Schaefer-Ast 1939. Das Jahr der Entscheidung

Schaefer-Ast 1939. Das Jahr der Entscheidung

Inzwischen habe ich die Personalakte der „Reichskulturkammer“ zu Schaefer-Ast im Landesarchiv in Berlin auswerten können. Mich hat interessiert, ob zutrifft, was Schaefer-Ast nach dem Kriege gleichsam gebetsmühlenartig behauptet: dass er „wegen Mischehe“ und „entarteter Kunst“ „aus der Kammer rausgeschmissen“ worden sei. Das Ergebnis ist ernüchternd. Ich drucke hier nun den Abschnitt aus dem entstehenden Buch über Schaefer-Ast, das Jahr 1939 betreffend, ab:

1939. Scheidung. Exil. Beginn des Zweiten Weltkrieges

Schaefer wird mit seiner jüdischen Frau Steffi die entstandene Lage nach den Novemberpogromen 1938 ausführlich besprochen haben. Man kann sich lange Gespräche, endlose Nächte, etliche Flaschen Wein vorstellen. Was war zu tun? Bleiben oder gehen? Gehen wir alle drei oder nur Susanne und Steffi?

Wir werden in diesem Jahr die Ausreise der gemeinsamen Tochter Susanne mit einem „Kindertransport“, organisiert von Berliner Quäkern sehen; wir sehen die Scheidung von Steffi und deren Ausreise im Juli des Jahres nach England. Am 1. September beginnt der Krieg mit dem Überfall der Wehrmacht auf Polen.

Doch der Reihe nach, denn aktenkundig sind die Bemühungen von Schaefer-Ast, in die Reichsschrifttumskammer aufgenommen zu werden. Es gibt für das Jahr 12 Dokumente in seiner Personalakte, die zu etwas mehr Aufklärung beitragen können.

3.2.1939 Der Reichsminister für Volksaufklärung, an den die Personalakte Schaefer ja Ende 1938 übergeben worden war, teilt in Gestalt von Herrn Hinkel dem Präsidenten der Reichsschrifttumskammer mit, „dass ich die weitere Mitgliedschaft des Albert Schaefer, Berlin, zu Ihrer Kammer bzw. Befreiung von der Mitgliedschaft aus grundsätzlichen Erwägungen ablehne.“[1] Die Personalunterlagen gibt er ebenfalls zurück und bittet, „das Weitere“ zu veranlassen.

18.2.1939 Der Präsident der Reichskammer der bildenden Künste erinnert Herrn „Maler und Pressezeichner“ Schaefer-Ast an die Ausnahmegenehmigung des Herrn Ministers vom 5.7.1938 „auf dem Gebiete der Reichskammer der bildenden Künste tätig zu sein“ und befreit ihn gleichzeitig von der Mitgliedschaft in der Kammer. Er bittet Schaefer, den Ausweis 754 zurück zu geben. Die Befreiung erfolgt unter der Voraussetzung, daß er seine Beiträge bezahlt[2].

20.2.1939 Aktennotiz: „A II (Studt) wünscht Akte Schäfer noch einmal zurück, da Neubehandlung des Falles“[3]  

23. 2. 1939 Der Reichsminister für Volksaufklärung hatte also, wie wir gesehen haben, nochmals um die Personalakte Schaefer gebeten, die ihm nun nochmals mit kurzem Anschreiben überreicht wird.[4]

17.4.1939 Scheidung. Offenbar war man in der Familie Schaefer zu einer Entscheidung gekommen. Steffi war in Gefahr und musste möglichst außer Landes, Tochter Susanne ebenfalls. Albert würde in Deutschland bleiben. Eine Scheidung von der Jüdin Steffi würde ihm im Übrigen beruflich weiterhelfen. So kam es dann auch.

Noch im Mai[6] wird Susanne, mittlerweile 12 Jahre alt, mit einem „Kindertransport“ von Berlin-Friedrichstraße über die Niederlande und dann mit dem Schiff London erreichen.

26.5.1939 Schaefer-Ast bekommt bescheinigt, daß er nun auch noch schriftstellerisch tätig sein darf und gleichzeitig von der Mitgliedschaft in der Reichsschrifttumskammer befreit ist. „Die Einnahmen aus Ihrer schriftstellerischen Tätigkeit haben Sie bei der Kammer, der Sie als Mitglied angehören, jährlich anzumelden.“[7]

Wir halten fest:

Schaefer ist nun Mitglied in der Reichspressekammer, Fachschaft Pressezeichner, dort zahlt er seine Beiträge.

Außerdem darf er als Maler und Grafiker tätig sein (Ausnahmegenehmigung) und er darf schriftstellerisch tätig sein.

Schaefer hat, was er wollte.
Von einem „Rausschmiss aus der Kammer“, von „Berufsverbot wegen Mischehe“ wie er später in seinen Lebensläufen nach dem Kriege sprechen wird, kann überhaupt gar keine Rede sein. Schaefer war immer Kammer-Mitglied. Nach der Scheidung bekam er noch zusätzliche Möglichkeiten der Publikation.

Die drängendste Frage nach den Novemberpogromen innerhalb der kleinen Familie war nun entschieden: Steffi und Susanne gehen, wenn noch möglich. Schaefer-Ast wird bleiben.

Exkurs: Die Kindertransporte

Den Kindern wurde erzählt, sie würden in eine Art Ferien fahren. Es sei schön dort, wohin sie kämen. Man würde nett und freundlich zu ihnen sein und sie könnten sich auf das Abenteuer der langen Reise freuen.

Die Kinder werden gemerkt haben, daß da etwas nicht stimmte. Spätere Zeugenaussagen ehemaliger „Transportkinder“ bestätigen das. Was war der Hintergrund dieser „Transporte?“
Nach den Novemberpogromen 1938 wollten viele Juden Deutschland verlassen, aber kaum ein Land war bereit, Juden aufzunehmen. Allenfalls Kinder würde man aufnehmen. Allen voran Großbritannien. Schon wenige Tage nach den Novemberpogromen in Deutschland nahmen einige einflussreiche JüdInnen und Quäker Kontakt zum britischen Premierminister Chamberlain auf und warben dafür, „wenigstens Kinder für eine Übergangszeit“ in England aufzunehmen. Man bürge auch für alle Notwendige (Kosten, Unterkunft, Pflegefamilien etc.). Der erste Kindertransport fuhr bereits am 1. Dezember 1938. Bis zum Beginn des Krieges im September wurden allein nach England etwa 10.000 Kinder in Sicherheit gebracht. Die Kinder durften nur einen Koffer, eine Handtasche und 10 Reichsmark mitführen. Manche Kinder hatten Glück und kamen bei Verwandten unter. Anderen ging es sehr schlecht in Massenunterkünften. Susanne scheint Glück gehabt zu haben.

Die Kindertransporte sind inzwischen relativ gut erforscht[8] und auch dokumentiert worden[9]. Es gibt auch Filmberichte[10] vom ersten Transport, der mit großem Medieninteresse insbesondere in England aufgenommen wurde.

Vor dem S-Bahnhof Berlin-Friedrichstraße steht ein Mahnmal zur Erinnerung an diese Transporte, so, wie in den anderen Städten, in denen die Transporte ankamen, ebenfalls.

Prof. Wolfgang Benz, einer der kenntnisreichsten Historiker über die Zeit des NS, hat dazu bei S.Fischer publiziert[11].

Die genauen Umstände des Mai-Transportes mit Susanne Schaefer im Jahre 1939 konnte ich bislang noch nicht aufklären und dokumentieren, aber eines ist völlig klar: die Familie Schaefer-Ast war ab Mai 1939 zerrissen. Die Tochter in England, die Frau auf der verzweifelten Suche nach einer Ausreisemöglichkeit, der Vater in einer anderen Wohnung ein paar Häuser weiter.

Die exilierten Kinder konnten nur noch schriftlich mit ihren Eltern in Verbindung bleiben, nach Beginn des Zweiten Weltkrieges nur noch über Formulare des Internationalen Roten Kreuzes.

Nach Steffis Flucht im Juli gab es nur noch zwei erhaltene Brief zwischen den Eheleuten. Beide aus dem Jahre 1939, beide aus Prerow. Dann herrschte Stille. Erst nach dem Kriege, sechs lange Jahre später, kam wieder ein Briefwechsel zustande.

