Johannes R. Becher und die Schifferkirche in Ahrenshoop

Johannes R. Becher und die Schifferkirche in Ahrenshoop

Ohne Johannes R. Becher stünde die Schifferkirche in Ahrenshoop wohl nicht.

Wie aber kam der spätere Kulturminister Walter Ulbrichts, der Präsident des Kulturbundes der DDR, Johannes R. Becher (22.5.1891 – 11.10.1958) dazu, mitten im Kalten Krieg, der ja auch ein Kampf der atheistischen Regierung der DDR gegen die Kirche war, in den Jahren 1949-1951 (Einweihung der Kirche 1951) den Neubau einer Kirche im nördlichen Grenzgebiet der DDR zu unterstützen?

Ich nehme die Spur bei Hardt-Walther Hämer auf, dem Architekten der kleinen Kirche. Der schreibt in seinem „Bautagebuch“ mit Datum 15.11.1950 (nach einer Reihe sehr komplizierter Bauverzögerungen): „AN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN, Institut für Bauwesen, Abteilung Siedlungswesen in Berlin geschrieben und gleich mit Plänen und Modellfotos hingegangen. Wollte zu Direktor Scharoun. Auf dem Wege dahin, im großen Dachboden, kommt Hermann Henselmann auf mich zu und fragt mich aus, guckt auf die Fotos und winkt mich in sein Büro (an den Wänden hängen und auf den Tischen liegen die Pläne zur Stalinallee in neuer Fassung). Anruf bei Johannes R. Becher, dem Vorsitzenden des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands. Henselmann befürwortet den Kirchenbau – das passt genau nach Ahrenshoop – und zu mir, ich soll die Kirche bauen, aber dann gäbe es Wichtiges in Berlin zu tun.“

Am 21. 11. 1950 notiert Hämer: „Schreiben Kulturbund Berlin … „Wir wären Ihnen jedenfalls sehr dankbar, wenn Sie uns zu gegebener Zeit davon verständigen würden, wenn der Kapellenbau abgeschlossen ist“.

Wir wissen nun: Hermann Henselmann (3.2.1905 – 19.1.1995), späterer Chefarchitekt bei Walter Ulbricht (Fernsehturm, Stalin-Allee, Uniturm Jena etc. ), der den Architekten Hämer Senior vom Bauhaus her kannte, hat sich bei Becher für Hämer jun. eingesetzt. Offenbar mit Erfolg.

Wie aber wird erklärlich, daß Becher die Sache unterstützte in einer Zeit, in der alles andere wahrscheinlicher war als ein Kirchenneubau?

Ich habe mich deshalb an Jens Dwars gewandt. Der Jenenser hat zwei Becher-Biografien geschrieben. Es gibt auch einen Dokumentarfilm von ihm über J.R. Becher. Ich wollte zwei Fragen klären:

  1. hat er schriftliches Material über die Affäre Bechers mit Doris Oberländer-Seeberg, der Innenarchitektin der Kirche?
  2. was weiß Dwars über die Religiosität von J.R. Becher?

Herr Dwars schrieb zu meiner ersten Frage: „Die Liebesaffären oder Amouren Bechers waren so zahlreich, daß ich nur wenigen nachging, die Spuren im Werk hinterlassen haben. …. Es wäre ja ein leichtes, Becher als Lustmolch zu entlarven, zumal noch als stalinistischen … Die wohlfeile Moralkeule zu schwingen und dabei die Sensationsgier der Leute anzustacheln. Mit diesem Rezept hätten meine beiden Becher-Biografien die Chance gehabt, Bestseller für eine Saison zu sein. Mir war aber bei meiner Langfassung der Gang durch die Epoche wichtiger. … Das nur zur Erklärung, warum ich den „Frauengeschichten“ im einzelnen nicht nachging. … Einen Briefwechsel zwischen Becher und Doris Oberländer-Seeberg kenne ich nicht. …. Allerdings hat JRG solche Briefe kaum aufbewahrt, und wenn, so dürfte seine Witwe sie eher vernichtet haben.“

Allerdings hat Becher wegen dieser Geschichte „sein“ Ahrenshoop, das er unter Denkmalschutz stellen ließ und zu einer „Künstlerkolonie ausbauen“ wollte, „fluchtartig“ verlassen, wohl auch auf Druck der Partei, worauf Prof. Markschies in einem Facebook-Beitrag über Ahrenshoop und seinen alten Friedhof hingewiesen hat.

Dwars schrieb mir zur Fertigstellung der Kirche 1951: „Leider kam JRB wohl nicht mehr in die Versuchung dies alles in toto wahrzunehmen. Der Kalte Krieg und dessen Spiegelung in den innerparteilichen Kämpfen nahmen ihn gefangen. Auch deshalb muß er Ahrenshoop aufgeben, zieht er sich nach Bad Saarow zurück, in einen Bungalow am See, der von Berlin aus schneller zu erreichen ist. Dorthin nimmt er John mit, seinen Sohn, der 1938 aus Brünn mit Bechers zweiter Frau nach England geflohen ist. …. Was Vater und Sohn miteinander im Saarower Abseits besprachen, ist so wenig überliefert wie die Ahrenshooper und andere vertraute Gespräche.“

Und was ist mit Bechers Religiosität?

