„Siehst Du die Schrift dort an der Wand?“ fragt Daniel den König Belsazar von Babylon. Eine berühmte Frage aus dem Alten Testament, die den Königen dieser Welt immer wieder gestellt wurde.
„Verstehst Du auch, was sie bedeutet?“ können wir ergänzen.
Wenn man die Schifferkirche in Ahrenshoop durch die schmale Pforte an der Westseite betritt, wird man mit der goldenen Schrift an der Wand des Altars konfrontiert. (Ich habe das Foto von Klaus Czerwinski etwas bearbeitet, damit man die Schrift besser lesen kann):

„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich“ steht da geschrieben. Ein Zitat aus dem Johannes-Evangelium (Johannes 14, Vers 6), dem jüngsten der überlieferten vier Evangelien, die in der Bibel stehen, entstanden etwa zwischen 85 und 100 nach Christus. Wir wollen versuchen, uns diesem alten Zitat zu nähern.
Bei einem ausführlichen Telefonat mit Herrn Architekten Bernd Reimers, der die baulichen Angelegenheiten der Schifferkirche in Ahrenshoop über lange Jahre sehr sachkundig begleitet hat und sehr vertraut ist mit ihren Details erfuhr ich, daß es beim Bau des Kirchleins Streit gegeben hätte um diese Inschrift. Eigentlich sollte nach dem Willen von Frau Oberländer der Vers aufgebracht werden, der jetzt auf dem Grabstein von Frau Doris Oberländer-Seeberg steht, die ja wesentlich an der Innenausstattung der Kirche beteiligt war und die auch eigens eine Schriftform für die Altar-Inschrift entwickelt hat. Der dokumentierte Streit ging jedoch anders aus, denn Pastor Dr. Wilhelm Pleß aus Prerow setzte sich durch. Er wollte jenes Zitat aus dem Johannes-Evangelium an der Altarwand direkt gegenüber vom Eingang des Kirchleins geschrieben sehen. Warum sollte es gerade dieser Vers sein?
Dr. Wilhelm Pleß (geboren 1895, Pastor in Prerow von 1931-1961) hatte nach seinem Theologiestudium über das Johannes-Evangelium promoviert. Er war sehr vertraut mit dieser biblischen Schrift. Aber: Dr. Wilhelm Pleß war auch ein, sagen wir es vorsichtig, überaus konservativer Mensch, der ab 1933 den „Deutschen Christen“ nahestand, jenen Kirchenleuten also, deren extremste Vertreter der Ansicht waren, in der Gestalt Adolf Hitlers sei Christus wiedergekehrt. Von Frau Pleß berichtete man später, sie sei treue NSDAP-Wählerin gewesen. Wenn man den „Darßer Boten“ liest, der im Pfarrarchiv in Prerow aufbewahrt wird, jenes Gemeindeblatt, in dem Dr. Pleß die Gemeinde über sie interessierende Angelegenheiten informierte, kann man schnell erkennen, wie „D.C.freundlich“ er war. Er hoffte zu Beginn der Hitler-Diktatur (wie viele andere Pastoren) auf eine neue Zuwendung zur Kirche, es waren ja jene Jahre, in denen es zu Masseneintritten in die Kirche kam, Jahre, in denen es auch zu Massenhochzeiten von Soldaten in der Kirche kam, es gibt zahlreiche Fotos davon. „Es gab kaum einen kirchlichen Feiertag, an dem nicht die Verbände mit ihren Fahnen in der Kirche waren“ erinnert sich Dr. Pleß. Auch Pleß hoffte damals, unmittelbar nach dem „Tag von Potsdam“, der neue Staat würde zu einer neuen Kirchlichkeit führen. Pleß hatte sich gewaltig getäuscht. Wenn man seine „Memorabilia“ liest, seine Erinnerungen an die Zeit im Prerower Pfarramt, dann sieht man, wie schon bald er enttäuscht war von den Nationalsozialisten, die ihm zunehmend Probleme bereiteten und seine Gottesdienste durch HJ-Aufmärsche genau zur Gottesdienstzeit direkt vor der Kirche störten.
