Das Kind war heute wie ausgewechselt. Keine trübe Stimmung, keine Niedergeschlagenheit. Freundlich, aufgeweckt, interessiert. Ich hab mich gewundert. Was war geschehen? Die Aufklärung kam erst ganz zum Schluß.
Wir haben uns heute wieder mit Worten und mit Buchstaben beschäftigt – natürlich, geht es doch darum, das Lesen zu lernen und den Sinn des Gelesenen zu erfassen. Ich wusste von früheren Stunden, dass das Kind mit dem Laut „ch“ nicht wirklich klar kommt. Beim Sprechen schon, beim Schreiben und Lesen jedoch nicht. Also haben wir Worte gesucht, die mit „ch“ enden oder eines enthalten: „Dach“, „wach“, „lachen“ – aber dann schlich sich ein „sprechen“ ein und ein „ich“ und dann wieder ein „suchen“, hui, die Angelegenheit wurde kompliziert. Wann spricht man hart, wann spricht man weich? Wir sprechen vom „Ich-Laut“ (weich) und vom „Ach-Laut“ (hart). Aha. Die selben Buchstaben werden also verschieden ausgesprochen. Wie in „ich“ oder in „ach“.
„Ach“ kenne ich, meint das Kind, als wollte es mal was Entspannendes einwerfen. „Das kenne ich von „ach du Scheiße““. Was sagt man denn dazu. Kinderseelen liegen meist offen wie ein Buch und man erfährt sofort, in was für einem sprachlichen Umfeld das Kind aufwächst. Man hört den „Familienjargon“ oder den „Freundesjargon“.
Jedenfalls haben wir heute das Problem mit dem „ch“ eingekreist: die beiden Buchstaben sind ein Laut und es gibt auch eine Regel, wann der „Ach-Laut“ gesprochen wird, und wann der weiche „Ich-Laut“, aber dazu kommen wir später, man soll ja nicht alles auf einmal mit dem Bade ausschütten.
Dann hat das Kind begonnen zu malen – das gehört inzwischen zur festen Übung, weil man dabei gut zuhören kann. Nicht etwa klein und winzig hat es gemalt, sondern gaaanz groß und mit einer goldenen Krone auf dem Kopf. „Das bin ich!“ Da schau mal einer hin, da hab ich von dem Kind aber schon ganz anderes gesehen: klein, pechschwarz, dunkelwinzig, kaum wahrnehmbar. Und dann hat das Kind unsere Vornamen aufgeschrieben und laut vorgelesen – und dann hat es ein großes Herz drumherum gemalt und auch innen drin noch lauter Herzchen – kurz: ich hab das Kind kaum wiedererkannt.
Die Auflösung des Rätsels der heutigen Stunde kam, als das Kind in die Pause gehen wollte und schon die Türklinke in der Hand hatte.
„Bald ist Wochenende – dann kommt mein Papa!!“
Ach, wie schön.
Merke: wenn es der Kinderseele gut geht, wenn die kleine Kinderseele eine kleine Hoffnung in sich trägt, oder eine Vorfreude oder einen kleinen Erfolg, daß jetzt etwas besser geht als in der vorigen Woche – dann lernt das Kind anders. Es lernt sehr viel besser, um es genauer zu sagen.
Also, Du Erwachsener, versuche, einen Beitrag dazu zu leisten, daß es der Kinderseele gut geht. Sonst wird es schwierig mit dem Lesen.