Projekt abgeschlossen. Projekt abgeschlossen? Wenn ein Buch fertig ist

Projekt abgeschlossen. Projekt abgeschlossen? Wenn ein Buch fertig ist

Drei Jahre Arbeit sind nun zu Ende. Die Recherchen über Franz Mueller-Darss, den „Forstmeister“ vom Darss und engen Kumpan von Heinrich Himmler und Hermann Göring, den Kadetten von Plön und Lichterfelde, den dreimal verheirateten festangestellten Mitarbeiter des BND, hinter dem die Staatssicherheit her war – all das ist nun abgeschlossen. Viele Dokumente haben sich finden lassen und lagern nun in meinem Archiv. Ein Teil davon ist im Buch gelandet, das heute am 19. Januar 2022 fertig geworden ist und seinen Weg machen wird.

Keine Ahnung, ob es Reaktionen auf das Buch geben wird, keine Ahnung, was für Reaktionen das sein werden. Wenn ein Buch fertig ist, dann ist es, als wenn ein Kind auszieht und seine eigenen Wege geht. Man ist nun aber mit dem Stoff dauerhaft verbunden. Wer nach „Mueller-Darss“ recherchiert, wird nun auch auf meinen Namen stoßen. Das ist seltsam, beinahe unangenehm, denn Mueller war ein SS-Bonze, mit dem ich eigentlich nichts zu tun haben möchte. Allerdings habe ich dennoch mit ihm zu tun und mit der Generation der Großväter und Großmütter, der er ja angehört hat und die hauptsächlich verantwortlich sind für jene verheerenden 12 Jahre, die mit dem Stichwort „Nationalsozialismus“ nur unzureichend bezeichnet sind.

Diese Verbindung bleibt nun und das entspricht ja im Kern auch mindestens einem Teil der Wahrheit, denn meine Generation, die Generation der jetzt Mitte sechzig Jährigen, bleibt ja verbunden mit der Generation der Großväter und zwar vermittelt durch die Generation der Kriegskinder, zu denen meine Eltern gehörten. Es ist ja alles noch da in den Familien, wenn man auch nicht darüber redet.

Allerdings: je weniger man darüber redet, um so wirksamer sind diese Sachverhalte. Erst, wenn „der Name genannt“ ist; erst, wenn das „Zauberwort ausgesprochen“ wurde – öffnet sich die Tür. Deshalb sind Bücher zur Vergangenheitsklärung nach wie vor wichtig. In diesem Falle ist es eine Art Täter-Biografie geworden. Mueller gehört zu jenen, denen man einen direkten Mord nicht nachweisen kann, wenn auch die Gräben schon ausgehoben waren, in die die russischen Kriegsgefangenen dann fallen sollten nach ihrer Erschießung in Born auf dem Darss. Aber er gehört zu jenen Profiteuren des Nationalsozialismus, denen es egal war, ob es Russen, „Zigeuner“ oder Zeugen Jehovas waren, die ihm dienten. Mueller unterhielt im Forsthaus in Born mit den vier Zeuginnen Jehovas, die ihm dienen mussten, eine Art „privates Häftlingslager“, wie es andere SS-Obere auch hatten. Er war vor allem an einem interessiert: an seinem persönlichen Fortkommen. Dafür hat er all die Verbindungen weidlich ausgenutzt, die sich ihm durch die Gelegenheit boten, hochrangige Persönlichkeiten aus Berlin zur Jagd auf dem Darss einladen zu können. Mueller war am Ende des Krieges der ranghöchste Amtsleiter im SS Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt im Range eines Generalmajors. Das hat er sich noch im Januar 1945 schriftlich geben lassen, man konnte ja nicht wissen, ob das mal für die Rente gut sein würde. Und später beim BND war es genau so: seitenlang geht das in den Akten, wenn er um Pension und Einkünfte feilscht. Diese Karrieristen, die, im Kaiserreich in den Kadettenanstalten Plön und Lichterfelde gedrillt und zu unbedingtem Gehorsam erzogen – diese Karrieristen, denen der „Korpsgeist“ der SS über alles ging – die waren die Träger des menschenverachtendsten politischen Systems, das die Erde bisher gesehen hat. Um all das geht es im nun vorliegenden Buch anhand der eingesehen Aktenbestände aus dem Bundeshauptarchiv (SS-Personalakte), dem Landeshauptarchiv Hamburg (Entnazifizierungsakte); dem Archiv der ehemaligen Staatssicherheit (Außenstelle Rostock) und dem Archiv des Bundesnachrichtendienstes. Was ich finden konnte, habe ich ausgewertet und aufgeschrieben.

Das nun vorliegende Buch soll vor allem eines sein. Eine Erinnerung an die Häftlingsfrauen, die in Born schuften mussten, an die Sinti und Roma-Mädchen, die Zingst, in Wieck und in der INähe von Prerow die Sommerernte einfuhren und im Winter Schilf schneiden mussten und an die über 100 russischen Kriegsgefangenen, von denen wir nicht mal die Namen wissen.

Für sie habe ich dieses schriftliche Denkmal gesetzt. Damit man sie nicht vergisst.

Projekt abgeschlossen. Projekt abgeschlossen? Nein. Mit dieser Geschichte wird man nicht „fertig“ wie mit einer Tasse Kaffee oder einem Stapel Holz, der zu hacken ist. Diese Geschichte geht weiter. Sie geht weiter mit der Generation der Kriegskinder. Meine Eltern gehörten dieser Generation an.

Bitte mehr davon!

Bitte mehr davon!

Sofort nimmt mich die Atmosphäre gefangen. Hier geht es beinahe noch privat zu. Freunde der Musiker sind gekommen, man hat sich Advents-Plätzchen gebacken, man duzt sich, man kennt sich offensichtlich. Eine angenehme Atmosphäre schon gleich zu Beginn. Hier kommt man sich nicht fremd vor, hier ist man willkommen.
Mitten in Berlin-Karlshorst, 5 Gehminuten vom S-Bahnhof entfernt, findet sich in der Dönhoffstraße 39 im ersten Stock eines denkmalgeschützten Gebäudes ein Kammermusiksaal.

Man steigt die Treppe hoch, am Eingang gleich die kleine Kasse, privat gehts zu: „Papa, wie ist es mit Studentenrabatt?“ ruft eine junge Frau in den Saal, in dem noch geräumt wird.
Papa – das ist Thomas Hoppe und Thomas Hoppe ist nicht irgendwer.

Endlich hat er gefunden, wonach er gesucht hatte: einen schönen Saal für Kammermusik. 90 Plätze, gute Akustik, sogar ein kleiner Nebenraum ist vorhanden, da stehen Getränke bereit.
Ein Gewinn nicht nur für Karlshorst, ein Gewinn für ganz Lichtenberg, denn solche Musik bekommt man in Berlin sonst eigentlich nur in Mitte: im Kammermusiksaal bei den Philharmonikern; am Gendarmenmarkt.

Der Kammersaal in der Dönhoffstraße 39 in Berlin-Karlshorst

Das, was da aber gestern am Vorabend des 4. Advent zu hören war, war erstklassig. Beethoven, Avner Dorman, Gieseking. Nebst Zugabe. Bitte mehr davon!

Piano Nobile Kammersaal. Sollte man sich merken.

Die frische Art zu musizieren gefällt ganz unmittelbar. Ich kann sehen, wie sie zusammenspielen – man ist im Blickkontakt, freut sich, wenn dem anderen eine schwierige Stelle gelungen ist, lächelt sich zu beim Spiel. Da sitzen Profis, denen das Musizieren noch wirkliche Freude bereitet. Sowas ist selten geworden.

„Weils so einen Spaß macht“ heißt es denn auch am Schluß vor der Zugabe. Das ist zu spüren, das merkt man unmittelbar. Es geht heiter zu bei diesem Konzert, fröhlich, musikalisch hervorragend. Da ist nichts von der manchmal so steifen Kammermusik-Atmosphäre bei anderen Gelegenheiten. Hier kommen Musiker und Publikum zusammen, weil sie etwas Großes gemeinsam haben: Freude an der Musik.

