Ein Kirch-Gang im Bundeshauptdorf

Ein Kirch-Gang im Bundeshauptdorf

Heute nehme ich mir vor, zu 11 Uhr in „Samariter“ zu sein, einer Kirche, die ich noch nicht kenne, auf deren Elf-Uhr-Gottesdienst aber gestern bei Facebook aufmerksam gemacht worden war. Hoch lebe das Internet!

Ich schaue mir die Entfernung an: 20 Minuten mit dem Fahrrad, 12 Minuten mit dem Auto, etwa 40 Minuten mit Öffentlichen und etwas über eine Stunde zu Fuß. Nein, ich fahre nicht, ich mache einen Kirch-Gang – und gehe zu Fuß. Ich will die Stadt sehen, in der ich wohne, auf dem Wege zu einer Kirche, die ich nicht kenne.

Der Weg beginnt eigentlich in einem alten Berliner Vorort, der erst seit 1920 zur Stadt gehört, in der Gärtnerstraße, führt dann die Große-Leege-Straße hinunter, die langweilig ist. Das ist „Wohnstraße“, „Schlafstraße“. Keine Restaurants, keine Geschäfte, ein paar Innenhöfe zeigen sich versteckt durch Hausdurchgänge, ich folge den Einblicken nicht, will weiter. In der Straße lädt nichts zum genaueren Hinsehen ein. Der Weg führt über die Landsberger hinüber – dort wird grade mächtig gebaut, die städtischen Wasserleitungen sind dringend sanierungsbedürftig, gewaltige Rohre liegen bereit, in denen ein Erwachsener aufrecht stehen könnte. Hinüber zur Vulkanstraße, dann, kurz vor einem Parkplatz abbiegend, führt der Weg quer durch ein Neubaugebiet mit gewaltigen Hochhäusern. Schlafburgen sind das. Von außen wirkt das auf mich wie ein riesiges Gefängnis. Einige Wohnungen sehe ich mit kaputten Fenstern, andere sind mit Silberfolie ausgebessert, es sieht schlimm aus, wenn ich mir die gewaltige Fassade eines solchen Giganten betrachte. Hier ist alles viereckig. Ein paar Menschen sind auszumachen, da ganz oben an einem der Fenster. Sie schauen herunter auf die Welt, in die sie wohl nur heruntersteigen, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt.
„Man kann einen Menschen auch mit einer Wohnung erschlagen“ fällt mir ein, Heinrich Zille soll das mal gesagt haben und der kannte sich aus in den Berliner Wohnmilieus.
Weiter geht der Weg an REWE und EDEKA vorbei in die Möllendorffstraße. Dort wird das Hochhaus-Wohn-Elend noch dramatischer.
Wer einmal großstädtische autogerechte aber menschenfeindliche Wohnweise in ihrem ganzen Elend sehen will, sollte in die Möllendorffstraße gehen und sich dort die gewaltigen Hochhäuser genau besehen, die da zu sehen sind. Man findet Vergleichbares in vielen deutschen Städten. Sünden der siebziger Jahre.
Auf Höhe Loepernplatz führt mich mein Kirchgang nach rechts beim HADI-Friseur, einem Barbershop, vorbei zunächst in die Scheffelstraße, dann über die Eldenaer Brücke. Unter mir S-Bahn-Gleise und Gleise des Fernverkehrs. Berlin ist eine schnelle Stadt. Über 14.000 Menschen arbeiten für die Berliner Verkehrsbetriebe. Das rattert und rast den ganzen Tag im Minutentakt. Diese Stadt schläft nicht.
Dann bin ich bald da, bin schon über eine Stunde unterwegs, die Samariterstraße führt von der Eldenaer Straße linksab, die Kirchturmspitze ist schon zu sehen. Ich habe noch eine dreiviertel Stunde Zeit bis zum Beginn der Veranstaltung, das ist gut und richtig so, so hatte ich das auch geplant, weil ich „Witterung aufnehmen“ will in diesem Kiez, in dem der „Samariter“ das Thema vorgibt; die Kirche ist in Sichtweite, also setze ich mich „auf einen Kaffee“ gleich gegenüber in einen „Türkenladen“ und bestelle mir einen Kaffee. „Espresso haben wir nicht, aber normalen Kaffee“ sagt einer der beiden Männer, die sich da am Sonntagvormittag offensichtlich um den Laden kümmern, wenn sie nicht grad draußen als ihre eigenen Gäste am Tisch sitzen und schwarzen Tee trinken.

Gleich nebenan war ich eben am Gemeindebüro vorbeigelaufen, nicht, ohne mir ein Erinnerungsfoto mitzunehmen:

In dieser Kirchengemeinde geht es also um Gutwilligkeit gegenüber Hunden, Union Berlin hat hier Fans, im Gemeindesaal gibt’s eine Suppenküche und ein Nachtcafé, ein Kindergarten ist vorhanden und Migrationsberatung findet statt.
Ich werde neugierig.
Großstadt-Gemeinden bilden inhaltliche Schwerpunkte. Hier also: „Migrationsberatung“. Man arbeitet mit Flüchtlingen.

Die Kirche selbst – eine jener zahlreichen Kirchen, die Kaiserin Auguste Viktoria (im Volksmund „Kirchenjuste“ genannt; allein in Berlin 53 Kirchen!) der Stadt hinterlassen hat: ein neogotischer Klinkerbau. Nix Besonderes. Solche Kirchen finden sich zahlreich in der Stadt. Wichtiger ist mir, was drinnen vor sich geht.

Mein Kaffee ist ausgetrunken, ich habe noch ein paar Minuten, gehe eine Runde um die Kirche herum. An einem Seiteneingang nochmals der Hinweis auf die Migrationsberatung, die hier geleistet wird. In der Bänschstraße sehe ich ein wunderbar restauriertes altes Berliner Mietshaus, einst großbürgerlich, mit wundersamen Balkons, die mich auf die Idee bringen, eine Fotoserie über Berliner Balkone aufzunehmen. Hier meint man, in Venedig oder andernorts weiter südlich angekommen zu sein. Eine hübsche Überraschung.

