Wenn man durch die kleine Eingangstür des Kirchleins eingetreten ist – von den Zeichen über der Tür hatte ich ja schon geschrieben1 – wird man eingehüllt in eine warme Atmosphäre, die dem vielen Holz geschuldet ist, das der damalige Architekturstudent Hardt-Waltherr Hämer (*13.4.1922 in Hagen bei Lüneburg – +27.9.2012 in Ahrenshoop) für sein erstes größeres Werk als bestimmenden heimischen Baustoff ausgewählt hatte.
Gleichzeitig aber wird man konfrontiert. Mitten in der Altarwand, mit Goldschrift in eigens von Doris Oberländer-Seeberg(*12.1.1903 in Dorpat (Tartu/Estland) – +27.5. 1989 in Ahrenshoop) entworfener Schrift geschrieben, liest man einen rätselhaften Satz: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ Ich werde auf diesen rätselhaften Satz noch in einem eigenen Beitrag näher eingehen. Für den Moment soll uns genügen, daß wir diese „Konfrontation“, diese „Ansage“ wahrnehmen.
Ich schreibe diesen Text am Gründonnerstag in der Karwoche des Jahres 2026. Wir leben in einer Zeit voller Kriege, Konflikte, Ungewissheiten. Viele Menschen machen sich Sorgen über den Zustand der Welt. Wer wach und aufmerksam unsere Zeiten wahrnimmt und wer vielleicht aufgewachsen ist in christlicher Kultur, dem mag der Gedanke wohl nicht allzu fern liegen, der da lautet: „auch in unserer Welt wird die Liebe getötet. Täglich wird sie ans Kreuz genagelt. So ist diese Welt eingerichtet.“ Mit anderen Worten: Passion findet täglich statt. Auch in der Karwoche des Jahres 2026.
Wir leben in einer bedrückenden, von Konflikten, Hass und Streit bestimmten Situation – auch bei uns im Lande -, in der es gut und sinnvoll ist, Orte der Stille und der Besinnung aufzusuchen. Orte der Stille und der Besinnung – das sind sehr besondere Orte. Denn sie sind extra dafür gebaut worden, damit Menschen sie aufsuchen und wieder Orientierung gewinnen können. Orte, in denen es möglich ist, einmal wieder Abstand zu nehmen vom nicht selten bedrückenden Alltag. Orte, in denen man sein Leben bedenken kann. Die „stille Woche“ vor Ostern, die Karwoche, ist eine gute Gelegenheit dafür.
Unsere kleine Schifferkirche bietet für solches Nach-Denken und Zu-sich-kommen einen Schutz-Raum an. Klaus Czerwinski aus Ahrenshoop, dessen Foto oben eingefügt ist, hat die Atmosphäre im Innenraum präzise eingefangen.
Das Ahrenshooper Kirchlein ist ein Ort der Besinnung und Stille.
Nicht nur in der Karwoche.
Gut, dass sie da ist und aufgesucht werden kann.
wer die Beiträge über das Kirchlein kontinuierlich verfolgen möchte, kann auch unsere Facebook-Seite abonnieren, die nur dem kleinen Kirchlein an der Küste der Ostsee gewidmet ist. ↩︎
Wenn man die Kirche betreten will, muss man durch die kleine verglaste Eingangstür. Viele Menschen öffnen diese Tür einfach wie man eben eine Tür öffnet und betreten den Kirchenraum, wie man halt einen Raum betritt. Nicht wenige Menschen haben aber gerade etwas übersehen: Über der Tür nämlich sind 3 Zeichen angebracht. Ein „A“ vielleicht? In der Mitte ein durchkreuztes „P“ vielleicht und rechts vielleicht ein „O“? Für nicht wenige Menschen sind diese Zeichen völlig rätselhaft. „Irgendwas mit Kirche“ denkt man sich vielleicht flüchtig. Wollen wir uns also diesen rätselhaften Zeichen nähern:
Wenn ich im Herbst eines Jahres als Kurpastor auch in Ahrenshoop bin, setze ich mich hin und wieder einfach in die kleine Kirche und nehme wahr, was da um mich herum passiert. Ich nehme Menschen wahr, die still in der Bank sitzen, schauen, ruhig sind, Pause machen. Vielleicht sprechen sie ein Gebet, vielleicht denken sie an ihre Familie oder an Freunde oder daran, daß sie nun, am Ende ihres Urlaubs, wieder auf die Reise müssen. Vielleicht denken sie an den Unfall zurück, der sie in die nahe gelegene Reha-Klinik geführt hat. Vielleicht denken sie voller Sorge an eine unangenehme Behandlung, die ihnen noch bevorsteht. All das weiß ich nicht. Ich sehe nur Menschen, die still in der Kirchenbank sitzen.
Andere Menschen nehme ich wahr, die kommen mit schon gezückten Fotoapparaten in die Kirche gestürmt. Sie öffnen laut die Tür, sprechen, wenn sie den Raum betreten, sie nehmen auch nicht die Kopfbedeckung ab, all das ist ihnen nicht vertraut, sie wollen nur „ein schnelles Foto“ machen, gehen auch gleich bis ganz nach vorn durch, würden am liebsten auch den kleinen Altarraum erstürmen. Sie sind sehr unruhig, wollen schnell das ihrer Meinung nach Wichtigste „mitnehmen“, sind keine fünf Minuten in der Kirche – und schon sind sie wieder draußen auf ihrem weiteren Weg. Und haben das vielleicht Wichtigste dieses Raumes gar nicht bemerkt.
Ich sitze während des Überfalls in der Kirchenbank und denke daran, daß all diese Menschen gerade unter diesen drei Zeichen da über der Eingangstür hindurchgegangen sind. Manche haben die Zeichen bemerkt, andere haben sie übersehen. Egal, ob man die Zeichen bemerkt hat oder nicht – sie gelten. Sie sind aus Stahl gefertigt. Stehen fest und klar oben über der Eingangstür.
Diese drei Zeichen wurden mit großem Bedacht ausgewählt und genau dort angebracht, wo man sie jetzt findet: über dem Eingang. Sie tragen eine Botschaft. Sie gelten für alle Menschen, die die Schifferkirche betreten, sie sind wie ein stiller unaufdringlicher Segensspruch, der für alle gilt, die diesen schönen Ort aufsuchen, deswegen stehen sie über dem Eingang.
„Komm herein und setze Dich, Du bist hier willkommen. Auch für Dich und Dein Leben gilt: „Christus ist das Alpha und das Omega. Er ist der Anfang von allem und das Ende von allem. Er ist alles in allem. Hier ist alles, was Du in Deinem tiefsten Innern suchst.“ Dabei stehen „Alpha“ und „Omega“ für den ersten und den letzten Buchstaben des griechischen Alphabets, für „Anfang“ und „Ende“ also. Und in der Mitte? Da sehen wir ein griechisches „chi“ für unser „ch“ und ein griechisches „ro“ für unser „r“ – der Beginn des griechischen Wortes „christós“, das wir als „Christus“ kennen und oft mit einem Eigennamen verwechseln, obgleich es sich um einen Titel handelt. In den zwei Buchstaben „chi“ und „ro“ ist ein Glaubensbekenntnis versteckt: ausgeschrieben heißt dieses Bekenntnis: „Ich glaube, dass der Zimmermannssohn Jesus von Nazareth, von dem im Neuen Testament die Rede ist, der erwartete Heiland der Welt ist – der „Christós“. Das „Chi-Ro“, das Christusmonogramm, ist neben Kreuz und Fisch das am häufigste Symbol für Jesus Christus seit der Antike. Wenn der Architekt also das Christusmonogramm über den Eingang der jüngsten der drei Kirchen der Kirchgemeinde Prerow anbringt, wenn er seiner modernen Architektur dieses antike Symbol anfügt und sogar prominent ganz vorn, gleich über dem Eingang anbringt, dann stellt er den gesamten Bau in eine über tausendjährige Tradition. Diese moderne Kirche „knüpft an“ an die uralte Geschichte der Christenheit und wiederholt eines der ältesten Zeichen der Christenheit – das Christusmonogramm „Chi-Ro“.
Wir haben also „Alpha“ – „Chi-Ro“ – und „Omega“. Die drei Zeichen über Tür bedeuten nun, insgesamt gelesen: „Der Erlöser der Welt, der Heiland, der „christós“, dem dieses Haus geweiht ist, und der „in der Mitte“ angebracht ist, der ist der Anfang und das Ende von allem, was ist.“ Er steht also auch über Deinem Leben, so, wie diese drei Buchstaben über der Tür stehen, durch die Du gerade gegangen bist. Manchmal bemerkst Du es, oft bemerkst Du es gar nicht.
Wenn Du also das nächste Mal die schöne kleine Schifferkirche in Ahrenshoop betrittst, achte einmal auf diese drei Zeichen gleich über der Eingangstür. Du Mensch, der Du als Besucher, als Urlauber, als flüchtiger Gast, als Kranker vielleicht, als Suchender vielleicht, als Dankbarer vielleicht dieses Haus Gottes betrittst – auch für Dich gilt, was da oben über der Tür geschrieben steht: Gott ist der Anfang und auch die Erfüllung Deines Lebens. Er steht über Deinem Leben und hält Dich, ob Du es bemerkst oder nicht. Du kannst ihm vertrauen und Deinen Weg weitergehen als gesegneter Mensch.
