Ohne Johannes R. Becher stünde die Schifferkirche in Ahrenshoop wohl nicht.
Wie aber kam der spätere Kulturminister Walter Ulbrichts, der Präsident des Kulturbundes der DDR, Johannes R. Becher (22.5.1891 – 11.10.1958) dazu, mitten im Kalten Krieg, der ja auch ein Kampf der atheistischen Regierung der DDR gegen die Kirche war, in den Jahren 1949-1951 (Einweihung der Kirche 1951) den Neubau einer Kirche im nördlichen Grenzgebiet der DDR zu unterstützen?
Ich nehme die Spur bei Hardt-Walther Hämer auf, dem Architekten der kleinen Kirche. Der schreibt in seinem „Bautagebuch“ mit Datum 15.11.1950 (nach einer Reihe sehr komplizierter Bauverzögerungen): „AN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN, Institut für Bauwesen, Abteilung Siedlungswesen in Berlin geschrieben und gleich mit Plänen und Modellfotos hingegangen. Wollte zu Direktor Scharoun. Auf dem Wege dahin, im großen Dachboden, kommt Hermann Henselmann auf mich zu und fragt mich aus, guckt auf die Fotos und winkt mich in sein Büro (an den Wänden hängen und auf den Tischen liegen die Pläne zur Stalinallee in neuer Fassung). Anruf bei Johannes R. Becher, dem Vorsitzenden des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands. Henselmann befürwortet den Kirchenbau – das passt genau nach Ahrenshoop – und zu mir, ich soll die Kirche bauen, aber dann gäbe es Wichtiges in Berlin zu tun.“
Am 21. 11. 1950 notiert Hämer: „Schreiben Kulturbund Berlin … „Wir wären Ihnen jedenfalls sehr dankbar, wenn Sie uns zu gegebener Zeit davon verständigen würden, wenn der Kapellenbau abgeschlossen ist“.
Wir wissen nun: Hermann Henselmann (3.2.1905 – 19.1.1995), späterer Chefarchitekt bei Walter Ulbricht (Fernsehturm, Stalin-Allee, Uniturm Jena etc. ), der den Architekten Hämer Senior vom Bauhaus her kannte, hat sich bei Becher für Hämer jun. eingesetzt. Offenbar mit Erfolg.
Wie aber wird erklärlich, daß Becher die Sache unterstützte in einer Zeit, in der alles andere wahrscheinlicher war als ein Kirchenneubau?
Ich habe mich deshalb an Jens Dwars gewandt. Der Jenenser hat zwei Becher-Biografien geschrieben. Es gibt auch einen Dokumentarfilm von ihm über J.R. Becher. Ich wollte zwei Fragen klären:
- hat er schriftliches Material über die Affäre Bechers mit Doris Oberländer-Seeberg, der Innenarchitektin der Kirche?
- was weiß Dwars über die Religiosität von J.R. Becher?
Herr Dwars schrieb zu meiner ersten Frage: „Die Liebesaffären oder Amouren Bechers waren so zahlreich, daß ich nur wenigen nachging, die Spuren im Werk hinterlassen haben. …. Es wäre ja ein leichtes, Becher als Lustmolch zu entlarven, zumal noch als stalinistischen … Die wohlfeile Moralkeule zu schwingen und dabei die Sensationsgier der Leute anzustacheln. Mit diesem Rezept hätten meine beiden Becher-Biografien die Chance gehabt, Bestseller für eine Saison zu sein. Mir war aber bei meiner Langfassung der Gang durch die Epoche wichtiger. … Das nur zur Erklärung, warum ich den „Frauengeschichten“ im einzelnen nicht nachging. … Einen Briefwechsel zwischen Becher und Doris Oberländer-Seeberg kenne ich nicht. …. Allerdings hat JRG solche Briefe kaum aufbewahrt, und wenn, so dürfte seine Witwe sie eher vernichtet haben.“
Allerdings hat Becher wegen dieser Geschichte „sein“ Ahrenshoop, das er unter Denkmalschutz stellen ließ und zu einer „Künstlerkolonie ausbauen“ wollte, „fluchtartig“ verlassen, wohl auch auf Druck der Partei, worauf Prof. Markschies in einem Facebook-Beitrag über Ahrenshoop und seinen alten Friedhof hingewiesen hat.
Dwars schrieb mir zur Fertigstellung der Kirche 1951: „Leider kam JRB wohl nicht mehr in die Versuchung dies alles in toto wahrzunehmen. Der Kalte Krieg und dessen Spiegelung in den innerparteilichen Kämpfen nahmen ihn gefangen. Auch deshalb muß er Ahrenshoop aufgeben, zieht er sich nach Bad Saarow zurück, in einen Bungalow am See, der von Berlin aus schneller zu erreichen ist. Dorthin nimmt er John mit, seinen Sohn, der 1938 aus Brünn mit Bechers zweiter Frau nach England geflohen ist. …. Was Vater und Sohn miteinander im Saarower Abseits besprachen, ist so wenig überliefert wie die Ahrenshooper und andere vertraute Gespräche.“
Und was ist mit Bechers Religiosität?
