Geschichten von der Oder. Clip 3. Von der Nachbarschaft, dem Gesangsverein und dem 5. Pommerschen Infanterie-Regiment „Prinz Moritz von Anhalt-Dessau“ Nr. 42, stationiert in Stralsund

Geschichten von der Oder. Clip 3. Von der Nachbarschaft, dem Gesangsverein und dem 5. Pommerschen Infanterie-Regiment „Prinz Moritz von Anhalt-Dessau“ Nr. 42, stationiert in Stralsund

Heute erinnert sich Martha Dähn, geborene Engelmann an ihre unmittelbaren Nachbarn in Gartz an der Oder. Sie denkt an die vielen Vereine, die es im Städtchen vor dem Ersten Weltkrieg gab; auch kommt ihr ältester Bruder Fritz Engelmann in die Erinnerung, weil der „als Infantrist“ im 5. Pommerschen Infanterie-Regiment „Prinz Moritz von Anhalt-Dessau“ Nr. 42, stationiert in Stralsund, deshalb nicht befördert wurde, weil er mal ohne Jagdschein erwischt worden war.

Das hier im Auszug dokumentierte Gespräch fand etwa im Jahre 1980 statt, Martha Dähn, geborene Engelmann, überblickte da schon fast achtzig Jahre. Am Ende ihres Lebens wird es beinahe ein Jahrhundert sein, das sie erlebt hat und erinnert. Immer wieder interessant: ihre persönliche Erzählperspektive. Sie erinnert nur authentisch Erlebtes. Da taucht der Nachbar auf, „Wilhelm Kohlmeier“, der Zigarrenmacher war. Ein Hinweis darauf, daß in Gartz (und Umgebung) Tabak angebaut und auch gleich vor Ort verarbeitet wurde. Der 11 Jahre ältere Bruder Fritz taucht auf, der beim Militär nicht befördert wurde; die vielen Vereine im Ort sind auch in lebendiger Erinnerung. Wir sehen das Städtchen Gartz aus der Perspektive eines Bauern-Kindes und einer Schülerin. Die alt gewordene Martha Dähn erinnert sich in diesem clip an ihre Kinder- und Jugendzeit, an die Jahre zwischen 1902 und etwa 1920, an ein gemütliches Ackerbauerstädtchen, das lange schon im Kriege untergegangen ist.

In der Transkription (der O-Ton folgt weiter unten) liest sich der heutige Abschnitt so:

„Wilhelm Kohlmeier war nicht reich, der Junggeselle. Der war Zigarrenmacher[1]. Wenn ich zu dem kam, dann lag der ganze Tisch schon voll mit Heringsabfällen und all so was. Ich hab ihm immer Essen hingetragen[2].
Morgens kam er an und holte sich Milch von uns, aber umsonst natürlich. Er hatte ja auch nicht mehr als die Rente. Und dann hat er uns öfter geholfen, und dann sagt er: „Ach singen….“ Er war früher im Gesangverein, aber nun waren ihm die Zähne rausgefallen[3] und nun blubberte das immer über.
„Nee“ sagt er, „dat is ja keen Singen“ und dann sang er:
„Der liebe Herrgott geht durch den Wald, der liebe Herrgott geht durch den Wald“.



Das haben sie im Gesangverein gesungen.
Und dann war’s so: die Vereine alle: Turnerverein rechts, Turnerverein links; Feuerwehr-Verein, landwirtschaftlicher Verein, Bürger-Verein, Krieger-Verein, was war’s denn noch, Bildungs-Verein, ach, was gab das alles für Vereine!
Ach ja, Schützen-Verein gab’s auch. Die waren im Schützenhaus hier bei uns. Und da waren die Schrey-Schützen alle mit Zylinder und schwarze Röcke, das waren all die studierten Schützen[4]. Die gab’s im Gartzer Schrey[5].
Und immer war wat los. All[6] Sonntag.

Und denn hatten’s noch nebenan ne Jagd. Wie die Jungs so jung waren, sonntags ganz früh um drei, um zwei gings schon zur Jagd.
Der älteste Bruder, der Fritz, der war ja elf Jahre älter wie ich, dann haben sie sich da oben anjebammelt[7] mit ne Schnur nen großen Wecker, denn musste der den wecken, nich.
Wenn’t denn zur Jagd ging, dass sie auch zeitig hinkamen. Unser Fritz war ja ein ruhiger Mann, so eine ruhige Art wie du.
Und denn secht Vadder: „Jeh du nich up Jagd! Dein Jagdschein is abjelaufen.“
„Ach, wird nich jrad eener kommen“.
Da kam ja die Schandarmerie[8]!
Wir hatten Polizei, aber dann kam noch die Schandarmerie.
Und mit eenmal kommt der Reimann, der war überhaupt so schabbig[9], und da kriegt er 20 Mark Strafe, weil er keinen Jagdschein hatte!
Und nachher dient er bei die Zweiundvierziger, nee, in Stralsund hat er jedient, stimmt. In Stralsund hat er jedient bei die Zweiundvierziger, als Infantrist[10].
Und denn gratuliern ihm die andern all und seggn (sagen): „Fritz, Mensch, du wirst wohl dit ma (diesmal) Jefreiter wern und wirst wohl irgendwat wern.“
Und denn kommt der Offzier uns secht:
„Engelmann, wir wollten Sie avangsiern[11], aber dat geht nich, Sie ham mal 20 Mark Strafe jehabt.“
So war dat.
Da kannst du sehen, wat für’n Umschwung dat all’s jewesen is. Wie dat heute aussieht!
Heut is eener froh, der jar nich Soldat wird! Und früher: ach, furchtbar!
Ja, 20 Mark Straf hat er müssen jem[12].“

Im Orginal-Ton hört sich das dann so an:

Soweit heute. Den nächsten Clip gibt’s in etwa einer Woche. Oral History – erzählte Geschichte.


[1] Man erfährt in diesem Gespräch eben auch etwas über die damals üblichen Berufe. In Gartz wurde unter anderem Tabak verarbeitet. Es gab Zigarrenmacher. Und wer arm war wie Wilhelm Kohlmeier, dem „fielen die Zähne aus“.

[2] Martha Engelmann (später Dähn) war noch Schulkind. Die Erinnerungen wechseln immer mal wieder die Zeiten. Hier also die Zeit etwa zwischen 1906 (sie ist 1902 geboren) und 1916/1920.

[3] Ein Hinweis auf die schlechte medizinische Versorgung für arme Leute in jenen Jahren

[4] Soziale Schichten unterschieden sich offenbar auch nach ihrer Kleidung.

[5] Der Gartzer Schrey ist ein Waldgebiet am westlichen Hohen Ufer der Oder. Der Oder-Neiße-Radweg führt heutzutage durch den Gartzer Schrey.

