Ulrich Paulsen hatte gerufen und alle waren sie gekommen.
Der Ministerpräsident, die Sozialministerin, der Landrat, der Oberbürgermeister, der MDR, die Zeitung, die Sparkasse, die Regionalbischöfin, der Superintendent und viele viele Stendaler. Oben in der Bergstraße, die zu Ost-Zeiten auch mal Wilhelm-Pieck-Straße hieß, an der Ecke zur Mannstraße steht nun der Neubau vom Hospiz Stendal.
Meine Frau und ich waren extra aus Berlin angereist, weil wir im Vorgängerhaus des schönen Neubaus unsere Kindheit bzw. Schulzeit verbracht haben. Stendal ist uns vertraut und uns hat natürlich interessiert, wie es nach dem Abriss des alten Gemeindehauses, in dem wir gelebt haben, weitergehen würde.
Nun wissen wir es, denn der Neubau für das Hospiz in Stendal wurde gestern, am 15.8.2024 offiziell eröffnet, MDR und Volksstimme werden sicher darüber berichten. Es ist schön geworden, es ist gut geworden und eines gefällt mir besonders: dieses Projekt wurde und wird von mehr als 120 Haupt- und vor allem Ehrenamtlichen in der ganzen Altmark getragen, deshalb zeigt das Titelfoto für diesen kleinen Beitrag auch einen Teil der Ehrenamtlichen, die sich sowohl mobil (also bei den kranken Menschen zu Hause) als auch stationär (also z.B. im Neubau in der Bergstraße in Stendal) in der gesamten Altmark um die sterbenskranken Menschen kümmern.
Viele Reden wurden gehalten, viel wurde geklatscht. Wir haben gesungen miteinander, Auszeichnungen wurden verliehen. All so etwas gehört zur Routine einer Bau-Eröffnung.
Wenn man jedoch den Applaus des Publikums einmal zum Maßstab für öffentliche Anerkennung nimmt, dann hatten die Ehrenamtlichen ganz klar den Hauptgewinn des gestrigen Tages.
Das Haus ist gut geworden. Für 10 Gäste ist sehr guter Platz. Die Zimmer sind hell und geräumig, die BetreuerInnen haben guten Raum für ihre Arbeit. Die größeren Gemeinschaftsräume sind durch verschiebbare Wände vielfach nutzbar. Ein sehr guter Ort. Und wenn die Außenanlagen im Herbst, wenn wieder gepflanzt werden kann, angelegt werden, dann wird die Sache „rund“. Hier kann man am Ende des Lebens wirklich „ankommen“. Hier kann man Heimat finden. Ein guter Ort, um in Würde den Lebensweg zu beenden. Hier ist man in wirklich guten Händen. Die MitarbeiterInnen sind bestens ausgebildet, sie werden ständig weitergebildet, hier arbeiten Profis, man merkt es sofort, wenn man mit ihnen spricht.
In nur anderthalb Jahren wurde der Neubau realisiert, die Baugeschichte ist auf der Homepage vom Hospiz Stendal erzählt. Ca. 5 Millionen Euro hat die Sache gekostet, etliches davon kam aus öffentlichen Geldern, aber auch sehr sehr viel aus Eigenmitteln der Diakonie und vor allem aus Spenden. Das Projekt ist fast ausfinanziert, es fehlen noch ca. 30.000 Euro, wie mir Pastor Ulrich Paulsen gestern anvertraute.
Deshalb schicke ich hier nochmals die Kontoverbindung, für alle die Menschen, die das Hospiz in Stendal unterstützen möchten:
Derzeit entsteht die größte evangelische Gesamtgemeinde Berlins im Norden der Metropole. Drei ehemals selbständige, große Gemeinden mitten in riesigen Neubaugebieten wollen ihre Zusammenarbeit weiter verstärken und ihre Sichtbarkeit im Kiez (hier leben mittlerweile etwa 120.000 Menschen) verbessern. Die Beschlüsse sind alle gefasst, noch im April wird das Projekt auch offiziell mit einem Feier-Tag aus der Taufe gehoben. Mich interessiert dieser Prozess, weshalb ich mit einzelnen Akteuren Interviews führe. Mit der Vorsitzenden des Gemeindekirchenrates, Petra Wüst, hatte ich bereits gesprochen. Heute nun ein Gespräch mit Nana Dorn, seit 10 Jahren Pastorin in „Hohenschönhausen-Nord“, einem Stadtteil von Hohenschönhausen und damit Teil Lichtenbergs. Man nennt diesen Kiez auch das „Ostsee-Viertel“, weil es hier Straßen wie „Darßer Straße“, „Zingster Straße“, Ahrenshooper Straße“ und so weiter gibt. Das etwa einstündige Gespräch habe ich aus praktischen Gründen dreigeteilt. Im Teil 1 hören wir eher Biografisches von Nana Dorn, damit die Hörerinnen und Hörer ein Gefühl dafür bekommen, „mit wem wir es eigentlich zu tun haben.“ Wir sprechen auch über Heinrich Grüber, den Namenspatron des Zentrums.
Teil 2 macht das „Heinrich-Grüber-Zentrum“ am Berl 17 auch als Gebäude hörbar, das im Jahre 1983 erbaute und 1988 geweihte neue Gemeindezentrum, das in diesem Jahr 35-jähriges Jubiläum feiert. Die Geschichte des „Heinrich-Grüber-Zentrums“ ist auch deshalb interessant, weil sie von der Vergangenheit erzählt, als Berlin noch geteilt war. Wir erfahren Interessantes von der staatlichen „Kirchenpolitik“ der DDR – und von den Neuanfängen nach 1990, als der große Umzug begann. Ein Glasfenster spielt in diesem Teilbeitrag eine besondere Rolle, weshalb es auch gezeigt werden soll:
Teil 3 gibt uns einen guten Einblick in die sozialen Problemlagen im Kiez: eine große vietnamesische Community; soziale Probleme wie Armut, Alkohol, fehlende Angeboten für Jugendliche, Gewalt in Familien und erzählt davon, wie sich sowohl die Kirchgemeinde als auch die Diakonie mit ihrer Jugendarbeit dort einmischt und engagiert, wo die Probleme besonders drückend werden. Über das Sozial-Projekt „Leib und Seele“ werde ich noch extra einen Podcast anfertigen, auch über die offene Jugendarbeit im Projekt der Diakonie SPIK e.V., von deren Arbeit im Beitrag schon die Rede ist.
Nachtrag: wer sich etwas genauer mit Heinrich Grüber befassen möchte, dem sei zum Beginn seiner Studien dieser Dokumentarfilm empfohlen:
Am 30. 1. 1933 war Hitler Reichskanzler geworden. In großer Eile gingen die Nazis daran, demokratisch gewählte Vertretungen (Gewerkschaften, Parteien etc.) entweder zu verbieten, ihre Funktionäre in Gefängnisse und KZs zu stecken – oder sie „gleichzuschalten“. Das betraf auch die Evangelische Kirche. Durch Erlaß des „Staatskommissars“ für Kirchenfragen (August Jäger) vom 25. Juni 1933 galten die kirchlichen, demokratisch gewählten Körperschaften wie die Gemeindekirchenräte als „aufgelöst“, wie das folgende Dokument auch für Hohenschönhausen zeigt:
Quelle: Evangelisches Gemeindeblatt vom 1. Juli 1933 für Hohenschönhausen; aufbewahrt im Stadtmuseum Lichtenberg
Pastor Dr. Kurth bestellte den Land- und Amtsgerichtsrat Dr. Bork und den Diplomingenieur Dierstein mit in die Leitung der Kirchgemeinde, bis die „Körperschaften neu gewählt“ sein würden. Sowohl mit Dr. Bork – mit dem besonders – als auch mit Herrn Dierstein hat Dr. Kurth schwerste Auseinandersetzungen geführt. Beide Herren setzten alles daran, Dr. Kurth „loszuwerden“, aber dazu kommen wir noch ausführlicher in einem späteren Beitrag. Am 28. Juli 1933 werden die kirchlichen Körperschaften neu „gewählt“. Von freien Wahlen konnte allerdings überhaupt gar keine Rede sein, sogar Hitler selbsthatte noch am Vorabend der Wahlen über den Rundfunk zugunsten der „Deutschen Christen“ gesprochen. Entsprechend gingen diese „Wahlen“ aus: in Hohenschönhausen setzten sich die nationalsozialistisch gesinnten „Deutschen Christen“ zu 100% durch. Im evangelischen Gemeindeblatt heißt es lapidar: „Kampflos ist in unserem Ort die Kirchenwahl verlaufen. Bereits bei der vorigen Wahl hatte die Glaubensbewegung „Deutsche Christen“ die absolute Mehrheit erhalten…….“
Quelle: evangelisches Gemeindeblatt für Hohenschönhausen, 1. 7. 1933, Stadtmuseum Lichtenberg. Für unsere Untersuchungen sind nun die Namen der „Gewählten“ interessant. Zwei Gremien waren zu bestimmen: der „Gemeindekirchenrat„, also der eigentliche, innere Kern der Gemeindeleitung und zusätzlich die „Gemeindeverordneten„, die eine breite „Absicherung“ der Kirchgemeinde in der Gesamtgesellschaft in Hohenschönhausen sicherstellten. Zum engeren Leitungskreis um Pastor Dr. Kurth gehörten nun (allesamt „D.C.“) 1. Fritz Dierstein 2. Friedrich Hagen 3. Hannes Haak 4. Dr. Günther Bork 5. Fritz Koch 6. Emil Briesemeister 7. Johannes Moll 8. Heinrich Haehn 9. Hugo Trembinski 10. Johannes Leutke 11. Wilhelm Müller 12. Curt Papsdorf Von den Gemeindevertretern will ich die Nr. 21 hervorheben: RichardVahlberg. Das war der Ortsgruppenleiter der NSDAP in Hohenschönhausen. Vahlberg gehörte zu den „alten Kämpfern“ um Adolf Hitler. Er war schon 1931 „Sektionsleiter“ der NSDAP in Hohenschönhausen, wie das folgende Dokument nachweist: (Auszug aus der „Geschichte der NSDAP in Weißensee“. Aus der Festschrift zu 700 Jahre Weißensee im Jahre 1937, S. 97)
Nr. 25 unter den neu bestimmten „Gemeindevertretern“ findet sich Willi Hausen, war „Gemeindegruppenleiter der Deutschen Christen“, wie aus folgendem Dokument hervorgeht, auf das wir noch gesondert zu sprechen kommen: es handelt sich dabei um eine „Unterschriftenliste“, die Dr. Bork, ein Intimfeind von Pastor Dr. Kurth, im Jahre 1935 gegen den Pastor gesammelt hat, um seine Versetzung in den Ruhestand zu erzwingen. (Quelle: Kirchliches Zentralarchiv ELAB 14/5222)
Im nächsten Blog-Beitrag will ich etwas näher auf die „gesellschaftlichen Verhältnisse“ im Hohenschönhausen jener Jahre eingehen, weil sie für das Verständnis der vorliegenden Dokumente notwendig sind.
Kirchengeschichte ist Teil der allgemeinen Geschichtsschreibung. Will man die Geschichte eines ehemaligen Dorfes im ehemaligen Landkreis Barnim in den Jahren zwischen 1933 und 1934 erkunden, muss man sich mit den Ereignissen in der evangelischen Kirchgemeinde befassen, denn sie waren wesentlicher Teil der Ereignisse im Dorf. Die Kirchgemeinde hatte in jenen Jahren immer noch großen Einfluss und es war nicht unerheblich für das gesamte Dorf Hohenschönhausen (seit 1920 Teil Berlins), wie der Pastor und der Gemeindekirchenrat dachten und sich verhielten. Umgekehrt ist die Darstellung der Verhältnisse in der evangelischen Kirchgemeinde auch Spiegelbild der allgemeinen Verhältnisse im ehemaligen barnimschen Dorf Hohenschönhausen, das 1933 seit 13 Jahren zu Berlin gehörte. Wesentlich waren in den zu beschreibenden Jahren zwei Pastoren: Dr. Julius Kurth und Pfarrer Albrecht Neuberg. Julius Kurth (von 1910 bis 1935 Pastor in Hohenschönhausen) gehörte seit 1933 zu den „Deutschen Christen“, Albrecht Neuberg (1936 – 1945 Pastor in Hohenschönhausen) galt im Urteil von Gemeindegliedern, mit denen ich Anfang der zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts sprechen konnte, zu den „scharfen NS-Unterstützern.“ Wir werden uns im Folgenden mit beiden Pastoren, aber auch mit dem Gemeindekirchenrat und den kirchlichen Gruppen innerhalb der Gemeinde beschäftigen und versuchen, möglichst exakte Dokumente beizufügen. Wichtigste Quelle sind bislang die Unterlagen über die Kirchgemeinde im Zentralarchiv der Landeskirche und im Lichtenberger Stadtmuseum. Beginnen wir mit den Pastoren und ihren Porträts. Beide sind in der Sakristei der Tabor-Kirche aufbewahrt.
Dr. Julius Kurth war ein national gesinnter, konservativ eingestellter Privatgelehrter, der sich mit Fragen antiker Kunst bestens auskannte und dazu auch publiziert hat. Grosse-Leege hatte ihn – in seiner Eigenschaft als Patron der Kirchgemeinde – noch berufen.
Kurth ging mit einem Riesenkrach aus der Gemeinde Hohenschönhausen in Pension. Lange Jahre schon gab es Intrigen gegen ihn, er hat das Konsistorium – also seine vorgesetzte kirchenleitende Behörde – mehrfach schriftlich „um Schutz“ gebeten. In seinen letzten Berufs-Jahren 1933 – 1935 waren es vor allem Nationalsozialisten im Gemeindekirchenrat, die ihn „weghaben“ wollten, obwohl er zu den „Deutschen Christen“ gehörte, der hitlertreuen Mehrheit der Berliner Pastoren also. Allen voran ein Dr. Bork, der damals im Rathaus Hohenschönhausen wohnte. Aber auch der Ortsgruppenchef der NSDAP, Vahlberg, war Mitglied im Gemeindekirchenrat und arbeitete gegen Dr. Kurth. Wir werden dem im Einzelnen noch nachgehen. Zum Gemeindekirchenrat lässt sich sagen: er war schon im Sommer 1933 zu 100% deutsch-christlich, also „hitlertreu“. Allerdings muss man auch da genauer hinschauen. Das werden wir anhand der Dokumente tun. Der Ortsteil Berlins, um den es geht, war allgemein-politisch eher links: Kommunisten und Sozialdemokraten stellten bis 1933 die Mehrheiten. Das änderte sich allerdings mit der „Machtergreifung“ schlagartig. Ähnlich wie im „roten Wedding“ wurde, was ehemals „rot“ war, überraschend schnell „braun“. Die Rolle der Kirche dabei war nicht unerheblich. Denn man sprach im Dorf über das Verhalten, die Veröffentlichungen und auch die Predigten des Pastors und die Ereignisse im Gemeindekirchenrat. Das oben als Header eingefügte Titelbild stammt aus dem Jahre 1944. Ich habe es dem Band „1945. Nun hat der Krieg ein Ende. Erinnerungen aus Hohenschönhausen“, zusammengestellt und eingeleitet von Thomas Friedrich und Monika Hansch, herausgegeben vom Museum Hohenschönhausen 1995, auf Seite 145 entnommen. Die nächsten Texte zum Thema werden unter der Kategorie „Hohenschönhausen zwischen 1933 und 1945“ zu finden sein. Zeitgleich lege ich die Beiträge auf der dafür eingerichteten facebook-Projektseite ab.
Früher habe ich meinen Podcast bei Soundcloud benutzt, um Zeitzeugeninterviews im Zusammenhang mit meinen Buch-Recherchen insbesondere zur NS-Zeit zu dokumentieren. Podcasts sind gut geeignet für Menschen, die einmal mitten im oder abends nach dem Trubel des Tages ganz in Ruhe zuhören wollen. Hier geht es nicht um Schnelligkeit, sondern um Aufmerksamkeit. Jetzt will ich den Podcast erweitern. Er wird „Begegnungen“ heißen. Dabei geht es mir um die Dokumentation von Gesprächen mit Menschen, die mir auf meinem Lebensweg „über den Weg laufen“, wie man so sagt und die ich interessant finde. Ich beginne mit einer Frau, die bereit war, mit mir über einen langen, keineswegs einfachen Prozess einer Gemeindebildung im Norden Berlins zu sprechen, der deshalb von Interesse ist, weil es sich im Ergebnis um die nun größte Gesamtgemeinde Berlins handelt. Und Petra Wüst ist die Vorsitzende des Parlaments dieser Gesamtgemeinde – Vorsitzende vom Gesamtgemeindekirchenrat. Mich interessiert ihr Blick auf die Vorgänge. Deshalb habe ich mich bei ihr angemeldet und wir haben uns getroffen, um miteinander zu sprechen. Wer meine Interviews bei Soundcloud hören möchte: dort sind sie in Playlists thematisch sortiert. Künftig werde ich Podcast-Beiträge auf Soundcloud und auch hier auf WordPress zugänglich machen. Abonnieren und teilen kann man selbstverständlich auch. Nun also. „Begegnungen. Ein Podcast aus Berlin.“
Episode 1. Petra Wüst. Vorsitzende des Gesamtgemeindekirchenrates der größten Gesamtgemeinde Berlins in Hohenschönhausen. Ein Gespräch im März 2023. Clip 1. Petra Wüst. Wie es anfing.
Clip 2. Petra Wüst. Wenn Straßen Stadtteile trennen, statt sie zu verbinden. Von den Schwierigkeiten der Zusammenarbeit in einem großen Neubaugebiet der Metropole Berlin.
19 Monate Arbeit stecken in dem nun vorgelegten und von der Generalsynode der Evangelischen Kirche in Österreich beschlossenen 13 seitigen Grundsatzpapier.Worum geht es? Es geht darum, eine klar verständliche theologische Begründung für konkretes Handeln der Kirche beim Klimaschutz zu formulieren. Das ist auch notwendig, denn in Zeiten, in denen Klimaschützer überall auf der Welt zunehmend kriminalisiert werden, werden auch in so mancher Kirchgemeinde Stimmen laut, das alles ginge die Kirchen nix an, das sei politisch und habe „mit dem Glauben nix zu tun“. Das Gegenteil ist richtig. Schöpfungsglaube führt zwingend zum Einsatz für Klimaschutz und Klimagerechtigkeit und ist nicht ein „nice to have“, dem man folgen kann oder eben nicht.
Dieser Zusammenhang wird im vorgelegten theologischen Grundsatzpapier durchdekliniert, erklärt und zur Grundlage für Teil zwei der großen Bemühungen: die Evangelische Kirche in Österreich arbeitet an einem eigenen, sehr konkreten Klimaschutzkonzept, das etwa im Juni des kommenden Jahres verabschiedet werden soll. Denn: man will nicht nur reden, was andere tun sollen, sondern man will selber, im eigenen Verantwortungsbereich, konkret und engagiert voran gehen. Das alles ist ein überaus löbliches Unterfangen. Bischof Michael Chalupka hat mich nun gebeten, mir das von der Generalsynode gerade beschlossene paper etwas genauer anzuschauen und meine Eindrücke zu schildern, das will ich in wenigen Strichen gern tun.
Das papier stellt die Evangelische Kirche in Österreich und ihre Bemühungen um Klimaschutz klar in einen internationalen Kontext. Der Hinweis auf ein zentrales Dokument zum Klimaschutz vom Ökumenischen Weltrat der Kirchen bei seiner Tagung in Seoul 1990 stellt den Zusammenhang ebenso her wie der Hinweis auf den Beschluss des ÖRK vom September diesen Jahres unter dem Titel „Der lebendige Planet: Streben nach einer gerechten und zunkunftsfähigen weltweiten Gemeinschaft.“ Wer beide international abgestimmten Papiere aufmerksam liest, erkennt den großen Vorteil, der in der ökumenischen Arbeit möglich wird: der Blick über den engen eigenen „Tellerrand“.
Es ist ein ehrliches, zunächst „nach innen gerichtetes“ Papier, das sich an die eigenen Mitglieds-Gemeinden wendet. Diese Ehrlichkeit sagt mir sehr zu, weil im Kontext von Forderungen zum Klimaschutz zu gern zu viel geheuchelt wird. Man liest Sätze wie: „Als europäische Kirche müssen wir uns der Tatsache stellen, dass wir zu jenem Teil der Weltbevölkerung gehören, der seit langer Zeit mehr natürliche Ressourcen in Anspruch nimmt, als ihm zustehen, und undankbar verschwendet, was doch gerecht zu teilen wäre.“ (S. 4). Oder man liest: „Wir wollen aus der Hoffnung leben. Aber die von uns selbst als Menschheit verursachte Lage der Welt macht es schwer, Hoffnung zu finden.“ (S. 5). Nun allerdings kommt den Evangelischen in Österreich ihre eigene Geschichte zu Hilfe. „In Gestalt von Beharrlichkeit war die Hoffnung ein besonderer Schatz in der Geschichte unserer Kirche ohne den wir heute gar nicht da wären: Evangelische haben in den Jahrhunderten des Geheimprotestantismus an ihrem Glauben festgehalten, obwohl sie äußerlich durch nichts dazu ermutigt wurden.“ Das ist gut biblisch, das entspricht alttestamentlicher Erfahrung. Das trägt. Beharrlichkeit ist der Auftrag. Beharrlichkeit ist der Anfang der Hoffnung. Tue, was dir aufgetragen ist.
Nach 6 Seiten lesenswerter theologischer Begründung wird es schon sehr konkret, auch das gefällt mir sehr. Haben doch derlei Papiere nicht selten den Nachteil, daß man die Konkretion im Bezug auf die eigenen Handlungsmöglichkeiten vergeblich sucht. Anders hier. Hier kann man Ehrgeiziges lesen, ganz offensichtlich schon mal ein kleiner Vorgriff auf das für den Juni erwartete Klimaschutzkonzept der Evangelischen Kirche. Man liest: „Umkehr tut not. Wir sind gefordert, in eine neue Lebensweise aufzubrechen“. (S. 7) Was heißt das konkret? „Wir wollen nach Kräften die Arbeit am Klimaschutzkonzept unserer Kirche unterstützen und mittragen. Mit aller Kraft wollen wir unsere selbst gesetzten Ziele verfolgen – also möglichst bis 2035 klimaneutral sein, bis 2030 alle Ölheizungen ersetzt haben, bis 2035 alle Gasheizungen, bis 2025 auf 100% Ökostrom umgestiegen sein sowie die Energiebuchhaltung und Energieberatung vorantreiben.“ (S. 7/8).
Das lässt sich hören. An dieser Stelle aber eine kleine nachdenkliche Anmerkung zum Begriff der „Klimaneutralität„. Prof. Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und seine Kollegen machen immer wieder deutlich, daß dieser Begriff irreführend und riskant ist. Weil CO2 sich in der Atmosphäre summiert, gibt es keine echte Klimaneutralität. Worum es gehen muss, ist, die Emissionen auf NULL zu senken, das ist häufig nicht im Blick. Man rechnet sich stattdessen lieber „klimaneutral“ etwa nach dem Motto: die Emissionen, die ich nicht vermeiden kann, die muss ich kompensieren (in dem ich z.B. eine Summe X für Aufforstungen zur Verfügung stelle), die Emissionen bleiben der Atmosphäre bei solchem Denken aber dennoch „erhalten“. Deshalb ist das Ziel einer „Klimaneutralität“ bis wann auch immer kein gutes Ziel. Besser und klarer wäre es zu sagen: wir wollen mit unseren eigenen Emissionen bis dann und dann auf NULL sein. (Ein „Rest“ wird immer „kompensiert“ werden müssen. Levermann und andere fordern deshalb auch CO2-entziehende Technologien).
Implementierung. Papiere wie das vorgelegte haben nicht selten ein schweres Schicksal: sie werden mühsam erarbeitet (in unserem Falle über 19 lange Monate) – und verschwinden dann in einem Regal. Dem vorgelegten und von der Synode der Evangelischen in Österreich beschlossenen Papier möge ein solches Schicksal erspart bleiben. Deshalb muss man jetzt genau schauen, wie man es gut und dauerhaft in den Kirchgemeinden und Superintendenturen und Kirchlichen Werken so implementiert, daß es angesichts der immer anstehenden Tagesaufgaben nicht gleich wieder aus dem Blick gerät. Ein etwa halbjähriger Implementierungsprozess (Regionalveranstaltungen) bis zur Verabschiedung des in Arbeit befindlichen Klimaschutzkonzepts könnte da eventuell sinnvoll sein.
Summa: Glückwunsch an die Evangelischen in Österreich! Da ist ein gutes Stück Arbeit gelungen. Man darf gespannt sein auf Teil 2.
Seit gestern weiß ich, daß eine Schwester meines Vaters „vier Jahre lang“, wahrscheinlich von 1934 bis 1938, als Angestellte der Evangelischen Kirchgemeinde in Gartz an der Oder „Ariernachweise“ beurkundet hat. Diese „Arier-Nachweise“ wurden ab April 1933 zunächst für Beamte benötigt, um die „arische Abstammung“ nachzuweisen. Die Nazis wollten den „Beamten-Apparat“ von Juden „säubern“. Wer nicht „arisch“ war, konnte nach Ansicht der Nationalsozialisten kein Beamter sein. Wie aber kann man herausfinden, ob man „arisch“ oder „nichtarisch“ ist? Man braucht die Kirchenbücher der Kirchgemeinden. Und zwar die der evangelischen und auch der katholischen. Denn dort steht fein säuberlich vermerkt, wer getauft ist und wer nicht. Manfred Gailus (Hg) hat in dem Band „Kirchliche Amtshilfe. Die Kirche und die Judenverfolgung im „Dritten Reich“, Vandenhoeck&Ruprecht 2008 umfangreiches Material zum Thema zusammengetragen.
Ab 1933 standen durch die neue Gesetzgebung die Kirchgemeinden plötzlich im Zentrum des öffentlichen Interesses, denn ihre Dokumente entschieden nicht nur über berufliches Fortkommen, sondern schon sehr bald über Leben und Tod. Wer „nicht arisch“ war, konnte zunächst bestimmte Berufe nicht ausüben und spätestens nach der Verschärfung der Gesetzgebung 1935 bestand akute Deportations- und damit Todesgefahr, ab 1942 ohnehin.
Wer also in einem Büro einer Kirchgemeinde mit diesen Fragen beschäftigt war, war direkt beteiligt an der Rassenpolitik der Nazis, ob er oder sie nun selber Mitglied der NSDAP war oder nicht. Selbst Menschen, die „in nichts drin gewesen“ waren wurden so zu Mit-Tätern.
Das ist die unbequeme Wahrheit. Ich muss und will nun herausfinden, was wir über diese Gartzer Angelegenheit exakt dokumentieren und wissen können. Die Schwester meines Vaters hat „vier Jahre lang“, wie mir ihre älteste Tochter am Telefon sagte, solche Arier-Nachweise anhand ihrer Recherche in den Gartzer Kirchenbüchern ausgestellt. Und ihr Vater, mein Großvater also, war der Rendant der Kirchgemeinde, ihr Chef also auch in diesen Dingen. Beide waren folglich direkt involviert in die Rassenpolitik der Nazis und dürften sehr direkt mit der Auswanderung, dem Suizid oder der Deportation von Gartzer Juden befasst gewesen sein. All das gilt es nun zu recherchieren. Meine Hoffnung ist, daß sich im Archiv der Kirchengemeinde noch Protokolle anfinden lassen von den Sitzungen des Gemeindekirchenrates zwischen 1933 und 38. Aus meinen Recherchen in Prerow a. Darß weiß ich, daß dort die Frau Pastor Pleß höchstselbst mit diesen Fragen befasst war. Ich habe unter anderem diese Sache in einer kleinen Studie über den Darß zwischen 1933 und 1945 dokumentiert.
Nun also betrifft das Thema meine Familie direkt. Und meine Aufgabe besteht nun darin, aufzudecken, was noch aufgedeckt werden kann. Wir sind es denen schuldig, die unter der Rassenpolitik der Nationalsozialisten zu leiden hatten.
Wir haben vom Wort gelebt. Das geschriebene und gesprochene Wort war unser Werkzeug. Wenn ich mir heute noch einmal vergegenwärtige, was die Jahre 1987/88 bestimmt hat: es war das geschriebene und gesprochene Wort. Die Nachrichten vom Überfall auf die Berliner Umweltbibliothek, die Verhaftungen nach der Rosa-Luxemburg-Demonstration etc. – so etwas kriegten wir natürlich „über das Westfernsehen“ mit, auch „über das Radio“ – und über Berichte von Menschen, die „dabei“ waren oder jemanden kannten, der „dabei“ war. Viele andere Ereignisse aber, die Basisgruppentreffen, die „Werkstätten“ der Offenen Arbeit, die „Rüstzeiten“ in kirchlichen Heimen und auch die „Jugendversammlung“ wurden staatlicherseits verschwiegen. Nichts war in Radio, Zeitung oder gar Fernsehen davon zu erfahren. Es gab keine Handys, keine schnell aufgenommenen Handy-Videos, keine Chats. Nur wer „dabei“ war, war dabei und konnte erzählen. Es gab wohl auch innerkirchliche Berichte – aber eine offizielle Berichterstattung über unsere Arbeit gab es nicht. Allerdings gab es das geschriebene Wort – vervielfältigt auf einfachen Ormig-Abzügen, mit der Schreibmaschine abgetippt (Ich selbst hab die komplette „Alternative“ von Rudolf Bahro mit der Schreibmaschine mit 10 Durchschlägen abgeschrieben, damit wir sie weitergeben konnten). Bei den Veranstaltungen selbst stand das geschriebene und gesprochene Wort im Mittelpunkt. Die Menschen hörten aufmerksam zu. Es kam „auf die genaue Formulierung“ an, denn vieles verstand man nur „zwischen den Zeilen“, weil es offen nicht ausgesprochen werden konnte. Natürlich war – insbesondere bei Jugendveranstaltungen – auch Musik wichtig, vor allem das gesungene Wort („Vertraut den neuen Wegen“ wurde der Wende-Choral) aber „die Papiere“ von den Synoden, Werkstätten, Rüstzeiten und Versammlungen waren auf eigene Weise wichtig, denn sie konnten abgetippt, vervielfältigt und von Hand zu Hand weitergegeben werden. Wer einen Vervielfältigungsapparat (ORMIG) besaß, war in den Augen der Stasi „im Besitz von Vervielfältigungstechnik“. Sogar Tausendfachstempel zählten schon dazu. Auch beim gesungenen Wort hörte man sehr aufmerksam zu. Liedtexte wurden abgeschrieben, sie gingen von Hand zu Hand. Manch einer fotografierte sie und stellte dann Fotopostkarten davon her, um sie weitergeben zu können.
Texte hatten eine besondere Bedeutung in jenen Jahren. Sorgfalt in der Sprache war tägliche Notwendigkeit. Wenn man sich das Programm der Jugendversammlung anschaut, sieht man die Bedeutung des gesungenen, geschriebenen und gehörten Wortes sofort:
Bei der Jugendversammlung in Gotha war ich verantwortlich für den Freitagabend. Wir hatten uns eine „Motette für drei Sprecher zu einer Pantomime“ überlegt. Das Thema: „Umkehr führt weiter“. Im Folgenden nun will ich das dabei entstandene Drehbuch im blog abbilden, damit man ein Gefühl dafür bekommt, wie wir mit Texten arbeiteten. Vier solcher Drehbücher für den Abend sind erhalten und befinden sich noch in meinem Archiv. Jeder der Sprecherinnen und Sprecher, die Beleuchter, die Musiker, die Helferinnen und Helfer im Hintergrund hatten ein solches Drehbuch. Es war einstudiert wie ein Bühnenstück, das es ja auch war. Wir stellen uns den Abend vor: etwa 300 Jugendliche sitzen im Mai 1988 (über die Aufregungen jener Tage hatte ich in Teil 3 geschrieben) in einer weitgehend abgedunkelten Kirche und sehen diese „Motette für drei Sprecher, Querflöte und Pantomime“. Ich bin Frank Warkus und Andreas Kosmalla für die enge Zusammenarbeit heute noch dankbar, was damals entstanden ist, war vorzeigbar:
Die Wirkung dieses „Impulses“ war stark. Minutenlange Stille, tiefes Schweigen. Es gab Tränen, die jungen Leute waren „angefaßt“, wie man das manchmal sagt. Wir haben das Echo dieses Abends noch lange wahrnehmen können. Die Frage „Sind wir noch brauchbar?“ angesichts der gewaltig gestiegenen Zahl der Ausreisewilligen; die Frage „Sind wir noch brauchbar?“ angesichts der Umweltthemen, der zunehmenden Übergriffe durch Polizei und Staatssicherheit, diese Frage wurden den jungen Leuten drängend. Die nachfolgenden Gespräche in den Kleingruppen (wir arbeiteten mit 40 Untergruppen!) zeigten es. „Wir bleiben hier!“ war eine vielgehörte Antwort auf die Frage: „Gehst Du auch weg?“ Der leichtere Weg wäre es gewesen, wir versuchten, unseren Beitrag zu leisten, damit das Land selbst auf einen neuen Pfad kam, da konnte man nicht einfach „weglaufen“, sondern hatte sich den täglichen Mühen zu stellen. All das schwang mit an jenem Abend. Wir haben später erfahren, dass einige junge Leute nach der Jugendversammlung ihre Ausreiseanträge zurückgezogen hatten. Sie hatten verstanden, dass man nichts verändert, wenn man flieht. Die jungen Leute wurden „hier“, im eigenen Land, gebraucht. Sonst wäre die Mauer niemals gefallen. Aber sie ist gefallen, weil es genügend Menschen gab, die ausharrten, sich verknüpften, unterhakten und gemeinsam für Veränderungen im Lande arbeiteten.
Es hat zahlreiche Reaktionen auf die Jugendversammlung gegeben. Allerdings: Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen berichteten nichts. Wir wurden verschwiegen. Die Staatssicherheit wertete die Sache aus und unter den kirchlichen Mitarbeitern, aber vor allem auch unter den vielen Jugendlichen selbst wirkte die Versammlung noch lange nach. Noch im Jahre 2021 schrieb mir jemand auf facebook, es sei seine „wichtigste Veranstaltung in jener Zeit“ gewesen und ihn noch heute in starker Erinnerung.
Mein Kollege Aribert Rothe in Erfurt hat früh schon in der Kirchenzeitung über die Jugendversammlung geschrieben, später dann hat er einen Text für die „Gerbergasse“ geschrieben, der hier verlinkt sein soll. Mein Kollege Christhard Wagner, der damals sehr engagiert bei der Vorbereitung und Durchführung der Versammlung beteiligt war, hat eigene Erinnerungen an jene Tage, die er vielleicht noch publizieren wird. Mir selbst war wichtig, mit der hier vorgelegten Dokumentation über die Jugendversammlung 1988 etwa 30 Jahre später einen Baustein beizutragen, damit ein genaueres Mosaik-Bild über die späte DDR jener Jahre gezeigt werden kann und wir wegkommen von falschen Klischees, die von Leuten verbreitet werden, die nicht dabei waren.
Als die großen Demonstrationen in Leipzig, Berlin und zahlreichen anderen Städten im Jahre 1988/89 begannen, war das Ende der DDR im Grunde besiegelt. Denn schon lange vorher hatten zahlreiche kirchliche Großveranstaltungen, Gruppeninitiativen, Papiere über all im Lande den Boden für die Veränderungen bereitet. Die Ökumenische Jugendversammlung im Mai 1988 in Gotha gehört ganz sicher mit in diese Reihe. Wir hatten in Teil 1 gesehen, dass die Vorbereitungen für die Versammlung schon früh im Jahre 1987, also mehr als ein Jahr zuvor, begonnen hatten. Bis auf wenige hauptamtliche kirchliche Mitarbeiter wurden die Vorbereitungen von vielen Ehrenamtlichen geleistet. Diese Ehrenamtlichen kannten sich zum großen Teil aus unterschiedlichen kirchlichen Zusammenhängen und Treffen. Der „Kirchentag von unten“ vom 24. – 28. Juni 1987 beispielsweise war Treffpunkt für die Gruppen der „Offenen Arbeit“ der evangelischen Jugendarbeit. Am 4. und 5. Juli 1987 fand in Erfurt eine „Werkstatt“ der Offenen Arbeit statt – wieder eine Gelegenheit, sich zu treffen, Informationen auszutauschen, sich zu verknüpfen. Am 26. September 1987 fand in Weimar ein sogenanntes „Basisgruppentreffen“ statt, an dem viele Vertreterinnen der „Offenen Arbeit“ aus Berlin, Erfurt, Eisenach, Jena und anderen Orten angereist waren. Die jungen Leute trafen sich, berichteten von den neusten Entwicklungen in Berlin und anderen Städten; man hörte von Verhaftungen; man hörte von Problemen Jugendlicher mit dem Staat; man hörte davon, wie kirchliche Mitarbeiter sich verhielten – der enge persönliche Austausch war Kennzeichen dieser Treffen, denn die wenigsten verfügten über ein eigenes Telefon. Eine Kommunikation, wie sie heute normal ist (Handy, Laptop, mail, social media) war damals unvorstellbar. Man musste sich schon in den Zug setzen oder von jemandem im Auto mitgenommen werden zu so einem Treffen, damit man sich informieren und austauschen konnte. Die Bedingungen waren nicht einfach. Wieder ein anderer Arbeitszusammenhang der evangelischen Jugendarbeit, in die ich direkt eingebunden war, war die „Beratung von Wehrpflichtigen„. Zwar gab es offiziell zum Dienst an der Waffe keine Alternative in der DDR. Aber man konnte den Dienst an der Waffe verweigern und sich als „Bausoldat“ mustern lassen – oder „total verweigern“. Letzteres war nicht selten mit massiven Repressalien verbunden, die in nicht wenigen Fällen bis zum Gefängnis und zum Ausreiseantrag führten. Die evangelische Jugendarbeit hatte beispielsweise in Jena einen „Arbeitskreis Wehrdienstfragen beim Stadtjugendpfarramt“ eingerichtet, der regelmäßig Vorbereitungs-Seminare anbot. Im Rollenspiel konnten sich die jungen Männer auf die Musterung vorbereiten und ihre Argumente schärfen, die sie brauchten, um die Musterung auch zu bestehen und „zu den Bausoldaten“ gemustert zu werden. Ehemalige Bausoldaten waren die ehrenamtlichen Leiter dieses Arbeitskreises. Stephan Schack und Andreas Kosmalla gehörten zu den besonders Aktiven in Jena, denen ich noch heute für ihr Engagement dankbar bin. Wir sind nach wie vor in Verbindung. Alle diese Arbeitszusammenhänge der evangelischen Jugendarbeit standen unter Beschuss durch die Staatssicherheit. Besonders die „Offene Arbeit“ und die „Arbeit mit Wehrpflichtigen“ war der Obrigkeit ein Dorn im Auge. Ich finde deshalb in meiner Stasi-Akte zahlreiche Hinweise auf die Beobachtung gerade dieser Arbeitsfelder. Als wir Pastoren und Diakone uns vom 14. – 17. September 1987 zu einem Pastoralkolleg (Weiterbildung) zum Thema „Seelsorge an Wehrpflichtigen“ in Neudietendorf trafen, wurde das Programm von beflissenen Kollegen schon im Vorfeld an die Stasi gemeldet und unmittelbar hinterher von der Veranstaltung berichtet.
Auch die Vorbereitungen der Jugendversammlung in Gotha waren frühzeitig in Kreisen der Staatssicherheit bekannt. Der erste Beleg davon stammt bereits vom 8. Januar 1987 ! (Man erkennt am Datum: „erhalten Cramer am 8.1.87“, dass der Spitzel direkt von der Konferenz berichtet hat.)
„Runge“ berichtet an die Stasi den bis dahin bekannten Planungsstand:
„Die Firma“, wie wir die Staatssicherheit damals auch nannten, war also von Anfang an im Bilde und bekam nun fortlaufend Berichte über den Fortgang der Vorbereitungen. Wie wir mittlerweile wissen, hatte die Staatsicherheit ihre Leute sehr präzise „platziert“: der Jurist, bei dem alle komplizierten Fälle im Zusammenhang mit Wehrdienstfragen zusammenkamen, Wolfgang Schnur, war Stasi-Mann. Er war regelmäßiger Gast bei Tagungen der evangelischen Jugendarbeit und galt als vertrauenswürdiger „Mann der Kirche“ – bis seine andere Seite bekannt wurde. Es gab im Jenaer Konvent Kollegen, die direkt berichtet haben; es gab auch unter den Jugendlichen den einen oder anderen, den man erpresst hatte, für die „Firma“ zu berichten; es gab bis hinauf in die Kirchenleitung gut informierte Stasileute. In der Kirchenprovinz Sachsen besonders schwerwiegend der Präsident des Konsistoriums, Detlef Hammer. Dass wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der evangelischen Jugendarbeit „unter Beobachtung“ standen, dass man unsere Post kontrollierte, das Telefon abhörte, unseren Besuch – insbesondere den aus den westdeutschen Partnergemeinden – überwachte; dass man in unseren Veranstaltungen saß und mitschrieb, – all das ahnten wir, manche wussten es auch, wir gingen jedenfalls davon aus. Wir wussten allerdings nicht, wer berichtete. All das kam erst nach dem Fall der Mauer ans Tageslicht, als die Akten zugänglich wurden. Wir haben uns nicht beirren lassen. Dass Großveranstaltungen wie die Jugendversammlung in Gotha vom Mai 1988 dennoch so stattfinden konnten, wie sie dann stattfanden – obwohl Staatssicherheit und „Abteilung Inneres“ bei den Räten der Städte und der Bezirke von Anfang an bestens im Bilde waren und uns auch Schwierigkeiten machten – dass unsere Großveranstaltungen dennoch stattfinden konnten, das wundert mich heute immer noch. Und ich bin dankbar dafür. Man hat sich später innerhalb der Landeskirchen mit der Problematik „Stasi in der Kirche“ auseinandergesetzt. Die Landeskirchen haben das auf verschiedene Weise getan und auch die Berichte über diese Arbeit fallen verschieden aus. Sie sollen an dieser Stelle auch nicht behandelt werden, das wäre ein großes eigenes Kapitel.
Wir werden in Teil 3 unserer Dokumentation zur Jugendversammlung in Gotha sehen, wie sehr sich die Dinge im Jahre 1988 verschärften, nachdem bei der jährlich stattfinden Demonstration zu Ehren von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg im Januar eines jeden Jahres in diesem besonderen Jahr Bürgerrechtler unter den Demonstranten auftauchten, die sogar noch selbst gemalte Transparente mitgebracht hatten: „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“ (Rosa Luxemburg) stand auf einem dieser Plakate geschrieben. Mehr dazu und wie sich diese Demonstration und ihre Folgen auf die Jugendversammlung in Gotha auswirkte, in Teil 3.
Da ist nun ein neues Projekt entstanden: die Geschichte des Berliner Ortsteils Hohenschönhausen, seit 1920 zu Groß-Berlin gehörend, in der Zeit zwischen 1933 und 1945. Zur Projekt-Seite geht es hier entlang.
Schon erste Rechercheergebnisse zeigen: Hohenschönhausen war bis 1933 überwiegend „links“ bestimmt: klare Mehrheiten für Sozialdemokraten und Kommunisten und ab 1933 klare Mehrheiten für die NSDAP. Die Kirchgemeinde ist „zu 100% mit Deutschen Christen“ besetzt, auch der seit 1910 amtierende Pastor, Orient- und Japan-Spezialist Dr.Julius Kurth gehört den „Deutschen Christen“ an.
Die Bevölkerungszahl in Hohenschönhausen wächst ab Mitte der Zwanziger Jahre schnell, nachdem das Land des ehemaligen Rittergutes parzelliert und als Siedlungsland verkauft worden ist. Deshalb sucht die Kirchgemeinde schon seit Ende der Zwanziger Jahre Hilfspastoren, um Pastor Kurth zu entlasten. Ab 1934 scheint die deutsch-christliche Kirchengemeinde zum Disziplinierungsort für „missliebige“ Pastoren, die der „Bekennenden Kirche“ angehörten, vorgesehen gewesen zu sein, wie der Vorgang um den in Elberfeld arbeitenden Lic. WilhelmNiesel zeigt, dessen „Fall“ hier kurz referiert werden soll.
Niesel war Dozent am Predigerseminar in Elberfeld. Und er gehörte dem gerade frisch gegründeten „Pfarrernotbund“ (später „Bekennende Kirche“) um MartinNiemöller und DietrichBonhoeffer an. Das gefiel nicht allen, wie die hier folgenden Dokumente aus dem Kirchlichen Zentralarchiv Berlin (Akte ELAB 14/15222) zeigen, auf die ich bei meiner Recherche zur Kirchgemeinde Hohenschönhausen zwischen 1933 und 45 eher zufällig gestoßen bin:
Mitte 1935 jedenfalls beschwert sich der Hohenschönhausener Pastor Kurth beim Konsistorium, dass „der Lic. Niesel sich hier noch nicht hat blicken lassen“. Wilhelm Niesel dachte nicht mal im Traum daran, der Versetzung nach Hohenschönhausen zuzustimmen. Er wird vielmehr, statt in die Verbannung nach Hohenschönhausen zu gehen, leitender theologischer Berater bei der „Bekennenden Kirche“.
Diese Dokumente sind in vielerlei Hinsicht interessant. Sie zeigen unter anderem: auch in Kreisen der Kirche gab es Denunziation, Anbiederei an den NS-Staat und andere Unzulänglichkeiten.