Heute nun war die „Kennenlern-Stunde“, ich hab die Kinder zum ersten Mal gesehen. Ich war aufgeregt, doch, das war ich, obwohl es eigentlich keinen Grund gibt, schließlich sind 6 Enkel in der Familie und man hat so seine Erfahrungen miteinander. Man merkt ja schnell, ob man sich sympathisch ist, oder eher nicht; mit Kindern geht das ganz besonders schnell, ob es „klappt“ mit dem Kontakt, oder ob es eher „schwierig“ werden würde. Und selbstverständlich wollte ich, daß wir guten Kontakt finden.

Ich bin jedenfalls sehr viel sicherer wieder nach Hause gefahren: es hat „geklappt“, wir werden miteinander etwas machen können, was den Kindern möglichst hilfreich sein soll.

Erste Stunde also: kennenlernen. Wie geht das? Na, ein paar Fragen stellen zum Beispiel. Und etwas von sich selber erzählen. Der Job des Lese-Paten besteht dann vor allem und zunächst darin, sehr genau zu hören -auch auf die Botschaften „unter“ der gesagten Botschaft.

Da merkt man zum Beispiel eine „Konzentrationsschwierigkeit“. Das Kind wird schon nach 30 Minuten unruhig, steht auf, geht vom Tisch weg, will nicht lesen. Das Kind malt gern, während es einer Geschichte (natürlich wird auch etwas vorgelesen!) zuhört, offenbar malt es, um zu entspannen, Stress abzubauen. Und die Nachfrage: „Du malst gern? Was ist denn dein Lieblingsfach in der Schule?“ „Kunst“ ist die Antwort. Und dann kommt: „Aber ich gehe nicht gerne zur Schule.“

Da also klemmt die Säge und damit werden wir uns natürlich zu beschäftigen haben, denn die Gründe, weshalb das Kind „nicht gern in die Schule geht“, können sehr vielfältig sein. Wenn es aber „nicht gern in die Schule“ geht, wird es auch nicht gern lesen lernen. Wir haben nun verabredet, daß wir jedes Mal, wenn wir uns treffen, an dem heute begonnenen Bild weitermalen, zwischendurch etwas lesen (auch gern mal im Wechsel: jeder einen Satz), dann gibts etwas vorgelesen. Dann lesen wir wieder etwas. Immer im Wechsel. Und das Bildermalen wird uns eine Brücke sein, denn so eine Stunde kann sehr lang sein und wer eigentlich „nicht gern in die Schule“ geht, wird dann schnell unruhig, zappelig, möchte lieber „mit dem Handy spielen, aber das darf man hier ja nicht.“ Nee, besser ist es, das Ding auch mal auszulassen, das stimmt. Aber, wir werden zurecht kommen miteinander, da bin ich sicherer als vorher.

Andere wiederum beginnen damit, dass sie „eigentlich nicht lesen wollen“, signalisieren also Unsicherheit, vielleicht sogar einen Widerstand, dann aber stellt sich heraus, dass es mit dem Lesen eigentlich schon recht ordentlich geht und im Laufe der Stunde stellt sich dann auch heraus, daß es Schwierigkeiten mit den „Lernworten“ gibt. Ok. Da können wir ansetzen und üben helfen. Das Lesen jedenfalls – ich hatte einen sehr einfachen Text von den Gebrüdern Grimm, das Märchen vom „Süßen Brei“ mitgebracht – lief sehr viel besser als befürchtet und es wurde schon bald deutlich, wo der Haken beim Lesen liegt: Umlaute und „Mischlaute“ wie „sch“, „ch“ wie in „Licht“ oder „ch“ wie in „Krach“. Zweimal steht da „ch“ und trotzdem wirds verschieden gesprochen. Knifflige Sache.

So aber kommen wir zueinander. Ich verstehe meine Unterstützung als Lese-Pate so: zunächst einmal sehr genau hinschauen, hinhören, aufmerksam sein – um herauszufinden, wo denn eigentlich das „Leseproblem“ liegt. Und dann üben wir natürlich.
Übrigens gilt: Spaß darf ruhig dabei sein. Wie sagte kürzlich einer der Enkel zu mir: „Mathe kannst du nicht so gut, aber Witze kannste gut.“ Na, wenn das kein Lob ist. Ich freu mich jedenfalls auf die nächste Begegnung in der kommenden Woche. Und ich bin gespannt darauf, wie das mit dem Lesen-Lernen eigentlich genau vonstatten geht.

(p.s.: wer die Beiträge zu meiner Lese-Patenschaft auf einen Blick lesen möchte, kann die neu eingefügte Kategorie „Lesen“ abonnieren, dort jedenfalls werden sie einsortiert.

Anmerkung 2: die Handys übrigens führen nicht dazu, daß Kinder Lesen lernen, eher im Gegenteil. Wie ich heute gelernt habe, verabreden sich Drittklässler zwar per Handy – aber eben nicht mit dem getippten Wort, sondern mit einer VoiceMail. „Mein Handy schreibt den Text, den ich hineinspreche“ sagte mir einer meiner Schützlinge. Deshalb ist es gut und richtig, die Handys in der Schule oder im Lese-Unterricht draußen zu lassen.) Erst muss man die Grundkompetenz wirklich erlernen – dann erst kommt das Handy. Schweden hat deshalb die Digitalisierung an Schulen auch wieder etwas reduziert, man hat bemerkt, daß die Lese- und Schreibkompetenz der SchülerInnen nachließ.

3 Gedanken zu “Lesen lernen (2)

  1. Herrlich, Ulrich, dass Du immer wieder neue Themenfelder findest, um Dich zu engagieren.

    Lesen ist und bleibt die Brücke in ein informiertes Leben, mit Fantasie, Abenteuern, Bildung und auch lebensnotwendigen Informationen.

    Ich freue mich übrigens, dass es den Lesewettbewerb vom Börsenverein des Dt. Buchhandels immer noch gibt, bei dem ich 1974 Bundessieger wurde. 🙂

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