Anmerkung: wenn Sie unseren Beiträgen über die Schifferkirche in Ahrenshoop kontinuierlich folgen möchten, können Sie auch die Seite bei Facebook abonnieren, die Sie über folgenden QR-Code erreichen können:
Seit meinem Staatsexamen zum Thema „Folgen der Einführung des Arierparagraphen in das deutsche Beamtenrecht“ an der Universität Jena Anfang der 80iger Jahre des vorigen Jahrhunderts befasse ich mich intensiv mit Studien zur NS-Zeit. Auch bin ich seit langen Jahren Mitglied bei „Gegen Vergessen für Demokratie e.V.“, einem deutschlandweiten Netzwerk von Historikern und historisch Interessierten, die sich insbesondere mit der NS-Zeit auseinandersetzen. Vorsitzender ist derzeit der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Herr Prof. Dr. Dr. hc. mult. Andreas Voßkuhle.
Aus diesem Interesse seit meinen Studienzeiten sind inzwischen etliche Bücher erwachsen. Mich interessieren bei meinen Recherchen besonders die kleineren Ortschaften, weil die Verhältnisse in Großstädten inzwischen recht gut untersucht worden sind. Was fehlt, sind Studien zu den Verhältnissen in kleinen Städten und Dörfern während der NS-Zeit.
Immer beginne ich vor Ort. So war es in #Hetzdorf in der #Uckermark bei der Recherche nach der im Dorf geborenen jüdischen Familie Jacoby – daraus entstand 2015 „Theas Stein“, das mittlerweile gar als Schulbuch in süddeutschen Schulklassen eingesetzt wird und aus dem inzwischen auch ein Theaterstück an den Uckermärkischen Bühnen in Schwedt geworden ist.
Aus meinen Recherchen zur Geschichte des Darß zwischen 1933 und 45 entstand die Studie „Der Darß zwischen 1933 und 1945“ im Jahre 2019;
sehr aufwändig und zeitraubend waren die Recherchen zum Generalmajor der SS Franz Mueller-Darss, weil ich dazu sowohl die Personalakten der SS im Bundesarchiv, als auch die Entnazifizierungsakten in den Landeshauptarchiven Potsdam und Hamburg einsehen mußte. Schließlich waren die Personalaktenbestände im Archiv des Bundesnachrichtendienstes auszuwerten, weil Mueller-Darss nach dem Krieg zunächst bei der „Organisation Gehlen“, dann beim BND angeheuert war, allein diese Dokumentenauswertung hat etwa ein Jahr gedauert. Aus all den gut dokumentierten Recherchen wurde dann im Jahr 2022 die Studie „Franz Mueller-Darss. SS-Generalmajor. Eine Recherche„, die inzwischen sehr viel nachgefragt wird.
Meine regionalgeschichtlichen Arbeiten habe ich fortgesetzt mit zwei Studien über Personen in #Prerow: 2024 eine Arbeit über Dr. Hans Beu, der noch im fortgeschrittenen Alter in die NSDAP eingetreten war – um einen jüdischen Jungen zu schützen, für den inzwischen in Stralsund ein Stolperstein verlegt wurde.
Die vorläufig letzte Arbeit habe ich im Jahre 2025 über Albert Schaefer-Ast vorgelegt, der in Prerow ab 1943 ein Häuschen besaß und von dem die Rede ging, er hätte während der NS-Zeit Ausstellungsverbot gehabt, sei aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen worden und man habe seine Arbeiten zur „entarteten Kunst“ gerechnet. Ich konnte anhand von Dokumenten nachweisen, daß diese Behauptungen, die anfangs reine Selbstbehauptung war, die später immer wieder abgeschrieben wurden – nicht zutreffen.
Bei allen diesen Arbeiten gab es kräftige öffentliche Resonanz, überwiegend positiv. Bei Familie Jacoby in Hetzdorf in der Uckermark hat meine Arbeit dazu geführt, daß es nun in der Kirche des Dorfes eine Gedenktafel für die jüdische Familie Jacoby gibt, vor der eine Kerze steht, die nicht nur am Gedenktag für die Novemberpogrome entzündet wird. Diese Geschichte hat im Dorf dazu geführt, daß nun nicht mehr hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird über jene Zeit, sondern ganz offen und selbstverständlich. Die jüdische Familie gehört nun wieder zur Dorfgemeinschaft dazu – jedenfalls in der positiven Erinnerung. Hier ist etwas entstanden, das man als „gelungene Erinnerungskultur“ bezeichnen kann.
Anders ist es bislang noch in Born auf dem Darss. Da scheut man sich, am „Borner Hof“ und am Forsthaus eine kleine Gedenktafel anzubringen. Als Argument wird vorgetragen, soetwas störe den Tourismus. Das ist sehr schade, denn man kann an Orten wie beispielsweise Weimar sehen, daß ein Besuch im KZ Buchenwald sehr wohl Bestandteil eines Tourismus-Konzeptes sein kann. Und für den Weimar-Besucher gehört ein Besuch in Buchenwald beinahe selbstverständlich dazu. So könnte es in #Born auch sein. Dort war der „Borner Hof“ gegen Ende des Krieges ein kleines KZ-Außenlager. Untergebracht waren russische Kriegsgefangene mitten im Dorf und bei Mueller-Darss (der sehr genau auf das „ue“ in seinem Namen und auf das „ss“ am Ende von Darss achtete, letzteres hatte er sich von Heinrich Himmler persönlich gestatten lassen) im Forsthaus arbeiteten KZ-Häftlingsfrauen aus Ravensbrück, Meta Zils zum Beispiel. All das habe ich umfänglich anhand von Dokumenten belegt.
Nun hat es erneut öffentliche Aufregung um Mueller-Darss gegeben, die sogar die Ostsee-Zeitung erreicht hat, die Sache ist öffentlich, weshalb ich mich nun auch öffentlich darauf beziehe. Es ging bei der Aufregung um einen Forstweg, der durch den schönen Darßwald zum Weststrand führt und von dem ein Prof. Fuchs aus Göttingen annimmt, dieser „Müller-Weg“ bezöge sich auf eben jenen SS-Generalmajor Mueller-Darss, von dem in meinem Buch die Rede ist, er hätte diesen Hinweis in meinem Buch über Mueller gelesen. Da hat sich Prof. Fuchs allerdings geirrt. Ich habe an keiner Stelle behauptet, daß der „Müller-Weg“ etwas mit „Mueller-Darss“ zu tun hat. Darum geht es aber eigentlich im Kern nicht. Die öffentliche Aufregung hat nach meiner Wahrnehmung einen anderen Grund.
Kern scheint mir zu sein, daß es im Ort und im Gemeinderat von Born nicht klar ist, ob man sich nun offen mit der Ortsgeschichte auseinandersetzen, sie dokumentieren und öffentlich zugänglich machen möchte oder ob man das nicht möchte. Das müssen die Bornerinnen und Borner entscheiden und dafür gibt es den gewählten Gemeinderat.
Aber natürlich sind auch Gäste auf dem Darss an diesen Themen interessiert, es kann auch gar nicht anders sein, denn an anderen Orten in Deutschland ist es ja auch so, daß sich Gäste für die Ortsgeschichte ihres Urlaubsortes interessieren.
Aus meiner Sicht wäre es sehr gut, wenn man sich auch in Born zu einer kleinen Gedenktafel am „Borner Hof“ und einer am Forsthaus verstehen könnte. Denn unter der Ägide von Franz Mueller-Darss wurden während der NS-Zeit nicht nur die KZ-Hunde zur Bewachung der KZs ausgebildet (die SS nannte ihn deshalb den „Hunde-Müller“), sondern im Ort haben russische Kriegsgefangene und Häftlinge aus Neuengamme und Ravensbrück bei ihren Diensten auf Muellers Hof und beim winterlichen Schilfschneiden gelitten und einige sind auch dort gestorben.
Ich finde, diese Menschen haben wenigstens eine kleine Gedenktafel am Ort ihres Leidens verdient, so, wie es an anderen Orten in Deutschland ja auch längst üblich geworden ist.
Wenn sich die Welt nun Anfang November in Brasilien zur Klimakonferenz trifft, wird mancher sich die Augen reiben: Klima? War da irgendwas? Gibts nicht Wichtigeres?
Nein, es gibt nichts Wichtigeres. Weshalb viele auch im privaten Kreis darüber sprechen und sich überlegen, wie sie sich persönlich verhalten können, um ihre privaten CO2-Emissionen zu reduzieren.
Aber: „Woher bekomme ich verlässliche Informationen?“ fragt man mich nicht selten. Nun, man bekommt sie von unseren großen in Deutschland beheimateten und international hoch geschätzten und anerkannten Forschungseinrichtungen, die sich mit den Ursachen des Klimawandels und mit den Folgen des Klimawandels beschäftigen. Allen voran PIK Potsdam.
