Im ersten Blog-Beitrag über die ca. 300 Flüchtlingskinder, die zwischen März und Juni 1945, von Stettin kommend, in Zingst, Prerow, Damgarten und anderen Orten untergebracht waren, bevor sie via Barth nach Berlin und von dort schließlich nach Bad Harzburg gelangten, hatte ich bereits über Dr. med. Eva Scheel berichtet. Man findet ihr Grab auf dem Friedhof in Prerow. Sie war am 19. Juni 1945, von Prerow kommend, Richtung Zingst unterwegs und kam in Höhe der „Hohen Düne“ durch ein Gewaltverbrechen ums Leben, so weiß man im Ort. Pastor Pleß hat die wenigen Details im Totenbuch notiert:
Bislang wusste man aber nicht, in welchem Zusammenhang Frau Dr. Scheel in Prerow war. Jetzt wissen wir, daß sie zum Personal des Kinderheims „Kinderheil“ aus dem Diakonissenhaus in Finkenwalde/Stettin gehörte. Den Beleg dafür fanden Mitarbeiter der Stiftung Flucht, Vertreibung und Versöhnung Berlin im Diakonissen-Haus Bad Harzburg im September 2026, er sei hier eingefügt:
Der in diesem Dokument erwähnte Chefarzt Dr. Brakhage wird uns noch beschäftigen. Er beging am 2. 5. 1945 mit seiner Frau und seinen Kindern in Zingst Selbstmord durch Vergiftung. Ich habe sein Schicksal im Totenbuch der Kirchgemeinde Zingst gefunden. Uns interessiert hier aber Frau Dr. med. Eva Scheel. Wir wissen nun nicht nur, daß sie zu jener Kinderflüchtlingsgruppe aus dem Kinderheim „Kinderheil“ in Stettin gehörte, sondern wir kennen nun auch ihren damaligen Wohnort: Stargard in Pommern. Pastor Dr. Wilhelm Pleß, der ab 1931 Pastor in Prerow war und Eva Scheel bestattet hat, hat es im Totenbuch der Kirchgemeinde vermerkt:
Um ihren Geburtstag gibt es noch Unstimmigkeiten zwischen den Dokumenten, denn im „Begräbnis-Register“ ist der 4. VI. 1915 notiert, während auf dem Grabkreuz der 4.6.1916 eingraviert ist. Das Holzkreuz wurde im Jahr 2012 als Diplomarbeit von Jörg Weber am Hornemann-Institut in Potsdam restauriert. Es ist eines der ältesten erhaltenen Holzkreuze auf dem Prerower Friedhof.
Die Unstimmigkeiten zum Geburtsjahr kann nur durch weitere Dokumente geklärt werden. Noch wissen wir nicht, wo Eva Scheel studiert hat. Von ihrem Chef, Dr. Brakhage wissen wir mittlerweile, daß er in Rostock Medizin studiert hat, worüber das Matrikelverzeichnis Auskunft gibt. Und tatsächlich, das ergibt die weitere Recherche am Folgetag: Eva Schuss aus Pyritz hat unter anderem in Rostock Medizin studiert. Dieser Matrikeleintrag klärt auch ihr Geburtsjahr: 1916. Dr. Pleß hat sich offenbar im Totenbuch verschrieben, als er „1915“ notierte.
Bei unseren Recherchen ist inzwischen auch ein zweiter Bericht über das Schicksal der Kinderflüchtlinge aus Stettin aufgetaucht, den mir die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin zur Verfügung gestellt hat. Daraus gehen noch genauere Details hervor. Der Bericht stammt aus dem Jahre 1947, wurde also – anders als der Bericht im ersten Blog-Beitrag – sehr zeitnah nach den Ereignissen verfasst. Ein Textvergleich beider Berichte ist einem nächsten Blog-Beitrag vorbehalten. Der Berichts-Ausschnitt von 1947, ebenfalls von einer beteiligten Diakonisse verfasst, lautet:
Wir wissen nun genauer, dass etwa 120 gesündere Kleinkinder nach Prerow kamen, dass „166 Schulkinder“ in Zingst zunächst in einem leerstehenden Kinder-Sommererholungsheim untergebracht wurden. In Prerow seien die Kinder „in zwei Häusern“ untergebracht worden. Wir wissen aus dem Totenbuch Prerow inzwischen auch, dass es sich sehr wahrscheinlich um das Haus „Steglitz“
und um das Haus „Asmus“ handelte, wie ja aus dem Prerower Totenbuch hervorgeht.
Der zweite Bericht über die Flüchtlingskinder ist unvollständig, denn aus dem Prerower Totenbuch geht hervor, daß Stettiner Kinder auch im „Haus Regina“ untergebracht waren. Die junge Ärztin Eva Scheel interessiert mich. Ich will versuchen, noch mehr über sie herauszufinden.
Da war diese Mail aus Berlin vom Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Es gäbe doch ein Archiv im Pfarramt in Prerow, ob man dort vielleicht etwas mehr erfahren könne über eine Gruppe von 300 Kindern, die, von Finkenwalde-Stettin kommend, von März – Juni 1945 in Prerow, Zingst, Damgarten, Barth und anderen Orten des Darss auf der Flucht untergebracht waren? Geplant sei, im kommenden Jahr in einer Ausstellung auf diese Kinder-Gruppe einzugehen und von Interesse sei alles, was man über diese Gruppe erfahren könne.
Mich interessiert die Sache, also beginne ich mit der Recherche. Von Anfang an informiere ich mehrere gut informierte Personen hier in Prerow und binde möglichst viele Menschen mit ein, denn eine erste Auskunft lautet: „Von einer solchen Flüchtlings-Kinder-Gruppe höre ich zum ersten Mal“. Es geht also nun auch darum, Lücken in der Ortschronik zu füllen, wenn die Recherche brauchbare Ergebnisse bringt. Seit etwa drei Tagen sind mehrere Menschen hier an der Suche beteiligt, wir stehen im engen Kontakt mit dem Berliner Dokumentationszentrum und inzwischen wissen wir:
Zwischen März und Juni 1945 war eine Gruppe von etwa 300 Kindern, angeführt und begleitet von Diakonissen aus Finkenwalde bei Stettin auf der Flucht auf dem Darss angekommen.
Es gibt einen Bericht der Diakonisse Gertrud Berg (kleines Foto) über diese Flucht von der damaligen Leiterin des Stettiner Flüchtlingsheims aus dem Jahre 1998. Darin heißt es:
Wir haben nun also bereits ein Foto einiger der „Ehemaligen“ Flüchtlingskinder von jenem denkwürdigen Transport aus dem Frühjahr 1945, aufgenommen in Bad Harzburg im Jahr 1991.
Inzwischen war ich im Pfarramtsarchiv und habe dort im Verzeichnis der Beerdigungen nachgesehen, ob sich dort Spuren jener Flüchtlingsgruppe finden lassen. Ich fand bislang 24 Kinder im Alter zwischen wenigen Monaten und etwa 10 Jahren, die zwischen März und Juni 1945 auf dem Prerower Friedhof bestattet wurden. Es finden sich in diesen Aufzeichnungen auch exakte Hinweise auf die Kinder-Einrichtung „Kinderheil“ in Finkenwalde bei Stettin. Auch aus einer zweiten Einrichtung des großen Diakonissenhauses in Stettin, aus Warsow/Stettin kamen Kinder. Günter Altmann zum Beispiel. Von dem ist im Sterbebuch vermerkt: „Kind aus Haus Steglitz in Prerow, Flüchtling aus Warsow/Stettin. Geboren am 24. 5. 1943, gestorben am 28. April 1945, beerdigt am 1. Mai 1945. 1 Jahr 11 Monate“.
Oder ich lese im Bestattungsbuch: „Ein unbekanntes Flüchtlingskind aus Königsberg. War im Kinderheim Stettin-Warsow. Alter unbekannt. Gestorben 12. Mai 1945, beerdigt 15. Mai 1945. Feier in der Halle und am Grab“
Auch finde ich Margrit Cornell. „Kind aus Stettin-Warsow. Geboren am 11.10.1943, gestorben am 12. Mai 1945, beerdigt am 15. Mai 1945 im Alter von 1 Jahr 7 Monaten. Feier in der Halle und am Grabe“.
Horst Meyendank kommt direkt aus dem Haus „Kinderheil-Finkenwalde“. Von ihm lese ich: „Geboren 6.6.1935, gestorben 23. Mai 1945, beerdigt 26. Mai 1945. Feier am Grabe. Fast 10.“
Insgesamt sind 24 Kinder für jenen Zeitraum dokumentiert. Nicht alle werden zur gesuchten Flüchtlingsgruppe gehört haben. Prerow und Zingst waren in jenen Wochen überfüllt mit Flüchtlingen, die Not war gewaltig, wie Pastor Dr. Wilhelm Pleß in seinen Erinnerungen notiert hat. Typhus grassierte. Tote wurden am Bahnhof gestapelt, weil man sie nicht alle zugleich bestatten konnte. An manchen Tagen hielt Pastor Pleß vier Beerdigungen. Er berichtete in seinen Erinnerungen von einem „Schausarg“, der nur von der Kirche bis zum Grab Verwendung fand, dann aber wieder benutzt werden musste, weil nicht genügend Särge zur Verfügung standen. In diesen entsetzlichen Tagen suchten die Kinder Unterschlupf. Nicht wenige starben. Ein paar wenige Spuren finden sich noch. Von manchem Kind wissen wir nicht einmal den Namen.
