Heute nehme ich mir vor, zu 11 Uhr in „Samariter“ zu sein, einer Kirche, die ich noch nicht kenne, auf deren Elf-Uhr-Gottesdienst aber gestern bei Facebook aufmerksam gemacht worden war. Hoch lebe das Internet!

Ich schaue mir die Entfernung an: 20 Minuten mit dem Fahrrad, 12 Minuten mit dem Auto, etwa 40 Minuten mit Öffentlichen und etwas über eine Stunde zu Fuß. Nein, ich fahre nicht, ich mache einen Kirch-Gang – und gehe zu Fuß. Ich will die Stadt sehen, in der ich wohne, auf dem Wege zu einer Kirche, die ich nicht kenne.

Der Weg beginnt eigentlich in einem alten Berliner Vorort, der erst seit 1920 zur Stadt gehört, in der Gärtnerstraße, führt dann die Große-Leege-Straße hinunter, die langweilig ist. Das ist „Wohnstraße“, „Schlafstraße“. Keine Restaurants, keine Geschäfte, ein paar Innenhöfe zeigen sich versteckt durch Hausdurchgänge, ich folge den Einblicken nicht, will weiter. In der Straße lädt nichts zum genaueren Hinsehen ein. Der Weg führt über die Landsberger hinüber – dort wird grade mächtig gebaut, die städtischen Wasserleitungen sind dringend sanierungsbedürftig, gewaltige Rohre liegen bereit, in denen ein Erwachsener aufrecht stehen könnte. Hinüber zur Vulkanstraße, dann, kurz vor einem Parkplatz abbiegend, führt der Weg quer durch ein Neubaugebiet mit gewaltigen Hochhäusern. Schlafburgen sind das. Von außen wirkt das auf mich wie ein riesiges Gefängnis. Einige Wohnungen sehe ich mit kaputten Fenstern, andere sind mit Silberfolie ausgebessert, es sieht schlimm aus, wenn ich mir die gewaltige Fassade eines solchen Giganten betrachte. Hier ist alles viereckig. Ein paar Menschen sind auszumachen, da ganz oben an einem der Fenster. Sie schauen herunter auf die Welt, in die sie wohl nur heruntersteigen, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt.
„Man kann einen Menschen auch mit einer Wohnung erschlagen“ fällt mir ein, Heinrich Zille soll das mal gesagt haben und der kannte sich aus in den Berliner Wohnmilieus.
Weiter geht der Weg an REWE und EDEKA vorbei in die Möllendorffstraße. Dort wird das Hochhaus-Wohn-Elend noch dramatischer.
Wer einmal großstädtische autogerechte aber menschenfeindliche Wohnweise in ihrem ganzen Elend sehen will, sollte in die Möllendorffstraße gehen und sich dort die gewaltigen Hochhäuser genau besehen, die da zu sehen sind. Man findet Vergleichbares in vielen deutschen Städten. Sünden der siebziger Jahre.
Auf Höhe Loepernplatz führt mich mein Kirchgang nach rechts beim HADI-Friseur, einem Barbershop, vorbei zunächst in die Scheffelstraße, dann über die Eldenaer Brücke. Unter mir S-Bahn-Gleise und Gleise des Fernverkehrs. Berlin ist eine schnelle Stadt. Über 14.000 Menschen arbeiten für die Berliner Verkehrsbetriebe. Das rattert und rast den ganzen Tag im Minutentakt. Diese Stadt schläft nicht.
Dann bin ich bald da, bin schon über eine Stunde unterwegs, die Samariterstraße führt von der Eldenaer Straße linksab, die Kirchturmspitze ist schon zu sehen. Ich habe noch eine dreiviertel Stunde Zeit bis zum Beginn der Veranstaltung, das ist gut und richtig so, so hatte ich das auch geplant, weil ich „Witterung aufnehmen“ will in diesem Kiez, in dem der „Samariter“ das Thema vorgibt; die Kirche ist in Sichtweite, also setze ich mich „auf einen Kaffee“ gleich gegenüber in einen „Türkenladen“ und bestelle mir einen Kaffee. „Espresso haben wir nicht, aber normalen Kaffee“ sagt einer der beiden Männer, die sich da am Sonntagvormittag offensichtlich um den Laden kümmern, wenn sie nicht grad draußen als ihre eigenen Gäste am Tisch sitzen und schwarzen Tee trinken.

