Die Kinder waren pünktlich. Sie kennen ja nun den Weg vom Klassenzimmer zum Zimmer, in dem Lesen geübt wird. Die Stunde ist nicht lang, dennoch brauchen wir einen häufigen Wechsel zwischen Zuhören, Schreiben, Malen, Lesen, Aufsagen, nochmal Üben. Heute haben wir uns mit „Äu“, „Eu“, „Ei“, „Au“ beschäftigt. Zwei Buchstaben, die aber wie ein Laut klingen. Die Hürde beim Lesen ist ja nicht zu übersehen. Es lautet nicht: „da gehen Le-ute auf der Straße“, sondern eben: „da gehen Leute auf der Straße“. Zwei Buchstaben, aber ein Laut. Wie in „Laut“. Das muss man ja erstmal kapiert haben. Es gibt viele solcher Worte, die man zunächst mal suchen kann. Dann kann man sie schreiben – ah ja, siehste, da sieht man ja gleich, wo der Haken hängt. Also nochmal. Und nochmal. Und beim dritten Mal gehts schon besser.
Zwischendurch gibts ne Kurzgeschichte, das Kind kann dabei malen, wenn es möchte und es möchte bislang immer. Dann gehts wieder weiter mit den Worten und den Lauten. Repetitio mater studiorum est – die Wiederholung ist die Mutter der Porzellankiste, nicht wahr.
Die Kurzgeschichte handelte von einer Schulfreundin, deren Mutter beim Lesen half. Und das Kind aus der Geschichte wurde von der Schulfreundin mit nach Hause genommen, damit sie beide gemeinsam üben konnten. Mit der eigenen Mutter konnte das Kind nicht lesen üben, denn die Mutter war nicht zu Hause, sondern mußte Geld verdienen und das Schulkind konnte sich nicht konzentrieren, weil der Vater zu Hause vor dem Fernseher saß und die Geschwister laut spielten, es war halt schwierig. Und deshalb war es schön, daß die Schulfreundin das Kind mit zu sich nach Hause nahm – dort konnte in Ruhe geübt werden.
„Hast Du auch jemanden, der mit Dir zu Hause übt?“ frage ich nach der Geschichte. „Meine Mama übt mit mir seit zwei Wochen“ sagt das Kind. „In den Merkworten hab ich ne drei gekriegt“. Da schau mal einer an. Das Kind kam bislang mit fünfen nach Hause, wenn die „Lernworte“ abgefragt wurden. Nun aber wird zu Hause geübt – Mama höchstselbst macht das – und – zack – kommt das Kind stolz mit ner „Drei“ nach Hause. „Die Drei ist die Eins des Kleinen Mannes“ trösteten wir uns in meiner Abiturientenzeit. Erfolge sind wichtig und geben Motivation, deshalb wird diese „Drei“ auch gewürdigt.
Merke: Eltern sind beim lesen Üben und beim Lernen überhaupt unersetzlich. Wir Lese-Paten assistieren und „putzen aus“, wie man so sagt. Aber den eigentlichen Fortschritt macht das Kind, wenn es zu Hause unterstützt wird. Ich bin mir nicht sicher, ob sich wirklich alle Eltern dessen bewusst sind.