Johannes R. Becher und die Schifferkirche in Ahrenshoop

Johannes R. Becher und die Schifferkirche in Ahrenshoop

Ohne Johannes R. Becher stünde die Schifferkirche in Ahrenshoop wohl nicht.

Wie aber kam der spätere Kulturminister Walter Ulbrichts, der Präsident des Kulturbundes der DDR, Johannes R. Becher (22.5.1891 – 11.10.1958) dazu, mitten im Kalten Krieg, der ja auch ein Kampf der atheistischen Regierung der DDR gegen die Kirche war, in den Jahren 1949-1951 (Einweihung der Kirche 1951) den Neubau einer Kirche im nördlichen Grenzgebiet der DDR zu unterstützen?

Ich nehme die Spur bei Hardt-Walther Hämer auf, dem Architekten der kleinen Kirche. Der schreibt in seinem „Bautagebuch“ mit Datum 15.11.1950 (nach einer Reihe sehr komplizierter Bauverzögerungen): „AN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN, Institut für Bauwesen, Abteilung Siedlungswesen in Berlin geschrieben und gleich mit Plänen und Modellfotos hingegangen. Wollte zu Direktor Scharoun. Auf dem Wege dahin, im großen Dachboden, kommt Hermann Henselmann auf mich zu und fragt mich aus, guckt auf die Fotos und winkt mich in sein Büro (an den Wänden hängen und auf den Tischen liegen die Pläne zur Stalinallee in neuer Fassung). Anruf bei Johannes R. Becher, dem Vorsitzenden des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands. Henselmann befürwortet den Kirchenbau – das passt genau nach Ahrenshoop – und zu mir, ich soll die Kirche bauen, aber dann gäbe es Wichtiges in Berlin zu tun.“

Am 21. 11. 1950 notiert Hämer: „Schreiben Kulturbund Berlin … „Wir wären Ihnen jedenfalls sehr dankbar, wenn Sie uns zu gegebener Zeit davon verständigen würden, wenn der Kapellenbau abgeschlossen ist“.

Wir wissen nun: Hermann Henselmann (3.2.1905 – 19.1.1995), späterer Chefarchitekt bei Walter Ulbricht (Fernsehturm, Stalin-Allee, Uniturm Jena etc. ), der den Architekten Hämer Senior vom Bauhaus her kannte, hat sich bei Becher für Hämer jun. eingesetzt. Offenbar mit Erfolg.

Wie aber wird erklärlich, daß Becher die Sache unterstützte in einer Zeit, in der alles andere wahrscheinlicher war als ein Kirchenneubau?

Ich habe mich deshalb an Jens Dwars gewandt. Der Jenenser hat zwei Becher-Biografien geschrieben. Es gibt auch einen Dokumentarfilm von ihm über J.R. Becher. Ich wollte zwei Fragen klären:

  1. hat er schriftliches Material über die Affäre Bechers mit Doris Oberländer-Seeberg, der Innenarchitektin der Kirche?
  2. was weiß Dwars über die Religiosität von J.R. Becher?

Herr Dwars schrieb zu meiner ersten Frage: „Die Liebesaffären oder Amouren Bechers waren so zahlreich, daß ich nur wenigen nachging, die Spuren im Werk hinterlassen haben. …. Es wäre ja ein leichtes, Becher als Lustmolch zu entlarven, zumal noch als stalinistischen … Die wohlfeile Moralkeule zu schwingen und dabei die Sensationsgier der Leute anzustacheln. Mit diesem Rezept hätten meine beiden Becher-Biografien die Chance gehabt, Bestseller für eine Saison zu sein. Mir war aber bei meiner Langfassung der Gang durch die Epoche wichtiger. … Das nur zur Erklärung, warum ich den „Frauengeschichten“ im einzelnen nicht nachging. … Einen Briefwechsel zwischen Becher und Doris Oberländer-Seeberg kenne ich nicht. …. Allerdings hat JRG solche Briefe kaum aufbewahrt, und wenn, so dürfte seine Witwe sie eher vernichtet haben.“

Allerdings hat Becher wegen dieser Geschichte „sein“ Ahrenshoop, das er unter Denkmalschutz stellen ließ und zu einer „Künstlerkolonie ausbauen“ wollte, „fluchtartig“ verlassen, wohl auch auf Druck der Partei, worauf Prof. Markschies in einem Facebook-Beitrag über Ahrenshoop und seinen alten Friedhof hingewiesen hat.