Thomas Hoppe nutzt den schönen Saal in der Dönhoffstraße nicht nur für Konzerte mit seinem Ensemble 4.1 (ganz großartig auch gestern der „Jerusalem Mix“ von Avner Dorman), sondern gibt dort auch Musikstudenten Gelegenheit zur Probe und zu ersten eigenen Konzerten. Wunderbar.

Wir waren durch einen Tipp einer Freundin drauf gekommen: es gäbe da jetzt in Karlshorst so einen schönen Saal mit excellenter, frischer Kammermusik, da müsse man unbedingt mal hingehen und sich die Sache anhören.

Wir waren da. Und wir sind sehr angetan.
Bitte mehr davon!

Franz Mueller-Darss und die Hunde-Lehr- und Versuchsabteilung der Waffen-SS im KZ Sachsenhausen bei Oranienburg

Franz Mueller-Darss und die Hunde-Lehr- und Versuchsabteilung der Waffen-SS im KZ Sachsenhausen bei Oranienburg

Dieser Besuch war überfällig: Mein Besuch im ehemaligen KZ Sachsenhausen, der „Zentrale des Terrors“, war lange geplant, aber wegen Corona-Hindernissen immer wieder verschoben worden. Heute nun war ich endlich dort, im Lesesaal hatte man mir freundlicherweise Häftlingsberichte bereitgelegt. Bei der Gelegenheit ein herzlicher Dank an Frau Liebscher in der Bibliothek für ihre Mühen.

In Sachsenhausen befand sich ab 1938 die „Inspektion“ aller Konzentrationslager. Hier war die Zentrale der „Totenkopf-Verbände“; im „T-Gebäude“ wurde angeordnet und befohlen, was in den Konzentrationslagern im gesamten Nazi-Reich vor sich ging. Von hier aus wurde das gesamte System der Konzentrationslager gesteuert. Franz Mueller-Darss gehörte zu diesem System. Ihm oblag als Mitglied im „Persönlichen Stab Reichsführer SS“ ab 1942 als „Beauftragter des Reichsführers SS für das Diensthundewesen“ die Ausbildung aller Hunde für KZs, Polizei und Wehrmacht. Heinrich Himmler hatte das in einem Grundsatzbefehl vom 15. Mai 1942 angeordnet und seinen Spezialfreund Franz Mueller aus Born auf dem Darss, bei dem er gern zur Jagd „weilte“, wie das Diensttagebuch Himmlers verrät, zu seinem „Beauftragten“ ernannt. Die SS-Personalakte von Mueller, der sich ab 1944 „Mueller-Darss“ nannte, gibt davon Auskunft, man findet sie im Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde.

Im Amt I der „KZ-Inspektion“ ließ der Chef des Wirtschafts- und Verwaltungs-Hauptamtes der SS, Pohl, eine 6. Hauptabteilung mit der Bezeichnung „Schutz- und Suchhunde“ einrichten, die sich in die Abteilungen
a) Beschaffung von Hunden, Hundekartei
b) Ausbildung der Hundeführer, Hundeführerkartei
c) Ausbildung von Schutz- und Wachhunden,
d) Hundezucht
e) Veterinärangelegenheiten gliederte. Die Leitung der Hauptabteilung übernahm nebenamtlich der „Beauftragte für das Diensthundewesen, Standartenführer Mueller“

Mueller erweiterte diese Hauptabteilung zu einer zentralen Einrichtung der Waffen-SS. Ab Juli 1942 trug sie die Bezeichnung „Lehr- und Versuchs-Abteilung für das Diensthundewesen der Waffen-SS“ (LVA). Die Sicherheitspolizei hatte eine eigene Diensthundeschule in Rahnsdorf bei Berlin, die Ordnungspolizei eine Einrichtung in Grünheide. Für alle Ausbildungsstätten war Mueller-Darss verantwortlich.

In Sachsenhausen wurde deshalb neu gebaut: im Waldgebiet beim Klinkerwerk am Kanal, im Bereich des „Waldlagers“ wurden 1942 17 Baracken errichtet, weitere im Jahr 1943. Hundezwinger für insgesamt ca. 200 Hunde, sowie ein Geschäftsgebäude für die Leitung und eine Lehr- und fünf Unterkunftsbaracken für die Hundeführer. Der Bauplan für diese Hundezwingeranlage ist im Archiv der Stadt Oranienburg erhalten:

Die Hunde wurden zu Fährtenhunden (es galt, geflohene Häftlinge zu finden); Schutzhunden (es galt, SS-Männer vor Übergriffen zu „schützen“) und Wachhunden (es galt, Häftlinge zu „bewachen“) ausgebildet. Die Berichte von Übergriffen der SS-Wachmänner mit ihren Hunden auf Häftlinge sind zahlreich. Hunde wurden auf Menschen gehetzt, um sie zu verletzen und zu töten. Die Hoffnung der SS, man könne durch Hunde Wachpersonal in den KZs einsparen, hat sich nicht erfüllt. Am Ende des Krieges, so wird Mueller-Darss später in seinem Machwerk „Verklungen Horn und Geläut“ behaupten, habe er ca. 50.000 Hunde ausbilden lassen.

Für die „Versuchsanstalt“ der Waffen-SS in Oranienburg wurden 1944 auch 300 Schlittenwagen für den „Beauftragten für das Diensthundwesen“ im DAW-Werk Sachsenhausen angefertigt, der experimentierte mit den leichten, aus Verbundstoffen gefertigten Schlitten hoch oben im Darßer Wald. Im Dienstkalender Heinrich Himmlers sind Gespräche mit Mueller-Darss vermerkt, in denen es um diese leichten Schlitten ging. Diese Schlitten samt Hunden wollte er der Wehrmacht zur Verfügung stellen, die mangels Treibstoff „im Osten“ nicht mehr voran kam. Mueller hatte schon im Ersten Weltkrieg mit Hunden experimentiert. Die SS dressierte Hunde auch als „lebende Waffen“, beladen mit Sprengstoff gegen Panzer, MG-Nester und andere Ziele. Diese Versuche scheiterten jedoch ebenfalls, weil die Hunde unter deutschen Panzern trainiert waren und deren Geruch folgten …..

In Häftlingsberichten aus allen Konzentrationslagern im „Reich“ kommen Muellers Hunde vor: sie verbellen nicht nur; sie patrouillieren nicht nur; sie „bewachen“ nicht nur – sondern sie werden eingesetzt, um Menschen anzugreifen, sie fürchterlich zuzurichten und gar zu töten. Forstmeister Mueller aus Born a. Darss war für ihre Ausbildung verantwortlich. Er hat den „Hundeführern“ beibringen lassen, wie man Hunde auf Menschen abrichtet. Zur Verantwortung gezogen wurde er dafür nie.

Dr. Hans Beu, Kindersanatorium Prerow, ein Humanist und Stiller Helfer.

Dr. Hans Beu, Kindersanatorium Prerow, ein Humanist und Stiller Helfer.

Wenn man, vom Kirchenort kommend, die Strandstraße entlang durch Prerow geht, sieht man auf der linken Seite schon bald eine jener interessanten gelben Tafeln, auf denen auf besondere Gebäude oder Personen im Ort hingewiesen wird. Man kann lesen, daß in der heutigen „Villa Seestern“ der „Badearzt Dr. Hans Beu“ ein Jugendsanatorium „Ostsee-Hospiz“ eingerichtet hatte.

Heute sieht der „Seestern“ so aus und beherbergt einige Ferienwohnungen.

Ich will mehr wissen und verabrede mich mit Frau Antje Hückstädt, der Leiterin des Darss-Museums in Prerow. „Wir wissen nicht sehr viel von Dr. Beu“, sagt sie mir und zeigt mir aber immerhin Anzeigen für das Kinder- und Jugendsanatorium in einem Fremdenführer.

Anzeige für das Jugendsanatorium Dr. Hans Beu, Prerow, Strandstraße. (Quelle: Darss-Museum Prerow).