Wir gehen zurück ins Jahr 1939.

26. Mai 1939. Schaefer wird nun, nach der Scheidung von der Jüdin Steffi, vom Staat belohnt. Er erfährt: „Der Herr Präsident der Reichskammer der bildenden Künste hat mit Schreiben vom 16.5.39 die Ihnen für den Bereich der Reichskammer der bildenden Künste erteilte Sondergenehmigung auf die in den Zuständigkeitsbereich meiner Kammer fallenden schriftstellerischen Veröffentlichungen ausgedehnt.“[12] Schaefer-Ast darf nun zeichnen, malen und schreiben.

Nach Susannes und Steffis Ausreise kauft sich Schaefer im Sommer 1939 in Prerow ein kleines Häuschen mit Grundstück.

Der inzwischen ehemals NS-kritische, nun aber „gleichgeschaltete“ Simplicissimus bringt am 4.6.1939 die Grafik „Grand Compliment“[13], die nach all diesen Ereignissen ein wenig seltsam anmutet.  Wen der Schaefer-Ast da wohl meint?

25.6.1939 Schaefer-Ast schreibt von Prerow aus an Steffi, die in Berlin in der Kurfürstenstraße 43 offenbar krank ist, aber dennoch ihr Exil vorbereiten muss:

„Liebe Steffie, heute Morgen das Telefongespräch hat mir wohlgetan, es war mein Sonntag. Zu schade, dass Du so wenig auf dem Posten bist. Hoffentlich stimmt Dich der normale Ablauf etwas ruhiger, und Du erholst Dich auf den Schreck, und Du trittst vergnügt deine Sommerreise[14] an. So musst Du denken. Und siehst Mopsie! und Schottland. Es wird bestimmt alles gut werden. Zu Dienstag (Berlin) möge der Herr Dir Kraft verleihen, das muss schwierig sein.

Wir waren erst einmal am Strand! Kannst Dir denken, wie wir schuften. Also morgen kommt Peter. Ich schreibe dann wieder. Dein Ast.“[15]

28. Juli 1939. Schaefer schreibt von Prerow aus an seine Tochter Susanne in England.

„Prerow, Freitag, 28. Juli.

Liebe Susanne, heute bekam ich Muttis Brief, dass sie schon Mittwoch abgefahren ist.[16] Na! Das müssen ja wunderschöne Tage gewesen sein in Ayr[17]. Mutti war auch ganz begeistert von der schönen Umgebung und vom Haus und von der lieben Familie Hamilton. Und von Craster und Dackelbaby. Wir leben auch noch immer ein rechtes Ferienleben, nur dass ich jetzt Luise mitgebracht habe aus Berlin, die jetzt für uns kocht. Heute gab es Bratwurst mit grünen Bohnen und neuen Kartoffeln. Hinterher Kirschkompott von eigenen Kirschen. Zum Frühstück gibt es Peters Radieschen, auch Saat hat er gepflanzt und seinen Sonnenblumenpfad, aber den kann man nicht essen. Als ich in Berlin war, um Mami an die Bahn zu bringen[18], da haben Peter und ein Freund von mir aus der Düsseldorfer Zeit allein gekocht, da gab es viel Makkaroni, Pellkartoffeln und Hering und Bratkartoffeln mit Ei. Ich habe noch eine große schwarze Bratpfanne (handgeschmiedet, man sieht jeden Hammerschlag) beim Dorfschmied gekauft, nun braten sie doppelte Portionen; und als Luise kam, musste sie zuerst Kartoffelpuffer backen. Nächstens schicke ich als Drucksache die Blumen und Bilder aus der „Dame“, die ich in Prerow gemalt hatte. Ich wünsche Dir noch recht schönes Wetter für deine Ferien[19] und grüße Dich herzlich. Dein Vater.“[20]

3.8.1939. Haushälterin Luise schreibt einen letzten Brief aus Prerow an „Susannchen“ in England[21].

1.12.1939 Eine Werbeanzeige in der Südwestdeutschen Handelszeitung weist auf das „Große Weihnachtsheft der DAME“ hin, in der Schaefer-Ast vertreten ist. Schaefer darf publizieren und verdient gut.

13. 12. 1939 trotz all dieser Entwicklungen, die ja ganz im Sinne der NS-Reichskulturkammer sind, fragt ein ganz Beflissener im Amt des Präsidenten der Kammer der bildenden Künste bei der GESTAPO nach, ob „Tatsachen bekannt sind, die auf weitere Beziehungen des  Sch.-A. zu seiner früheren Frau schließen lassen.“ [22]  Man traut ihm nicht. Vielleicht hatte man auch die Briefe vom 28.7. und vom 25.6. abgefangen und studiert.

Inzwischen aber hat Hitlers Wehrmacht Polen überfallen.


[1] Reichskulturkammer, Personalakte Schaefer, Landesarchiv Berlin, ARep.243-04 Nr. 7925 a.a.O., Blatt 15

[2] Reichskulturkammer, Personalakte Schaefer, a.a.O., Blatt 62

[3] Reichskulturkammer, Personalakte Schaefer, a.a.O. Blatt 10

[4] Reichskulturkammer, Personalakte Schaefer, a.a.O., Blatt 12

[5] Ausschnitt aus der Scheidungsurkunde vom 17.4.1939 vom Standesamt Berlin-Charlottenburg.

[6] Buck, a.a.O., S. 12

[7] Reichskulturkammer, Personalakte Schaefer, a.a.O., Blatt 3

[8] https://www.dw.com/de/kindertransporte-flucht-vor-den-nazis/a-65194239

[9] https://www.jmberlin.de/thema-kindertransport

[10] https://www.spiegel.de/geschichte/reichspogromnacht-1938-kindertransporte-retten-juedische-kinder-das-war-keine-kindheit-a-22e2124a-342e-4322-b6f1-c4e441440491

[11] https://www.fischerverlage.de/buch/die-kindertransporte-1938-39-9783596157457

[12] Reichskulturkammer, Personalakte Schaefer, a.a.O., Blatt 24

[13] Simplicissimus online, 4.6.1939, Heft 22, S. 262

[14] damit ist das Exil gemeint!

[15] Buck, a.a.O., S. 35, wie mag diese Karte wohl auf Steffie gewirkt haben?

.[16] Steffi hatte Tochter Susanne in Ayr/England aufgesucht

[17] das ist keineswegs sicher. Steffi war völlig mittellos, sie durfte nur mit 10 Reichsmark ausreisen und war auf die Freundlichkeit anderer Menschen angewiesen.

[18] Schaefer scheint ja seine Frau Steffi wenigstens zum Bahnhof gebracht zu haben.

[19] entweder macht Schaefer mit der Bemerkung „Ferien“ einen groben Scherz oder Susanne wusste tatschlich nicht, was eigentlich los war.

[20] Buck , a.a.O., S. 37

[21] Buck, a.a.O., S. 38

[22] Reichskulturkammer, Personalakte Schaefer, a.a.O., Blatt 60

Albert Schaefer-Ast im Ersten Weltkrieg. 1914-1918. Er kam zurück als „Kriegszermalmter“

Zur Zeit lese ich die 160-seitige Personalakte Schaefer-Ast aus dem Archiv der Universität des Bauhauses Weimar. Da notiert Schaefer-Ast, er sei als „Kriegsfreiwilliger“ in den Ersten Weltkrieg gezogen und mit „60%“ kriegsbeschädigt aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekommen.
Konkret hieß das: Das rechte Auge war verloren, ein Arm war verletzt. Man überliest so etwas schnell, ich will aber innehalten und nachfragen: was war das eigentlich mit den „Gesichtsentstellten“, mit den „Kriegsversehrten“ mit den „Zitterern“ im Ersten Weltkrieg, der „Urkatastrophe der 20. Jahrhunderts“?