Noch einen wichtigen Fund mache ich. Im oben eingefügten Bericht eines der ehemaligen Flüchtlingskinder findet sich der Hinweis auf eine Ärztin der Kinder, die in jener Zeit „ermordet“ worden sei. Und tatsächlich findet sich auf dem Friedhof in Prerow das Grab von Frau Dr. Eva Scheel, die am 19. Juni auf dem Weg über den Deich von Prerow nach Zingst „vergewaltigt und ermordet“ worden sein soll, wie man hier im Ort weiß. Das Grab ist von der Gemeinde renoviert und sehr gut hergerichtet worden, so daß man ihrer würdig gedenken kann. Es dürfte sich dabei exakt um jene Ärztin handeln, die im Juni 1945 umkam, und vom der im Bericht des ehemaligen Flüchtlingskindes die Rede ist.
Wir sind erst ganz am Anfang der Recherche. Aber wir wissen inzwischen doch schon Einiges. Wir wissen aus dem Beerdigungsbuch auch, daß es in Prerow mindestens drei Einrichtungen gab, in denen Flüchtlingskinder untergebracht waren: „Haus Asmus“, „Haus Steglitz“ und „Heim Regina“ (im Dokument auch „Haus Regina“).
Inzwischen sind auch etliche ältere Prerower in die weiteren Recherchen mit einbezogen, vielleicht finden sich ja noch weitere Hinweise.
Was die Unterbringung einiger Kinder in Zingst anbelangt, könnte es sich evtl. um den „Zingsthof“ gehandelt haben, der der Diakonie gehört, doch diese Vermutung muss noch überprüft werden. Die Geschichte ist überaus spannend, und so mancher Prerower wird daran interessiert sein. Ich bin jetzt schon allen, die sich an der Suche nach weiteren Details beteiligen, überaus dankbar. Wenn die Geschichte sich weiter konkretisiert, werde ich berichten.
Nun sind sie endlich da: die Kriegsbriefe zwischen Annemarie und Erich. Er, Jahrgang 1900, evangelischer Pastor, Mitglied der Bekennenden Kirche, Vater von vier Kindern, Soldat vom ersten bis zum letzten Kriegstag. Sie, Jahrgang 1901 – Stendalerin und Altmärkerin, Mutter von vier Kindern in Groß Schwechten in der #Altmark. Sie haben sich beinahe jeden zweiten Tag geschrieben. In Sütterlin, versteht sich.
Diese vielen erhaltenen Briefe haben wir in jahrelanger, recht mühsamer Arbeit nun in lesbare lateinische Schrift gebracht und der rainStein-Verlag in Berlin hat die beiden Bände publiziert.
Erika (1928 – 2020), die älteste Tochter dieses Pfarr-Ehepaares aus der Altmark hatte diese Briefe sorgfältig aufbewahrt. Im hohen Alter sorgte sie sich, was aus „den Briefen“ wohl werden würde, wenn sie gestorben wäre? Sütterlin könne doch kaum noch jemand lesen! Und dann die winzige Schrift ihres Vaters, oftmals nur in Bleistift geschrieben, schnell auf einen Feldpostbrief gekritzelt in der Ladepause des LKW-Kolonnenführers Erich Immelmann! Kaum möglich, solche Kritzelei überhaupt zu erkennen! Erika machte sich Sorgen um den Nachlass ihrer Eltern.
Erika hatte selber keine Kinder, aber um die Tochter ihrer Schwester Maria (1934 – 1957) hat sie sich gekümmert, als wäre es ihre eigene. Und deren Kinder hat sie gleichsam als Enkel adoptiert. Johannes, einer der drei, hat sich anfangs mit ihrer Hilfe um „die Briefe“ gekümmert. Er saß bei Erika bei einer Tasse Kaffee und hat geschrieben, was sie ihm vorlas. Das ging langsam vor sich, weil Erika oft nicht weiter konnte, übermannt von Erinnerungen und aufsteigenden uralten Gefühlen. Erika und ihre Geschwister – das waren Kriegskinder. Traumatisiert, voller Angst um den Vater, viel zu früh „erwachsen“ geworden. Sabine Bode hat umfänglich über Kriegskinder publiziert. Ich hab Annemaries und Erichs Kinder alle noch kennengelernt, da waren sie schon hochbetagt.
Johannes hat zunächst geholfen, meine Frau, Enkelin von Annemarie und Erich, hat ebenfalls stundenlang mit Erika gesessen und „die Briefe“ vorgelesen bekommen und hat sie dann aufgeschrieben. Schließlich hab ich mich beteiligt und sowohl Annemaries als auch die sehr schwer lesbaren Erich-Briefe Zeile für Zeile, manchmal sehr langsam Wort für Wort, Buchstaben um Buchstaben in lesbare Schrift gebracht. Wenn wir gar nicht mehr weiterkamen, holten wir uns Hilfe bei der Sütterlin-Schreibstube der AWO in Konstanz. Dazu mussten die Briefe gescannt werden – viel Handarbeit.
Wir mussten die Briefe zunächst nach Datum sortieren. Sie waren zwar wohlverwahrt, mussten aber sortiert und handhabbar gemacht werden. Jeder einzelne kam deshalb in eine Dokumentenfolie, weil absehbar war, daß wir die Dokumente nun sehr oft in die Hand nehmen mussten, aber nicht beschädigen wollten. Vier dicke Aktenordner standen nun im Regal und harrten ihrer Dechiffrierung.
Wie schwierig manche Originale zu handhaben waren, kann man hier sehen:
Von der Mühsal, schwer lesbare Schrift zu dechiffrieren
Jeder Brief lag schließlich als einzelne Datei vor. Viele mussten vorher gescannt werden, damit man sie in der Vergrößerung am Computer überhaupt erst lesbar bekam. Diese einzelnen Dateien waren nun zu einem Dokument zusammenzuführen. Wenn irgend möglich, ohne Datenverlust …. Selbstverständlich war die Sicherung der geschriebenen Dateien zentrales Thema und mit großer Sorgfalt zu bedenken.
Dann kam ein kleines schmales Fotoalbum im Nachlass von Erika dazu. Ich werde über die Arbeit mit diesen Fotos noch einen eigenen Beitrag schreiben. Soldat Erich Immelmann hat sie selbst aufgenommen. Diese Fotos waren zu scannen, zu bearbeiten und dann vor allem zu recherchieren. Was ist überhaupt auf den Bildern zu sehen? Ein paar wenige dürre Hinweise gab das Album selber her: mit Kreidestift geschriebene Ortsnamen zumeist. Dann ging aber die eigentliche Recherche erst los. Jedes Details von jedem Foto habe ich mir sehr präzise in der Vergrößerung angeschaut, jeder noch so versteckte Hinweis konnte helfen, zu verstehen, was überhaupt zu sehen war. Wenn ich Datum und Ort hatte, kam ich weiter. Was gefunden wurde, landete im Text in der Fußnote zum Foto.
Auf diese Weise fingen nach und nach auch die Bilder an zu sprechen.
Die ganze Arbeit war zu ergänzen durch Fachliteratur. Orts- und Personennamen waren zu prüfen. Zusammenhänge aufzuklären, Hintergründe zu erhellen. Spezialliteratur über die Panzerschlacht von Kursk beispielsweise oder über den Partisanenkrieg in Italien kurz vor Ende des Krieges, Erkenntnisse über das Kriegsgefangenenlager in Rimini oder die Orte in der heutigen Ukraine, die in den Briefen Erwähnung fanden – all das war zunächst zu ermitteln und dann, möglichst kurz, in den Fußnoten so zu vermerken, dass die Lektüre der Briefe weiter vervollständigt und die Zusammenhänge verstehbar wurden.
Wir erfahren in den Briefen sehr viel über den „ganz normalen Kriegsalltag“, sowohl in Groß Schwechten im Pfarrhaus in der Altmark, als auch von der Front, wenn Erich von seinen „Einsätzen“ schrieb. Vieles findet sich nur in Andeutungen, manches ist chiffriert – Feldpost wurde kontrolliert, man konnte nicht alles offen schreiben.
Neben den Briefen kommunizierten die Eheleute auch bei persönlichen Treffen – mehrere Urlaube sind dokumentiert -, sie kommunizierten über Kameraden, die auf Besuch „vorbei“kamen und frische Nachrichten brachten, es gab zusätzlich wenigen Telefon- und Telegrammkontakt.
Interessant ist für den Historiker, was in den Briefen steht – und was darin nicht enthalten ist. Interessant ist, wie Großereignisse – z.B. das Attentat auf Hitler, oder die Schlacht um Stalingrad – in den Briefen Widerhall finden. Interessant ist, was die Eheleute unter „Krieg“ verstanden, und wie der Krieg sie über all die Jahre veränderte. Interessant ist auch, wie sich die Wahrnehmung des Krieges im Laufe der Jahre veränderte. Was anfangs „schneller Erfolg“ und „Hoffnung auf ein baldiges Ende des Einsatzes“ war, wurde schon bald zur Sorge, die Kinder ausreichend ernähren zu können. Spätestens nach Stalingrad hatte sich die Wahrnehmung des Krieges völlig verändert und als dann auch die Bomber der Alliierten über Deutschland flogen – auch über die Dörfer der Altmark -, da hatte „Krieg“ plötzlich eine völlig andere Wahrnahme als zu Beginn des Krieges, als er von der Zivilbevölkerung in Deutschland „weit weg“ war.
Nun liegen diese über lange Jahre sorgsam gehüteten Dokumente der Öffentlichkeit vor. Sie sind – und das ist zentral wichtig – keine rückblickende Lebenserinnerung, die ja oftmals geschönt, gefärbt und verändert ist. Was nun vorliegt, das sind historische Dokumente. Sie sind aus dem Moment geschrieben, vom Augenblick beeinflusst. Ungeschönt, ungeschminkt, dokumentarisch. Eben das macht sie so wertvoll.