„Wir haben aber ein Foto aus der großen Sammlung der Fotografien vom Prerower Ortsfotografen Wiese“ sagt sie, „ich suche es Ihnen bei Gelegenheit heraus. Darauf ist eine große Gruppe Kinder vor dem Sanatorium zu sehen. Die Aufnahme müsste vom Ende der Zwanziger Jahre etwa sein.“ Tatsächlich, wenige Tage später kommt das Bild:

Kinder vom Kindersanatorium Dr. Hans Beu in Prerow. Aufnahme: Alfred Wiese, Prerow; vermutlich Ende der Zwanziger Jahre. Original im Darss-Museum Prerow

Ich beginne zu recherchieren. Die üblichen Quellen: Internet, Pfarramtsarchiv etc. Bisher (stand 30.09.2021) ergibt sich folgendes Bild: Hans Friedrich Simon Julius Beu wurde am 22. Januar 1865 in Ribnitz geboren, am 20. Februar 1865 in der Stadtkirche Ribnitz getauft; studierte in Rostock Medizin; promovierte 1890 in Leipzig; 1890 war er am Stuttgarter Bürgerhospital Assistenzarzt. 1891 war er Praktischer Arzt in Gnoien. Am 8. April 1892 heiratete er in Rostock Anna Maria Welge (1869-1896).
1892 ist Dr. Beu Praktischer Arzt in Dargun. Am 19. September 1896 stirbt seine Frau in Dargun.
1897 ist Dr. Beu Einwohner von Prerow. Etwa im Jahre 1903 heiratet er erneut, eine Kapitänstochter aus der Kapitänsfamilie Schall aus Born. 1904 wird ihm in Prerow eine Tochter Hildegard („Hilding“) geboren.
1905 eröffnet Dr. Beu sein Kindersanatorium in Prerow. Am 7. August 1947 stirbt Dr. Hans Beu in Prerow im Alter von 82 Jahren.

Es gibt interessante Hinweise zu dieser Biografie, denen ich, wenn die Archive „mitspielen“, gern weiter nachgehe:
in den Zwanziger Jahren nimmt Dr. Beu den „Seppl“ in sein Haus auf. Eigentlich heißt das Kind Josef Panski, ist ein Kind jüdischer Eltern aus Lodz. Da seine Mutter früh stirbt und es wohl Konflikte mit der Stiefmutter gibt, wird „Seppl“, wie man das Kind später in Prerow nennen wird, in Prerow bei Dr. Beu belassen. Der pflegt den „Seppl“, weil das Kind offenbar lungenkrank ist und Fürsorge braucht, wie ein eigenes Kind. In der Familie von Bürgermeister Roloff ist „Seppl“ als eine Art Pflegekind bekannt, eine „Tante Marie“ kümmerte sich um das Kind. Die Verbindung zwischen Dr. Beu und dem „Seppl“ hält über lange Jahre: Dr. Beu wird in den Kirchenbüchern bei der Taufe vom Seppl am 15. 12. 1922 notiert; ebenso bei dessen Hochzeit; bei der Taufe von Seppls Tochter – da war der Doktor Beu schon hochbetagt. Er scheint ihn wie ein Adoptivkind angenommen zu haben, jenen jüdischen Jungen aus Lodz.

Auch gibt es Hinweise, daß Dr. Beu einer Frau, die wegen einer starken Sehbehinderung von den Nazis auf „Erbkrankheit“ hin untersucht wurde – es waren jene Jahre, in denen „Erbkranke“ in Deutschland umgebracht wurden – ein lebensnotwendiges Attest ausgestellt hat, daß bei ihr „keine Erbkrankheit“ vorläge. Ich bin Bürgermeister René Roloff für diese Hinweise dankbar.

Dr. Hans Beu scheint einer jener Menschen gewesen zu sein, die man als „stille Helfer“ bezeichnet. Ein aufrechter Humanist, Mediziner aus Überzeugung, der mit seinen Möglichkeiten half, wenn es Not tat. Es gibt Hinweise darauf, daß er sich den Nationalsozialisten nicht angepasst hat. Im „Adreßverzeichnis der deutschen Privatkliniken und Sanatorien“, herausgegeben vom „Leiter des Reichsverbandes Deutscher Privat-Krankenanstalten“ 1937, wird seine Einrichtung „ohne Stern“ geführt. Das bedeutet: Dr. Beus Jugendsanatorium war nicht Mitglied in jener NS-Formation „Reichsverband Deutscher Privat-Krankenanstalten“.

Adreßverzeichnis 1937 der „Deutschen Privat-Krankenanstalten“. Dr. Beus Einrichtung wird „ohne Stern“ geführt, ist also nicht Mitglied im „Reichsverband“. Man findet dieses Adreßverzeichnis im Internet.

Herrn Bürgermeister René Roloff/Prerow verdanke ich ein zweites Bild mit Kindern vor dem Jugendsanatorium, diesmal ist sogar der Doktor selbst zu sehen (oben, letzte Reihe, links).

Dr. Hans Beu im Kreise seiner Pflegekinder im Jugendsanatorium Prerow. Es könnte durchaus sein, daß auf dem Bild (vermutlich auch aus den Zwanziger Jahren) auch der „Seppl“ abgebildet ist. Das Foto stammt aus dem Privatarchiv von Herrn Bürgermeister Rene Roloff in Prerow.

Von „Frau Dr. Beu“, der zweiten Frau des Doktors, habe ich inzwischen herausgefunden, daß sie Gemeindevertreterin in der Evangelischen Kirchgemeinde in Prerow war. Es gibt im Pfarrarchiv ein Dokument über eine entsprechende Sitzung des Kirchgemeinderates vom 27. Mai 1926. Aus den dreißiger Jahren ist mir ihre Mitgliedschaft im Kirchgemeinderat nicht mehr bekannt, da hatten sich die Zeiten geändert, die Mehrheit im Kirchgemeinderat gehörte den „Deutschen Christen“ an, das war nichts mehr für die Familie des Humanisten und Stillen Helfers Dr. Hans Beu.

Beu hat sein Sanatorium vermutlich altersbedingt geschlossen. Als er 1947 starb, war er ja schon 82 Jahre alt. Es heißt allerdings, das Sanatorium des Dr. Beu sei 1953 der „Aktion Rose“ zum Opfer gefallen, jenem kriminellen Ganovenstück der DDR-Regierung, das zur Enteignung zahlreicher Privatpensionen und Hotels an der Ostseeküste führte. Diesem Hinweis gehe ich gerade im Landesarchiv in Greifswald und im Stasi-Unterlagen-Archiv Rostock (jetzt Bundesarchiv) nach. Das Haus sei durch die „Aktion Rose“ damals (wie so viele Privatpensionen und Hotels) an den FDGB der DDR gefallen, habe erst „Haus Bleisch“ und dann „Seestern“ geheißen, so, wie das Haus ja heute noch heißt; diesen Hinweis verdanke ich Frau Antje Hückstädt.

Prerow kann stolz sein auf den Dr. Hans Beu. Es waren nicht viele, die in der wirren Zeit des Nationalsozialismus klaren Kopf behielten. Er gehört in die Reihe jener „stillen Helfer“, deren Geschichte erst noch geschrieben werden muss. Ein Anfang ist gemacht.

Das „Russengrab“ in Born a. Darss. II

Das „Russengrab“ in Born a. Darss. II

In einer versteckten Ecke des Friedhofs in Born auf dem Darss befindet sich das „Russengrab“, wie die Einheimischen in Born sagen. Ich hatte darüber hier im blog schon geschrieben. Mittlerweile hat sich eine Menge getan, das Grab hat wieder eine verstärkte öffentliche Aufmerksamkeit, im vergangenen Jahr hat es eine Kranzniederlegung gegeben. Die Recherchen dazu, wer dort eigentlich begraben liegt, waren aber ins Stocken geraten, weil auch Recherchen in den Kirchenbüchern nicht weiterführten. Es gab keinerlei Hinweise, wer „die Russen“ dort begraben haben könnte. Schließlich wurde ich durch Recherchen in Frankreich auf einen Befehl des Reichsführers SS, Himmler aufmerksam, daß ab einem bestimmten Zeitpunkt „auf der Flucht erschossene“ Häftlinge von anderen Häftlingen zu bestatten seien. Pastoren oder andere waren also absichtlich nicht mehr beteiligt, auch gab es keine Einträge in die Kirchenbücher.