[6] Jeden Sonntag

[7] angebunden

[8] Gendarmerie, die war für die Dörfer zuständig. Sie war beritten.

[9] Ein jiddisches Wort. „schabbig“. Gemeint ist etwa „schäbig, häßlich, streng“.

[10]  5. Pommersches Infanterie-Regiment „Prinz Moritz von Anhalt-Dessau“ Nr. 42, stationiert in Stralsund.

[11] Avancieren, also befördern

[12] Gesprochene Abkürzung für „geben“

Geschichten von der Oder. Clip 2. Vom Zeppelin über der Uckermark und vom Untergang der Titanic

Geschichten von der Oder. Clip 2. Vom Zeppelin über der Uckermark und vom Untergang der Titanic

Das vorliegende Tonband ist vor etwa vierzig Jahren aufgenommen worden. Martha Dähn (*1902) erinnert sich an ihre Zeit in Gartz an der Oder am Ostrand der Uckermark. .“Schön am Strom gelegen“, wie Johannes Bobrowski vielleicht sagen würde. Dieses etwa einstündige Band teile ich in kleine Abschnitte auf und kombiniere Tondokument und Transskription, um es als Quelle für die Ortsgeschichte zur Verfügung zu stellen, solche alten „oral history“ Dokumente sind ja eher selten.

Martha Dähn, geborene Engelmann wohnte beinahe ihr ganzes Leben in Gartz an der Oder in der Großen Mönchenstraße 360. Von dort aus hat sie die Welt kennengelernt. Die Welt kurz nach der Jahrhundertwende im kleinen Ackerbürgerstädtchen Gartz mit etwa 3.500 Einwohnern. Man kannte sich. Bauern, Fischer, Handwerker, ein Gymnasium, ein Gericht, einen „Supperndenten“ von der Kirche, einen „Paster“ auch. Und dann natürlich das eine oder andere „Original“, wie es sich gehört für einen uckermärkisch-pommernschen Ort.

Im heutigen clip erinnert sich Martha Dähn an den Zeppelin und an die Titanic. Vom Untergang der Titanic erfuhren die Menschen aus der Zeitung oder, wie man damals sagte, von den „Zigeunern“, denn, wenn die „zum Volksfest“ nach Gartz kamen, hatten sie die neuesten Nachrichten „auf die Planen gemalt“, Fernsehen und Radio gabs ja noch nicht. Wir hören auch von Zauberern und „Hipnotisierern“, erahnen etwas von der Stimmung bei einem Gartzer Volksfest kurz nach der Jahrhundertwende, so, wie es sich in der Erinnerung der mittlerweile Achtzigjährigen eingegraben hat. Im Originalton klingt das so:

Zepplin[1], ja! So 1911 muss et jewesen sind. 1910 oder 1911. Da warick noch’n klein Mädchen. Und da haben se lauter Zettel runterjeschmissen.  Wees ick noch janz jenau. Wie die Zijarre[2] so rüber kam so janz langsam. Ja.“

Wann war dat, 1910 oder 1911, wo die Titanic[1] unterjejang is?
Da kam se bei uns: so’n großen Wagen, mit lauter Leinen bespannt ringsrum und da war dat all’s jezeichnet. Der janze Untergang der Titanic.

Da ist so’n Zauberer jewesen, eener, der hat denen wat vorjemacht, und da hat er jesacht: „Bei mir jehen die Leute durch’n Baumstamm!“ Er ginge jetzt durch’n Baumstamm.
Und da ham die jesacht: „Nee, dat is nich wahr!“
Und dann isser, ham auch wirklich jedacht, er jeht durch’n Baumstamm, und eene Frau hat jesacht: „Nee, der is nich durch’n Baumstamm, der is gleich nebenbei jejang.“  Die hat dat jesehn.
„Huh, Wasser, Wasser!“ hat er jesacht und da hat sie janz und jar die Röcke hat se hoch jenomm.
Und die Leute haben jelacht, und wie! Du, früher war dat überhaupt, wo dat allet frei war, da kam so ne, na, die so hipnotisiert[2] ham. Und dat war, wie hieß er denn noch, Mensch, siehste, ick hab den Nam‘ verjessen.
Die sagen, der is früh jestorben.
Da hat er se immer hipnotisiert, da war’n Leute bei uns, der hatte die Gasanstalt, und wir jingen ja immer da hin, wenn wat los war. Bei uns war ja wenig und denn jing[3] wir da hin.
Und da sacht er zu ihm, er soll uffen Tisch, nee, ein Flugzeug fährt über, nich, und er soll winken und so jelenkig und denn hopst er aufen[4] Tisch und hat jewunken, als ob er richtig da dem Flugzeug zuwinkt, haha, dabei war jar nüscht.
Und erst sacht er, wir mussten alle so machen, guck mal, so. Und die dat so nich auseinander krichten, ob er damit wat bezweckt, die hat er wohl, die hat er auch meist hoch[5] jeholt. Und denn hat er allet versteckt bei die Leut und denn immer wieder rausjeholt, ach, wie hieß denn dieser Kerl noch, dat war so ein Schwarzer. Da zogen sie ja all mit sowat rumher.
Und denn nachher, da waren welche da, die ham solche Ringkämpfe jemacht. Und denn mussten welche vom Publikum ruff komm‘, wer da mitmacht, nich. Und denn da ruff[6]. Und denn nachher, ach, dat war immer ein Gaudium! Da war immer wat los.“


[1] Die „Titanic“ galt damals als das schnellste und sicherste Passagierschiff der Welt. Auf seiner ersten Fahrt ist das Schiff am 14. April 1912 auf einen Eisberg gefahren und untergegangen.

[2] Ein Hypnotiseur also

[3] Gingen

[4] Auf den

[5] Auf dem Markt war wohl eine kleine Bühne aufgebaut. Und die ausgesuchten Leute mussten dann „hoch“ auf die Bühne für die Kunststückchen beim Jahrmarkt.

[6] Rauf auf die Bühne. Den einfachen Bauersleuten ist das nicht leicht gefallen. Jetzt konnte einen ja jeder sehen…..