Dazu schrieb mir Herr Dwars:
„Becher war religiös im ursprünglichsten und problematischsten Sinne: auf der Suche nach Glauben, süchtig nach Glauben …. pathetisch: die Seins-Verlorenheit des vereinzelten Einzelnen, der nach etwas „Höherem“ verlangt, wofür er sich aufopfern, was ihm Sinn verleihen kann. Sein Lieblingszitat aus Hölderlins „Diotima“: „….gäb es eine Fahne, Götter! …, ein Thermopylae, wo ich mit Ehren sie verbluten könnte, all die einsame Liebe, die mir nimmer brauchbar ist!“ Nach einer solchen „Fahne“ sucht er, mit einem halb verdauten Nietzsche im Magen, sein Leben lang. Mit 19 begeht er mit einer Frau, die aus dem Leben gehen will, einen Doppelselbstmordversuch, den er nach vierstündiger OP mit Glück überlebt. 1916 tritt er der USPD bei, 1919 der KPD, schreibt Gedichte unter dem Titel „Zion“ …. Er will Sprecher, Sänger eines Allverbindenden sein. So schreibt er 1919 auf Hiddensee mit expressionistischer Inbrunst das Festspiel „Arbeiter Bauern Soldaten. Der Aufbruch eines Volks zu Gott“, 1920 erscheinen seine Hymnen „Um Gott“ ….
Auch die DDR-Staatshymne kündet von dieser Religiosität: „Auferstanden aus Ruinen….“ das meint mehr als bloßen Wiederaufbau. Wie er selbst als Dichter aus seinem Selbstmordversuch wiederauferstehen wollte, so sollte Deutschland wie Phönix aus seiner Selbstverbrennung auferstehen … Ein „deutsches“ Denk-Motiv, das sich auch bei Kleist findet, dessen Selbstmord er nachahmt und den Becher in seiner Debüt-Hymne beschwört: die Gegensätze sollen ineinander umschlagen, durch die Hölle führt der Weg ins Paradies – heißt es in Kleists Marionetten-Aufsatz. Und genau diese Spekulation kehrt in Thomas Manns „Doktor Faustus“ wieder. Mann wiederum sah dies bedenklich Religiöse an Becher, über den er zum 60. Geburtstag schrieb: „Als sein Wesen empfand ich eine Selbstlosigkeit, rein wie die Flamme, und verzehrend wie sie; eine bis zum Leiden inbrünstige Dienstwilligkeit, die sein Dichten und Schreiben ganz und gar durchdringt, ein Gemeinschaftsethos das ihn seelisch zum Kommunisten prädisponiert….“
Daher auch Bechers Gründung eines Kulturbundes – was die Sowjetoffiziere mit Skepsis sahen, denn es erinnerte sie an den jüdischen Bund, Bund heiße im Russischen „Zusammenrottung“ … Und natürlich klingt der Bund Jahwes dabei mit, einer der engsten Freunde des Expressionisten JRB war Ludwig Meidner, mit dem er nächtelang über diesen Bund des „auserwählten Volkes“ mit Gott sprach …. Das expressiv Feuerige, nahe am Fanatischen, hatte der Politiker JRB nach 45 abgelegt, Stalin und Hitler hatten es ihm ausgetrieben, aber es schwang noch mit in seinem durchaus klugen und ernst gemeinten Bemühen, ein breites Bündnis für den Aufbau eines anderen Deutschlands zu ermöglichen. Grundmotiv all seiner Kulturbund-Reden von 1945 bis 1948 war die „Freiheit des Andersdenkenden“, genau im Sinne Rosa Luxemburgs gegen Lenin. Weshalb er 1946 aus dem Parteivorstand der SED ausgeschlossen wurde, weil er bei den Berlin-Wahlen für die SPD sprach ….“

Soweit aus dem Antwortschreiben von Jens Dwars auf meine Frage, was er über die Religiosität J.R. Bechers zu sagen wisse.

Nun lichtet sich der Nebel etwas und wir können klarer sehen, weshalb der Präsident des Kulturbundes der sich als atheistisch verstehenden DDR in „seinem Ahrenshoop“, in dem er den ersten und letzten gesamtdeutschen Schriftstellerkongreß vorbereitet hatte, mitten im Kalten Krieg, aber eben ganz im Sinne des „Kultur-Bundes“ aller Wohlmeinenden, also unter Herbeiziehung auch der „Kirchenleute“, sicher auch verstärkt durch die persönliche Beziehung zur Pfarrerstochter Doris Oberländer-Seeberg, die später die Inneneinrichtung der Kirche übernahm, den Bau des kleinen Kirchleins unterstützte. Das zunächst Überraschende wird nun verstehbar.

Ohne Johannes R. Becher jedenfalls, den Kulturminister Ulbrichts und Präsidenten des Kulturbundes der DDR, stünde die kleine Kirche in Ahrenshoop nicht.

Schifferkirche Ahrenshoop – Die Orgeltage. Mit einer musikalischen Rarität.

Schifferkirche Ahrenshoop – Die Orgeltage. Mit einer musikalischen Rarität.

Anne-Dore Baumgarten, emeritierte Kirchenmusikdirektorin aus Wittenberg, seit langen Jahren heimisch auf dem Fischland in Wustrow, hat sie erfunden: die Ahrenshooper Orgeltage. Diese Orgeltage wurden möglich, als der Ahrenshooper Orgelbauer Kristian Wegscheider die neue Orgel für die Schifferkirche fertiggestellt hatte. Eingeweiht wurde sie im Januar 2013. Es gab damals sogar eine Festschrift aus Anlaß der Weihe der Wegscheider-Orgel, die ich gestern in den Unterlagen fand, die mir dankenswerter Weise Herr Dr. Ing. Bernd Reimers zur Verfügung gestellt hatte. Dr. Reimers kennt die kleine Kirche wie kaum ein anderer, er war gemeinsam mit Prof. Hämer wesentlich für ihre Restaurierung und Erweiterung verantwortlich. Wer das Titelbild dieses Beitrages genau anschaut, das ich hier noch mal komplett in den Beitrage einfüge, findet auf der linken Seite der Festschrift einen kleinen QR-Code.

Die Festschrift von der Orgelweihe ist aber schon 13 Jahre alt – ob der QR-Code wohl noch funktioniert? Ich habe es ausprobiert und fand eine Rarität: das einzige Tondokument von der Einweihung der Orgel. Im Januar 2013 war das, man sieht im Video links noch den Weihnachtsbaum stehen. Da war jemand so freundlich und hat einfach, mitten aus dem Publikum – vermutlich, ohne lange zu fragen, mit seinem Smartphone 6 Minuten Orgelmusik eingefangen. Das ist keine Studio-Aufnahme, ganz gewiss nicht. Aber es ist ein schönes Zeit-Dokument. Zu hören sind Musikstücke, die die einzelnen Register der Orgel vorstellen und die Klangfülle des Instrumentes zumindest vorstellbar machen, es lohnt, die 6 Minuten ganz anzuhören. Freunde der Orgelmusik werden heraushören können, welche Register da gerade gezogen wurden. Die Festschrift anlässlich der Orgelweihe hat die eingebauten Register der Orgel fein notiert:

Wer sein Handy gerade nicht zur Hand hat, um den QR-Code zu scannen, dem sei das Tondokument hier zur Verfügung gestellt:

Anne-Dore Baumgarten ist es mit den Orgeltagen immer wieder gelungen, sehr namhafte Organisten nach Ahrenshoop zu bekommen. Das ist auch in diesem Jahr wieder der Fall. Für die Organisten ist es eine schöne Herausforderung, Stücke, die für große Orgeln geschrieben wurden, auf dem pfiffig gebauten Wegscheider-Instrument zu interpretieren.
Hingehen lohnt sich. Die diesjährigen Orgeltage 2026, die nun schon zum 13. mal stattfinden, beginnen am Donnerstag, 30. April um 12 Uhr mit einer Orgelandacht, in der KMD Anne-Dore Baumgarten selbst spielen wird. Am Freitag, 1. Mai gibt es um 20 Uhr ein Orgelkonzert plus Alt-Solostimme. Es musizieren Martin Rost (Stralsund) und Britta Schwarz (Dresden). Der Samstag, 2. Mai bringt ein Konzert mit David Schirmer (Berlin). Täglich gibt es Orgelandachten um 12 Uhr. Es besteht also auch in diesem Jahr 2026 reichlich Gelegenheit, das schöne Instrument zu erleben.

Und wer Informationen rund um die Schifferkirche Ahrenshoop kontinuierlich verfolgen möchte, der kann die Facebook-Seite vom Freundeskreis der Schifferkirche Ahrenshoop abonnieren, der hier verlinkt ist.