Um sich einen schnellen und verlässlichen Überblick über den status quo kurz vor COP 30 zu verschaffen, seien nun drei Dokumente zitiert, die die wesentlichen Punkte gut zusammenfassen (link zum Dokument jeweils grün gekennzeichnet):
Eine gemeinsame Erklärung des Deutschen Gesellschaft für Meteorologie und der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, die auf das zunehmende Tempo der Klimaveränderungen hinweist und die Politik zu wirklich entschiedenem Handeln auffordert: „Das gemäßigte Klima der letzten 10 Jahrtausende hat die Voraussetzungen für die Entwicklung menschlicher Zivilisationen geschaffen. Die gegenwärtige Generation junger Menschen muss sich der Tatsache bewusst sein, dass sie möglicherweise das Ende dieser gemäßigten Umweltbedingungen mit all ihren Konsequenzen erleben wird.“ Zentrale Botschaft: Die 3-Grad-Grenze wird möglicherweise nicht erst zum Ende des Jahrhunderts, sondern bereits um 2050 überschritten.“
Und drittens sei hier ein Text von Professor Dr. Stefan Rahmstorf eingefügt, der auf sehr anschauliche Weise darlegt, „was los ist“. Prof. Rahmstorf hat auf wenigen Seiten aufgeschrieben, was eigentlich „plus 3 Grad mehr“ bedeuten. Für mich der vielleicht wichtigste Satz gegen Ende des Aufsatzes: „Meine Kinder, die jetzt ihr Abitur ablegen, werden wahrscheinlich eine solche Welt erleben. Diese Welt ist völlig außerhalb aller bisherigen menschlichen Erfahrungen. Solange die Menschheit existiert, hat es solche Bedingungen nicht gegeben.“
Ulrich Paulsen hatte gerufen und alle waren sie gekommen.
Der Ministerpräsident, die Sozialministerin, der Landrat, der Oberbürgermeister, der MDR, die Zeitung, die Sparkasse, die Regionalbischöfin, der Superintendent und viele viele Stendaler. Oben in der Bergstraße, die zu Ost-Zeiten auch mal Wilhelm-Pieck-Straße hieß, an der Ecke zur Mannstraße steht nun der Neubau vom Hospiz Stendal.
Meine Frau und ich waren extra aus Berlin angereist, weil wir im Vorgängerhaus des schönen Neubaus unsere Kindheit bzw. Schulzeit verbracht haben. Stendal ist uns vertraut und uns hat natürlich interessiert, wie es nach dem Abriss des alten Gemeindehauses, in dem wir gelebt haben, weitergehen würde.
Nun wissen wir es, denn der Neubau für das Hospiz in Stendal wurde gestern, am 15.8.2024 offiziell eröffnet, MDR und Volksstimme werden sicher darüber berichten. Es ist schön geworden, es ist gut geworden und eines gefällt mir besonders: dieses Projekt wurde und wird von mehr als 120 Haupt- und vor allem Ehrenamtlichen in der ganzen Altmark getragen, deshalb zeigt das Titelfoto für diesen kleinen Beitrag auch einen Teil der Ehrenamtlichen, die sich sowohl mobil (also bei den kranken Menschen zu Hause) als auch stationär (also z.B. im Neubau in der Bergstraße in Stendal) in der gesamten Altmark um die sterbenskranken Menschen kümmern.
Viele Reden wurden gehalten, viel wurde geklatscht. Wir haben gesungen miteinander, Auszeichnungen wurden verliehen. All so etwas gehört zur Routine einer Bau-Eröffnung.
Wenn man jedoch den Applaus des Publikums einmal zum Maßstab für öffentliche Anerkennung nimmt, dann hatten die Ehrenamtlichen ganz klar den Hauptgewinn des gestrigen Tages.
Das Haus ist gut geworden. Für 10 Gäste ist sehr guter Platz. Die Zimmer sind hell und geräumig, die BetreuerInnen haben guten Raum für ihre Arbeit. Die größeren Gemeinschaftsräume sind durch verschiebbare Wände vielfach nutzbar. Ein sehr guter Ort. Und wenn die Außenanlagen im Herbst, wenn wieder gepflanzt werden kann, angelegt werden, dann wird die Sache „rund“. Hier kann man am Ende des Lebens wirklich „ankommen“. Hier kann man Heimat finden. Ein guter Ort, um in Würde den Lebensweg zu beenden. Hier ist man in wirklich guten Händen. Die MitarbeiterInnen sind bestens ausgebildet, sie werden ständig weitergebildet, hier arbeiten Profis, man merkt es sofort, wenn man mit ihnen spricht.
In nur anderthalb Jahren wurde der Neubau realisiert, die Baugeschichte ist auf der Homepage vom Hospiz Stendal erzählt. Ca. 5 Millionen Euro hat die Sache gekostet, etliches davon kam aus öffentlichen Geldern, aber auch sehr sehr viel aus Eigenmitteln der Diakonie und vor allem aus Spenden. Das Projekt ist fast ausfinanziert, es fehlen noch ca. 30.000 Euro, wie mir Pastor Ulrich Paulsen gestern anvertraute.
Deshalb schicke ich hier nochmals die Kontoverbindung, für alle die Menschen, die das Hospiz in Stendal unterstützen möchten:
Prof. Dr. James Hansen, Klimaforscher. Geboren 1941. Ehemals bei der NASA, Direktor des Goddard Institute for Space Studies. Früher Entwickler und Nutzer von numerischen Klimamodellen. Weltberühmt ist Hansen seit seiner Rede vor dem Energy and Natural Resources Committee des amerikanischen Senates am 23. Juni 1988, in der er eindringlich vor den Gefahren des Klimawandels warnte. Weltberühmt? Fragen Sie doch mal Ihren Nachbarn, ob er James Hansen kennt!
Hansen ist unbequem. Er sagt, die Modelle und Berechnungen des IPCC seien zu vorsichtig, die Realität sei viel härter, als bislang angenommen. Er sagt, man müsse den Menschen die naturwissenschaftliche Erkenntnis zutrauen und nicht durch Konjunktive verharmlosen. Man solle nicht sagen: „weiter steigende Emissionen „könnten“ den Klimawandel beschleunigen“ sondern man müsse sagen: „sie werden ihn beschleunigen.“
Hansen ist ein Kämpfer. Ronald Reagan hatte ihm dereinst die Forschungsgelder um die Hälfte gekürzt, seine Ergebnisse „passten dem Präsidenten nicht“ – Hansen machte weiter. George Bush kam mit Hansen auch nicht klar – Hansens Forderungen „passten nicht in die Zeit“. Kriege waren wichtiger.
Man hat ihn immer wieder von Seiten „interessierter Kreise“ angegriffen, er sei ein „Panikmacher“ – Hansen ließ sich nicht beirren: „Zahlen lügen nicht“.
Immer wieder zeigte sich: was Hansen vorhergesehen hatte, trat ein: Vergleicht man seine damaligen Beschreibungen mit den heutigen Beobachtungen, so lässt sich Folgendes festhalten: Hansen prognostizierte, dass sich die globalen Durchschnittstemperaturen in den 1990er Jahren so stark erhöht haben, dass sie sich klar vom natürlichen Rauschen der Messdaten abheben würden. Tatsächlich war im zweiten Sachstandsbericht des IPCC von 1995 erstmals zu lesen, dass es deutliche Hinweise darauf gibt, dass der Mensch das Klima der Erde beeinflusst (…discernable human influence on climate). Mittlerweile hat Prof. Klaus Hasselmann den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel sogar beweisen können, wofür er 2021 den Nobelpreis für Physik bekam. Hansen erwartete im Zeitraum von 1980 bis 2010 eine Erwärmung zwischen 0,28 und 0,45 Grad, was etwas unterhalb der beobachteten Erwärmung von 0,48 Grad liegt. Er erwartete, dass sich in Regionen in Nordamerika und Asien ausgeprägte Dürren zeigen würden. In Kalifornien war von 2011 bis 2017 tatsächlich eine auch im Vergleich zur vorangegangenen Dürreperiode extreme Dürre zu beobachten. Außerdem erwartete er einen fortschreitenden Zerfall des westantarktischen Eisschildes. Tatsächlich wurde in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts ein schneller Zerfall des Larsen-Schelfeises und anderer Eismassen beobachtet. Die von ihm ebenfalls erwartete Öffnung der Nordwestpassage trat ebenfalls ein, und zwar erstmals im Jahr 2007. 2008 veröffentlichte Hansen eine Studie, die besagt, dass der Gehalt von Kohlenstoffdioxid in der Erdatmosphäre einen Wert von 350 parts per million (ppm) nicht dauerhaft überschreiten dürfe, wenn das 2-Grad-Ziel noch erreicht und ein Kippen des globalen Klimasystems mit potentiell irreversiblen Folgen verhindert werden solle. Daher müsse der Wert von damals bereits ca. 385 ppm durch „negative Emissionen“ auf 350 ppm reduziert werden. Mit Stand 2024 liegt der Wert bei ca. 420 ppm.