[1] Zeppelin. Ein mit Wasserstoff gefülltes, riesiges Luftschiff

[2] „Zigarre“ sagten die Leute, weil das Luftschiff wie eine große Zigarre aussah

Geschichten von der Oder. clip 1

Geschichten von der Oder. clip 1

Gartz ist ein kleines Städtchen an der Ostgrenze der Uckermark, direkt an der Oder gelegen. Ehemals ein hübsches, intaktes Ackerbauernstädtchen, sieht man heute immer noch die verheerenden Folgen eines Angriffs der Roten Armee vom 20. April 1945, der die Stadt zu 90% zerstörte. Dumme Hitlerjungen waren auf die St. Stephans-Kirche geklettert und hatten statt der weißen die Hitler- Fahne gehisst, dabei war der Krieg längst entschieden.
Gartz ist die Heimatstadt von Martha Dähn, geb. Engelmann. Ihr Vater war Landwirt und Ratsmann in Gartz, er gehörte zum Deich-Verein und war im Ort „bekannt wie’n bunter Hund“, wie man so sagt „und allet ehrenamtlich“, wie seine Frau gelegentlich schimpfte, doch dazu später.
Es gibt in meinem Archiv ein Tonband etwa aus dem Jahre 1980 mit einem knapp einstündigen Kaffee-Gespräch mit Martha Dähn (*1902 – +2000), in dem ihre Erinnerungen bis etwa 1860 zurückreichen, die Zeit, als die Berlin-Stettin-Bahn gebaut und ständig erweitert wurde – ein interessantes Zeitzeugnis nicht nur für das Heimat-Archiv in Angermünde, sondern vielleicht auch für den einen oder anderen in Gartz selbst.
Ich will deshalb diese Tonbandaufzeichnung in kleine podcast-Einheiten aufteilen, mit erklärenden Texten versehen und als „erzählte Geschichte“ öffentlich machen, vielleicht entsteht aus dem Ganzen eines Tages ja auch ein kleines Buch, mal sehen, was da werden will.
Martha Dähn hat am Ende ihres Lebens fast ein ganzes Jahrhundert überblickt und was sie von der Weltgeschichte wusste und verstand, das erzählte sie in Geschichten und Anekdoten. Das Erzählen lag in der Familie, auch ihr Vater erzählte so. Und beim Tabak-Fädeln hörte man ja auch das eine oder andere, was sich weiterzugeben lohnte.
Einen kleinen Ausschnitt ihrer Geschichten werden wir nun nach und nach kennenlernen und eintauchen in die Zeit kurz nach der Jahrhundertwende, die Zwanziger Jahre, die Inflation; die Weimarer Republik; die Hitler-Zeit. Ihre im Gespräch dokumentierten Geschichten spielen mehrheitlich in den Jahren zwischen 1902 und 1933, was danach kam, kann ich ergänzen, weil ich ihre Geschichten gut kenne, auch die nicht als Tondokument überlieferten.
Martha Dähn spricht in der vorliegenden Aufzeichnung eine Mischung aus Hochdeutsch und Pommersch Platt. Weshalb ich die Abschnitte des Tondokuments auch als transskribierten Text abbilde.

Also dann, beginnen wir: Martha Dähn. Geboren am 2. Dezember 1902 in Gartz an der Oder. Sie wohnte fast ihr ganzes Leben lang in der Großen Mönchenstraße 360. Das Haus sieht heute so aus:

Große Mönchenstraße 360. Bis 1987 im Besitz der Familie Kasparick, dann an die Stadt gegeben.

Als Martha Dähn am 2. Dezember 1902 auf die Welt kam, herrschte ein kalter Winter. Es sei so kalt gewesen, erzählt sie, daß ihrer Mutter „die Schmalztöpfe zerfroren“ seien. Aber, hören wir ihre Stimme selbst:

„Meine Mutter“. Die stammte aus der Wels-Familie. Und in der Familie gab es „eine Menge Jungs, wie bei den Dähns auch“. Und die waren alle kräftig und konnten ordentlich zulangen. Vom „Onkel Otto“ und seinem Bruder „Onkel Fritz“ gibt es folgende Geschichten:

„Nee, Onkel Otto, wir hatten doch, über die Oder hatten wir doch Wiesen.
Und da ham wir über die Oder im Sommer immer dat Vieh rüber jebracht. Immer in Kähnen, da war noch keene Brücke[1], so rin in die Kähne und war hintenrum ne Barriere jebaut und da wurden se rüber jebracht.
Und mit einmal ein Bulle, der is raus und is losjeschwomm.
Und Otto hinterdran geschwommen. Bis unten nach Mescherin, hinterm Schrey!
Und da hat er’n jekricht und denn hat er’n wieder hoch jebracht.
Dat waren die Welsens, die waren so kräftig, weißt du.
Onkel Otto, der Ält’ste, der die Gastwirtschaft jekricht hat, der hat zu seine Kameraden jesacht beim Militär: „Ich stell mich untern Pferd und heb’t hoch!“
Und da ham die jesacht: „Dat is doch Quatsch!“
Da hat er aber’n Verweis jekricht.
Hat er sich unterjestellt und hat dat Pferd hochjehoben, war aber’n ruhiges Tier. Onkel Fritz, wat Hilde[2] ihr Vater war, der machte so mit’n Groschen und hat ihn auf’m Tisch umjebogen! Die hatten all so ne Kraft!
Aber sind all nich alt jeworden, weiß du.
Ja, die Welsen, die hatten mächtig Kraft, dat waren die, die von den Ungarn abstammen“.


Von den „Welsen“ und von den „Dähns“ werden wir noch mehr zu hören bekommen. Im nächsten Clip.


[1] Die Brücke wurde 1926 gebaut

[2][2] Hilde Schuhmacher, geb. Wels wohnte mit im Haus Große Mönchenstraße 360

Zwischen Meer und Bodden. Eine Empfehlung

Zwischen Meer und Bodden. Eine Empfehlung

Da hat Elke Erdmann aus Wieck a. Darß ein wunderschönes Buch vorgelegt. Gerade frisch im Hinstorff-Verlag Rostock ist es erschienen. Ein Buch, das sie den vielen Flüchtlingen gewidmet hat, die nach dem Zweiten Weltkrieg auf oft verschlungenen Wegen nach Born, nach Prerow oder Ahrenshoop, nach Wustrow oder Wieck kamen und dort neue Heimat fanden.
Wuchtig kommt das „Flüchtlingsthema“ gleich in den ersten Zeilen ihres Vorwortes daher, ein drängendes, bedrückendes Thema, gerade auch wieder in unseren Tagen. Elke Erdmann erzählt von Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg auf den Darß oder aufs Fischland gezogen kamen. „23 kleine Porträts und zwei Reportagen“ sind da zustande gekommen.

Dazu hat sie Fotos der Menschen, von denen erzählt wird, eingefügt. Farbig, bei Porträts angemessen zurückhaltend, gut ausgewählt.

Ich habe im Buch „alte Bekannte“ wieder getroffen, Menschen, deren Lebensweg ich zum Teil schon viele Jahre lang begleite und mit denen ich in den zurückliegenden Jahren bei meinen Aufenthalten auf dem Darß auch gemeinsame Projekte realisieren konnte: Anne-Dore Baumgarten aus Wustrow ist so jemand.

Wer Fischland, Darß und Zingst liebt, wer sich gerne aufhält „zwischen Meer und Bodden“, dem wird dieses schöne Buch von Elke Erdmann bald schon ans Herz wachsen, denn es zeigt Menschen, denen man begegnen konnte und begegnen kann, wenn man in Wieck am Hafen auf einer Bank sitzt oder vor der Borner Kirche unter der Eiche gleich neben dem Eingang oder in Wustrow am Weg, der zum Strand führt.