Dwars schrieb mir zur Fertigstellung der Kirche 1951: „Leider kam JRB wohl nicht mehr in die Versuchung dies alles in toto wahrzunehmen. Der Kalte Krieg und dessen Spiegelung in den innerparteilichen Kämpfen nahmen ihn gefangen. Auch deshalb muß er Ahrenshoop aufgeben, zieht er sich nach Bad Saarow zurück, in einen Bungalow am See, der von Berlin aus schneller zu erreichen ist. Dorthin nimmt er John mit, seinen Sohn, der 1938 aus Brünn mit Bechers zweiter Frau nach England geflohen ist. …. Was Vater und Sohn miteinander im Saarower Abseits besprachen, ist so wenig überliefert wie die Ahrenshooper und andere vertraute Gespräche.“

Und was ist mit Bechers Religiosität?

Dazu schrieb mir Herr Dwars:
„Becher war religiös im ursprünglichsten und problematischsten Sinne: auf der Suche nach Glauben, süchtig nach Glauben …. pathetisch: die Seins-Verlorenheit des vereinzelten Einzelnen, der nach etwas „Höherem“ verlangt, wofür er sich aufopfern, was ihm Sinn verleihen kann. Sein Lieblingszitat aus Hölderlins „Diotima“: „….gäb es eine Fahne, Götter! …, ein Thermopylae, wo ich mit Ehren sie verbluten könnte, all die einsame Liebe, die mir nimmer brauchbar ist!“ Nach einer solchen „Fahne“ sucht er, mit einem halb verdauten Nietzsche im Magen, sein Leben lang. Mit 19 begeht er mit einer Frau, die aus dem Leben gehen will, einen Doppelselbstmordversuch, den er nach vierstündiger OP mit Glück überlebt. 1916 tritt er der USPD bei, 1919 der KPD, schreibt Gedichte unter dem Titel „Zion“ …. Er will Sprecher, Sänger eines Allverbindenden sein. So schreibt er 1919 auf Hiddensee mit expressionistischer Inbrunst das Festspiel „Arbeiter Bauern Soldaten. Der Aufbruch eines Volks zu Gott“, 1920 erscheinen seine Hymnen „Um Gott“ ….
Auch die DDR-Staatshymne kündet von dieser Religiosität: „Auferstanden aus Ruinen….“ das meint mehr als bloßen Wiederaufbau. Wie er selbst als Dichter aus seinem Selbstmordversuch wiederauferstehen wollte, so sollte Deutschland wie Phönix aus seiner Selbstverbrennung auferstehen … Ein „deutsches“ Denk-Motiv, das sich auch bei Kleist findet, dessen Selbstmord er nachahmt und den Becher in seiner Debüt-Hymne beschwört: die Gegensätze sollen ineinander umschlagen, durch die Hölle führt der Weg ins Paradies – heißt es in Kleists Marionetten-Aufsatz. Und genau diese Spekulation kehrt in Thomas Manns „Doktor Faustus“ wieder. Mann wiederum sah dies bedenklich Religiöse an Becher, über den er zum 60. Geburtstag schrieb: „Als sein Wesen empfand ich eine Selbstlosigkeit, rein wie die Flamme, und verzehrend wie sie; eine bis zum Leiden inbrünstige Dienstwilligkeit, die sein Dichten und Schreiben ganz und gar durchdringt, ein Gemeinschaftsethos das ihn seelisch zum Kommunisten prädisponiert….“
Daher auch Bechers Gründung eines Kulturbundes – was die Sowjetoffiziere mit Skepsis sahen, denn es erinnerte sie an den jüdischen Bund, Bund heiße im Russischen „Zusammenrottung“ … Und natürlich klingt der Bund Jahwes dabei mit, einer der engsten Freunde des Expressionisten JRB war Ludwig Meidner, mit dem er nächtelang über diesen Bund des „auserwählten Volkes“ mit Gott sprach …. Das expressiv Feuerige, nahe am Fanatischen, hatte der Politiker JRB nach 45 abgelegt, Stalin und Hitler hatten es ihm ausgetrieben, aber es schwang noch mit in seinem durchaus klugen und ernst gemeinten Bemühen, ein breites Bündnis für den Aufbau eines anderen Deutschlands zu ermöglichen. Grundmotiv all seiner Kulturbund-Reden von 1945 bis 1948 war die „Freiheit des Andersdenkenden“, genau im Sinne Rosa Luxemburgs gegen Lenin. Weshalb er 1946 aus dem Parteivorstand der SED ausgeschlossen wurde, weil er bei den Berlin-Wahlen für die SPD sprach ….“

Soweit aus dem Antwortschreiben von Jens Dwars auf meine Frage, was er über die Religiosität J.R. Bechers zu sagen wisse.