Jahr für Jahr zeigt sich immer klarer: der Klimawandel geht sehr viel schneller vonstatten, als die Wissenschaft bislang angenommen hatte, die Modelle des IPCC waren zu vorsichtig. Die gemessene Realität übertrifft die Prognosen bei Weitem. Hansen lag richtig.
Ich lese die wichtigsten Arbeiten von James Hansen seit dem Ende der achtziger Jahre, seit seiner Rede vor dem amerikanischen Senat. Für mich ist James Hansen eine moderne Kassandra, ein Seher, der auf Grund seiner Daten und Modelle Erkenntnisse gewinnt, vor denen die Mehrheit der Menschheit die Augen verschließen möchte. Er ist ein ungehörter Rufer.
„Wir werden, wenn wir so weitermachen, zum Ende des Jahrhunderts nicht bei plus 2 Grad, sondern bei plus 4 Grad herauskommen“ sagt er. „Das bedeutet aber den Zusammenbruch der Landwirtschaft, weil die Klimaerwärmung über Land bei plus 6 bis plus 8 Grad liegen wird.“ Klimaforscher wie Mojib Latif vom GEOMAR Forschungszentrum in Kiel bestätigen ihn: „wir landen bei mindestens plus 3 Grad“ sagt auch er. Prof. Hans-Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) sieht das ebenso und fügt hinzu: „bei plus 3 Grad werden große Teile des Planeten unbewohnbar sein, weil die Temperaturen über Land noch deutlich höher sein werden“.
Man kann das alles nachlesen. Es ist alles seit Jahren bekannt. Der alte James Hansen kämpft inzwischen gemeinsam mit seiner Enkelin Sophie – denn um die Welt, in der sie wird leben müssen, geht es ihm. Hansen geht es um Generationengerechtigkeit. Er kämpft inzwischen gemeinsam mit der Generation seiner Enkelin auch vor höchsten Gerichten darum, daß den Kindern Klimagerechtigkeit widerfährt und die jetzt Regierenden ihrer Verantwortung endlich gerecht werden. »Er war seiner Zeit bemerkenswert voraus und prognostizierte die Erderwärmung, die wir drei Jahrzehnte später tatsächlich so gemessen haben«, sagt der renommierte US-Klimaforscher Michael E. Mann über ihn.
James Hansen ist umstritten. Auch ich teile nicht alle seiner Ansichten. Ich kann verstehen, dass er angesichts der schier aussichtslosen Lage in Bezug auf das Weltklima vor 10 Jahren der beinahe verzweifelten Ansicht war, man könne nicht ohne Atomkraft das Weltklima stabilisieren, teile seine Ansicht allerdings nicht. Denn wir können keine Garantien für 1 Million Jahre abgeben. Diese Garantien müssten wir jedoch abgeben, wenn wir den Atommüll irgendwo „sicher“ lagern wollten. Das bedeutet aber: wenn die Atom-Option ausscheidet – dann ist die Herausforderung, die CO2-Emissionen schnell und umfassend zu senken, noch größer, denn uns bleibt auch der (scheinbare) atomare Ausweg versperrt.
Ich schreibe diesen Text im August 2025. Wir erleben weltweit eine Renaissance der fossilen Energieträger. Die USA unter Donald Trump bekämpfen die exakten Klimawissenschaften mit allen dem Staat zur Verfügung stehenden Mitteln, Vernichtung von Datenbanken inklusive. Wir erleben weltweit weiter steigende CO2-Emissionen. Wir sehen eine deutsche Wirtschaftsministerin, die im großen Stil in neue Gaskraftwerke investieren will. Was wir sehen, ist das glatte Gegenteil von dem was erforderlich wäre, um die Existenz der Menschheit zu schützen. „Drill Baby, drill!“ ist aus den USA zu hören und die rasant schnell auftauenden ehemaligen Permafrostgebiete der Welt geben neue Lagerstätten frei: gewaltige kurzfristige Renditen verlocken Investoren, „schnelles Geld“ zu verdienen. Genau das wird passieren.
Wenn Hansens Zahlen jedoch richtig sind, hier die hässliche Mathematik im Klartext:
Wir haben bereits jetzt eine Erwärmung von etwa 1,6 °C und die bereits jetzt sichtbaren Folgen sind gewaltig und verschlingen bereits jetzt Unsummen. Bereits jetzt sprechen die Rückversicherer davon, daß bestimmte Schäden „nicht mehr versicherbar“ sind.
Mit der derzeitigen Politik jedoch werden wir bereits in etwas mehr als einem Jahrzehnt die 2-Grad-Marke überschreiten (ca. 2030/35).
In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts (ab 2050) werden wir auf 4 °C oder mehr herabblicken – eine Welt, in der Eisschilde kollabieren, die Ozeane um Meter ansteigen, Küstenstädte überflutet werden, die Ernährungssysteme unter Hitze und Dürre zusammenbrechen und Massenmigration keine Krise, sondern die Norm ist.
Man muss bei der Betrachtung dieser Zahlen bedenken: 4 °C sind der globale Durchschnitt. An Land, und vor allem im Inneren von Kontinenten, auch in lebensspendenden bisherigen „Kornkammern“, sind das eher 6–8°C. Ganze Regionen werden buchstäblich unbewohnbar und unbewachsen sein, eine Situationen, wie sie ja sogar das zurückhaltende IPCC in seinen „worst case szenarios“ beschreibt.
Das ist Physik. Mehr Hitze im System verändert alles, Stürme, Regenfälle, Landwirtschaft, Ökosysteme, Wirtschaft, Politik. Und da sich der Planet schneller erwärmt, als die Modelle vorhergesagt haben, wird „später in diesem Jahrhundert“ „noch zu unseren Lebzeiten“ sein.
Man kann das natürlich alles als „Spinnerei eines alten Mannes“ abtun. Man kann weiter mit Trinkwasser seinen Garten gießen oder die Toilette spülen. Selbstverständlich kann man das. Man kann weiter in den Urlaub fliegen, sich ein neues Verbrenner-Auto kaufen, weiter die Wohnung mit Öl oder Gas heizen. Man kann weiterhin die Augen verschließen, sich ein frisches Bier aufmachen und den Grill anwerfen. Selbstverständlich kann man das. Die meisten werden das auch so tun.
Aber, was ist eigentlich, wenn James Hansens Zahlen stimmen?
Heute nehme ich mir vor, zu 11 Uhr in „Samariter“ zu sein, einer Kirche, die ich noch nicht kenne, auf deren Elf-Uhr-Gottesdienst aber gestern bei Facebook aufmerksam gemacht worden war. Hoch lebe das Internet!
Ich schaue mir die Entfernung an: 20 Minuten mit dem Fahrrad, 12 Minuten mit dem Auto, etwa 40 Minuten mit Öffentlichen und etwas über eine Stunde zu Fuß. Nein, ich fahre nicht, ich mache einen Kirch-Gang – und gehe zu Fuß. Ich will die Stadt sehen, in der ich wohne, auf dem Wege zu einer Kirche, die ich nicht kenne.
Der Weg beginnt eigentlich in einem alten Berliner Vorort, der erst seit 1920 zur Stadt gehört, in der Gärtnerstraße, führt dann die Große-Leege-Straße hinunter, die langweilig ist. Das ist „Wohnstraße“, „Schlafstraße“. Keine Restaurants, keine Geschäfte, ein paar Innenhöfe zeigen sich versteckt durch Hausdurchgänge, ich folge den Einblicken nicht, will weiter. In der Straße lädt nichts zum genaueren Hinsehen ein. Der Weg führt über die Landsberger hinüber – dort wird grade mächtig gebaut, die städtischen Wasserleitungen sind dringend sanierungsbedürftig, gewaltige Rohre liegen bereit, in denen ein Erwachsener aufrecht stehen könnte. Hinüber zur Vulkanstraße, dann, kurz vor einem Parkplatz abbiegend, führt der Weg quer durch ein Neubaugebiet mit gewaltigen Hochhäusern. Schlafburgen sind das. Von außen wirkt das auf mich wie ein riesiges Gefängnis. Einige Wohnungen sehe ich mit kaputten Fenstern, andere sind mit Silberfolie ausgebessert, es sieht schlimm aus, wenn ich mir die gewaltige Fassade eines solchen Giganten betrachte. Hier ist alles viereckig. Ein paar Menschen sind auszumachen, da ganz oben an einem der Fenster. Sie schauen herunter auf die Welt, in die sie wohl nur heruntersteigen, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt. „Man kann einen Menschen auch mit einer Wohnung erschlagen“ fällt mir ein, Heinrich Zille soll das mal gesagt haben und der kannte sich aus in den Berliner Wohnmilieus. Weiter geht der Weg an REWE und EDEKA vorbei in die Möllendorffstraße. Dort wird das Hochhaus-Wohn-Elend noch dramatischer. Wer einmal großstädtische autogerechte aber menschenfeindliche Wohnweise in ihrem ganzen Elend sehen will, sollte in die Möllendorffstraße gehen und sich dort die gewaltigen Hochhäuser genau besehen, die da zu sehen sind. Man findet Vergleichbares in vielen deutschen Städten. Sünden der siebziger Jahre. Auf Höhe Loepernplatz führt mich mein Kirchgang nach rechts beim HADI-Friseur, einem Barbershop, vorbei zunächst in die Scheffelstraße, dann über die Eldenaer Brücke. Unter mir S-Bahn-Gleise und Gleise des Fernverkehrs. Berlin ist eine schnelle Stadt. Über 14.000 Menschen arbeiten für die Berliner Verkehrsbetriebe. Das rattert und rast den ganzen Tag im Minutentakt. Diese Stadt schläft nicht. Dann bin ich bald da, bin schon über eine Stunde unterwegs, die Samariterstraße führt von der Eldenaer Straße linksab, die Kirchturmspitze ist schon zu sehen. Ich habe noch eine dreiviertel Stunde Zeit bis zum Beginn der Veranstaltung, das ist gut und richtig so, so hatte ich das auch geplant, weil ich „Witterung aufnehmen“ will in diesem Kiez, in dem der „Samariter“ das Thema vorgibt; die Kirche ist in Sichtweite, also setze ich mich „auf einen Kaffee“ gleich gegenüber in einen „Türkenladen“ und bestelle mir einen Kaffee. „Espresso haben wir nicht, aber normalen Kaffee“ sagt einer der beiden Männer, die sich da am Sonntagvormittag offensichtlich um den Laden kümmern, wenn sie nicht grad draußen als ihre eigenen Gäste am Tisch sitzen und schwarzen Tee trinken.