Wer nur ein wenig aufmerksam durch die Dörfer geht, sich an Veranstaltungen beteiligt, Ausstellungen besucht, bei Lesungen vorbeischaut, der kann einige wiederfinden, die in Elke Erdmanns Buch portraitiert wurden.

Elke Erdmanns Buch ist ein Buch für Liebhaber. Und es ist ein Buch für Kenner.
Wer gern im Fischland, auf dem Darß oder auf dem Zingst Urlaub macht – nicht wenige tun es schon seit Jahren – dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Den anderen auch.

Elke Erdmann. Zwischen Meer und Bodden. Menschen auf Fischland und Darß.
Hinstorff-Verlag Rostock. 2022 ISBN 978-3-356-02405-0

Wer das „richtige Bekenntnis“ nicht hat, verliert den Job. Oder: ein Kapitel über die Kunst in Zeiten des Krieges.

Wer das „richtige Bekenntnis“ nicht hat, verliert den Job. Oder: ein Kapitel über die Kunst in Zeiten des Krieges.

„Die Nationale Volksarme ist eine Armee des Friedens. Wer Soldat der NVA wird, dient damit dem Frieden. Wenn Sie diesen Dienst nicht ausüben wollen, wie Sie erklärt haben, dann stellen Sie sich gegen die Macht des Friedens, dessen Ausdruck die Bruderarmeen des Warschauer Paktes sind. Wenn Sie den Dienst in der NVA nicht ausüben wollen, wie Sie erklärt haben, dann stärken Sie die aggressiven Armeen der NATO. Sie werden verstehen, daß wir Sie dafür nicht auch noch belohnen können. Eine Zulassung zum Abitur oder gar Universitätsstudium kommt nicht in Frage.“

So ging die Logik. Viele tausende junger Männer und deren Familien waren davon betroffen und haben sich dennoch nicht einschüchtern lassen.
Als man uns weismachen wollte, der „Friede muss bewaffnet“ sein, und es gälte „gegen NATO-Waffen Frieden (zu) schaffen“. Da haben wir gesagt, ein paar wenige waren wir ja noch: „ihr irrt. Man kann Blut nicht mit Blut abwaschen.“
Später, da war die Mauer schon gefallen, da fand sich in der Stasi-Akte der Hinweis: sie hatten uns auf ihrer „Liste“. Gemeint war eine „Abschußliste“. Die Zahl derer, die man wegen ihrer Gesinnung zum Krieg „abgeschossen“, also aus dem Beruf heraus und in den Westen hinein gedrängt hatte, geht in die Millionen. Auch weiß man in den Chroniken vom „Roten Ochsen“ oder vom „Gelben Elend“ oder in Hohenschönhausen von den Schicksalen derer zu berichten, die „nicht die richtige Gesinnung“ hatten und sich zum Beispiel der Logik der Aufrüstung widersetzten, weil sie sie für grundfalsch hielten.

Wer jedoch das „richtige Bekenntnis“ ablegte, bekam den Job.
Ähnliches spielte sich in den Forschungsabteilungen der großen Betriebe ab. Bei Carl Zeiss in Jena beispielsweise: wer nicht Genosse wurde und damit „das richtige Bekenntnis“ ablegte, kam nicht weiter. In der Forschung schon gar nicht. Und wer nicht „zur Demonstration“ war, der bekam auch Probleme.

Auch wurde sehr genau registriert, ob jemand zur Wahl ging, denn die Teilnahme an der Wahl war „ein Bekenntnis zum Frieden“. Wer das „richtige Bekenntnis“ ablegte, kam beruflich weiter. Wer dieses Bekenntnis nicht ablegte – nun ja, man hatte ja die Wahl, die „richtige Entscheidung“ selber zu treffen.

Ich gehörte mit ein paar Hundert anderen immer zu denen, die die verlangte „richtige Entscheidung“ nicht trafen. Ich war nicht in den Pionieren, nicht in der FDJ, ich ging nicht ins Wehrlager, ich beteiligte mich nicht an Wahlen (die keine waren), ich ging nicht zur Armee. Deshalb gabs kein staatliches Abitur und deshalb gabs auch kein freies Studium. Das war der Preis, der in der Diktatur zu zahlen war. Wir haben ihn gezahlt.
Nun aber kommt, angesichts des Ukraine-Krieges, diese Gesinnungsschnüffelei zurück und dagegen muss ich sprechen, weil ich sie wie viele andere auch, am eigenen Leibe erfahren habe. Das darf nicht wieder so werden, wie es in der Diktatur war: nur derjenige bekommt oder behält den Job, der die „richtige Gesinnung“ hat. Das hatten wir schon mal, auch schon vor 1949. Und das darf es niemals wieder geben.

Nun lesen meine alten Augen, der Münchner Oberbürgermeister Reiter (SPD) habe den russischen Chefdirigenten der Philharmoniker gefeuert, weil der dem Ultimatum (!) des Oberbürgermeisters nicht gefolgt sei und sich rechtzeitig (das ist der Sinn eines Ultimatums) von Herrn Putin und seiner Politik öffentlich distanziert habe. Der Russe hat auf dieses Ultimatum nicht mal geantwortet, was ich sehr gut verstehen kann. Wer ist denn dieser Herr Reiter, daß er einem vorschreiben wolle, wie man zu denken habe?

Meine alten Augen lesen ausserdem, man hätte Engagements mit Anna Netrebko aus ähnlichem Grunde gekündigt, sie sei „nicht klar genug von Putin und seiner Politik distanziert“. Auch hier wieder gibt es welche, die offenbar sehr genau zu wissen scheinen, was „die richtige Auffassung“ ist und was eben die falsche. Und, wenn man eine „falsche Auffassung“ hat, nun ja, dann kann man den Job halt nicht haben, man hat ja schließlich die Wahl und kann „das geforderte Bekenntnis“ ablegen.

Gestern musste ich lesen, daß man nun auch die Forderung erhoben habe, russischen Wissenschaftlern die internationalen Forschungsgelder zu entziehen, wenn sie sich nicht klar von Putin und seiner Politik distanzieren.

Im Börsenblatt steht darüber hinaus nun sogar zu lesen, man fordere nun angesichts des Krieges „ein Totalboykott russischer Bücher.“
Man ist ja schon dankbar, daß noch keiner die Verbrennung russischer Bücher verlangt hat. Wenn das so weitergeht, wird irgendein völlig Verwirrter diese Forderung wohl auch noch erheben.

Was macht dieser Krieg mit unserem Land? Drehen wir jetzt auch völlig durch? Diese Gesinnungsschnüffelei muss aufhören! Und, daß jemand seinen Job verliert, weil er Russe ist und „sich nicht klar genug von Putin getrennt hat“, das muss ebenfalls aufhören. Am besten sofort.