Schaefer – der Künstlername „Ast“ kam erst später dazu – gehörte zu ihnen. Im Buch wird es einen Exkurs zum Thema geben, der hier vorab schon einmal skizziert sein soll:

Exkurs. Die Kriegsversehrten des Ersten Weltkrieges

Das Trauma der Gesichtsversehrten[1].
Als „Denkmäler des Schreckens“ bezeichnete der Berliner Journalist Erich Kuttner die Gesichtsversehrten 1920 im „Vorwärts“. Der Begründer der Kriegshinterbliebenenfürsorge beklagte, dass das Leiden dieser Männer nach dem Krieg tabuisiert wurde. Um sie mache selbst der „patentierte Patriotismus einen weiten Bogen“: Er hat sie „vergessen, denn sie stören ihn“, so Kuttner. Die „Kriegszermalmten“ nannte Erich Kuttner, selbst 1916 vor Verdun schwer verwundet, das Heer der Amputierten, Blinden, Entstellten. Die an Leib und Seele verwundeten Männer kämpften ein Leben lang mit ihren Traumata, wie Erich Maria Remarque 1928 in seinem Kriegsroman „Im Westen nichts Neues“ beschrieb: „Wir werden uns nicht mehr zurechtfinden können. Man wird uns auch nicht verstehen (…). Die Jahre werden zerrinnen, und schließlich werden wir zugrunde gehen.“
Im Nachkriegsdeutschland jedoch gerieten die Gesichtsversehrten zum Tabu, weil sie allzu schmachvoll an die Niederlage und Sinnlosigkeit der Opfer erinnerten[2].

„Im Ersten Weltkrieg waren in Deutschland und Österreich nach aktuellem Stand der Forschung knapp mehr als 700.000 überlebende Soldaten von Verwundungen betroffen. Gesichtsverletzungen stellten zwar mit etwa 5-14% der Verwundeten nur eine unter vielen Formen der Kriegsverletzung dar, ihre Auswirkungen waren jedoch für die Betroffenen umso verheerender. Schon während der Behandlung stellte sich heraus, dass neben den Schmerzen, den Schwierigkeiten beim Essen und dem Unvermögen zu sprechen oder mimisch zu kommunizieren, die Entstellungen im Gesicht für viele der Soldaten besonders schwer zu ertragen waren“[3]

Zu den körperlichen Verwundungen kamen die seelischen[4]. Die Männer kamen als „Zitterer“ von der Front zurück oder entwickelten andere schwere Neurosen oder psycho-somatische Störungen – und konnten kaum behandelt werden.
Bei Schaefer-Ast trat hinzu: er war nicht irgendwo, sondern er war an der „Westfront[5] – also in jenem seit 1914 festgefahrenen fürchterlichen Stellungskrieg, der von Remarque in seinem Buch „Im Westen nichts Neues“ so eindrucksvoll beschrieben wurde. Giftgas, Maschinengewehre (daher die vielen Gesichtsverletzungen), Panzer, Grabenkrieg – all das hat Schaefer gesehen, erlebt, durchlitten – und am Ende kam er als „Geschlagener“, als „Kriegsversehrter“ zurück. Das Gesicht entstellt, das rechte Auge verloren. „60%“ beschädigt. Er war 28 Jahre alt, als der Erste Weltkrieg zu Ende war.
Die furchtbare Bilanz des Ersten Weltkriegs: etwa 8,5 Millionen Gefallene, mehr als 21 Millionen Verwundete und fast acht Millionen Kriegsgefangene und Vermisste, dazu unzählige traumatisierte Menschen.
Der Krieg war zu Ende, aber die Beschädigungen blieben.
Die Verletzten waren ja noch da. Sie irrten als Arbeitslose durch die Städte, eine angemessene Entschädigung oder gar Kriegsversehrtenfürsorge gab es noch nicht.
Schaefer reihte sich ein in das riesige Heer der kriegsversehrten Arbeitslosen.
Nach dem Krieg war er u.a. „lange Zeit erwerbslos“[6] ,Verkäufer für Pudding-Pulver von Oetker[7]. Gelegenheitsgrafiker. Er produziert Werbematerial, Plakate, Zeitungs-, Buch-, Illustriertenzeichnungen, Schutzumschläge.
Wir müssen damit rechnen, dass sich die Erlebnisse des Ersten Weltkrieges tief in die Seele des Zeichners und Grafikers eingegraben und ihre Spuren in seinem Leben hinterlassen haben.


[1] https://www.spiegel.de/geschichte/erster-weltkrieg-das-trauma-der-gesichtsversehrten-a-1236985.html

[2] Zum Thema auch: https://weimar.bundesarchiv.de/WEIMAR/DE/Content/Virtuelle-Ausstellungen/Nach-dem-grossen-Krieg/kriegsversehrte.html

[3] https://aesthetischepraxis.de/Texte2/Gesichter_WK_I_Broschuere.pdf

[4] https://www.sueddeutsche.de/politik/psychische-leiden-im-ersten-weltkrieg-vom-schlachtfeld-in-die-hoelle-der-nervenaerzte-1.1871045

[5] https://www.sueddeutsche.de/politik/erster-weltkrieg-wahnsinn-westfront-1.1856656

[6] Personalakte Weimar, a.a.O. Blatt 34

[7] Buck, 14

Das KZ-Außenlager in Born auf dem Darss

Das KZ-Außenlager in Born auf dem Darss

Es war ein Außenlager der KZs in Ravensbrück und Neuengamme und war im „Borner Hof“, ehemals „Witts Hotel“ untergebracht, mir liegen sogar Namenslisten der Wachmannschaft vor. In verschiedenen „Schüben“, jeweils gruppenweise, waren Häftlinge aus Ravensbrück und Neuengamme auf dem Darss eingesetzt, um zum Beispiel im tiefsten Winter und im eiskalten Wasser stehend Schilf zu schneiden (für die Rohrmattenflechterei in Ravensbrück) oder um die Ernte einzubringen. Zuletzt waren gar über 100 russische Kriegsgefangene in der SS-Meilerei in Born eingesetzt. Sie mussten im Forst für die Forstverwaltung und SS-Generalmajor Franz Mueller-Darss schuften. Es sind Namenslisten erhalten geblieben von einem der letzten „Rück-Transporte“ dieser Gefangenen, die wie „wankende Tote“ nach Ravensbrück zurückkehrten und dort umgebracht wurden oder aus Schwäche starben. Selbst „erfahrene Häftlinge“ hatten solche Gestalten noch nie gesehen, wie Zeitzeugenberichte überliefern. Ich habe diese Sachverhalte in zwei Büchern aufgearbeitet, die nach wie vor Interesse finden, was mich sehr freut.

Im Zuge meiner Recherchen, die hier auch im blog in Teilen nachzulesen sind, stieß ich auch auf Gruppen von Sinti und Roma, die auf dem Darss, von Born kommend und unter Aufsicht der dortigen Forstverwaltung, die Ernte einzubringen hatten. Die Wagen mit den Häftlingsfrauen waren offen, jedermann konnte sie sehen, wie Zeitzeugen überliefert haben. Als ich diese Hinweise fand, habe ich in einem Brief den Präsidenten des Zentralrats der Sinti und Roma in Deutschland, Herrn Romani Rose über meine Recherchen informiert, wofür er sich schriftlich herzlich bedankt hat. Gestern (10.9.24) nun fand ich, daß die Informationen in der zentralen Datenbank, die der Zentralrat der Sinti und Roma eingerichtet hat, ihren Platz gefunden haben. „Wir danken Ulrich Kasparick für den ausschlaggebenden Hinweis auf den Zwangsarbeitseinsatz der Sinti- und Roma-Frauen im Außenlager Born und die zur Verfügung gestellten Informationen. Der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück (Monika Schnell) sowie dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (Ursula Schwarz) danken wir für die freundliche Überlassung von Dokumentenmaterial“ steht dort zu lesen. Mich freut, wenn meine Arbeiten einen kleinen Beitrag dazu leisten können, daß der Opfer der NS-Zeit angemessen gedacht werden kann. Über die Geschichte des Lagers in Born – mit besonderem Bezug zum Einsatz von Sinti und Roma – kann man hier weiterlesen.

Ich bin in diesen Herbsttagen wieder auf dem Darss und werde bei Gelegenheit schauen, ob sich inzwischen auch die Kommune #Born – ihrem eigenen Gemeinderatsbeschluss entsprechend – dazu aufraffen konnte, eine kleine Gedenktafel für die Häftlinge vom Darss einzurichten, die u.a. im „Borner Hof“ untergebracht waren.

