Inzwischen habe ich die Personalakte der „Reichskulturkammer“ zu Schaefer-Ast im Landesarchiv in Berlin auswerten können. Mich hat interessiert, ob zutrifft, was Schaefer-Ast nach dem Kriege gleichsam gebetsmühlenartig behauptet: dass er „wegen Mischehe“ und „entarteter Kunst“ „aus der Kammer rausgeschmissen“ worden sei. Das Ergebnis ist ernüchternd. Ich drucke hier nun den Abschnitt aus dem entstehenden Buch über Schaefer-Ast, das Jahr 1939 betreffend, ab:
1939. Scheidung. Exil. Beginn des Zweiten Weltkrieges
Schaefer wird mit seiner jüdischen Frau Steffi die entstandene Lage nach den Novemberpogromen 1938 ausführlich besprochen haben. Man kann sich lange Gespräche, endlose Nächte, etliche Flaschen Wein vorstellen. Was war zu tun? Bleiben oder gehen? Gehen wir alle drei oder nur Susanne und Steffi?
Wir werden in diesem Jahr die Ausreise der gemeinsamen Tochter Susanne mit einem „Kindertransport“, organisiert von Berliner Quäkern sehen; wir sehen die Scheidung von Steffi und deren Ausreise im Juli des Jahres nach England. Am 1. September beginnt der Krieg mit dem Überfall der Wehrmacht auf Polen.
Doch der Reihe nach, denn aktenkundig sind die Bemühungen von Schaefer-Ast, in die Reichsschrifttumskammer aufgenommen zu werden. Es gibt für das Jahr 12 Dokumente in seiner Personalakte, die zu etwas mehr Aufklärung beitragen können.
3.2.1939 Der Reichsminister für Volksaufklärung, an den die Personalakte Schaefer ja Ende 1938 übergeben worden war, teilt in Gestalt von Herrn Hinkel dem Präsidenten der Reichsschrifttumskammer mit, „dass ich die weitere Mitgliedschaft des Albert Schaefer, Berlin, zu Ihrer Kammer bzw. Befreiung von der Mitgliedschaft aus grundsätzlichen Erwägungen ablehne.“[1] Die Personalunterlagen gibt er ebenfalls zurück und bittet, „das Weitere“ zu veranlassen.
18.2.1939 Der Präsident der Reichskammer der bildenden Künste erinnert Herrn „Maler und Pressezeichner“ Schaefer-Ast an die Ausnahmegenehmigung des Herrn Ministers vom 5.7.1938 „auf dem Gebiete der Reichskammer der bildenden Künste tätig zu sein“ und befreit ihn gleichzeitig von der Mitgliedschaft in der Kammer. Er bittet Schaefer, den Ausweis 754 zurück zu geben. Die Befreiung erfolgt unter der Voraussetzung, daß er seine Beiträge bezahlt[2].
20.2.1939 Aktennotiz: „A II (Studt) wünscht Akte Schäfer noch einmal zurück, da Neubehandlung des Falles“[3]
23. 2. 1939 Der Reichsminister für Volksaufklärung hatte also, wie wir gesehen haben, nochmals um die Personalakte Schaefer gebeten, die ihm nun nochmals mit kurzem Anschreiben überreicht wird.[4]
17.4.1939 Scheidung. Offenbar war man in der Familie Schaefer zu einer Entscheidung gekommen. Steffi war in Gefahr und musste möglichst außer Landes, Tochter Susanne ebenfalls. Albert würde in Deutschland bleiben. Eine Scheidung von der Jüdin Steffi würde ihm im Übrigen beruflich weiterhelfen. So kam es dann auch.

Noch im Mai[6] wird Susanne, mittlerweile 12 Jahre alt, mit einem „Kindertransport“ von Berlin-Friedrichstraße über die Niederlande und dann mit dem Schiff London erreichen.
26.5.1939 Schaefer-Ast bekommt bescheinigt, daß er nun auch noch schriftstellerisch tätig sein darf und gleichzeitig von der Mitgliedschaft in der Reichsschrifttumskammer befreit ist. „Die Einnahmen aus Ihrer schriftstellerischen Tätigkeit haben Sie bei der Kammer, der Sie als Mitglied angehören, jährlich anzumelden.“[7]
Wir halten fest:
Schaefer ist nun Mitglied in der Reichspressekammer, Fachschaft Pressezeichner, dort zahlt er seine Beiträge.
Außerdem darf er als Maler und Grafiker tätig sein (Ausnahmegenehmigung) und er darf schriftstellerisch tätig sein.
Schaefer hat, was er wollte.
Von einem „Rausschmiss aus der Kammer“, von „Berufsverbot wegen Mischehe“ wie er später in seinen Lebensläufen nach dem Kriege sprechen wird, kann überhaupt gar keine Rede sein. Schaefer war immer Kammer-Mitglied. Nach der Scheidung bekam er noch zusätzliche Möglichkeiten der Publikation.
Die drängendste Frage nach den Novemberpogromen innerhalb der kleinen Familie war nun entschieden: Steffi und Susanne gehen, wenn noch möglich. Schaefer-Ast wird bleiben.