Die nun vorliegenden Kriegsbriefe mögen allen historisch Interessierten interessanten Lernstoff an die Hand geben und sie ermutigen, doch einmal selbst jenen „alten Koffer auf dem Dachboden“ genauer anzuschauen, den man sich immer schon mal anschauen wollte.
Ohne Johannes R. Becher stünde die Schifferkirche in Ahrenshoop wohl nicht.
Wie aber kam der spätere Kulturminister Walter Ulbrichts, der Präsident des Kulturbundes der DDR, Johannes R. Becher (22.5.1891 – 11.10.1958) dazu, mitten im Kalten Krieg, der ja auch ein Kampf der atheistischen Regierung der DDR gegen die Kirche war, in den Jahren 1949-1951 (Einweihung der Kirche 1951) den Neubau einer Kirche im nördlichen Grenzgebiet der DDR zu unterstützen?
Ich nehme die Spur bei Hardt-Walther Hämer auf, dem Architekten der kleinen Kirche. Der schreibt in seinem „Bautagebuch“ mit Datum 15.11.1950 (nach einer Reihe sehr komplizierter Bauverzögerungen): „AN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN, Institut für Bauwesen, Abteilung Siedlungswesen in Berlin geschrieben und gleich mit Plänen und Modellfotos hingegangen. Wollte zu Direktor Scharoun. Auf dem Wege dahin, im großen Dachboden, kommt Hermann Henselmann auf mich zu und fragt mich aus, guckt auf die Fotos und winkt mich in sein Büro (an den Wänden hängen und auf den Tischen liegen die Pläne zur Stalinallee in neuer Fassung). Anruf bei Johannes R. Becher, dem Vorsitzenden des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands. Henselmann befürwortet den Kirchenbau – das passt genau nach Ahrenshoop – und zu mir, ich soll die Kirche bauen, aber dann gäbe es Wichtiges in Berlin zu tun.“
Am 21. 11. 1950 notiert Hämer: „Schreiben Kulturbund Berlin … „Wir wären Ihnen jedenfalls sehr dankbar, wenn Sie uns zu gegebener Zeit davon verständigen würden, wenn der Kapellenbau abgeschlossen ist“.
Wir wissen nun: Hermann Henselmann (3.2.1905 – 19.1.1995), späterer Chefarchitekt bei Walter Ulbricht (Fernsehturm, Stalin-Allee, Uniturm Jena etc. ), der den Architekten Hämer Senior vom Bauhaus her kannte, hat sich bei Becher für Hämer jun. eingesetzt. Offenbar mit Erfolg.
Wie aber wird erklärlich, daß Becher die Sache unterstützte in einer Zeit, in der alles andere wahrscheinlicher war als ein Kirchenneubau?
Ich habe mich deshalb an Jens Dwars gewandt. Der Jenenser hat zwei Becher-Biografien geschrieben. Es gibt auch einen Dokumentarfilm von ihm über J.R. Becher. Ich wollte zwei Fragen klären:
hat er schriftliches Material über die Affäre Bechers mit Doris Oberländer-Seeberg, der Innenarchitektin der Kirche?
was weiß Dwars über die Religiosität von J.R. Becher?
Herr Dwars schrieb zu meiner ersten Frage: „Die Liebesaffären oder Amouren Bechers waren so zahlreich, daß ich nur wenigen nachging, die Spuren im Werk hinterlassen haben. …. Es wäre ja ein leichtes, Becher als Lustmolch zu entlarven, zumal noch als stalinistischen … Die wohlfeile Moralkeule zu schwingen und dabei die Sensationsgier der Leute anzustacheln. Mit diesem Rezept hätten meine beiden Becher-Biografien die Chance gehabt, Bestseller für eine Saison zu sein. Mir war aber bei meiner Langfassung der Gang durch die Epoche wichtiger. … Das nur zur Erklärung, warum ich den „Frauengeschichten“ im einzelnen nicht nachging. … Einen Briefwechsel zwischen Becher und Doris Oberländer-Seeberg kenne ich nicht. …. Allerdings hat JRG solche Briefe kaum aufbewahrt, und wenn, so dürfte seine Witwe sie eher vernichtet haben.“
Allerdings hat Becher wegen dieser Geschichte „sein“ Ahrenshoop, das er unter Denkmalschutz stellen ließ und zu einer „Künstlerkolonie ausbauen“ wollte, „fluchtartig“ verlassen, wohl auch auf Druck der Partei, worauf Prof. Markschies in einem Facebook-Beitrag über Ahrenshoop und seinen alten Friedhof hingewiesen hat.
Dwars schrieb mir zur Fertigstellung der Kirche 1951: „Leider kam JRB wohl nicht mehr in die Versuchung dies alles in toto wahrzunehmen. Der Kalte Krieg und dessen Spiegelung in den innerparteilichen Kämpfen nahmen ihn gefangen. Auch deshalb muß er Ahrenshoop aufgeben, zieht er sich nach Bad Saarow zurück, in einen Bungalow am See, der von Berlin aus schneller zu erreichen ist. Dorthin nimmt er John mit, seinen Sohn, der 1938 aus Brünn mit Bechers zweiter Frau nach England geflohen ist. …. Was Vater und Sohn miteinander im Saarower Abseits besprachen, ist so wenig überliefert wie die Ahrenshooper und andere vertraute Gespräche.“
Und was ist mit Bechers Religiosität?
Dazu schrieb mir Herr Dwars: „Becher war religiös im ursprünglichsten und problematischsten Sinne: auf der Suche nach Glauben, süchtig nach Glauben …. pathetisch: die Seins-Verlorenheit des vereinzelten Einzelnen, der nach etwas „Höherem“ verlangt, wofür er sich aufopfern, was ihm Sinn verleihen kann. Sein Lieblingszitat aus Hölderlins „Diotima“: „….gäb es eine Fahne, Götter! …, ein Thermopylae, wo ich mit Ehren sie verbluten könnte, all die einsame Liebe, die mir nimmer brauchbar ist!“ Nach einer solchen „Fahne“ sucht er, mit einem halb verdauten Nietzsche im Magen, sein Leben lang. Mit 19 begeht er mit einer Frau, die aus dem Leben gehen will, einen Doppelselbstmordversuch, den er nach vierstündiger OP mit Glück überlebt. 1916 tritt er der USPD bei, 1919 der KPD, schreibt Gedichte unter dem Titel „Zion“ …. Er will Sprecher, Sänger eines Allverbindenden sein. So schreibt er 1919 auf Hiddensee mit expressionistischer Inbrunst das Festspiel „Arbeiter Bauern Soldaten. Der Aufbruch eines Volks zu Gott“, 1920 erscheinen seine Hymnen „Um Gott“ …. Auch die DDR-Staatshymne kündet von dieser Religiosität: „Auferstanden aus Ruinen….“ das meint mehr als bloßen Wiederaufbau. Wie er selbst als Dichter aus seinem Selbstmordversuch wiederauferstehen wollte, so sollte Deutschland wie Phönix aus seiner Selbstverbrennung auferstehen … Ein „deutsches“ Denk-Motiv, das sich auch bei Kleist findet, dessen Selbstmord er nachahmt und den Becher in seiner Debüt-Hymne beschwört: die Gegensätze sollen ineinander umschlagen, durch die Hölle führt der Weg ins Paradies – heißt es in Kleists Marionetten-Aufsatz. Und genau diese Spekulation kehrt in Thomas Manns „Doktor Faustus“ wieder. Mann wiederum sah dies bedenklich Religiöse an Becher, über den er zum 60. Geburtstag schrieb: „Als sein Wesen empfand ich eine Selbstlosigkeit, rein wie die Flamme, und verzehrend wie sie; eine bis zum Leiden inbrünstige Dienstwilligkeit, die sein Dichten und Schreiben ganz und gar durchdringt, ein Gemeinschaftsethos das ihn seelisch zum Kommunisten prädisponiert….“ Daher auch Bechers Gründung eines Kulturbundes – was die Sowjetoffiziere mit Skepsis sahen, denn es erinnerte sie an den jüdischen Bund, Bund heiße im Russischen „Zusammenrottung“ … Und natürlich klingt der Bund Jahwes dabei mit, einer der engsten Freunde des Expressionisten JRB war Ludwig Meidner, mit dem er nächtelang über diesen Bund des „auserwählten Volkes“ mit Gott sprach …. Das expressiv Feuerige, nahe am Fanatischen, hatte der Politiker JRB nach 45 abgelegt, Stalin und Hitler hatten es ihm ausgetrieben, aber es schwang noch mit in seinem durchaus klugen und ernst gemeinten Bemühen, ein breites Bündnis für den Aufbau eines anderen Deutschlands zu ermöglichen. Grundmotiv all seiner Kulturbund-Reden von 1945 bis 1948 war die „Freiheit des Andersdenkenden“, genau im Sinne Rosa Luxemburgs gegen Lenin. Weshalb er 1946 aus dem Parteivorstand der SED ausgeschlossen wurde, weil er bei den Berlin-Wahlen für die SPD sprach ….“
Soweit aus dem Antwortschreiben von Jens Dwars auf meine Frage, was er über die Religiosität J.R. Bechers zu sagen wisse.