Gleich nebenan war ich eben am Gemeindebüro vorbeigelaufen, nicht, ohne mir ein Erinnerungsfoto mitzunehmen:
In dieser Kirchengemeinde geht es also um Gutwilligkeit gegenüber Hunden, Union Berlin hat hier Fans, im Gemeindesaal gibt’s eine Suppenküche und ein Nachtcafé, ein Kindergarten ist vorhanden und Migrationsberatung findet statt. Ich werde neugierig. Großstadt-Gemeinden bilden inhaltliche Schwerpunkte. Hier also: „Migrationsberatung“. Man arbeitet mit Flüchtlingen.
Die Kirche selbst – eine jener zahlreichen Kirchen, die Kaiserin Auguste Viktoria (im Volksmund „Kirchenjuste“ genannt; allein in Berlin 53 Kirchen!) der Stadt hinterlassen hat: ein neogotischer Klinkerbau. Nix Besonderes. Solche Kirchen finden sich zahlreich in der Stadt. Wichtiger ist mir, was drinnen vor sich geht.
Mein Kaffee ist ausgetrunken, ich habe noch ein paar Minuten, gehe eine Runde um die Kirche herum. An einem Seiteneingang nochmals der Hinweis auf die Migrationsberatung, die hier geleistet wird. In der Bänschstraße sehe ich ein wunderbar restauriertes altes Berliner Mietshaus, einst großbürgerlich, mit wundersamen Balkons, die mich auf die Idee bringen, eine Fotoserie über Berliner Balkone aufzunehmen. Hier meint man, in Venedig oder andernorts weiter südlich angekommen zu sein. Eine hübsche Überraschung.
Neben dem Eingang der Kirche der wichtige Hinweis auf die Bekennende Kirche und Wilhelm Harnisch.
„Ein guter Ort“, geht mir durch den Sinn. Das Thema „Bekennende Kirche“ begleitet mich nun schon fast ein halbes Jahrhundert. Immer wieder bin ich auf den Spuren jener verdammten 12 Jahre zwischen 1933 und 1945. Sie sind ein Lebens-Thema geworden. Im Kirchenraum ist es noch leer, ich bin früh dran. Ein Kantor und eine junge Frau – vermutlich die Lektorin – unterhalten sich. Letzte Absprachen. Ein freundliches „Guten Morgen“ verbindet uns sofort. Ich nehme Platz im vorderen Drittel des großen Raumes und besehe mir den Altar-Raum in aller Ruhe, während nach und nach die meist jungen Menschen kommen, die an der Veranstaltung teilnehmen wollen. Der Raum sagt mir zu: Sorgfältig vorbereitet, auch die Details stimmen. Einladend vorbereitet. So soll es sein. An Hitzetagen dient dieser schöne Raum auch als Hitze-Schutzraum für Menschen, die mal eine Pause brauchen von der Hitze der Stadt, ein wenig Schatten, etwas Kühlung. Die großen Kirchenräume bieten sich dafür sehr gut an, zumal stehen sie mitten im Wohngebiet, sind gut erreichbar und haben viel Platz.
Blau – die Farbe des Himmels. Marc Chagall hat am Ende seines Lebens beinahe nur noch in Blau gearbeitet. Wer‘s nicht glaubt, fahre einmal nach Mainz und besehe sich St. Stephan, das „Testament“ des großen Meisters. Rot – die Farbe der Liebe; Gold – die göttliche Farbe. Damit ist alles Wesentliche eigentlich schon gesagt. Die transparenten Fenster bringen das „Licht von außen“ sehr gut in den Raum. Wir leben in finsteren Zeiten, da ist ein „Licht von außen“ gut zu gebrauchen.
Pfarrerin Jasmin El-Manhy bereitet sich an der Seite des Kirchenschiffes vor, das ist immer ein wenig fummelig mit dem Ansteckmikrofon am Talar, man kennt das. Sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, die Sache ist erst fertig, wenn sie fertig ist. Wir Zuhörer erfahren gleich zu Beginn ihrer Textauslegung, daß sie „Familie in Ägypten“ hat. Da passt das Thema Migrationsberatung wohl gut sowohl zur Gemeinde als auch zur Pastorin. Da ist etwas „stimmig“, wie Musiker vielleicht sagen würden.
Worum geht es heute? Um das Thema „Brot“. Ein Hinweis also. Ein uraltes Symbol. Antwort auf eine Lebens-Frage: wovon lebe ich eigentlich? Was nährt mich wirklich? Was nährt meine Seele? Wir leben in Wohlstand und Freiheit – sind aber doch oft unglücklich, streitlustig, aggressiv, rechthaberisch, wirken immer mehr „kriegstüchtig“, sind auf Zank und Streit aus – Zeichen, daß es unserer Seele nicht gut geht, sie ist nicht gut genährt, jeder Therapeut und jeder Seelsorger kennt diese Anzeichen des Seelenzustandes eines Menschen. Was aber nährt die Seele? Was wäre denn „das richtige Brot“? Was wäre denn das „Brot des Lebens“?
Darum geht es und um die Frage, die gleich zu Beginn in einem uralten Text auftaucht und gemeinsam von allen gelesen wird: Wo ist eigentlich für mich „eine Stadt, in der ich wohnen kann“?
Der alte Text aus der Liedersammlung des Königs David lautet: „Dankt dem HERRN, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewig. So sollen sagen, die erlöst sind durch den HERRN, die er aus der Not erlöst hat, die er aus den Ländern zusammengebracht hat von Osten und Westen, von Norden und Süden. Die irregingen in der Wüste, auf ungebahntem Wege, und fanden keine Stadt, in der sie wohnen konnten, die hungrig und durstig waren und deren Seele verschmachtete, die dann zum HERRN riefen in ihrer Not und er errettete sie aus ihren Ängsten und führte sie den richtigen Weg, dass sie kamen zur Stadt, in der sie wohnen konnten: Die sollen dem HERRN danken für seine Güte und für seine Wunder, die er an den Menschenkindern tut, dass er sättigt die durstige Seele und die Hungrigen füllt mit Gutem.“
Da ist sie wieder, die „Migrationsberatung“ für alle die „Menschen aus Ost und West, von Norden und Süden“. Hier findet sich „eine Stadt, in der sich wohnen lässt“. Hier findet sich Gemeinschaft und Gesang. Hier kann man wieder mal aufatmen von der Last der Woche, abladen, was einem zu tragen zu schwer wurde. Durchatmen, loslassen, singen.
Im Zentrum: Brot und Wein – gemeinsames Essen und Trinken, das ist hier gelebte Praxis in Samariter. Man hört einander zu, man wendet sich dem Nachbarn zu, man ißt gemeinsam. Denn: Wir sind alle Fremde unter Fremden. Wir sind allesamt nur Durchreisende. Es gibt also überhaupt gar keinen Grund von „wir hier“ und „die da“ zu sprechen.
Mir sagt zu, was ich hier wahrnehme. Das ist glaub-würdig und authentisch. Das ist nicht „gemacht“, sondern schlicht, einfach, durchscheinend, transparent. Hier geht es um Zuwendung und Trost, Stärkung und gemeinsame Hoffnung. Das sagt mir zu. Eine Stadt wie Berlin, in der alle Nationen der Welt vertreten sind, braucht solche Orte der Verständigung und des Miteinanders.
Am Ausgang kann man Geld spenden. Diesmal wird für die Arbeit mit Menschen gesammelt, die an den Berliner Bahnhöfen gestrandet sind. Das alte Wort „Bahnhofsmission“ zeigt ja nur wenig von der wichtigen Arbeit, die da eigentlich an Menschen geleistet wird, die eine Soforthilfe brauchen. Wer etwas in die andere Schale legen will, kann die „Migrationsberatung“ unterstützen. Auch das gefällt mir gut. Hier denkt man nicht nur an sich, sondern an andere. Ganz praktisch. Jeder gibt, was er will und kann.