Gleich nebenan war ich eben am Gemeindebüro vorbeigelaufen, nicht, ohne mir ein Erinnerungsfoto mitzunehmen:

In dieser Kirchengemeinde geht es also um Gutwilligkeit gegenüber Hunden, Union Berlin hat hier Fans, im Gemeindesaal gibt’s eine Suppenküche und ein Nachtcafé, ein Kindergarten ist vorhanden und Migrationsberatung findet statt.
Ich werde neugierig.
Großstadt-Gemeinden bilden inhaltliche Schwerpunkte. Hier also: „Migrationsberatung“. Man arbeitet mit Flüchtlingen.

Die Kirche selbst – eine jener zahlreichen Kirchen, die Kaiserin Auguste Viktoria (im Volksmund „Kirchenjuste“ genannt; allein in Berlin 53 Kirchen!) der Stadt hinterlassen hat: ein neogotischer Klinkerbau. Nix Besonderes. Solche Kirchen finden sich zahlreich in der Stadt. Wichtiger ist mir, was drinnen vor sich geht.

Mein Kaffee ist ausgetrunken, ich habe noch ein paar Minuten, gehe eine Runde um die Kirche herum. An einem Seiteneingang nochmals der Hinweis auf die Migrationsberatung, die hier geleistet wird. In der Bänschstraße sehe ich ein wunderbar restauriertes altes Berliner Mietshaus, einst großbürgerlich, mit wundersamen Balkons, die mich auf die Idee bringen, eine Fotoserie über Berliner Balkone aufzunehmen. Hier meint man, in Venedig oder andernorts weiter südlich angekommen zu sein. Eine hübsche Überraschung.

Neben dem Eingang der Kirche der wichtige Hinweis auf die Bekennende Kirche und Wilhelm Harnisch.

„Ein guter Ort“, geht mir durch den Sinn. Das Thema „Bekennende Kirche“ begleitet mich nun schon fast ein halbes Jahrhundert. Immer wieder bin ich auf den Spuren jener verdammten 12 Jahre zwischen 1933 und 1945. Sie sind ein Lebens-Thema geworden.
Im Kirchenraum ist es noch leer, ich bin früh dran. Ein Kantor und eine junge Frau – vermutlich die Lektorin – unterhalten sich. Letzte Absprachen. Ein freundliches „Guten Morgen“ verbindet uns sofort. Ich nehme Platz im vorderen Drittel des großen Raumes und besehe mir den Altar-Raum in aller Ruhe, während nach und nach die meist jungen Menschen kommen, die an der Veranstaltung teilnehmen wollen. Der Raum sagt mir zu: Sorgfältig vorbereitet, auch die Details stimmen. Einladend vorbereitet. So soll es sein.
An Hitzetagen dient dieser schöne Raum auch als Hitze-Schutzraum für Menschen, die mal eine Pause brauchen von der Hitze der Stadt, ein wenig Schatten, etwas Kühlung. Die großen Kirchenräume bieten sich dafür sehr gut an, zumal stehen sie mitten im Wohngebiet, sind gut erreichbar und haben viel Platz.

Blau – die Farbe des Himmels. Marc Chagall hat am Ende seines Lebens beinahe nur noch in Blau gearbeitet. Wer‘s nicht glaubt, fahre einmal nach Mainz und besehe sich St. Stephan, das „Testament“ des großen Meisters. Rot – die Farbe der Liebe; Gold – die göttliche Farbe. Damit ist alles Wesentliche eigentlich schon gesagt. Die transparenten Fenster bringen das „Licht von außen“ sehr gut in den Raum. Wir leben in finsteren Zeiten, da ist ein „Licht von außen“ gut zu gebrauchen.