Nun lichtet sich der Nebel etwas und wir können klarer sehen, weshalb der Präsident des Kulturbundes der sich als atheistisch verstehenden DDR in „seinem Ahrenshoop“, in dem er den ersten und letzten gesamtdeutschen Schriftstellerkongreß vorbereitet hatte, mitten im Kalten Krieg, aber eben ganz im Sinne des „Kultur-Bundes“ aller Wohlmeinenden, also unter Herbeiziehung auch der „Kirchenleute“, sicher auch verstärkt durch die persönliche Beziehung zur Pfarrerstochter Doris Oberländer-Seeberg, die später die Inneneinrichtung der Kirche übernahm, den Bau des kleinen Kirchleins unterstützte. Das zunächst Überraschende wird nun verstehbar.
Ohne Johannes R. Becher jedenfalls, den Kulturminister Ulbrichts und Präsidenten des Kulturbundes der DDR, stünde die kleine Kirche in Ahrenshoop nicht.
„Siehst Du die Schrift dort an der Wand?“ fragt Daniel den König Belsazar von Babylon. Eine berühmte Frage aus dem Alten Testament, die den Königen dieser Welt immer wieder gestellt wurde.
„Verstehst Du auch, was sie bedeutet?“ können wir ergänzen.
Wenn man die Schifferkirche in Ahrenshoop durch die schmale Pforte an der Westseite betritt, wird man mit der goldenen Schrift an der Wand des Altars konfrontiert. (Ich habe das Foto von Klaus Czerwinski etwas bearbeitet, damit man die Schrift besser lesen kann):
„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich“ steht da geschrieben. Ein Zitat aus dem Johannes-Evangelium (Johannes 14, Vers 6), dem jüngsten der überlieferten vier Evangelien, die in der Bibel stehen, entstanden etwa zwischen 85 und 100 nach Christus. Wir wollen versuchen, uns diesem alten Zitat zu nähern.
Bei einem ausführlichen Telefonat mit Herrn Architekten Bernd Reimers, der die baulichen Angelegenheiten der Schifferkirche in Ahrenshoop über lange Jahre sehr sachkundig begleitet hat und sehr vertraut ist mit ihren Details erfuhr ich, daß es beim Bau des Kirchleins Streit gegeben hätte um diese Inschrift. Eigentlich sollte nach dem Willen von Frau Oberländer der Vers aufgebracht werden, der jetzt auf dem Grabstein von Frau Doris Oberländer-Seeberg steht, die ja wesentlich an der Innenausstattung der Kirche beteiligt war und die auch eigens eine Schriftform für die Altar-Inschrift entwickelt hat. Der dokumentierte Streit ging jedoch anders aus, denn Pastor Dr. Wilhelm Pleß aus Prerow setzte sich durch. Er wollte jenes Zitat aus dem Johannes-Evangelium an der Altarwand direkt gegenüber vom Eingang des Kirchleins geschrieben sehen. Warum sollte es gerade dieser Vers sein?
Dr. Wilhelm Pleß (geboren 1895, Pastor in Prerow von 1931-1961) hatte nach seinem Theologiestudium über das Johannes-Evangelium promoviert. Er war sehr vertraut mit dieser biblischen Schrift. Aber: Dr. Wilhelm Pleß war auch ein, sagen wir es vorsichtig, überaus konservativer Mensch, der ab 1933 den „Deutschen Christen“ nahestand, jenen Kirchenleuten also, deren extremste Vertreter der Ansicht waren, in der Gestalt Adolf Hitlers sei Christus wiedergekehrt. Von Frau Pleß berichtete man später, sie sei treue NSDAP-Wählerin gewesen. Wenn man den „Darßer Boten“ liest, der im Pfarrarchiv in Prerow aufbewahrt wird, jenes Gemeindeblatt, in dem Dr. Pleß die Gemeinde über sie interessierende Angelegenheiten informierte, kann man schnell erkennen, wie „D.C.freundlich“ er war. Er hoffte zu Beginn der Hitler-Diktatur (wie viele andere Pastoren) auf eine neue Zuwendung zur Kirche, es waren ja jene Jahre, in denen es zu Masseneintritten in die Kirche kam, Jahre, in denen es auch zu Massenhochzeiten von Soldaten in der Kirche kam, es gibt zahlreiche Fotos davon. „Es gab kaum einen kirchlichen Feiertag, an dem nicht die Verbände mit ihren Fahnen in der Kirche waren“ erinnert sich Dr. Pleß. Auch Pleß hoffte damals, unmittelbar nach dem „Tag von Potsdam“, der neue Staat würde zu einer neuen Kirchlichkeit führen. Pleß hatte sich gewaltig getäuscht. Wenn man seine „Memorabilia“ liest, seine Erinnerungen an die Zeit im Prerower Pfarramt, dann sieht man, wie schon bald er enttäuscht war von den Nationalsozialisten, die ihm zunehmend Probleme bereiteten und seine Gottesdienste durch HJ-Aufmärsche genau zur Gottesdienstzeit direkt vor der Kirche störten.
Dieser Pastor Dr. Wilhelm Pleß (er hatte auch schon den Neubau der Kirche in Born begleitet und 1934 dort den Grundstein gelegt und 1935 das Kirchlein eingeweiht. Im „Darßer Boten“ war anlässlich dieses Ereignisses zu lesen: „Die Verbände waren angetreten“ ….), dieser Pastor Dr. Wilhelm Pleß also kam nach dem Kriege, nach dem fatalen Ende des Hitlerfaschismus, nachdem all die Verbrechen des Nationalsozialismus an die Öffentlichkeit kamen – im Jahre 1949 in Kontakt mit dem jungen Architekturstudenten Hardt-Waltherr Hämer, der nun in Ahrenshoop ein Kirchlein errichten wollte. Die Zeiten hatten sich geändert, Hitler war tot, führende Nationalsozialisten hatten vor Gericht gestanden oder sich das Leben genommen; die ehemaligen Verbündeten standen nun im zunehmend kälter werdenden Kalten Krieg gegeneinander, Deutschland wurde geteilt, im Osten regierte ein klar antikirchliches Regime unter Walter Ulbricht. Wieder war da eine politisches System angetreten, das den Menschen das Heil der Welt versprach. Da machte Pastor Pleß nach all seinen Erfahrungen nicht mehr mit.
Er bestand darauf, eben jenes Zitat aus dem Johannes-Evangelium an die Altarwand zu bringen, das ihm offensichtlich ganz besonders wichtig war. Die Botschaft des Pastors: keine Staats-Doktrin, kein „nationaler Sozialismus“, auch kein Sozialismus Moskauer Prägung bringt die Erlösung für die Welt, Christus allein. „Niemand kommt zum Vater denn durch mich“ sagt der Nazarener. Das ist eine glasklare Abgrenzung gegen alle Ideologien. So sollte es geschrieben werden an die Wand hinter dem Altar in Ahrenshoop. So, daß man die Schrift sofort lesen konnte, wenn man die Kirche betrat. Wir haben gesehen: Der Vers ist ein Zitat aus dem Johannes-Evangelium. Aber: es ist noch mehr: denn es ist die These 1 der Barmer Theologischen Erklärung von 1934.
Das nun ist im Zusammenhang der Jahre 1949/1951 sehr interessant. Denn die Barmer Theologische Erklärung von 1934, wesentlich verfasst von Prof. Karl Barth, unterstützt von Dietrich Bonhoeffer und anderen, war die Kampfansage der „Bekennenden Kirche“ gegen die „Deutschen Christen“, gegen die Staats-Ideologie der Nazi-Zeit. Und genau daran erinnert sich nun der alt gewordene Pastor in Prerow. Was wir hier an der Inschrift am Altar sehen können, ist eine Art Testament eines Pastors, der sich geirrt hatte. Wir sehen seine gewandelte Weltsicht. Wir sehen einen Pastor, der gegen Ende seiner langen Amtszeit zur Klarheit der biblischen Botschaft zurückgekehrt ist. Wir können an diesem Denk-Mal sehen, wie sich die Denkweise von Dr. Pleß verändert hat. Er träumt nicht mehr von der „nationalen Erweckung“, wie Anfang der Dreißiger Jahre, er weiß ja nun, wohin diese Verirrung geführt hat. Jetzt kehrt er zurück zum Thema seiner Doktorarbeit und er zitiert nun mit dem Vers aus dem Johannes-Evangelium die These 1 der Barmer Theologischen Erklärung. Dort heißt es: „Jesus Christus spricht: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. (Joh. 14,6) Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht zur Tür hineingeht in den Schafstall sondern steigt anderswo hinein, der ist ein Dieb und Räuber. Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden. (Joh 10,1.9) Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“
Die Barmer Theologische Erklärung wandte sich gegen die theologischen Verirrungen der „Deutschen Christen“ während der Hitler-Diktatur. Sie ist eines der wenigen schriftlichen Zeugnisse des kirchlichen Widerstandes im Dritten Reich. Sie gehört zu den auch heute geltenden Bekenntnisschriften der evangelischen Christenheit, denn sie widerspricht allen Ideologien, die den Menschen Heil versprechen – ein Versprechen, das Menschen nicht erfüllen können.
Diese Abgrenzung gegen alle Ideologien steht nun seit 1951 mit ihrem ersten Hauptsatz geschrieben an der Altarwand des kleinen Kirchleins von Ahrenshoop. Was für ein Denk-Mal!
Seit meinem Staatsexamen zum Thema „Folgen der Einführung des Arierparagraphen in das deutsche Beamtenrecht“ an der Universität Jena Anfang der 80iger Jahre des vorigen Jahrhunderts befasse ich mich intensiv mit Studien zur NS-Zeit. Auch bin ich seit langen Jahren Mitglied bei „Gegen Vergessen für Demokratie e.V.“, einem deutschlandweiten Netzwerk von Historikern und historisch Interessierten, die sich insbesondere mit der NS-Zeit auseinandersetzen. Vorsitzender ist derzeit der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Herr Prof. Dr. Dr. hc. mult. Andreas Voßkuhle.