Neben dem Eingang der Kirche der wichtige Hinweis auf die Bekennende Kirche und Wilhelm Harnisch.

„Ein guter Ort“, geht mir durch den Sinn. Das Thema „Bekennende Kirche“ begleitet mich nun schon fast ein halbes Jahrhundert. Immer wieder bin ich auf den Spuren jener verdammten 12 Jahre zwischen 1933 und 1945. Sie sind ein Lebens-Thema geworden.
Im Kirchenraum ist es noch leer, ich bin früh dran. Ein Kantor und eine junge Frau – vermutlich die Lektorin – unterhalten sich. Letzte Absprachen. Ein freundliches „Guten Morgen“ verbindet uns sofort. Ich nehme Platz im vorderen Drittel des großen Raumes und besehe mir den Altar-Raum in aller Ruhe, während nach und nach die meist jungen Menschen kommen, die an der Veranstaltung teilnehmen wollen. Der Raum sagt mir zu: Sorgfältig vorbereitet, auch die Details stimmen. Einladend vorbereitet. So soll es sein.
An Hitzetagen dient dieser schöne Raum auch als Hitze-Schutzraum für Menschen, die mal eine Pause brauchen von der Hitze der Stadt, ein wenig Schatten, etwas Kühlung. Die großen Kirchenräume bieten sich dafür sehr gut an, zumal stehen sie mitten im Wohngebiet, sind gut erreichbar und haben viel Platz.

Blau – die Farbe des Himmels. Marc Chagall hat am Ende seines Lebens beinahe nur noch in Blau gearbeitet. Wer‘s nicht glaubt, fahre einmal nach Mainz und besehe sich St. Stephan, das „Testament“ des großen Meisters. Rot – die Farbe der Liebe; Gold – die göttliche Farbe. Damit ist alles Wesentliche eigentlich schon gesagt. Die transparenten Fenster bringen das „Licht von außen“ sehr gut in den Raum. Wir leben in finsteren Zeiten, da ist ein „Licht von außen“ gut zu gebrauchen.

Pfarrerin Jasmin El-Manhy bereitet sich an der Seite des Kirchenschiffes vor, das ist immer ein wenig fummelig mit dem Ansteckmikrofon am Talar, man kennt das. Sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, die Sache ist erst fertig, wenn sie fertig ist.
Wir Zuhörer erfahren gleich zu Beginn ihrer Textauslegung, daß sie „Familie in Ägypten“ hat. Da passt das Thema Migrationsberatung wohl gut sowohl zur Gemeinde als auch zur Pastorin. Da ist etwas „stimmig“, wie Musiker vielleicht sagen würden.

Worum geht es heute? Um das Thema „Brot“.
Ein Hinweis also. Ein uraltes Symbol. Antwort auf eine Lebens-Frage: wovon lebe ich eigentlich? Was nährt mich wirklich? Was nährt meine Seele?
Wir leben in Wohlstand und Freiheit – sind aber doch oft unglücklich, streitlustig, aggressiv, rechthaberisch, wirken immer mehr „kriegstüchtig“, sind auf Zank und Streit aus – Zeichen, daß es unserer Seele nicht gut geht, sie ist nicht gut genährt, jeder Therapeut und jeder Seelsorger kennt diese Anzeichen des Seelenzustandes eines Menschen.
Was aber nährt die Seele? Was wäre denn „das richtige Brot“? Was wäre denn das „Brot des Lebens“?

Darum geht es und um die Frage, die gleich zu Beginn in einem uralten Text auftaucht und gemeinsam von allen gelesen wird: Wo ist eigentlich für mich „eine Stadt, in der ich wohnen kann“?

Der alte Text aus der Liedersammlung des Königs David lautet:
„Dankt dem HERRN, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewig. So sollen sagen, die erlöst sind durch den HERRN, die er aus der Not erlöst hat, die er aus den Ländern zusammengebracht hat von Osten und Westen, von Norden und Süden. Die irregingen in der Wüste, auf ungebahntem Wege, und fanden keine Stadt, in der sie wohnen konnten, die hungrig und durstig waren und deren Seele verschmachtete, die dann zum HERRN riefen in ihrer Not und er errettete sie aus ihren Ängsten und führte sie den richtigen Weg, dass sie kamen zur Stadt, in der sie wohnen konnten: Die sollen dem HERRN danken für seine Güte und für seine Wunder, die er an den Menschenkindern tut, dass er sättigt die durstige Seele und die Hungrigen füllt mit Gutem.“

Da ist sie wieder, die „Migrationsberatung“ für alle die „Menschen aus Ost und West, von Norden und Süden“.
Hier findet sich „eine Stadt, in der sich wohnen lässt“. Hier findet sich Gemeinschaft und Gesang.
Hier kann man wieder mal aufatmen von der Last der Woche, abladen, was einem zu tragen zu schwer wurde. Durchatmen, loslassen, singen.

Im Zentrum: Brot und Wein – gemeinsames Essen und Trinken, das ist hier gelebte Praxis in Samariter. Man hört einander zu, man wendet sich dem Nachbarn zu, man ißt gemeinsam. Denn:
Wir sind alle Fremde unter Fremden. Wir sind allesamt nur Durchreisende. Es gibt also überhaupt gar keinen Grund von „wir hier“ und „die da“ zu sprechen.

Mir sagt zu, was ich hier wahrnehme. Das ist glaub-würdig und authentisch. Das ist nicht „gemacht“, sondern schlicht, einfach, durchscheinend, transparent. Hier geht es um Zuwendung und Trost, Stärkung und gemeinsame Hoffnung. Das sagt mir zu. Eine Stadt wie Berlin, in der alle Nationen der Welt vertreten sind, braucht solche Orte der Verständigung und des Miteinanders.

Am Ausgang kann man Geld spenden. Diesmal wird für die Arbeit mit Menschen gesammelt, die an den Berliner Bahnhöfen gestrandet sind. Das alte Wort „Bahnhofsmission“ zeigt ja nur wenig von der wichtigen Arbeit, die da eigentlich an Menschen geleistet wird, die eine Soforthilfe brauchen. Wer etwas in die andere Schale legen will, kann die „Migrationsberatung“ unterstützen. Auch das gefällt mir gut. Hier denkt man nicht nur an sich, sondern an andere. Ganz praktisch. Jeder gibt, was er will und kann.