Nun lichtet sich der Nebel etwas und wir können klarer sehen, weshalb der Präsident des Kulturbundes der sich als atheistisch verstehenden DDR in „seinem Ahrenshoop“, in dem er den ersten und letzten gesamtdeutschen Schriftstellerkongreß vorbereitet hatte, mitten im Kalten Krieg, aber eben ganz im Sinne des „Kultur-Bundes“ aller Wohlmeinenden, also unter Herbeiziehung auch der „Kirchenleute“, sicher auch verstärkt durch die persönliche Beziehung zur Pfarrerstochter Doris Oberländer-Seeberg, die später die Inneneinrichtung der Kirche übernahm, den Bau des kleinen Kirchleins unterstützte. Das zunächst Überraschende wird nun verstehbar.

Ohne Johannes R. Becher jedenfalls, den Kulturminister Ulbrichts und Präsidenten des Kulturbundes der DDR, stünde die kleine Kirche in Ahrenshoop nicht.

Schifferkirche Ahrenshoop – Die Orgeltage. Mit einer musikalischen Rarität.

Schifferkirche Ahrenshoop – Die Orgeltage. Mit einer musikalischen Rarität.

Anne-Dore Baumgarten, emeritierte Kirchenmusikdirektorin aus Wittenberg, seit langen Jahren heimisch auf dem Fischland in Wustrow, hat sie erfunden: die Ahrenshooper Orgeltage. Diese Orgeltage wurden möglich, als der Ahrenshooper Orgelbauer Kristian Wegscheider die neue Orgel für die Schifferkirche fertiggestellt hatte. Eingeweiht wurde sie im Januar 2013. Es gab damals sogar eine Festschrift aus Anlaß der Weihe der Wegscheider-Orgel, die ich gestern in den Unterlagen fand, die mir dankenswerter Weise Herr Dr. Ing. Bernd Reimers zur Verfügung gestellt hatte. Dr. Reimers kennt die kleine Kirche wie kaum ein anderer, er war gemeinsam mit Prof. Hämer wesentlich für ihre Restaurierung und Erweiterung verantwortlich. Wer das Titelbild dieses Beitrages genau anschaut, das ich hier noch mal komplett in den Beitrage einfüge, findet auf der linken Seite der Festschrift einen kleinen QR-Code.

Die Festschrift von der Orgelweihe ist aber schon 13 Jahre alt – ob der QR-Code wohl noch funktioniert? Ich habe es ausprobiert und fand eine Rarität: das einzige Tondokument von der Einweihung der Orgel. Im Januar 2013 war das, man sieht im Video links noch den Weihnachtsbaum stehen. Da war jemand so freundlich und hat einfach, mitten aus dem Publikum – vermutlich, ohne lange zu fragen, mit seinem Smartphone 6 Minuten Orgelmusik eingefangen. Das ist keine Studio-Aufnahme, ganz gewiss nicht. Aber es ist ein schönes Zeit-Dokument. Zu hören sind Musikstücke, die die einzelnen Register der Orgel vorstellen und die Klangfülle des Instrumentes zumindest vorstellbar machen, es lohnt, die 6 Minuten ganz anzuhören. Freunde der Orgelmusik werden heraushören können, welche Register da gerade gezogen wurden. Die Festschrift anlässlich der Orgelweihe hat die eingebauten Register der Orgel fein notiert:

Wer sein Handy gerade nicht zur Hand hat, um den QR-Code zu scannen, dem sei das Tondokument hier zur Verfügung gestellt:

Anne-Dore Baumgarten ist es mit den Orgeltagen immer wieder gelungen, sehr namhafte Organisten nach Ahrenshoop zu bekommen. Das ist auch in diesem Jahr wieder der Fall. Für die Organisten ist es eine schöne Herausforderung, Stücke, die für große Orgeln geschrieben wurden, auf dem pfiffig gebauten Wegscheider-Instrument zu interpretieren.
Hingehen lohnt sich. Die diesjährigen Orgeltage 2026, die nun schon zum 13. mal stattfinden, beginnen am Donnerstag, 30. April um 12 Uhr mit einer Orgelandacht, in der KMD Anne-Dore Baumgarten selbst spielen wird. Am Freitag, 1. Mai gibt es um 20 Uhr ein Orgelkonzert plus Alt-Solostimme. Es musizieren Martin Rost (Stralsund) und Britta Schwarz (Dresden). Der Samstag, 2. Mai bringt ein Konzert mit David Schirmer (Berlin). Täglich gibt es Orgelandachten um 12 Uhr. Es besteht also auch in diesem Jahr 2026 reichlich Gelegenheit, das schöne Instrument zu erleben.

Und wer Informationen rund um die Schifferkirche Ahrenshoop kontinuierlich verfolgen möchte, der kann die Facebook-Seite vom Freundeskreis der Schifferkirche Ahrenshoop abonnieren, der hier verlinkt ist.

Schifferkirche Ahrenshoop-die Inschrift an der Altarwand

Schifferkirche Ahrenshoop-die Inschrift an der Altarwand

„Siehst Du die Schrift dort an der Wand?“ fragt Daniel den König Belsazar von Babylon. Eine berühmte Frage aus dem Alten Testament, die den Königen dieser Welt immer wieder gestellt wurde.

„Verstehst Du auch, was sie bedeutet?“ können wir ergänzen.

Wenn man die Schifferkirche in Ahrenshoop durch die schmale Pforte an der Westseite betritt, wird man mit der goldenen Schrift an der Wand des Altars konfrontiert. (Ich habe das Foto von Klaus Czerwinski etwas bearbeitet, damit man die Schrift besser lesen kann):

„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich“ steht da geschrieben. Ein Zitat aus dem Johannes-Evangelium (Johannes 14, Vers 6), dem jüngsten der überlieferten vier Evangelien, die in der Bibel stehen, entstanden etwa zwischen 85 und 100 nach Christus. Wir wollen versuchen, uns diesem alten Zitat zu nähern.

Bei einem ausführlichen Telefonat mit Herrn Architekten Bernd Reimers, der die baulichen Angelegenheiten der Schifferkirche in Ahrenshoop über lange Jahre sehr sachkundig begleitet hat und sehr vertraut ist mit ihren Details erfuhr ich, daß es beim Bau des Kirchleins Streit gegeben hätte um diese Inschrift. Eigentlich sollte nach dem Willen von Frau Oberländer der Vers aufgebracht werden, der jetzt auf dem Grabstein von Frau Doris Oberländer-Seeberg steht, die ja wesentlich an der Innenausstattung der Kirche beteiligt war und die auch eigens eine Schriftform für die Altar-Inschrift entwickelt hat. Der dokumentierte Streit ging jedoch anders aus, denn Pastor Dr. Wilhelm Pleß aus Prerow setzte sich durch. Er wollte jenes Zitat aus dem Johannes-Evangelium an der Altarwand direkt gegenüber vom Eingang des Kirchleins geschrieben sehen. Warum sollte es gerade dieser Vers sein?