Aus diesem Interesse seit meinen Studienzeiten sind inzwischen etliche Bücher erwachsen. Mich interessieren bei meinen Recherchen besonders die kleineren Ortschaften, weil die Verhältnisse in Großstädten inzwischen recht gut untersucht worden sind. Was fehlt, sind Studien zu den Verhältnissen in kleinen Städten und Dörfern während der NS-Zeit.
Immer beginne ich vor Ort. So war es in #Hetzdorf in der #Uckermark bei der Recherche nach der im Dorf geborenen jüdischen Familie Jacoby – daraus entstand 2015 „Theas Stein“, das mittlerweile gar als Schulbuch in süddeutschen Schulklassen eingesetzt wird und aus dem inzwischen auch ein Theaterstück an den Uckermärkischen Bühnen in Schwedt geworden ist.
Aus meinen Recherchen zur Geschichte des Darß zwischen 1933 und 45 entstand die Studie „Der Darß zwischen 1933 und 1945“ im Jahre 2019;
sehr aufwändig und zeitraubend waren die Recherchen zum Generalmajor der SS Franz Mueller-Darss, weil ich dazu sowohl die Personalakten der SS im Bundesarchiv, als auch die Entnazifizierungsakten in den Landeshauptarchiven Potsdam und Hamburg einsehen mußte. Schließlich waren die Personalaktenbestände im Archiv des Bundesnachrichtendienstes auszuwerten, weil Mueller-Darss nach dem Krieg zunächst bei der „Organisation Gehlen“, dann beim BND angeheuert war, allein diese Dokumentenauswertung hat etwa ein Jahr gedauert. Aus all den gut dokumentierten Recherchen wurde dann im Jahr 2022 die Studie „Franz Mueller-Darss. SS-Generalmajor. Eine Recherche„, die inzwischen sehr viel nachgefragt wird.
Meine regionalgeschichtlichen Arbeiten habe ich fortgesetzt mit zwei Studien über Personen in #Prerow: 2024 eine Arbeit über Dr. Hans Beu, der noch im fortgeschrittenen Alter in die NSDAP eingetreten war – um einen jüdischen Jungen zu schützen, für den inzwischen in Stralsund ein Stolperstein verlegt wurde.
Die vorläufig letzte Arbeit habe ich im Jahre 2025 über Albert Schaefer-Ast vorgelegt, der in Prerow ab 1943 ein Häuschen besaß und von dem die Rede ging, er hätte während der NS-Zeit Ausstellungsverbot gehabt, sei aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen worden und man habe seine Arbeiten zur „entarteten Kunst“ gerechnet. Ich konnte anhand von Dokumenten nachweisen, daß diese Behauptungen, die anfangs reine Selbstbehauptung war, die später immer wieder abgeschrieben wurden – nicht zutreffen.
Bei allen diesen Arbeiten gab es kräftige öffentliche Resonanz, überwiegend positiv. Bei Familie Jacoby in Hetzdorf in der Uckermark hat meine Arbeit dazu geführt, daß es nun in der Kirche des Dorfes eine Gedenktafel für die jüdische Familie Jacoby gibt, vor der eine Kerze steht, die nicht nur am Gedenktag für die Novemberpogrome entzündet wird. Diese Geschichte hat im Dorf dazu geführt, daß nun nicht mehr hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird über jene Zeit, sondern ganz offen und selbstverständlich. Die jüdische Familie gehört nun wieder zur Dorfgemeinschaft dazu – jedenfalls in der positiven Erinnerung. Hier ist etwas entstanden, das man als „gelungene Erinnerungskultur“ bezeichnen kann.
Anders ist es bislang noch in Born auf dem Darss. Da scheut man sich, am „Borner Hof“ und am Forsthaus eine kleine Gedenktafel anzubringen. Als Argument wird vorgetragen, soetwas störe den Tourismus. Das ist sehr schade, denn man kann an Orten wie beispielsweise Weimar sehen, daß ein Besuch im KZ Buchenwald sehr wohl Bestandteil eines Tourismus-Konzeptes sein kann. Und für den Weimar-Besucher gehört ein Besuch in Buchenwald beinahe selbstverständlich dazu. So könnte es in #Born auch sein. Dort war der „Borner Hof“ gegen Ende des Krieges ein kleines KZ-Außenlager. Untergebracht waren russische Kriegsgefangene mitten im Dorf und bei Mueller-Darss (der sehr genau auf das „ue“ in seinem Namen und auf das „ss“ am Ende von Darss achtete, letzteres hatte er sich von Heinrich Himmler persönlich gestatten lassen) im Forsthaus arbeiteten KZ-Häftlingsfrauen aus Ravensbrück, Meta Zils zum Beispiel. All das habe ich umfänglich anhand von Dokumenten belegt.
Nun hat es erneut öffentliche Aufregung um Mueller-Darss gegeben, die sogar die Ostsee-Zeitung erreicht hat, die Sache ist öffentlich, weshalb ich mich nun auch öffentlich darauf beziehe. Es ging bei der Aufregung um einen Forstweg, der durch den schönen Darßwald zum Weststrand führt und von dem ein Prof. Fuchs aus Göttingen annimmt, dieser „Müller-Weg“ bezöge sich auf eben jenen SS-Generalmajor Mueller-Darss, von dem in meinem Buch die Rede ist, er hätte diesen Hinweis in meinem Buch über Mueller gelesen. Da hat sich Prof. Fuchs allerdings geirrt. Ich habe an keiner Stelle behauptet, daß der „Müller-Weg“ etwas mit „Mueller-Darss“ zu tun hat. Darum geht es aber eigentlich im Kern nicht. Die öffentliche Aufregung hat nach meiner Wahrnehmung einen anderen Grund.
Kern scheint mir zu sein, daß es im Ort und im Gemeinderat von Born nicht klar ist, ob man sich nun offen mit der Ortsgeschichte auseinandersetzen, sie dokumentieren und öffentlich zugänglich machen möchte oder ob man das nicht möchte. Das müssen die Bornerinnen und Borner entscheiden und dafür gibt es den gewählten Gemeinderat.
Aber natürlich sind auch Gäste auf dem Darss an diesen Themen interessiert, es kann auch gar nicht anders sein, denn an anderen Orten in Deutschland ist es ja auch so, daß sich Gäste für die Ortsgeschichte ihres Urlaubsortes interessieren.
Aus meiner Sicht wäre es sehr gut, wenn man sich auch in Born zu einer kleinen Gedenktafel am „Borner Hof“ und einer am Forsthaus verstehen könnte. Denn unter der Ägide von Franz Mueller-Darss wurden während der NS-Zeit nicht nur die KZ-Hunde zur Bewachung der KZs ausgebildet (die SS nannte ihn deshalb den „Hunde-Müller“), sondern im Ort haben russische Kriegsgefangene und Häftlinge aus Neuengamme und Ravensbrück bei ihren Diensten auf Muellers Hof und beim winterlichen Schilfschneiden gelitten und einige sind auch dort gestorben.
Ich finde, diese Menschen haben wenigstens eine kleine Gedenktafel am Ort ihres Leidens verdient, so, wie es an anderen Orten in Deutschland ja auch längst üblich geworden ist.
Ulrich Paulsen hatte gerufen und alle waren sie gekommen.
Der Ministerpräsident, die Sozialministerin, der Landrat, der Oberbürgermeister, der MDR, die Zeitung, die Sparkasse, die Regionalbischöfin, der Superintendent und viele viele Stendaler. Oben in der Bergstraße, die zu Ost-Zeiten auch mal Wilhelm-Pieck-Straße hieß, an der Ecke zur Mannstraße steht nun der Neubau vom Hospiz Stendal.
Meine Frau und ich waren extra aus Berlin angereist, weil wir im Vorgängerhaus des schönen Neubaus unsere Kindheit bzw. Schulzeit verbracht haben. Stendal ist uns vertraut und uns hat natürlich interessiert, wie es nach dem Abriss des alten Gemeindehauses, in dem wir gelebt haben, weitergehen würde.
Nun wissen wir es, denn der Neubau für das Hospiz in Stendal wurde gestern, am 15.8.2024 offiziell eröffnet, MDR und Volksstimme werden sicher darüber berichten. Es ist schön geworden, es ist gut geworden und eines gefällt mir besonders: dieses Projekt wurde und wird von mehr als 120 Haupt- und vor allem Ehrenamtlichen in der ganzen Altmark getragen, deshalb zeigt das Titelfoto für diesen kleinen Beitrag auch einen Teil der Ehrenamtlichen, die sich sowohl mobil (also bei den kranken Menschen zu Hause) als auch stationär (also z.B. im Neubau in der Bergstraße in Stendal) in der gesamten Altmark um die sterbenskranken Menschen kümmern.
Viele Reden wurden gehalten, viel wurde geklatscht. Wir haben gesungen miteinander, Auszeichnungen wurden verliehen. All so etwas gehört zur Routine einer Bau-Eröffnung.
Wenn man jedoch den Applaus des Publikums einmal zum Maßstab für öffentliche Anerkennung nimmt, dann hatten die Ehrenamtlichen ganz klar den Hauptgewinn des gestrigen Tages.