Sepp’ls Stolperstein in Stralsund

Sepp’ls Stolperstein in Stralsund

„Seppl“ nannten in die Leute von Prerow, die bei Dr. Hans Beu am Kindersanatorium vorbei kamen, heute kennt man das Haus als „Seestern“. Richtig hieß er Josef Panski. 1911 als einziger Sohn jüdischer Eltern in Lodz geboren, kam er als Kind wegen einer „schwachen Lunge“ zu Dr. Hans Beu nach Prerow. Und der hielt Zeit seines Lebens seine schützende Hand über den Jungen, so gut er konnte.

Heute hat Seppl seinen Stolperstein bekommen, damit man sich an ihn erinnern kann; Josef und seine Frau Gertrud, geborene Kossak.

Sie wohnten in der Wasserstraße 80 in Stralsund.

Seppls Enkelin, Dr. Sabine Dievenkorn war anwesend mit ihrem Mann Shaoul aus Israel, wir hatten uns über das Internet kennengelernt, als Sabine meine Recherchen zu Dr. Hans Beu las, die ja hier im blog nachzulesen sind. Wir sind befreundet seither. Sie hatte ihre Tochter mitgebracht, die war extra zur Stolpersteinverlegung ihres Urgroßvaters aus Israel gekommen. Die Stadt Stralsund war prominent vertreten, das sei ausdrücklich lobend erwähnt und eine Klasse vom Hansa-Gymnasium in Stralsund war ebenfalls dabei. Man hatte sich – ihrem Geschichtslehrer sei’s gedankt, intensiv mit der Geschichte der Juden in Stralsund beschäftigt. Und Paula Westphal aus der 12. Klasse hatte sich besonders mit Josef Panski beschäftigt. Ihren Redebeitrag habe ich hier eingefügt.

Auf diesem Bild zeigen sie drei Fotos mit Bildern von Josef Panski und seiner Frau:

Josef Panski, der „Seppl“ von Prerow, der wie ein Pflegekind bei Dr. Hans Beu aufgewachsen war, bei dem Dr. Beu Taufpate und auch Trauzeuge war, wie die Kirchenbücher belegen – Josef wurde staatenlos unter den Nazis, seine Frau wusste, daß sie ebenfalls staatenlos werden würde, wenn sie als „Arische Frau“ den Judenjungen Josef heiraten würde. Sie tat es dennoch.

Josef ging, wohl auch, um seine Einbürgerung zu erleichtern und sich der Verfolgung zu entziehen (Dr. Beu (der übrigens seit 1933 NSDAP-Mitglied war!) war es bis dahin gelungen, die wahre Identität von Seppl so zu verschleiern, dass die Nazis ihn nicht finden konnten) – Josef ging freiwillig in Hitlers Armee. Er fiel als Kraftfahrer in Hitlers Armee im Jahre 1944. Sabines Großmutter überlebte mit ihrer Tochter, Sabines Mutter; man kam nach dem Krieg nach Wieck. Dort haben wir uns heute wieder gesehen und sind nach Stralsund gefahren, um an Josef zu denken.

Man nannte ihn „Seppl“.

Die Ostsee-Zeitung und auch Stralsund-TV werden über die Stolpersteinverlegung von heute (es wurden insgesamt 9 Steine verlegt!) am kommenden Freitag, 13.9.2024 berichten. Wenn es sich technisch machen lässt, werde ich den Beitrag dann hier einfügen. Mein Buch zu Dr. Hans Beu ist in Vorbereitung, das Manuskript ist beinahe abgeschlossen.

Bericht von Stralsund TV über die Stolpersteinverlegung vom 5.9.24 (3. Beitrag in der Sendung).

Dr. Hans Beu – Prerow.

Dr. Hans Beu – Prerow.

Zwei Jahre Pause bei den Recherchen. Corona kam dazwischen. Nun aber soll es weiter gehen. Etliches Material habe ich bereits zusammengetragen, Fotos, Dokumente, habe neue Gesprächspartner gefunden. So ganz allmählich zeichnet sich ab, was da werden könnte.
1. Eine Kindheit in Ribnitz (22. Januar 1865*)

2. ein Medizin-Studium in Rostock

3. Promotion in Leipzig (1890) und Assistenzarzt im Bürgerhospital Stuttgart

4. Praktischer Arzt in Gnoien (1891)

5. Hochzeit in Rostock (8.4.1892) mit Anna Maria Welge, die aber schon 1896 starb und drei Töchter hinterließ.

6. Praktischer Arzt in Dargun (1892)

7. 1897 ist Beu Einwohner von Prerow

9. zweite Hochzeit 1903 in Prerow mit einer Tochter der Kapitänsfamilie Schall aus Born.

10. Eröffnung des Kindersanatoriums in Prerow (1905)

11. Erster Weltkrieg und die Arbeit als Kinderarzt

12. Weimarer Republik in Prerow

13. Prerow unter den Nazis (1933 – 45)

14. Kriegsende 1945

11. Tod in Prerow (7. August 1947 im Alter von 82 Jahren).

So in etwa könnten die Recherche-Stationen liegen. Nun will ich sehen, wie ich diese einzelnen Abschnitte mit Dokumenten, Fotos, Aufzeichnungen, Erinnerungen anfüllen kann. Die Leitfrage wird sein: wer war dieser Kinderarzt, der während der Nazizeit in seinem Kinderheim mindestens ein jüdisches Kind versteckt hat ? Was hat ihn geprägt? Welche Überzeugung hat ihn ausgezeichnet? Wir werden auch auf die politischen Ereignisse eingehen müssen, denn die waren (von 1870 über die Kaiserzeit, Ersten Weltkrieg, Depression, Weimarer Republik, Naziherrschaft, Deutsche Teilung) allesamt tief einschneidend und Dr. Beu musste sich dazu verhalten. Gleich „nebenan“ in Born residierte ab 1924 der spätere SS-Generalmajor Franz Mueller-Darss – und wiederum gleich „nebenan“, in Zingst, arbeitete 1934 Dietrich Bonhoeffer. Größte politische Spannungen auf engstem Raum zwischen den Dörfern des Darss. Das ist das Spannungsfeld, in dem Dr. Hans Beu sein Kindersanatorium betrieben hat und ich will möglichst genau wissen, wie das ging, ohne sich den Nazis anzudienen. Denn darauf gibt es beim jetzigen Stand der Recherchen schon Hinweise: Beu hat sein privates Sanatorium nicht dem nationalsozialistischen Verband der Privatkliniken und Sanatorien angliedern lassen.
(das Titelbild zeigt Dr. Hans Beu bei seiner Silberhochzeit mit seiner zweiten Frau Louise, geb. Schall. Das Foto stammt aus dem Privatarchiv U.Herrmann, Bremen).

Projekt abgeschlossen. Projekt abgeschlossen? Wenn ein Buch fertig ist

Projekt abgeschlossen. Projekt abgeschlossen? Wenn ein Buch fertig ist

Drei Jahre Arbeit sind nun zu Ende. Die Recherchen über Franz Mueller-Darss, den „Forstmeister“ vom Darss und engen Kumpan von Heinrich Himmler und Hermann Göring, den Kadetten von Plön und Lichterfelde, den dreimal verheirateten festangestellten Mitarbeiter des BND, hinter dem die Staatssicherheit her war – all das ist nun abgeschlossen. Viele Dokumente haben sich finden lassen und lagern nun in meinem Archiv. Ein Teil davon ist im Buch gelandet, das heute am 19. Januar 2022 fertig geworden ist und seinen Weg machen wird.

Keine Ahnung, ob es Reaktionen auf das Buch geben wird, keine Ahnung, was für Reaktionen das sein werden. Wenn ein Buch fertig ist, dann ist es, als wenn ein Kind auszieht und seine eigenen Wege geht. Man ist nun aber mit dem Stoff dauerhaft verbunden. Wer nach „Mueller-Darss“ recherchiert, wird nun auch auf meinen Namen stoßen. Das ist seltsam, beinahe unangenehm, denn Mueller war ein SS-Bonze, mit dem ich eigentlich nichts zu tun haben möchte. Allerdings habe ich dennoch mit ihm zu tun und mit der Generation der Großväter und Großmütter, der er ja angehört hat und die hauptsächlich verantwortlich sind für jene verheerenden 12 Jahre, die mit dem Stichwort „Nationalsozialismus“ nur unzureichend bezeichnet sind.