Exkurs: Die Kindertransporte
Den Kindern wurde erzählt, sie würden in eine Art Ferien fahren. Es sei schön dort, wohin sie kämen. Man würde nett und freundlich zu ihnen sein und sie könnten sich auf das Abenteuer der langen Reise freuen.
Die Kinder werden gemerkt haben, daß da etwas nicht stimmte. Spätere Zeugenaussagen ehemaliger „Transportkinder“ bestätigen das. Was war der Hintergrund dieser „Transporte?“
Nach den Novemberpogromen 1938 wollten viele Juden Deutschland verlassen, aber kaum ein Land war bereit, Juden aufzunehmen. Allenfalls Kinder würde man aufnehmen. Allen voran Großbritannien. Schon wenige Tage nach den Novemberpogromen in Deutschland nahmen einige einflussreiche JüdInnen und Quäker Kontakt zum britischen Premierminister Chamberlain auf und warben dafür, „wenigstens Kinder für eine Übergangszeit“ in England aufzunehmen. Man bürge auch für alle Notwendige (Kosten, Unterkunft, Pflegefamilien etc.). Der erste Kindertransport fuhr bereits am 1. Dezember 1938. Bis zum Beginn des Krieges im September wurden allein nach England etwa 10.000 Kinder in Sicherheit gebracht. Die Kinder durften nur einen Koffer, eine Handtasche und 10 Reichsmark mitführen. Manche Kinder hatten Glück und kamen bei Verwandten unter. Anderen ging es sehr schlecht in Massenunterkünften. Susanne scheint Glück gehabt zu haben.
Die Kindertransporte sind inzwischen relativ gut erforscht[8] und auch dokumentiert worden[9]. Es gibt auch Filmberichte[10] vom ersten Transport, der mit großem Medieninteresse insbesondere in England aufgenommen wurde.
Vor dem S-Bahnhof Berlin-Friedrichstraße steht ein Mahnmal zur Erinnerung an diese Transporte, so, wie in den anderen Städten, in denen die Transporte ankamen, ebenfalls.
Prof. Wolfgang Benz, einer der kenntnisreichsten Historiker über die Zeit des NS, hat dazu bei S.Fischer publiziert[11].
Die genauen Umstände des Mai-Transportes mit Susanne Schaefer im Jahre 1939 konnte ich bislang noch nicht aufklären und dokumentieren, aber eines ist völlig klar: die Familie Schaefer-Ast war ab Mai 1939 zerrissen. Die Tochter in England, die Frau auf der verzweifelten Suche nach einer Ausreisemöglichkeit, der Vater in einer anderen Wohnung ein paar Häuser weiter.
Die exilierten Kinder konnten nur noch schriftlich mit ihren Eltern in Verbindung bleiben, nach Beginn des Zweiten Weltkrieges nur noch über Formulare des Internationalen Roten Kreuzes.
Nach Steffis Flucht im Juli gab es nur noch zwei erhaltene Brief zwischen den Eheleuten. Beide aus dem Jahre 1939, beide aus Prerow. Dann herrschte Stille. Erst nach dem Kriege, sechs lange Jahre später, kam wieder ein Briefwechsel zustande.
Wir gehen zurück ins Jahr 1939.
26. Mai 1939. Schaefer wird nun, nach der Scheidung von der Jüdin Steffi, vom Staat belohnt. Er erfährt: „Der Herr Präsident der Reichskammer der bildenden Künste hat mit Schreiben vom 16.5.39 die Ihnen für den Bereich der Reichskammer der bildenden Künste erteilte Sondergenehmigung auf die in den Zuständigkeitsbereich meiner Kammer fallenden schriftstellerischen Veröffentlichungen ausgedehnt.“[12] Schaefer-Ast darf nun zeichnen, malen und schreiben.
Nach Susannes und Steffis Ausreise kauft sich Schaefer im Sommer 1939 in Prerow ein kleines Häuschen mit Grundstück.
Der inzwischen ehemals NS-kritische, nun aber „gleichgeschaltete“ Simplicissimus bringt am 4.6.1939 die Grafik „Grand Compliment“[13], die nach all diesen Ereignissen ein wenig seltsam anmutet. Wen der Schaefer-Ast da wohl meint?

25.6.1939 Schaefer-Ast schreibt von Prerow aus an Steffi, die in Berlin in der Kurfürstenstraße 43 offenbar krank ist, aber dennoch ihr Exil vorbereiten muss:
„Liebe Steffie, heute Morgen das Telefongespräch hat mir wohlgetan, es war mein Sonntag. Zu schade, dass Du so wenig auf dem Posten bist. Hoffentlich stimmt Dich der normale Ablauf etwas ruhiger, und Du erholst Dich auf den Schreck, und Du trittst vergnügt deine Sommerreise[14] an. So musst Du denken. Und siehst Mopsie! und Schottland. Es wird bestimmt alles gut werden. Zu Dienstag (Berlin) möge der Herr Dir Kraft verleihen, das muss schwierig sein.