Schifferkirche Ahrenshoop-die Inschrift an der Altarwand

Schifferkirche Ahrenshoop-die Inschrift an der Altarwand

„Siehst Du die Schrift dort an der Wand?“ fragt Daniel den König Belsazar von Babylon. Eine berühmte Frage aus dem Alten Testament, die den Königen dieser Welt immer wieder gestellt wurde.

„Verstehst Du auch, was sie bedeutet?“ können wir ergänzen.

Wenn man die Schifferkirche in Ahrenshoop durch die schmale Pforte an der Westseite betritt, wird man mit der goldenen Schrift an der Wand des Altars konfrontiert. (Ich habe das Foto von Klaus Czerwinski etwas bearbeitet, damit man die Schrift besser lesen kann):

„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich“ steht da geschrieben. Ein Zitat aus dem Johannes-Evangelium (Johannes 14, Vers 6), dem jüngsten der überlieferten vier Evangelien, die in der Bibel stehen, entstanden etwa zwischen 85 und 100 nach Christus. Wir wollen versuchen, uns diesem alten Zitat zu nähern.

Bei einem ausführlichen Telefonat mit Herrn Architekten Bernd Reimers, der die baulichen Angelegenheiten der Schifferkirche in Ahrenshoop über lange Jahre sehr sachkundig begleitet hat und sehr vertraut ist mit ihren Details erfuhr ich, daß es beim Bau des Kirchleins Streit gegeben hätte um diese Inschrift. Eigentlich sollte nach dem Willen von Frau Oberländer der Vers aufgebracht werden, der jetzt auf dem Grabstein von Frau Doris Oberländer-Seeberg steht, die ja wesentlich an der Innenausstattung der Kirche beteiligt war und die auch eigens eine Schriftform für die Altar-Inschrift entwickelt hat. Der dokumentierte Streit ging jedoch anders aus, denn Pastor Dr. Wilhelm Pleß aus Prerow setzte sich durch. Er wollte jenes Zitat aus dem Johannes-Evangelium an der Altarwand direkt gegenüber vom Eingang des Kirchleins geschrieben sehen. Warum sollte es gerade dieser Vers sein?

Dr. Wilhelm Pleß (geboren 1895, Pastor in Prerow von 1931-1961) hatte nach seinem Theologiestudium über das Johannes-Evangelium promoviert. Er war sehr vertraut mit dieser biblischen Schrift. Aber: Dr. Wilhelm Pleß war auch ein, sagen wir es vorsichtig, überaus konservativer Mensch, der ab 1933 den „Deutschen Christen“ nahestand, jenen Kirchenleuten also, deren extremste Vertreter der Ansicht waren, in der Gestalt Adolf Hitlers sei Christus wiedergekehrt. Von Frau Pleß berichtete man später, sie sei treue NSDAP-Wählerin gewesen. Wenn man den „Darßer Boten“ liest, der im Pfarrarchiv in Prerow aufbewahrt wird, jenes Gemeindeblatt, in dem Dr. Pleß die Gemeinde über sie interessierende Angelegenheiten informierte, kann man schnell erkennen, wie „D.C.freundlich“ er war. Er hoffte zu Beginn der Hitler-Diktatur (wie viele andere Pastoren) auf eine neue Zuwendung zur Kirche, es waren ja jene Jahre, in denen es zu Masseneintritten in die Kirche kam, Jahre, in denen es auch zu Massenhochzeiten von Soldaten in der Kirche kam, es gibt zahlreiche Fotos davon. „Es gab kaum einen kirchlichen Feiertag, an dem nicht die Verbände mit ihren Fahnen in der Kirche waren“ erinnert sich Dr. Pleß. Auch Pleß hoffte damals, unmittelbar nach dem „Tag von Potsdam“, der neue Staat würde zu einer neuen Kirchlichkeit führen. Pleß hatte sich gewaltig getäuscht. Wenn man seine „Memorabilia“ liest, seine Erinnerungen an die Zeit im Prerower Pfarramt, dann sieht man, wie schon bald er enttäuscht war von den Nationalsozialisten, die ihm zunehmend Probleme bereiteten und seine Gottesdienste durch HJ-Aufmärsche genau zur Gottesdienstzeit direkt vor der Kirche störten.

Dieser Pastor Dr. Wilhelm Pleß (er hatte auch schon den Neubau der Kirche in Born begleitet und 1934 dort den Grundstein gelegt und 1935 das Kirchlein eingeweiht. Im „Darßer Boten“ war anlässlich dieses Ereignisses zu lesen: „Die Verbände waren angetreten“ ….), dieser Pastor Dr. Wilhelm Pleß also kam nach dem Kriege, nach dem fatalen Ende des Hitlerfaschismus, nachdem all die Verbrechen des Nationalsozialismus an die Öffentlichkeit kamen – im Jahre 1949 in Kontakt mit dem jungen Architekturstudenten Hardt-Waltherr Hämer, der nun in Ahrenshoop ein Kirchlein errichten wollte. Die Zeiten hatten sich geändert, Hitler war tot, führende Nationalsozialisten hatten vor Gericht gestanden oder sich das Leben genommen; die ehemaligen Verbündeten standen nun im zunehmend kälter werdenden Kalten Krieg gegeneinander, Deutschland wurde geteilt, im Osten regierte ein klar antikirchliches Regime unter Walter Ulbricht. Wieder war da eine politisches System angetreten, das den Menschen das Heil der Welt versprach.
Da machte Pastor Pleß nach all seinen Erfahrungen nicht mehr mit.

Er bestand darauf, eben jenes Zitat aus dem Johannes-Evangelium an die Altarwand zu bringen, das ihm offensichtlich ganz besonders wichtig war. Die Botschaft des Pastors: keine Staats-Doktrin, kein „nationaler Sozialismus“, auch kein Sozialismus Moskauer Prägung bringt die Erlösung für die Welt, Christus allein. „Niemand kommt zum Vater denn durch mich“ sagt der Nazarener. Das ist eine glasklare Abgrenzung gegen alle Ideologien. So sollte es geschrieben werden an die Wand hinter dem Altar in Ahrenshoop. So, daß man die Schrift sofort lesen konnte, wenn man die Kirche betrat.
Wir haben gesehen: Der Vers ist ein Zitat aus dem Johannes-Evangelium. Aber: es ist noch mehr: denn es ist die These 1 der Barmer Theologischen Erklärung von 1934.