Heute nun kam ein neues Dokument über Dr. Lars Hellwinkel von der Gedenkstätte Lager Sandbostel, der bei seinen Recherchen auf meinen blog und die Recherchen zum Lager in Born aufmerksam geworden war. Er schrieb mir:

Sehr geehrter Herr Kasparick,

ich hatte die anliegende Meldung im Online-Archiv der Arolsen Archives unter dem Suchwort Stralsund in dem Ordner „Informationen über verschiedene Haftstätten, Arbeitslager, Kriegsgefangenenlager und andere Lager “ gefunden, die Dokumentennummer habe ich in Klammern dazugefügt, ich empfehle Ihnen eine Anfrage zu Born an die Arolsen Archives über den folgenden Link:

https://arolsen-archives.org/suchen-erkunden/anfragen/ihre-anfrage/

Hintergrund meiner Recherchen ist unsere Unterstützung der Gedenkstätte Fünfeichen der Stadt Neubrandenburg – ehemals Stalag II A Neubrandenburg – bei der Identifizierung von Gräbern ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener auf dem Gebiet des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern auf der Basis der Einträge in der deutsch-russischen Datenbank www.sowjetische-memoriale.de. Wir haben diese Recherchen in den letzten beiden Jahren zum 75. Jahrestag des Kriegsendes und zum 80. Jahrestag des Angriffs auf die Sowjetunion zu den bekannten Gräbern auf dem Gebiet des ehemaligen Wehrkreis X (Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen und nördliches Niedersachsen) durchgeführt, weil wir einen Überblick über die Verteilung der in den Arbeitskommandos gestorbenen Kriegsgefangenen aus dem zentralen Kriegsgefangenenlager des Wehrkreises X, des Stalag XB Sandbostel, haben wollten.

Die Meldung zu Born war also eher „Beifang“, ich war aber darauf aufmerksam geworden, da ich bereits mehrfach in Born im Walfisch-Haus Urlaub gemacht hatte und nie von diesem Außenlager gehört bzw. gelesen hatte und bin dann bei weiterer Recherche auf Ihren Blog gestoßen.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg für Ihre weitere Arbeit zum Schicksal dieser 5 unbekannten Toten und zu der wichtigen Erinnerung an dieses Außenlager, vielleicht ergibt sich die Möglichkeit der Aufstellung einer Informationstafel am Grab über den Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge in Mecklenburg-Vorpommern, der Volksbund betreut ja im Inland neben den deutschen Soldatengräbern auch die Gräber der ausländischen Kriegsopfer und hat ein eigenes bundesweites Geschichts- und Erinnerungstafelprogramm, die Tafeln werden zusammen mit den Gemeinden und örtlichen Schulen erstellt, für Born würde sich eine Pulttafel anbieten.

Mit besten Grüßen Dr. Lars Hellwinkel

Das Dokument zum Vorgang wird deshalb nun hier eingefügt, damit es auch anderen zur Verfügung steht:

Entnazifizierungsakte 221-11 Z 10370 Staatsarchiv Hamburg. SS-Generalmajor Franz Mueller-Darss

Entnazifizierungsakte 221-11 Z 10370 Staatsarchiv Hamburg. SS-Generalmajor Franz Mueller-Darss

Wie wird ein ranghoher Offizier der Waffen-SS, der beim Reichsführer SS Heinrich Himmler ein uns aus ging, regelmäßig bei ihm zu Tische saß, der für die Ausbildung der KZ-Wachhunde und der Hunde für die Wehrmacht verantwortlich war, nach dem Kriege zum „unbelasteten Bürger“?
Das hat mich interessiert. Im Staatsarchiv Hamburg fand sich im Juni 2021 tatsächlich unter dem Aktenzeichen 221-11 Z 10370 eine Akte über ein „Berufungsverfahren“ des Franz Mueller-Darss.
Franz Mueller-Darss war 1948 in der britischen Besatzungszone im Entnazifizierungsverfahren in die „Kategorie IV“ eingestuft worden, durfte folglich in öffentlichen Betrieben keine Verwendung mehr finden.
1949 jedoch lag die Sache schon anders: sein Berufungsverfahren unter Führung von Dr. jur. Schackow/Bremen hatte „Erfolg“: Mueller galt nun als „unbelastet“, mehr noch, er galt gar als „Gegner des Nationalsozialismus“.
Wir schauen uns die Details an.

Mueller wird, nachdem er ein paar Monate im Gefangenenlager Neumünster zugebracht hat (etwa von August 1945 bis Januar 1946), in einem Entnazifizierungsverfahren in „Kategorie IV“ der „Kontrollratsdirektive 24 vom 12. Januar 1946“ eingestuft.

Anhand der SS-Personalakte Mueller-Darss, die im Bundesarchiv liegt und hier im blog schon ausgewertet wurde, wird deutlich: Mueller-Darss war seit 1933 bis 1945 Mitglied in der NSDAP; seit 1936 Mitglied in der SS; seit 1942 im Persönlichen Stab Reichsführer SS Beauftragter des RFSS „für das Diensthundewesen“ und zuletzt im Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt der SS „Amtsleiter Forsten“. Er hatte den Totenkopfring und einen „Jul-Leuchter“ des Reichsführers SS, ging mit ihm regelmäßig zur Jagd (wie mit anderen SS-Granden auch); hatte im KZ-Außenlager Born (Außenlager von Ravensbrück und Neuengamme) Befehlsgewalt über die KZ-Wachmannschaften; „beschäftigte“ im Borner Forst russische Kriegsgefangene (vier von ihnen liegen in Born auf dem Friedhof) und hielt sich vier Zeuginnen Jehovas als persönliche Häftlingsfrauen im Forsthaus in Born. All das ist aktenkundig und bestens belegt.

Mueller wird 1948 in einem Entnazifizierungsverfahren in der britischen Besatzungszone in Hamburg in „Kategorie IV“ eingestuft, gilt als belastet und gilt als nicht mehr geeignet für eine Beschäftigung in öffentlichen Betrieben.


Mueller sucht sich Anwälte: Dr. jur. Wolfgang Kulenkampff und Dr. jur. A. Schackow aus Bremen. Diese Anwälte konstruieren eine Behauptung: Mueller sei „nicht freiwillig“ in die SS gegangen (die SS-Personalakte zeigt jedoch, daß er sich sogar um eine beschleunigte Aufnahme in die SS bemüht hat!), sondern sei „aus rein dienstlichen Gründen“, wegen seiner „forstlichen Expertise“ „als Verbindungsmann zwischen dem Reichsführer SS (Himmler) und dem Reichsforstmeister (Göring)“ zur „forstlichen Beratung“ von seiner „vorgesetzten Dienstbehörde“ in die SS „abgestellt“ worden. So, als wenn Göring und Himmler eine „Verbindungsperson“ gebraucht hätten.
Diese Behauptung ist schlicht abenteuerlich – aber sie wird Erfolg haben.
Mueller selbst formuliert so:

An dieser hier schriftlich niedergelegten Behauptung stimmt rein gar nichts. Seit 1934 kannte er Göring; er hat ihm mit Hilfe von Professor Otto Firle ein Jagdhaus auf dem Darss gebaut (Firle wird in der Akte als Entlastungszeuge angeführt); mit Görings Hilfe wurde der Darss zum Naturschutzgebiet und zum Staatsjagdgebiet erklärt. Himmler ging ab spätestens 1940 als Jagdgast im Forsthaus Born ein und aus, wie der Dienstkalender Himmlers belegt und Himmler war es auch zu verdanken, daß sein „Spezi“ Mueller-Darss seine Hunde „scharf abrichten“ konnte und vor allem sollte, als die Totenkopfverbände der SS (ehemals die KZ-Wachmannschaften) an der Front gebraucht wurden und Ersatz im Wachdienst der KZs gebraucht wurde. Die Aufgabe der Hunde war es, fliehende Häftlinge „zu zerreißen“ – all das ist umfänglich dokumentiert im Aufsatz von Bertrand Perz „….müssen zu reißenden Bestien erzogen werden“. Der Einsatz von Hunden zur Bewachung in den Konzentrationslagern“, Dachauer Hefte 12, S. 139 ff.
Davon, dass Mueller „als Verbindungsmann“ zwischen Göring und Himmler in die SS gehen „musste“, kann überhaupt gar keine Rede sein. Er wollte beschleunigt in die SS, wurde aufgenommen und machte dank seiner engen Beziehungen sowohl zu Göring als auch zu Himmler eine Blitzkarriere innerhalb der SS.

