Schifferkirche Ahrenshoop – Die Orgeltage. Mit einer musikalischen Rarität.

Schifferkirche Ahrenshoop – Die Orgeltage. Mit einer musikalischen Rarität.

Anne-Dore Baumgarten, emeritierte Kirchenmusikdirektorin aus Wittenberg, seit langen Jahren heimisch auf dem Fischland in Wustrow, hat sie erfunden: die Ahrenshooper Orgeltage. Diese Orgeltage wurden möglich, als der Ahrenshooper Orgelbauer Kristian Wegscheider die neue Orgel für die Schifferkirche fertiggestellt hatte. Eingeweiht wurde sie im Januar 2013. Es gab damals sogar eine Festschrift aus Anlaß der Weihe der Wegscheider-Orgel, die ich gestern in den Unterlagen fand, die mir dankenswerter Weise Herr Dr. Ing. Bernd Reimers zur Verfügung gestellt hatte. Dr. Reimers kennt die kleine Kirche wie kaum ein anderer, er war gemeinsam mit Prof. Hämer wesentlich für ihre Restaurierung und Erweiterung verantwortlich. Wer das Titelbild dieses Beitrages genau anschaut, das ich hier noch mal komplett in den Beitrage einfüge, findet auf der linken Seite der Festschrift einen kleinen QR-Code.

Die Festschrift von der Orgelweihe ist aber schon 13 Jahre alt – ob der QR-Code wohl noch funktioniert? Ich habe es ausprobiert und fand eine Rarität: das einzige Tondokument von der Einweihung der Orgel. Im Januar 2013 war das, man sieht im Video links noch den Weihnachtsbaum stehen. Da war jemand so freundlich und hat einfach, mitten aus dem Publikum – vermutlich, ohne lange zu fragen, mit seinem Smartphone 6 Minuten Orgelmusik eingefangen. Das ist keine Studio-Aufnahme, ganz gewiss nicht. Aber es ist ein schönes Zeit-Dokument. Zu hören sind Musikstücke, die die einzelnen Register der Orgel vorstellen und die Klangfülle des Instrumentes zumindest vorstellbar machen, es lohnt, die 6 Minuten ganz anzuhören. Freunde der Orgelmusik werden heraushören können, welche Register da gerade gezogen wurden. Die Festschrift anlässlich der Orgelweihe hat die eingebauten Register der Orgel fein notiert:

Wer sein Handy gerade nicht zur Hand hat, um den QR-Code zu scannen, dem sei das Tondokument hier zur Verfügung gestellt:

Anne-Dore Baumgarten ist es mit den Orgeltagen immer wieder gelungen, sehr namhafte Organisten nach Ahrenshoop zu bekommen. Das ist auch in diesem Jahr wieder der Fall. Für die Organisten ist es eine schöne Herausforderung, Stücke, die für große Orgeln geschrieben wurden, auf dem pfiffig gebauten Wegscheider-Instrument zu interpretieren.
Hingehen lohnt sich. Die diesjährigen Orgeltage 2026, die nun schon zum 13. mal stattfinden, beginnen am Donnerstag, 30. April um 12 Uhr mit einer Orgelandacht, in der KMD Anne-Dore Baumgarten selbst spielen wird. Am Freitag, 1. Mai gibt es um 20 Uhr ein Orgelkonzert plus Alt-Solostimme. Es musizieren Martin Rost (Stralsund) und Britta Schwarz (Dresden). Der Samstag, 2. Mai bringt ein Konzert mit David Schirmer (Berlin). Täglich gibt es Orgelandachten um 12 Uhr. Es besteht also auch in diesem Jahr 2026 reichlich Gelegenheit, das schöne Instrument zu erleben.

Und wer Informationen rund um die Schifferkirche Ahrenshoop kontinuierlich verfolgen möchte, der kann die Facebook-Seite vom Freundeskreis der Schifferkirche Ahrenshoop abonnieren, der hier verlinkt ist.

Schifferkirche Ahrenshoop-die Inschrift an der Altarwand

Schifferkirche Ahrenshoop-die Inschrift an der Altarwand

„Siehst Du die Schrift dort an der Wand?“ fragt Daniel den König Belsazar von Babylon. Eine berühmte Frage aus dem Alten Testament, die den Königen dieser Welt immer wieder gestellt wurde.

„Verstehst Du auch, was sie bedeutet?“ können wir ergänzen.

Wenn man die Schifferkirche in Ahrenshoop durch die schmale Pforte an der Westseite betritt, wird man mit der goldenen Schrift an der Wand des Altars konfrontiert. (Ich habe das Foto von Klaus Czerwinski etwas bearbeitet, damit man die Schrift besser lesen kann):

„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich“ steht da geschrieben. Ein Zitat aus dem Johannes-Evangelium (Johannes 14, Vers 6), dem jüngsten der überlieferten vier Evangelien, die in der Bibel stehen, entstanden etwa zwischen 85 und 100 nach Christus. Wir wollen versuchen, uns diesem alten Zitat zu nähern.