Das nun ist im Zusammenhang der Jahre 1949/1951 sehr interessant.
Denn die Barmer Theologische Erklärung von 1934, wesentlich verfasst von Prof. Karl Barth, unterstützt von Dietrich Bonhoeffer und anderen, war die Kampfansage der „Bekennenden Kirche“ gegen die „Deutschen Christen“, gegen die Staats-Ideologie der Nazi-Zeit.
Und genau daran erinnert sich nun der alt gewordene Pastor in Prerow. Was wir hier an der Inschrift am Altar sehen können, ist eine Art Testament eines Pastors, der sich geirrt hatte. Wir sehen seine gewandelte Weltsicht. Wir sehen einen Pastor, der gegen Ende seiner langen Amtszeit zur Klarheit der biblischen Botschaft zurückgekehrt ist. Wir können an diesem Denk-Mal sehen, wie sich die Denkweise von Dr. Pleß verändert hat. Er träumt nicht mehr von der „nationalen Erweckung“, wie Anfang der Dreißiger Jahre, er weiß ja nun, wohin diese Verirrung geführt hat. Jetzt kehrt er zurück zum Thema seiner Doktorarbeit und er zitiert nun mit dem Vers aus dem Johannes-Evangelium die These 1 der Barmer Theologischen Erklärung. Dort heißt es: „Jesus Christus spricht: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. (Joh. 14,6)
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht zur Tür hineingeht in den Schafstall sondern steigt anderswo hinein, der ist ein Dieb und Räuber. Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden. (Joh 10,1.9)
Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.
Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“

Die Barmer Theologische Erklärung wandte sich gegen die theologischen Verirrungen der „Deutschen Christen“ während der Hitler-Diktatur. Sie ist eines der wenigen schriftlichen Zeugnisse des kirchlichen Widerstandes im Dritten Reich. Sie gehört zu den auch heute geltenden Bekenntnisschriften der evangelischen Christenheit, denn sie widerspricht allen Ideologien, die den Menschen Heil versprechen – ein Versprechen, das Menschen nicht erfüllen können.

Diese Abgrenzung gegen alle Ideologien steht nun seit 1951 mit ihrem ersten Hauptsatz geschrieben an der Altarwand des kleinen Kirchleins von Ahrenshoop.
Was für ein Denk-Mal!

Ahrenshoop Schifferkirche – Die Orgel

Ahrenshoop Schifferkirche – Die Orgel

Ende April 2026 beginnen die 13. Orgeltage in Ahrenshoop. Eine schöne Gelegenheit, vorab etwas zur Geschichte der Orgel zu notieren.

Gebaut hat sie Kristian Wegscheider, ein gebürtiger Ahrenshooper, der in Dresden seine Orgelbauwerkstatt hat. Die Orgel wurde im Jahre 2013 eingeweiht. Kristian Wegscheider ist ein Mann mit einem schönen Humor, wie man am hier eingefügten kurzen Video-Clip mit seinem fröhlichen Lied vom Zees-Boot sehen kann, den der Ahrenshooper Küster und Lektor der Kirchgemeinde, Klaus Czerwinski anlässlich eines längeren Interviews vom NDR mit Kristian Wegscheider aufgenommen hat.

Das ganze Interview des NDR von 2024 mit Kristian Wegscheider (am Ende geht es auch um die Orgel in Ahrenshoop) kann man hier hören:

Die technischen Details der Orgel hat der Förderverein der Schifferkirche in seiner Broschüre genauer erklärt.

Die Orgeltage in Ahrenshoop werden künstlerisch von Kirchenmusikdirektorin Annedore Baumgarten betreut, sie ist auch gewissermaßen die „Erfinderin“ dieser besonderen Tage, in deren Zentrum die kleine Orgel in Ahrenshoop steht. Ihr gelingt es immer wieder, exzellente Interpreten nach Ahrenshoop zum Konzert zu holen. Die diesjährigen Orgeltage beginnen am 30. April 2026 mit Philipp Spielmann aus Wittenberg.

Schifferkirche Ahrenshoop – Innenraum

Schifferkirche Ahrenshoop – Innenraum

Wenn man durch die kleine Eingangstür des Kirchleins eingetreten ist – von den Zeichen über der Tür hatte ich ja schon geschrieben1 – wird man eingehüllt in eine warme Atmosphäre, die dem vielen Holz geschuldet ist, das der damalige Architekturstudent Hardt-Waltherr Hämer (*13.4.1922 in Hagen bei Lüneburg – +27.9.2012 in Ahrenshoop) für sein erstes größeres Werk als bestimmenden heimischen Baustoff ausgewählt hatte.

Gleichzeitig aber wird man konfrontiert. Mitten in der Altarwand, mit Goldschrift in eigens von Doris Oberländer-Seeberg (*12.1.1903 in Dorpat (Tartu/Estland) – +27.5. 1989 in Ahrenshoop) entworfener Schrift geschrieben, liest man einen rätselhaften Satz: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ Ich werde auf diesen rätselhaften Satz noch in einem eigenen Beitrag näher eingehen. Für den Moment soll uns genügen, daß wir diese „Konfrontation“, diese „Ansage“ wahrnehmen.

Ich schreibe diesen Text am Gründonnerstag in der Karwoche des Jahres 2026. Wir leben in einer Zeit voller Kriege, Konflikte, Ungewissheiten. Viele Menschen machen sich Sorgen über den Zustand der Welt. Wer wach und aufmerksam unsere Zeiten wahrnimmt und wer vielleicht aufgewachsen ist in christlicher Kultur, dem mag der Gedanke wohl nicht allzu fern liegen, der da lautet: „auch in unserer Welt wird die Liebe getötet. Täglich wird sie ans Kreuz genagelt. So ist diese Welt eingerichtet.“ Mit anderen Worten: Passion findet täglich statt. Auch in der Karwoche des Jahres 2026.

Wir leben in einer bedrückenden, von Konflikten, Hass und Streit bestimmten Situation – auch bei uns im Lande -, in der es gut und sinnvoll ist, Orte der Stille und der Besinnung aufzusuchen. Orte der Stille und der Besinnung – das sind sehr besondere Orte. Denn sie sind extra dafür gebaut worden, damit Menschen sie aufsuchen und wieder Orientierung gewinnen können. Orte, in denen es möglich ist, einmal wieder Abstand zu nehmen vom nicht selten bedrückenden Alltag. Orte, in denen man sein Leben bedenken kann. Die „stille Woche“ vor Ostern, die Karwoche, ist eine gute Gelegenheit dafür.

Unsere kleine Schifferkirche bietet für solches Nach-Denken und Zu-sich-kommen einen Schutz-Raum an. Klaus Czerwinski aus Ahrenshoop, dessen Foto oben eingefügt ist, hat die Atmosphäre im Innenraum präzise eingefangen.

Das Ahrenshooper Kirchlein ist ein Ort der Besinnung und Stille.

Nicht nur in der Karwoche.

Gut, dass sie da ist und aufgesucht werden kann.

