Die Recherche geht weiter. Ich versuche Stück für Stück mir Klarheit zu verschaffen, was da im März bis Juni 1945 auf dem Darss vor sich gegangen sein mag. Wir hatten in den beiden vorigen Beiträgen mit den Grabsteinen von Dr. Eva Scheel und Dr. Brakhage angefangen. Wir hatten inzwischen auch etliche Kinder in den Totenbüchern Prerow und Zingst identifizieren können, die zu jener großen Kindergruppe gehörten, die im März 1945 von Stettin-Finkenwalde kommend, nach Zingst, Prerow, Damgarten und Rügen gebracht worden waren. Die Recherchen zu Dr. Eva Scheel sind noch nicht abgeschlossen, aber wir wissen inzwischen, dass die junge Ärztin eben exakt zu dieser Flüchtlingsgruppe der etwa 300 Kinder gehörte. Ihr Chef war Dr. Gotthold Brakhage, der in Zingst begraben liegt. Er hatte sich am 2. Mai 1945 gemeinsam mit seiner Frau Martha, geb. Tröster und den drei Kindern Thea (*11. September 1941), Henning (*2.2.1943) und Hella (*4.8.1944) vergiftet. Die Frage ist bislang ungeklärt: Weshalb tat er das? Er hätte doch gemeinsam mit den Kindern ebenfalls via Berlin weiter fliehen können?
Die Umstände sind weiter unklar, aber inzwischen weiß ich mehr über seine Biografie. Daraus ergibt sich bislang:
Gotthold Christian Brakhage wurde am 20.6.1900 in Hamburg geboren. Sein Vater war pensionierter Domküster. Am 18. Juni 1928 hat Gotthold Brakhage in Verden sein Abitur abgelegt und war anschließend für wenige Wochen (bis Dezember) Soldat. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg wurde er 1919 – 1922 in Verden, Lengerich und Halberstadt zum Apotheker ausgebildet. Am 25. April 1922 schrieb er sich in Göttingen zum Studium der Pharmazie, Naturwissenschaften, Geschichte und Philosophie ein (Studium bis 1926). Am 28. April 1926 legte er die Abschlussprüfung im Fach Pharmazie ab. 1927 begann er mit vorklinischen Studien in Leipzig und Halle, am 28. Oktober 1928 legte er an der Universität Halle die Vorprüfung zur ärztlichen Prüfung ab. Am 3. November 1931 schrieb er sich an der Universität Rostock zum Studium der Medizin ein. Am 12. Dezember 1932 legte er in Rostock die ärztliche Prüfung ab. 1933 folgte ein praktisches Jahr als Arzt in Frankfurt/Oder und Leipzig und im selben Jahr die Promotion zum Dr. med. an der Universität in Leipzig. Die Promotionsschrift umfasste knappe 24 Seiten zum Titel „Untersuchungen über Diuresehemmung bei der weißen Maus“. Es ging in diesen Tierversuchen um die Beeinflussung von Nierenaktivität unter bestimmten Pharmazeutika (Morphin, Codein und Chloreton). Am 1. Mai 1937 trat er der NSDAP bei. 1938 – 1940 war er angestellter Assistenzarzt an einem Kinderkrankenhaus in Greifswald. Ab 1940 (das Jahr ist urkundlich bislang noch nicht exakt bestimmt und wird noch recherchiert) war er Chefarzt des großen, aus mehreren Häusern bestehenden Klinik-Komplexes „Kinderheil“ im damaligen Stettin, der von der Diakonie eingerichtet worden war (Vorstand: Pastor Gustav Winner). Er muss in jener Zeit wohl auch geheiratet haben (Unterlagen fehlen bislang), denn 1941 kam seine Tochter Thea zur Welt. Im selben Jahr widersprach Dr. Brakhage dem Urteil der Greifswalder Universität, die ihm seine Habilitationsschrift nicht anerkannte. Ich recherchiere diesen Vorgang gerade und versuche herauszufinden, was da genau vor sich gegangen war.
1943 kam Sohn Henning zur Welt und 1944 folgte Töchterchen Hella. Es war eine Zeit, in der Stettin schon unter schweren Bombenangriffen lag.
In den Tagen vom 5. – 7. März 1945 (die Rote Armee lag bereits an der Oder) musste der Krankenhauskomplex geräumt werden, über 300 Kinder gingen mit zahlreichen Diakonissen und Ärzten (darunter Dr. Eva Scheel und wohl auch Dr. Brakhage und seine Familie) von Stettin Richtung Zingst/Prerow/Damgarten und Rügen auf die Flucht.
Dokumentiert ist am 2. Mai 1945 der Suizid der Familie Brakhage in Zingst.

Unklar ist also weiterhin, was der Grund für diesen Suizid gewesen sein kann, denn Dr. Brakhage hätte selbstverständlich weiter Richtung Westen fliehen können, so, wie es ja Tausende auch taten (auch die Kinder und die Diakonissen aus seinem Krankenhaus). Man hat in Zingst geraunt, Dr. Brakhage sei „an Forschungen beteiligt“ gewesen, dafür gibt es aber bislang keine Belege. Die Aktionen „T4“ und die Tötungen im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen „Euthanasie“ fanden in Stettin vor allem in der diakonischen Einrichtung Kückenmühle statt, dazu gibt es einschlägige Publikationen. Besonders verdient gemacht hat sich Pastor Friedrich Bartels um die Aufklärung der Morde in Kückenmühle, weshalb ich seine Arbeit hier auch zum Nachlesen verlinke. Bisher gibt es keine Hinweise, daß auch „Kinderheil“ in dieses nationalsozialistische Kindermorden verwickelt gewesen sein könnte.
Ich werde mir demnächst die Habilitation von Dr. Brakhage, den Vorgang um die Nichtanerkennung dieser Habilitation durch die Universität Greifswald und seinen Einspruch dagegen ansehen, vielleicht bringt das neue Erkenntnisse, die, wenn sie gefunden werden sollten, hier publiziert werden.



