Den Rückweg nehme ich wieder unter die Füße.
Ich will nachklingen lassen, was da eben aufgeklungen war; will dem nach-denken, was da angesprochen war. Ich gehe durch die Millionenstadt Berlin und der uralte Satz klingt in mir nach von jener „Stadt, in der man leben kann“. Tausende Menschen kommen hierher, weil sie hoffen, daß ihnen hier geholfen wird. Berlin ist Deutschlands Haupt-Anlaufstelle für Flüchtlinge. Kaum eine andere Stadt hat so viel Erfahrung im Umgang mit Menschen aus anderen Ländern. Sie suchen Heimat, suchen einen Ort zum Leben.

Das gilt aber ebenso für die Menschen da oben in den Hochhäusern in der Möllendorffstraße in ihren viereckigen Gefängnissen mit den kaputten Fensterscheiben.
Wo haben diese Menschen denn „eine Stadt, in der man leben kann“?

In solchen Gedanken komme ich am „Hohenschönhausener Tor“ an und setze mich zum Türken in die Bar, draußen droht ein kräftiger Regenschauer, da ist dieser Ort gerade richtig für ein kleines Mittagessen.

Es gibt „chinesische Frühlingsrollen mit Hühnerfleisch“ und ein Berliner Pils – im Plastikbecher. „Gläser ham wa nich“.
Ich sitze in dieser Bar als Fremder unter Fremden. Hier in dieser Bar, die es zu Hunderten gibt in dieser Stadt an diesem Sonntagvormittag, höre ich russisch, chinesisch, einen Menschen aus Afrika sehe ich, neben mir ein Ukrainer, der Chef des Ladens kommt aus der Türkei.
Wo ist Heimat? Wo ist die Stadt, „in der ich wohnen kann“? Eine Frage, die uns verbindet.

Neben mir der ältere Ukrainer im edlen Samthemd, mit Edelsteinring am Finger und Goldschnallen am Schuh löffelt seine Wan Tan Suppe, das riesige Smartphone neben sich. Wo ist sein zu Hause?

Der junge Russe im blauen Trainingsanzug, weißen Socken und Gummisandalen holt sich, das Handy noch am Ohr, einen kleinen Vodka aus dem Kühlschrank und zahlt gleich, die Sache geht schnell, er ist offenbar „in Geschäften unterwegs“.

Die Familie, die draußen vor dem Gastraum gesessen hat, ist weitergezogen. Zwei Kinder und eine jüngere Frau mit schmutzig roten Haaren und rosa Koffern voran, zwei „Galgenvögel-Gestalten“ hinterher, in der rechten Hand Bierflasche und Zigarette, mit der Linken wird der Kinderwagen mit dem dritten Kind geschoben – wo ist die Stadt „in der man leben kann“? Wo haben diese Menschen, mit denen ich eine kurze Zeit verbunden war, ihr zu Hause? Wo findet ihre Seele Nahrung?

Der Bus vom Schienenersatzverkehr bringt mich die letzten anderthalb Kilometer.
„Berlin ist hart aber herzlich“ klingt es im Bus-Lautsprecher.
„Deshalb zeigt Respekt und seid freundlich zueinander.“

Sie war eine stille, zugewandte Frau. Ein Nachruf auf Ilse Jehle

Sie war eine stille, zugewandte Frau. Ein Nachruf auf Ilse Jehle

Ilse war eine jener Frauen, die still ihre zugewandte Art leben, die ihr Wesen ausmacht, derer aber oft nicht gedacht wird, wenn sie gegangen sind.
Sie war keine Berühmtheit, man wird ihr kein Mausoleum errichten, man wird ihr kein Staatsbegräbnis ausrichten – ich will aber öffentlich an sie erinnern, denn der eine oder andere, der bei Facebook unterwegs ist, hat sie auch gekannt.

Ilse war krank, das wusste ich, aber sie starb dennoch unerwartet. Mich hat diese traurige Nachricht faktisch „zufällig“ erreicht, als ich nach einem Urlaub bei facebook nachsah, was eigentlich mit Ilse „los“ sei. Es war so still geworden um sie. Auf ihrer Seite fand ich dann den Eintrag eines anderen Freundes, der darauf schließen ließ, daß Ilse gestorben sei.
Inzwischen bin ich mit der Familie im Kontakt. Mich hat Ilses Tod ziemlich betroffen gemacht, denn er kam überraschend.

In einem ihrer letzten Briefe – sie schrieb in ihren wunderbaren bunten Paketen, die sie hin und wieder schickte, gern farbig ausgestaltete Briefe – schrieb sie davon, daß es ihr gut gehe, daß sie sich auf die Begegnungen mit den Enkelkindern freue und klang eigentlich fröhlich und guten Mutes. Nun aber lag sie doch mehrere Wochen schwerkrank, wurde von Angehörigen gepflegt und ist nun still gegangen.

Wer war sie für mich und die Freunde, die sie kannten?
Ich habe Ilse zunächst per Facebook, später dann auch einmal persönlich kennenlernen dürfen, als sie mich in der Uckermark im Dörfchen Hetzdorf besucht hat. Die Sache kam so: ich hatte in jenem uckermärkischen Dörfchen ein Internet-Projekt begonnen und dazu aufgerufen, sich, wenn man möchte, mit einer Rosenspende an einem neu zu errichtenden Rosen-Garten zu beteiligen. Die Sache ging sehr schnell voran, Zeitungen und Fernsehen kamen, um von diesem „Internet-Garten“ zu berichten und das Dörfchen wurde bekannt, was ja auch beabsichtigt war. Ilse Jehle war eine der ersten, die spontan bei dem riskanten Projekt dabei war – und seither dabei geblieben ist.