  1. wer die Beiträge über das Kirchlein kontinuierlich verfolgen möchte, kann auch unsere Facebook-Seite abonnieren, die nur dem kleinen Kirchlein an der Küste der Ostsee gewidmet ist. ↩︎

Albert Schaefer-Ast. Wuppertal. Berlin. Prerow. Weimar. 1890-1951

Es ist für mich immer ein sehr schöner Moment, wenn wieder ein Buch fertig geworden ist. Ein Weg ist gegangen worden von der Idee, einer Anregung, einer ersten Überlegung an bis hin zum Manuskript und dann – der mühsamste Teil der ganzen Sache – bis zum Korrekturlesen, Anmerkungen prüfen, Literaturverzeichnisse anlegen und so weiter und so weiter. Dann der erste pdf-Probedruck, dann der gebundene Probedruck und schließlich die „Freigabe“. Zwar stellt sich immer mehr Routine ein, aber so eine Sache dauert halt dennoch. Diesmal ging es zügig voran, diesmal kam keine Seuche dazwischen, wie es bei Corona und der Studie über Hans Beu der Fall war. Diesmal konnte ich „hintereinanderweg“ am Projekt arbeiten. Im Oktober war da die Anregung – jetzt, im Januar, ist das Buch fertig. Viele neue Kontakte sind entstanden; Etliches hat sich in Archiven auffinden lassen und nun möge das Buch seinen eigentlichen Zweck erfüllen, nämlich diejenigen unterstützen, die in Prerow auf dem Darss im ehemaligen kleinen Haus von Albert Schaefer-Ast ein Museum einrichten wollen. Ich finde das sehr sinnvoll, weil sich Schaefers Biografie sehr gut eignet, auch die Widersprüchlichkeiten und Spannungen der Zeit zwischen 1890 und 1951 darzustellen, in die dieses Leben eingebettet war und die es auch widerspiegelt hat. Bei jedem Buchprojekt erschließen sich neue „Gegenden“, das macht das Schreiben so spannend. Durch die Recherche bin ich neu auf die Quäker gestoßen, auf die „Kindertransporte“ von Berlin und Wien nach London, auf ein Fluchtzentrum für solche „Fluchtkinder“ in Schottland, das kaum jemand kennt. Neue Kontakte nach London und Glasgow sind entstanden. So ein Buchprojekt hat viele „Folgen“ auch für denjenigen, der so ein Buch anfertigt.

Heute nun habe ich es freigeschaltet, es wird – wie alle meine neueren Arbeiten – im print-on-demand-Verfahren produziert, um Lagerkapazität zu sparen. Man bekommt es ab kommender Woche überall im Buchhandel unter ISBN 978 381 8777234. Im shop bekommt man es wohl schon ab morgen (19.1.2025). Produziert wird nur, was bestellt wird. Das spart Papier und Energie, ein sehr sinnvolles Verfahren, das ich nun schon viele Jahre nutze.

Wenn ein Buch fertig ist, heißt es: Abschied nehmen, denn nun nimmt die Sache einen völlig eigenen Lauf, wie mir meine anderen Buchprojekte eigentlich alle gezeigt haben. Ich bin gespannt, auf das, was sich da entwickeln wird.

Unterdessen habe ich mich schon ans Folgeprojekt gesetzt und recherchiere. Diesmal in London und in Glasgow. Denn dorthin führt uns die Spur von Susanne Schaefer…..

Albert Schäfer-Ast und Steffie Schäfer-Nathan. Gute Zeit bei Ullstein 1922-1934

Albert Schäfer-Ast und Steffie Schäfer-Nathan. Gute Zeit bei Ullstein 1922-1934

Beide waren bekannte Grafiker. Davon soll nun die Rede sein. Sie hatten sich spätestens 1926 bei Ullstein kennengelernt, Steffie zeichnete schon seit 1923 für „Die Dame“, jene berühmte und Europas Modewelt prägende maßgebliche Zeitschrift aus dem Hause Ullstein. Beide zeichneten auch für den „Uhu“ – auch aus dem Hause Ullstein. Ullstein galt später für Joseph Goebbels und Hitler selbst als „Tempel der Judenpresse“ und war ihr Hauptfeind im Pressewesen, weshalb das Haus Ullstein schon 1934 „arisiert“ wurde. Im Jahre 1929 gab es in der Zeitschrift „Gebrauchsgrafik“ einen bemerkenswerten Text über gleich mehrere Seiten, in denen die unterschiedlichen Arbeiten von Albert und von Steffie besprochen wurden. Beide traten nun als Grafiker-Paar in die Öffentlichkeit und waren so nicht nur in der „Kunst-Szene“ Berlins als Paar bekannt, sondern darüber hinaus. Steffis Arbeiten wurden sogar mehrfach auf den Titelseiten der „Dame“ gedruckt. Man sprach von den „famosen Titelseiten“, die sie gezeichnet hatte. Das Juliheft 1927 hat sie auch gezeichnet, es war das Jahr, in dem Töchterchen Susanne auf die Berliner Welt kam:

Beide konnten Illustration, Buchumschlag, Cover, Plakat, Einladungsentwürfe, Modezeichnung und Pressezeichnung. Gebrauchsgrafiker eben.

Albert Schaefer machte beispielsweise Werbung für den „Heiteren Fridolin“ (Ullstein):

Und Steffi zeichnete zum Beispiel Cigaretten-Werbung

Beide dürften gut verdient haben. Denn Ullsteins Auflagen waren dermaßen hoch, dass es „nicht darauf ankam, ob der Verleger für einen Beitrag 1000 oder 2000 Mark zahlte“, wie Hermann Ullstein, der jüngste der Brüder, in seinem Buch „Das Haus Ullstein“ nach dem Kriege schrieb.

Ich notiere diesen Abschnitt im Leben von Schaefer-Ast und seiner Frau Steffi, weil daran deutlich wird, aus welcher gesellschaftlichen „Höhe“ beide durch die Scheidung im April 1939 und Steffies Exil im Juli 1939 abstürzten. Albert Schaefer konnte – sogar mit noch mehr Möglichkeiten – zwar in Deutschland weiterarbeiten, aber Steffi, die weit bekannte und anerkannte Zeichnerin, Grafikerin und Gestalterin – ging als „house wife“ nach Großbritannien, sonst hätte sie gar kein Ausreisevisum mehr bekommen. Sie musste sich als Magd verdingen und hat unter ärmlichsten Verhältnissen in England leben müssen. Für die Jahre ab etwa 1923 bis etwa 1934 bei Ullstein aber gilt: es waren für beide zehn erfolgreiche, gute Jahre. Bis die Nazis kamen.

Schaefer-Ast 1939. Das Jahr der Entscheidung

Schaefer-Ast 1939. Das Jahr der Entscheidung

Inzwischen habe ich die Personalakte der „Reichskulturkammer“ zu Schaefer-Ast im Landesarchiv in Berlin auswerten können. Mich hat interessiert, ob zutrifft, was Schaefer-Ast nach dem Kriege gleichsam gebetsmühlenartig behauptet: dass er „wegen Mischehe“ und „entarteter Kunst“ „aus der Kammer rausgeschmissen“ worden sei. Das Ergebnis ist ernüchternd. Ich drucke hier nun den Abschnitt aus dem entstehenden Buch über Schaefer-Ast, das Jahr 1939 betreffend, ab:

1939. Scheidung. Exil. Beginn des Zweiten Weltkrieges

Schaefer wird mit seiner jüdischen Frau Steffi die entstandene Lage nach den Novemberpogromen 1938 ausführlich besprochen haben. Man kann sich lange Gespräche, endlose Nächte, etliche Flaschen Wein vorstellen. Was war zu tun? Bleiben oder gehen? Gehen wir alle drei oder nur Susanne und Steffi?