Dr. Wilhelm Pleß (geboren 1895, Pastor in Prerow von 1931-1961) hatte nach seinem Theologiestudium über das Johannes-Evangelium promoviert. Er war sehr vertraut mit dieser biblischen Schrift. Aber: Dr. Wilhelm Pleß war auch ein, sagen wir es vorsichtig, überaus konservativer Mensch, der ab 1933 den „Deutschen Christen“ nahestand, jenen Kirchenleuten also, deren extremste Vertreter der Ansicht waren, in der Gestalt Adolf Hitlers sei Christus wiedergekehrt. Von Frau Pleß berichtete man später, sie sei treue NSDAP-Wählerin gewesen. Wenn man den „Darßer Boten“ liest, der im Pfarrarchiv in Prerow aufbewahrt wird, jenes Gemeindeblatt, in dem Dr. Pleß die Gemeinde über sie interessierende Angelegenheiten informierte, kann man schnell erkennen, wie „D.C.freundlich“ er war. Er hoffte zu Beginn der Hitler-Diktatur (wie viele andere Pastoren) auf eine neue Zuwendung zur Kirche, es waren ja jene Jahre, in denen es zu Masseneintritten in die Kirche kam, Jahre, in denen es auch zu Massenhochzeiten von Soldaten in der Kirche kam, es gibt zahlreiche Fotos davon. „Es gab kaum einen kirchlichen Feiertag, an dem nicht die Verbände mit ihren Fahnen in der Kirche waren“ erinnert sich Dr. Pleß. Auch Pleß hoffte damals, unmittelbar nach dem „Tag von Potsdam“, der neue Staat würde zu einer neuen Kirchlichkeit führen. Pleß hatte sich gewaltig getäuscht. Wenn man seine „Memorabilia“ liest, seine Erinnerungen an die Zeit im Prerower Pfarramt, dann sieht man, wie schon bald er enttäuscht war von den Nationalsozialisten, die ihm zunehmend Probleme bereiteten und seine Gottesdienste durch HJ-Aufmärsche genau zur Gottesdienstzeit direkt vor der Kirche störten.

Dieser Pastor Dr. Wilhelm Pleß (er hatte auch schon den Neubau der Kirche in Born begleitet und 1934 dort den Grundstein gelegt und 1935 das Kirchlein eingeweiht. Im „Darßer Boten“ war anlässlich dieses Ereignisses zu lesen: „Die Verbände waren angetreten“ ….), dieser Pastor Dr. Wilhelm Pleß also kam nach dem Kriege, nach dem fatalen Ende des Hitlerfaschismus, nachdem all die Verbrechen des Nationalsozialismus an die Öffentlichkeit kamen – im Jahre 1949 in Kontakt mit dem jungen Architekturstudenten Hardt-Waltherr Hämer, der nun in Ahrenshoop ein Kirchlein errichten wollte. Die Zeiten hatten sich geändert, Hitler war tot, führende Nationalsozialisten hatten vor Gericht gestanden oder sich das Leben genommen; die ehemaligen Verbündeten standen nun im zunehmend kälter werdenden Kalten Krieg gegeneinander, Deutschland wurde geteilt, im Osten regierte ein klar antikirchliches Regime unter Walter Ulbricht. Wieder war da eine politisches System angetreten, das den Menschen das Heil der Welt versprach.
Da machte Pastor Pleß nach all seinen Erfahrungen nicht mehr mit.

Er bestand darauf, eben jenes Zitat aus dem Johannes-Evangelium an die Altarwand zu bringen, das ihm offensichtlich ganz besonders wichtig war. Die Botschaft des Pastors: keine Staats-Doktrin, kein „nationaler Sozialismus“, auch kein Sozialismus Moskauer Prägung bringt die Erlösung für die Welt, Christus allein. „Niemand kommt zum Vater denn durch mich“ sagt der Nazarener. Das ist eine glasklare Abgrenzung gegen alle Ideologien. So sollte es geschrieben werden an die Wand hinter dem Altar in Ahrenshoop. So, daß man die Schrift sofort lesen konnte, wenn man die Kirche betrat.
Wir haben gesehen: Der Vers ist ein Zitat aus dem Johannes-Evangelium. Aber: es ist noch mehr: denn es ist die These 1 der Barmer Theologischen Erklärung von 1934.

Das nun ist im Zusammenhang der Jahre 1949/1951 sehr interessant.
Denn die Barmer Theologische Erklärung von 1934, wesentlich verfasst von Prof. Karl Barth, unterstützt von Dietrich Bonhoeffer und anderen, war die Kampfansage der „Bekennenden Kirche“ gegen die „Deutschen Christen“, gegen die Staats-Ideologie der Nazi-Zeit.
Und genau daran erinnert sich nun der alt gewordene Pastor in Prerow. Was wir hier an der Inschrift am Altar sehen können, ist eine Art Testament eines Pastors, der sich geirrt hatte. Wir sehen seine gewandelte Weltsicht. Wir sehen einen Pastor, der gegen Ende seiner langen Amtszeit zur Klarheit der biblischen Botschaft zurückgekehrt ist. Wir können an diesem Denk-Mal sehen, wie sich die Denkweise von Dr. Pleß verändert hat. Er träumt nicht mehr von der „nationalen Erweckung“, wie Anfang der Dreißiger Jahre, er weiß ja nun, wohin diese Verirrung geführt hat. Jetzt kehrt er zurück zum Thema seiner Doktorarbeit und er zitiert nun mit dem Vers aus dem Johannes-Evangelium die These 1 der Barmer Theologischen Erklärung. Dort heißt es: „Jesus Christus spricht: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. (Joh. 14,6)
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht zur Tür hineingeht in den Schafstall sondern steigt anderswo hinein, der ist ein Dieb und Räuber. Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden. (Joh 10,1.9)
Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.
Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“