Zeitenwende.

Zeitenwende.

Diesen Text schreibe ich, um mir selbst Rechenschaft abzulegen, falls mich eines der Enkelkinder irgendwann fragt, wie ich mich denn verhalten habe in jenen Tagen im Februar 2022, als der Kanzler der Bundesrepublik begann, von einer „Zeitenwende“ zu sprechen und Aufrüstung meinte. Ich will mit diesem Text niemanden zu irgendetwas überzeugen, will niemanden agitieren oder zu irgendeiner Ansicht verhelfen, ich will mir selbst gegenüber aufschreiben, wie das für mich war, als da nun von jener „Zeitenwende“ die Rede war, die im Kern Aufrüstung meinte.

Eine „Wende“ hab ich ja schon erlebt, viele andere auch. Jenes Wort von Egon Krenz, das dann gleichsam zum Stempel für den Zusammenbruch des Landes wurde, in dem ich aufgewachsen bin. Mit „Wende“ wurde und wird der Zusammenbruch der DDR bezeichnet und der anschließende Beitritt des Restes von jenem Land zu einem Land, in das ich nie wollte, weshalb ich auch nie einen Ausreiseantrag gestellt hatte, obwohl die olle DDR mit die Staatssicherheit auf den Hals gehetzt hatte. Aber das ist eine andere Geschichte, die nun auch schon wieder über dreißig Jahre zurückliegt.

Lange Jahre der Auseinandersetzung mit der Diktatur lagen hinter mir und meinen Freunden, wir hatten Jahre hinter uns, in denen man uns einreden wollte, der Friede müsse bewaffnet sein. Oder man müsse „Gegen NATO-Waffen Frieden schaffen!“ Wir standen schon damals auf der anderen Seite: wir argumentierten angesichts der Hochrüstung mitten in Deutschland – im Osten standen die russischen SS 20-Raketen, im Westen die Pershings – eine Logik des Krieges führe zur Auslöschung unserer Zivilisation und vorher zur Vernichtung wichtigster Ressourcen, die wir dringend für Aufgaben des Lebenserhaltes benötigen. Aufrüstung: immer mehr Waffen, immer mehr Raketen, immer mehr Panzer. Das ist die Logik des Krieges, die Logik der Abschreckung. Das war schon damals mitten im Kalten Krieg nicht unsere Position.
Wir setzten dem gemeinsam mit vielen anderen in Ost und West eine Logik des Friedens entgegen, die wesentlich von den großen Pazifisten des vorigen Jahrhunderts geprägt war, in meinem eigenen Fall besonders von Tolstoi, Gandhi, M.L. King, Zweig, Rolland und anderen. Die Dokumente dazu findet man in den Protokollen der Synoden des Bundes der Evangelischen Kirche z.B. unter dem Stichwort „Bekennen in der Friedensfrage.“ Wir fanden den außenpolitischen Kurs von Brandt und Bahr sehr richtig, angesichts eines immer kälter werdenden Kalten Krieges, gerade angesichts einer solchen Situation! – dem „Feind“ die Hand zu reichen und mit konkreten Verhandlungen über gemeinsame Interessen zu beginnen.
Nicht das Unterscheidende sollte betont, sondern das Gemeinsame gefunden werden.
Und etwas Entscheidendes konnte im Atomzeitalter als Gemeinsames sofort identifiziert werden: das Interesse nämlich, überhaupt am Leben zu bleiben. Das aber bedeutete Atomwaffenverzicht und Abrüstungsverhandlungen.

All das ist lange und ein paar Kriege her.
Wir haben inzwischen den Irak-Krieg I gesehen, der ohne UN-Mandat begann, völkerrechtswidrig also; wir haben den Irak-Krieg II gesehen; wir haben den über dreißigjährigen Afghanistan-Krieg gesehen, die Bombardierung des Balkan durch Kampfjets auch aus Deutschland – ohne UN-Mandat.
An Kriegen hat es nicht gemangelt. Zuletzt lauteten die Stichworte: Krieg in Syrien, Besetzung der Krim, Bürgerkrieg in Mali (und Einsatz u.a. der Bundeswehr) und nun Putins Krieg gegen die Ukraine, die kein Mitglied der EU und auch kein Mitglied der NATO ist.

Seit gestern nun bestimmt ein neues Wort die politische Debatte in Deutschland: Kanzler Scholz hat es eingeführt. Er sprach davon, wir würden jetzt eine „Zeitenwende“ erleben. Nun gälten die alten Vorstellungen von der Abrüstung nicht mehr, nun müsse man „lange Versäumtes“ nachholen und die Bundeswehr aufrüsten. Viele stimmten ihm zu, der Finanzminister von der FDP, der das „Sonderprogramm“ von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr zu finanzieren hat, sprach gar davon, er wolle „eine der schlagkräftigsten Armeen in Europa“ aufbauen und sei daher bereit, diese 100 Milliarden neue Schulden aufzunehmen. Zusätzlich, so teilte der Kanzler mit, werde Deutschland „mehr als die von der NATO geforderten 2%“ des BIP jährlich für die Bundeswehr zur Verfügung stellen.

Als heute die Börsen öffneten, gingen die Aktienkurse maßgeblicher Rüstungskonzerne in Deutschland geradezu durch die Decke: plus 15%, plus 9%, plus 40% – solche Zahlen sind nun zu lesen. Dieses Aufrüstungsprogramm ist gewaltig. Bezahlt wird mit neuen Schulden. Und die Geschäftemacher der Welt verhalten sich nun wieder so, wie sie sich eigentlich immer verhalten haben: „Kaufe, wenn die Kanonen grollen.“

Was ich hier für mich notieren will: in meiner Wahrnehmung erleben wir tatsächlich eine „Zeitenwende“. Allerdings höre ich das Wort in keiner Weise positiv. Ich höre: Deutschland lässt sich nun von einem russischen Präsidenten diktieren, wie es zu reagieren hat. Deutschland lässt sich in eine Aufrüstungsspirale hineinzwingen, die wir für überwunden geglaubt hatten.
Nun haben die Falken wieder mal Oberwasser. Jene, die für Abrüstung statt Aufrüstung sprechen, gelten – wieder einmal – als unpolitisch, blauäugig, naiv. Sie hätten „keine Ahnung“, außerdem handele es sich bei Menschen, die für Ab- statt Aufrüstung sprechen um „Putinfreunde“, oder, schlimmer noch, um „Putinversteher“, jenen Leuten also, die eigentlich ebensolche Ganoven seien wie der russische Präsident.
Es wird auch schon wieder religiös in der Sprache. Es ginge beim „Kampf gegen Putin“ im Kern um einen „Kampf gegen das Böse“, so lesen meine alten Augen. Ich erlebe das als Rückfall.
Es ist ein tiefer Rückfall in tiefste Zeiten des Kalten Krieges. „Zeitenwende“ klingt in meinen Ohren nach „Rückschritt“, nach „Rückfall“, nach einem politischen Kalkül, das ich und nicht nur ich für überwunden gehalten hatte.