Dieser Pastor Dr. Wilhelm Pleß (er hatte auch schon den Neubau der Kirche in Born begleitet und 1934 dort den Grundstein gelegt und 1935 das Kirchlein eingeweiht. Im „Darßer Boten“ war anlässlich dieses Ereignisses zu lesen: „Die Verbände waren angetreten“ ….), dieser Pastor Dr. Wilhelm Pleß also kam nach dem Kriege, nach dem fatalen Ende des Hitlerfaschismus, nachdem all die Verbrechen des Nationalsozialismus an die Öffentlichkeit kamen – im Jahre 1949 in Kontakt mit dem jungen Architekturstudenten Hardt-Waltherr Hämer, der nun in Ahrenshoop ein Kirchlein errichten wollte. Die Zeiten hatten sich geändert, Hitler war tot, führende Nationalsozialisten hatten vor Gericht gestanden oder sich das Leben genommen; die ehemaligen Verbündeten standen nun im zunehmend kälter werdenden Kalten Krieg gegeneinander, Deutschland wurde geteilt, im Osten regierte ein klar antikirchliches Regime unter Walter Ulbricht. Wieder war da eine politisches System angetreten, das den Menschen das Heil der Welt versprach.
Da machte Pastor Pleß nach all seinen Erfahrungen nicht mehr mit.
Er bestand darauf, eben jenes Zitat aus dem Johannes-Evangelium an die Altarwand zu bringen, das ihm offensichtlich ganz besonders wichtig war. Die Botschaft des Pastors: keine Staats-Doktrin, kein „nationaler Sozialismus“, auch kein Sozialismus Moskauer Prägung bringt die Erlösung für die Welt, Christus allein. „Niemand kommt zum Vater denn durch mich“ sagt der Nazarener. Das ist eine glasklare Abgrenzung gegen alle Ideologien. So sollte es geschrieben werden an die Wand hinter dem Altar in Ahrenshoop. So, daß man die Schrift sofort lesen konnte, wenn man die Kirche betrat.
Wir haben gesehen: Der Vers ist ein Zitat aus dem Johannes-Evangelium. Aber: es ist noch mehr: denn es ist die These 1 der Barmer Theologischen Erklärung von 1934.
Das nun ist im Zusammenhang der Jahre 1949/1951 sehr interessant.
Denn die Barmer Theologische Erklärung von 1934, wesentlich verfasst von Prof. Karl Barth, unterstützt von Dietrich Bonhoeffer und anderen, war die Kampfansage der „Bekennenden Kirche“ gegen die „Deutschen Christen“, gegen die Staats-Ideologie der Nazi-Zeit.
Und genau daran erinnert sich nun der alt gewordene Pastor in Prerow. Was wir hier an der Inschrift am Altar sehen können, ist eine Art Testament eines Pastors, der sich geirrt hatte. Wir sehen seine gewandelte Weltsicht. Wir sehen einen Pastor, der gegen Ende seiner langen Amtszeit zur Klarheit der biblischen Botschaft zurückgekehrt ist. Wir können an diesem Denk-Mal sehen, wie sich die Denkweise von Dr. Pleß verändert hat. Er träumt nicht mehr von der „nationalen Erweckung“, wie Anfang der Dreißiger Jahre, er weiß ja nun, wohin diese Verirrung geführt hat. Jetzt kehrt er zurück zum Thema seiner Doktorarbeit und er zitiert nun mit dem Vers aus dem Johannes-Evangelium die These 1 der Barmer Theologischen Erklärung. Dort heißt es: „Jesus Christus spricht: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. (Joh. 14,6)
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht zur Tür hineingeht in den Schafstall sondern steigt anderswo hinein, der ist ein Dieb und Räuber. Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden. (Joh 10,1.9)
Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.
Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“
Die Barmer Theologische Erklärung wandte sich gegen die theologischen Verirrungen der „Deutschen Christen“ während der Hitler-Diktatur. Sie ist eines der wenigen schriftlichen Zeugnisse des kirchlichen Widerstandes im Dritten Reich. Sie gehört zu den auch heute geltenden Bekenntnisschriften der evangelischen Christenheit, denn sie widerspricht allen Ideologien, die den Menschen Heil versprechen – ein Versprechen, das Menschen nicht erfüllen können.
Diese Abgrenzung gegen alle Ideologien steht nun seit 1951 mit ihrem ersten Hauptsatz geschrieben an der Altarwand des kleinen Kirchleins von Ahrenshoop.
Was für ein Denk-Mal!