Ilse schickte Rosen, sie schickte Blumensamen, sie schickte Bücher für die Rosenbibliothek – ich habe immer vermutet, sie müsste wohl irgendeine geheime Quelle für all die interessanten Bücher haben, die sie uns spendiert hat. Da ist im Laufe der Jahre so manches zusammen gekommen. Ich habe Ilse immer als großzügig erlebt, sie hat freudig geschenkt, mit viel Liebe ihre Pakete gepackt und die Briefe dazu geschrieben. Das war bunt und fröhlich und vor allem herzlich.

So manche Mail habe ich ihr geschrieben, sie solle uns nicht so viel schenken, die Sachen kosteten doch alle Geld – das hat sie aber nicht weiter beeindruckt. Sie wollte uns helfen und sie tat es aus vollem Herzen. Mit anderen Worten: Ilse Jehle gehört im Rosengarten im uckermärkischen Hetzdorf wohl ein kleines Denkmal, denn sie hat das Projekt immer aus vollem Herzen unterstützt.

Eines Tages, da schrieb sie mir, sie würde ihre Tochter besuchen, die in der Nähe in Ausbildung sei und Hetzdorf läge doch sozusagen, von Süddeutschland aus gesehen, „am Wege“ und wie es denn mit einem Treffen wäre? Na prima wäre das! Und so kam es dann, daß wir uns getroffen haben. Mutter und Tochter saßen da auf meiner Couch mit dem schönen Blick zum Bach hinunter in den alten Garten.

Als ich 2016 in den Ruhestand ging und Hetzdorf Richtung Berlin verlassen habe, blieb der Kontakt zu Ilse bestehen. Wir waren, was die Beurteilung der gesellschaftlichen und politischen Situation in unserem Lande anbetrifft, sehr oft der gleichen Ansicht. Ich konnte das daran erkennen, welche meiner Beiträge Ilse geteilt hat auch gab es so manche Mail zwischen uns in diesen Angelegenheiten.

Ilse gehörte zu denen, die ein Interesse an meinen Büchern hatte und ich hab sie ihr immer gern geschickt, weil ich wusste, daß sie die Arbeiten aufmerksam lesen würde. So war es offenbar auch mit dem Krebstagebuch, das sie und ihre Angehören in Ilses letzten Lebenstagen intensiv beschäftigt hat.

Mir wird wohl ein inneres Bild von Ilse bleiben: ich sehe da ein schlankes, beinahe zierliches Persönchen, überaus freundlich und zugewandt, treu vor allem – was sie zusagte, hielt sie. Sie war unterstützend, hilfreich, verständnisvoll, kurz: ein durch und durch helfender Mensch. Ich habe mich manchmal gefragt, ob diese Zugewandtheit anderen Menschen gegenüber vielleicht auch ein wenig von der Bedürftigkeit ihrer eigenen Seele erzählt hat. Aber das kann ich sie nun nicht mehr fragen.

Ich bin sehr froh, Ilse kennengelernt zu haben. Ich bin dankbar für die jahrelange Verbindung zwischen uns. Ich weiß, daß es etlichen anderen Menschen, die sie gekannt haben, ebenso geht. Wir wollen sie in guter Erinnerung behalten.

Zwischen Meer und Bodden. Eine Empfehlung

Zwischen Meer und Bodden. Eine Empfehlung

Da hat Elke Erdmann aus Wieck a. Darß ein wunderschönes Buch vorgelegt. Gerade frisch im Hinstorff-Verlag Rostock ist es erschienen. Ein Buch, das sie den vielen Flüchtlingen gewidmet hat, die nach dem Zweiten Weltkrieg auf oft verschlungenen Wegen nach Born, nach Prerow oder Ahrenshoop, nach Wustrow oder Wieck kamen und dort neue Heimat fanden.
Wuchtig kommt das „Flüchtlingsthema“ gleich in den ersten Zeilen ihres Vorwortes daher, ein drängendes, bedrückendes Thema, gerade auch wieder in unseren Tagen. Elke Erdmann erzählt von Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg auf den Darß oder aufs Fischland gezogen kamen. „23 kleine Porträts und zwei Reportagen“ sind da zustande gekommen.

Dazu hat sie Fotos der Menschen, von denen erzählt wird, eingefügt. Farbig, bei Porträts angemessen zurückhaltend, gut ausgewählt.

Ich habe im Buch „alte Bekannte“ wieder getroffen, Menschen, deren Lebensweg ich zum Teil schon viele Jahre lang begleite und mit denen ich in den zurückliegenden Jahren bei meinen Aufenthalten auf dem Darß auch gemeinsame Projekte realisieren konnte: Anne-Dore Baumgarten aus Wustrow ist so jemand.

Wer Fischland, Darß und Zingst liebt, wer sich gerne aufhält „zwischen Meer und Bodden“, dem wird dieses schöne Buch von Elke Erdmann bald schon ans Herz wachsen, denn es zeigt Menschen, denen man begegnen konnte und begegnen kann, wenn man in Wieck am Hafen auf einer Bank sitzt oder vor der Borner Kirche unter der Eiche gleich neben dem Eingang oder in Wustrow am Weg, der zum Strand führt.

Wer nur ein wenig aufmerksam durch die Dörfer geht, sich an Veranstaltungen beteiligt, Ausstellungen besucht, bei Lesungen vorbeischaut, der kann einige wiederfinden, die in Elke Erdmanns Buch portraitiert wurden.

Elke Erdmanns Buch ist ein Buch für Liebhaber. Und es ist ein Buch für Kenner.
Wer gern im Fischland, auf dem Darß oder auf dem Zingst Urlaub macht – nicht wenige tun es schon seit Jahren – dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Den anderen auch.