„Was hast Du denn getan in jenen Tagen?“ werden mich die Enkel vielleicht fragen, falls sie das überhaupt interessiert.
„Ich habe der Logik der Aufrüstung widersprochen“ werde ich antworten, „so, wie ich es mein Lebtag lang getan habe. Ich war der festen Überzeugung, daß mehr Waffen in der Ukraine die russische Armee nicht aufhalten werden. Nun, nach dieser Entscheidung der Bundesregierung, stehen überall auf der Welt Tor und Tür sperrangelweit offen, auch dorthin Waffen zu liefern. Jene „Zeitenwende“, von der nun die Rede ist, ist nichts anderes als ein gewaltiges Aufrüstungsprogramm.“
„Und? Hat es was genützt?“
„Eher nicht. Es war wohl eher „in den Wind gesprochen“, wie Johannes Bobrowski einmal gemeint hat. Die Zeiten waren nicht so. Die Mehrheit rief in jenem Frühjahr 2022 nach immer mehr Waffen. Es gab langen Beifall im Parlament, als der Kanzler von jener „Zeitenwende“ sprach und es gab langen Beifall, als er von 100 Milliarden zusätzlich für die Bundeswehr sprach und es gab langen Beifall, als er von den „mehr als 2%“ für die NATO sprach. Man müsse dem „Feind“ (es war tatsächlich auch offiziell wieder vom Feind! die Rede!) endlich „unmissverständlich“ „klarmachen“, „wo die Grenze sei“, so war zu hören.
Es waren nicht die Zeiten, in denen man noch die Stimmen hören wollte, die für Abrüstung sprachen, man war – der Einfachheit halber -, der Ansicht, solche Stimmen kämen ja ohnehin nur noch von ein paar völlig Unverbesserlichen der LINKEN oder gar von der AfD. Damit hatte man ein Schubfach und fertig war die Laube.
Nein, die Mehrheit im Parlament war nun woanders.
Man hielt den bisherigen Weg Deutschlands, keine Waffen in Krisengebiete zu schicken, ab sofort für falsch. Weshalb nun auch Deutschland endlich endlich Waffen schicken sollte. Die Mehrheit wollte nichts hören von Abrüstung. Sie wollte Aufrüstung, Aufrüstung, Aufrüstung.
Deutschland ist vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis heute einen langen Weg gegangen.
Von jenem im Jahre 1945 zu hörenden „nie wieder soll jemals ein Deutscher eine Waffe in die Hand nehmen“ zu jenem 100 Milliarden-Sonderprogramm für die Bundeswehr unserer Tage lagen beinahe genau 80 Jahre. 2025 wäre Jubiläum.“

Ich notiere diesen Text für mich. Um mir Rechenschaft zu geben, wo ich gestanden habe in jenen Februartagen 2022, die wir gerade erleben. Damit ich Auskunft geben kann.

Mein Opa war dabei. Eine Buchbesprechung

Mein Opa war dabei. Eine Buchbesprechung

„Es war die Aufgabe unserer Eltern, den Schutt der zerschossenen Häuser, Straßen und Plätze wegzuräumen. Die Aufgabe der Generation der Kriegsenkel besteht wohl darin, den seelischen Schutt wegzuräumen, den die Generation der Großväter und -mütter hinterlassen hat.“
So etwa ließe sich beschreiben, um was es auch in dem von Bernd D. Behnk im OmniPress Stuttgart 2021 vorgelegten Band „Mein Opa war dabei“ geht.
Bernd D. Behnk, Jahrgang 1951, spürt schon lange Jahre, „daß da etwas nicht stimmt“ in seiner Familie, er hat allerdings keine konkreten Anhaltspunkte. Erst im Jahre 2009 beginnt er, genauer nachzufragen, was denn der „liebe Opa“ genau „im Osten“ gemacht hat.
Und er stößt auf Abwehr, eisiges Schweigen, Familienzerwürfnisse, Tabus. Sogar auf ein Schließfach in einem Tresor einer Bank stößt er, in dem Dokumente aus jenen Jahren verborgen sind, zu denen aber nicht jeder in Familie Zugang hat. Tabu. „Darüber reden wir nicht“.

Behnk hat ein umfangreiche Arbeit von 370 Seiten über seinen Großvater – „und damit auch über mich selbst“ vorgelegt. Mühsam recherchiert, umfänglich zusammengetragen, farbig illustriert, mit einem Anhang versehen.

Behnks Arbeit gehört in die Reihe jener literarischen Produktionen der Enkelgeneration, die nun glücklicherweise zunehmend erscheinen. Es ist die Generation derer, die „hartnäckig nachfragen“ und sich nicht mehr beschwichtigen lassen. Deshalb ist auch diese Arbeit wichtig. Er beschreibt die Hilflosigkeit der Eltern-Generation, mit dem Holocaust gegenüber den Kindern umzugehen – die wurden Anfang der sechziger Jahre „vor den Fernseher gesetzt“, um entsprechende Filme anzuschauen – allerdings, ohne daß danach das eigentlich wichtige Gespräch stattgefunden hätte.
Behnk erzählt aber auch von den hochemotionalen Streitigkeiten unter den Kindern vom „lieben Opa“ nach dessen Beerdigung – von dem Moment an nämlich, als einer aus der Familie beim Beerdigungskaffee bemerkte, der Pfarrer habe ja „nur von den guten Seiten“ des Opas gesprochen, „von den anderen leider nicht“. Eisiges Schweigen war die Folge. Das Tabu war berührt.

Nun beginnt die eigentliche Recherche-Reise. Und sie führt vom „lieben Opa“ bis zu jenem Polizisten, der an „Sonderaktionen“ und „Sonderkommandos im Osten“ direkt beteiligt war.
Mir gefällt an dem Buch von Bernd D. Behnk, daß er den Leser mitnimmt von den ersten Fragen, über die genaueren Nachfragen bis hin zu den hartnäckigen Recherchen bis zu jenem Tag, als sich dann das Buchmanuskript allmählich dem Ende nähert. Das Buch ist ein sehr anschauliches Beispiel für die Mühsal, aber eben auch die Notwendigkeit, in der eigenen Familie sehr genau nachzufragen und sich nicht abspeisen zu lassen mit diesen ewig wiederholten Redewendungen, alle hätten „ihre Pflicht“ tun müssen, sonst „wären sie selbst erschossen worden“ etc. pp.
Man nimmt Anteil an dem mühsamen Geschäft des Enkels, der nicht lockerlässt, und der sich nun durchkämpfen muss durch Erzähltes, in der Familie Dokumentiertes – der dann aber auch, zur Überprüfung des Gehörten, in die professionellen Archive muss: ins Bundesarchiv nach Berlin, ins Document Center und in andere Archive, die wichtige Quellen bereithalten. Selbstverständlich merkt man als einer der nachfragt schnell, daß man auch ergänzende Literatur benötigt, Gesamtdarstellungen von Historikern und vieles andere mehr.