Dazu schrieb mir Herr Dwars:
„Becher war religiös im ursprünglichsten und problematischsten Sinne: auf der Suche nach Glauben, süchtig nach Glauben …. pathetisch: die Seins-Verlorenheit des vereinzelten Einzelnen, der nach etwas „Höherem“ verlangt, wofür er sich aufopfern, was ihm Sinn verleihen kann. Sein Lieblingszitat aus Hölderlins „Diotima“: „….gäb es eine Fahne, Götter! …, ein Thermopylae, wo ich mit Ehren sie verbluten könnte, all die einsame Liebe, die mir nimmer brauchbar ist!“ Nach einer solchen „Fahne“ sucht er, mit einem halb verdauten Nietzsche im Magen, sein Leben lang. Mit 19 begeht er mit einer Frau, die aus dem Leben gehen will, einen Doppelselbstmordversuch, den er nach vierstündiger OP mit Glück überlebt. 1916 tritt er der USPD bei, 1919 der KPD, schreibt Gedichte unter dem Titel „Zion“ …. Er will Sprecher, Sänger eines Allverbindenden sein. So schreibt er 1919 auf Hiddensee mit expressionistischer Inbrunst das Festspiel „Arbeiter Bauern Soldaten. Der Aufbruch eines Volks zu Gott“, 1920 erscheinen seine Hymnen „Um Gott“ ….
Auch die DDR-Staatshymne kündet von dieser Religiosität: „Auferstanden aus Ruinen….“ das meint mehr als bloßen Wiederaufbau. Wie er selbst als Dichter aus seinem Selbstmordversuch wiederauferstehen wollte, so sollte Deutschland wie Phönix aus seiner Selbstverbrennung auferstehen … Ein „deutsches“ Denk-Motiv, das sich auch bei Kleist findet, dessen Selbstmord er nachahmt und den Becher in seiner Debüt-Hymne beschwört: die Gegensätze sollen ineinander umschlagen, durch die Hölle führt der Weg ins Paradies – heißt es in Kleists Marionetten-Aufsatz. Und genau diese Spekulation kehrt in Thomas Manns „Doktor Faustus“ wieder. Mann wiederum sah dies bedenklich Religiöse an Becher, über den er zum 60. Geburtstag schrieb: „Als sein Wesen empfand ich eine Selbstlosigkeit, rein wie die Flamme, und verzehrend wie sie; eine bis zum Leiden inbrünstige Dienstwilligkeit, die sein Dichten und Schreiben ganz und gar durchdringt, ein Gemeinschaftsethos das ihn seelisch zum Kommunisten prädisponiert….“
Daher auch Bechers Gründung eines Kulturbundes – was die Sowjetoffiziere mit Skepsis sahen, denn es erinnerte sie an den jüdischen Bund, Bund heiße im Russischen „Zusammenrottung“ … Und natürlich klingt der Bund Jahwes dabei mit, einer der engsten Freunde des Expressionisten JRB war Ludwig Meidner, mit dem er nächtelang über diesen Bund des „auserwählten Volkes“ mit Gott sprach …. Das expressiv Feuerige, nahe am Fanatischen, hatte der Politiker JRB nach 45 abgelegt, Stalin und Hitler hatten es ihm ausgetrieben, aber es schwang noch mit in seinem durchaus klugen und ernst gemeinten Bemühen, ein breites Bündnis für den Aufbau eines anderen Deutschlands zu ermöglichen. Grundmotiv all seiner Kulturbund-Reden von 1945 bis 1948 war die „Freiheit des Andersdenkenden“, genau im Sinne Rosa Luxemburgs gegen Lenin. Weshalb er 1946 aus dem Parteivorstand der SED ausgeschlossen wurde, weil er bei den Berlin-Wahlen für die SPD sprach ….“
Soweit aus dem Antwortschreiben von Jens Dwars auf meine Frage, was er über die Religiosität J.R. Bechers zu sagen wisse.
Nun lichtet sich der Nebel etwas und wir können klarer sehen, weshalb der Präsident des Kulturbundes der sich als atheistisch verstehenden DDR in „seinem Ahrenshoop“, in dem er den ersten und letzten gesamtdeutschen Schriftstellerkongreß vorbereitet hatte, mitten im Kalten Krieg, aber eben ganz im Sinne des „Kultur-Bundes“ aller Wohlmeinenden, also unter Herbeiziehung auch der „Kirchenleute“, sicher auch verstärkt durch die persönliche Beziehung zur Pfarrerstochter Doris Oberländer-Seeberg, die später die Inneneinrichtung der Kirche übernahm, den Bau des kleinen Kirchleins unterstützte. Das zunächst Überraschende wird nun verstehbar.
Ohne Johannes R. Becher jedenfalls, den Kulturminister Ulbrichts und Präsidenten des Kulturbundes der DDR, stünde die kleine Kirche in Ahrenshoop nicht.














