Seit meinem Staatsexamen zum Thema „Folgen der Einführung des Arierparagraphen in das deutsche Beamtenrecht“ an der Universität Jena Anfang der 80iger Jahre des vorigen Jahrhunderts befasse ich mich intensiv mit Studien zur NS-Zeit. Auch bin ich seit langen Jahren Mitglied bei „Gegen Vergessen für Demokratie e.V.“, einem deutschlandweiten Netzwerk von Historikern und historisch Interessierten, die sich insbesondere mit der NS-Zeit auseinandersetzen. Vorsitzender ist derzeit der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Herr Prof. Dr. Dr. hc. mult. Andreas Voßkuhle.
Aus diesem Interesse seit meinen Studienzeiten sind inzwischen etliche Bücher erwachsen. Mich interessieren bei meinen Recherchen besonders die kleineren Ortschaften, weil die Verhältnisse in Großstädten inzwischen recht gut untersucht worden sind. Was fehlt, sind Studien zu den Verhältnissen in kleinen Städten und Dörfern während der NS-Zeit.
Immer beginne ich vor Ort. So war es in #Hetzdorf in der #Uckermark bei der Recherche nach der im Dorf geborenen jüdischen Familie Jacoby – daraus entstand 2015 „Theas Stein“, das mittlerweile gar als Schulbuch in süddeutschen Schulklassen eingesetzt wird und aus dem inzwischen auch ein Theaterstück an den Uckermärkischen Bühnen in Schwedt geworden ist.
Aus meinen Recherchen zur Geschichte des Darß zwischen 1933 und 45 entstand die Studie „Der Darß zwischen 1933 und 1945“ im Jahre 2019;
sehr aufwändig und zeitraubend waren die Recherchen zum Generalmajor der SS Franz Mueller-Darss, weil ich dazu sowohl die Personalakten der SS im Bundesarchiv, als auch die Entnazifizierungsakten in den Landeshauptarchiven Potsdam und Hamburg einsehen mußte. Schließlich waren die Personalaktenbestände im Archiv des Bundesnachrichtendienstes auszuwerten, weil Mueller-Darss nach dem Krieg zunächst bei der „Organisation Gehlen“, dann beim BND angeheuert war, allein diese Dokumentenauswertung hat etwa ein Jahr gedauert. Aus all den gut dokumentierten Recherchen wurde dann im Jahr 2022 die Studie „Franz Mueller-Darss. SS-Generalmajor. Eine Recherche„, die inzwischen sehr viel nachgefragt wird.
Meine regionalgeschichtlichen Arbeiten habe ich fortgesetzt mit zwei Studien über Personen in #Prerow: 2024 eine Arbeit über Dr. Hans Beu, der noch im fortgeschrittenen Alter in die NSDAP eingetreten war – um einen jüdischen Jungen zu schützen, für den inzwischen in Stralsund ein Stolperstein verlegt wurde.
Die vorläufig letzte Arbeit habe ich im Jahre 2025 über Albert Schaefer-Ast vorgelegt, der in Prerow ab 1943 ein Häuschen besaß und von dem die Rede ging, er hätte während der NS-Zeit Ausstellungsverbot gehabt, sei aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen worden und man habe seine Arbeiten zur „entarteten Kunst“ gerechnet. Ich konnte anhand von Dokumenten nachweisen, daß diese Behauptungen, die anfangs reine Selbstbehauptung war, die später immer wieder abgeschrieben wurden – nicht zutreffen.
Bei allen diesen Arbeiten gab es kräftige öffentliche Resonanz, überwiegend positiv. Bei Familie Jacoby in Hetzdorf in der Uckermark hat meine Arbeit dazu geführt, daß es nun in der Kirche des Dorfes eine Gedenktafel für die jüdische Familie Jacoby gibt, vor der eine Kerze steht, die nicht nur am Gedenktag für die Novemberpogrome entzündet wird. Diese Geschichte hat im Dorf dazu geführt, daß nun nicht mehr hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird über jene Zeit, sondern ganz offen und selbstverständlich. Die jüdische Familie gehört nun wieder zur Dorfgemeinschaft dazu – jedenfalls in der positiven Erinnerung. Hier ist etwas entstanden, das man als „gelungene Erinnerungskultur“ bezeichnen kann.