Pfarrerin Jasmin El-Manhy bereitet sich an der Seite des Kirchenschiffes vor, das ist immer ein wenig fummelig mit dem Ansteckmikrofon am Talar, man kennt das. Sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, die Sache ist erst fertig, wenn sie fertig ist.
Wir Zuhörer erfahren gleich zu Beginn ihrer Textauslegung, daß sie „Familie in Ägypten“ hat. Da passt das Thema Migrationsberatung wohl gut sowohl zur Gemeinde als auch zur Pastorin. Da ist etwas „stimmig“, wie Musiker vielleicht sagen würden.

Worum geht es heute? Um das Thema „Brot“.
Ein Hinweis also. Ein uraltes Symbol. Antwort auf eine Lebens-Frage: wovon lebe ich eigentlich? Was nährt mich wirklich? Was nährt meine Seele?
Wir leben in Wohlstand und Freiheit – sind aber doch oft unglücklich, streitlustig, aggressiv, rechthaberisch, wirken immer mehr „kriegstüchtig“, sind auf Zank und Streit aus – Zeichen, daß es unserer Seele nicht gut geht, sie ist nicht gut genährt, jeder Therapeut und jeder Seelsorger kennt diese Anzeichen des Seelenzustandes eines Menschen.
Was aber nährt die Seele? Was wäre denn „das richtige Brot“? Was wäre denn das „Brot des Lebens“?

Darum geht es und um die Frage, die gleich zu Beginn in einem uralten Text auftaucht und gemeinsam von allen gelesen wird: Wo ist eigentlich für mich „eine Stadt, in der ich wohnen kann“?

Der alte Text aus der Liedersammlung des Königs David lautet:
„Dankt dem HERRN, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewig. So sollen sagen, die erlöst sind durch den HERRN, die er aus der Not erlöst hat, die er aus den Ländern zusammengebracht hat von Osten und Westen, von Norden und Süden. Die irregingen in der Wüste, auf ungebahntem Wege, und fanden keine Stadt, in der sie wohnen konnten, die hungrig und durstig waren und deren Seele verschmachtete, die dann zum HERRN riefen in ihrer Not und er errettete sie aus ihren Ängsten und führte sie den richtigen Weg, dass sie kamen zur Stadt, in der sie wohnen konnten: Die sollen dem HERRN danken für seine Güte und für seine Wunder, die er an den Menschenkindern tut, dass er sättigt die durstige Seele und die Hungrigen füllt mit Gutem.“

Da ist sie wieder, die „Migrationsberatung“ für alle die „Menschen aus Ost und West, von Norden und Süden“.
Hier findet sich „eine Stadt, in der sich wohnen lässt“. Hier findet sich Gemeinschaft und Gesang.
Hier kann man wieder mal aufatmen von der Last der Woche, abladen, was einem zu tragen zu schwer wurde. Durchatmen, loslassen, singen.

Im Zentrum: Brot und Wein – gemeinsames Essen und Trinken, das ist hier gelebte Praxis in Samariter. Man hört einander zu, man wendet sich dem Nachbarn zu, man ißt gemeinsam. Denn:
Wir sind alle Fremde unter Fremden. Wir sind allesamt nur Durchreisende. Es gibt also überhaupt gar keinen Grund von „wir hier“ und „die da“ zu sprechen.

Mir sagt zu, was ich hier wahrnehme. Das ist glaub-würdig und authentisch. Das ist nicht „gemacht“, sondern schlicht, einfach, durchscheinend, transparent. Hier geht es um Zuwendung und Trost, Stärkung und gemeinsame Hoffnung. Das sagt mir zu. Eine Stadt wie Berlin, in der alle Nationen der Welt vertreten sind, braucht solche Orte der Verständigung und des Miteinanders.