Diese Verbindung bleibt nun und das entspricht ja im Kern auch mindestens einem Teil der Wahrheit, denn meine Generation, die Generation der jetzt Mitte sechzig Jährigen, bleibt ja verbunden mit der Generation der Großväter und zwar vermittelt durch die Generation der Kriegskinder, zu denen meine Eltern gehörten. Es ist ja alles noch da in den Familien, wenn man auch nicht darüber redet.

Allerdings: je weniger man darüber redet, um so wirksamer sind diese Sachverhalte. Erst, wenn „der Name genannt“ ist; erst, wenn das „Zauberwort ausgesprochen“ wurde – öffnet sich die Tür. Deshalb sind Bücher zur Vergangenheitsklärung nach wie vor wichtig. In diesem Falle ist es eine Art Täter-Biografie geworden. Mueller gehört zu jenen, denen man einen direkten Mord nicht nachweisen kann, wenn auch die Gräben schon ausgehoben waren, in die die russischen Kriegsgefangenen dann fallen sollten nach ihrer Erschießung in Born auf dem Darss. Aber er gehört zu jenen Profiteuren des Nationalsozialismus, denen es egal war, ob es Russen, „Zigeuner“ oder Zeugen Jehovas waren, die ihm dienten. Mueller unterhielt im Forsthaus in Born mit den vier Zeuginnen Jehovas, die ihm dienen mussten, eine Art „privates Häftlingslager“, wie es andere SS-Obere auch hatten. Er war vor allem an einem interessiert: an seinem persönlichen Fortkommen. Dafür hat er all die Verbindungen weidlich ausgenutzt, die sich ihm durch die Gelegenheit boten, hochrangige Persönlichkeiten aus Berlin zur Jagd auf dem Darss einladen zu können. Mueller war am Ende des Krieges der ranghöchste Amtsleiter im SS Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt im Range eines Generalmajors. Das hat er sich noch im Januar 1945 schriftlich geben lassen, man konnte ja nicht wissen, ob das mal für die Rente gut sein würde. Und später beim BND war es genau so: seitenlang geht das in den Akten, wenn er um Pension und Einkünfte feilscht. Diese Karrieristen, die, im Kaiserreich in den Kadettenanstalten Plön und Lichterfelde gedrillt und zu unbedingtem Gehorsam erzogen – diese Karrieristen, denen der „Korpsgeist“ der SS über alles ging – die waren die Träger des menschenverachtendsten politischen Systems, das die Erde bisher gesehen hat. Um all das geht es im nun vorliegenden Buch anhand der eingesehen Aktenbestände aus dem Bundeshauptarchiv (SS-Personalakte), dem Landeshauptarchiv Hamburg (Entnazifizierungsakte); dem Archiv der ehemaligen Staatssicherheit (Außenstelle Rostock) und dem Archiv des Bundesnachrichtendienstes. Was ich finden konnte, habe ich ausgewertet und aufgeschrieben.

Das nun vorliegende Buch soll vor allem eines sein. Eine Erinnerung an die Häftlingsfrauen, die in Born schuften mussten, an die Sinti und Roma-Mädchen, die Zingst, in Wieck und in der INähe von Prerow die Sommerernte einfuhren und im Winter Schilf schneiden mussten und an die über 100 russischen Kriegsgefangenen, von denen wir nicht mal die Namen wissen.

Für sie habe ich dieses schriftliche Denkmal gesetzt. Damit man sie nicht vergisst.

Projekt abgeschlossen. Projekt abgeschlossen? Nein. Mit dieser Geschichte wird man nicht „fertig“ wie mit einer Tasse Kaffee oder einem Stapel Holz, der zu hacken ist. Diese Geschichte geht weiter. Sie geht weiter mit der Generation der Kriegskinder. Meine Eltern gehörten dieser Generation an.

Franz Mueller-Darss und die Hunde-Lehr- und Versuchsabteilung der Waffen-SS im KZ Sachsenhausen bei Oranienburg

Franz Mueller-Darss und die Hunde-Lehr- und Versuchsabteilung der Waffen-SS im KZ Sachsenhausen bei Oranienburg

Dieser Besuch war überfällig: Mein Besuch im ehemaligen KZ Sachsenhausen, der „Zentrale des Terrors“, war lange geplant, aber wegen Corona-Hindernissen immer wieder verschoben worden. Heute nun war ich endlich dort, im Lesesaal hatte man mir freundlicherweise Häftlingsberichte bereitgelegt. Bei der Gelegenheit ein herzlicher Dank an Frau Liebscher in der Bibliothek für ihre Mühen.

In Sachsenhausen befand sich ab 1938 die „Inspektion“ aller Konzentrationslager. Hier war die Zentrale der „Totenkopf-Verbände“; im „T-Gebäude“ wurde angeordnet und befohlen, was in den Konzentrationslagern im gesamten Nazi-Reich vor sich ging. Von hier aus wurde das gesamte System der Konzentrationslager gesteuert. Franz Mueller-Darss gehörte zu diesem System. Ihm oblag als Mitglied im „Persönlichen Stab Reichsführer SS“ ab 1942 als „Beauftragter des Reichsführers SS für das Diensthundewesen“ die Ausbildung aller Hunde für KZs, Polizei und Wehrmacht. Heinrich Himmler hatte das in einem Grundsatzbefehl vom 15. Mai 1942 angeordnet und seinen Spezialfreund Franz Mueller aus Born auf dem Darss, bei dem er gern zur Jagd „weilte“, wie das Diensttagebuch Himmlers verrät, zu seinem „Beauftragten“ ernannt. Die SS-Personalakte von Mueller, der sich ab 1944 „Mueller-Darss“ nannte, gibt davon Auskunft, man findet sie im Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde.

Im Amt I der „KZ-Inspektion“ ließ der Chef des Wirtschafts- und Verwaltungs-Hauptamtes der SS, Pohl, eine 6. Hauptabteilung mit der Bezeichnung „Schutz- und Suchhunde“ einrichten, die sich in die Abteilungen
a) Beschaffung von Hunden, Hundekartei
b) Ausbildung der Hundeführer, Hundeführerkartei
c) Ausbildung von Schutz- und Wachhunden,
d) Hundezucht
e) Veterinärangelegenheiten gliederte. Die Leitung der Hauptabteilung übernahm nebenamtlich der „Beauftragte für das Diensthundewesen, Standartenführer Mueller“

Mueller erweiterte diese Hauptabteilung zu einer zentralen Einrichtung der Waffen-SS. Ab Juli 1942 trug sie die Bezeichnung „Lehr- und Versuchs-Abteilung für das Diensthundewesen der Waffen-SS“ (LVA). Die Sicherheitspolizei hatte eine eigene Diensthundeschule in Rahnsdorf bei Berlin, die Ordnungspolizei eine Einrichtung in Grünheide. Für alle Ausbildungsstätten war Mueller-Darss verantwortlich.

In Sachsenhausen wurde deshalb neu gebaut: im Waldgebiet beim Klinkerwerk am Kanal, im Bereich des „Waldlagers“ wurden 1942 17 Baracken errichtet, weitere im Jahr 1943. Hundezwinger für insgesamt ca. 200 Hunde, sowie ein Geschäftsgebäude für die Leitung und eine Lehr- und fünf Unterkunftsbaracken für die Hundeführer. Der Bauplan für diese Hundezwingeranlage ist im Archiv der Stadt Oranienburg erhalten:

Die Hunde wurden zu Fährtenhunden (es galt, geflohene Häftlinge zu finden); Schutzhunden (es galt, SS-Männer vor Übergriffen zu „schützen“) und Wachhunden (es galt, Häftlinge zu „bewachen“) ausgebildet. Die Berichte von Übergriffen der SS-Wachmänner mit ihren Hunden auf Häftlinge sind zahlreich. Hunde wurden auf Menschen gehetzt, um sie zu verletzen und zu töten. Die Hoffnung der SS, man könne durch Hunde Wachpersonal in den KZs einsparen, hat sich nicht erfüllt. Am Ende des Krieges, so wird Mueller-Darss später in seinem Machwerk „Verklungen Horn und Geläut“ behaupten, habe er ca. 50.000 Hunde ausbilden lassen.