Das Haus ist gut geworden. Für 10 Gäste ist sehr guter Platz. Die Zimmer sind hell und geräumig, die BetreuerInnen haben guten Raum für ihre Arbeit. Die größeren Gemeinschaftsräume sind durch verschiebbare Wände vielfach nutzbar. Ein sehr guter Ort. Und wenn die Außenanlagen im Herbst, wenn wieder gepflanzt werden kann, angelegt werden, dann wird die Sache „rund“. Hier kann man am Ende des Lebens wirklich „ankommen“. Hier kann man Heimat finden. Ein guter Ort, um in Würde den Lebensweg zu beenden. Hier ist man in wirklich guten Händen. Die MitarbeiterInnen sind bestens ausgebildet, sie werden ständig weitergebildet, hier arbeiten Profis, man merkt es sofort, wenn man mit ihnen spricht.
In nur anderthalb Jahren wurde der Neubau realisiert, die Baugeschichte ist auf der Homepage vom Hospiz Stendal erzählt. Ca. 5 Millionen Euro hat die Sache gekostet, etliches davon kam aus öffentlichen Geldern, aber auch sehr sehr viel aus Eigenmitteln der Diakonie und vor allem aus Spenden. Das Projekt ist fast ausfinanziert, es fehlen noch ca. 30.000 Euro, wie mir Pastor Ulrich Paulsen gestern anvertraute.
Deshalb schicke ich hier nochmals die Kontoverbindung, für alle die Menschen, die das Hospiz in Stendal unterstützen möchten:
Von Nick und Tim war im letzten Beitrag die Rede. Nun gehen wir ihrer Großmutter nach, „Steffie“, wie sie ihre Zeichnungen beim Berliner Ullstein-Verlag ab 1922 kennzeichnete. Steffie Nathan, verheiratete Schaefer, geschieden im April 1939, wenige Tage vor der Ausreise (22. Mai) ihrer Tochter Susanne mit einem Kindertransport von Berlin nach Ayr in Schottland. Steffie folgte der Tochter im Juli. Das war nur mit dem Visum für eine „Hausangestellte“ möglich. Britische Familien suchten solche Angestellten. Es war der einzige Weg, der Steffie noch blieb. Die Lage der Juden in Deutschland und Österreich war verzweifelt. Es war so gut wie unmöglich geworden, überhaupt ein Visum zu bekommen.
Sie, die als Einzelkind in einer sehr vermögenden Bankiersfamilie in Berlin aufgewachsen war; sie, die im renommierten Ullstein-Verlag, Europas größtem Verlagshaus in jenen Jahren, sogar Titelseiten von „UHU“ und von der führenden Illustrierten „Die Dame“ zeichnete – diese in vornehmen Zirkeln beheimatete Bohéme, die in Berliner Künstlerkreisen verkehrte und selbst ein Kindermädchen und eine Hausangestellte hatte – diese Frau musste nun als „House Wife“ nach London.
Sie hat an vielen verschiedenen Stellen Arbeit gesucht. Ihre Versuche, wieder als Grafikerin zu arbeiten, scheiterten. Die Einreisebestimmungen verboten es ihr, in „regulären Berufen“ zu arbeiten. England befürchtete, daß „die Einwanderer“ „uns Briten die Arbeitsplätze wegnehmen“, das war offiziell in jenen Jahren.
Ich bin ihren Orten in London nachgegangen.
Steffie hat zum Beispiel in „The Goring Hotel“ gearbeitet. „The Goring“ ist ein Fünf-Sterne-Hotel (wie das „Adlon“ in Berlin) und gehört zu den 5 besten Fünf-Sterne-Hotels weltweit, wie eine Tafel aus dem Jahr 2025 stolz verkündet:
Man kann dort heutzutage für 900 britische Pfund pro Nacht übernachten, wenn man will und kann. Meine Frau und ich haben uns das alte Familienhotel – gegründet 1910 von Herrn Goring Senior, der mit einem Kohlehandel in Dresden vermögend geworden war – von innen besehen und „eine Tasse Tee“ für 18 Pfund getrunken, das war uns die Sache wert. In einem Nebenflur kann man die Geschichte des Hauses nachlesen. Ich habe mich immer gefragt, wie Steffie eigentlich ins Goring kam: Nun, ihre Mutter Hedwig kommt aus Dresden und Mister Goring senior ebenfalls. Man kann kann davon ausgehen, daß sich die wohlhabende Kaufmanns-Familie Markiewicz und die wohlhabende Familie Goring kannten. Vielleicht hat Herr Goring ja zur Erweiterung seines Geschäfts sogar mal einen Kredit vom Kaufmann Markiewicz bekommen, wer weiß. Die Spur jedenfalls führt nach Dresden und es ist vorstellbar, daß Mutter Hedwig über ihre „alten Kontakte“ in Dresden nach Arbeitsmöglichkeiten für ihre Tochter in London geforscht hat.
Ich wollte „Witterung aufnehmen“, ich wollte mir vorstellen, wie es Steffie irgendwann zwischen 1939 und 1944 in „The Goring“ ergangen sein mag.
Kann ich mir Ullsteins Vorzeige-Grafikerin im Kreise der Angestellten des „Goring“ vorstellen? Alte Firmen-Aufnahmen, die im Foyer des Hotels ausgestellt sind, müssen helfen:
Wo ist Steffie? Vielleicht versteckt sie sich ja in der freundlichen Bedienung, die uns den Tee bringt und uns von dem langjährigen Kollegen erzählt, der die Geschichte der Firma Goring erforscht hat und dem die alten Firmen-Bilder im Foyer zu verdanken sind?
Es ist sehr angenehm im „Goring“. Man ist sehr freundlich, sehr dezent, man lärmt nicht. Die edlen Teppiche sorgen dafür, daß man im Hause „leise auftritt“. Gegenüber, am offenen Kamin sitzt ein russischer Geschäftsmann in Jeans und Pullover mit seiner Sekretärin und verabredet die Termine des Tages. Dezente Musik, sehr freundliche Bedienung. Freundliche Ratschläge bei der Auswahl der feinsten britischen Tees. Jeder Gast ist hier willkommen. Weshalb sind wir hinein gegangen in dieses sehr besondere Hotel? Ich war innerlich auf der Suche nach Steffie. Hab versucht, mir vorzustellen, wie sie wohl hier gearbeitet haben mag? Als Bedienung der Gäste? Als Zimmermädchen? „Mrs. Schaefer, come here, please….“ Man muss bedenken, als Steffie gezwungen wurde auszuwandern, war sie 43 Jahre alt. 1939 kam sie, ab 1940 herrschte Bombenkrieg in London, die Deutschen fielen über England her. „The Blitz“ begegnet einem heute noch überall in der Stadt an zahlreichen Denkmalen. Die Zerstörungen in der Stadt waren horrend. Man kann nicht davon ausgehen, daß Steffies Heimweg von der Arbeit in ihre Bleibe einfach war. Das Gegenteil dürfte der Fall gewesen sein. Wo war Steffie in jenen Jahren? Wie kann ich mir ihr Leben vorstellen? Was ich weiß: Sie musste zusehen, daß sie nicht verhungerte. Die Bezahlung in ihren Jobs war schlecht.
Wir wissen, daß sie in London Arzthelferin war, dass sie für eine Modefirma gearbeitet hat, dass sie in einer Bibliothek beschäftigt war – immer für knappes Geld. Und sie hat in „The Goring“ gearbeitet. Ich kann mir nun sehr gut vorstellen, daß diese „Tochter aus gutem Hause“ all diese Lebensumstände als erniedrigend empfunden haben muss. Ein Brite würde vielleicht sagen: diese Umstände waren eine Beleidigung. Das aber durfte Steffie auf gar keinen Fall und niemals aussprechen. Sie hatte still zu sein. Sie hatte dankbar zu sein. Denn: immerhin war sie am Leben geblieben. Sie hatte den Mund zu halten darüber, wie es ihr im Inneren wirklich ging. Kein Wunder, daß sie später Kettenraucherin war, an Depressionen litt und Medikamente brauchte.
1944 hat Steffie in 31 Dorset Square gewohnt. Ganz hoch oben „in einem erbärmlichen Zimmer einer heruntergekommenen Pension hoch oben unter dem Dach“, wie Susannes Ehemann in den Siebziger Jahren aufgeschrieben hat. Nick und Tim sind mit ihrer Großmutter mal da gewesen, da hat Steffie den Enkeln diese Bleibe gezeigt. Die Jungs sind nun auch schon über 60. Sie haben keine weiteren Erinnerungen an diesen Besuch, nur, daß das Klo eine halbe Treppe tiefer war. „Es muss sehr primitiv gewesen sein“, sagt Nick.
Wir sind auch zu dieser Adresse gegangen, denn ich wollte mir vorstellen, wie Steffie – vielleicht nach der Arbeit in „The Goring“, das gar nicht sehr weit und nur ein paar Busstationen von Dorset Square entfernt ist – am Feierabend „nach Hause kam“ und völlig erschöpft die fünf Etagen zu ihrem Zimmer hochstieg – die Tochter ohne Nachricht in Schottland ….
Ganz oben unter dem Dach in 31 Dorset Square musste sie wohnen, die Toilette eine Etage tiefer im Flur, wir mir Nick bei unserem Gespräch im St. James Park erzählt hatte. 1944 übrigens, der Krieg war noch nicht zu Ende, kam Steffies Mutter Hedwig aus dem Exil in Shanghai nach London, um nun auch bei ihrer Tochter zu wohnen. Und Tochter Susanne musste aus Schottland fort, denn die Einreisebestimmungen für die Kindertransport-Kinder besagten, dass sie nur bis zum vollenden 17. Lebensjahr versorgt sein würden. Am 18. Januar aber war Susanne 17 geworden. Sie kam im Februar zu ihrer Mutter nach London. Da „wohnten“ sie nun, die drei Frauen. Es war eine elende Zeit, aber, Hedwig, Steffie und Susanne waren immerhin „noch am Leben“. In jenem Februar 1944 begannen die amerikanische Air Force (USAAF) und die Royal Air Force (RAF) mit ihren schweren Luftangriffen auf die Rüstungsindustrie-Zentren in Mitteldeutschland. Der Krieg war für Deutschland längst verloren, aber die Deutschen glaubten noch an ihre „Wunderwaffe“, Deutsche glauben ohnehin gern an Waffen – deshalb dauerte der verlorene Krieg noch länger als ein Jahr.