Die Barmer Theologische Erklärung wandte sich gegen die theologischen Verirrungen der „Deutschen Christen“ während der Hitler-Diktatur. Sie ist eines der wenigen schriftlichen Zeugnisse des kirchlichen Widerstandes im Dritten Reich. Sie gehört zu den auch heute geltenden Bekenntnisschriften der evangelischen Christenheit, denn sie widerspricht allen Ideologien, die den Menschen Heil versprechen – ein Versprechen, das Menschen nicht erfüllen können.

Diese Abgrenzung gegen alle Ideologien steht nun seit 1951 mit ihrem ersten Hauptsatz geschrieben an der Altarwand des kleinen Kirchleins von Ahrenshoop.
Was für ein Denk-Mal!

Ahrenshoop Schifferkirche – Die Orgel

Ahrenshoop Schifferkirche – Die Orgel

Ende April 2026 beginnen die 13. Orgeltage in Ahrenshoop. Eine schöne Gelegenheit, vorab etwas zur Geschichte der Orgel zu notieren.

Gebaut hat sie Kristian Wegscheider, ein gebürtiger Ahrenshooper, der in Dresden seine Orgelbauwerkstatt hat. Die Orgel wurde im Jahre 2013 eingeweiht. Kristian Wegscheider ist ein Mann mit einem schönen Humor, wie man am hier eingefügten kurzen Video-Clip mit seinem fröhlichen Lied vom Zees-Boot sehen kann, den der Ahrenshooper Küster und Lektor der Kirchgemeinde, Klaus Czerwinski anlässlich eines längeren Interviews vom NDR mit Kristian Wegscheider aufgenommen hat.

Das ganze Interview des NDR von 2024 mit Kristian Wegscheider (am Ende geht es auch um die Orgel in Ahrenshoop) kann man hier hören:

Die technischen Details der Orgel hat der Förderverein der Schifferkirche in seiner Broschüre genauer erklärt.

Die Orgeltage in Ahrenshoop werden künstlerisch von Kirchenmusikdirektorin Annedore Baumgarten betreut, sie ist auch gewissermaßen die „Erfinderin“ dieser besonderen Tage, in deren Zentrum die kleine Orgel in Ahrenshoop steht. Ihr gelingt es immer wieder, exzellente Interpreten nach Ahrenshoop zum Konzert zu holen. Die diesjährigen Orgeltage beginnen am 30. April 2026 mit Philipp Spielmann aus Wittenberg.

Schifferkirche Ahrenshoop – Innenraum

Schifferkirche Ahrenshoop – Innenraum

Wenn man durch die kleine Eingangstür des Kirchleins eingetreten ist – von den Zeichen über der Tür hatte ich ja schon geschrieben1 – wird man eingehüllt in eine warme Atmosphäre, die dem vielen Holz geschuldet ist, das der damalige Architekturstudent Hardt-Waltherr Hämer (*13.4.1922 in Hagen bei Lüneburg – +27.9.2012 in Ahrenshoop) für sein erstes größeres Werk als bestimmenden heimischen Baustoff ausgewählt hatte.

Gleichzeitig aber wird man konfrontiert. Mitten in der Altarwand, mit Goldschrift in eigens von Doris Oberländer-Seeberg (*12.1.1903 in Dorpat (Tartu/Estland) – +27.5. 1989 in Ahrenshoop) entworfener Schrift geschrieben, liest man einen rätselhaften Satz: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ Ich werde auf diesen rätselhaften Satz noch in einem eigenen Beitrag näher eingehen. Für den Moment soll uns genügen, daß wir diese „Konfrontation“, diese „Ansage“ wahrnehmen.