Für die „Versuchsanstalt“ der Waffen-SS in Oranienburg wurden 1944 auch 300 Schlittenwagen für den „Beauftragten für das Diensthundwesen“ im DAW-Werk Sachsenhausen angefertigt, der experimentierte mit den leichten, aus Verbundstoffen gefertigten Schlitten hoch oben im Darßer Wald. Im Dienstkalender Heinrich Himmlers sind Gespräche mit Mueller-Darss vermerkt, in denen es um diese leichten Schlitten ging. Diese Schlitten samt Hunden wollte er der Wehrmacht zur Verfügung stellen, die mangels Treibstoff „im Osten“ nicht mehr voran kam. Mueller hatte schon im Ersten Weltkrieg mit Hunden experimentiert. Die SS dressierte Hunde auch als „lebende Waffen“, beladen mit Sprengstoff gegen Panzer, MG-Nester und andere Ziele. Diese Versuche scheiterten jedoch ebenfalls, weil die Hunde unter deutschen Panzern trainiert waren und deren Geruch folgten …..

In Häftlingsberichten aus allen Konzentrationslagern im „Reich“ kommen Muellers Hunde vor: sie verbellen nicht nur; sie patrouillieren nicht nur; sie „bewachen“ nicht nur – sondern sie werden eingesetzt, um Menschen anzugreifen, sie fürchterlich zuzurichten und gar zu töten. Forstmeister Mueller aus Born a. Darss war für ihre Ausbildung verantwortlich. Er hat den „Hundeführern“ beibringen lassen, wie man Hunde auf Menschen abrichtet. Zur Verantwortung gezogen wurde er dafür nie.

Dr. Hans Beu, Kindersanatorium Prerow, ein Humanist und Stiller Helfer.

Dr. Hans Beu, Kindersanatorium Prerow, ein Humanist und Stiller Helfer.

Wenn man, vom Kirchenort kommend, die Strandstraße entlang durch Prerow geht, sieht man auf der linken Seite schon bald eine jener interessanten gelben Tafeln, auf denen auf besondere Gebäude oder Personen im Ort hingewiesen wird. Man kann lesen, daß in der heutigen „Villa Seestern“ der „Badearzt Dr. Hans Beu“ ein Jugendsanatorium „Ostsee-Hospiz“ eingerichtet hatte.

Heute sieht der „Seestern“ so aus und beherbergt einige Ferienwohnungen.

Ich will mehr wissen und verabrede mich mit Frau Antje Hückstädt, der Leiterin des Darss-Museums in Prerow. „Wir wissen nicht sehr viel von Dr. Beu“, sagt sie mir und zeigt mir aber immerhin Anzeigen für das Kinder- und Jugendsanatorium in einem Fremdenführer.

Anzeige für das Jugendsanatorium Dr. Hans Beu, Prerow, Strandstraße. (Quelle: Darss-Museum Prerow).



„Wir haben aber ein Foto aus der großen Sammlung der Fotografien vom Prerower Ortsfotografen Wiese“ sagt sie, „ich suche es Ihnen bei Gelegenheit heraus. Darauf ist eine große Gruppe Kinder vor dem Sanatorium zu sehen. Die Aufnahme müsste vom Ende der Zwanziger Jahre etwa sein.“ Tatsächlich, wenige Tage später kommt das Bild:

Kinder vom Kindersanatorium Dr. Hans Beu in Prerow. Aufnahme: Alfred Wiese, Prerow; vermutlich Ende der Zwanziger Jahre. Original im Darss-Museum Prerow

Ich beginne zu recherchieren. Die üblichen Quellen: Internet, Pfarramtsarchiv etc. Bisher (stand 30.09.2021) ergibt sich folgendes Bild: Hans Friedrich Simon Julius Beu wurde am 22. Januar 1865 in Ribnitz geboren, am 20. Februar 1865 in der Stadtkirche Ribnitz getauft; studierte in Rostock Medizin; promovierte 1890 in Leipzig; 1890 war er am Stuttgarter Bürgerhospital Assistenzarzt. 1891 war er Praktischer Arzt in Gnoien. Am 8. April 1892 heiratete er in Rostock Anna Maria Welge (1869-1896).
1892 ist Dr. Beu Praktischer Arzt in Dargun. Am 19. September 1896 stirbt seine Frau in Dargun.
1897 ist Dr. Beu Einwohner von Prerow. Etwa im Jahre 1903 heiratet er erneut, eine Kapitänstochter aus der Kapitänsfamilie Schall aus Born. 1904 wird ihm in Prerow eine Tochter Hildegard („Hilding“) geboren.
1905 eröffnet Dr. Beu sein Kindersanatorium in Prerow. Am 7. August 1947 stirbt Dr. Hans Beu in Prerow im Alter von 82 Jahren.

Es gibt interessante Hinweise zu dieser Biografie, denen ich, wenn die Archive „mitspielen“, gern weiter nachgehe:
in den Zwanziger Jahren nimmt Dr. Beu den „Seppl“ in sein Haus auf. Eigentlich heißt das Kind Josef Panski, ist ein Kind jüdischer Eltern aus Lodz. Da seine Mutter früh stirbt und es wohl Konflikte mit der Stiefmutter gibt, wird „Seppl“, wie man das Kind später in Prerow nennen wird, in Prerow bei Dr. Beu belassen. Der pflegt den „Seppl“, weil das Kind offenbar lungenkrank ist und Fürsorge braucht, wie ein eigenes Kind. In der Familie von Bürgermeister Roloff ist „Seppl“ als eine Art Pflegekind bekannt, eine „Tante Marie“ kümmerte sich um das Kind. Die Verbindung zwischen Dr. Beu und dem „Seppl“ hält über lange Jahre: Dr. Beu wird in den Kirchenbüchern bei der Taufe vom Seppl am 15. 12. 1922 notiert; ebenso bei dessen Hochzeit; bei der Taufe von Seppls Tochter – da war der Doktor Beu schon hochbetagt. Er scheint ihn wie ein Adoptivkind angenommen zu haben, jenen jüdischen Jungen aus Lodz.

Auch gibt es Hinweise, daß Dr. Beu einer Frau, die wegen einer starken Sehbehinderung von den Nazis auf „Erbkrankheit“ hin untersucht wurde – es waren jene Jahre, in denen „Erbkranke“ in Deutschland umgebracht wurden – ein lebensnotwendiges Attest ausgestellt hat, daß bei ihr „keine Erbkrankheit“ vorläge. Ich bin Bürgermeister René Roloff für diese Hinweise dankbar.

Dr. Hans Beu scheint einer jener Menschen gewesen zu sein, die man als „stille Helfer“ bezeichnet. Ein aufrechter Humanist, Mediziner aus Überzeugung, der mit seinen Möglichkeiten half, wenn es Not tat. Es gibt Hinweise darauf, daß er sich den Nationalsozialisten nicht angepasst hat. Im „Adreßverzeichnis der deutschen Privatkliniken und Sanatorien“, herausgegeben vom „Leiter des Reichsverbandes Deutscher Privat-Krankenanstalten“ 1937, wird seine Einrichtung „ohne Stern“ geführt. Das bedeutet: Dr. Beus Jugendsanatorium war nicht Mitglied in jener NS-Formation „Reichsverband Deutscher Privat-Krankenanstalten“.

Adreßverzeichnis 1937 der „Deutschen Privat-Krankenanstalten“. Dr. Beus Einrichtung wird „ohne Stern“ geführt, ist also nicht Mitglied im „Reichsverband“. Man findet dieses Adreßverzeichnis im Internet.

Herrn Bürgermeister René Roloff/Prerow verdanke ich ein zweites Bild mit Kindern vor dem Jugendsanatorium, diesmal ist sogar der Doktor selbst zu sehen (oben, letzte Reihe, links).

Dr. Hans Beu im Kreise seiner Pflegekinder im Jugendsanatorium Prerow. Es könnte durchaus sein, daß auf dem Bild (vermutlich auch aus den Zwanziger Jahren) auch der „Seppl“ abgebildet ist. Das Foto stammt aus dem Privatarchiv von Herrn Bürgermeister Rene Roloff in Prerow.