Am Ausgang kann man Geld spenden. Diesmal wird für die Arbeit mit Menschen gesammelt, die an den Berliner Bahnhöfen gestrandet sind. Das alte Wort „Bahnhofsmission“ zeigt ja nur wenig von der wichtigen Arbeit, die da eigentlich an Menschen geleistet wird, die eine Soforthilfe brauchen. Wer etwas in die andere Schale legen will, kann die „Migrationsberatung“ unterstützen. Auch das gefällt mir gut. Hier denkt man nicht nur an sich, sondern an andere. Ganz praktisch. Jeder gibt, was er will und kann.

Den Rückweg nehme ich wieder unter die Füße.
Ich will nachklingen lassen, was da eben aufgeklungen war; will dem nach-denken, was da angesprochen war. Ich gehe durch die Millionenstadt Berlin und der uralte Satz klingt in mir nach von jener „Stadt, in der man leben kann“. Tausende Menschen kommen hierher, weil sie hoffen, daß ihnen hier geholfen wird. Berlin ist Deutschlands Haupt-Anlaufstelle für Flüchtlinge. Kaum eine andere Stadt hat so viel Erfahrung im Umgang mit Menschen aus anderen Ländern. Sie suchen Heimat, suchen einen Ort zum Leben.

Das gilt aber ebenso für die Menschen da oben in den Hochhäusern in der Möllendorffstraße in ihren viereckigen Gefängnissen mit den kaputten Fensterscheiben.
Wo haben diese Menschen denn „eine Stadt, in der man leben kann“?

In solchen Gedanken komme ich am „Hohenschönhausener Tor“ an und setze mich zum Türken in die Bar, draußen droht ein kräftiger Regenschauer, da ist dieser Ort gerade richtig für ein kleines Mittagessen.

Es gibt „chinesische Frühlingsrollen mit Hühnerfleisch“ und ein Berliner Pils – im Plastikbecher. „Gläser ham wa nich“.
Ich sitze in dieser Bar als Fremder unter Fremden. Hier in dieser Bar, die es zu Hunderten gibt in dieser Stadt an diesem Sonntagvormittag, höre ich russisch, chinesisch, einen Menschen aus Afrika sehe ich, neben mir ein Ukrainer, der Chef des Ladens kommt aus der Türkei.
Wo ist Heimat? Wo ist die Stadt, „in der ich wohnen kann“? Eine Frage, die uns verbindet.

Neben mir der ältere Ukrainer im edlen Samthemd, mit Edelsteinring am Finger und Goldschnallen am Schuh löffelt seine Wan Tan Suppe, das riesige Smartphone neben sich. Wo ist sein zu Hause?

Der junge Russe im blauen Trainingsanzug, weißen Socken und Gummisandalen holt sich, das Handy noch am Ohr, einen kleinen Vodka aus dem Kühlschrank und zahlt gleich, die Sache geht schnell, er ist offenbar „in Geschäften unterwegs“.

Die Familie, die draußen vor dem Gastraum gesessen hat, ist weitergezogen. Zwei Kinder und eine jüngere Frau mit schmutzig roten Haaren und rosa Koffern voran, zwei „Galgenvögel-Gestalten“ hinterher, in der rechten Hand Bierflasche und Zigarette, mit der Linken wird der Kinderwagen mit dem dritten Kind geschoben – wo ist die Stadt „in der man leben kann“? Wo haben diese Menschen, mit denen ich eine kurze Zeit verbunden war, ihr zu Hause? Wo findet ihre Seele Nahrung?

Der Bus vom Schienenersatzverkehr bringt mich die letzten anderthalb Kilometer.
„Berlin ist hart aber herzlich“ klingt es im Bus-Lautsprecher.
„Deshalb zeigt Respekt und seid freundlich zueinander.“

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