Deshalb war Mueller nach dem Kriege auch aus guten Gründen zunächst in „Kategorie IV“ eingestuft worden.
Selbst noch in der Berufungsverhandlung am 11. Mai 1949 verlangte der Vertreter des Fachausschusses im Entnazifizierungsverfahren „kostenpflichtige Abweisung der Berufung.“ Aber die Zeiten hatten sich geändert.

Der Berufungsausschuss votiert anders als der Fachausschuss fordert: Mueller wird in die „Kategorie V“ eingestuft, er gilt nun als „unbelastet“. Die dazu gehörende Urkunde liest sich so:

Mueller hat seinen Anwälten die merkwürdigsten „Zeugen“ zu seiner Entlastung beigebracht (die Akte enthält 11 Dokumente).
Zum Beispiel seine langjährige Sekretärin Irmgard Sauer, die allen Ernstes zu Protokoll gab, ihr „Chef“ sei immer und stets „ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus“ gewesen, sie selbst sei zum Dienst beim Reichsführer SS „gezwungen“ worden und ihr „Chef“ habe gar ein „Attentat auf Bormann“ (gemeint ist Martin Bormann, Leiter der Reichskanzlei der NSDAP im Range eines Reichsministers) geplant. Noch abenteuerlicher geht es kaum. Frau Sauers vierseitiger Beitrag wäre eine eigene Untersuchung wert, hier soll nur festgehalten werden, daß sie behauptet, eigenhändig „einen Befehl meines Chefs an die KZ-Wachmannschaften“ in Born geschrieben zu haben, wonach die gehalten seien, die russischen Kriegsgefangenen anständig zu behandeln. In unserem Zusammenhang ist das insofern von Interesse, als damit belegt ist, daß Mueller offensichtlich Befehlsgewalt gegenüber den KZ-Wachmannschaften in Born hatte.
Auch taucht Himmlers Leibarzt Felix Kersten als „Zeuge“ in der Akte auf, der gar behauptet, Mueller habe ihm geholfen „Tausende Juden“ ins Ausland zu schaffen. Sein „Zeugnis“ – beide kannten sich aus dem Persönlichen Stab des Reichsführers SS und von Himmlers Mittagstisch bestens – liest sich wie folgt:

Mueller hat sich für diesen Brief später bei Kersten „bedankt“ und ihm ein ähnliches „Zeugnis“ ausgestellt. Auch hat er gegenüber Herrn Kersten seine Bereitschaft erklärt, „gegebenenfalls auch vor Gericht“ seine Aussage „zu beeiden“. Meineid also. Das war normal in jenen Jahren. Ganoven unter sich: man stellt sich gegenseitig „Persilscheine“ aus. Auf Felix Kersten und seine Behauptung, er habe tausenden Niederländern die Deportation „in den Osten erspart“ – wofür er einen hohen Orden der niederländischen Regierung bekommen hat, obwohl die Sache von vorn bis hinten erfunden war – habe ich hier im blog separat behandelt.

Wie also konnte es kommen, dass Mueller-Darss im Mai 1949 „freigesprochen“ wurde?

Nun, die Briten, das ist mittlerweile umfänglich dokumentiert und untersucht, hatten 1948/49 andere Sorgen, als ehemalige Nazis zu suchen. Ihnen lag vor allem daran, daß ihre Besatzungszone wirtschaftlich wieder „auf die Beine“ kam, denn England hatte, nicht zuletzt als Folge des Krieges, selbst mit massiven wirtschaftlichen Problem zu kämpfen und musste nun auch noch die Bevölkerung im Besatzungsgebiet versorgen. Näheres hat z.B. die Bundeszentrale für Politische Bildung notiert. Der Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess (20. 11. 1945 – 1. Oktober 1946) hatte stattgefunden, auch waren schon etliche der Nachfolgeprozesse geführt. Und es war eine Phase eingetreten, in der in der Öffentlichkeit der Eindruck entstanden war, Mitläufer würden strenger gemaßregelt, als die eigentlichen Täter.
1949 waren die Entnazifizierungsbemühungen der Alliierten „abgeschlossen“. Man hatte ohnehin bereits 1947 die Vorgänge in die Hände der deutschen Länder gegeben. 1949 wurden die beiden deutschen Staaten gegründet. Der Kalte Krieg begann und die Geheimdienste begannen mit ihrer Arbeit: Ost gegen West und West gegen Ost. Da war keine Zeit mehr, „alte Kameraden“ zu suchen. Man glaubte, man sei mit der Sache fertig. Bis 1961. Dann kam der Eichmann-Prozess und das Thema „Vergangenheit“ kochte wieder hoch.

Franz Mueller-Darss jedenfalls arbeitete bereits seit 1948 für die „Organisation Gehlen“, die Vorläuferorganisation des Bundesnachrichtendienstes; da war seine Berufung im Entnazifizierungsverfahren noch gar nicht abgeschlossen.
Aber dazu kommen wir noch ausführlich, wenn ich die Akte, die dazu im Archiv des BND liegt eingesehen habe.

Zeit der Abschiedsreden. Von 379 ppm zu 421 ppm.

Zeit der Abschiedsreden. Von 379 ppm zu 421 ppm.

16 Jahre Angela Merkel neigen sich. Heute (24.6.2021) hat sie im Bundestag ihre vermutlich letzte Regierungserklärung abgegeben (morgen beginnt der Europäische Rat). Gestern hat sie vermutlich zum letzten Mal als Kanzlerin in der Regierungsbefragung Rede und Antwort gestanden.
Angela Merkel ist derzeit die dienstälteste Kanzlerin Europas. Vier Regierungen hat sie geführt; aus ihrer ersten Kanzlerschaft kenne ich sie noch, damals war ich Parlamentarischer Staatssekretär.
Gestern hat sie in der Befragung zu ihrer klimapolitischen Bilanz zu Protokoll gegeben:

„Wenn ich mir die Situation anschaue, kann kein Mensch sagen, wir haben genug getan.“ Dann hat sie noch hinzugefügt: „Die Zeit drängt wahnsinnig. Ich kann die jungen Leute in ihrer Ungeduld verstehen.“

Das ist einerseits sehr ehrlich. Andererseits so etwas wie eine klimapolitische Bankrotterklärung.
2005 hatte die Welt eine CO2-Konzentration von 379,2 ppm CO2
2021 waren es am 8. April katastrophale 421 ppm.
Trotz aller Konferenzen, Papiere, Erklärungen, Expertenanhörungen und Gipfel – der CO2-Wert ist stark gestiegen, Methan und Lachgas sind noch gar nicht eingerechnet.
Daran ist nicht die Kanzlerin schuld, aber sie hat einen nicht geringen Anteil daran, denn sie hat als Chefin der stärksten Volkswirtschaft Europas einen nicht geringen Einfluss darauf, was Europa in Fragen des Klimaschutzes unternimmt.

„Es war zu wenig“ hat sie bilanziert. Das ist ehrlich und diese Ehrlichkeit ehrt sie.
Aber es zeigt uns eben auch sehr ernüchternd, wie wenig Politik – selbst bei gutem Willen – zu leisten in der Lage ist angesichts der tagesaktuellen Katstrophen, Epidemien, Währungskrisen und Wirtschaftskonflikte.
Diese Einsicht nun macht unsere Lage in Klimafragen auch nicht wirklich besser.