Elke Erdmann. Zwischen Meer und Bodden. Menschen auf Fischland und Darß.
Hinstorff-Verlag Rostock. 2022 ISBN 978-3-356-02405-0

Wie meine Seiten zusammenarbeiten

Wie meine Seiten zusammenarbeiten

Manchmal muss man die online-Aktivitäten neu sortieren, neue Prioritäten bilden, die Zusammenarbeit der einzelnen Möglichkeiten überdenken.
Mein Werkzeugkasten besteht aus diesem blog, dazu kommt facebook, ein twitter-account, Instagram und LinkedIn.
Da ich gern in Projekten arbeite, haben meine einzelnen Projekte jeweils eine facebook-Seite. Derzeit arbeite ich besonders intensiv an einem regionalgeschichtlichen Projekt zur NS-Geschichte auf dem Darss.
Aber auch das große Netzwerk „Für-unsere-Enkel.org“ hat natürlich eine eigene facebook-Seite.
Bislang kannte facebook auf Seiten die Möglichkeit des microblogging, man konnte „Notizen“ erarbeiten, ein schöner Service, der aber leider eingestellt wurde, weshalb das gute alte blogging wieder zu neuer Geltung kommt.

Die eigentliche inhaltliche Arbeit – von tagesaktuellen postings direkt in den facebook- und twitter-Kanälen einmal abgesehen – findet also hier im blog statt. Die Beiträge werden nach Kategorien geordnet und entsprechend auf den dazugehörenden Seiten bei fb gepostet. Wenn man beispielsweise im blog die Kategorie „Darss 1933-1945“ abonniert, kann man die Beiträge automatisch per mail nach Hause bekommen. Man kann aber umgekehrt auch die zur Kategorie gehörige Seite bei fb abonnieren. Ich habe diese Möglichkeit vor allem für diejenigen eingerichtet, die sich immer noch vom Umgang mit facebook, twitter et.al. scheuen.

An dieser Stelle darf ich mich bei meinen zahlreichen Leserinnen und Lesern für die treue Aufmerksamkeit und freundlichen Kommentare bedanken. Ich hoffe, dass die Kommunikation zwischen blog und den anderen Kanälen nun noch leichter zu handhaben ist.

Das KZ-Außenlager Born a. Darß. Erste Recherche-Ergebnisse

Seit ein paar Wochen weiß ich mehr über das ehemalige KZ-Außenlager in #Born d. Darß. Es gehörte zum KZ Neuengamme. Seine Aufgabe bestand darin, Treibstoff für die Wehrmacht zu beschaffen. Da es gegen Ende des Krieges massiv an Treibstoff mangelte, wurde insbesondere die SS – und die wiederum mit Hilfe von KZ-Häftlingen – beauftragt, Treibstoff zu beschaffen. Holzvergaser kamen in Mode. Und für die brauchte man Holzkohle. Die wiederum wurde zum Beispiel in der SS-Meilerei in Born a. Darß hergestellt.
Die Recherchen zur SS-Meilerei in Born und zu den KZ-Außenlagern in Wieck und Zingst sind zusammen in der kleinen Studie Darss erste Fassung niedergelegt, die ich nun hier als pdf vorlegen kann.
Die Sache wird auch noch als e-book zu haben sein, das dauert aber noch ein paar Tage.

Mein Ziel ist folgendes: ich fände es schon angesichts der bisherigen Recherchen sehr sinnvoll, wenn am „Borner Hof“ in Born eine Gedenktafel angebracht würde, aus der hervorgeht, daß der „Borner Hof“ KZ-Außenlager für Neuengamme war, in dem mindestens 104 russische Kriegsgefangene als Häftlinge interniert waren.

Die Recherchen zur Geschichte des Darß zwischen 1933 und 1945 gehen selbstverständlich weiter. Aber diese ersten Zwischenergebnisse sollen doch schon zur Verfügung stehen.

Begonien im Frost.(2)

Dr. Rupert Neudeck am Eingang vom Moranbong Hotel Pjönjang.
Sonntag, 15. Februar 2004

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Programm:
7.30 Uhr Frühstück, ab Hotel 8.40 Uhr
Kususan Memorial Place (Mausoleum); Dr. Neudeck: Bong So Church Teilnahme an einem koreanischen Gottesdienst
Besichtigung Buddhistenkloster und Aussichtspunkt
12.00Uhr Lunch im Hotel
14.00 Uhr Besuch eines privaten freien Marktes im Neubauviertel (bitte keine Fotos und keine Interviews)
16.00 Uhr Meeting mit dem Präsidenten von APIETE, Herrn Kim Hung Rim.
18.00 Uhr Dinner hosted by APIETE.
Frau Botschafterin Doris Hertrampf hatte mit sehr viel Einsatz und in mühsamer Absprache mit den staatlichen Stellen ein gutes Programm zusammenstellen können. Da aber der Geburtstag des „Großen Führers“ am 16. Februar unmittelbar bevorstand, waren die ersten beiden Tage für Pflichttermine (Mausoleum) und für touristische Angebote gesetzt. Durch das kleine Aufzeichnungsgerät von SONY, das ich bei meinen Reisen immer als „elektronisches Notizbuch“ mitführe, konnten aber dennoch interessante Einzelheiten notiert und festgehalten werden. Ergänzt wurden diese Aufnahmen selbstverständlich durch ein schriftliches Tagebuch, das ich hier in Auszügen zur Verfügung stelle:
„Heute soll ich das Mausoleum des Großen Führers besuchen. Frau Hertrampf hat mich vorgewarnt, es könne sein, daß ich mich ins Gästebuch eintragen solle. „Na, da werde ich mal einen schönen Psalmvers hineinschreiben“ sag und sie lacht. Vielleicht schreib ich ja auch: „Hier liegt ein toter Mann und die Erde dreht sich weiter…..“
Unsere Handys sind wir am Flughafen losgeworden – gegen Quittung. Wir werden später noch mehr lernen über das Thema „Telefonieren in Nordkorea“. Im Hotel gab es gestern Abend eine erste Programmbesprechung. Mr. Kim Ki Su, der Vizepräsident der „Gesellschaft zur Förderung des Internationalen Wirtschaftlichen und Technischen Austauschs“ (APIETE) versteht kein Englisch – er tut jedenfalls so -, und ob der Herr daneben irgendwas versteht, ist völlig offen. Er lächelt jedenfalls freundlich.
Als wir abends vergeblich im Hotel nach einem Abendbrot gesucht hatten, hatte mich Rupert auf sein Zimmer eingeladen mit den Worten „ich hab noch eine Stulle von zu Hause, die können wir teilen.“ Und dann saßen wir bei ihm im Zimmer und teilten uns das Käsebrot, das ihm die Christel gemacht hatte.
Finanziell werden wir an dieser Reise auch beteiligt, haben wir erfahren. die Nacht im Hotel kostet 65 Euro, plus 40 Euro pro Tag für einen Nissan. Gestern wurden wir mit einem alten blauten Daimler geholt, dafür wollen die Koreaner 60 Euro. Dann verhandeln sie noch, ob wir nicht doch lieber ein größeres Auto wollen – wir einigen uns schließlich auf einen Kleinbus für 45 Euro pro Tag. Chronischer Devisenmangel…..
Der Tag heute gehört also der Stadt Pjönjang, denn am Vorabend des Geburtstags des „Großen Führers“ ist an politische Gespräche nicht zu denken, aber das wussten wir bereits“.
Pjönjang. Am Triumpfbogen mit Dolmetscher Pak:
IMG_20190719_121244Die Stadt bereitet sich auf den Geburtstag vor:
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Kims Mausoleum ist riesig. Der Personenkult findet hier seinen Höhepunkt:Vor dem riesigen Mausoleum des Diktators