Wir werden in diesem Jahr die Ausreise der gemeinsamen Tochter Susanne mit einem „Kindertransport“, organisiert von Berliner Quäkern sehen; wir sehen die Scheidung von Steffi und deren Ausreise im Juli des Jahres nach England. Am 1. September beginnt der Krieg mit dem Überfall der Wehrmacht auf Polen.

Doch der Reihe nach, denn aktenkundig sind die Bemühungen von Schaefer-Ast, in die Reichsschrifttumskammer aufgenommen zu werden. Es gibt für das Jahr 12 Dokumente in seiner Personalakte, die zu etwas mehr Aufklärung beitragen können.

3.2.1939 Der Reichsminister für Volksaufklärung, an den die Personalakte Schaefer ja Ende 1938 übergeben worden war, teilt in Gestalt von Herrn Hinkel dem Präsidenten der Reichsschrifttumskammer mit, „dass ich die weitere Mitgliedschaft des Albert Schaefer, Berlin, zu Ihrer Kammer bzw. Befreiung von der Mitgliedschaft aus grundsätzlichen Erwägungen ablehne.“[1] Die Personalunterlagen gibt er ebenfalls zurück und bittet, „das Weitere“ zu veranlassen.

18.2.1939 Der Präsident der Reichskammer der bildenden Künste erinnert Herrn „Maler und Pressezeichner“ Schaefer-Ast an die Ausnahmegenehmigung des Herrn Ministers vom 5.7.1938 „auf dem Gebiete der Reichskammer der bildenden Künste tätig zu sein“ und befreit ihn gleichzeitig von der Mitgliedschaft in der Kammer. Er bittet Schaefer, den Ausweis 754 zurück zu geben. Die Befreiung erfolgt unter der Voraussetzung, daß er seine Beiträge bezahlt[2].

20.2.1939 Aktennotiz: „A II (Studt) wünscht Akte Schäfer noch einmal zurück, da Neubehandlung des Falles“[3]  

23. 2. 1939 Der Reichsminister für Volksaufklärung hatte also, wie wir gesehen haben, nochmals um die Personalakte Schaefer gebeten, die ihm nun nochmals mit kurzem Anschreiben überreicht wird.[4]

17.4.1939 Scheidung. Offenbar war man in der Familie Schaefer zu einer Entscheidung gekommen. Steffi war in Gefahr und musste möglichst außer Landes, Tochter Susanne ebenfalls. Albert würde in Deutschland bleiben. Eine Scheidung von der Jüdin Steffi würde ihm im Übrigen beruflich weiterhelfen. So kam es dann auch.

Noch im Mai[6] wird Susanne, mittlerweile 12 Jahre alt, mit einem „Kindertransport“ von Berlin-Friedrichstraße über die Niederlande und dann mit dem Schiff London erreichen.

26.5.1939 Schaefer-Ast bekommt bescheinigt, daß er nun auch noch schriftstellerisch tätig sein darf und gleichzeitig von der Mitgliedschaft in der Reichsschrifttumskammer befreit ist. „Die Einnahmen aus Ihrer schriftstellerischen Tätigkeit haben Sie bei der Kammer, der Sie als Mitglied angehören, jährlich anzumelden.“[7]

Wir halten fest:

Schaefer ist nun Mitglied in der Reichspressekammer, Fachschaft Pressezeichner, dort zahlt er seine Beiträge.

Außerdem darf er als Maler und Grafiker tätig sein (Ausnahmegenehmigung) und er darf schriftstellerisch tätig sein.

Schaefer hat, was er wollte.
Von einem „Rausschmiss aus der Kammer“, von „Berufsverbot wegen Mischehe“ wie er später in seinen Lebensläufen nach dem Kriege sprechen wird, kann überhaupt gar keine Rede sein. Schaefer war immer Kammer-Mitglied. Nach der Scheidung bekam er noch zusätzliche Möglichkeiten der Publikation.

Die drängendste Frage nach den Novemberpogromen innerhalb der kleinen Familie war nun entschieden: Steffi und Susanne gehen, wenn noch möglich. Schaefer-Ast wird bleiben.

Exkurs: Die Kindertransporte

Den Kindern wurde erzählt, sie würden in eine Art Ferien fahren. Es sei schön dort, wohin sie kämen. Man würde nett und freundlich zu ihnen sein und sie könnten sich auf das Abenteuer der langen Reise freuen.

Die Kinder werden gemerkt haben, daß da etwas nicht stimmte. Spätere Zeugenaussagen ehemaliger „Transportkinder“ bestätigen das. Was war der Hintergrund dieser „Transporte?“
Nach den Novemberpogromen 1938 wollten viele Juden Deutschland verlassen, aber kaum ein Land war bereit, Juden aufzunehmen. Allenfalls Kinder würde man aufnehmen. Allen voran Großbritannien. Schon wenige Tage nach den Novemberpogromen in Deutschland nahmen einige einflussreiche JüdInnen und Quäker Kontakt zum britischen Premierminister Chamberlain auf und warben dafür, „wenigstens Kinder für eine Übergangszeit“ in England aufzunehmen. Man bürge auch für alle Notwendige (Kosten, Unterkunft, Pflegefamilien etc.). Der erste Kindertransport fuhr bereits am 1. Dezember 1938. Bis zum Beginn des Krieges im September wurden allein nach England etwa 10.000 Kinder in Sicherheit gebracht. Die Kinder durften nur einen Koffer, eine Handtasche und 10 Reichsmark mitführen. Manche Kinder hatten Glück und kamen bei Verwandten unter. Anderen ging es sehr schlecht in Massenunterkünften. Susanne scheint Glück gehabt zu haben.

Die Kindertransporte sind inzwischen relativ gut erforscht[8] und auch dokumentiert worden[9]. Es gibt auch Filmberichte[10] vom ersten Transport, der mit großem Medieninteresse insbesondere in England aufgenommen wurde.

Vor dem S-Bahnhof Berlin-Friedrichstraße steht ein Mahnmal zur Erinnerung an diese Transporte, so, wie in den anderen Städten, in denen die Transporte ankamen, ebenfalls.

Prof. Wolfgang Benz, einer der kenntnisreichsten Historiker über die Zeit des NS, hat dazu bei S.Fischer publiziert[11].

Die genauen Umstände des Mai-Transportes mit Susanne Schaefer im Jahre 1939 konnte ich bislang noch nicht aufklären und dokumentieren, aber eines ist völlig klar: die Familie Schaefer-Ast war ab Mai 1939 zerrissen. Die Tochter in England, die Frau auf der verzweifelten Suche nach einer Ausreisemöglichkeit, der Vater in einer anderen Wohnung ein paar Häuser weiter.