Eines wird deutlich, wenn man auf diese Kanzlerschaft zurückblickt: man kann Kanzlerschaften in Gipfeln oder Konferenzen oder Regierungsjahren messen – oder aber in ppm CO2.
Wir müssen Letzteres tun, dann wird schlagartig klar, in welcher schwierigen Lage wir sind.
Klar wird zudem: wir dürfen die Überlebensfrage Klimawandel nicht der Politik allein überlassen.
Zu welchen Ergebnissen man da kommt, können wir ja an den Messwerten in Mauna Loa ablesen: innerhalb von 16 Jahren von 379,1 ppm auf 421 ppm. Mit solchen Messwerten lässt sich schwer diskutieren.

Frau Merkel tritt nun ab.
Neue rücken nach.
Nochmal 16 Jahre klimapolitisches Versagen haben wir nicht.
Beim Weltklimagipfel 2018 in Kattowice hat uns die Wissenschaft ins Stammbuch geschrieben: wir haben noch zehn Jahre, um das Ruder herumzureißen und auf einen Pfad der CO2-Senkung (2050 müssen die Emissionen auf NULL sein) zu kommen.
Davon sind vier Jahre verstrichen, die Emissionen sind gestiegen. Es bleiben noch etwa sechs Jahre, wie das Mercator-Institut in Potsdam auf seiner CO2-Budget-Uhr eindrücklich nachweist, um das 1,5 Grad-Ziel zu erreichen. Die Wahrscheinlichkeit, dass das gelingt, liegt aber nur noch bei deutlich unter 10 Prozent und nimmt täglich weiter ab.

Entweder es gelingt in den kommenden sechs Jahren, also innerhalb der nun bald beginnenden nächsten Legislatur – oder aber die Welt steuert auf Prozesse zu, die weder politisch noch ökonomisch mehr beherrschbar sein werden.

Sinti- und Roma-Mädchen als KZ-Häftlinge in Zingst auf dem Darss

Sinti- und Roma-Mädchen als KZ-Häftlinge in Zingst auf dem Darss

Heute gab es einen neuen Textfund: In E. Grählerts Bändchen „Glaube, Liebe, Hoffnung. Eine Liebeserklärung an Zingst“ fand ich einen Text von Bruno Kaiser (1905-1983), der davon berichtet, wie er als junger Forst-Mitarbeiter (Forstmeister in Born war Franz Mueller-Darss) „Anfang des Zweiten Weltkrieges“ junge Häftlingsfrauen aus dem KZ Ravensbrück in Zingst gesehen und auch mit ihnen zusammengearbeitet hat. Ich habe diesen Text heute dem Archiv des KZ Ravensbrück zur Verfügung gestellt, denn das Material über die vielen Außenlager von Ravensbrück ist nach wie vor dürftig. Ich habe den Text durch Anmerkungen in den Fußnoten kommentiert:

Sie winkten noch ein letztes Mal“

In Born war ein Nebenlager des KZ Ravensbrück[1]

Am Anfang des Zweiten Weltkrieges[2] wurde vom Forstamt Darß[3] in Born ein Nebenlager des Konzentrationslagers Ravensbrück eingerichtet. Auf den Zingst kam ein Trupp Zigeunermädchen[4], die für die Forst arbeiten mußten. So wurden sie auch bei der Schilfwerbung[5] in Pramort, Sundische Wiese und Müggenburg eingesetzt, wo an den Binnengewässern reichlich Schilf vorhanden war. Die Mädchen waren auf dem Osthof einquartiert. Hier hatte ich weiter keinen Einblick, nur daß sie öfter an meinem Hause in Müggenburg vorbeikamen, wenn sie hier am Strom bei der Werbung des Schilfes waren. Wenn ich gerade draußen war, wollten sie immer Tabak von mir haben, den ich ihnen auch gab. Es waren schwarze und auch einige blonde Mädchen darunter. Sie trugen blau-weiß gestreifte Häftlingskleider und Holzklotzen an den Füßen.

Ich war damals Haumeister im Revier Sundische Wiese und mit vier weiteren Waldarbeitern erst einmal „uk“ (unabkömmlich) gestellt. Außer einigen forstlichen Belangen, wie das Auszeichnen, Numerieren, Einteilen der Arbeit usw., war ich sonst zur Mitarbeit in der Kolonne verpflichtet.

Zu Heu- und später zur Getreideernte mußte ich mit den Waldarbeiter-Kollegen zeitlich dort mithelfen.

Eines Tages kam der Traktorfahrer mit dem Anhänger von Born und brachte 15 Zigeunermädchen zur Erntehilfe[6]. Die wurden in der ehemaligen Schule in Sundische Wiese untergebracht[7] und von drei uniformierten Frauen mit je einem Schäferhund[8] und Lederpeitsche bewacht. Zur Arbeitszeit kamen sie mit den Mädchen quer über das Feld zum Westhof. Der damalige Statthalter H. Krawutschke und ich besprachen die vorgesehene Arbeit und teilten danach die Kolonne auf. So wurden z.B. die Kornschläge für die weitere Arbeit mit dem Mähbinder rundherum mit der Sense abgemäht. Jeder Mäher von der Forst hatte dann ein oder zwei Mädchen zum Aufbinden der Garben hinter sich. Beim Aufhocken der Garben hinter dem Mähbinder waren wir dann alle in einer Kolonne. Wenn eingefahren wurde, mußten einige draußen auf dem Hänger laden, die anderen in der Scheune mit abladen.

Die drei Bewacherinnen, die von den Mädchen mit „Frau Aufseher“ angesprochen wurden, streiften immer im Feld- und Hofgelände herum und paßten auf, daß keine ausrückten. Die Hunde waren auf den Arm der Häftlinge dressiert[9]. Sollte sich eine davonmachen, so hielten die Hunde sie am Arm fest[10].
Wir brachten immer ein paar Stullen Brot mehr mit und gaben sie den Mädchen[11]. Auch etwas Tabak zum Zigarettendrehen bekamen sie von uns. Obwohl es streng verboten war, den Mädchen etwas zu geben oder mit ihnen zu erzählen, aber darum kümmerten wir uns nicht. Nach Einbringung der Ernte zog unser kleiner Trupp wieder nach Born.

Kurze Zeit darauf war ich auf dem Bahnhof in Zingst, um Lohngelder in Empfang zu nehmen, die immer ein Bote von der Kasse Stralsund für die Forst und Dünenmeisterei brachte. Der Zug lief, von Prerow kommend[12], gerade ein. Da sah ich mehrere[13] Viehwagen, mit denen die Zigeunermädchen und die Bewachung zurück zum KZ Ravensbrück fuhren. Hinter den etwas geöffneten Türen standen einige, die mit uns zusammengearbeitet hatten. Sie winkten noch ein letztes Mal herüber. Vielleicht sind auch diese jungen Mädchen von den Unmenschen in den Gaskammern umgebracht worden.


[1] Dieser Text erschien „in den siebziger und achtziger Jahren“ in der Ostsee-Zeitung, wie im Vorwort zu lesen ist. Das wiederum bedeutet: in den Dörfern des Darß war man in jenen Jahren darüber informiert, daß es in Born ein KZ-Außenlager gab. Um so erstaunlicher ist es, dass es am „Borner Hof“ und am „Forsthaus“ in Born immer noch keine Gedenktafel für die Häftlinge gibt.

[2] Vgl. dazu Bernhard Strebel. Das KZ Ravensbrück. Geschichte eines Lagerkomplexes, Schöningh 2003, S. 431: „In Born auf Darß an der Ostsee bestanden unabhängig voneinander drei kleine – teilweise nur vorübergehend bestehende- Außenlager des KZ Ravensbrück. Das erste bestand im Winter 1942/43. Die dorthin verbrachten ca. 60 weiblichen Häftlinge wurden zum Schilfschneiden für die Rohrmattenflechterei der Texled in Ravensbrück eingesetzt. Es handelte sich ausschließlich um Sinti und Roma.
Dass das erste Lager „im Winter 1942/43“ bestand, kann nicht stimmen. Denn der vorgelegte Bericht notiert einmal „Schilfschneiden“ (eine typische Winterarbeit), andererseits aber „Erntehilfe“ in der Heu- und in der Getreideernte, also im Sommer und im Spätsommer.

[3] Forstmeister in Born war Franz Mueller-Darss (1890-1976), seit 1936 Mitglied der SS, ab 1942 „Beauftragter für das Diensthundwesen“ im Persönlichen Stab des Reichsführers SS Heinrich Himmler, 1945 im Range eines Generalmajors der Waffen-SS.