Im Mausoleum
„Das Auto wird abgestellt. Den Mantel soll ich im Auto lassen. Wir stellen uns auf und werden registriert. Dann gibt einer ein Kommando, wir sollen uns, ich als ausländischer Gast in der Mitte, in die erste Reihe stellen. Dann gehen wir los. Man fährt über vier viele hundert Meter lange Strecken mit einer Art Rolltreppe, ebenerdig, ähnlich den Transportbändern am Frankfurter Flughafen. Links und rechts stehen Wächterinnen, im langen Kleid, schweigend. Kein Tageslicht. Leise gedämpfte Musik. Dann fährt die rollende Treppe um die Ecke, es geht hinab, dann wieder hinauf, auch oben stehen Wächter und bedeuten uns, anzuhalten. Wir stehen. Nun ein Handwink. Wir dürfen die Große Halle betreten: an der Wand uns gegenüber das große Denkmal des Führers in Gold, die Wand hinter ihm unten knallrot und nach oben hin ins blau verdämmernd und die getragene Musik dazu. Es klingt so ähnlich wie „Unsterbliche Opfer“.
Wir stehen an einem weißen Strich vor dem goldenen Denkmal. Dann wieder ein Handwink, wir gehen nach rechts weiter, immer neben den normalen Gästen, die in nicht enden wollenden Schlangen stehen – viele tausende. Privilegierter Ausländer besucht toten Diktator.
Vor einer Luftschleuse warten. Lange Minuten. Dann wieder der Wink mit der Hand, winzig nur, aber sehr bestimmt. Ein Zischen, die Luftschleuse öffnet, wir treten einzeln hindurch und werden wie mit einem riesigen Fön von der Seite angeblasen. Kein Stäubchen soll den Raum erreichen, den wir nun betreten.
Die riesige Halle mit dem gläsernen Sarg in der Mitte.
Ich war innerlich auf den toten Stalin eingestellt. Man kennt diese Bilder vom Fernsehen. Aber nun beschleicht mich der alte protestantische Gedanke: der da liegt, ist ein wächserner dicker und sehr toter alter Mann.
Mir fallen Psalmverse ein: „Des Menschen Leben ist wie Gras und wie eine Blume auf dem Felde. Wenn der Wind darüber geht, so ist sie nicht mehr da.“ Der da liegt, ist nicht mehr da. Der da ist ein toter Götze, der wie Schneewittchen im Glaskasten liegt.
Man steht an in der Schlange und man geht ein paar Schritte, bis man genau in der Mitte vor der Fußseite des Sarges steht. Einige verneigen sich. Einige tief, andere kaum merklich. Dann geht’s an die linke Seite des Sarges, die Prozedur wird wiederholt, dann die Kopfseite, an der rechten Seite hat die Konzentration schon merklich nac hgelassen und man wird in den nächsten Raum geführt: die „Halle der Tränen“. Aber ich will genau sein: ich sehe auch den einen oder anderen sichtlich gerührt tehen. Ich sehe auch Tränen in den Augen der Menschen.
Dann also die „Halle der Tränen“. Man drückt mir ein kleines Gerät in die Hand, das ich an mein Ohr drücken soll und in dem in schepperndem Deutsch in andachtsvollem Ton auf die Trauer hingewiesen wird, die das Volk befallen hat, als der Große Führer gestorben war.
Mir fällt eine junge Frau auf, eine „Führerin“ offensichtlich, die vor einer Gruppe von Soldaten versucht, diese alte Trauer des Volks darzustellen und nachzuempfinden. Das wirkt, wenn man es schauspielerisch betratet, echt. Aber es ist dennoch alles sehr routiniert, was hier abläuft und erinnert mich an Fernsehbilder von dem, was man von den Pharaonen weiß. Hier liegt ein alter toter Pharao. Ein Gott-König.
Ich kann mir vorstellen, dass im alten Ägypten unter solchen Umständen Ähnliches vonstatten gegangen ist. Ich erlebe nun also einmal selbst, was es mit dem Personenkult auf sich hat. Nicht nur aus dem Fernsehen mit Bildern vom toten Stalin, sondern in Pyongyang im Mausoleum des „Großen Führers“. Vieles, was ich hier sehe, erinnert mich an Fenrshbilder meiner Kindheit vom toten Stalin aus den Fünfziger Jahren.
Aber auch den hier hat der Tod gefällt. Die „Sonne des 21. Jahrhunderts“ liegt da nun also in einer Glaskiste.
Man zeigt mir nun den „Saal der Orden“. In einem riesigen Raum sind all die riesigen Orden in Vitrinen aufgereiht, die man dem „Großen Führer“ in seinem Leben mal an den dicken Bauch geheftet hat.
Dann bitett man mich – Frau Botschafterin hatte mich vorgewarnt – um einen Eintrag ins Gästebuch. Ich war vorbereitet: Ich habe ein Zitat ins Buch geschrieben, Psalm 8, Vers 1:
„Herr unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen“. Wohl wissend, dass das Alte Testament einen sehr anderen meint als diesen dicken toten Mann da im Glaskasten…
Nach dem dicken Toten kommen wir wieder an die frische Luft. Es ist Vorfrühling. Wir fahren ein paar Meter, stellen uns auf zum Erinnerungsfoto gemeinsam mit dem Parteisekretär, der uns die ganze Woche über begleiten wird.
Rupert Neudeck erzählt uns seine Erinnerung an seine Begehung des Mausoleums später so:

Begonien im Frost. Nordkorea im Februar 2004. (1). Eine Reise in memoriam Dr. Rupert Neudeck. Podcast in mehreren Teilen.