Wir waren erst einmal am Strand! Kannst Dir denken, wie wir schuften. Also morgen kommt Peter. Ich schreibe dann wieder. Dein Ast.“[15]
28. Juli 1939. Schaefer schreibt von Prerow aus an seine Tochter Susanne in England.
„Prerow, Freitag, 28. Juli.
Liebe Susanne, heute bekam ich Muttis Brief, dass sie schon Mittwoch abgefahren ist.[16] Na! Das müssen ja wunderschöne Tage gewesen sein in Ayr[17]. Mutti war auch ganz begeistert von der schönen Umgebung und vom Haus und von der lieben Familie Hamilton. Und von Craster und Dackelbaby. Wir leben auch noch immer ein rechtes Ferienleben, nur dass ich jetzt Luise mitgebracht habe aus Berlin, die jetzt für uns kocht. Heute gab es Bratwurst mit grünen Bohnen und neuen Kartoffeln. Hinterher Kirschkompott von eigenen Kirschen. Zum Frühstück gibt es Peters Radieschen, auch Saat hat er gepflanzt und seinen Sonnenblumenpfad, aber den kann man nicht essen. Als ich in Berlin war, um Mami an die Bahn zu bringen[18], da haben Peter und ein Freund von mir aus der Düsseldorfer Zeit allein gekocht, da gab es viel Makkaroni, Pellkartoffeln und Hering und Bratkartoffeln mit Ei. Ich habe noch eine große schwarze Bratpfanne (handgeschmiedet, man sieht jeden Hammerschlag) beim Dorfschmied gekauft, nun braten sie doppelte Portionen; und als Luise kam, musste sie zuerst Kartoffelpuffer backen. Nächstens schicke ich als Drucksache die Blumen und Bilder aus der „Dame“, die ich in Prerow gemalt hatte. Ich wünsche Dir noch recht schönes Wetter für deine Ferien[19] und grüße Dich herzlich. Dein Vater.“[20]
3.8.1939. Haushälterin Luise schreibt einen letzten Brief aus Prerow an „Susannchen“ in England[21].
1.12.1939 Eine Werbeanzeige in der Südwestdeutschen Handelszeitung weist auf das „Große Weihnachtsheft der DAME“ hin, in der Schaefer-Ast vertreten ist. Schaefer darf publizieren und verdient gut.

13. 12. 1939 trotz all dieser Entwicklungen, die ja ganz im Sinne der NS-Reichskulturkammer sind, fragt ein ganz Beflissener im Amt des Präsidenten der Kammer der bildenden Künste bei der GESTAPO nach, ob „Tatsachen bekannt sind, die auf weitere Beziehungen des Sch.-A. zu seiner früheren Frau schließen lassen.“ [22] Man traut ihm nicht. Vielleicht hatte man auch die Briefe vom 28.7. und vom 25.6. abgefangen und studiert.
Inzwischen aber hat Hitlers Wehrmacht Polen überfallen.
[1] Reichskulturkammer, Personalakte Schaefer, Landesarchiv Berlin, ARep.243-04 Nr. 7925 a.a.O., Blatt 15
[2] Reichskulturkammer, Personalakte Schaefer, a.a.O., Blatt 62
[3] Reichskulturkammer, Personalakte Schaefer, a.a.O. Blatt 10
[4] Reichskulturkammer, Personalakte Schaefer, a.a.O., Blatt 12
[5] Ausschnitt aus der Scheidungsurkunde vom 17.4.1939 vom Standesamt Berlin-Charlottenburg.
[6] Buck, a.a.O., S. 12
[7] Reichskulturkammer, Personalakte Schaefer, a.a.O., Blatt 3
[8] https://www.dw.com/de/kindertransporte-flucht-vor-den-nazis/a-65194239
[9] https://www.jmberlin.de/thema-kindertransport
[10] https://www.spiegel.de/geschichte/reichspogromnacht-1938-kindertransporte-retten-juedische-kinder-das-war-keine-kindheit-a-22e2124a-342e-4322-b6f1-c4e441440491
[11] https://www.fischerverlage.de/buch/die-kindertransporte-1938-39-9783596157457
[12] Reichskulturkammer, Personalakte Schaefer, a.a.O., Blatt 24
[13] Simplicissimus online, 4.6.1939, Heft 22, S. 262
[14] damit ist das Exil gemeint!
[15] Buck, a.a.O., S. 35, wie mag diese Karte wohl auf Steffie gewirkt haben?
.[16] Steffi hatte Tochter Susanne in Ayr/England aufgesucht
[17] das ist keineswegs sicher. Steffi war völlig mittellos, sie durfte nur mit 10 Reichsmark ausreisen und war auf die Freundlichkeit anderer Menschen angewiesen.
[18] Schaefer scheint ja seine Frau Steffi wenigstens zum Bahnhof gebracht zu haben.
[19] entweder macht Schaefer mit der Bemerkung „Ferien“ einen groben Scherz oder Susanne wusste tatschlich nicht, was eigentlich los war.
[20] Buck , a.a.O., S. 37
[21] Buck, a.a.O., S. 38
[22] Reichskulturkammer, Personalakte Schaefer, a.a.O., Blatt 60