Die exilierten Kinder konnten nur noch schriftlich mit ihren Eltern in Verbindung bleiben, nach Beginn des Zweiten Weltkrieges nur noch über Formulare des Internationalen Roten Kreuzes.

Nach Steffis Flucht im Juli gab es nur noch zwei erhaltene Brief zwischen den Eheleuten. Beide aus dem Jahre 1939, beide aus Prerow. Dann herrschte Stille. Erst nach dem Kriege, sechs lange Jahre später, kam wieder ein Briefwechsel zustande.

Wir gehen zurück ins Jahr 1939.

26. Mai 1939. Schaefer wird nun, nach der Scheidung von der Jüdin Steffi, vom Staat belohnt. Er erfährt: „Der Herr Präsident der Reichskammer der bildenden Künste hat mit Schreiben vom 16.5.39 die Ihnen für den Bereich der Reichskammer der bildenden Künste erteilte Sondergenehmigung auf die in den Zuständigkeitsbereich meiner Kammer fallenden schriftstellerischen Veröffentlichungen ausgedehnt.“[12] Schaefer-Ast darf nun zeichnen, malen und schreiben.

Nach Susannes und Steffis Ausreise kauft sich Schaefer im Sommer 1939 in Prerow ein kleines Häuschen mit Grundstück.

Der inzwischen ehemals NS-kritische, nun aber „gleichgeschaltete“ Simplicissimus bringt am 4.6.1939 die Grafik „Grand Compliment“[13], die nach all diesen Ereignissen ein wenig seltsam anmutet.  Wen der Schaefer-Ast da wohl meint?

25.6.1939 Schaefer-Ast schreibt von Prerow aus an Steffi, die in Berlin in der Kurfürstenstraße 43 offenbar krank ist, aber dennoch ihr Exil vorbereiten muss:

„Liebe Steffie, heute Morgen das Telefongespräch hat mir wohlgetan, es war mein Sonntag. Zu schade, dass Du so wenig auf dem Posten bist. Hoffentlich stimmt Dich der normale Ablauf etwas ruhiger, und Du erholst Dich auf den Schreck, und Du trittst vergnügt deine Sommerreise[14] an. So musst Du denken. Und siehst Mopsie! und Schottland. Es wird bestimmt alles gut werden. Zu Dienstag (Berlin) möge der Herr Dir Kraft verleihen, das muss schwierig sein.

Wir waren erst einmal am Strand! Kannst Dir denken, wie wir schuften. Also morgen kommt Peter. Ich schreibe dann wieder. Dein Ast.“[15]

28. Juli 1939. Schaefer schreibt von Prerow aus an seine Tochter Susanne in England.

„Prerow, Freitag, 28. Juli.

Liebe Susanne, heute bekam ich Muttis Brief, dass sie schon Mittwoch abgefahren ist.[16] Na! Das müssen ja wunderschöne Tage gewesen sein in Ayr[17]. Mutti war auch ganz begeistert von der schönen Umgebung und vom Haus und von der lieben Familie Hamilton. Und von Craster und Dackelbaby. Wir leben auch noch immer ein rechtes Ferienleben, nur dass ich jetzt Luise mitgebracht habe aus Berlin, die jetzt für uns kocht. Heute gab es Bratwurst mit grünen Bohnen und neuen Kartoffeln. Hinterher Kirschkompott von eigenen Kirschen. Zum Frühstück gibt es Peters Radieschen, auch Saat hat er gepflanzt und seinen Sonnenblumenpfad, aber den kann man nicht essen. Als ich in Berlin war, um Mami an die Bahn zu bringen[18], da haben Peter und ein Freund von mir aus der Düsseldorfer Zeit allein gekocht, da gab es viel Makkaroni, Pellkartoffeln und Hering und Bratkartoffeln mit Ei. Ich habe noch eine große schwarze Bratpfanne (handgeschmiedet, man sieht jeden Hammerschlag) beim Dorfschmied gekauft, nun braten sie doppelte Portionen; und als Luise kam, musste sie zuerst Kartoffelpuffer backen. Nächstens schicke ich als Drucksache die Blumen und Bilder aus der „Dame“, die ich in Prerow gemalt hatte. Ich wünsche Dir noch recht schönes Wetter für deine Ferien[19] und grüße Dich herzlich. Dein Vater.“[20]

3.8.1939. Haushälterin Luise schreibt einen letzten Brief aus Prerow an „Susannchen“ in England[21].

1.12.1939 Eine Werbeanzeige in der Südwestdeutschen Handelszeitung weist auf das „Große Weihnachtsheft der DAME“ hin, in der Schaefer-Ast vertreten ist. Schaefer darf publizieren und verdient gut.

13. 12. 1939 trotz all dieser Entwicklungen, die ja ganz im Sinne der NS-Reichskulturkammer sind, fragt ein ganz Beflissener im Amt des Präsidenten der Kammer der bildenden Künste bei der GESTAPO nach, ob „Tatsachen bekannt sind, die auf weitere Beziehungen des  Sch.-A. zu seiner früheren Frau schließen lassen.“ [22]  Man traut ihm nicht. Vielleicht hatte man auch die Briefe vom 28.7. und vom 25.6. abgefangen und studiert.

Inzwischen aber hat Hitlers Wehrmacht Polen überfallen.


[1] Reichskulturkammer, Personalakte Schaefer, Landesarchiv Berlin, ARep.243-04 Nr. 7925 a.a.O., Blatt 15

[2] Reichskulturkammer, Personalakte Schaefer, a.a.O., Blatt 62

[3] Reichskulturkammer, Personalakte Schaefer, a.a.O. Blatt 10

[4] Reichskulturkammer, Personalakte Schaefer, a.a.O., Blatt 12

[5] Ausschnitt aus der Scheidungsurkunde vom 17.4.1939 vom Standesamt Berlin-Charlottenburg.

[6] Buck, a.a.O., S. 12

[7] Reichskulturkammer, Personalakte Schaefer, a.a.O., Blatt 3

[8] https://www.dw.com/de/kindertransporte-flucht-vor-den-nazis/a-65194239

[9] https://www.jmberlin.de/thema-kindertransport

[10] https://www.spiegel.de/geschichte/reichspogromnacht-1938-kindertransporte-retten-juedische-kinder-das-war-keine-kindheit-a-22e2124a-342e-4322-b6f1-c4e441440491

[11] https://www.fischerverlage.de/buch/die-kindertransporte-1938-39-9783596157457

[12] Reichskulturkammer, Personalakte Schaefer, a.a.O., Blatt 24

[13] Simplicissimus online, 4.6.1939, Heft 22, S. 262

[14] damit ist das Exil gemeint!

[15] Buck, a.a.O., S. 35, wie mag diese Karte wohl auf Steffie gewirkt haben?