Bei einem ausführlichen Telefonat mit Herrn Architekten Bernd Reimers, der die baulichen Angelegenheiten der Schifferkirche in Ahrenshoop über lange Jahre sehr sachkundig begleitet hat und sehr vertraut ist mit ihren Details erfuhr ich, daß es beim Bau des Kirchleins Streit gegeben hätte um diese Inschrift. Eigentlich sollte nach dem Willen von Frau Oberländer der Vers aufgebracht werden, der jetzt auf dem Grabstein von Frau Doris Oberländer-Seeberg steht, die ja wesentlich an der Innenausstattung der Kirche beteiligt war und die auch eigens eine Schriftform für die Altar-Inschrift entwickelt hat. Der dokumentierte Streit ging jedoch anders aus, denn Pastor Dr. Wilhelm Pleß aus Prerow setzte sich durch. Er wollte jenes Zitat aus dem Johannes-Evangelium an der Altarwand direkt gegenüber vom Eingang des Kirchleins geschrieben sehen. Warum sollte es gerade dieser Vers sein?

Dr. Wilhelm Pleß (geboren 1895, Pastor in Prerow von 1931-1961) hatte nach seinem Theologiestudium über das Johannes-Evangelium promoviert. Er war sehr vertraut mit dieser biblischen Schrift. Aber: Dr. Wilhelm Pleß war auch ein, sagen wir es vorsichtig, überaus konservativer Mensch, der ab 1933 den „Deutschen Christen“ nahestand, jenen Kirchenleuten also, deren extremste Vertreter der Ansicht waren, in der Gestalt Adolf Hitlers sei Christus wiedergekehrt. Von Frau Pleß berichtete man später, sie sei treue NSDAP-Wählerin gewesen. Wenn man den „Darßer Boten“ liest, der im Pfarrarchiv in Prerow aufbewahrt wird, jenes Gemeindeblatt, in dem Dr. Pleß die Gemeinde über sie interessierende Angelegenheiten informierte, kann man schnell erkennen, wie „D.C.freundlich“ er war. Er hoffte zu Beginn der Hitler-Diktatur (wie viele andere Pastoren) auf eine neue Zuwendung zur Kirche, es waren ja jene Jahre, in denen es zu Masseneintritten in die Kirche kam, Jahre, in denen es auch zu Massenhochzeiten von Soldaten in der Kirche kam, es gibt zahlreiche Fotos davon. „Es gab kaum einen kirchlichen Feiertag, an dem nicht die Verbände mit ihren Fahnen in der Kirche waren“ erinnert sich Dr. Pleß. Auch Pleß hoffte damals, unmittelbar nach dem „Tag von Potsdam“, der neue Staat würde zu einer neuen Kirchlichkeit führen. Pleß hatte sich gewaltig getäuscht. Wenn man seine „Memorabilia“ liest, seine Erinnerungen an die Zeit im Prerower Pfarramt, dann sieht man, wie schon bald er enttäuscht war von den Nationalsozialisten, die ihm zunehmend Probleme bereiteten und seine Gottesdienste durch HJ-Aufmärsche genau zur Gottesdienstzeit direkt vor der Kirche störten.

Dieser Pastor Dr. Wilhelm Pleß (er hatte auch schon den Neubau der Kirche in Born begleitet und 1934 dort den Grundstein gelegt und 1935 das Kirchlein eingeweiht. Im „Darßer Boten“ war anlässlich dieses Ereignisses zu lesen: „Die Verbände waren angetreten“ ….), dieser Pastor Dr. Wilhelm Pleß also kam nach dem Kriege, nach dem fatalen Ende des Hitlerfaschismus, nachdem all die Verbrechen des Nationalsozialismus an die Öffentlichkeit kamen – im Jahre 1949 in Kontakt mit dem jungen Architekturstudenten Hardt-Waltherr Hämer, der nun in Ahrenshoop ein Kirchlein errichten wollte. Die Zeiten hatten sich geändert, Hitler war tot, führende Nationalsozialisten hatten vor Gericht gestanden oder sich das Leben genommen; die ehemaligen Verbündeten standen nun im zunehmend kälter werdenden Kalten Krieg gegeneinander, Deutschland wurde geteilt, im Osten regierte ein klar antikirchliches Regime unter Walter Ulbricht. Wieder war da eine politisches System angetreten, das den Menschen das Heil der Welt versprach.
Da machte Pastor Pleß nach all seinen Erfahrungen nicht mehr mit.

Er bestand darauf, eben jenes Zitat aus dem Johannes-Evangelium an die Altarwand zu bringen, das ihm offensichtlich ganz besonders wichtig war. Die Botschaft des Pastors: keine Staats-Doktrin, kein „nationaler Sozialismus“, auch kein Sozialismus Moskauer Prägung bringt die Erlösung für die Welt, Christus allein. „Niemand kommt zum Vater denn durch mich“ sagt der Nazarener. Das ist eine glasklare Abgrenzung gegen alle Ideologien. So sollte es geschrieben werden an die Wand hinter dem Altar in Ahrenshoop. So, daß man die Schrift sofort lesen konnte, wenn man die Kirche betrat.
Wir haben gesehen: Der Vers ist ein Zitat aus dem Johannes-Evangelium. Aber: es ist noch mehr: denn es ist die These 1 der Barmer Theologischen Erklärung von 1934.