Den Rückweg nehme ich wieder unter die Füße. Ich will nachklingen lassen, was da eben aufgeklungen war; will dem nach-denken, was da angesprochen war. Ich gehe durch die Millionenstadt Berlin und der uralte Satz klingt in mir nach von jener „Stadt, in der man leben kann“. Tausende Menschen kommen hierher, weil sie hoffen, daß ihnen hier geholfen wird. Berlin ist Deutschlands Haupt-Anlaufstelle für Flüchtlinge. Kaum eine andere Stadt hat so viel Erfahrung im Umgang mit Menschen aus anderen Ländern. Sie suchen Heimat, suchen einen Ort zum Leben.
Das gilt aber ebenso für die Menschen da oben in den Hochhäusern in der Möllendorffstraße in ihren viereckigen Gefängnissen mit den kaputten Fensterscheiben. Wo haben diese Menschen denn „eine Stadt, in der man leben kann“?
In solchen Gedanken komme ich am „Hohenschönhausener Tor“ an und setze mich zum Türken in die Bar, draußen droht ein kräftiger Regenschauer, da ist dieser Ort gerade richtig für ein kleines Mittagessen.
Es gibt „chinesische Frühlingsrollen mit Hühnerfleisch“ und ein Berliner Pils – im Plastikbecher. „Gläser ham wa nich“. Ich sitze in dieser Bar als Fremder unter Fremden. Hier in dieser Bar, die es zu Hunderten gibt in dieser Stadt an diesem Sonntagvormittag, höre ich russisch, chinesisch, einen Menschen aus Afrika sehe ich, neben mir ein Ukrainer, der Chef des Ladens kommt aus der Türkei. Wo ist Heimat? Wo ist die Stadt, „in der ich wohnen kann“? Eine Frage, die uns verbindet.
Neben mir der ältere Ukrainer im edlen Samthemd, mit Edelsteinring am Finger und Goldschnallen am Schuh löffelt seine Wan Tan Suppe, das riesige Smartphone neben sich. Wo ist sein zu Hause?
Der junge Russe im blauen Trainingsanzug, weißen Socken und Gummisandalen holt sich, das Handy noch am Ohr, einen kleinen Vodka aus dem Kühlschrank und zahlt gleich, die Sache geht schnell, er ist offenbar „in Geschäften unterwegs“.
Die Familie, die draußen vor dem Gastraum gesessen hat, ist weitergezogen. Zwei Kinder und eine jüngere Frau mit schmutzig roten Haaren und rosa Koffern voran, zwei „Galgenvögel-Gestalten“ hinterher, in der rechten Hand Bierflasche und Zigarette, mit der Linken wird der Kinderwagen mit dem dritten Kind geschoben – wo ist die Stadt „in der man leben kann“? Wo haben diese Menschen, mit denen ich eine kurze Zeit verbunden war, ihr zu Hause? Wo findet ihre Seele Nahrung?
Der Bus vom Schienenersatzverkehr bringt mich die letzten anderthalb Kilometer. „Berlin ist hart aber herzlich“ klingt es im Bus-Lautsprecher. „Deshalb zeigt Respekt und seid freundlich zueinander.“
Ilse war eine jener Frauen, die still ihre zugewandte Art leben, die ihr Wesen ausmacht, derer aber oft nicht gedacht wird, wenn sie gegangen sind. Sie war keine Berühmtheit, man wird ihr kein Mausoleum errichten, man wird ihr kein Staatsbegräbnis ausrichten – ich will aber öffentlich an sie erinnern, denn der eine oder andere, der bei Facebook unterwegs ist, hat sie auch gekannt.
Ilse war krank, das wusste ich, aber sie starb dennoch unerwartet. Mich hat diese traurige Nachricht faktisch „zufällig“ erreicht, als ich nach einem Urlaub bei facebook nachsah, was eigentlich mit Ilse „los“ sei. Es war so still geworden um sie. Auf ihrer Seite fand ich dann den Eintrag eines anderen Freundes, der darauf schließen ließ, daß Ilse gestorben sei. Inzwischen bin ich mit der Familie im Kontakt. Mich hat Ilses Tod ziemlich betroffen gemacht, denn er kam überraschend.
In einem ihrer letzten Briefe – sie schrieb in ihren wunderbaren bunten Paketen, die sie hin und wieder schickte, gern farbig ausgestaltete Briefe – schrieb sie davon, daß es ihr gut gehe, daß sie sich auf die Begegnungen mit den Enkelkindern freue und klang eigentlich fröhlich und guten Mutes. Nun aber lag sie doch mehrere Wochen schwerkrank, wurde von Angehörigen gepflegt und ist nun still gegangen.
Wer war sie für mich und die Freunde, die sie kannten? Ich habe Ilse zunächst per Facebook, später dann auch einmal persönlich kennenlernen dürfen, als sie mich in der Uckermark im Dörfchen Hetzdorf besucht hat. Die Sache kam so: ich hatte in jenem uckermärkischen Dörfchen ein Internet-Projekt begonnen und dazu aufgerufen, sich, wenn man möchte, mit einer Rosenspende an einem neu zu errichtenden Rosen-Garten zu beteiligen. Die Sache ging sehr schnell voran, Zeitungen und Fernsehen kamen, um von diesem „Internet-Garten“ zu berichten und das Dörfchen wurde bekannt, was ja auch beabsichtigt war. Ilse Jehle war eine der ersten, die spontan bei dem riskanten Projekt dabei war – und seither dabei geblieben ist.
Ilse schickte Rosen, sie schickte Blumensamen, sie schickte Bücher für die Rosenbibliothek – ich habe immer vermutet, sie müsste wohl irgendeine geheime Quelle für all die interessanten Bücher haben, die sie uns spendiert hat. Da ist im Laufe der Jahre so manches zusammen gekommen. Ich habe Ilse immer als großzügig erlebt, sie hat freudig geschenkt, mit viel Liebe ihre Pakete gepackt und die Briefe dazu geschrieben. Das war bunt und fröhlich und vor allem herzlich.
So manche Mail habe ich ihr geschrieben, sie solle uns nicht so viel schenken, die Sachen kosteten doch alle Geld – das hat sie aber nicht weiter beeindruckt. Sie wollte uns helfen und sie tat es aus vollem Herzen. Mit anderen Worten: Ilse Jehle gehört im Rosengarten im uckermärkischen Hetzdorf wohl ein kleines Denkmal, denn sie hat das Projekt immer aus vollem Herzen unterstützt.
Eines Tages, da schrieb sie mir, sie würde ihre Tochter besuchen, die in der Nähe in Ausbildung sei und Hetzdorf läge doch sozusagen, von Süddeutschland aus gesehen, „am Wege“ und wie es denn mit einem Treffen wäre? Na prima wäre das! Und so kam es dann, daß wir uns getroffen haben. Mutter und Tochter saßen da auf meiner Couch mit dem schönen Blick zum Bach hinunter in den alten Garten.
Als ich 2016 in den Ruhestand ging und Hetzdorf Richtung Berlin verlassen habe, blieb der Kontakt zu Ilse bestehen. Wir waren, was die Beurteilung der gesellschaftlichen und politischen Situation in unserem Lande anbetrifft, sehr oft der gleichen Ansicht. Ich konnte das daran erkennen, welche meiner Beiträge Ilse geteilt hat auch gab es so manche Mail zwischen uns in diesen Angelegenheiten.
Ilse gehörte zu denen, die ein Interesse an meinen Büchern hatte und ich hab sie ihr immer gern geschickt, weil ich wusste, daß sie die Arbeiten aufmerksam lesen würde. So war es offenbar auch mit dem Krebstagebuch, das sie und ihre Angehören in Ilses letzten Lebenstagen intensiv beschäftigt hat.
Mir wird wohl ein inneres Bild von Ilse bleiben: ich sehe da ein schlankes, beinahe zierliches Persönchen, überaus freundlich und zugewandt, treu vor allem – was sie zusagte, hielt sie. Sie war unterstützend, hilfreich, verständnisvoll, kurz: ein durch und durch helfender Mensch. Ich habe mich manchmal gefragt, ob diese Zugewandtheit anderen Menschen gegenüber vielleicht auch ein wenig von der Bedürftigkeit ihrer eigenen Seele erzählt hat. Aber das kann ich sie nun nicht mehr fragen.
Ich bin sehr froh, Ilse kennengelernt zu haben. Ich bin dankbar für die jahrelange Verbindung zwischen uns. Ich weiß, daß es etlichen anderen Menschen, die sie gekannt haben, ebenso geht. Wir wollen sie in guter Erinnerung behalten.
Von Nick und Tim war im letzten Beitrag die Rede. Nun gehen wir ihrer Großmutter nach, „Steffie“, wie sie ihre Zeichnungen beim Berliner Ullstein-Verlag ab 1922 kennzeichnete. Steffie Nathan, verheiratete Schaefer, geschieden im April 1939, wenige Tage vor der Ausreise (22. Mai) ihrer Tochter Susanne mit einem Kindertransport von Berlin nach Ayr in Schottland. Steffie folgte der Tochter im Juli. Das war nur mit dem Visum für eine „Hausangestellte“ möglich. Britische Familien suchten solche Angestellten. Es war der einzige Weg, der Steffie noch blieb. Die Lage der Juden in Deutschland und Österreich war verzweifelt. Es war so gut wie unmöglich geworden, überhaupt ein Visum zu bekommen.
