Albert Schaefer-Ast im Ersten Weltkrieg. 1914-1918. Er kam zurück als „Kriegszermalmter“

Zur Zeit lese ich die 160-seitige Personalakte Schaefer-Ast aus dem Archiv der Universität des Bauhauses Weimar. Da notiert Schaefer-Ast, er sei als „Kriegsfreiwilliger“ in den Ersten Weltkrieg gezogen und mit „60%“ kriegsbeschädigt aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekommen.
Konkret hieß das: Das rechte Auge war verloren, ein Arm war verletzt. Man überliest so etwas schnell, ich will aber innehalten und nachfragen: was war das eigentlich mit den „Gesichtsentstellten“, mit den „Kriegsversehrten“ mit den „Zitterern“ im Ersten Weltkrieg, der „Urkatastrophe der 20. Jahrhunderts“?

Schaefer – der Künstlername „Ast“ kam erst später dazu – gehörte zu ihnen. Im Buch wird es einen Exkurs zum Thema geben, der hier vorab schon einmal skizziert sein soll:

Exkurs. Die Kriegsversehrten des Ersten Weltkrieges

Das Trauma der Gesichtsversehrten[1].
Als „Denkmäler des Schreckens“ bezeichnete der Berliner Journalist Erich Kuttner die Gesichtsversehrten 1920 im „Vorwärts“. Der Begründer der Kriegshinterbliebenenfürsorge beklagte, dass das Leiden dieser Männer nach dem Krieg tabuisiert wurde. Um sie mache selbst der „patentierte Patriotismus einen weiten Bogen“: Er hat sie „vergessen, denn sie stören ihn“, so Kuttner. Die „Kriegszermalmten“ nannte Erich Kuttner, selbst 1916 vor Verdun schwer verwundet, das Heer der Amputierten, Blinden, Entstellten. Die an Leib und Seele verwundeten Männer kämpften ein Leben lang mit ihren Traumata, wie Erich Maria Remarque 1928 in seinem Kriegsroman „Im Westen nichts Neues“ beschrieb: „Wir werden uns nicht mehr zurechtfinden können. Man wird uns auch nicht verstehen (…). Die Jahre werden zerrinnen, und schließlich werden wir zugrunde gehen.“
Im Nachkriegsdeutschland jedoch gerieten die Gesichtsversehrten zum Tabu, weil sie allzu schmachvoll an die Niederlage und Sinnlosigkeit der Opfer erinnerten[2].

„Im Ersten Weltkrieg waren in Deutschland und Österreich nach aktuellem Stand der Forschung knapp mehr als 700.000 überlebende Soldaten von Verwundungen betroffen. Gesichtsverletzungen stellten zwar mit etwa 5-14% der Verwundeten nur eine unter vielen Formen der Kriegsverletzung dar, ihre Auswirkungen waren jedoch für die Betroffenen umso verheerender. Schon während der Behandlung stellte sich heraus, dass neben den Schmerzen, den Schwierigkeiten beim Essen und dem Unvermögen zu sprechen oder mimisch zu kommunizieren, die Entstellungen im Gesicht für viele der Soldaten besonders schwer zu ertragen waren“[3]

Zu den körperlichen Verwundungen kamen die seelischen[4]. Die Männer kamen als „Zitterer“ von der Front zurück oder entwickelten andere schwere Neurosen oder psycho-somatische Störungen – und konnten kaum behandelt werden.
Bei Schaefer-Ast trat hinzu: er war nicht irgendwo, sondern er war an der „Westfront[5] – also in jenem seit 1914 festgefahrenen fürchterlichen Stellungskrieg, der von Remarque in seinem Buch „Im Westen nichts Neues“ so eindrucksvoll beschrieben wurde. Giftgas, Maschinengewehre (daher die vielen Gesichtsverletzungen), Panzer, Grabenkrieg – all das hat Schaefer gesehen, erlebt, durchlitten – und am Ende kam er als „Geschlagener“, als „Kriegsversehrter“ zurück. Das Gesicht entstellt, das rechte Auge verloren. „60%“ beschädigt. Er war 28 Jahre alt, als der Erste Weltkrieg zu Ende war.
Die furchtbare Bilanz des Ersten Weltkriegs: etwa 8,5 Millionen Gefallene, mehr als 21 Millionen Verwundete und fast acht Millionen Kriegsgefangene und Vermisste, dazu unzählige traumatisierte Menschen.
Der Krieg war zu Ende, aber die Beschädigungen blieben.
Die Verletzten waren ja noch da. Sie irrten als Arbeitslose durch die Städte, eine angemessene Entschädigung oder gar Kriegsversehrtenfürsorge gab es noch nicht.
Schaefer reihte sich ein in das riesige Heer der kriegsversehrten Arbeitslosen.
Nach dem Krieg war er u.a. „lange Zeit erwerbslos“[6] ,Verkäufer für Pudding-Pulver von Oetker[7]. Gelegenheitsgrafiker. Er produziert Werbematerial, Plakate, Zeitungs-, Buch-, Illustriertenzeichnungen, Schutzumschläge.
Wir müssen damit rechnen, dass sich die Erlebnisse des Ersten Weltkrieges tief in die Seele des Zeichners und Grafikers eingegraben und ihre Spuren in seinem Leben hinterlassen haben.