Peter Lobbenberg, von dem im vorigen Beitrag die Rede war, hatte mich mehrfach ausdrücklich ermutigt, mich mit Nick und Tim zu treffen. Ich war zurückhaltend. Wie komme ich als Deutscher dazu, mich in die Familiengeschichte dieser britischen Familie zu „drängeln“? So empfand ich es anfangs. Aber Peter ließ nicht locker, nein, der Mail-Kontakt sei jetzt hergestellt und nun müsse auch ein persönliches Treffen folgen. „Du weißt mehr als wir“ hatte mir Nick, der älteste Sohn von Susanne Schaefer, gemailt. Auch das noch. Da kommt so ein Deutscher auf den Spuren von Großmutter und Mutter und „weiß mehr als wir“, die Enkel und Söhne.
Wir verabredeten uns per Mail. Beide würden kommen, schrieb mir Nick, und uns am Hotel abholen, dann könnten wir in ein Café oder Restaurant gehen, wo wir in Ruhe sprechen könnten. So kam es dann auch.
Tim war zuerst da im Foyer des Hotels. Da kam ein sehr aufgeräumter, fröhlicher Mensch durch die Tür „Du bist Ulrich aus Deutschland?“ Ja, der war ich und gleich begannen wir zu reden, es war sehr herzlich, völlig unkompliziert. Tim, Jahrgang 1960, könnte mein jüngerer Bruder sein. Er ist Spezialist für die Pflege von Asperger-Kindern. Krankenpfleger. Ein Mann mit einem großen Herzen. „Nick kommt gleich, er hat angerufen, der Zug hat Verspätung“ sagt er. Und ich erfahre so nebenher, daß Bruder Nick zweieinhalb Stunden Bahnfahrt auf sich genommen hat, um uns in London zu treffen! Nick wohnt ziemlich weit außerhalb von London.
Dann kamen sie beide, Nick und seine Frau, hatten uns durchs Fenster schon gesehen und zugewunken. Eine fröhliche Begegnung. „Wir gehen ins Café im St. James-Park“ meinte Nick, „es ist heiß heute, da können wir draußen sitzen und ungestört reden.“ Wunderbar. St. James ist ja gleich um die Ecke, ganz in der Nähe von unserem Hotel.
Da war sofort eine Beziehung möglich: Nick (re), Jahrgang 1957, pensionierter Pastor der Anglikanischen Kirche. Na, wenn das nicht passt? Und Tim, drei Jahre jünger (li), könnte mein jüngerer Bruder sein. Wir hatten sofort einen guten Kontakt zueinander.
Und tatsächlich, ich wusste „mehr“ als die beiden Männer, die uns da gegenüber saßen. Über die äußeren Stationen von Großmutter Steffie, die deutschlandweit bekannte Grafikerin vom Ullstein-Verlag in Berlin und ihre Tochter Susanne, die im Alter von 12 Jahren mit einem Kindertransport von Berlin nach Ayr in Schottland kam und später in London lebte, wusste ich mehr – aber wie haben die Jungs ihre Mutter und Großmutter erlebt? Was wussten sie von den beiden Frauen und ihrer Vergangenheit?
Wir haben lange gesprochen. Sie wollten viel wissen. Ich auch. Wir haben langsam gesprochen, haben nach Worten gesucht, mussten auch mal den Smartphone-Dolmetscher zu Hilfe nehmen. Solche Sachen bespricht man nicht mal so nebenher bei einer Tasse Kaffee im Park, da ist Sorgfalt am Platze, Rücksicht, Vorsicht, Behutsamkeit, genaues Zuhören. Und dann waren da immer wieder diese ganz unerwarteten, sehr anrührenden Momente, in denen das viele Ungesagte und Unerzählte dann eben doch durchschien. „Das Denkmal für die Kindertransportkinder in Berlin-Friedrichstraße ist zweigeteilt, wie Ihr hier auf dem Foto sehen könnt“ hatte ich gesagt. „Die eine Richtung führt nach England in die Freiheit – die anderen Kinder müssen in die andere Richtung mit dem Zug fahren – nach Auschwitz.“ Da waren die Brüder sehr angefasst, waren stark berührt – daß ihre Mutter nur so knapp dem Tod entkommen war, das war ihnen bislang nicht klar.
„Deine Großmutter war doch Jüdin“ sage ich zu Nick. „Deine Mutter also auch – wie kommt es, daß Du anglikanischer Pastor geworden bist?“ „Nun, da gab es nichts zu bedenken“ sagt Nick. „Ich wurde als Kind getauft und bin in der britischen Tradition groß geworden. Vielleicht hatten die Quäker, die Susanne in Ayr in Schottland aufgenommen hatten, einen gewissen Einfluss, daß weiß ich gar nicht. Ich bin ganz selbstverständlich wie die anderen Kinder in unserer Umgebung auch, als anglikanischer Brite aufgewachsen und Tim ebenso.“ „Unsere Mutter hat uns seltsamer Weise nie Deutsch beigebracht und sie hat auch nie von Deutschland erzählt“ sagten sie. Und wir sprachen davon, wie verschieden Flüchtlingskinder mit ihrer Vergangenheit in Deutschland umgegangen waren: einige wollten „von Deutschland nichts mehr wissen“. Steffie und Susanne waren wohl so. Sie verstanden ihre Lebensaufgabe darin, sich möglichst schnell zu assimilieren. Das war mit viel Abspaltung und Verdrängung verbunden, wie man aus heutiger Arbeit mit den letzten noch lebenden Flüchtlingskindern und ihren Nachkommen weiß. Die Historikerin Amy Williams und andere wissen davon zu berichten. Andere, wie Peter, haben sich dem Vergangenen sehr bewusst zugewandt und haben sogar Deutsch studiert. So verschieden kann es sein, sich mit dem Vergangenen auseinanderzusetzen.
„Mutter hat nie über ihre Flucht aus Deutschland gesprochen“. Auch so ein markanter Satz, den ich schon befürchtet hatte. Da war es wieder, dieses traumatische Schweigen in der Familie. Dieses „Schweigen“ übrigens verbindet uns, Nick, Tim und mich. Dieses „Schweigen“ gab es auch in unserer Familie. Das Dritte Reich und die industrielle Vernichtung von mehr als 6 Millionen Menschen, der von den Deutschen entfesselte Krieg mit über 60 Millionen Toten – das ist dermaßen fürchterlich, daß viele Menschen darüber gar nicht sprechen konnten, es wäre zu schmerzhaft für sie gewesen. Aber, was nicht „zur Sprache gebracht“ wird, das rumort besonders stark. Es ist unsere Aufgabe, die Aufgabe der Enkel-Generation, dieses viele Ungesagte zur Sprache zu bringen. Unsere Eltern, die Kriegskinder – deren Aufgabe war es, äußerlich den Schutt wegzuräumen, Straßen, Wege, Dörfer und Städte wieder zu bauen. Unsere Aufgabe, die Aufgabe der Kriegsenkel ist es, an die gewaltigen seelischen Schuttberge heranzugehen, die die „fürchterlichen 12 Jahre“ hinterlassen haben und sie nach und nach aufzuräumen. Da ist noch sehr viel Arbeit zu leisten.
Wir haben über drei Stunden gesessen und geredet. Wir erfuhren, daß sowohl Großmutter Steffie, die eine starke Raucherin war, als auch ihre Tochter Susanne, mit der sie in einer sehr engen Beziehung stand – „die haben täglich miteinander telefoniert! Jeden Tag gegen Abend! Das war ganz selbstverständlich, als wir Kinder waren. Ich war 15, als Steffie starb. Es war eine Katastrophe für unsere Mutter“ – beide Frauen hatten unter schweren Depressionen zu leiden, waren emotional nicht immer ausgeglichen, schnell überfordert. Ein letzter Brief von Steffie an ihre Freundin Jeanne Mammen in Berlin, der mir vorliegt, spricht von diesen Seelenzuständen sehr offen.
Wer sich heute mit Hilfe von Fachliteratur über die seelischen Folgen der Kinder-Flucht nach England informiert, z.B. in Julian Borger „Suche liebevollen Menschen“ oder Rebekka Göpfert, „Der jüdische Kindertransport von Deutschland nach England 1938/39“ – der findet exakt das, was Nick und Tim auch von ihrer Mutter und Großmutter in Erinnerung haben: Schweigen, emotionale Instabilität, Reizbarkeit, Depressivität. Das hat Gründe, die lange nicht gesehen wurden: Kindertransportkinder hatten nicht selten das Gefühl, hinter „den eigentlichen Opfern in den KZs“ zurücktreten zu müssen. Sie seien schließlich gerettet worden, müssten also vor allem dankbar sein – die „eigentlichen Opfer des Holocaust“ seien die vielen Millionen ermordeten Menschen. Eine solche Selbsteinschätzung führte zu großem Leid. Vieles blieb unbetrauert, vieles blieb beschwiegen und hatte umso stärkere seelische Wirkung.