Das Buch ist umfänglich, vielleicht kann man bei einer weiteren Auflage noch an der einen oder anderen Stelle ein wenig straffen.
Ich möchte das Buch vor allem all jenen empfehlen, die – wie Bernd D. Behnk am Anfang ja auch – „das Gefühl haben, daß in der Familie etwas nicht stimmt“ und deshalb damit beginnen, hartnäckig nachzufragen. Ich stimme mit Behnk überein: wir sind diese nicht selten auch seelisch anstrengende Arbeit den Opfern schuldig.

Bernd D. Behnk. Mein Opa war dabei. Eine biographische Erzählung über die Metamorphose eines ostpreußischen Landwirts in einen Akteur beim Holocaust und dessen erneute Wandlung zum rechtschaffenen Bundesbürger und herzensguten Großvater.
OmniPress Stuttgart 2021 ISBN 978-3-9823531-9-7

Unbequeme Wahrheiten

Unbequeme Wahrheiten

Seit gestern weiß ich, daß eine Schwester meines Vaters „vier Jahre lang“, wahrscheinlich von 1934 bis 1938, als Angestellte der Evangelischen Kirchgemeinde in Gartz an der Oder „Ariernachweise“ beurkundet hat.
Diese „Arier-Nachweise“ wurden ab April 1933 zunächst für Beamte benötigt, um die „arische Abstammung“ nachzuweisen. Die Nazis wollten den „Beamten-Apparat“ von Juden „säubern“. Wer nicht „arisch“ war, konnte nach Ansicht der Nationalsozialisten kein Beamter sein.
Wie aber kann man herausfinden, ob man „arisch“ oder „nichtarisch“ ist?
Man braucht die Kirchenbücher der Kirchgemeinden. Und zwar die der evangelischen und auch der katholischen. Denn dort steht fein säuberlich vermerkt, wer getauft ist und wer nicht.
Manfred Gailus (Hg) hat in dem Band „Kirchliche Amtshilfe. Die Kirche und die Judenverfolgung im „Dritten Reich“, Vandenhoeck&Ruprecht 2008 umfangreiches Material zum Thema zusammengetragen.

Ab 1933 standen durch die neue Gesetzgebung die Kirchgemeinden plötzlich im Zentrum des öffentlichen Interesses, denn ihre Dokumente entschieden nicht nur über berufliches Fortkommen, sondern schon sehr bald über Leben und Tod. Wer „nicht arisch“ war, konnte zunächst bestimmte Berufe nicht ausüben und spätestens nach der Verschärfung der Gesetzgebung 1935 bestand akute Deportations- und damit Todesgefahr, ab 1942 ohnehin.

Wer also in einem Büro einer Kirchgemeinde mit diesen Fragen beschäftigt war, war direkt beteiligt an der Rassenpolitik der Nazis, ob er oder sie nun selber Mitglied der NSDAP war oder nicht. Selbst Menschen, die „in nichts drin gewesen“ waren wurden so zu Mit-Tätern.

Das ist die unbequeme Wahrheit.
Ich muss und will nun herausfinden, was wir über diese Gartzer Angelegenheit exakt dokumentieren und wissen können. Die Schwester meines Vaters hat „vier Jahre lang“, wie mir ihre älteste Tochter am Telefon sagte, solche Arier-Nachweise anhand ihrer Recherche in den Gartzer Kirchenbüchern ausgestellt. Und ihr Vater, mein Großvater also, war der Rendant der Kirchgemeinde, ihr Chef also auch in diesen Dingen. Beide waren folglich direkt involviert in die Rassenpolitik der Nazis und dürften sehr direkt mit der Auswanderung, dem Suizid oder der Deportation von Gartzer Juden befasst gewesen sein. All das gilt es nun zu recherchieren.
Meine Hoffnung ist, daß sich im Archiv der Kirchengemeinde noch Protokolle anfinden lassen von den Sitzungen des Gemeindekirchenrates zwischen 1933 und 38.
Aus meinen Recherchen in Prerow a. Darß weiß ich, daß dort die Frau Pastor Pleß höchstselbst mit diesen Fragen befasst war. Ich habe unter anderem diese Sache in einer kleinen Studie über den Darß zwischen 1933 und 1945 dokumentiert.

Nun also betrifft das Thema meine Familie direkt. Und meine Aufgabe besteht nun darin, aufzudecken, was noch aufgedeckt werden kann.
Wir sind es denen schuldig, die unter der Rassenpolitik der Nationalsozialisten zu leiden hatten.

Projekt abgeschlossen. Projekt abgeschlossen? Wenn ein Buch fertig ist

Projekt abgeschlossen. Projekt abgeschlossen? Wenn ein Buch fertig ist

Drei Jahre Arbeit sind nun zu Ende. Die Recherchen über Franz Mueller-Darss, den „Forstmeister“ vom Darss und engen Kumpan von Heinrich Himmler und Hermann Göring, den Kadetten von Plön und Lichterfelde, den dreimal verheirateten festangestellten Mitarbeiter des BND, hinter dem die Staatssicherheit her war – all das ist nun abgeschlossen. Viele Dokumente haben sich finden lassen und lagern nun in meinem Archiv. Ein Teil davon ist im Buch gelandet, das heute am 19. Januar 2022 fertig geworden ist und seinen Weg machen wird.

Keine Ahnung, ob es Reaktionen auf das Buch geben wird, keine Ahnung, was für Reaktionen das sein werden. Wenn ein Buch fertig ist, dann ist es, als wenn ein Kind auszieht und seine eigenen Wege geht. Man ist nun aber mit dem Stoff dauerhaft verbunden. Wer nach „Mueller-Darss“ recherchiert, wird nun auch auf meinen Namen stoßen. Das ist seltsam, beinahe unangenehm, denn Mueller war ein SS-Bonze, mit dem ich eigentlich nichts zu tun haben möchte. Allerdings habe ich dennoch mit ihm zu tun und mit der Generation der Großväter und Großmütter, der er ja angehört hat und die hauptsächlich verantwortlich sind für jene verheerenden 12 Jahre, die mit dem Stichwort „Nationalsozialismus“ nur unzureichend bezeichnet sind.

Diese Verbindung bleibt nun und das entspricht ja im Kern auch mindestens einem Teil der Wahrheit, denn meine Generation, die Generation der jetzt Mitte sechzig Jährigen, bleibt ja verbunden mit der Generation der Großväter und zwar vermittelt durch die Generation der Kriegskinder, zu denen meine Eltern gehörten. Es ist ja alles noch da in den Familien, wenn man auch nicht darüber redet.