Sie, die als Einzelkind in einer sehr vermögenden Bankiersfamilie in Berlin aufgewachsen war; sie, die im renommierten Ullstein-Verlag, Europas größtem Verlagshaus in jenen Jahren, sogar Titelseiten von „UHU“ und von der führenden Illustrierten „Die Dame“ zeichnete – diese in vornehmen Zirkeln beheimatete Bohéme, die in Berliner Künstlerkreisen verkehrte und selbst ein Kindermädchen und eine Hausangestellte hatte – diese Frau musste nun als „House Wife“ nach London.
Sie hat an vielen verschiedenen Stellen Arbeit gesucht. Ihre Versuche, wieder als Grafikerin zu arbeiten, scheiterten. Die Einreisebestimmungen verboten es ihr, in „regulären Berufen“ zu arbeiten. England befürchtete, daß „die Einwanderer“ „uns Briten die Arbeitsplätze wegnehmen“, das war offiziell in jenen Jahren.
Ich bin ihren Orten in London nachgegangen.
Steffie hat zum Beispiel in „The Goring Hotel“ gearbeitet. „The Goring“ ist ein Fünf-Sterne-Hotel (wie das „Adlon“ in Berlin) und gehört zu den 5 besten Fünf-Sterne-Hotels weltweit, wie eine Tafel aus dem Jahr 2025 stolz verkündet:
Man kann dort heutzutage für 900 britische Pfund pro Nacht übernachten, wenn man will und kann. Meine Frau und ich haben uns das alte Familienhotel – gegründet 1910 von Herrn Goring Senior, der mit einem Kohlehandel in Dresden vermögend geworden war – von innen besehen und „eine Tasse Tee“ für 18 Pfund getrunken, das war uns die Sache wert. In einem Nebenflur kann man die Geschichte des Hauses nachlesen. Ich habe mich immer gefragt, wie Steffie eigentlich ins Goring kam: Nun, ihre Mutter Hedwig kommt aus Dresden und Mister Goring senior ebenfalls. Man kann kann davon ausgehen, daß sich die wohlhabende Kaufmanns-Familie Markiewicz und die wohlhabende Familie Goring kannten. Vielleicht hat Herr Goring ja zur Erweiterung seines Geschäfts sogar mal einen Kredit vom Kaufmann Markiewicz bekommen, wer weiß. Die Spur jedenfalls führt nach Dresden und es ist vorstellbar, daß Mutter Hedwig über ihre „alten Kontakte“ in Dresden nach Arbeitsmöglichkeiten für ihre Tochter in London geforscht hat.
Ich wollte „Witterung aufnehmen“, ich wollte mir vorstellen, wie es Steffie irgendwann zwischen 1939 und 1944 in „The Goring“ ergangen sein mag.
Kann ich mir Ullsteins Vorzeige-Grafikerin im Kreise der Angestellten des „Goring“ vorstellen? Alte Firmen-Aufnahmen, die im Foyer des Hotels ausgestellt sind, müssen helfen:
Wo ist Steffie? Vielleicht versteckt sie sich ja in der freundlichen Bedienung, die uns den Tee bringt und uns von dem langjährigen Kollegen erzählt, der die Geschichte der Firma Goring erforscht hat und dem die alten Firmen-Bilder im Foyer zu verdanken sind?
Es ist sehr angenehm im „Goring“. Man ist sehr freundlich, sehr dezent, man lärmt nicht. Die edlen Teppiche sorgen dafür, daß man im Hause „leise auftritt“. Gegenüber, am offenen Kamin sitzt ein russischer Geschäftsmann in Jeans und Pullover mit seiner Sekretärin und verabredet die Termine des Tages. Dezente Musik, sehr freundliche Bedienung. Freundliche Ratschläge bei der Auswahl der feinsten britischen Tees. Jeder Gast ist hier willkommen. Weshalb sind wir hinein gegangen in dieses sehr besondere Hotel? Ich war innerlich auf der Suche nach Steffie. Hab versucht, mir vorzustellen, wie sie wohl hier gearbeitet haben mag? Als Bedienung der Gäste? Als Zimmermädchen? „Mrs. Schaefer, come here, please….“ Man muss bedenken, als Steffie gezwungen wurde auszuwandern, war sie 43 Jahre alt. 1939 kam sie, ab 1940 herrschte Bombenkrieg in London, die Deutschen fielen über England her. „The Blitz“ begegnet einem heute noch überall in der Stadt an zahlreichen Denkmalen. Die Zerstörungen in der Stadt waren horrend. Man kann nicht davon ausgehen, daß Steffies Heimweg von der Arbeit in ihre Bleibe einfach war. Das Gegenteil dürfte der Fall gewesen sein. Wo war Steffie in jenen Jahren? Wie kann ich mir ihr Leben vorstellen? Was ich weiß: Sie musste zusehen, daß sie nicht verhungerte. Die Bezahlung in ihren Jobs war schlecht.
Wir wissen, daß sie in London Arzthelferin war, dass sie für eine Modefirma gearbeitet hat, dass sie in einer Bibliothek beschäftigt war – immer für knappes Geld. Und sie hat in „The Goring“ gearbeitet. Ich kann mir nun sehr gut vorstellen, daß diese „Tochter aus gutem Hause“ all diese Lebensumstände als erniedrigend empfunden haben muss. Ein Brite würde vielleicht sagen: diese Umstände waren eine Beleidigung. Das aber durfte Steffie auf gar keinen Fall und niemals aussprechen. Sie hatte still zu sein. Sie hatte dankbar zu sein. Denn: immerhin war sie am Leben geblieben. Sie hatte den Mund zu halten darüber, wie es ihr im Inneren wirklich ging. Kein Wunder, daß sie später Kettenraucherin war, an Depressionen litt und Medikamente brauchte.
1944 hat Steffie in 31 Dorset Square gewohnt. Ganz hoch oben „in einem erbärmlichen Zimmer einer heruntergekommenen Pension hoch oben unter dem Dach“, wie Susannes Ehemann in den Siebziger Jahren aufgeschrieben hat. Nick und Tim sind mit ihrer Großmutter mal da gewesen, da hat Steffie den Enkeln diese Bleibe gezeigt. Die Jungs sind nun auch schon über 60. Sie haben keine weiteren Erinnerungen an diesen Besuch, nur, daß das Klo eine halbe Treppe tiefer war. „Es muss sehr primitiv gewesen sein“, sagt Nick.
Wir sind auch zu dieser Adresse gegangen, denn ich wollte mir vorstellen, wie Steffie – vielleicht nach der Arbeit in „The Goring“, das gar nicht sehr weit und nur ein paar Busstationen von Dorset Square entfernt ist – am Feierabend „nach Hause kam“ und völlig erschöpft die fünf Etagen zu ihrem Zimmer hochstieg – die Tochter ohne Nachricht in Schottland ….
Ganz oben unter dem Dach in 31 Dorset Square musste sie wohnen, die Toilette eine Etage tiefer im Flur, wir mir Nick bei unserem Gespräch im St. James Park erzählt hatte. 1944 übrigens, der Krieg war noch nicht zu Ende, kam Steffies Mutter Hedwig aus dem Exil in Shanghai nach London, um nun auch bei ihrer Tochter zu wohnen. Und Tochter Susanne musste aus Schottland fort, denn die Einreisebestimmungen für die Kindertransport-Kinder besagten, dass sie nur bis zum vollenden 17. Lebensjahr versorgt sein würden. Am 18. Januar aber war Susanne 17 geworden. Sie kam im Februar zu ihrer Mutter nach London. Da „wohnten“ sie nun, die drei Frauen. Es war eine elende Zeit, aber, Hedwig, Steffie und Susanne waren immerhin „noch am Leben“. In jenem Februar 1944 begannen die amerikanische Air Force (USAAF) und die Royal Air Force (RAF) mit ihren schweren Luftangriffen auf die Rüstungsindustrie-Zentren in Mitteldeutschland. Der Krieg war für Deutschland längst verloren, aber die Deutschen glaubten noch an ihre „Wunderwaffe“, Deutsche glauben ohnehin gern an Waffen – deshalb dauerte der verlorene Krieg noch länger als ein Jahr.
Peter Lobbenberg, von dem im vorigen Beitrag die Rede war, hatte mich mehrfach ausdrücklich ermutigt, mich mit Nick und Tim zu treffen. Ich war zurückhaltend. Wie komme ich als Deutscher dazu, mich in die Familiengeschichte dieser britischen Familie zu „drängeln“? So empfand ich es anfangs. Aber Peter ließ nicht locker, nein, der Mail-Kontakt sei jetzt hergestellt und nun müsse auch ein persönliches Treffen folgen. „Du weißt mehr als wir“ hatte mir Nick, der älteste Sohn von Susanne Schaefer, gemailt. Auch das noch. Da kommt so ein Deutscher auf den Spuren von Großmutter und Mutter und „weiß mehr als wir“, die Enkel und Söhne.
