Da war diese Mail aus Berlin vom Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Es gäbe doch ein Archiv im Pfarramt in Prerow, ob man dort vielleicht etwas mehr erfahren könne über eine Gruppe von 300 Kindern, die, von Finkenwalde-Stettin kommend, von März – Juni 1945 in Prerow, Zingst, Damgarten, Barth und anderen Orten des Darss auf der Flucht untergebracht waren? Geplant sei, im kommenden Jahr in einer Ausstellung auf diese Kinder-Gruppe einzugehen und von Interesse sei alles, was man über diese Gruppe erfahren könne.
Mich interessiert die Sache, also beginne ich mit der Recherche. Von Anfang an informiere ich mehrere gut informierte Personen hier in Prerow und binde möglichst viele Menschen mit ein, denn eine erste Auskunft lautet: „Von einer solchen Flüchtlings-Kinder-Gruppe höre ich zum ersten Mal“. Es geht also nun auch darum, Lücken in der Ortschronik zu füllen, wenn die Recherche brauchbare Ergebnisse bringt. Seit etwa drei Tagen sind mehrere Menschen hier an der Suche beteiligt, wir stehen im engen Kontakt mit dem Berliner Dokumentationszentrum und inzwischen wissen wir:
Zwischen März und Juni 1945 war eine Gruppe von etwa 300 Kindern, angeführt und begleitet von Diakonissen aus Finkenwalde bei Stettin auf der Flucht auf dem Darss angekommen.
Es gibt einen Bericht der Diakonisse Gertrud Berg (kleines Foto) über diese Flucht von der damaligen Leiterin des Stettiner Flüchtlingsheims aus dem Jahre 1998. Darin heißt es:








Wir haben nun also bereits ein Foto einiger der „Ehemaligen“ Flüchtlingskinder von jenem denkwürdigen Transport aus dem Frühjahr 1945, aufgenommen in Bad Harzburg im Jahr 1991.
Inzwischen war ich im Pfarramtsarchiv und habe dort im Verzeichnis der Beerdigungen nachgesehen, ob sich dort Spuren jener Flüchtlingsgruppe finden lassen. Ich fand bislang 24 Kinder im Alter zwischen wenigen Monaten und etwa 10 Jahren, die zwischen März und Juni 1945 auf dem Prerower Friedhof bestattet wurden. Es finden sich in diesen Aufzeichnungen auch exakte Hinweise auf die Kinder-Einrichtung „Kinderheil“ in Finkenwalde bei Stettin. Auch aus einer zweiten Einrichtung des großen Diakonissenhauses in Stettin, aus Warsow/Stettin kamen Kinder. Günter Altmann zum Beispiel. Von dem ist im Sterbebuch vermerkt: „Kind aus Haus Steglitz in Prerow, Flüchtling aus Warsow/Stettin. Geboren am 24. 5. 1943, gestorben am 28. April 1945, beerdigt am 1. Mai 1945. 1 Jahr 11 Monate“.
Oder ich lese im Bestattungsbuch: „Ein unbekanntes Flüchtlingskind aus Königsberg. War im Kinderheim Stettin-Warsow. Alter unbekannt. Gestorben 12. Mai 1945, beerdigt 15. Mai 1945. Feier in der Halle und am Grab“
Auch finde ich Margrit Cornell. „Kind aus Stettin-Warsow. Geboren am 11.10.1943, gestorben am 12. Mai 1945, beerdigt am 15. Mai 1945 im Alter von 1 Jahr 7 Monaten. Feier in der Halle und am Grabe“.
Horst Meyendank kommt direkt aus dem Haus „Kinderheil-Finkenwalde“. Von ihm lese ich: „Geboren 6.6.1935, gestorben 23. Mai 1945, beerdigt 26. Mai 1945. Feier am Grabe. Fast 10.“
Insgesamt sind 24 Kinder für jenen Zeitraum dokumentiert. Nicht alle werden zur gesuchten Flüchtlingsgruppe gehört haben. Prerow und Zingst waren in jenen Wochen überfüllt mit Flüchtlingen, die Not war gewaltig, wie Pastor Dr. Wilhelm Pleß in seinen Erinnerungen notiert hat. Typhus grassierte. Tote wurden am Bahnhof gestapelt, weil man sie nicht alle zugleich bestatten konnte. An manchen Tagen hielt Pastor Pleß vier Beerdigungen. Er berichtete in seinen Erinnerungen von einem „Schausarg“, der nur von der Kirche bis zum Grab Verwendung fand, dann aber wieder benutzt werden musste, weil nicht genügend Särge zur Verfügung standen. In diesen entsetzlichen Tagen suchten die Kinder Unterschlupf. Nicht wenige starben. Ein paar wenige Spuren finden sich noch. Von manchem Kind wissen wir nicht einmal den Namen.
Noch einen wichtigen Fund mache ich.
Im oben eingefügten Bericht eines der ehemaligen Flüchtlingskinder findet sich der Hinweis auf eine Ärztin der Kinder, die in jener Zeit „ermordet“ worden sei. Und tatsächlich findet sich auf dem Friedhof in Prerow das Grab von Frau Dr. Eva Scheel, die am 19. Juni auf dem Weg über den Deich von Prerow nach Zingst „vergewaltigt und ermordet“ worden sein soll, wie man hier im Ort weiß. Das Grab ist von der Gemeinde renoviert und sehr gut hergerichtet worden, so daß man ihrer würdig gedenken kann. Es dürfte sich dabei exakt um jene Ärztin handeln, die im Juni 1945 umkam, und vom der im Bericht des ehemaligen Flüchtlingskindes die Rede ist.

Wir sind erst ganz am Anfang der Recherche. Aber wir wissen inzwischen doch schon Einiges. Wir wissen aus dem Beerdigungsbuch auch, daß es in Prerow mindestens drei Einrichtungen gab, in denen Flüchtlingskinder untergebracht waren: „Haus Asmus“, „Haus Steglitz“ und „Heim Regina“ (im Dokument auch „Haus Regina“).
Inzwischen sind auch etliche ältere Prerower in die weiteren Recherchen mit einbezogen, vielleicht finden sich ja noch weitere Hinweise.
Was die Unterbringung einiger Kinder in Zingst anbelangt, könnte es sich evtl. um den „Zingsthof“ gehandelt haben, der der Diakonie gehört, doch diese Vermutung muss noch überprüft werden.
Die Geschichte ist überaus spannend, und so mancher Prerower wird daran interessiert sein. Ich bin jetzt schon allen, die sich an der Suche nach weiteren Details beteiligen, überaus dankbar. Wenn die Geschichte sich weiter konkretisiert, werde ich berichten.