Es war eine sehr bewegende Begegnung zwischen Tim, Nick, seiner Frau, meiner Frau und mir – zwischen gleichaltrigen Deutschen und Briten. Da traf sich die Enkelgeneration. Nachfahren der Deutschen, die in jenen Jahren so großes Unheil über die Welt gebracht hatten und Nachfahren derer, die vor den Deutschen fließen mussten. Wenn ich an dieses sehr besondere Gespräch zurückdenke, geht mir ein Satz besonders nach, den einer der beiden Brüder ziemlich am Ende unseres Gesprächs fand. „Weißt Du“ sagte er, „mein Bruder und ich, wir haben noch nie so wie heute über unsere Mutter und Großmutter gesprochen. Danke, daß Ihr gekommen seid.“
Wie habe ich den freundlichen Peter Lobbenberg eigentlich kennengelernt? Ich glaube, das war so: mein Büchlein über den Prerower Arzt Dr. Hans Beu war gerade fertig, der, obwohl Mitglied der NSDAP, einen jüdischen Jungen, den man in Prerow unter dem Namen „Seppl“ kannte, geschützt hat. Für Seppl und seine spätere Frau wurde im September 2024 in Stralsund ein Stolperstein verlegt. Bei der Verlegung lernte ich Frau Friederike Fechner von der „Initiative zur Erinnerung an jüdisches Leben in Stralsund“ kennen, die sich sehr engagiert um die jüdische Geschichte der Hansestadt bemüht. Frau Fechner wiederum war Peter Lobbenberg dankbar, weil er ihr bei der Recherche Stralsunder Juden von London aus geholfen hat, ein Umstand, der inzwischen auch öffentlich im Gedenkbuch für die Stralsunder Juden lobend vermerkt ist. Den müsse ich „unbedingt kennenlernen“, hatte sie gemeint. War es so? Nein, so war es nicht, sondern andersherum: Ich hatte mich an die AJR (Association of Jewish Refugees) in London gewandt, ob man mir behilflich sein könne, die Liste des Kindertransports vom 22. Mai 1939 nach London zu finden. Der Chefredakteur antwortete mir: das könne er nicht selbst, aber er würde meine Suchanfrage in seiner Zeitschrift, die weltweit vertrieben wird, kostenlos abdrucken. Es dauerte nur ein paar Tage, dann meldete sich ein Peter Lobbenberg per Mail aus London. So war das. Und dann stellte sich im beginnenden Mailwechsel die Verbindung nach Stralsund heraus, richtig, so sind die Zusammenhänge mit Stralsund. Wir waren also via Stralsund schon ziemlich nahe beieinander, ohne uns zu kennen.
Das änderte sich nun. Peter, der vorzüglich Deutsch spricht und schreibt, half mir, Susanne Schaefer in England zu recherchieren. Er fand hoch oben in Scotland ein kleines Museum, das Dokumente von Susanne aufbewahrt, er half mir sogar mit ersten Fotos von Susanne, die im London Museum aufbewahrt werden. Dann konnte er einen Kontakt zu Nick und Tim herstellen. Das sind die beiden Söhne von Susanne Schaefer, Jahrgänge 1957 und 1960, von denen wird in einem späteren Beitrag noch zu sprechen sein.
Kurz: als klar war, daß meine Frau und ich für weitere Recherchen nach London reisen würden, war auch klar, daß wir Peter besuchen würden, er hatte uns ausdrücklich eingeladen.
Nun war es so weit. Wir waren auf der Route, die Susanne 1939 von Berlin via Hoek van Holland, Harwich, Liverpool Street Station gekommen war, ebenfalls angereist und hatten uns für den 1. Mai nachmittags bei Peter verabredet. Peter war so freundlich und holte uns in Golders Green im Norden der riesigen Metropole von der U-Bahn-Station mit dem PKW ab. Es war ein heißer Tag. „Das ist wunderbar, da können wir im Garten sitzen“, hatte er am Telefon gemeint.
Und dann saßen wir bei ihm im Garten und redeten miteinander.
Peter liebt das Private, weshalb ich nur wenig von ihm erzählen will, aber ein paar Hinweise sollen es doch sein. Peter ist Jahrgang 1939, also jenem Jahrgang, als Susanne nach England fliehen konnte und jenem Jahr, in dem der Zweite Weltkrieg begann. Peter stammt eigentlich aus Deutschland, seine Eltern waren gerade vor den Nazis geflohen, Peter kam in England zur Welt. Peter hat sich sein Lebtag um die Geschichte jüdischer Flüchtlinge gekümmert, hat im AJR geholfen und verfügt über excellente Kontakte, die bei weiterer Recherche hilfreich sein können. Er hat mich auch ermutigt, mich mit Nick und Tim zu treffen.
Er hatte für den Nachmittagstee selber Kuchen gebacken und als wir dann draußen unter der Rose saßen, die an seinem Haus zum Dach hinauf klettert, berichtete er uns ausführlich von seiner eigenen Familie. Dann stand er auf und holte eine Bleikiste. Darin Briefe. Briefe, die er nach dem Tode seiner Mutter „zufällig“ in ihrem Nachlass gefunden hatte. „Wie oft hast Du diese Briefe schon in der Hand gehalten?“ fragte ich ihn. Er lächelte schüchtern. „Viele hundert Male“ sagte er.
Anfänglich interessierten den Briefmarkensammler Peter am Fund in der Bleikiste „nur die Briefmarken“ – bis er einen Brief öffnete und las. Es war ein Brief seiner Großmutter an ihn, Peter Lobbenberg! Der erste Brief ist auf den Tag datiert, als er auf die Welt kam. „Willkommen, lieber Peter, in dieser Welt“ schrieb seine Großmutter. Was für ein Fund! Viele Briefe lagen da in dieser Bleikiste, die er bislang nicht kannte. Seine Mutter hatte sie ihm nie gezeigt – da ist es wieder, dieses „Schweigen in der Familie“, das inzwischen tausendfach bezeugt ist. Nun, nach ihrem Tode, hatte er die Briefe in ihrem Nachlass gefunden und erfuhr, was bislang verschwiegen war, er begann, die Briefe sorgfältig und oft zu lesen, auszuwerten, zu recherchieren. Peters Großmutter ist im KZ umgekommen. Ein letzter Brief kommt von dort. Bei seinem Besuch in Deutschland war er auch in Siegburg. Die Zeitung dort hat seine Geschichte erzählt. Peter hat es nicht bei der Lektüre und der Recherche belassen, sondern einen befreundeten Musiker gebeten, diese Briefe zu vertonen. Ronald Corp, der in Bath bei London lebte, hat diese Arbeit geleistet. Es gibt eine englische und eine deutsche Fassung dieses Kammermusikstückes, Peter meint, die englische sei „besser“, denn Ronald Corp habe sich mit der „Sprache der Deutschen“ sehr schwer getan.
Das Werk wurde inzwischen mehrfach öffentlich aufgeführt. Peter erzählte uns von der besonderen Aufführung im Jüdischen Museum in Frankfurt/Main am 2.12.2024, zu der er trotz seines Alters persönlich angereist war.
Peter hat, sehr anders als Susanne Schaefer und andere Flüchtlinge, die sich nach ihrer Flucht und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sehr klar von allem „Deutschen“ abgegrenzt hatten, das Gegenteil getan: er wollte verstehen, was es mit „diesen Deutschen“ auf sich hat – er studierte „die Sprache der Mörder“ und Französisch. Peter spricht und schreibt hervorragend deutsch, das hat unser Gespräch sehr erleichtert. Es wurde ein langer Nachmittag, der Abend kam, wir saßen immer noch und redeten. Der Tag dieser besonderen Begegnung endete erst spät in der Nacht, denn Peter hatte uns zum Abendessen eingeladen und er fuhr uns durch Teile Londons, die ein London-Besucher sonst wohl eher nicht zu sehen bekommt. Wir saßen noch lange in einem seiner Lieblingsrestaurants und das Gespräch miteinander wollte und wollte einfach nicht aufhören. Ich bin nun im engen Kontakt mit Peter Lobbenberg und ich bin sehr dankbar für die Begegnung mit diesem stillen, eher zurückgezogenen, klugen und wachen Menschen, der weltweit mit vielen Menschen verbunden ist, denen die jüngere europäische Vergangenheit nicht gleichgültig ist, weil sie um die in sehr vielen Familien verheerenden Folgen von verschwiegener Schuld und verschwiegenem Leid wissen. Ihm verdanke ich auch den Hinweis auf Julian Borger, den Politikchef von „The Guardian“, mit dem er befreundet ist. Peter kannte den Großvater von Julian, davon ist in dessen spannendem Buch „Suche liebevollen Menschen“, in dem Borger seine eigene – bislang verschwiegene – Familiengeschichte recherchiert, die Rede. Weshalb er sein Leben lang jüdische Schicksale und Verbindungen erforscht, recherchiert und aufgeklärt habe, hatte ich Peter gefragt und er antwortete mit einem Bild, das mir auch sehr vertraut ist. „Das ist, als wenn Dir einer auf der Schulter sitzt und Dir ins Ohr flüstert: „Du musst das herausfinden und aufschreiben!““ hatte Peter gesagt. Genau so ist es und genau deshalb war ich nun auf den Spuren von Susanne und ihrer Mutter Steffie in London. Die ersten Hinweise hatte ich in Prerow bekommen, dann kam die Geschichte mit Albert Schaefer-Ast, dem Vater von Susanne und Ehemann von Steffie. Mittlerweile hat sich daraus eine recht große Geschichte entwickelt, die zu völlig überraschenden Begegnungen geführt hat und immer „größer“ wurde. In den nächsten Beiträgen zur Recherche-Reise nach England wird davon die Rede sein.