.[16] Steffi hatte Tochter Susanne in Ayr/England aufgesucht

[17] das ist keineswegs sicher. Steffi war völlig mittellos, sie durfte nur mit 10 Reichsmark ausreisen und war auf die Freundlichkeit anderer Menschen angewiesen.

[18] Schaefer scheint ja seine Frau Steffi wenigstens zum Bahnhof gebracht zu haben.

[19] entweder macht Schaefer mit der Bemerkung „Ferien“ einen groben Scherz oder Susanne wusste tatschlich nicht, was eigentlich los war.

[20] Buck , a.a.O., S. 37

[21] Buck, a.a.O., S. 38

[22] Reichskulturkammer, Personalakte Schaefer, a.a.O., Blatt 60

Albert Schaefer-Ast. Berlin.Prerow.Weimar

Albert Schaefer-Ast. Berlin.Prerow.Weimar

1890 in Barmen geboren. 1951 in Weimar gestorben. Ab 1938 in Prerow ansässig. Zweimal verheiratet. Die zweite Frau und die Tochter in England. Nach dem Krieg Professor an der neu gegründeten Hochschule für Baukunst. Hermann Henselmann hatte ihn nach Weimar geholt, der Bauspezi von Walter Ulbricht, dem wir den Berliner Fernsehturm, die ehemalige Stalin-Allee und den Strausberger Platz in Berlin verdanken.

In Prerow gibt es nun eine Initiative, Albert Schaefer-Ast in seinem ehemaligen Häuschen ein kleines Museum einzurichten. Das ist eine löbliche Idee, von der Prerow gut profitieren kann. Denn die Biografie und der Lebenslauf von Schaefer-Ast, der während der Weimarer Republik für die großen und weitverbreiteten Zeitschriften des Berliner Ullstein-Verlages (zum Beispiel für „Die Dame„) gezeichnet hat, ist interessant, reicht er doch von der Kaiserzeit über den Ersten Weltkrieg (Schaefer war Kriegsfreiwilliger wie so viele junge Männer und kam ohne rechtes Auge aus dem Krieg zurück), die Weimarer Republik, die NS-Zeit, den Zweiten Weltkrieg, die deutsche Kapitulation, die Besatzungszeit bis hin zum Kalten Krieg und der Gründung zweier deutschen Staaten. Ein „deutsches Leben“ sozusagen, mit all seinen Brüchen und Widersprüchlichkeiten.

Derzeit bin ich noch bei der Recherche; sowohl in England (Imperial War Museum) als auch in Deutschland (Bundesarchiv, Bauhaus-Archiv, Landesarchiv Berlin etc.) finden sich Hinweise, die gesammelt, sorgfältig überprüft und ausgewertet sein wollen.

Nach dem Krieg wurde von Schaefer-Ast gesagt, er habe während der NS-Zeit zu den verfemten Künstlern gehört, seine Kunst sei als „entartet“ eingestuft worden. Ich habe das an der Freien Universität in Berlin überprüft, dort sitzen die Spezialisten zur Frage der „Entarteten Kunst“ während der NS-Zeit. Es finden sich derzeit keine Belege für die Behauptung, Schaefer-Ast sei von den Nazis als „entartet“ eingestuft worden. Offensichtlich handelt es sich – wie bei vielen anderen – um eine nach dem Kriege aufgekommene Behauptung von Verwandten. Im Falle Schaefer-Ast von seinem Schwiegersohn John Buck.

Dennoch ist das Leben von Schaefer-Ast spannend. Er war beispielsweise- wie genau, prüfe ich derzeit im Bundesarchiv – in ein Verfahren am Volksgerichtshof gegen die Grafiker Erich Knauf und Erich Ohser (wegen Wehrkraftzersetzung) „verwickelt“, ist aber „irgendwie“ heil davon gekommen, während Knauf durch das Fallbeil hingerichtet wurde und Ohser sich – einen Tag vor der Eröffnung seines Prozesses am Volksgerichtshof – das Leben genommen hatte. Ohser war noch im Sommer 1943, kurz vor seinem Tod, in Prerow und hat seinen Freund Schaefer-Ast gezeichnet. Dieses Bild habe ich in Plauen im Museum für Erich Ohser auftreiben können.

Schaefer-Asts Tochter Susanne kam mit einem Kindertransport nach England. Auch das eine hochspannende Angelegenheit, auf die ich im Buch ausführlich eingehen will. Seine zweite Frau, die Jüdin Stefanie, geborene Nathan (ihr Vater war in Berlin angesehener Banker), folgte der Tochter noch im Juli 1939, zwei Monate vor dem deutschen Überfall auf Polen und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges, obwohl eine „Ausreise“ damals schon mit gewaltigen finanziellen Verlusten und einer ganzen Reihe von zusätzlichen Schikanen verbunden war. Nach dem Krieg (ab 1946) kamen die drei wieder in schriftlichen Kontakt, es gab ein Treffen in Berlin, aber die Familie kam „nicht wieder zusammen“. Die genauen Umstände, weshalb Steffi nach England ging, Schaefer-Ast aber nicht, müssen untersucht werden – denn es gab in jenen Jahren auch andere Beispiele, da gingen die Familien gemeinsam ins Ausland.

Ich habe vor, eine etwas umfänglichere Studie zum Leben von Albert Schaefer-Ast als Buch zu machen. Es soll diejenigen unterstützen, die in Prerow ein kleines Museum für ihn einrichten wollen. Ein solches Museum ist eine gute Gelegenheit, sich sowohl mit Fragen der Kunst als auch mit deutscher Geschichte am Beispiel eines Künstler-Lebens zu beschäftigen.

Etwas vom Quintenzirkel

Etwas vom Quintenzirkel

Den gibts seit gestern (17.8.2024). Auf den Namen haben wir uns nach ein paar Suchversuchen verständigt. Wir fanden „Quintenzirkel“ ganz passend, denn wir sind ein Kreis, ein Zirkel also, der mehrstimmig, manchmal gar fünfstimmig singt. Wir, das sind fünf Männer, die sich zum Teil schon Jahrzehnte lang kennen und die sich nun zusammengetan haben, um zu singen. Diese Sache hat in der schönen Uckermark, undzwar in Lychen begonnen und soll hier nur kurz Erwähnung finden, denn man wird wohl nun öfter mal vom Quintenzirkel hören. Den Blogbeitrag fand ich nützlich, weil ich dort eine Tondatei gut einbinden kann.

Entsprechend findet sich nun ein Ausschnitt aus einer Probe eingefügt. An dem Stück muss natürlich noch gefeilt werden, aber man kann schon in etwa hören, in welche klangliche Richtung das gehen wird. Zu hören ist ein Stück meines Lehrers Manfred Schlenker, dem ich viel zu verdanken habe. Manfred Schlenker war lange Jahre der Leiter der Greifswalder Bachwochen. Der erste öffentliche Auftritt vom „Quintenzirkel“ fand heute, am 18.8.24 in der Stadtkirche von Lychen statt. Schön wars.