Ich schreibe diesen Text am Gründonnerstag in der Karwoche des Jahres 2026. Wir leben in einer Zeit voller Kriege, Konflikte, Ungewissheiten. Viele Menschen machen sich Sorgen über den Zustand der Welt. Wer wach und aufmerksam unsere Zeiten wahrnimmt und wer vielleicht aufgewachsen ist in christlicher Kultur, dem mag der Gedanke wohl nicht allzu fern liegen, der da lautet: „auch in unserer Welt wird die Liebe getötet. Täglich wird sie ans Kreuz genagelt. So ist diese Welt eingerichtet.“ Mit anderen Worten: Passion findet täglich statt. Auch in der Karwoche des Jahres 2026.

Wir leben in einer bedrückenden, von Konflikten, Hass und Streit bestimmten Situation – auch bei uns im Lande -, in der es gut und sinnvoll ist, Orte der Stille und der Besinnung aufzusuchen. Orte der Stille und der Besinnung – das sind sehr besondere Orte. Denn sie sind extra dafür gebaut worden, damit Menschen sie aufsuchen und wieder Orientierung gewinnen können. Orte, in denen es möglich ist, einmal wieder Abstand zu nehmen vom nicht selten bedrückenden Alltag. Orte, in denen man sein Leben bedenken kann. Die „stille Woche“ vor Ostern, die Karwoche, ist eine gute Gelegenheit dafür.

Unsere kleine Schifferkirche bietet für solches Nach-Denken und Zu-sich-kommen einen Schutz-Raum an. Klaus Czerwinski aus Ahrenshoop, dessen Foto oben eingefügt ist, hat die Atmosphäre im Innenraum präzise eingefangen.

Das Ahrenshooper Kirchlein ist ein Ort der Besinnung und Stille.

Nicht nur in der Karwoche.

Gut, dass sie da ist und aufgesucht werden kann.

  1. wer die Beiträge über das Kirchlein kontinuierlich verfolgen möchte, kann auch unsere Facebook-Seite abonnieren, die nur dem kleinen Kirchlein an der Küste der Ostsee gewidmet ist. ↩︎

Schifferkirche Ahrenshoop – Der Eingang

Schifferkirche Ahrenshoop – Der Eingang

Wenn man die Kirche betreten will, muss man durch die kleine verglaste Eingangstür. Viele Menschen öffnen diese Tür einfach wie man eben eine Tür öffnet und betreten den Kirchenraum, wie man halt einen Raum betritt. Nicht wenige Menschen haben aber gerade etwas übersehen: Über der Tür nämlich sind 3 Zeichen angebracht. Ein „A“ vielleicht? In der Mitte ein durchkreuztes „P“ vielleicht und rechts vielleicht ein „O“? Für nicht wenige Menschen sind diese Zeichen völlig rätselhaft. „Irgendwas mit Kirche“ denkt man sich vielleicht flüchtig. Wollen wir uns also diesen rätselhaften Zeichen nähern:

Wenn ich im Herbst eines Jahres als Kurpastor auch in Ahrenshoop bin, setze ich mich hin und wieder einfach in die kleine Kirche und nehme wahr, was da um mich herum passiert. Ich nehme Menschen wahr, die still in der Bank sitzen, schauen, ruhig sind, Pause machen. Vielleicht sprechen sie ein Gebet, vielleicht denken sie an ihre Familie oder an Freunde oder daran, daß sie nun, am Ende ihres Urlaubs, wieder auf die Reise müssen. Vielleicht denken sie an den Unfall zurück, der sie in die nahe gelegene Reha-Klinik geführt hat. Vielleicht denken sie voller Sorge an eine unangenehme Behandlung, die ihnen noch bevorsteht. All das weiß ich nicht. Ich sehe nur Menschen, die still in der Kirchenbank sitzen.

Andere Menschen nehme ich wahr, die kommen mit schon gezückten Fotoapparaten in die Kirche gestürmt. Sie öffnen laut die Tür, sprechen, wenn sie den Raum betreten, sie nehmen auch nicht die Kopfbedeckung ab, all das ist ihnen nicht vertraut, sie wollen nur „ein schnelles Foto“ machen, gehen auch gleich bis ganz nach vorn durch, würden am liebsten auch den kleinen Altarraum erstürmen. Sie sind sehr unruhig, wollen schnell das ihrer Meinung nach Wichtigste „mitnehmen“, sind keine fünf Minuten in der Kirche – und schon sind sie wieder draußen auf ihrem weiteren Weg. Und haben das vielleicht Wichtigste dieses Raumes gar nicht bemerkt.