Von „Frau Dr. Beu“, der zweiten Frau des Doktors, habe ich inzwischen herausgefunden, daß sie Gemeindevertreterin in der Evangelischen Kirchgemeinde in Prerow war. Es gibt im Pfarrarchiv ein Dokument über eine entsprechende Sitzung des Kirchgemeinderates vom 27. Mai 1926. Aus den dreißiger Jahren ist mir ihre Mitgliedschaft im Kirchgemeinderat nicht mehr bekannt, da hatten sich die Zeiten geändert, die Mehrheit im Kirchgemeinderat gehörte den „Deutschen Christen“ an, das war nichts mehr für die Familie des Humanisten und Stillen Helfers Dr. Hans Beu.

Beu hat sein Sanatorium vermutlich altersbedingt geschlossen. Als er 1947 starb, war er ja schon 82 Jahre alt. Es heißt allerdings, das Sanatorium des Dr. Beu sei 1953 der „Aktion Rose“ zum Opfer gefallen, jenem kriminellen Ganovenstück der DDR-Regierung, das zur Enteignung zahlreicher Privatpensionen und Hotels an der Ostseeküste führte. Diesem Hinweis gehe ich gerade im Landesarchiv in Greifswald und im Stasi-Unterlagen-Archiv Rostock (jetzt Bundesarchiv) nach. Das Haus sei durch die „Aktion Rose“ damals (wie so viele Privatpensionen und Hotels) an den FDGB der DDR gefallen, habe erst „Haus Bleisch“ und dann „Seestern“ geheißen, so, wie das Haus ja heute noch heißt; diesen Hinweis verdanke ich Frau Antje Hückstädt.

Prerow kann stolz sein auf den Dr. Hans Beu. Es waren nicht viele, die in der wirren Zeit des Nationalsozialismus klaren Kopf behielten. Er gehört in die Reihe jener „stillen Helfer“, deren Geschichte erst noch geschrieben werden muss. Ein Anfang ist gemacht.

Das „Russengrab“ in Born a. Darss. II

Das „Russengrab“ in Born a. Darss. II

In einer versteckten Ecke des Friedhofs in Born auf dem Darss befindet sich das „Russengrab“, wie die Einheimischen in Born sagen. Ich hatte darüber hier im blog schon geschrieben. Mittlerweile hat sich eine Menge getan, das Grab hat wieder eine verstärkte öffentliche Aufmerksamkeit, im vergangenen Jahr hat es eine Kranzniederlegung gegeben. Die Recherchen dazu, wer dort eigentlich begraben liegt, waren aber ins Stocken geraten, weil auch Recherchen in den Kirchenbüchern nicht weiterführten. Es gab keinerlei Hinweise, wer „die Russen“ dort begraben haben könnte. Schließlich wurde ich durch Recherchen in Frankreich auf einen Befehl des Reichsführers SS, Himmler aufmerksam, daß ab einem bestimmten Zeitpunkt „auf der Flucht erschossene“ Häftlinge von anderen Häftlingen zu bestatten seien. Pastoren oder andere waren also absichtlich nicht mehr beteiligt, auch gab es keine Einträge in die Kirchenbücher.

Heute nun kam ein neues Dokument über Dr. Lars Hellwinkel von der Gedenkstätte Lager Sandbostel, der bei seinen Recherchen auf meinen blog und die Recherchen zum Lager in Born aufmerksam geworden war. Er schrieb mir:

Sehr geehrter Herr Kasparick,

ich hatte die anliegende Meldung im Online-Archiv der Arolsen Archives unter dem Suchwort Stralsund in dem Ordner „Informationen über verschiedene Haftstätten, Arbeitslager, Kriegsgefangenenlager und andere Lager “ gefunden, die Dokumentennummer habe ich in Klammern dazugefügt, ich empfehle Ihnen eine Anfrage zu Born an die Arolsen Archives über den folgenden Link:

https://arolsen-archives.org/suchen-erkunden/anfragen/ihre-anfrage/

Hintergrund meiner Recherchen ist unsere Unterstützung der Gedenkstätte Fünfeichen der Stadt Neubrandenburg – ehemals Stalag II A Neubrandenburg – bei der Identifizierung von Gräbern ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener auf dem Gebiet des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern auf der Basis der Einträge in der deutsch-russischen Datenbank www.sowjetische-memoriale.de. Wir haben diese Recherchen in den letzten beiden Jahren zum 75. Jahrestag des Kriegsendes und zum 80. Jahrestag des Angriffs auf die Sowjetunion zu den bekannten Gräbern auf dem Gebiet des ehemaligen Wehrkreis X (Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen und nördliches Niedersachsen) durchgeführt, weil wir einen Überblick über die Verteilung der in den Arbeitskommandos gestorbenen Kriegsgefangenen aus dem zentralen Kriegsgefangenenlager des Wehrkreises X, des Stalag XB Sandbostel, haben wollten.

Die Meldung zu Born war also eher „Beifang“, ich war aber darauf aufmerksam geworden, da ich bereits mehrfach in Born im Walfisch-Haus Urlaub gemacht hatte und nie von diesem Außenlager gehört bzw. gelesen hatte und bin dann bei weiterer Recherche auf Ihren Blog gestoßen.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg für Ihre weitere Arbeit zum Schicksal dieser 5 unbekannten Toten und zu der wichtigen Erinnerung an dieses Außenlager, vielleicht ergibt sich die Möglichkeit der Aufstellung einer Informationstafel am Grab über den Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge in Mecklenburg-Vorpommern, der Volksbund betreut ja im Inland neben den deutschen Soldatengräbern auch die Gräber der ausländischen Kriegsopfer und hat ein eigenes bundesweites Geschichts- und Erinnerungstafelprogramm, die Tafeln werden zusammen mit den Gemeinden und örtlichen Schulen erstellt, für Born würde sich eine Pulttafel anbieten.

Mit besten Grüßen Dr. Lars Hellwinkel

Das Dokument zum Vorgang wird deshalb nun hier eingefügt, damit es auch anderen zur Verfügung steht:

Entnazifizierungsakte 221-11 Z 10370 Staatsarchiv Hamburg. SS-Generalmajor Franz Mueller-Darss

Entnazifizierungsakte 221-11 Z 10370 Staatsarchiv Hamburg. SS-Generalmajor Franz Mueller-Darss

Wie wird ein ranghoher Offizier der Waffen-SS, der beim Reichsführer SS Heinrich Himmler ein uns aus ging, regelmäßig bei ihm zu Tische saß, der für die Ausbildung der KZ-Wachhunde und der Hunde für die Wehrmacht verantwortlich war, nach dem Kriege zum „unbelasteten Bürger“?
Das hat mich interessiert. Im Staatsarchiv Hamburg fand sich im Juni 2021 tatsächlich unter dem Aktenzeichen 221-11 Z 10370 eine Akte über ein „Berufungsverfahren“ des Franz Mueller-Darss.
Franz Mueller-Darss war 1948 in der britischen Besatzungszone im Entnazifizierungsverfahren in die „Kategorie IV“ eingestuft worden, durfte folglich in öffentlichen Betrieben keine Verwendung mehr finden.
1949 jedoch lag die Sache schon anders: sein Berufungsverfahren unter Führung von Dr. jur. Schackow/Bremen hatte „Erfolg“: Mueller galt nun als „unbelastet“, mehr noch, er galt gar als „Gegner des Nationalsozialismus“.
Wir schauen uns die Details an.

Mueller wird, nachdem er ein paar Monate im Gefangenenlager Neumünster zugebracht hat (etwa von August 1945 bis Januar 1946), in einem Entnazifizierungsverfahren in „Kategorie IV“ der „Kontrollratsdirektive 24 vom 12. Januar 1946“ eingestuft.

Anhand der SS-Personalakte Mueller-Darss, die im Bundesarchiv liegt und hier im blog schon ausgewertet wurde, wird deutlich: Mueller-Darss war seit 1933 bis 1945 Mitglied in der NSDAP; seit 1936 Mitglied in der SS; seit 1942 im Persönlichen Stab Reichsführer SS Beauftragter des RFSS „für das Diensthundewesen“ und zuletzt im Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt der SS „Amtsleiter Forsten“. Er hatte den Totenkopfring und einen „Jul-Leuchter“ des Reichsführers SS, ging mit ihm regelmäßig zur Jagd (wie mit anderen SS-Granden auch); hatte im KZ-Außenlager Born (Außenlager von Ravensbrück und Neuengamme) Befehlsgewalt über die KZ-Wachmannschaften; „beschäftigte“ im Borner Forst russische Kriegsgefangene (vier von ihnen liegen in Born auf dem Friedhof) und hielt sich vier Zeuginnen Jehovas als persönliche Häftlingsfrauen im Forsthaus in Born. All das ist aktenkundig und bestens belegt.