[4] Vgl. Strebel, a.a.O. 431: „Es handelte sich ausschließlich um Sinti und Roma“.

[5] Das Schilf wurde nach Ravensbrück transportiert und dort durch die Firma TEXLED von weiblichen KZ-Häftlingen zu Schilfmatten verarbeitet. Gegen die TEXLED gab es nach 1945 einen Prozess.

[6] Der Transport der in gestreifter Häftlingskleidung zur Arbeit gebrachten Mädchen ging ganz öffentlich vor sich. Jedermann konnte diesen „Hänger mit den Mädchen“ sehen. Nicht nur zum Schilfschneiden, auch zur „Erntehilfe“ wurden die Häftlinge eingesetzt.

[7] Die 15 Mädchen waren in Zingst untergebracht, um nicht täglich den Weg von Born nach Zingst/Sundische Wiese mit dem Traktor fahren zu müssen, was einen ziemlichen zeitlichen Aufwand bedeutet hätte. Der größte Teil der „etwa 60“ weiblichen Häftlinge war offenbar in Born untergebracht.

[8] Das entsprach dem vom der SS vorgegebenen „Schlüssel“ für die Bewachung von Außenkommandos: 1 Hund auf etwa fünf Häftlingsfrauen.

[9] In einigen KZs zogen sich die Hunde-Ausbilder deshalb Häftlingskleidung an, um die Hunde auf die gestreifte Kleidung „scharf“ zu machen. Vgl. Perz, a.a.O.

[10] Die Hunde und die Hundeführerinnen wurden im KZ Oranienburg (Sachsenhausen) in der „SS-Hundeschule“ ausgebildet. Verantwortlich war der SS-Mann Franz Mueller-Darss aus Born. Vgl. umfänglich zum Thema „KZ-Wachhunde“ Bertrand Perz „….müssen zu reißenden Bestien erzogen werden“. Der Einsatz von Hunden zur Bewachung in den Konzentrationslagern. In: Dachauer Hefte 12, 1996 S. 139 f.

[11] Der Verfasser dieses Erinnerungsberichtes, Bruno Kaiser, war vor 1933 Mitglied der KPD. Das könnte ein Hinweis auf die Stichhaltigkeit dieses Details sein. Denkbar ist allerdings auch, dass dieses Detail nach 1945 „nachträglich“ hinzugefügt wurde.

[12] Die Bahnlinie wurde nach 1945 als Reparationsleistung demontiert. Gegenwärtig gibt es Pläne, die Bahnlinie wieder zu errichten.

[13] Die Gruppe der weiblichen Häftlinge war also offensichtlich größer als die der beschriebenen 15 Mädchen in Zingst, sonst hätte der Zeitzeuge nicht „mehrere Viehwagen“ gesehen. Die Angabe „etwa 60“ von B. Strebel könnte also zutreffen.

Von der SS zur Staatssicherheit. Die Akte Franz Mueller-Darss.

Von der SS zur Staatssicherheit. Die Akte Franz Mueller-Darss.

Heute war ich nun endlich im Lesesaal des Bundesbeauftragten für die Unterlagen der ehemaligen Staatssicherheit der DDR. Ich wollte wissen, was die Stasi über den SS-General Franz Mueller-Darss wusste. Ich hatte schon vor über einem Jahr einen Antrag gestellt, dann kam die Auskunft, man habe „etwas gefunden“. Dann kam Corona.
Nun also endlich die Akte 3685/63 Band-Nr. 1 BStU Archiv der Außenstelle Rostock. MfS BV Rst AOK 3685/63. Wie man an der Aktenkennung gleich erkennen kann: es handelt sich um Dokumente aus dem Jahre 1963.
„Seit 1960“, so ist eingangs zu erfahren, habe man „Kenntnis von dem Franz Mueller“. Das überrascht mich etwas, denn das deutet ja darauf hin, dass man sich bis 1960 noch gar nicht um ihn und seine ehemaligen SS-Männer gekümmert hatte.
Nun aber habe man die „Information erhalten“, dass es noch Bunker gäbe im dunkeln Darss-Wald. Es gäbe auch „bislang unentdeckte Kontakte“ aus den Orten des Darss zu dem Mueller.
Deshalb sei es „aus Gründen der Sicherung der Staatsgrenze Nord“ angetan, einen OP-Vorgang anzulegen, um herauszufinden, wer denn in Born, Prerow, Zingst, Wieck und Wustrow noch alles im Kontakt stünde mit dem ehemaligen SS-Mann.

Es geht der Stasi also darum, in Born, Prerow, Wustrow und drumherum herumzuhorchen, wer im Kontakt mit Mueller stand, wer seine Revierförster und Helfer im Walde waren und wie man sich die Kommunikation zwischen den „Ehemaligen“ eigentlich vorstellen müsse. Jedenfalls ist in der Akte von „dunklen Gestalten“ die Rede und von „noch unentdeckten Bunkern“ und solchen Sachen. Wir schreiben das Jahr 1963. Die Mauer steht seit zwei Jahren.

Im Ergebnis der Untersuchungen der Stasi, die sich von Februar 1963 – Dezember 1963 hinziehen, kommt so allerlei zu Tage. Man erfährt von Menschen, die ehemals in der SS – nun aber in der SED Mitglied sind. Auch finden sich Menschen, die, ehemals bei der SS nun „GI“ der Staatssicherheit sind, Gesellschaftliche Informanten also. Eine Art „Mitarbeiter“.
Man erfährt, „vertraulich“ sei „bekannt geworden“, dass ein „Hans Becker, Fischer; geb. 1.3.12“ den Franz Mueller-Darss bei seiner Flucht 1945 über den Bodden gebracht haben soll.
Davon hatte ich schon munkeln gehört, als ich in Born mit dem einen oder anderen gesprochen hatte.

Die Stasi ist nicht zimperlich. Sie kontrolliert die Post gleich ganzer Dörfer:
Im Maßnahmeplan vom 21. 1. 1963 ist unter Punkt 5 zu lesen:
5.) „Über die Abteilung -M- ist die Postkontrolle über die Darßer Orte Born, Wieck, Prerow und Zingst einzuleiten. Dadurch soll erreicht werden, eventuell bestehende Verbindungen Darßer Einwohner zu dem Mueller auf postalischem Wege aufzuklären. Termin: 15.2.1963; verantw.: Kasulke, Obfw“.

Der Herr Kasulke von der Stasi jedenfalls hat sich redlich bemüht, das geht aus der Akte eindeutig hervor.
Man findet bei der Lektüre noch etwas Interessantes:
Die Stasi wusste aus ihren Recherchen, dass es in Born ein KZ-Außenlager gab. Sie wusste ausserdem, dass die Bunker im Darsser Wald von KZ-Häftlingen ausgehoben worden sein sollen.
Die Akte gibt aber keinerlei Hinweise darauf, dass die Stasi diesen Hinweisen einmal nachgegangen wäre und die Täter zur Verantwortung gezogen hätte. Der „antifaschistische Staat“ hat da offenbar weggesehen.

Stattdessen hat die Stasi ganz offensichtlich ehemalige SS-Leute, die im Umfeld von SS-General Franz Mueller-Darss im Darsser Wald und am „Borner Hof“ (da waren die russischen Kriegsgefangenen untergebracht) „Mitarbeiter“ von Mueller waren, für eigene Zwecke angeworben. Unter Erpressung, versteht sich.
Man liest beispielsweise am 14.6.1961 in einem Vermerk von Abteilung VII/2 „Sachstandsbericht zum operativen Material Mueller u.a.“, daß „Erich Mehl, heute Revierförster in Abshagen Krs. Grimmen (GI der KD Grimmen) „Angehöriger der SS und unter Mueller Revierleiter in Born war.“ „GI steht dabei für „Gesellschaftlicher Informant“ – die Stasi hat ihn „abgeschöpft“ und er hat „berichtet“.