Ich sitze während des Überfalls in der Kirchenbank und denke daran, daß all diese Menschen gerade unter diesen drei Zeichen da über der Eingangstür hindurchgegangen sind. Manche haben die Zeichen bemerkt, andere haben sie übersehen. Egal, ob man die Zeichen bemerkt hat oder nicht – sie gelten. Sie sind aus Stahl gefertigt. Stehen fest und klar oben über der Eingangstür.

Diese drei Zeichen wurden mit großem Bedacht ausgewählt und genau dort angebracht, wo man sie jetzt findet: über dem Eingang. Sie tragen eine Botschaft. Sie gelten für alle Menschen, die die Schifferkirche betreten, sie sind wie ein stiller unaufdringlicher Segensspruch, der für alle gilt, die diesen schönen Ort aufsuchen, deswegen stehen sie über dem Eingang.

„Komm herein und setze Dich, Du bist hier willkommen. Auch für Dich und Dein Leben gilt: „Christus ist das Alpha und das Omega. Er ist der Anfang von allem und das Ende von allem. Er ist alles in allem. Hier ist alles, was Du in Deinem tiefsten Innern suchst.“
Dabei stehen „Alpha“ und „Omega“ für den ersten und den letzten Buchstaben des griechischen Alphabets, für „Anfang“ und „Ende“ also. Und in der Mitte? Da sehen wir ein griechisches „chi“ für unser „ch“ und ein griechisches „ro“ für unser „r“ – der Beginn des griechischen Wortes „christós“, das wir als „Christus“ kennen und oft mit einem Eigennamen verwechseln, obgleich es sich um einen Titel handelt. In den zwei Buchstaben „chi“ und „ro“ ist ein Glaubensbekenntnis versteckt: ausgeschrieben heißt dieses Bekenntnis: „Ich glaube, dass der Zimmermannssohn Jesus von Nazareth, von dem im Neuen Testament die Rede ist, der erwartete Heiland der Welt ist – der „Christós“. Das „Chi-Ro“, das Christusmonogramm, ist neben Kreuz und Fisch das am häufigste Symbol für Jesus Christus seit der Antike. Wenn der Architekt also das Christusmonogramm über den Eingang der jüngsten der drei Kirchen der Kirchgemeinde Prerow anbringt, wenn er seiner modernen Architektur dieses antike Symbol anfügt und sogar prominent ganz vorn, gleich über dem Eingang anbringt, dann stellt er den gesamten Bau in eine über tausendjährige Tradition. Diese moderne Kirche „knüpft an“ an die uralte Geschichte der Christenheit und wiederholt eines der ältesten Zeichen der Christenheit – das Christusmonogramm „Chi-Ro“.

Wir haben also „Alpha“ – „Chi-Ro“ – und „Omega“.
Die drei Zeichen über Tür bedeuten nun, insgesamt gelesen:
„Der Erlöser der Welt, der Heiland, der „christós“, dem dieses Haus geweiht ist, und der „in der Mitte“ angebracht ist, der ist der Anfang und das Ende von allem, was ist.“
Er steht also auch über Deinem Leben, so, wie diese drei Buchstaben über der Tür stehen, durch die Du gerade gegangen bist. Manchmal bemerkst Du es, oft bemerkst Du es gar nicht.

Wenn Du also das nächste Mal die schöne kleine Schifferkirche in Ahrenshoop betrittst, achte einmal auf diese drei Zeichen gleich über der Eingangstür. Du Mensch, der Du als Besucher, als Urlauber, als flüchtiger Gast, als Kranker vielleicht, als Suchender vielleicht, als Dankbarer vielleicht dieses Haus Gottes betrittst – auch für Dich gilt, was da oben über der Tür geschrieben steht: Gott ist der Anfang und auch die Erfüllung Deines Lebens. Er steht über Deinem Leben und hält Dich, ob Du es bemerkst oder nicht. Du kannst ihm vertrauen und Deinen Weg weitergehen als gesegneter Mensch.

Anmerkung: wenn Sie unseren Beiträgen über die Schifferkirche in Ahrenshoop kontinuierlich folgen möchten, können Sie auch die Seite bei Facebook abonnieren, die Sie über folgenden QR-Code erreichen können: