Sinti- und Roma-Mädchen als KZ-Häftlinge in Zingst auf dem Darss

Sinti- und Roma-Mädchen als KZ-Häftlinge in Zingst auf dem Darss

Heute gab es einen neuen Textfund: In E. Grählerts Bändchen „Glaube, Liebe, Hoffnung. Eine Liebeserklärung an Zingst“ fand ich einen Text von Bruno Kaiser (1905-1983), der davon berichtet, wie er als junger Forst-Mitarbeiter (Forstmeister in Born war Franz Mueller-Darss) „Anfang des Zweiten Weltkrieges“ junge Häftlingsfrauen aus dem KZ Ravensbrück in Zingst gesehen und auch mit ihnen zusammengearbeitet hat. Ich habe diesen Text heute dem Archiv des KZ Ravensbrück zur Verfügung gestellt, denn das Material über die vielen Außenlager von Ravensbrück ist nach wie vor dürftig. Ich habe den Text durch Anmerkungen in den Fußnoten kommentiert:

Sie winkten noch ein letztes Mal“

In Born war ein Nebenlager des KZ Ravensbrück[1]

Am Anfang des Zweiten Weltkrieges[2] wurde vom Forstamt Darß[3] in Born ein Nebenlager des Konzentrationslagers Ravensbrück eingerichtet. Auf den Zingst kam ein Trupp Zigeunermädchen[4], die für die Forst arbeiten mußten. So wurden sie auch bei der Schilfwerbung[5] in Pramort, Sundische Wiese und Müggenburg eingesetzt, wo an den Binnengewässern reichlich Schilf vorhanden war. Die Mädchen waren auf dem Osthof einquartiert. Hier hatte ich weiter keinen Einblick, nur daß sie öfter an meinem Hause in Müggenburg vorbeikamen, wenn sie hier am Strom bei der Werbung des Schilfes waren. Wenn ich gerade draußen war, wollten sie immer Tabak von mir haben, den ich ihnen auch gab. Es waren schwarze und auch einige blonde Mädchen darunter. Sie trugen blau-weiß gestreifte Häftlingskleider und Holzklotzen an den Füßen.

Ich war damals Haumeister im Revier Sundische Wiese und mit vier weiteren Waldarbeitern erst einmal „uk“ (unabkömmlich) gestellt. Außer einigen forstlichen Belangen, wie das Auszeichnen, Numerieren, Einteilen der Arbeit usw., war ich sonst zur Mitarbeit in der Kolonne verpflichtet.

Zu Heu- und später zur Getreideernte mußte ich mit den Waldarbeiter-Kollegen zeitlich dort mithelfen.

Eines Tages kam der Traktorfahrer mit dem Anhänger von Born und brachte 15 Zigeunermädchen zur Erntehilfe[6]. Die wurden in der ehemaligen Schule in Sundische Wiese untergebracht[7] und von drei uniformierten Frauen mit je einem Schäferhund[8] und Lederpeitsche bewacht. Zur Arbeitszeit kamen sie mit den Mädchen quer über das Feld zum Westhof. Der damalige Statthalter H. Krawutschke und ich besprachen die vorgesehene Arbeit und teilten danach die Kolonne auf. So wurden z.B. die Kornschläge für die weitere Arbeit mit dem Mähbinder rundherum mit der Sense abgemäht. Jeder Mäher von der Forst hatte dann ein oder zwei Mädchen zum Aufbinden der Garben hinter sich. Beim Aufhocken der Garben hinter dem Mähbinder waren wir dann alle in einer Kolonne. Wenn eingefahren wurde, mußten einige draußen auf dem Hänger laden, die anderen in der Scheune mit abladen.

Die drei Bewacherinnen, die von den Mädchen mit „Frau Aufseher“ angesprochen wurden, streiften immer im Feld- und Hofgelände herum und paßten auf, daß keine ausrückten. Die Hunde waren auf den Arm der Häftlinge dressiert[9]. Sollte sich eine davonmachen, so hielten die Hunde sie am Arm fest[10].
Wir brachten immer ein paar Stullen Brot mehr mit und gaben sie den Mädchen[11]. Auch etwas Tabak zum Zigarettendrehen bekamen sie von uns. Obwohl es streng verboten war, den Mädchen etwas zu geben oder mit ihnen zu erzählen, aber darum kümmerten wir uns nicht. Nach Einbringung der Ernte zog unser kleiner Trupp wieder nach Born.

Kurze Zeit darauf war ich auf dem Bahnhof in Zingst, um Lohngelder in Empfang zu nehmen, die immer ein Bote von der Kasse Stralsund für die Forst und Dünenmeisterei brachte. Der Zug lief, von Prerow kommend[12], gerade ein. Da sah ich mehrere[13] Viehwagen, mit denen die Zigeunermädchen und die Bewachung zurück zum KZ Ravensbrück fuhren. Hinter den etwas geöffneten Türen standen einige, die mit uns zusammengearbeitet hatten. Sie winkten noch ein letztes Mal herüber. Vielleicht sind auch diese jungen Mädchen von den Unmenschen in den Gaskammern umgebracht worden.


[1] Dieser Text erschien „in den siebziger und achtziger Jahren“ in der Ostsee-Zeitung, wie im Vorwort zu lesen ist. Das wiederum bedeutet: in den Dörfern des Darß war man in jenen Jahren darüber informiert, daß es in Born ein KZ-Außenlager gab. Um so erstaunlicher ist es, dass es am „Borner Hof“ und am „Forsthaus“ in Born immer noch keine Gedenktafel für die Häftlinge gibt.

[2] Vgl. dazu Bernhard Strebel. Das KZ Ravensbrück. Geschichte eines Lagerkomplexes, Schöningh 2003, S. 431: „In Born auf Darß an der Ostsee bestanden unabhängig voneinander drei kleine – teilweise nur vorübergehend bestehende- Außenlager des KZ Ravensbrück. Das erste bestand im Winter 1942/43. Die dorthin verbrachten ca. 60 weiblichen Häftlinge wurden zum Schilfschneiden für die Rohrmattenflechterei der Texled in Ravensbrück eingesetzt. Es handelte sich ausschließlich um Sinti und Roma.
Dass das erste Lager „im Winter 1942/43“ bestand, kann nicht stimmen. Denn der vorgelegte Bericht notiert einmal „Schilfschneiden“ (eine typische Winterarbeit), andererseits aber „Erntehilfe“ in der Heu- und in der Getreideernte, also im Sommer und im Spätsommer.

[3] Forstmeister in Born war Franz Mueller-Darss (1890-1976), seit 1936 Mitglied der SS, ab 1942 „Beauftragter für das Diensthundwesen“ im Persönlichen Stab des Reichsführers SS Heinrich Himmler, 1945 im Range eines Generalmajors der Waffen-SS.

[4] Vgl. Strebel, a.a.O. 431: „Es handelte sich ausschließlich um Sinti und Roma“.

[5] Das Schilf wurde nach Ravensbrück transportiert und dort durch die Firma TEXLED von weiblichen KZ-Häftlingen zu Schilfmatten verarbeitet. Gegen die TEXLED gab es nach 1945 einen Prozess.

[6] Der Transport der in gestreifter Häftlingskleidung zur Arbeit gebrachten Mädchen ging ganz öffentlich vor sich. Jedermann konnte diesen „Hänger mit den Mädchen“ sehen. Nicht nur zum Schilfschneiden, auch zur „Erntehilfe“ wurden die Häftlinge eingesetzt.

[7] Die 15 Mädchen waren in Zingst untergebracht, um nicht täglich den Weg von Born nach Zingst/Sundische Wiese mit dem Traktor fahren zu müssen, was einen ziemlichen zeitlichen Aufwand bedeutet hätte. Der größte Teil der „etwa 60“ weiblichen Häftlinge war offenbar in Born untergebracht.

[8] Das entsprach dem vom der SS vorgegebenen „Schlüssel“ für die Bewachung von Außenkommandos: 1 Hund auf etwa fünf Häftlingsfrauen.

[9] In einigen KZs zogen sich die Hunde-Ausbilder deshalb Häftlingskleidung an, um die Hunde auf die gestreifte Kleidung „scharf“ zu machen. Vgl. Perz, a.a.O.

[10] Die Hunde und die Hundeführerinnen wurden im KZ Oranienburg (Sachsenhausen) in der „SS-Hundeschule“ ausgebildet. Verantwortlich war der SS-Mann Franz Mueller-Darss aus Born. Vgl. umfänglich zum Thema „KZ-Wachhunde“ Bertrand Perz „….müssen zu reißenden Bestien erzogen werden“. Der Einsatz von Hunden zur Bewachung in den Konzentrationslagern. In: Dachauer Hefte 12, 1996 S. 139 f.

[11] Der Verfasser dieses Erinnerungsberichtes, Bruno Kaiser, war vor 1933 Mitglied der KPD. Das könnte ein Hinweis auf die Stichhaltigkeit dieses Details sein. Denkbar ist allerdings auch, dass dieses Detail nach 1945 „nachträglich“ hinzugefügt wurde.

[12] Die Bahnlinie wurde nach 1945 als Reparationsleistung demontiert. Gegenwärtig gibt es Pläne, die Bahnlinie wieder zu errichten.

[13] Die Gruppe der weiblichen Häftlinge war also offensichtlich größer als die der beschriebenen 15 Mädchen in Zingst, sonst hätte der Zeitzeuge nicht „mehrere Viehwagen“ gesehen. Die Angabe „etwa 60“ von B. Strebel könnte also zutreffen.

Von der SS zur Staatssicherheit. Die Akte Franz Mueller-Darss.

Von der SS zur Staatssicherheit. Die Akte Franz Mueller-Darss.

Heute war ich nun endlich im Lesesaal des Bundesbeauftragten für die Unterlagen der ehemaligen Staatssicherheit der DDR. Ich wollte wissen, was die Stasi über den SS-General Franz Mueller-Darss wusste. Ich hatte schon vor über einem Jahr einen Antrag gestellt, dann kam die Auskunft, man habe „etwas gefunden“. Dann kam Corona.
Nun also endlich die Akte 3685/63 Band-Nr. 1 BStU Archiv der Außenstelle Rostock. MfS BV Rst AOK 3685/63. Wie man an der Aktenkennung gleich erkennen kann: es handelt sich um Dokumente aus dem Jahre 1963.
„Seit 1960“, so ist eingangs zu erfahren, habe man „Kenntnis von dem Franz Mueller“. Das überrascht mich etwas, denn das deutet ja darauf hin, dass man sich bis 1960 noch gar nicht um ihn und seine ehemaligen SS-Männer gekümmert hatte.
Nun aber habe man die „Information erhalten“, dass es noch Bunker gäbe im dunkeln Darss-Wald. Es gäbe auch „bislang unentdeckte Kontakte“ aus den Orten des Darss zu dem Mueller.
Deshalb sei es „aus Gründen der Sicherung der Staatsgrenze Nord“ angetan, einen OP-Vorgang anzulegen, um herauszufinden, wer denn in Born, Prerow, Zingst, Wieck und Wustrow noch alles im Kontakt stünde mit dem ehemaligen SS-Mann.

Es geht der Stasi also darum, in Born, Prerow, Wustrow und drumherum herumzuhorchen, wer im Kontakt mit Mueller stand, wer seine Revierförster und Helfer im Walde waren und wie man sich die Kommunikation zwischen den „Ehemaligen“ eigentlich vorstellen müsse. Jedenfalls ist in der Akte von „dunklen Gestalten“ die Rede und von „noch unentdeckten Bunkern“ und solchen Sachen. Wir schreiben das Jahr 1963. Die Mauer steht seit zwei Jahren.

Im Ergebnis der Untersuchungen der Stasi, die sich von Februar 1963 – Dezember 1963 hinziehen, kommt so allerlei zu Tage. Man erfährt von Menschen, die ehemals in der SS – nun aber in der SED Mitglied sind. Auch finden sich Menschen, die, ehemals bei der SS nun „GI“ der Staatssicherheit sind, Gesellschaftliche Informanten also. Eine Art „Mitarbeiter“.
Man erfährt, „vertraulich“ sei „bekannt geworden“, dass ein „Hans Becker, Fischer; geb. 1.3.12“ den Franz Mueller-Darss bei seiner Flucht 1945 über den Bodden gebracht haben soll.
Davon hatte ich schon munkeln gehört, als ich in Born mit dem einen oder anderen gesprochen hatte.

Die Stasi ist nicht zimperlich. Sie kontrolliert die Post gleich ganzer Dörfer:
Im Maßnahmeplan vom 21. 1. 1963 ist unter Punkt 5 zu lesen:
5.) „Über die Abteilung -M- ist die Postkontrolle über die Darßer Orte Born, Wieck, Prerow und Zingst einzuleiten. Dadurch soll erreicht werden, eventuell bestehende Verbindungen Darßer Einwohner zu dem Mueller auf postalischem Wege aufzuklären. Termin: 15.2.1963; verantw.: Kasulke, Obfw“.

Der Herr Kasulke von der Stasi jedenfalls hat sich redlich bemüht, das geht aus der Akte eindeutig hervor.
Man findet bei der Lektüre noch etwas Interessantes:
Die Stasi wusste aus ihren Recherchen, dass es in Born ein KZ-Außenlager gab. Sie wusste ausserdem, dass die Bunker im Darsser Wald von KZ-Häftlingen ausgehoben worden sein sollen.
Die Akte gibt aber keinerlei Hinweise darauf, dass die Stasi diesen Hinweisen einmal nachgegangen wäre und die Täter zur Verantwortung gezogen hätte. Der „antifaschistische Staat“ hat da offenbar weggesehen.

Stattdessen hat die Stasi ganz offensichtlich ehemalige SS-Leute, die im Umfeld von SS-General Franz Mueller-Darss im Darsser Wald und am „Borner Hof“ (da waren die russischen Kriegsgefangenen untergebracht) „Mitarbeiter“ von Mueller waren, für eigene Zwecke angeworben. Unter Erpressung, versteht sich.
Man liest beispielsweise am 14.6.1961 in einem Vermerk von Abteilung VII/2 „Sachstandsbericht zum operativen Material Mueller u.a.“, daß „Erich Mehl, heute Revierförster in Abshagen Krs. Grimmen (GI der KD Grimmen) „Angehöriger der SS und unter Mueller Revierleiter in Born war.“ „GI steht dabei für „Gesellschaftlicher Informant“ – die Stasi hat ihn „abgeschöpft“ und er hat „berichtet“.

Dass die Staatssicherheit der DDR ehemalige SS-Leute erpresst und für ihre Zwecke dienstbar gemacht hat, ist mittlerweile gut durch Aktenbestände in den Archiven der „Gauck-Behörde“ belegt. Interessant ist dennoch immer wieder, wenn man auf konkrete Belege stößt.
Die Stasi – so wird an den Kopien deutlich werden, die ich mir heute bestellt habe und die ich noch gründlich auswerten will – wusste jedenfalls sehr genau, wer beim Mueller Kutscher war, wer die Köchin war; wer beim SS-Wachpersonal dabei war; wer bei den „Großjagden mit Göring“ dabei war. Man wusste, welche Rolle der „Arzt Dr. Heinrich“ gespielt hat und so weiter und so weiter.

Dennoch hat man im Dezember 1963 die Akte geschlossen und man hat die SS-Belasteten nicht zur Verantwortung gezogen. Ein interessanter Befund, denn es war gerade 2 Jahre her, dass in Jerusalem ein hoher SS-Mann vor Gericht stand. Adolf Eichmann.
Franz Mueller-Darss und Adolf Eichmann könnten sich begegnet sein. Denn Franz Mueller-Darss war oft bei Eichmanns Chef, dem „Reichsführer SS Heinrich Himmler“ zu Gast am Mittagstisch.

27. Januar. Holocaust-Gedenktag und die russischen Kriegsgefangenen in Born a. Darß

27. Januar. Holocaust-Gedenktag und die russischen Kriegsgefangenen in Born a. Darß

104 russische Kriegsgefangene waren im „Borner Hof“ untergebracht. Mitten im Dorf Born auf dem Darß. Man hörte, wenn sie morgens in Holzpantinen zur Arbeit marschieren mussten, singend.
Jeder konnte sie sehen, sie zogen ja mitten durchs Dorf zur Meilerei der SS, die am Ortsrand aufgebaut war.
4 Todesopfer sind bezeugt, vermutlich waren es mehr.
Auf dem Friedhof in Born gibt es eine weit abgelegene Ecke, die von den Dorfbewohnern „das Russengrab“ genannt wird. Wer hier bestattet liegt, bleibt bislang Vermutung. Wahrscheinlich handelt es sich um erschossene Menschen, die aus dem KZ-Außenlager im „Borner Hof“ fliehen wollten.

Es gibt keine Gedenktafel für diese Menschen in Born.

Deshalb erinnere ich an sie. Nicht nur heute, am „Holocaust-Gedenktag“, sondern schon seit beinahe zwei Jahren. Ein Buch ist mittlerweile über das KZ-Außenlager „Borner Hof“ entstanden, eine facebook-Seite bringt die Recherche-Fortschritte.

Wir können die Menschen nicht wieder lebendig machen, aber wir können an sie erinnern. An Meta Zils beispielsweise, die Zeugin Jehovas, die mit drei anderen Zeuginnen beim SS-General Franz Mueller-Darss auf dem Hof schuften musste. Heute ist dort das „Forst- und Jagdmuseum „Ferdinand von Raesfeld„“ untergebracht. Auch dort kein Hinweis auf die „privaten Häftlinge“ des SS-Generals, der zum engsten Kreis von SS-Reichsführer Heinrich Himmler gehörte.

Wir können nicht wieder gut machen, was damals geschehen ist.
Aber wir können daran erinnern.
Damit sich so etwas niemals wiederholt.

Die Gemeinde Born hat im vergangenen Jahr beschlossen, die Geschichte des KZ-Außenlagers, zu dem auch das heutige „Forst- und Jagdmuseum“ gehörte, aufarbeiten zu lassen und hat dafür auch einen beträchtlichen Geldbetrag zur Verfügung gestellt. Dass es dazu kam, hängt auch mit meinen Recherchen zusammen, wenn sie einen kleinen Anstoß gegeben haben, soll es mich freuen. Auch waren Beiträge von Dr. Sternkiker von der Ostsee-Zeitung dem Anliegen sehr dienlich, dafür sei ihm gedankt.
Es ist dringend wünschenswert, dass am Ende der Recherchen nicht nur eine Publikation erscheint, sondern dass auch durch kleine Gedenktafeln im Ort an die Häftlinge erinnert wird.

Erinnerung ist Arbeit. Erinnerung ist manchmal auch sehr unbequem und schmerzhaft, weil Fragen gestellt werden, die man nicht gern gehört hätte. Es ist aber not-wendig, dass diese unbequemen Fragen gestellt werden. Damit ausheilen kann, was gewesen ist.

Weshalb bloggen? Ein Beitrag zur #blogparade unter #liveloveblog


start:talking fragt, ob blogs ein „vergangenes Format“ seien. Ich kann das nicht bestätigen. Gerade für meine historischen Arbeiten könnte ich ohne längere Texte, Fotobeiträge, Sound-Dateien etc. gar nicht angemessen kommunizieren.

Jüngstes Beispiel sind meine Bemühungen, in Born a. Darss eine Gedenktafel am „Borner Hof“ anbringen zu lassen, die daran erinnern soll, dass der „Borner Hof“ zeitweilig ein KZ-Außenlager von #Ravensbrück und #Neuengamme war. Die blog-Beiträge haben zu dieser Diskussion erheblich beigetragen, wie ich aus der Region erfahren konnte. Sie wurden gelesen, sie wurden ausgedruckt, sie wurden diskutiert. Das Thema „kam an“ an der Region – auch durch die Interviews, die hier im blog zum Thema kommuniziert worden sind. Die Kategorie „Darss 1933 – 1945“ fasst die Beiträge sehr gut zusammen, ermöglicht Leserinnen und Lesern, die sich eingehender z.B. mit Regionalgeschichte beschäftigen wollen, die Lektüre der Rechercheergebnisse im Zusammenhang.

All das wäre so allein mit facebook, twitter & co. nicht auf diese Weise darstellbar, weshalb aus meiner Sicht ein eigenes blog als Instrument unverzichtbar ist.

Für mich kommt ein Weiteres hinzu: in einer Welt, die in immer kürzeren „Botschaften“ immer schneller kommuniziert geht Wesentliches verloren. Wesentliches wird erst sichtbar, wenn differenziert argumentiert werden kann. Das aber ist in einem wenige Zeichen enthaltenden tweet nicht möglich. Blogs sind, wenn sie sorgfältig betreut und erarbeitet werden, ein wichtiges „Gegengewicht“ gegen eine oberflächliche Kommunikation, die oft rationaler Argumentation gar nicht mehr zugänglich ist, sondern nur noch in möglicher „Zustimmung“ oder „Ablehnung“ besteht. Eine Kommunikation aber, auf die ich nur noch mit „Zustimmung“ oder „Ablehnung“ reagieren kann, ist keine dem Menschen angemessene Kommunikation mehr.

Deshalb blogge ich weiter. Einmal, um die dringend notwendige Aufarbeitung der NS-Geschichte vor Ort weiter zu unterstützen und zum anderen, um meinen Beitrag für eine differenzierte Auseinandersetzung mit unserer Gegenwart zu leisten.

Mueller-Darss und der „Werwolf“

Mueller-Darss und der „Werwolf“

Der Historiker und Journalist Dr. Edwin Sternkiker von der Ostsee-Zeitung in Ribnitz-Damgarten, der sich intensiv mit der NS-Zeit und auch der Zeit danach auf dem Darss befasst hat und befasst, meint, Franz Mueller-Darss habe am Ende des Krieges im April/Mai 1945 versucht, von seinen Bunkern im Darss-Wald aus Aktionen des „Werwolf“ zu organisieren. Schriftliche Belege dafür habe ich bislang in den untersuchten Akten zu Mueller-Darss nicht gefunden, was auch seltsam wäre, ich will aber dennoch dieser Spur einmal genauer nachgehen.
Gesichert ist, dass sich Mueller-Darss ab dem 30. April 1945 in Bunkern im Darss eingegraben hat.
In seinem Buch „Kein Ort zu bleiben“ (Schweiz 1955) spricht er von zwei Bunkern, im Buch „Verklungen Horn und Geläut“ (verfasst von dem NS-Schriftsteller Wolfgang Frank) ist von vier Bunkern die Rede.
Die Frage ist, weshalb Mueller-Darss nicht auf die Flucht gegangen ist, sondern weshalb er sich überhaupt eingegraben hat. Klar war, „die Russen“ suchten ihn. Er behauptet, „10.000 Mark“ seien auf ihn ausgesetzt gewesen. In seinem Buch „Kein Ort zu bleiben“ behauptet er, er sei „aus Liebe zu meinem Wald“ geblieben, er habe „seinen Lebensinhalt“ auf dem Darss gefunden und wollte deshalb bleiben.
Das ist wenig glaubwürdig. Man bleibt nicht, wenn man mit Kopfprämie gesucht wird, nur weil man einen Wald schön findet.
Glaubwürdiger ist ein anderer Gedanke: dass sich der SS-Mann Mueller „so lange es irgend geht gegen die Russen“ zur Wehr setzen wollte. Mueller-Darss war er verblendeter Russen-Hasser, die Belege dafür sind zahlreich.
Allerdings schreibt er in „Kein Ort zu bleiben“:
„Zwar habe ich meine Waffen vergraben, doch wollen wir sie nicht anrühren. Ich habe keine Lust, Werwolf zu spielen. Das war die letzte verrückte, verbrecherische Idee, die in Berlin ausgeheckt wurde. Der Krieg ist aus, und jeder, der die Waffe och einmal aufnimmt, ist des Todes. Und ist ein Narr!“
Diese Bemerkung wiederum könnte ein nachträglicher Vertuschungsversuch seines Verhaltens sein. Das Buch erschien erst 1955, also zehn Jahre nach den Ereignissen in einer Zeit, in der man nicht gern an seine SS-Vergangenheit erinnert werden wollte.

Klar ist zweitens: Mueller-Darss und Himmlers Beauftragter für die „Werwolf“-Organisation, der SS-Oberführer Hans-Adolf Prützmann kannten sich. Und zwar kannten sie sich gut. Sie waren mehrmals bei Himmler zu Tisch, wie ich anhand des Diensttagebuches von Himmler kürzlich nachgewiesen habe. Mehr noch, sie waren „gute Kameraden“.
Mueller-Darss berichtet im Buch „Verklungen Horn und Geläut“:
„Ich habe auch noch einmal eine Frau gefunden, zudem die Witwe eines Kameraden, ……“ (433 in der 15. Auflage von 1985).
Diese Frau war Christa, geb. von Boddien, verwitwete Prützmann, wie meine Recherchen nachweisen konnten. Ihre Todesanzeige von 2008 gibt den Hinweis. Ihre Söhne unterzeichnen mit „Prützmann“, nicht mit „Mueller-Darß“.
Auch diese enge Verbindung zwischen der Familie Prützmann und Franz Mueller-Darss könnte ein Hinweis dafür sein, dass sich der „Forstmeister“ eher den „Werwölfen“ angeschlossen hat, als einfach in den Westen zu ziehen. Der Darss war militärisches Sondergebiet, Anschläge hätten wirkungsvoll sein können. Allerdings: es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass Mueller-Darss und seine Kumpane, mit denen er im Bunker gesessen hat, tatsächlich Anschläge verübt haben.
Heute fand ich eine englisch-sprachige Aufzeichnung über die „Werwölfe“, die hier im Beitrag eingefügt sein soll. Zu sehen sind unter anderem Reichsführer SS, Heinrich Himmler und sein Werwolf-Organisator Hans-Adolf Prützmann. Auch gibt es einführende Hinweise im „Lebendigen Museum online.“ Klar ist: am Ende des Krieges waren es oft verblendete sehr junge Hitler-Jungen, die als „Werwölfe“ unterwegs waren, wie der Schriftsteller Erich Loest im hier verlinkten Beitrag des ZDF von sich erzählt. In der sowjetischen Besatzungszone sind viele von ihnen zunächst im NKWD-Sonderlager (zum Beispiel in Fünfeichen oder auch in Hohenschönhausen), nicht wenige von ihnen auch im Gulag gelandet. So mancher Ort ist von der Roten Armee beinahe dem Erdboden gleichgemacht worden, nur weil in den letzten Tagen des Krieges solche verblendeten „Werwolf“-Jüngelchen auf einem Kirchturm die Hakenkreuzfahne gehisst haben, obwohl die russischen Panzer schon direkt vor dem Ortseingang standen, wie es in Gartz an der Oder beispielsweise gewesen ist. Dieser Heimatort meiner Familie war bis unmittelbar vor dem Kriegsende fast völlig unversehrt, wurde dann aber zu einer Ruinen-Stadt, als Hitler-Jungen, die sehr wahrscheinlich den Werwölfen zuzurechnen sind, die alte Fahne auf der Kirche gehisst haben. Die militärischen Erfolge, die sich Himmler von den „Werwölfen“ erhoffte, sind nicht eingetreten.

Franz Mueller. Kein Ort zu bleiben. Zürich 1955. Gelesen und kommentiert im Jahre 2020

Franz Mueller. Kein Ort zu bleiben. Zürich 1955. Gelesen und kommentiert im Jahre 2020

Franz Mueller-Darss hat zahlreiche Spuren hinterlassen. Man findet seine SS-Personalakte im Bundesarchiv. Man findet Unterlagen im Archiv der ehemaligen Staatssicherheit, man findet auch Unterlagen im Archiv des Bundesnachrichtendienstes.

Zusätzlich hat Franz Mueller-Darss, der SS-Generalmajor im Persönlichen Stab des Reichsführers SS, Heinrich Himmler auch Bücher geschrieben bzw. schreiben lassen.

Das erste, von ihm geschriebene Buch (das zweite ist vom NS-Schriftsteller Wolfgang Frank) über seine Flucht vom Darß nach Hamburg erschien in der Schweiz im Jahre 1955 unter dem Titel „Kein Ort zu bleiben“. (Meine Kommentarfassung erreicht man durch anklicken).
Das Buch ist der Versuch, seine Biografie zu „glätten“ und dabei auszulöschen, was doch gewesen war. Ich habe das Buch nun gelesen, ausgewertet und mit Anmerkungen versehen, der link dahin ist weiter oben eingefügt. Da das Buch im Buchhandel auch antiquarisch nicht mehr zu bekommen ist, ist die hier vorgelegte Kurzfassung vielleicht für den einen oder anderen hilfreich.

„…die waren nicht mehr da“. Die russischen Kriegsgefangenen in Born a. Darß und was aus ihnen geworden ist

„…die waren nicht mehr da“. Die russischen Kriegsgefangenen in Born a. Darß und was aus ihnen geworden ist

„Was ist eigentlich bei Kriegsende aus den über hundert russischen Kriegsgefangenen geworden, die im „Borner Hof“ untergebracht waren?“ Oft habe ich diese Frage gestellt bei meinen Interviews in Born a. Darß. Niemand konnte es mir beantworten. Man weiß zwar, wann „die Russen“ im April 1945 auf dem Darß ankamen – damit ist die Rote Armee gemeint. Aber man weiß nicht, was aus den „Russen im Borner Hof“ geworden ist. „Die waren dann nicht mehr da“ heißt es lapidar.

Es gibt eine letzte Spur: jene Liste von 35 sowjetischen Kriegsgefangenen, die noch im April 1945 von Born nach Barth ins KZ-Außenlager „überstellt“ wurden. (Quelle: Arolsen Archives).

Man weiß auch, dass es einen Todesmarsch gegeben hat vom KZ Barth ausgehend, der bis etwa Ribnitz-Damgarten geführt hat, da werden einige der Borner Häftlinge, die man nach Barth überstellt hatte, dabei gewesen sein.

Was aber aus den etwa 70 in Born verbliebenen Häftlingen geworden ist – die Spuren verlieren sich bislang im Nebel der vergangenen Jahrzehnte.

Wir wissen mittlerweile allerdings, dass beinahe alle sowjetischen Kriegsgefangenen von der sowjetischen Militäradministration in sogenannten „Prüf- und Filtrationslagern“ interniert und überprüft wurden. Zuständig war der NKWD, der sowjetische Geheimdienst. Der zentrale Vorwurf an die in Deutschland internierten Kriegsgefangenen lautete: „Ihr seid in Wahrheit Kollaborateure, denn ihr habt für die Deutschen gearbeitet.“ Stalin hatte in einem seiner berüchtigten Befehle angeordnet: „Es gibt keine russischen Gefangenen“. Jeder Soldat habe „bis zum letzten Blutstropfen“ zu kämpfen, und solle sich mit der letzten Patrone lieber selbst das Leben nehmen, als in deutsche Kriegsgefangenschaft zu gehen.

Deshalb wurden die Rückkehrer strengstens kontrolliert, ausgefragt und – in vielen tausenden Fällen – erneut verurteilt.

Ich habe heute in Moskau beim Deutschen Historischen Institut bei Dr. Stratievski angefragt, wie man eventuell herausfinden könnte, in welchem dieser Lager die Häftlinge aus Born überprüft worden sein könnten. Vielleicht kennt er eine Spur, ich bin auf seine Antwort gespannt.

Dr. Stratievski kommt im hier eingefügten Dokumentationsfilm von arte zu Wort, in dem es um die sowjetischen Kriegsgefangenen geht, die keineswegs am Ende des Krieges als „Befreite“ nach Hause gehen konnten:

Die Ganoven an Himmlers Tafelrunde

Die Ganoven an Himmlers Tafelrunde

Reichsführer SS Heinrich Himmler lud regelmäßig zum Essen ein. Mittagessen gab es pünktlich um 14 Uhr. Abendessen – je nach Lage – zwischen 20 und 21 Uhr. Ich habe die gerade neu herausgebrachten Diensttagebücher Himmlers der Jahre 1943-1945 auf Treffen zwischen Himmler und Franz Mueller-Darss hin ausgewertet. Ich wollte wissen, mit wem sich Mueller-Darss an Himmlers Tisch getroffen hat. Dieses „Ganoven-Netzwerk“ wurde nach dem Kriege zentral wichtig, als es für viele darum ging, eine neue Identität und eine neue Karriere aufzubauen. Die Recherche der Tischgäste ist nur ein erster Beginn – was aber jetzt bereits sichtbar wird: hier handelt es sich um Ganoven-Netzwerk erster Güte. Viele von denen wurden in Kriegsverbrecherurteilen verurteilt, etliche haben sich das Leben genommen, manche wurden hingerichtet, einige sind geflohen und untergetaucht. Aber: man kannte sich vom Essen beim Reichsführer SS.

Quelle: Diensttagebuch Heinrich Himmler 1943-45, hrsg. Von Matthias Uhl, u.a. Piper, 2020.

  1. Dienstag, 28. Juni 1943 Berchtesgaden

14 Uhr Essen mit SS-Obergruppenführer Lorenz[1], SS-Obergruppenführer von dem Bach[2], SS-Gruppenführer v. Herff[3], SS-Gruppenführer Oberg[4], SS-Brigadeführer Kammler[5], SS-Brigadeführer v. Alvensleben[6], SS-Standartenführer Mueller.
15 Uhr: Vorführung eines Hundeschlittens durch Mueller

  • Mittwoch, 9. Juni 1943 Berchtesgaden.
    20.15 Uhr Essen mit SS-Obergruppenführer Lorenz, SS-Standartenführer Mueller.
  • Donnerstag, 10. Juni 1943 Berchtesgaden (Himmler ist erkältet im Bett)
    15 Uhr Treffen Himmler-Mueller

4. Sonntag, 19. September 1943 Feldkommandostelle Hochwald (Nähe Wolfsschanze, Ostpreußen)
14 Uhr Mittagessen Himmler mit SS-Obergruppenführer Berger[7], SS-Obergruppenführer Krüger[8], SS-Brigadeführer Glücks[9], SS-Standartenführer Mueller, SS-Standartenführer Rode[10], SS-Hauptsturmführer Cantow[11].

5. 17.10 Uhr SS-Brigadeführer Glücks, SS-Standartenführer Mueller
6. 17.50 Uhr SS-Standartenführer Mueller (Vieraugengespräch mit Himmler)
7. 20.10 Uhr Abendessen mit SS-Obergruppenführer von dem Bach, SS-Obergruppenführer Berger, SS-Obergruppenführer Krüger, SS-Standartenführer Rode, SS-Standartenführer Mueller, SS-Standartenführer Lammerding[12].

8. Montag, 20. September 1943 Feldkommandostelle Hochwald
14.00 Uhr Essen Himmlers mit SS-Obergruppenführer Berger, SS-Obergruppenführer Jüttner[13], SS-Brigadeführer Kammler, SS-Brigadeführer Fegelein[14], SS-Standartenführer Mueller, SS-Obersturmbannführer Ruoff[15], SS-Obersturmbannführer Dr. Stumpfegger[16], SS-Sturmbannführer Gräßler[17], SS-Sturmbannführer Reinhardt[18].

9. Montag, 7. Februar 1944 Feldkommandostelle Hochwald
20.30 Uhr Essen Himmlers mit SS-Obergruppenführer Staatsminister K.H. Frank[19]; SS-Obergruppenführer Prützmann[20], SS-Standartenführer Mueller, SS-Obersturmführer Wittmann[21] (LSSAH), Herr Febrans (Begleiter v. SS-Ogruf. Frank), SS-Unterscharführer Fritsch[22].

10. Dienstag, 8. Februar 1944 Feldkommandostelle Hochwald
14.00 Uhr Essen Himmlers mit SS-Obergruppenführer Prützmann, SS-Standartenführer Mueller, SS-Sturmbannführer Kment[23], SS-Obersturmführer Wittmann, Oberleutnant Ritter.

11. Mittwoch, 9. Februar 1944 Feldkommandostelle Hochwald
14.00 Uhr Essen Himmlers mit SS-Obergruppenführer Prützmann, SS-Obergruppenführer Hildebrandt[24]; SS-Standartenführer Mueller; SS-Obersturmbannführer Tiefenbacher[25], SS-Sturmbannführer Christoph, SS-Hauptsturmführer Eicker, Hauptmann Kaatz, Fräulein Lorenz,

12. Montag, 22. Mai 1944 Feldkommandostelle Bergwald (in der Nähe von Hitlers Berghof)
20.00 Uhr Essen Himmlers mit SS-Obergruppenführer Stuckart[26], SS-Gruppenführer Bracht[27], SS-Brigadeführer Kreißl[28], Regierungspräsident Dr. Faust, SS-Brigadeführer Diermann[29], Oberst Flade, SS-Standartenführer Mueller, Dr. Bode[30].

13. Dienstag, 23. Mai 1944 Feldkommandostelle Bergwald (bei München)
14 Uhr Mittagessen Himmlers mit SS-Obergruppenführer Dr. Stuckart, SS-Gruppenführer Simon[31], SS-Gruppenführer Bracht[32], SS-Brigadeführer Kreißl, Regierungspräsident Faust, SS-Standartenführer Mueller, SS-Obersturmbannführer Becher[33], SS-Standartenführer Wagner[34], SS-Sturmbannführer Backhaus

14. Mittwoch, 24. Mai 1944 Feldkommandostelle Bergwald/Sonthofen
13.30 Uhr Gespräch Himmler mit SS-Standartenführer Mueller-Darß

15. 13.45 Uhr Essen mit SS-Gruppenführer Johst[35], SS-Obersturmbannführer D´Alquen[36], SS-Obersturmbannführer Stumpfegger[37], SS-Standartenführer Mueller.

16. Freitag, 16. Juni 1944 Feldkommandostelle Bergwald
14 Uhr Essen mit SS-Obergruppenführer Jüttner, SS-Obergruppenführer Prützmann, SS-Gruppenführer Johst, Generalarbeitsführer Schmückle[38], Oberarbeitsführer Brandstatter, SS-Oberführer Rode[39], SS-Standartenführer Baum[40], SS-Oberführer Mueller, SS-Sturmbannführer Gräßler, SS-Sturmbannführer Wenner, SS-Sturmbannführer Dr. Frank.

17. Sonnabend 17. Juni 1944 Feldkommandostelle Bergwald
21.00 Uhr Essen Himmlers mit Reichsjugendführer Axmann[41], SS-Obergruppenführer Jüttner[42], SS-Obergruppenführer Koppe[43], SS-Gruppenführer Johst, SS-Sturmbannführer Gräßler[44], SS-Hauptsturmführer Reichenbach, SS-Oberführer[45] Mueller, Adjutant von Axmann.

18. Sonntag, 18. Juni 1944 Feldkommandostelle Bergwald
14.10 Uhr Essen Himmlers mit SS-Obergruppenführer von dem Bach, SS-Obergruppenführer Jüttner, SS-Standartenführer Baumert[46], SS-Gruppenführer Johst, SS-Standartenführer Rode[47], SS-Oberführer Mueller, SS-Sturmbannführer Gräßler, SS-Untersturmführer Winkler, Fräulein Lorenz.  

19. Sonntag, 22. Oktober 1944 Pötschendorf
14.00 Uhr Essen[48] Himmlers mit SS-Obergruppenführer v. Herff[49], SS-Standartenführer d’Alquen, SS-Oberführer Mueller, SS-Oberführer Baum[50].

20. Sonnabend, 11. November 1944 München
20.15 Uhr Essen Himmlers mit SS-Obergruppenführer Demelhuber[51], SS-Standartenführer Ax; SS-Oberführer Mueller, SS-Standartenführer Kloth, SS-Gruppenführer Gebhardt, SS-Gruppenführer Johst

21. 00.00 Uhr Gespräch Himmler mit Mueller[52]

22. Dienstag, 16. Januar 1945 Forbach-Gausbach
14 Uhr Essen Himmlers mit SS-Obergruppenführer v.d. Bach[53], SS-Obergruppenführer Jeckeln[54], SS-Brigadeführer Rode, SS-Brigadeführer[55] Mueller-Darß

23. 20 Uhr Essen mit SS-Obergruppenführer Jeckeln, General Hauck[56], SS-Brigadeführer Mueller-Darß, SS-Hauptsturmführer Dr. Groß[57]

24. Mittwoch, 17. Januar 1945 Forbach-Gausbach
14 Uhr Essen Himmler mit SS-Obergruppenführer Jeckeln, SS-Brigadeführer Mueller-Darß, SS-Gruppenführer Ostendorf[58], 2 Generälen und 5 Scharfschützen (Jakob Horn, Georg Kleeberg, Heinrich Lünne, Alfons Ludwig, Karl Maier; vgl. Uhl a.a.O. 1000).

25. Sonntag, 11. Februar 1945 Feldkommandostelle Birkenwald (bei Prenzlau)
20.00 Uhr Essen[59] Himmler mit General Wenck[60], SS-Brigadeführer Mueller-Darß


[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Werner_Lorenz

[2] Bereits im Oktober 1942 hatte Himmler Erich von dem Bach-Zelewski als „Bevollmächtigten des RF-SS für die Bandenbekämpfung“ eingesetzt (Uhl, a.a.O. 31). In den zu „Bandenkampfgebieten“ erklärten Regionen „konnten SS und Polizei willkürlich schalten und walten, die Besatzungsjustiz wurde durch „Standgerichte“ ergänzt, die im Schnellverfahren Todesurteile herbeiführten.1943/44 überzogen Wehrmacht und Polizei fast im Wochentakt einzelne „Partisanenregionen“ mit großen Aktionen. Am 4. August 1944 schickte Himmler von dem Bach nach Warschau und ordnete die systematische Erschießung der Zivilbevölkerung in den umkämpften Vierteln (Ghettoaufstand) an, etwa 160.000 Menschen wurden getötet. (a.a.O. 33).

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Maximilian_von_Herff#:~:text=Maximilian%20Karl%20Otto%20von%20Herff,1942%20Chef%20des%20SS%2DPersonalhauptamtes.

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Oberg

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Kammler

[6]https://de.wikipedia.org/wiki/Ludolf-Hermann_von_Alvensleben

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Gottlob_Berger

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Kr%C3%BCger_(SS-Mitglied)

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Gl%C3%BCcks

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Rode#:~:text=Ernst%20August%20Rode%20(*%209,und%20Generalmajor%20der%20Waffen%2DSS.

[11] https://www.forum-der-wehrmacht.de/index.php?thread/38776-kampfgruppe-cantow/

[12] https://de.wikipedia.org/wiki/Heinz_Lammerding

[13] https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_J%C3%BCttner. 1965 in Bad Tölz gestorben, Lenggries liegt gleich nebenan ….

[14] https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Fegelein. Verheiratet mit Eva Brauns Schwester Gretl ….

[15] https://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_Ruoff

[16] https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Stumpfegger , der Mörder der Kinder von Goebbels und Leibarzt Himmlers …

[17] https://www.the-saleroom.com/en-gb/auction-catalogues/bene-merenti-auktionen/catalogue-id-srbene10002/lot-11142f11-532c-4416-a5d4-a3fc018712e4 zeitweilig Adjutant von Reinhard Heydrich. Sein Totenkopfring war noch zu haben ….

[18] Nicht klar, ob  dieser Fritz Reinhardt gemeint ist https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Reinhardt_(SS-Mitglied) oder der ehemalige Gestapo-Chef in Norwegen: https://www.ardmediathek.de/swr/video/abendschau/ss-sturmbannfuehrer-verhaftet/swr-de/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzExNjYyNDE/  

[19] https://www.wikiwand.com/de/Karl_Hermann_Frank vgl. auch den Bericht über die Hinrichtung von Karl Hermann Frank in der Tschechei: https://deutsch.radio.cz/mai-1946-die-hinrichtung-von-karl-hermann-frank-und-das-schicksal-von-kamil-8620121

[20] https://de.wikipedia.org/wiki/Hans-Adolf_Pr%C3%BCtzmann Nach der Hinrichtung des Kriegsverbrechers Prützmann hat Franz Mueller-Darss dessen Witwe geheiratet. Christa Prützmann, geborene von Boddien, war Muellers dritte Frau.

[21] https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Wittmann_(SS-Mitglied) der „erfolgreichste Panzerkommandant des 2. Weltkrieges“ ….

[22] Unklar: entweder der Mann aus Auschwitz https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Fritzsch oder der Mann aus Sachsen: https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Fritsch_(Politiker)

[23]  https://www.tracesofwar.com/persons/13590/Kment-Wilhelm.htm

[24] https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Hildebrandt

[25] https://portal.ehri-project.eu/units/de-002429-ns_19 aus dem Persönlichen Stab Reichsführer SS. Dem dürfte der Herr aus dem Darsser Wald auch auf den Fluren begegnet sein.

[26] https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Stuckart

[27] https://de.wikipedia.org/wiki/Werner_Bracht#:~:text=Werner%20Bracht%20(*%205.%20Februar,Gruppenf%C3%BChrer%20und%20Generalleutnant%20der%20Polizei.

[28] https://de.wikipedia.org/wiki/Anton_Krei%C3%9Fl

[29] https://de.wikipedia.org/wiki/Anton_Diermann

[30] Könnte der Leiter des Ministerbüros des Innenministers sein. Vgl. Seite 11: https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2006_4_4_lehnstaedt.pdf

[31] https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Simon_(SS-Mitglied)

[32] https://de.wikipedia.org/wiki/Werner_Bracht#:~:text=Werner%20Bracht%20(*%205.%20Februar,Gruppenf%C3%BChrer%20und%20Generalleutnant%20der%20Polizei. Oder Fritz Bracht, der mit Himmler in Auschwitz an der Ermordung von Häftlingen teilnahm: https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Bracht . Für Letzteres spricht auch, dass Mueller mit am Tisch saß, dessen Hunde hatten die KZs zu bewachen.

[33] https://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Becher. Dieser Herr Becher könnte mit seinen zahlreichen Handelsfirmen in Bremen und Umgebung dem Herrn Mueller durchaus behilflich gewesen sein, nach dem Kriege wieder Fuß zu fassen…..

[34] https://de.wikipedia.org/wiki/Horst_Wagner_(Diplomat) der Herr vom Verbindungsbüro ins Auswärtige Amt.

[35] Der „Barde der SS“: https://de.wikipedia.org/wiki/Hanns_Johst oder der Herr von der Einsatzgruppe A: https://de.wikipedia.org/wiki/Heinz_Jost im Kalender von Himmler ist allerdings klar von „JOHST“ die Rede.  

[36] Der Herr vom „Völkischen Beobachter“ und vom „Schwarzen Korps“: https://de.wikipedia.org/wiki/Gunter_d%E2%80%99Alquen, seit 1935 ein alter Vertrauter vom Herrn Himmler

[37] https://de.qaz.wiki/wiki/Ludwig_Stumpfegger der Leibarzt vom Heinrich Himmler, der zuletzt im Führerbunker dabei war. Der konnte dem Herrn Mueller nach dem Kriege allerdings nicht mehr viel nützen, weil er selber schon tot war.  

[38] https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Schm%C3%BCckle_(Politiker)

[39] https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Rode der Spezialist für „Partisanenbekämpfung“

[40] http://www.lexikon-der-wehrmacht.de/Personenregister/B/BaumO.htm

[41] Erst 1996 in Berlin gestorben: https://de.wikipedia.org/wiki/Artur_Axmann

[42] https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_J%C3%BCttner

[43] https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Koppe

[44] Vgl. dazu https://www.wikiwand.com/de/Gesch%C3%A4ftsverteilungspl%C3%A4ne_des_Geheimen_Staatspolizeiamtes

[45] Man hat ihn offenbar befördert.

[46] Aus dem Persönlichen Stab RFSS, Mueller wird ihm öfter über den Weg gelaufen sein: https://portal.ehri-project.eu/units/de-002429-ns_19

[47] https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Rode

[48] Im kleinsten Kreise. Mueller muss sehr „dicke“ gewesen mit dem Himmler gewesen sein, anders sind solche Einladungen nicht erklärlich.

[49] Chef des SS-Personalhauptamtes seit 1942

[50] https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Baum_(SS-Mitglied) der Panzerfahrer ….

[51] SS-Obergruppenführer Demelhuber fungierte als Befehlshaber der Waffen-SS in den Niederlanden, SS-Standartenführer Ax war der Chef seines Stabes (Uhl, a.a.O. 939) vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Maria_Demelhuber. Hier sieht man ihn „mit Hund“. Nach dem Kriege führt seine Spur nach Schleswig-Holstein und zur HIAG. Mueller könnte seine Hilfe in Anspruch genommen haben. Möglicherweise war Mueller selbst Mitglied in der HIAG (was zu prüfen wäre).

[52] „Der RF SS erließ einen Organisationsbefehl für das Diensthunde- und Brieftaubenwesen. Er unterstellte sich diesen Bereich „unmittelbar“ und beauftragte Franz Mueller-Darß, mit dem er mehrmals die Notwendigkeit der Neuordnung der Rekrutierung und Ausbildung von Diensthunden erörtert hatte, mit der Leitung.“ (Uhl, Der Dienstkalender Heinrich Himmlers 1943-1945, a.a.O. S. 939)

[53] Spezialist für „Partisanenbekämpfung“

[54] Verantwortlich für die Ermordung von mehr als 100.000 Menschen, u.a. in Riga. 1946 als Kriegsverbrecher hingerichtet : https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Jeckeln

[55] Offenbar erneut befördert.

[56] Arbeitet nach dem Krieg beim „Evangelischen Hilfswerk“ bei Eugen Gerstenmaier. In diesem Netzwerk waren etliche Altnazis versteckt. https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Wilhelm_Hauck

[57] Vermutlich dieser promovierte Jurist aus Österreich: https://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Gro%C3%9F#:~:text=Kurt%20Gro%C3%9F%20(*%205.,der%20Waffen%2DSS%20und%20Unternehmensberater.

[58] https://de.wikipedia.org/wiki/Werner_Ostendorff . 1945 in Folge einer Brandgranate im Lazarett an Gasbrand gestorben.

[59] Das letzte gemeinsame Essen vor dem Ende des Krieges.

[60] Generalleutnant Walther Wenck, „Hitlers letzte Hoffnung“; Chef der Operationsgruppe des Generalstabes des Heeres, sollte das Unternehmen „Sonnenwende“ koordinieren. (Uhl, a.a.O. 1030) https://de.wikipedia.org/wiki/Walther_Wenck in seiner 12. Armee dienten Hans-Dietrich Genscher und Dieter Hildebrandt. Wenck gelang ein Rückzug nach Westen bis Tangermünde an der Elbe. Im Rathaus von Stendal kapitulierte seine 12. Armee.

Fundsache: der Dienstkalender Heinrich Himmlers (1943-1945) und der „Hundemüller“.

Fundsache: der Dienstkalender Heinrich Himmlers (1943-1945) und der „Hundemüller“.

Es war eine Sensation, als man die verloren geglaubten Blätter mit dem Dienstkalender Heinrich Himmlers für die Jahre 1943 – 1945 im Jahre 2013 in Podolsk in der Nähe von Moskau in einem russischen Archivbestand fand.
Nun (2020) sind sie ganz frisch in einer sorgfältig edierten wissenschaftlich kommentierten Ausgabe bei piper erschienen und stehen der Forschung als erstklassige Quelle zur Verfügung.

Die Jahre 1943 – 1945 sind für unseren Zusammenhang der Erforschung der NS-Geschichte auf dem Darss insofern von Bedeutung, als der Forstmeister und spätere SS-Generalmajor der Waffen-SS, Franz Mueller-Darss in jenen Jahren hauptamtlich im Persönlichen Stab des Reichsführers SS, Heinrich Himmler arbeitete. Er war zuständig für das „Hundewesen“ in Polizei, Wehrmacht und SS.

Himmlers Dienstkalender gibt uns nun exakte Auskunft darüber, mit wem Mueller-Darss im Kontakt war, wann er sich mit Himmler und den anderen Ganoven traf und manchmal wurde sogar vermerkt, worüber gesprochen wurde.

Beispielsweise Sonntag, 19. September 1943. Feldkommandostelle Hochwald.
14.00 Uhr Mittagessen mit SS-Obergruppenführer Berger, SS-Obergruppenführer Krüger, SS-Brigadeführer Glücks, SS-Standartenführer Mueller, SS-Standartenführer Rode, SS-Hauptsturmführer Cantow
17.10 Uhr SS-Brigadeführer Glücks, SS Standartenführer Mueller
20.10 Uhr Abendessen mit SS-Obergruppenführer von dem Bach, SS-Obergruppenführer Berger, SS-Obergruppenführer Krüger, SS-Standartenführer Rode, SS-Standartenführer Mueller, SS-Standartenführer Lammerding. (zitiert nach: Matthias Uhl u.a. „Die Organisation des Terrors. Der Dienstkalender Heinrich Himmlers 1943-1945“ Piper 2020, S. 452)

Beim Gespräch um 17.10 Uhr mit Glücks und Mueller ging es um den vermehrten Einsatz von Hunden bei der Bewachung der Konzentrationslager.

Wir sehen an diesem einen Tag: Mueller gehörte zum engsten Kreis um Himmler, er gehörte zur „Tafelrunde“ und traf sich an Tagen wie diesem gleich mehrfach mit dem Reichsführer SS.

Ich werde mir diese wertvolle mehr als 1000-seitige Quelle, die mir seit gestern zur Verfügung steht, nun genau auf die Kontakte von Mueller-Darss durchschauen und auch seine „Tischgenossen“ genauer in den Blick nehmen, damit deutlicher wird, in was für einem SS-Netzwerk der Hundemüller aus Born a. Darß gearbeitet hat. Was wir jetzt bereits sehen können: Mueller-Darss war keineswegs ein „irgendwer“ im Kreise des Reichsführers SS, sondern gehörte zum inneren Zirkel.

Das „NS-Archiv“ der Staatssicherheit, die „Organisation Gehlen“ und der Schauprozess („Gehlen-Prozess“) im Jahre 1953

Das „NS-Archiv“ der Staatssicherheit, die „Organisation Gehlen“ und der Schauprozess („Gehlen-Prozess“) im Jahre 1953

Die Staatssicherheit der DDR unterhielt ein eigenes, sogenanntes „NS-Archiv“, das heute im Bundesarchiv zugänglich ist.
Die Staatssicherheit der DDR sammelte darin Material gegen NS-Belastete, ehemalige NSDAP-Mitglieder, Mitglieder von SA und SS etc, die im Gebiet der ehemaligen „SBZ – Sowjetischen Besatzungs-Zone“ und ab 1949 der DDR wohnten.
Diese Aktensammlung – die u.a. durch eine geheime Razzia von Schließfächern in Sparkassen und Banken der DDR zustande kam – wurde von der Staatssicherheit jedoch keineswegs nur dazu angelegt, ehemalige NS-Verbrecher zu „entlarven“ und anzuklagen, wie es der offiziellen DDR-Lesart entsprochen hätte, sondern man benutzte diese Akten ganz nach politischem Nutzen. Manche mit schwerer NS-Vergangenheit wurden angeklagt, andere nicht, je nachdem, wie die Stasi den „politischen Nutzen“ einer Anklage einschätzte.

Der Aufstand vom 17. Juni 1953 war noch nicht lange vorbei, da fand im Dezember 1953 der sogenannte „Gehlen-Prozess“ statt. Ein Schauprozess, in dem „Spione“, die innerhalb der DDR für die „Organisation Gehlen“, dem Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes arbeiteten, enttarnt und verurteilt wurden.

Wir wissen mittlerweile, dass der ehemalige SS-Generalmajor Franz Mueller-Darss von Hamburg aus ab 1948 für die „Organisation Gehlen“ und den BND gearbeitet hat. Meine Bitte um Auskunft beim BStU, ob die Staatssicherheit über Mueller-Darss Akten angelegt hat, wurde positiv beschieden, eine Akteneinsicht ist für Anfang November in der BStU vereinbart.

Auf diesem Hintergrund ist ein Dokument von Interesse, das den Kenntnisstand der Staatssicherheit über Aufbau und Arbeitsweise der „Organisation Gehlen“ im Dezember 1953 deutlich macht: man war bestens informiert.
Wir befinden uns im Jahre 1953 mitten im „Kalten Krieg“. Das wird auch an der Sprache deutlich, die im folgenden Tondokument hörbar wird.

Hier nun die etwa anderthalbstündige Urteilsbegründung im Gehlen-Prozess vom Dezember 1953 als Tondokument.

Wir werden auf das Thema Mueller-Darss und Organisation Gehlen wieder zurückkommen, wenn die Akten ausgewertet sind.