Mueller wird 1948 in einem Entnazifizierungsverfahren in der britischen Besatzungszone in Hamburg in „Kategorie IV“ eingestuft, gilt als belastet und gilt als nicht mehr geeignet für eine Beschäftigung in öffentlichen Betrieben.


Mueller sucht sich Anwälte: Dr. jur. Wolfgang Kulenkampff und Dr. jur. A. Schackow aus Bremen. Diese Anwälte konstruieren eine Behauptung: Mueller sei „nicht freiwillig“ in die SS gegangen (die SS-Personalakte zeigt jedoch, daß er sich sogar um eine beschleunigte Aufnahme in die SS bemüht hat!), sondern sei „aus rein dienstlichen Gründen“, wegen seiner „forstlichen Expertise“ „als Verbindungsmann zwischen dem Reichsführer SS (Himmler) und dem Reichsforstmeister (Göring)“ zur „forstlichen Beratung“ von seiner „vorgesetzten Dienstbehörde“ in die SS „abgestellt“ worden. So, als wenn Göring und Himmler eine „Verbindungsperson“ gebraucht hätten.
Diese Behauptung ist schlicht abenteuerlich – aber sie wird Erfolg haben.
Mueller selbst formuliert so:

An dieser hier schriftlich niedergelegten Behauptung stimmt rein gar nichts. Seit 1934 kannte er Göring; er hat ihm mit Hilfe von Professor Otto Firle ein Jagdhaus auf dem Darss gebaut (Firle wird in der Akte als Entlastungszeuge angeführt); mit Görings Hilfe wurde der Darss zum Naturschutzgebiet und zum Staatsjagdgebiet erklärt. Himmler ging ab spätestens 1940 als Jagdgast im Forsthaus Born ein und aus, wie der Dienstkalender Himmlers belegt und Himmler war es auch zu verdanken, daß sein „Spezi“ Mueller-Darss seine Hunde „scharf abrichten“ konnte und vor allem sollte, als die Totenkopfverbände der SS (ehemals die KZ-Wachmannschaften) an der Front gebraucht wurden und Ersatz im Wachdienst der KZs gebraucht wurde. Die Aufgabe der Hunde war es, fliehende Häftlinge „zu zerreißen“ – all das ist umfänglich dokumentiert im Aufsatz von Bertrand Perz „….müssen zu reißenden Bestien erzogen werden“. Der Einsatz von Hunden zur Bewachung in den Konzentrationslagern“, Dachauer Hefte 12, S. 139 ff.
Davon, dass Mueller „als Verbindungsmann“ zwischen Göring und Himmler in die SS gehen „musste“, kann überhaupt gar keine Rede sein. Er wollte beschleunigt in die SS, wurde aufgenommen und machte dank seiner engen Beziehungen sowohl zu Göring als auch zu Himmler eine Blitzkarriere innerhalb der SS.

Deshalb war Mueller nach dem Kriege auch aus guten Gründen zunächst in „Kategorie IV“ eingestuft worden.
Selbst noch in der Berufungsverhandlung am 11. Mai 1949 verlangte der Vertreter des Fachausschusses im Entnazifizierungsverfahren „kostenpflichtige Abweisung der Berufung.“ Aber die Zeiten hatten sich geändert.

Der Berufungsausschuss votiert anders als der Fachausschuss fordert: Mueller wird in die „Kategorie V“ eingestuft, er gilt nun als „unbelastet“. Die dazu gehörende Urkunde liest sich so:

Mueller hat seinen Anwälten die merkwürdigsten „Zeugen“ zu seiner Entlastung beigebracht (die Akte enthält 11 Dokumente).
Zum Beispiel seine langjährige Sekretärin Irmgard Sauer, die allen Ernstes zu Protokoll gab, ihr „Chef“ sei immer und stets „ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus“ gewesen, sie selbst sei zum Dienst beim Reichsführer SS „gezwungen“ worden und ihr „Chef“ habe gar ein „Attentat auf Bormann“ (gemeint ist Martin Bormann, Leiter der Reichskanzlei der NSDAP im Range eines Reichsministers) geplant. Noch abenteuerlicher geht es kaum. Frau Sauers vierseitiger Beitrag wäre eine eigene Untersuchung wert, hier soll nur festgehalten werden, daß sie behauptet, eigenhändig „einen Befehl meines Chefs an die KZ-Wachmannschaften“ in Born geschrieben zu haben, wonach die gehalten seien, die russischen Kriegsgefangenen anständig zu behandeln. In unserem Zusammenhang ist das insofern von Interesse, als damit belegt ist, daß Mueller offensichtlich Befehlsgewalt gegenüber den KZ-Wachmannschaften in Born hatte.
Auch taucht Himmlers Leibarzt Felix Kersten als „Zeuge“ in der Akte auf, der gar behauptet, Mueller habe ihm geholfen „Tausende Juden“ ins Ausland zu schaffen. Sein „Zeugnis“ – beide kannten sich aus dem Persönlichen Stab des Reichsführers SS und von Himmlers Mittagstisch bestens – liest sich wie folgt:

Mueller hat sich für diesen Brief später bei Kersten „bedankt“ und ihm ein ähnliches „Zeugnis“ ausgestellt. Auch hat er gegenüber Herrn Kersten seine Bereitschaft erklärt, „gegebenenfalls auch vor Gericht“ seine Aussage „zu beeiden“. Meineid also. Das war normal in jenen Jahren. Ganoven unter sich: man stellt sich gegenseitig „Persilscheine“ aus. Auf Felix Kersten und seine Behauptung, er habe tausenden Niederländern die Deportation „in den Osten erspart“ – wofür er einen hohen Orden der niederländischen Regierung bekommen hat, obwohl die Sache von vorn bis hinten erfunden war – habe ich hier im blog separat behandelt.

Wie also konnte es kommen, dass Mueller-Darss im Mai 1949 „freigesprochen“ wurde?

Nun, die Briten, das ist mittlerweile umfänglich dokumentiert und untersucht, hatten 1948/49 andere Sorgen, als ehemalige Nazis zu suchen. Ihnen lag vor allem daran, daß ihre Besatzungszone wirtschaftlich wieder „auf die Beine“ kam, denn England hatte, nicht zuletzt als Folge des Krieges, selbst mit massiven wirtschaftlichen Problem zu kämpfen und musste nun auch noch die Bevölkerung im Besatzungsgebiet versorgen. Näheres hat z.B. die Bundeszentrale für Politische Bildung notiert. Der Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess (20. 11. 1945 – 1. Oktober 1946) hatte stattgefunden, auch waren schon etliche der Nachfolgeprozesse geführt. Und es war eine Phase eingetreten, in der in der Öffentlichkeit der Eindruck entstanden war, Mitläufer würden strenger gemaßregelt, als die eigentlichen Täter.
1949 waren die Entnazifizierungsbemühungen der Alliierten „abgeschlossen“. Man hatte ohnehin bereits 1947 die Vorgänge in die Hände der deutschen Länder gegeben. 1949 wurden die beiden deutschen Staaten gegründet. Der Kalte Krieg begann und die Geheimdienste begannen mit ihrer Arbeit: Ost gegen West und West gegen Ost. Da war keine Zeit mehr, „alte Kameraden“ zu suchen. Man glaubte, man sei mit der Sache fertig. Bis 1961. Dann kam der Eichmann-Prozess und das Thema „Vergangenheit“ kochte wieder hoch.

Franz Mueller-Darss jedenfalls arbeitete bereits seit 1948 für die „Organisation Gehlen“, die Vorläuferorganisation des Bundesnachrichtendienstes; da war seine Berufung im Entnazifizierungsverfahren noch gar nicht abgeschlossen.
Aber dazu kommen wir noch ausführlich, wenn ich die Akte, die dazu im Archiv des BND liegt eingesehen habe.