Allerdings: je weniger man darüber redet, um so wirksamer sind diese Sachverhalte. Erst, wenn „der Name genannt“ ist; erst, wenn das „Zauberwort ausgesprochen“ wurde – öffnet sich die Tür. Deshalb sind Bücher zur Vergangenheitsklärung nach wie vor wichtig. In diesem Falle ist es eine Art Täter-Biografie geworden. Mueller gehört zu jenen, denen man einen direkten Mord nicht nachweisen kann, wenn auch die Gräben schon ausgehoben waren, in die die russischen Kriegsgefangenen dann fallen sollten nach ihrer Erschießung in Born auf dem Darss. Aber er gehört zu jenen Profiteuren des Nationalsozialismus, denen es egal war, ob es Russen, „Zigeuner“ oder Zeugen Jehovas waren, die ihm dienten. Mueller unterhielt im Forsthaus in Born mit den vier Zeuginnen Jehovas, die ihm dienen mussten, eine Art „privates Häftlingslager“, wie es andere SS-Obere auch hatten. Er war vor allem an einem interessiert: an seinem persönlichen Fortkommen. Dafür hat er all die Verbindungen weidlich ausgenutzt, die sich ihm durch die Gelegenheit boten, hochrangige Persönlichkeiten aus Berlin zur Jagd auf dem Darss einladen zu können. Mueller war am Ende des Krieges der ranghöchste Amtsleiter im SS Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt im Range eines Generalmajors. Das hat er sich noch im Januar 1945 schriftlich geben lassen, man konnte ja nicht wissen, ob das mal für die Rente gut sein würde. Und später beim BND war es genau so: seitenlang geht das in den Akten, wenn er um Pension und Einkünfte feilscht. Diese Karrieristen, die, im Kaiserreich in den Kadettenanstalten Plön und Lichterfelde gedrillt und zu unbedingtem Gehorsam erzogen – diese Karrieristen, denen der „Korpsgeist“ der SS über alles ging – die waren die Träger des menschenverachtendsten politischen Systems, das die Erde bisher gesehen hat. Um all das geht es im nun vorliegenden Buch anhand der eingesehen Aktenbestände aus dem Bundeshauptarchiv (SS-Personalakte), dem Landeshauptarchiv Hamburg (Entnazifizierungsakte); dem Archiv der ehemaligen Staatssicherheit (Außenstelle Rostock) und dem Archiv des Bundesnachrichtendienstes. Was ich finden konnte, habe ich ausgewertet und aufgeschrieben.

Das nun vorliegende Buch soll vor allem eines sein. Eine Erinnerung an die Häftlingsfrauen, die in Born schuften mussten, an die Sinti und Roma-Mädchen, die Zingst, in Wieck und in der INähe von Prerow die Sommerernte einfuhren und im Winter Schilf schneiden mussten und an die über 100 russischen Kriegsgefangenen, von denen wir nicht mal die Namen wissen.

Für sie habe ich dieses schriftliche Denkmal gesetzt. Damit man sie nicht vergisst.

Projekt abgeschlossen. Projekt abgeschlossen? Nein. Mit dieser Geschichte wird man nicht „fertig“ wie mit einer Tasse Kaffee oder einem Stapel Holz, der zu hacken ist. Diese Geschichte geht weiter. Sie geht weiter mit der Generation der Kriegskinder. Meine Eltern gehörten dieser Generation an.

Bitte mehr davon!

Bitte mehr davon!

Sofort nimmt mich die Atmosphäre gefangen. Hier geht es beinahe noch privat zu. Freunde der Musiker sind gekommen, man hat sich Advents-Plätzchen gebacken, man duzt sich, man kennt sich offensichtlich. Eine angenehme Atmosphäre schon gleich zu Beginn. Hier kommt man sich nicht fremd vor, hier ist man willkommen.
Mitten in Berlin-Karlshorst, 5 Gehminuten vom S-Bahnhof entfernt, findet sich in der Dönhoffstraße 39 im ersten Stock eines denkmalgeschützten Gebäudes ein Kammermusiksaal.

Man steigt die Treppe hoch, am Eingang gleich die kleine Kasse, privat gehts zu: „Papa, wie ist es mit Studentenrabatt?“ ruft eine junge Frau in den Saal, in dem noch geräumt wird.
Papa – das ist Thomas Hoppe und Thomas Hoppe ist nicht irgendwer.

Endlich hat er gefunden, wonach er gesucht hatte: einen schönen Saal für Kammermusik. 90 Plätze, gute Akustik, sogar ein kleiner Nebenraum ist vorhanden, da stehen Getränke bereit.
Ein Gewinn nicht nur für Karlshorst, ein Gewinn für ganz Lichtenberg, denn solche Musik bekommt man in Berlin sonst eigentlich nur in Mitte: im Kammermusiksaal bei den Philharmonikern; am Gendarmenmarkt.

Der Kammersaal in der Dönhoffstraße 39 in Berlin-Karlshorst

Das, was da aber gestern am Vorabend des 4. Advent zu hören war, war erstklassig. Beethoven, Avner Dorman, Gieseking. Nebst Zugabe. Bitte mehr davon!

Piano Nobile Kammersaal. Sollte man sich merken.

Die frische Art zu musizieren gefällt ganz unmittelbar. Ich kann sehen, wie sie zusammenspielen – man ist im Blickkontakt, freut sich, wenn dem anderen eine schwierige Stelle gelungen ist, lächelt sich zu beim Spiel. Da sitzen Profis, denen das Musizieren noch wirkliche Freude bereitet. Sowas ist selten geworden.

„Weils so einen Spaß macht“ heißt es denn auch am Schluß vor der Zugabe. Das ist zu spüren, das merkt man unmittelbar. Es geht heiter zu bei diesem Konzert, fröhlich, musikalisch hervorragend. Da ist nichts von der manchmal so steifen Kammermusik-Atmosphäre bei anderen Gelegenheiten. Hier kommen Musiker und Publikum zusammen, weil sie etwas Großes gemeinsam haben: Freude an der Musik.

Thomas Hoppe nutzt den schönen Saal in der Dönhoffstraße nicht nur für Konzerte mit seinem Ensemble 4.1 (ganz großartig auch gestern der „Jerusalem Mix“ von Avner Dorman), sondern gibt dort auch Musikstudenten Gelegenheit zur Probe und zu ersten eigenen Konzerten. Wunderbar.

Wir waren durch einen Tipp einer Freundin drauf gekommen: es gäbe da jetzt in Karlshorst so einen schönen Saal mit excellenter, frischer Kammermusik, da müsse man unbedingt mal hingehen und sich die Sache anhören.

Wir waren da. Und wir sind sehr angetan.
Bitte mehr davon!