Anders ist es bislang noch in Born auf dem Darss. Da scheut man sich, am „Borner Hof“ und am Forsthaus eine kleine Gedenktafel anzubringen. Als Argument wird vorgetragen, soetwas störe den Tourismus. Das ist sehr schade, denn man kann an Orten wie beispielsweise Weimar sehen, daß ein Besuch im KZ Buchenwald sehr wohl Bestandteil eines Tourismus-Konzeptes sein kann. Und für den Weimar-Besucher gehört ein Besuch in Buchenwald beinahe selbstverständlich dazu. So könnte es in #Born auch sein. Dort war der „Borner Hof“ gegen Ende des Krieges ein kleines KZ-Außenlager. Untergebracht waren russische Kriegsgefangene mitten im Dorf und bei Mueller-Darss (der sehr genau auf das „ue“ in seinem Namen und auf das „ss“ am Ende von Darss achtete, letzteres hatte er sich von Heinrich Himmler persönlich gestatten lassen) im Forsthaus arbeiteten KZ-Häftlingsfrauen aus Ravensbrück, Meta Zils zum Beispiel. All das habe ich umfänglich anhand von Dokumenten belegt.
Nun hat es erneut öffentliche Aufregung um Mueller-Darss gegeben, die sogar die Ostsee-Zeitung erreicht hat, die Sache ist öffentlich, weshalb ich mich nun auch öffentlich darauf beziehe. Es ging bei der Aufregung um einen Forstweg, der durch den schönen Darßwald zum Weststrand führt und von dem ein Prof. Fuchs aus Göttingen annimmt, dieser „Müller-Weg“ bezöge sich auf eben jenen SS-Generalmajor Mueller-Darss, von dem in meinem Buch die Rede ist, er hätte diesen Hinweis in meinem Buch über Mueller gelesen. Da hat sich Prof. Fuchs allerdings geirrt. Ich habe an keiner Stelle behauptet, daß der „Müller-Weg“ etwas mit „Mueller-Darss“ zu tun hat. Darum geht es aber eigentlich im Kern nicht. Die öffentliche Aufregung hat nach meiner Wahrnehmung einen anderen Grund.
Kern scheint mir zu sein, daß es im Ort und im Gemeinderat von Born nicht klar ist, ob man sich nun offen mit der Ortsgeschichte auseinandersetzen, sie dokumentieren und öffentlich zugänglich machen möchte oder ob man das nicht möchte. Das müssen die Bornerinnen und Borner entscheiden und dafür gibt es den gewählten Gemeinderat.
Aber natürlich sind auch Gäste auf dem Darss an diesen Themen interessiert, es kann auch gar nicht anders sein, denn an anderen Orten in Deutschland ist es ja auch so, daß sich Gäste für die Ortsgeschichte ihres Urlaubsortes interessieren.
Aus meiner Sicht wäre es sehr gut, wenn man sich auch in Born zu einer kleinen Gedenktafel am „Borner Hof“ und einer am Forsthaus verstehen könnte. Denn unter der Ägide von Franz Mueller-Darss wurden während der NS-Zeit nicht nur die KZ-Hunde zur Bewachung der KZs ausgebildet (die SS nannte ihn deshalb den „Hunde-Müller“), sondern im Ort haben russische Kriegsgefangene und Häftlinge aus Neuengamme und Ravensbrück bei ihren Diensten auf Muellers Hof und beim winterlichen Schilfschneiden gelitten und einige sind auch dort gestorben.
Ich finde, diese Menschen haben wenigstens eine kleine Gedenktafel am Ort ihres Leidens verdient, so, wie es an anderen Orten in Deutschland ja auch längst üblich geworden ist.





