Dass die Staatssicherheit der DDR ehemalige SS-Leute erpresst und für ihre Zwecke dienstbar gemacht hat, ist mittlerweile gut durch Aktenbestände in den Archiven der „Gauck-Behörde“ belegt. Interessant ist dennoch immer wieder, wenn man auf konkrete Belege stößt.
Die Stasi – so wird an den Kopien deutlich werden, die ich mir heute bestellt habe und die ich noch gründlich auswerten will – wusste jedenfalls sehr genau, wer beim Mueller Kutscher war, wer die Köchin war; wer beim SS-Wachpersonal dabei war; wer bei den „Großjagden mit Göring“ dabei war. Man wusste, welche Rolle der „Arzt Dr. Heinrich“ gespielt hat und so weiter und so weiter.

Dennoch hat man im Dezember 1963 die Akte geschlossen und man hat die SS-Belasteten nicht zur Verantwortung gezogen. Ein interessanter Befund, denn es war gerade 2 Jahre her, dass in Jerusalem ein hoher SS-Mann vor Gericht stand. Adolf Eichmann.
Franz Mueller-Darss und Adolf Eichmann könnten sich begegnet sein. Denn Franz Mueller-Darss war oft bei Eichmanns Chef, dem „Reichsführer SS Heinrich Himmler“ zu Gast am Mittagstisch.

Jochen Klepper und Herr Kubitschek. Oder, weshalb die Neue Rechte versucht, den Kirchenlieddichter Klepper „als einen von uns“ zu reklamieren

Jochen Klepper und Herr Kubitschek. Oder, weshalb die Neue Rechte versucht, den Kirchenlieddichter Klepper „als einen von uns“ zu reklamieren

Götz Kubitschek unterhält sich mit Erik Lehnert über Jochen Klepper. Man kann das auf dem youtube-Kanal von Schnellroda unter dem Datum 3. 2. 2021 sehen. Die Sache dauert etwa 1 Stunde und 45 Minuten.
Worum es geht, erfährt man im letzten Satz des Videos: „Es ging uns mit diesem Beitrag darum, Klepper als einen von uns zu reklamieren“ sagt Erik Lehnert, der Geschäftsführer vom „Institut für Staatspolitik“, das seit 2020 vom Verfassungsschutz als Verdachtsfall eingestuft ist und entsprechend beobachtet wird.

Die Sache hat mich interessiert, weil ich gerade über Jochen Klepper, dessen Lieder mir seit Kindertagen vertraut sind, recherchiere und ein literarisch-musikalisches Programm vorbereite, das auch jüngeren Zeitgenossen diesen wichtigen Dichter nahebringen soll. Also hab ich mir die knapp zwei Stunden Video aus Schnellroda angetan. Und hab mich hinter gefragt, was die Sache soll? Man gibt sich belesen beim Schnaps aus Wilthen, hält das eine oder andere Buch in die Kameras; wenn es um Kriegstagebücher geht, gleich mehrere – und man endet damit, das Ganze habe deshalb stattgefunden, um Jochen Klepper „als einen von uns zu reklamieren“. Das kommt zwar erst als exakt letzter Satz, war aber von Anfang an klar. Was also soll das Ganze?


Denn Klepper war sicher national eingestellt, auch hatte er eine „Achtung vor dem Heer“, auch er hielt „Versailles“ für erniedrigend, wie es bei vielen insbesondere unter den Protestanten damals war, selbst bei solchen, die aktiv am Attentat gegen Hitler gearbeitet haben, anfangs sogar bei deutschen Juden, insbesondere bei den Weltkriegsteilnehmern.
Aber eines war der Jochen Klepper ganz gewiss nicht: ein völkisch denkender, rassistisch argumentierender Mensch. Ganz gewiss war er kein Kumpan von Herrn Kubitschek und Herrn Lehnert, davon zeugt seine Biografie mehr als überdeutlich.
Vielmehr hat sich Klepper das Schicksal der Juden zu eigen gemacht, er war verheiratet mit einer deutschen Jüdin, hatte deren Töchter Brigitte (geb. 1920) und Renate (geb. 1922) als Stieftöchter angenommen. Er hat, als die Repressionen gegen ihn zunahmen, abgelehnt, als seine Frau sich von ihm scheiden lassen wollte, „um seine Arbeit nicht weiter zu behindern“ und ist sehr bewusst bei ihr geblieben, bis in den Tod übrigens.
Nein, Klepper ist das Gegenteil eines rassistisch und völkisch denkenden Menschen, dazu war er viel zu unpolitisch, wie er selber ja immer wieder betont hat. Aber er war ein sehr wacher Geist.
Als die Olympiade im August 1936 in Berlin stattfand, hat der hochsensible Dichter Klepper statt der kraftstrotzenden Sportlerinnen und Sportler der Völkisch-Nationalen „Tote durch das Brandenburger Tor“ laufen sehen, wie es sein Freund Reinhold Schneider betroffen bemerkte, als er Kleppers „Olympische Sonette“ las. (vgl. dazu die ausgezeichnete Dissertation von Martin Wecht „Jochen Klepper. Ein christlicher Schriftsteller im jüdischen Schicksal. Düsseldorf und Görlitz 1986, S. 107 ff).
Und als die Olympiaglocke Mitte August 1936 zum Ende der Olympiade läutete, hörte Klepper „die Totenglocke Europas“ läuten, weil er sah, worauf das Ganze hinauslaufen würde, auf einen totalen Krieg nämlich, den hat er schon 1935 sehr wach kommen sehen.

Es kann auch überhaupt keine Rede davon sein, dass Klepper im „Vater“ „das Preußentum“ schlechthin verherrlicht habe, wie Lehnert und Kubitschek suggerieren, „Lieber Himmel, des „Vaters“ Regierung ist Kritik, nicht Verherrlichung des Heutigen“ notiert er in sein Tagebuch am 16. 1. 1934 (vgl. Wecht 83).

Was die beiden mit ihrem Schnapsglas in der Hand zum Verhältnis Kleppers zur „Bekennenden Kirche“ zu sagen haben, trifft ebenfalls nicht zu. Klepper hat die „Bekennende Kirche“ nicht bekämpft; er hat sie nicht zum eigenen Anliegen gemacht, er war kein Mann der „Bekennenden Kirche“, weil er einzelne Repräsentanten dieser innerkirchlichen Bewegung als zu laut und zu „aktivistisch“ fand, das war seine Sache nie; er las allerdings ihre Zeitschrift „Junge Kirche“. Seine Kritik an der BK war, sie käme „über den politischen Impetus nicht hinaus“ und wisse „wenig von der Bibel“. Das wars dann aber auch schon so ziemlich mit der Kritik. Nein, Klepper hielt sich für einen unpolitischen Menschen, wie im Tagebuch mehrfach bezeugt ist; er hielt nichts von lauten und „aktivistischen“ Menschen. Er war ein stiller, sehr wacher und aufmerksamer Mensch.
Einen, den die „aktivistischen Menschen“ von der national-sozialistischen Ecke auf der Liste hatten. Sie haben ihn schikaniert, haben ihm gekündigt, haben seine Arbeit behindert und haben ihn und seine Familie schließlich in den Tod getrieben.

Bleibt also die Frage, was die Herren Kubitschek und Lehnert mit ihrem seltsamen Video bezwecken?
Sie versuchen, Menschen, die in ihrem Denken dem Denken von Kubitschek/Lehnert diametral entgegengesetzt waren, „als einen von uns“ zu reklamieren. So hat man es schon unverschämterweise mit den Geschwistern Scholl getan, so hat man es mit der Kommunistin Rosa Luxemburg getan (man zitiert von ihr immer gern „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“).
Und nebenher will man vor allem Kriegstagebücher verkaufen, die man deshalb im Video auch ausführlich und breit in die Kamera hält; der Herr Kubitschek betreibt ja schließlich eine „Versandbuchhandlung“.

Interessanter Weise gehen die beiden Herren mitsamt ihren Schnapsgläsern auf den eigentlichen Kern der Klepperschen Dichtung, die Lieder nämlich, nur ganz zum Schluß und eher am Rande ein. Sie können einfach nichts anfangen mit Versen wie

Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern.
So sei nun Lob gesungen
dem hellen Morgenstern!
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.