[1] https://www.spiegel.de/geschichte/erster-weltkrieg-das-trauma-der-gesichtsversehrten-a-1236985.html

[2] Zum Thema auch: https://weimar.bundesarchiv.de/WEIMAR/DE/Content/Virtuelle-Ausstellungen/Nach-dem-grossen-Krieg/kriegsversehrte.html

[3] https://aesthetischepraxis.de/Texte2/Gesichter_WK_I_Broschuere.pdf

[4] https://www.sueddeutsche.de/politik/psychische-leiden-im-ersten-weltkrieg-vom-schlachtfeld-in-die-hoelle-der-nervenaerzte-1.1871045

[5] https://www.sueddeutsche.de/politik/erster-weltkrieg-wahnsinn-westfront-1.1856656

[6] Personalakte Weimar, a.a.O. Blatt 34

[7] Buck, 14

Albert Schaefer-Ast. Berlin.Prerow.Weimar

Albert Schaefer-Ast. Berlin.Prerow.Weimar

1890 in Barmen geboren. 1951 in Weimar gestorben. Ab 1938 in Prerow ansässig. Zweimal verheiratet. Die zweite Frau und die Tochter in England. Nach dem Krieg Professor an der neu gegründeten Hochschule für Baukunst. Hermann Henselmann hatte ihn nach Weimar geholt, der Bauspezi von Walter Ulbricht, dem wir den Berliner Fernsehturm, die ehemalige Stalin-Allee und den Strausberger Platz in Berlin verdanken.

In Prerow gibt es nun eine Initiative, Albert Schaefer-Ast in seinem ehemaligen Häuschen ein kleines Museum einzurichten. Das ist eine löbliche Idee, von der Prerow gut profitieren kann. Denn die Biografie und der Lebenslauf von Schaefer-Ast, der während der Weimarer Republik für die großen und weitverbreiteten Zeitschriften des Berliner Ullstein-Verlages (zum Beispiel für „Die Dame„) gezeichnet hat, ist interessant, reicht er doch von der Kaiserzeit über den Ersten Weltkrieg (Schaefer war Kriegsfreiwilliger wie so viele junge Männer und kam ohne rechtes Auge aus dem Krieg zurück), die Weimarer Republik, die NS-Zeit, den Zweiten Weltkrieg, die deutsche Kapitulation, die Besatzungszeit bis hin zum Kalten Krieg und der Gründung zweier deutschen Staaten. Ein „deutsches Leben“ sozusagen, mit all seinen Brüchen und Widersprüchlichkeiten.

Derzeit bin ich noch bei der Recherche; sowohl in England (Imperial War Museum) als auch in Deutschland (Bundesarchiv, Bauhaus-Archiv, Landesarchiv Berlin etc.) finden sich Hinweise, die gesammelt, sorgfältig überprüft und ausgewertet sein wollen.

Nach dem Krieg wurde von Schaefer-Ast gesagt, er habe während der NS-Zeit zu den verfemten Künstlern gehört, seine Kunst sei als „entartet“ eingestuft worden. Ich habe das an der Freien Universität in Berlin überprüft, dort sitzen die Spezialisten zur Frage der „Entarteten Kunst“ während der NS-Zeit. Es finden sich derzeit keine Belege für die Behauptung, Schaefer-Ast sei von den Nazis als „entartet“ eingestuft worden. Offensichtlich handelt es sich – wie bei vielen anderen – um eine nach dem Kriege aufgekommene Behauptung von Verwandten. Im Falle Schaefer-Ast von seinem Schwiegersohn John Buck.

Dennoch ist das Leben von Schaefer-Ast spannend. Er war beispielsweise- wie genau, prüfe ich derzeit im Bundesarchiv – in ein Verfahren am Volksgerichtshof gegen die Grafiker Erich Knauf und Erich Ohser (wegen Wehrkraftzersetzung) „verwickelt“, ist aber „irgendwie“ heil davon gekommen, während Knauf durch das Fallbeil hingerichtet wurde und Ohser sich – einen Tag vor der Eröffnung seines Prozesses am Volksgerichtshof – das Leben genommen hatte. Ohser war noch im Sommer 1943, kurz vor seinem Tod, in Prerow und hat seinen Freund Schaefer-Ast gezeichnet. Dieses Bild habe ich in Plauen im Museum für Erich Ohser auftreiben können.

Schaefer-Asts Tochter Susanne kam mit einem Kindertransport nach England. Auch das eine hochspannende Angelegenheit, auf die ich im Buch ausführlich eingehen will. Seine zweite Frau, die Jüdin Stefanie, geborene Nathan (ihr Vater war in Berlin angesehener Banker), folgte der Tochter noch im Juli 1939, zwei Monate vor dem deutschen Überfall auf Polen und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges, obwohl eine „Ausreise“ damals schon mit gewaltigen finanziellen Verlusten und einer ganzen Reihe von zusätzlichen Schikanen verbunden war. Nach dem Krieg (ab 1946) kamen die drei wieder in schriftlichen Kontakt, es gab ein Treffen in Berlin, aber die Familie kam „nicht wieder zusammen“. Die genauen Umstände, weshalb Steffi nach England ging, Schaefer-Ast aber nicht, müssen untersucht werden – denn es gab in jenen Jahren auch andere Beispiele, da gingen die Familien gemeinsam ins Ausland.

Ich habe vor, eine etwas umfänglichere Studie zum Leben von Albert Schaefer-Ast als Buch zu machen. Es soll diejenigen unterstützen, die in Prerow ein kleines Museum für ihn einrichten wollen. Ein solches Museum ist eine gute Gelegenheit, sich sowohl mit Fragen der Kunst als auch mit deutscher Geschichte am Beispiel eines Künstler-Lebens zu beschäftigen.