Wir verabredeten uns per Mail. Beide würden kommen, schrieb mir Nick, und uns am Hotel abholen, dann könnten wir in ein Café oder Restaurant gehen, wo wir in Ruhe sprechen könnten. So kam es dann auch.
Tim war zuerst da im Foyer des Hotels. Da kam ein sehr aufgeräumter, fröhlicher Mensch durch die Tür „Du bist Ulrich aus Deutschland?“ Ja, der war ich und gleich begannen wir zu reden, es war sehr herzlich, völlig unkompliziert. Tim, Jahrgang 1960, könnte mein jüngerer Bruder sein. Er ist Spezialist für die Pflege von Asperger-Kindern. Krankenpfleger. Ein Mann mit einem großen Herzen. „Nick kommt gleich, er hat angerufen, der Zug hat Verspätung“ sagt er. Und ich erfahre so nebenher, daß Bruder Nick zweieinhalb Stunden Bahnfahrt auf sich genommen hat, um uns in London zu treffen! Nick wohnt ziemlich weit außerhalb von London.
Dann kamen sie beide, Nick und seine Frau, hatten uns durchs Fenster schon gesehen und zugewunken. Eine fröhliche Begegnung. „Wir gehen ins Café im St. James-Park“ meinte Nick, „es ist heiß heute, da können wir draußen sitzen und ungestört reden.“ Wunderbar. St. James ist ja gleich um die Ecke, ganz in der Nähe von unserem Hotel.
Da war sofort eine Beziehung möglich: Nick (re), Jahrgang 1957, pensionierter Pastor der Anglikanischen Kirche. Na, wenn das nicht passt? Und Tim, drei Jahre jünger (li), könnte mein jüngerer Bruder sein. Wir hatten sofort einen guten Kontakt zueinander.
Und tatsächlich, ich wusste „mehr“ als die beiden Männer, die uns da gegenüber saßen. Über die äußeren Stationen von Großmutter Steffie, die deutschlandweit bekannte Grafikerin vom Ullstein-Verlag in Berlin und ihre Tochter Susanne, die im Alter von 12 Jahren mit einem Kindertransport von Berlin nach Ayr in Schottland kam und später in London lebte, wusste ich mehr – aber wie haben die Jungs ihre Mutter und Großmutter erlebt? Was wussten sie von den beiden Frauen und ihrer Vergangenheit?
Wir haben lange gesprochen. Sie wollten viel wissen. Ich auch. Wir haben langsam gesprochen, haben nach Worten gesucht, mussten auch mal den Smartphone-Dolmetscher zu Hilfe nehmen. Solche Sachen bespricht man nicht mal so nebenher bei einer Tasse Kaffee im Park, da ist Sorgfalt am Platze, Rücksicht, Vorsicht, Behutsamkeit, genaues Zuhören. Und dann waren da immer wieder diese ganz unerwarteten, sehr anrührenden Momente, in denen das viele Ungesagte und Unerzählte dann eben doch durchschien. „Das Denkmal für die Kindertransportkinder in Berlin-Friedrichstraße ist zweigeteilt, wie Ihr hier auf dem Foto sehen könnt“ hatte ich gesagt. „Die eine Richtung führt nach England in die Freiheit – die anderen Kinder müssen in die andere Richtung mit dem Zug fahren – nach Auschwitz.“ Da waren die Brüder sehr angefasst, waren stark berührt – daß ihre Mutter nur so knapp dem Tod entkommen war, das war ihnen bislang nicht klar.
„Deine Großmutter war doch Jüdin“ sage ich zu Nick. „Deine Mutter also auch – wie kommt es, daß Du anglikanischer Pastor geworden bist?“ „Nun, da gab es nichts zu bedenken“ sagt Nick. „Ich wurde als Kind getauft und bin in der britischen Tradition groß geworden. Vielleicht hatten die Quäker, die Susanne in Ayr in Schottland aufgenommen hatten, einen gewissen Einfluss, daß weiß ich gar nicht. Ich bin ganz selbstverständlich wie die anderen Kinder in unserer Umgebung auch, als anglikanischer Brite aufgewachsen und Tim ebenso.“ „Unsere Mutter hat uns seltsamer Weise nie Deutsch beigebracht und sie hat auch nie von Deutschland erzählt“ sagten sie. Und wir sprachen davon, wie verschieden Flüchtlingskinder mit ihrer Vergangenheit in Deutschland umgegangen waren: einige wollten „von Deutschland nichts mehr wissen“. Steffie und Susanne waren wohl so. Sie verstanden ihre Lebensaufgabe darin, sich möglichst schnell zu assimilieren. Das war mit viel Abspaltung und Verdrängung verbunden, wie man aus heutiger Arbeit mit den letzten noch lebenden Flüchtlingskindern und ihren Nachkommen weiß. Die Historikerin Amy Williams und andere wissen davon zu berichten. Andere, wie Peter, haben sich dem Vergangenen sehr bewusst zugewandt und haben sogar Deutsch studiert. So verschieden kann es sein, sich mit dem Vergangenen auseinanderzusetzen.
„Mutter hat nie über ihre Flucht aus Deutschland gesprochen“. Auch so ein markanter Satz, den ich schon befürchtet hatte. Da war es wieder, dieses traumatische Schweigen in der Familie. Dieses „Schweigen“ übrigens verbindet uns, Nick, Tim und mich. Dieses „Schweigen“ gab es auch in unserer Familie. Das Dritte Reich und die industrielle Vernichtung von mehr als 6 Millionen Menschen, der von den Deutschen entfesselte Krieg mit über 60 Millionen Toten – das ist dermaßen fürchterlich, daß viele Menschen darüber gar nicht sprechen konnten, es wäre zu schmerzhaft für sie gewesen. Aber, was nicht „zur Sprache gebracht“ wird, das rumort besonders stark. Es ist unsere Aufgabe, die Aufgabe der Enkel-Generation, dieses viele Ungesagte zur Sprache zu bringen. Unsere Eltern, die Kriegskinder – deren Aufgabe war es, äußerlich den Schutt wegzuräumen, Straßen, Wege, Dörfer und Städte wieder zu bauen. Unsere Aufgabe, die Aufgabe der Kriegsenkel ist es, an die gewaltigen seelischen Schuttberge heranzugehen, die die „fürchterlichen 12 Jahre“ hinterlassen haben und sie nach und nach aufzuräumen. Da ist noch sehr viel Arbeit zu leisten.
Wir haben über drei Stunden gesessen und geredet. Wir erfuhren, daß sowohl Großmutter Steffie, die eine starke Raucherin war, als auch ihre Tochter Susanne, mit der sie in einer sehr engen Beziehung stand – „die haben täglich miteinander telefoniert! Jeden Tag gegen Abend! Das war ganz selbstverständlich, als wir Kinder waren. Ich war 15, als Steffie starb. Es war eine Katastrophe für unsere Mutter“ – beide Frauen hatten unter schweren Depressionen zu leiden, waren emotional nicht immer ausgeglichen, schnell überfordert. Ein letzter Brief von Steffie an ihre Freundin Jeanne Mammen in Berlin, der mir vorliegt, spricht von diesen Seelenzuständen sehr offen.
Wer sich heute mit Hilfe von Fachliteratur über die seelischen Folgen der Kinder-Flucht nach England informiert, z.B. in Julian Borger „Suche liebevollen Menschen“ oder Rebekka Göpfert, „Der jüdische Kindertransport von Deutschland nach England 1938/39“ – der findet exakt das, was Nick und Tim auch von ihrer Mutter und Großmutter in Erinnerung haben: Schweigen, emotionale Instabilität, Reizbarkeit, Depressivität. Das hat Gründe, die lange nicht gesehen wurden: Kindertransportkinder hatten nicht selten das Gefühl, hinter „den eigentlichen Opfern in den KZs“ zurücktreten zu müssen. Sie seien schließlich gerettet worden, müssten also vor allem dankbar sein – die „eigentlichen Opfer des Holocaust“ seien die vielen Millionen ermordeten Menschen. Eine solche Selbsteinschätzung führte zu großem Leid. Vieles blieb unbetrauert, vieles blieb beschwiegen und hatte umso stärkere seelische Wirkung.
Es war eine sehr bewegende Begegnung zwischen Tim, Nick, seiner Frau, meiner Frau und mir – zwischen gleichaltrigen Deutschen und Briten. Da traf sich die Enkelgeneration. Nachfahren der Deutschen, die in jenen Jahren so großes Unheil über die Welt gebracht hatten und Nachfahren derer, die vor den Deutschen fließen mussten. Wenn ich an dieses sehr besondere Gespräch zurückdenke, geht mir ein Satz besonders nach, den einer der beiden Brüder ziemlich am Ende unseres Gesprächs fand. „Weißt Du“ sagte er, „mein Bruder und ich, wir haben noch nie so wie heute über unsere Mutter und Großmutter gesprochen. Danke, daß Ihr gekommen seid.“