Es ist lange her und doch sind die Notizen von dieser besonderen Reise eine Erinnerung wert. Eine Erinnerung an Dr. Rupert Neudeck, mit dem ich befreundet war – eine Erinnerung aber auch an ein Land, über das so wenig bekannt ist und über das deshalb so viele Vorurteile kursieren.
Hier nun sollen Aufnahmen und Notizen bereitgestellt werden, die ich im Februar 2004 in Nordkorea aufgenommen und aufgezeichnet habe. Informationen aus erster Hand. Vielleicht dienen sie ja dazu, sich ein wenig gründlicher mit jenem seltsamen Land zu beschäftigen, von dem der Westen nur in Kategorien wie „Diktatur“, „Atombombe“ und „Hunger“ denken kann. Mehr als zwei Jahre habe ich mich auf diese Reise vorbereitet. Unser Ziel bestand in zweierlei: zu erkunden, ob wir mit den „Grünhelmen“ hilfreich sein könnten und wir wollten zweitens das Thema „Erneuerbare Energien“ politisch platzieren – weshalb ich eine nordkoreanische Übersetzung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes als Gastgeschenk für unsere politischen Gesprächspartner mitgenommen hatte. Das Thema „Energie“ hat uns die ganze Reise über begleitet.
Wir beginnen am Samstag, 14. Februar 2004, dem Tag unserer Anreise:

 

 

Unterwegs Fuer-unsere-Enkel.org. Station Wien. Januar 2019

Begonnen hatte die Angelegenheit mit einer Anfrage des früheren Präsidenten des Diakonischen Werkes Österreich, Michael Chalupka per facebook. Ob ich mir vorstellen könnte, anlässlich des Neujahrsempfangs der Diakonie Österreich Anfang 2019 nach Wien zu kommen, um zum Thema „Klimawandel und unsere Verantwortung“ zu sprechen. Ich konnte mir das sehr gut vorstellen und sagte zu.
Daraus entstand nach und nach ein sehr umfängliches Begegnungs-Programm, aus dem einige Akzente besonders erwähnt werden sollen:
Beim sehr gut besuchten Neujahrs-Empfang war Gelegenheit, in einem etwa halbstündigen Podiums-Gespräch, moderiert von der Radio-Journalistin Renata Schmidtkunz vom Österreichischen Rundfunk das internationale Netzwerk Fuer-unsere-Enkel.org vorzustellen und auch darauf hinzuweisen, dass wir bereits mit einem account in Wien vertreten sind.

Gesprächsrunden in Schulen (10. und 12. Klasse) waren möglich und ein ausführlicher Austausch über die Frage, inwiefern das Thema Klimawandel den Lebensalltag österreichischer Jugendlicher bereits jetzt bestimmt und was sie angesichts der „Horrorbilder aus aller Welt“, wie sich ein Jugendlicher ausdrückte, angemessen getan werden kann, ohne sich selbst zu überfordern. Was noch deutlicher wurde: die jungen Leute fühlen sich angesichts ihrer alltäglichen schulischen Herausforderungen vom Thema climate change überlastet. Sie fühlen sich ohnmächtig. Sie können nicht erkennen, an welcher Stelle sie sich engagieren können, ohne sich zu viel zuzumuten. Genau das war ja der Grund, weshalb wir das Netzwerk Fuer-unsere-Enkel.org gegründet haben: es geht um Entlastung der Jüngeren.

Eine abendliche Gesprächsrunde, organisiert von der Wiener Zeitung und von der Diakonie Österreich war eine weitere Gelegenheit, das Netzwerk auszubauen. Vor allem bei den kleineren Gesprächsrunden nach dem „offiziellen“ Teil der überaus gut besuchten Veranstaltung, die vom Chefredakteur der Wiener Zeitung, Dr. Hämmerle (re) moderiert wurde.

Wir sehen mittlerweile an den Anfragen nach Möglichkeiten der Mitarbeit, die unser Netzwerk erreichen, dass der Besuch in Wien überaus hilfreich war zum weiteren Ausbau des Netzwerkes. Die Diakonie Österreich ist mit ihren zahlreichen Einrichtungen schon seit etlichen Jahren dabei, sehr konkreten Klimaschutz zu realisieren. Aber: man will mehr tun. Deshalb stand das Thema in diesem Jahr im Zentrum des Neujahrsempfangs und der zugehörigen Termine. Unser Dank geht an Michael Chalupka und all die vielen Helferinnen und Helfer, die diese Woche ermöglicht haben.
Im Februar wird Gelegenheit sein, das Netzwerk in Baden-Baden zu erweitern. So kommen wir voran. Schritt für Schritt, Besuch für Besuch, Interview um Interview. Den vielen Menschen, die mittlerweile in Deutschland, Österreich, Schweiz, Belgien, Frankreich, Dänemark und anderen europäischen Ländern daran mittun, sei herzlich Danke gesagt.
Jane Goodall, die vielfach ausgezeichnete britische Forscherin und Umweltschützerin, hat das notwendige Engagement auf eine einfache Formel gebracht: „Alles was du tust, macht einen Unterschied. Du musst jedoch entscheiden, welche Art von Unterschied du willst.“
Greta Thunberg, die junge Klima-Aktivistin aus Schweden, hat verstanden, wovon die Rede ist. Sie und viele andere aus der jüngeren Generation brauchen Unterstützung. Deshalb gibt es Fuer-unsere-Enkel.org. Jeder, der daran mittun möchte, dass das Netzwerk weiter wächst und seine Wirkung entfalten kann, ist herzlich eingeladen.