Das nun ist im Zusammenhang der Jahre 1949/1951 sehr interessant.
Denn die Barmer Theologische Erklärung von 1934, wesentlich verfasst von Prof. Karl Barth, unterstützt von Dietrich Bonhoeffer und anderen, war die Kampfansage der „Bekennenden Kirche“ gegen die „Deutschen Christen“, gegen die Staats-Ideologie der Nazi-Zeit.
Und genau daran erinnert sich nun der alt gewordene Pastor in Prerow. Was wir hier an der Inschrift am Altar sehen können, ist eine Art Testament eines Pastors, der sich geirrt hatte. Wir sehen seine gewandelte Weltsicht. Wir sehen einen Pastor, der gegen Ende seiner langen Amtszeit zur Klarheit der biblischen Botschaft zurückgekehrt ist. Wir können an diesem Denk-Mal sehen, wie sich die Denkweise von Dr. Pleß verändert hat. Er träumt nicht mehr von der „nationalen Erweckung“, wie Anfang der Dreißiger Jahre, er weiß ja nun, wohin diese Verirrung geführt hat. Jetzt kehrt er zurück zum Thema seiner Doktorarbeit und er zitiert nun mit dem Vers aus dem Johannes-Evangelium die These 1 der Barmer Theologischen Erklärung. Dort heißt es: „Jesus Christus spricht: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. (Joh. 14,6)
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht zur Tür hineingeht in den Schafstall sondern steigt anderswo hinein, der ist ein Dieb und Räuber. Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden. (Joh 10,1.9)
Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.
Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“

Die Barmer Theologische Erklärung wandte sich gegen die theologischen Verirrungen der „Deutschen Christen“ während der Hitler-Diktatur. Sie ist eines der wenigen schriftlichen Zeugnisse des kirchlichen Widerstandes im Dritten Reich. Sie gehört zu den auch heute geltenden Bekenntnisschriften der evangelischen Christenheit, denn sie widerspricht allen Ideologien, die den Menschen Heil versprechen – ein Versprechen, das Menschen nicht erfüllen können.

Diese Abgrenzung gegen alle Ideologien steht nun seit 1951 mit ihrem ersten Hauptsatz geschrieben an der Altarwand des kleinen Kirchleins von Ahrenshoop.
Was für ein Denk-Mal!

Ahrenshoop Schifferkirche – Die Orgel

Ahrenshoop Schifferkirche – Die Orgel

Ende April 2026 beginnen die 13. Orgeltage in Ahrenshoop. Eine schöne Gelegenheit, vorab etwas zur Geschichte der Orgel zu notieren.

Gebaut hat sie Kristian Wegscheider, ein gebürtiger Ahrenshooper, der in Dresden seine Orgelbauwerkstatt hat. Die Orgel wurde im Jahre 2013 eingeweiht. Kristian Wegscheider ist ein Mann mit einem schönen Humor, wie man am hier eingefügten kurzen Video-Clip mit seinem fröhlichen Lied vom Zees-Boot sehen kann, den der Ahrenshooper Küster und Lektor der Kirchgemeinde, Klaus Czerwinski anlässlich eines längeren Interviews vom NDR mit Kristian Wegscheider aufgenommen hat.

Das ganze Interview des NDR von 2024 mit Kristian Wegscheider (am Ende geht es auch um die Orgel in Ahrenshoop) kann man hier hören:

Die technischen Details der Orgel hat der Förderverein der Schifferkirche in seiner Broschüre genauer erklärt.

Die Orgeltage in Ahrenshoop werden künstlerisch von Kirchenmusikdirektorin Annedore Baumgarten betreut, sie ist auch gewissermaßen die „Erfinderin“ dieser besonderen Tage, in deren Zentrum die kleine Orgel in Ahrenshoop steht. Ihr gelingt es immer wieder, exzellente Interpreten nach Ahrenshoop zum Konzert zu holen. Die diesjährigen Orgeltage beginnen am 30. April 2026 mit Philipp Spielmann aus Wittenberg.

Schifferkirche Ahrenshoop – Innenraum

Schifferkirche Ahrenshoop – Innenraum

Wenn man durch die kleine Eingangstür des Kirchleins eingetreten ist – von den Zeichen über der Tür hatte ich ja schon geschrieben1 – wird man eingehüllt in eine warme Atmosphäre, die dem vielen Holz geschuldet ist, das der damalige Architekturstudent Hardt-Waltherr Hämer (*13.4.1922 in Hagen bei Lüneburg – +27.9.2012 in Ahrenshoop) für sein erstes größeres Werk als bestimmenden heimischen Baustoff ausgewählt hatte.

Gleichzeitig aber wird man konfrontiert. Mitten in der Altarwand, mit Goldschrift in eigens von Doris Oberländer-Seeberg (*12.1.1903 in Dorpat (Tartu/Estland) – +27.5. 1989 in Ahrenshoop) entworfener Schrift geschrieben, liest man einen rätselhaften Satz: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ Ich werde auf diesen rätselhaften Satz noch in einem eigenen Beitrag näher eingehen. Für den Moment soll uns genügen, daß wir diese „Konfrontation“, diese „Ansage“ wahrnehmen.

Ich schreibe diesen Text am Gründonnerstag in der Karwoche des Jahres 2026. Wir leben in einer Zeit voller Kriege, Konflikte, Ungewissheiten. Viele Menschen machen sich Sorgen über den Zustand der Welt. Wer wach und aufmerksam unsere Zeiten wahrnimmt und wer vielleicht aufgewachsen ist in christlicher Kultur, dem mag der Gedanke wohl nicht allzu fern liegen, der da lautet: „auch in unserer Welt wird die Liebe getötet. Täglich wird sie ans Kreuz genagelt. So ist diese Welt eingerichtet.“ Mit anderen Worten: Passion findet täglich statt. Auch in der Karwoche des Jahres 2026.

Wir leben in einer bedrückenden, von Konflikten, Hass und Streit bestimmten Situation – auch bei uns im Lande -, in der es gut und sinnvoll ist, Orte der Stille und der Besinnung aufzusuchen. Orte der Stille und der Besinnung – das sind sehr besondere Orte. Denn sie sind extra dafür gebaut worden, damit Menschen sie aufsuchen und wieder Orientierung gewinnen können. Orte, in denen es möglich ist, einmal wieder Abstand zu nehmen vom nicht selten bedrückenden Alltag. Orte, in denen man sein Leben bedenken kann. Die „stille Woche“ vor Ostern, die Karwoche, ist eine gute Gelegenheit dafür.

Unsere kleine Schifferkirche bietet für solches Nach-Denken und Zu-sich-kommen einen Schutz-Raum an. Klaus Czerwinski aus Ahrenshoop, dessen Foto oben eingefügt ist, hat die Atmosphäre im Innenraum präzise eingefangen.

Das Ahrenshooper Kirchlein ist ein Ort der Besinnung und Stille.

Nicht nur in der Karwoche.

Gut, dass sie da ist und aufgesucht werden kann.

  1. wer die Beiträge über das Kirchlein kontinuierlich verfolgen möchte, kann auch unsere Facebook-Seite abonnieren, die nur dem kleinen Kirchlein an der Küste der Ostsee gewidmet ist. ↩︎

Schifferkirche Ahrenshoop – Der Eingang

Schifferkirche Ahrenshoop – Der Eingang

Wenn man die Kirche betreten will, muss man durch die kleine verglaste Eingangstür. Viele Menschen öffnen diese Tür einfach wie man eben eine Tür öffnet und betreten den Kirchenraum, wie man halt einen Raum betritt. Nicht wenige Menschen haben aber gerade etwas übersehen: Über der Tür nämlich sind 3 Zeichen angebracht. Ein „A“ vielleicht? In der Mitte ein durchkreuztes „P“ vielleicht und rechts vielleicht ein „O“? Für nicht wenige Menschen sind diese Zeichen völlig rätselhaft. „Irgendwas mit Kirche“ denkt man sich vielleicht flüchtig. Wollen wir uns also diesen rätselhaften Zeichen nähern:

Wenn ich im Herbst eines Jahres als Kurpastor auch in Ahrenshoop bin, setze ich mich hin und wieder einfach in die kleine Kirche und nehme wahr, was da um mich herum passiert. Ich nehme Menschen wahr, die still in der Bank sitzen, schauen, ruhig sind, Pause machen. Vielleicht sprechen sie ein Gebet, vielleicht denken sie an ihre Familie oder an Freunde oder daran, daß sie nun, am Ende ihres Urlaubs, wieder auf die Reise müssen. Vielleicht denken sie an den Unfall zurück, der sie in die nahe gelegene Reha-Klinik geführt hat. Vielleicht denken sie voller Sorge an eine unangenehme Behandlung, die ihnen noch bevorsteht. All das weiß ich nicht. Ich sehe nur Menschen, die still in der Kirchenbank sitzen.

Andere Menschen nehme ich wahr, die kommen mit schon gezückten Fotoapparaten in die Kirche gestürmt. Sie öffnen laut die Tür, sprechen, wenn sie den Raum betreten, sie nehmen auch nicht die Kopfbedeckung ab, all das ist ihnen nicht vertraut, sie wollen nur „ein schnelles Foto“ machen, gehen auch gleich bis ganz nach vorn durch, würden am liebsten auch den kleinen Altarraum erstürmen. Sie sind sehr unruhig, wollen schnell das ihrer Meinung nach Wichtigste „mitnehmen“, sind keine fünf Minuten in der Kirche – und schon sind sie wieder draußen auf ihrem weiteren Weg. Und haben das vielleicht Wichtigste dieses Raumes gar nicht bemerkt.

Ich sitze während des Überfalls in der Kirchenbank und denke daran, daß all diese Menschen gerade unter diesen drei Zeichen da über der Eingangstür hindurchgegangen sind. Manche haben die Zeichen bemerkt, andere haben sie übersehen. Egal, ob man die Zeichen bemerkt hat oder nicht – sie gelten. Sie sind aus Stahl gefertigt. Stehen fest und klar oben über der Eingangstür.

Diese drei Zeichen wurden mit großem Bedacht ausgewählt und genau dort angebracht, wo man sie jetzt findet: über dem Eingang. Sie tragen eine Botschaft. Sie gelten für alle Menschen, die die Schifferkirche betreten, sie sind wie ein stiller unaufdringlicher Segensspruch, der für alle gilt, die diesen schönen Ort aufsuchen, deswegen stehen sie über dem Eingang.

„Komm herein und setze Dich, Du bist hier willkommen. Auch für Dich und Dein Leben gilt: „Christus ist das Alpha und das Omega. Er ist der Anfang von allem und das Ende von allem. Er ist alles in allem. Hier ist alles, was Du in Deinem tiefsten Innern suchst.“
Dabei stehen „Alpha“ und „Omega“ für den ersten und den letzten Buchstaben des griechischen Alphabets, für „Anfang“ und „Ende“ also. Und in der Mitte? Da sehen wir ein griechisches „chi“ für unser „ch“ und ein griechisches „ro“ für unser „r“ – der Beginn des griechischen Wortes „christós“, das wir als „Christus“ kennen und oft mit einem Eigennamen verwechseln, obgleich es sich um einen Titel handelt. In den zwei Buchstaben „chi“ und „ro“ ist ein Glaubensbekenntnis versteckt: ausgeschrieben heißt dieses Bekenntnis: „Ich glaube, dass der Zimmermannssohn Jesus von Nazareth, von dem im Neuen Testament die Rede ist, der erwartete Heiland der Welt ist – der „Christós“. Das „Chi-Ro“, das Christusmonogramm, ist neben Kreuz und Fisch das am häufigste Symbol für Jesus Christus seit der Antike. Wenn der Architekt also das Christusmonogramm über den Eingang der jüngsten der drei Kirchen der Kirchgemeinde Prerow anbringt, wenn er seiner modernen Architektur dieses antike Symbol anfügt und sogar prominent ganz vorn, gleich über dem Eingang anbringt, dann stellt er den gesamten Bau in eine über tausendjährige Tradition. Diese moderne Kirche „knüpft an“ an die uralte Geschichte der Christenheit und wiederholt eines der ältesten Zeichen der Christenheit – das Christusmonogramm „Chi-Ro“.

Wir haben also „Alpha“ – „Chi-Ro“ – und „Omega“.
Die drei Zeichen über Tür bedeuten nun, insgesamt gelesen:
„Der Erlöser der Welt, der Heiland, der „christós“, dem dieses Haus geweiht ist, und der „in der Mitte“ angebracht ist, der ist der Anfang und das Ende von allem, was ist.“
Er steht also auch über Deinem Leben, so, wie diese drei Buchstaben über der Tür stehen, durch die Du gerade gegangen bist. Manchmal bemerkst Du es, oft bemerkst Du es gar nicht.

Wenn Du also das nächste Mal die schöne kleine Schifferkirche in Ahrenshoop betrittst, achte einmal auf diese drei Zeichen gleich über der Eingangstür. Du Mensch, der Du als Besucher, als Urlauber, als flüchtiger Gast, als Kranker vielleicht, als Suchender vielleicht, als Dankbarer vielleicht dieses Haus Gottes betrittst – auch für Dich gilt, was da oben über der Tür geschrieben steht: Gott ist der Anfang und auch die Erfüllung Deines Lebens. Er steht über Deinem Leben und hält Dich, ob Du es bemerkst oder nicht. Du kannst ihm vertrauen und Deinen Weg weitergehen als gesegneter Mensch.

Anmerkung: wenn Sie unseren Beiträgen über die Schifferkirche in Ahrenshoop kontinuierlich folgen möchten, können Sie auch die Seite bei Facebook abonnieren, die Sie über folgenden QR-Code erreichen können:

Menschenwürdig sterben. Das Hospiz in Stendal/Altmark

Menschenwürdig sterben. Das Hospiz in Stendal/Altmark

Ulrich Paulsen hatte gerufen und alle waren sie gekommen.

Der Ministerpräsident, die Sozialministerin, der Landrat, der Oberbürgermeister, der MDR, die Zeitung, die Sparkasse, die Regionalbischöfin, der Superintendent und viele viele Stendaler. Oben in der Bergstraße, die zu Ost-Zeiten auch mal Wilhelm-Pieck-Straße hieß, an der Ecke zur Mannstraße steht nun der Neubau vom Hospiz Stendal.

Meine Frau und ich waren extra aus Berlin angereist, weil wir im Vorgängerhaus des schönen Neubaus unsere Kindheit bzw. Schulzeit verbracht haben. Stendal ist uns vertraut und uns hat natürlich interessiert, wie es nach dem Abriss des alten Gemeindehauses, in dem wir gelebt haben, weitergehen würde.

Nun wissen wir es, denn der Neubau für das Hospiz in Stendal wurde gestern, am 15.8.2024 offiziell eröffnet, MDR und Volksstimme werden sicher darüber berichten. Es ist schön geworden, es ist gut geworden und eines gefällt mir besonders: dieses Projekt wurde und wird von mehr als 120 Haupt- und vor allem Ehrenamtlichen in der ganzen Altmark getragen, deshalb zeigt das Titelfoto für diesen kleinen Beitrag auch einen Teil der Ehrenamtlichen, die sich sowohl mobil (also bei den kranken Menschen zu Hause) als auch stationär (also z.B. im Neubau in der Bergstraße in Stendal) in der gesamten Altmark um die sterbenskranken Menschen kümmern.

Viele Reden wurden gehalten, viel wurde geklatscht. Wir haben gesungen miteinander, Auszeichnungen wurden verliehen. All so etwas gehört zur Routine einer Bau-Eröffnung.

Wenn man jedoch den Applaus des Publikums einmal zum Maßstab für öffentliche Anerkennung nimmt, dann hatten die Ehrenamtlichen ganz klar den Hauptgewinn des gestrigen Tages.

Das Haus ist gut geworden. Für 10 Gäste ist sehr guter Platz. Die Zimmer sind hell und geräumig, die BetreuerInnen haben guten Raum für ihre Arbeit. Die größeren Gemeinschaftsräume sind durch verschiebbare Wände vielfach nutzbar. Ein sehr guter Ort. Und wenn die Außenanlagen im Herbst, wenn wieder gepflanzt werden kann, angelegt werden, dann wird die Sache „rund“. Hier kann man am Ende des Lebens wirklich „ankommen“. Hier kann man Heimat finden. Ein guter Ort, um in Würde den Lebensweg zu beenden. Hier ist man in wirklich guten Händen. Die MitarbeiterInnen sind bestens ausgebildet, sie werden ständig weitergebildet, hier arbeiten Profis, man merkt es sofort, wenn man mit ihnen spricht.

In nur anderthalb Jahren wurde der Neubau realisiert, die Baugeschichte ist auf der Homepage vom Hospiz Stendal erzählt. Ca. 5 Millionen Euro hat die Sache gekostet, etliches davon kam aus öffentlichen Geldern, aber auch sehr sehr viel aus Eigenmitteln der Diakonie und vor allem aus Spenden. Das Projekt ist fast ausfinanziert, es fehlen noch ca. 30.000 Euro, wie mir Pastor Ulrich Paulsen gestern anvertraute.

Deshalb schicke ich hier nochmals die Kontoverbindung, für alle die Menschen, die das Hospiz in Stendal unterstützen möchten:

Hospiz Stendal Kreditinstitut: Kreissparkasse Stendal
IBAN: DE96 8105 0555 3010 0231 02
BIC: NOLADE21SDL

Begegnungen. Ein Podcast aus Berlin. (2) Nana Dorn. Pastorin im „Ostsee-Viertel“ Berlins.

Begegnungen. Ein Podcast aus Berlin. (2) Nana Dorn. Pastorin im „Ostsee-Viertel“ Berlins.

Derzeit entsteht die größte evangelische Gesamtgemeinde Berlins im Norden der Metropole. Drei ehemals selbständige, große Gemeinden mitten in riesigen Neubaugebieten wollen ihre Zusammenarbeit weiter verstärken und ihre Sichtbarkeit im Kiez (hier leben mittlerweile etwa 120.000 Menschen) verbessern. Die Beschlüsse sind alle gefasst, noch im April wird das Projekt auch offiziell mit einem Feier-Tag aus der Taufe gehoben. Mich interessiert dieser Prozess, weshalb ich mit einzelnen Akteuren Interviews führe. Mit der Vorsitzenden des Gemeindekirchenrates, Petra Wüst, hatte ich bereits gesprochen. Heute nun ein Gespräch mit Nana Dorn, seit 10 Jahren Pastorin in „Hohenschönhausen-Nord“, einem Stadtteil von Hohenschönhausen und damit Teil Lichtenbergs. Man nennt diesen Kiez auch das „Ostsee-Viertel“, weil es hier Straßen wie „Darßer Straße“, „Zingster Straße“, Ahrenshooper Straße“ und so weiter gibt.
Das etwa einstündige Gespräch habe ich aus praktischen Gründen dreigeteilt.
Im Teil 1 hören wir eher Biografisches von Nana Dorn, damit die Hörerinnen und Hörer ein Gefühl dafür bekommen, „mit wem wir es eigentlich zu tun haben.“ Wir sprechen auch über Heinrich Grüber, den Namenspatron des Zentrums.


Teil 2 macht das „Heinrich-Grüber-Zentrum“ am Berl 17 auch als Gebäude hörbar, das im Jahre 1983 erbaute und 1988 geweihte neue Gemeindezentrum, das in diesem Jahr 35-jähriges Jubiläum feiert. Die Geschichte des „Heinrich-Grüber-Zentrums“ ist auch deshalb interessant, weil sie von der Vergangenheit erzählt, als Berlin noch geteilt war. Wir erfahren Interessantes von der staatlichen „Kirchenpolitik“ der DDR – und von den Neuanfängen nach 1990, als der große Umzug begann. Ein Glasfenster spielt in diesem Teilbeitrag eine besondere Rolle, weshalb es auch gezeigt werden soll:


Teil 3 gibt uns einen guten Einblick in die sozialen Problemlagen im Kiez: eine große vietnamesische Community; soziale Probleme wie Armut, Alkohol, fehlende Angeboten für Jugendliche, Gewalt in Familien und erzählt davon, wie sich sowohl die Kirchgemeinde als auch die Diakonie mit ihrer Jugendarbeit dort einmischt und engagiert, wo die Probleme besonders drückend werden. Über das Sozial-Projekt „Leib und Seele“ werde ich noch extra einen Podcast anfertigen, auch über die offene Jugendarbeit im Projekt der Diakonie SPIK e.V., von deren Arbeit im Beitrag schon die Rede ist.

Nachtrag: wer sich etwas genauer mit Heinrich Grüber befassen möchte, dem sei zum Beginn seiner Studien dieser Dokumentarfilm empfohlen:

Die Tabor-Kirchgemeinde Berlin-Hohenschönhausen zwischen 1933 und 1945. Ein Beitrag zur Regionalgeschichte (2)

Die Tabor-Kirchgemeinde Berlin-Hohenschönhausen zwischen 1933 und 1945. Ein Beitrag zur Regionalgeschichte (2)

Am 30. 1. 1933 war Hitler Reichskanzler geworden. In großer Eile gingen die Nazis daran, demokratisch gewählte Vertretungen (Gewerkschaften, Parteien etc.) entweder zu verbieten, ihre Funktionäre in Gefängnisse und KZs zu stecken – oder sie „gleichzuschalten“. Das betraf auch die Evangelische Kirche. Durch Erlaß des „Staatskommissars“ für Kirchenfragen (August Jäger) vom 25. Juni 1933 galten die kirchlichen, demokratisch gewählten Körperschaften wie die Gemeindekirchenräte als „aufgelöst“, wie das folgende Dokument auch für Hohenschönhausen zeigt:

Quelle: Evangelisches Gemeindeblatt vom 1. Juli 1933 für Hohenschönhausen; aufbewahrt im Stadtmuseum Lichtenberg

Pastor Dr. Kurth bestellte den Land- und Amtsgerichtsrat Dr. Bork und den Diplomingenieur Dierstein mit in die Leitung der Kirchgemeinde, bis die „Körperschaften neu gewählt“ sein würden. Sowohl mit Dr. Bork – mit dem besonders – als auch mit Herrn Dierstein hat Dr. Kurth schwerste Auseinandersetzungen geführt. Beide Herren setzten alles daran, Dr. Kurth „loszuwerden“, aber dazu kommen wir noch ausführlicher in einem späteren Beitrag.
Am 28. Juli 1933 werden die kirchlichen Körperschaften neu „gewählt“. Von freien Wahlen konnte allerdings überhaupt gar keine Rede sein, sogar Hitler selbst hatte noch am Vorabend der Wahlen über den Rundfunk zugunsten der „Deutschen Christen“ gesprochen. Entsprechend gingen diese „Wahlen“ aus: in Hohenschönhausen setzten sich die nationalsozialistisch gesinnten „Deutschen Christen“ zu 100% durch. Im evangelischen Gemeindeblatt heißt es lapidar: „Kampflos ist in unserem Ort die Kirchenwahl verlaufen. Bereits bei der vorigen Wahl hatte die Glaubensbewegung „Deutsche Christen“ die absolute Mehrheit erhalten…….“

Quelle: evangelisches Gemeindeblatt für Hohenschönhausen, 1. 7. 1933, Stadtmuseum Lichtenberg.
Für unsere Untersuchungen sind nun die Namen der „Gewählten“ interessant. Zwei Gremien waren zu bestimmen: der „Gemeindekirchenrat„, also der eigentliche, innere Kern der Gemeindeleitung und zusätzlich die „Gemeindeverordneten„, die eine breite „Absicherung“ der Kirchgemeinde in der Gesamtgesellschaft in Hohenschönhausen sicherstellten.
Zum engeren Leitungskreis um Pastor Dr. Kurth gehörten nun (allesamt „D.C.“)
1. Fritz Dierstein
2. Friedrich Hagen
3. Hannes Haak
4. Dr. Günther Bork
5. Fritz Koch
6. Emil Briesemeister
7. Johannes Moll
8. Heinrich Haehn
9. Hugo Trembinski
10. Johannes Leutke
11. Wilhelm Müller
12. Curt Papsdorf
Von den Gemeindevertretern will ich die Nr. 21 hervorheben: Richard Vahlberg. Das war der Ortsgruppenleiter der NSDAP in Hohenschönhausen. Vahlberg gehörte zu den „alten Kämpfern“ um Adolf Hitler. Er war schon 1931 „Sektionsleiter“ der NSDAP in Hohenschönhausen, wie das folgende Dokument nachweist: (Auszug aus der „Geschichte der NSDAP in Weißensee“. Aus der Festschrift zu 700 Jahre Weißensee im Jahre 1937, S. 97)

Nr. 25 unter den neu bestimmten „Gemeindevertretern“ findet sich Willi Hausen, war „Gemeindegruppenleiter der Deutschen Christen“, wie aus folgendem Dokument hervorgeht, auf das wir noch gesondert zu sprechen kommen: es handelt sich dabei um eine „Unterschriftenliste“, die Dr. Bork, ein Intimfeind von Pastor Dr. Kurth, im Jahre 1935 gegen den Pastor gesammelt hat, um seine Versetzung in den Ruhestand zu erzwingen. (Quelle: Kirchliches Zentralarchiv ELAB 14/5222)

Im nächsten Blog-Beitrag will ich etwas näher auf die „gesellschaftlichen Verhältnisse“ im Hohenschönhausen jener Jahre eingehen, weil sie für das Verständnis der vorliegenden Dokumente notwendig sind.

Die Tabor-Kirchgemeinde Berlin- Hohenschönhausen zwischen 1933 und 1945. Ein Beitrag zur Regionalgeschichte (1)

Die Tabor-Kirchgemeinde Berlin- Hohenschönhausen zwischen 1933 und 1945. Ein Beitrag zur Regionalgeschichte (1)

Kirchengeschichte ist Teil der allgemeinen Geschichtsschreibung. Will man die Geschichte eines ehemaligen Dorfes im ehemaligen Landkreis Barnim in den Jahren zwischen 1933 und 1934 erkunden, muss man sich mit den Ereignissen in der evangelischen Kirchgemeinde befassen, denn sie waren wesentlicher Teil der Ereignisse im Dorf. Die Kirchgemeinde hatte in jenen Jahren immer noch großen Einfluss und es war nicht unerheblich für das gesamte Dorf Hohenschönhausen (seit 1920 Teil Berlins), wie der Pastor und der Gemeindekirchenrat dachten und sich verhielten.
Umgekehrt ist die Darstellung der Verhältnisse in der evangelischen Kirchgemeinde auch Spiegelbild der allgemeinen Verhältnisse im ehemaligen barnimschen Dorf Hohenschönhausen, das 1933 seit 13 Jahren zu Berlin gehörte.
Wesentlich waren in den zu beschreibenden Jahren zwei Pastoren:
Dr. Julius Kurth und Pfarrer Albrecht Neuberg.
Julius Kurth (von 1910 bis 1935 Pastor in Hohenschönhausen) gehörte seit 1933 zu den „Deutschen Christen“, Albrecht Neuberg (1936 – 1945 Pastor in Hohenschönhausen) galt im Urteil von Gemeindegliedern, mit denen ich Anfang der zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts sprechen konnte, zu den „scharfen NS-Unterstützern.“ Wir werden uns im Folgenden mit beiden Pastoren, aber auch mit dem Gemeindekirchenrat und den kirchlichen Gruppen innerhalb der Gemeinde beschäftigen und versuchen, möglichst exakte Dokumente beizufügen. Wichtigste Quelle sind bislang die Unterlagen über die Kirchgemeinde im Zentralarchiv der Landeskirche und im Lichtenberger Stadtmuseum.
Beginnen wir mit den Pastoren und ihren Porträts. Beide sind in der Sakristei der Tabor-Kirche aufbewahrt.

Dr. Julius Kurth war ein national gesinnter, konservativ eingestellter Privatgelehrter, der sich mit Fragen antiker Kunst bestens auskannte und dazu auch publiziert hat. Grosse-Leege hatte ihn – in seiner Eigenschaft als Patron der Kirchgemeinde – noch berufen.

Kurth ging mit einem Riesenkrach aus der Gemeinde Hohenschönhausen in Pension. Lange Jahre schon gab es Intrigen gegen ihn, er hat das Konsistorium – also seine vorgesetzte kirchenleitende Behörde – mehrfach schriftlich „um Schutz“ gebeten. In seinen letzten Berufs-Jahren 1933 – 1935 waren es vor allem Nationalsozialisten im Gemeindekirchenrat, die ihn „weghaben“ wollten, obwohl er zu den „Deutschen Christen“ gehörte, der hitlertreuen Mehrheit der Berliner Pastoren also. Allen voran ein Dr. Bork, der damals im Rathaus Hohenschönhausen wohnte. Aber auch der Ortsgruppenchef der NSDAP, Vahlberg, war Mitglied im Gemeindekirchenrat und arbeitete gegen Dr. Kurth. Wir werden dem im Einzelnen noch nachgehen.
Zum Gemeindekirchenrat lässt sich sagen: er war schon im Sommer 1933 zu 100% deutsch-christlich, also „hitlertreu“. Allerdings muss man auch da genauer hinschauen. Das werden wir anhand der Dokumente tun.
Der Ortsteil Berlins, um den es geht, war allgemein-politisch eher links: Kommunisten und Sozialdemokraten stellten bis 1933 die Mehrheiten. Das änderte sich allerdings mit der „Machtergreifung“ schlagartig. Ähnlich wie im „roten Wedding“ wurde, was ehemals „rot“ war, überraschend schnell „braun“. Die Rolle der Kirche dabei war nicht unerheblich. Denn man sprach im Dorf über das Verhalten, die Veröffentlichungen und auch die Predigten des Pastors und die Ereignisse im Gemeindekirchenrat.
Das oben als Header eingefügte Titelbild stammt aus dem Jahre 1944. Ich habe es dem Band „1945. Nun hat der Krieg ein Ende. Erinnerungen aus Hohenschönhausen“, zusammengestellt und eingeleitet von Thomas Friedrich und Monika Hansch, herausgegeben vom Museum Hohenschönhausen 1995, auf Seite 145 entnommen.
Die nächsten Texte zum Thema werden unter der Kategorie „Hohenschönhausen zwischen 1933 und 1945“ zu finden sein. Zeitgleich lege ich die Beiträge auf der dafür eingerichteten facebook-Projektseite ab.

Begegnungen. Ein Podcast aus Berlin

Begegnungen. Ein Podcast aus Berlin

Früher habe ich meinen Podcast bei Soundcloud benutzt, um Zeitzeugeninterviews im Zusammenhang mit meinen Buch-Recherchen insbesondere zur NS-Zeit zu dokumentieren.
Podcasts sind gut geeignet für Menschen, die einmal mitten im oder abends nach dem Trubel des Tages ganz in Ruhe zuhören wollen. Hier geht es nicht um Schnelligkeit, sondern um Aufmerksamkeit.
Jetzt will ich den Podcast erweitern. Er wird „Begegnungen“ heißen.
Dabei geht es mir um die Dokumentation von Gesprächen mit Menschen, die mir auf meinem Lebensweg „über den Weg laufen“, wie man so sagt und die ich interessant finde.
Ich beginne mit einer Frau, die bereit war, mit mir über einen langen, keineswegs einfachen Prozess einer Gemeindebildung im Norden Berlins zu sprechen, der deshalb von Interesse ist, weil es sich im Ergebnis um die nun größte Gesamtgemeinde Berlins handelt. Und Petra Wüst ist die Vorsitzende des Parlaments dieser Gesamtgemeinde – Vorsitzende vom Gesamtgemeindekirchenrat. Mich interessiert ihr Blick auf die Vorgänge.
Deshalb habe ich mich bei ihr angemeldet und wir haben uns getroffen, um miteinander zu sprechen.
Wer meine Interviews bei Soundcloud hören möchte: dort sind sie in Playlists thematisch sortiert. Künftig werde ich Podcast-Beiträge auf Soundcloud und auch hier auf WordPress zugänglich machen. Abonnieren und teilen kann man selbstverständlich auch.
Nun also. „Begegnungen. Ein Podcast aus Berlin.“

Episode 1. Petra Wüst. Vorsitzende des Gesamtgemeindekirchenrates der größten Gesamtgemeinde Berlins in Hohenschönhausen. Ein Gespräch im März 2023.
Clip 1. Petra Wüst.
Wie es anfing.

Clip 2. Petra Wüst.
Wenn Straßen Stadtteile trennen, statt sie zu verbinden. Von den Schwierigkeiten der Zusammenarbeit in einem großen Neubaugebiet der Metropole Berlin.

Clip 3. Petra Wüst.
Was mir Hoffnung macht.