehmender Armut zu kämpfen haben – der demografische Wandel treibt diese Entwicklung in Ost wie West. Die sozialen Sicherungssysteme gelangen ans Ende ihrer Leistungsfähigkeit.

Deshalb wird die Frage nach den „Standards“ neu zu beantworten sein.

So, wie die Stadt- und Regionalentwickler in Ostdeutschland seit längerem über „Mindeststandards“ sprechen, die der Staat unbedingt vorhalten muss, wenn man nicht die völlige Entleerung einer Region zulassen will, so wird man künftig neu über Sozialstandards sprechen müssen.

Die alte Frage, die uns vor zwanzig Jahren schon umtrieb, damals noch auf der östlichen Seite der mittlerweile gefallen Mauer – die alte Frage: „wie viel ist genug?“ werden wir nun gemeinsam neu beantworten müssen. Die Finanz- und Bankenkrise, der Klimawandel, der Umstand, das mitten in Europa Staaten vor einem Staatsbankrott bewahrt werden müssen – alles dies zwingt mit neuer Energie zu neuen Antworten.

Denn die gravierenden zerstörerischen Folgen einer in allen gesellschaftlichen Bereichen auf ein einfaches, oft auch zweistelliges „Wachstum“ ausgerichteten Gesellschaftsordnung sind unübersehbar geworden und gefährden mittlerweile auch die ökonomische Basis unseres Landes[3].

Hier liegen neue Aufgaben für eine neue Generation.

Wir haben unseren Beitrag dafür geleistet, dass auf dem Gebiet einer Diktatur eine neue demokratische Ordnung wachsen konnte. Vieles ist erreicht, vieles ist noch zu tun.

Nun aber müssen die jungen Europäer, die in Ost- und Westdeutschland in der neuen Generation heranwachsen, ihre Verantwortung tragen.

[1] Ulrich Kasparick war bis 1989 Stadtjugendpfarrer in Jena, 1990 Geschäftsführer des Vereins für Politische Bildung und Soziale Demokratie e.V., dem Vorläufer der Friedrich-Ebert-Stiftung in Ostdeutschland; seit 1990 stv. Leiter des Landesbüros Brandenburg in Potsdam, seit 1992 Leiter des Landesbüros in Magdeburg; seit 1998 dreimal direkt gewählter Bundestagsabgeordneter, seit 2004 Parl. Staatssekretär im Bundesforschungsministerium, seit 2005 in selber Funktion im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. 2009 hat er nicht erneut kandidiert und gestattet sich nach zwanzig Jahren Aufbauarbeit nun ein Sabbatical.

[2] Im Pfarrhaus in Schwante wurde am 7. Oktober 1989 die ostdeutsche Sozialdemokratie neu gegründet.

[3] Am Beispiel des Klimawandels am klarsten dargelegt im Stern-Report.