Natürlich überlege ich mir vor der Übungs-Stunde, was ich mit dem Kind in der Lese-Übungs-Stunde machen könnte, um es zu unterstützen. So langsam kann ich ja die Stellen sehen, die einer Unterstützung bedürfen. Also hatte ich mir überlegt, wir könnten mit einem Spiel beginnen: Einsilbige Worte finden, die ich in Großbuchstaben auf ein Blatt schreibe und die wir anschließend gemeinsam lesen. Dann kommen zweisilbige, dreisilbige und so weiter. Während dieser Übung, bei der wir „Einfälle“ suchen, kann das Kind malen, das macht es gern, wenn es aufgeregt ist. Malen entspannt das Kind, das war schon zu bemerken.
„Kannst Du mir einen Baum malen? Den male ich dann aus“.
Ok, ich male also mit dem Bleistift die Umrisse eines Baumes.
Wir sammeln Worte, das Kind malt – und da liegt das „Thema des Tages“ ganz oben auf:

Beginnen wir ganz rechts: “Oh“ sage ich, als das Kind sagt „guck mal“. „Der Baum ist ja ganz schwarz!“ „Das ist ein Gruselbaum“ erfahre ich. „Und was ist das Kleine gleich daneben?“
„Das ist ein Killer. Das ist der Kettensägenmann“.
„Und neben dem Kettensägenmann, was ist das?“
„Das ist ein Kind. Die Haare gehen so hoch, weil er Angst hat. Der macht so: guck mal“ – und das Kind schließt die Augen und öffnet den Mund ganz weit und sagt dann: „wie bei einem Totenkopf, guck mal, so“ – und malt ganz links in das Bild einen Kopf mit zwei Kreuz-Augen und einem großen Mund – „wie bei einem Totenkopf“.
„Das ist aber ganz schön gruslig“ sage ich. Der große Gruselbaum und der Kettensägemann und das Kind mit der großen Angst – ist auf dem Bild vielleicht auch ein Vogel oder eine Blume?“
„Na gut“ sagt das Kind und malt einen blauen Vogel und eine blaue Blume und erklärt mir dann: „die Blume, die schreit – die ist ein Mensch und eine Blume – alles gleichzeitig. Aber die Blume hat die Zunge so – guck mal“ – das Kind zeigt mir einen Mund mit einer Zunge die an die oberen Zähne anschlägt – „Aber so kann die Blume doch gar nicht sprechen!“ sage ich. „Stimmt“ sagt das Kind. „Die Blume ist ein Mensch und eine Blume – alles gleichzeitig“.
Ich höre zu, versuche aufmerksam zu sein. Dieses Kind ist übervoll mit Angst. „Gestern hat mich einer geschubst und in den Rücken getreten, da bin ich hingefallen und mein Daumen war so – guck mal“. Eine Schramme am Bein gibts auch, wie mir gleich vorgeführt wird. „Tut aber nicht mehr weh“ war der Kommentar.
Da sitzt ein Kind neben mir, das Lesen lernen soll.
Aber die Seele ist mit etwas ganz und gar anderem beschäftigt – mit dem „Gruselbaum“ nämlich und mit dem „Killer“ und mit der „Blume, die ein Mensch ist und alles gleichzeitig.“
Ich höre zu. Ich rede ihm nichts aus. Ich lasse das Kind malen und erzählen. Da muss erst mal etwas „zur Sprache gebracht“ werden. Bevor die Angst nicht gesehen und angenommen wird, lernt das Kind gar nix. Geht ja nicht, wenn die Seele mit etwas anderem beschäftigt ist, das ganz oben auf liegt.
Später - die Stunde ist beinahe herum, wir haben eine Menge Worte gefunden, aufgeschrieben und gelesen, lese ich aus Irina Korschunows „Schulgeschichten“. Ich lese Satz für Satz und frage das Kind, ob das stimmt, was da steht. Ich lese zum Beispiel: „Viele Kinder gehen gern zur Schule. Aber es gibt auch Kinder, die Angst vor der Schule haben.“
„Stimmt das?“ frage ich.
Und das Kind antwortet: „Schule ist Kackwurst!“
Ich merke in dieser Stunde etwas Wichtiges: wenn du einem Kind das Lesen beibringen willst, dann höre zunächst einmal zu, was das Kind dir zu erzählen hat aus seinem Leben. Danach wird es bereiter sein, dir bei den Übungen zu folgen. So war es ja dann auch: wir haben zusammen Wörter gesucht, aufgeschrieben, gelesen. Das ging dann recht flott. Allerdings war die Konzentration nach einer halben Stunde dann auch schon wieder zu Ende, die Batterie der Aufmerksamkeit war schon wieder alle – deshalb gibts immer ein paar vorgelesene Sätze zum Schluss.
Wir werden mit den Bildern weiterarbeiten, denn der erste Satz heute hat mich dazu ermutigt. Wie sagte doch das Kind bei der Begrüßung: „Hast Du mein Bild von der letzten Stunde mit?“ Ja, hab ich.
Mal sehen, was Du beim nächsten Treffen malst, bevor wir lesen.
Ach ja, eins noch: wir suchen dringend nach weiteren Lesepaten. Am besten meldet man sich über die Berliner Lesepaten an, die wissen dann, wie es weitergeht. Lesepaten gibt es auch in anderen Städten.