Vor der Weltklimakonferenz in Bonn. Die nächsten Schritte.

6. – 17. November. Die Welt schaut nach Bonn. Die entscheidende Frage dieser Konferenz wird sein: genügen die konkreten Vorhaben der Länder der Welt, um die in Paris vereinbarten Ziele zu erreichen?
Was sich bereits jetzt abzeichnet: sie genügen nicht.
Die Staaten der Welt tun viel zu wenig, um das in Paris verabredete Ziel zu erreichen.

Deshalb muss der öffentliche Druck zunehmen. Tag für Tag, Woche um Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr.
Auf allen politischen Ebenen.
Jede Kommune kann etwas tun für deutlich mehr Klimaschutz. Das fängt an bei den Rückstellungen (wo sind die investiert? Kann man sie in Erneuerbare Energien investieren?) und geht über die notwendigen Investitionen (Solarenergie auf Schuldächer, Wärmedämmung, energetische Sanierung und so weiter und so weiter). Die Stadtwerke und kommunalen Wohnungsgenossenschaften können da sehr viel tun.

Die Bundesländer müssen deutlich mehr tun.  Auch hier geht es um die Themen Abzug von Rückstellungen (inbesondere Pensionsfonds) aus Fossilen Energieträgern (#Divest) und Investition in Energieeffizienz und Erneuerbare Energien (besonders im Wärmemarkt und im Verkehrsbereich).

Der Bund ist gefordert. Die kommende Legislaturperiode wird entscheidend sein. Klimawissenschaftler weisen darauf hin, dass in den kommenden vier Jahren die Entscheidungen für einen schnellen Ausstieg aus den fossilen Energieträgern, insbesondere aus der Kohle, fallen müssen.

Was kann ein Netzwerk wie Fuer-unsere-Enkel.org beitragen?
Wir können unsere Strukturen systematisch weiter ausbauen.
14 Landes-Seiten arbeiten bereits. Dazu je eine Seite in Österreich und eine in der Schweiz.
Wenn wir im kommenden Jahr in jeder Landeshauptstadt eine Gruppe konkret in die Arbeit bekommen, die vor Ort das Netzwerk systematisch auf- und ausbaut, sind wir einen großen Schritt weiter.

Darauf können wir uns konzentrieren.
Die Landes-Seiten unseres Netzwerkes findet man hier. Von dort aus ist es ein Leichtes, entsprechende kommunale Gruppen aufzubauen. Jeder, der daran mittun möchte, ist herzlich eingeladen.

Was ich tun kann.Für-unsere-Enkel.org

mit ursula und horst schanzenbach 3. 9. 2017

Gestern waren wir mit Freunden unterwegs. Gelegenheit, über „Für-unsere-Enkel.org“ zu sprechen. Ursula und Horst kannten das Netzwerk ja schon aus dem Internet, finden die Sache auch gut, möchten sie auch unterstützen, aber sie hatten Fragen.
„Was genau kann ich tun?“ wollte Ursula wissen. Sie hatte die Facebook-Gruppen des Netzwerks natürlich schon gesehen, hatte sich auch die Homepage des Netzwerks angeschaut, aber ihr war noch nicht ganz deutlich, was sie selber beitragen könnte.
Ein paar Möglichkeiten haben wir besprochen beim Glas Wein:
am Anfang:

  1. ich informiere mich zum Thema Klimawandel auf der Homepage des Netzwerks (da sind ja auch links zu wichtigen weiteren Informationsquellen angelegt)
  2. ich gebe diese Informationen per e-mail oder über meinen facebook-, google+- oder twitter-account an meine Freunde weiter
  3. ich verknüpfe mich mit der facebook-Seite „Für-unsere-Enkel – Klimaschutz geht alle an“ und mit der entsprechenden Länder-Seite des Netzwerks und spreche mit meinen Freunden über das Netzwerk „Für-unsere-Enkel.org“

im zweiten Schritt:
4. ich schreibe zum Beispiel einen Leserbrief (z.B. an die Redaktion des in meinem Stadtbezirk kostenlos verteilten Anzeigenblattes oder an meine Tageszeitung) zum Thema: „Klimaschutz in meinem Stadtbezirk“
5. Diesen Leserbrief teile ich über meinen social-media-account (z.B. facebook) auch auf der Landes-Seite des Netzwerks, damit andere davon erfahren können
6. immer, wenn ich im Zusammenhang mit dem Netzwerk „Für-unsere-Enkel.org“ etwas unternehme (z.B. mit meinen Freunden spreche; z.B., wenn wir gemeinsam ein kleines Vorhaben planen), informiere ich darüber via facebook, google+, twitter oder in einem kleinen blog die anderen im Netzwerk.

Das Ziel besteht darin, das Thema „Klimawandel und seine Folgen für die Kinder und Enkel“ zu einem wirklichen Thema zu machen.
In Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen kommt dazu viel zu wenig. Wir wollen und können mit unseren social-media-Aktivitäten (liken, teilen, bloggen) helfen, dass das Thema wirklich „zum Thema“ wird.

in einem dritten Schritt
7. kann man direkt politisch handeln (z.B. seinen Stadtrat auffordern, die Pensionsrückstellungen der Kommune zu de-investieren, also aus fossilen Energien abzuziehen und in Erneuerbare Energien zu investieren.)
8. ich spreche mit meiner Hausbank über meine Ersparnisse und über die Frage, wo die Bank dieses Geld anlegt. Sollte in Fossile Energien (Kohle, Gas, Öl) investiert sein, ziehe ich mein Geld dort ab und investiere in Erneuerbare Energien.
Auch über solche Aktivitäten informiere ich das Netzwerk, damit andere von meinen Erfahrungen profitieren können.

Es war ein interessanter und schöner Abend.
Ursula und Horst haben gesehen, wo sie sich einbringen können.
Schön, dass sie im Netzwerk mitmachen.