Ein Kirch-Gang im Bundeshauptdorf

Ein Kirch-Gang im Bundeshauptdorf

Heute nehme ich mir vor, zu 11 Uhr in „Samariter“ zu sein, einer Kirche, die ich noch nicht kenne, auf deren Elf-Uhr-Gottesdienst aber gestern bei Facebook aufmerksam gemacht worden war. Hoch lebe das Internet!

Ich schaue mir die Entfernung an: 20 Minuten mit dem Fahrrad, 12 Minuten mit dem Auto, etwa 40 Minuten mit Öffentlichen und etwas über eine Stunde zu Fuß. Nein, ich fahre nicht, ich mache einen Kirch-Gang – und gehe zu Fuß. Ich will die Stadt sehen, in der ich wohne, auf dem Wege zu einer Kirche, die ich nicht kenne.

Der Weg beginnt eigentlich in einem alten Berliner Vorort, der erst seit 1920 zur Stadt gehört, in der Gärtnerstraße, führt dann die Große-Leege-Straße hinunter, die langweilig ist. Das ist „Wohnstraße“, „Schlafstraße“. Keine Restaurants, keine Geschäfte, ein paar Innenhöfe zeigen sich versteckt durch Hausdurchgänge, ich folge den Einblicken nicht, will weiter. In der Straße lädt nichts zum genaueren Hinsehen ein. Der Weg führt über die Landsberger hinüber – dort wird grade mächtig gebaut, die städtischen Wasserleitungen sind dringend sanierungsbedürftig, gewaltige Rohre liegen bereit, in denen ein Erwachsener aufrecht stehen könnte. Hinüber zur Vulkanstraße, dann, kurz vor einem Parkplatz abbiegend, führt der Weg quer durch ein Neubaugebiet mit gewaltigen Hochhäusern. Schlafburgen sind das. Von außen wirkt das auf mich wie ein riesiges Gefängnis. Einige Wohnungen sehe ich mit kaputten Fenstern, andere sind mit Silberfolie ausgebessert, es sieht schlimm aus, wenn ich mir die gewaltige Fassade eines solchen Giganten betrachte. Hier ist alles viereckig. Ein paar Menschen sind auszumachen, da ganz oben an einem der Fenster. Sie schauen herunter auf die Welt, in die sie wohl nur heruntersteigen, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt.
„Man kann einen Menschen auch mit einer Wohnung erschlagen“ fällt mir ein, Heinrich Zille soll das mal gesagt haben und der kannte sich aus in den Berliner Wohnmilieus.
Weiter geht der Weg an REWE und EDEKA vorbei in die Möllendorffstraße. Dort wird das Hochhaus-Wohn-Elend noch dramatischer.
Wer einmal großstädtische autogerechte aber menschenfeindliche Wohnweise in ihrem ganzen Elend sehen will, sollte in die Möllendorffstraße gehen und sich dort die gewaltigen Hochhäuser genau besehen, die da zu sehen sind. Man findet Vergleichbares in vielen deutschen Städten. Sünden der siebziger Jahre.
Auf Höhe Loepernplatz führt mich mein Kirchgang nach rechts beim HADI-Friseur, einem Barbershop, vorbei zunächst in die Scheffelstraße, dann über die Eldenaer Brücke. Unter mir S-Bahn-Gleise und Gleise des Fernverkehrs. Berlin ist eine schnelle Stadt. Über 14.000 Menschen arbeiten für die Berliner Verkehrsbetriebe. Das rattert und rast den ganzen Tag im Minutentakt. Diese Stadt schläft nicht.
Dann bin ich bald da, bin schon über eine Stunde unterwegs, die Samariterstraße führt von der Eldenaer Straße linksab, die Kirchturmspitze ist schon zu sehen. Ich habe noch eine dreiviertel Stunde Zeit bis zum Beginn der Veranstaltung, das ist gut und richtig so, so hatte ich das auch geplant, weil ich „Witterung aufnehmen“ will in diesem Kiez, in dem der „Samariter“ das Thema vorgibt; die Kirche ist in Sichtweite, also setze ich mich „auf einen Kaffee“ gleich gegenüber in einen „Türkenladen“ und bestelle mir einen Kaffee. „Espresso haben wir nicht, aber normalen Kaffee“ sagt einer der beiden Männer, die sich da am Sonntagvormittag offensichtlich um den Laden kümmern, wenn sie nicht grad draußen als ihre eigenen Gäste am Tisch sitzen und schwarzen Tee trinken.

Gleich nebenan war ich eben am Gemeindebüro vorbeigelaufen, nicht, ohne mir ein Erinnerungsfoto mitzunehmen:

In dieser Kirchengemeinde geht es also um Gutwilligkeit gegenüber Hunden, Union Berlin hat hier Fans, im Gemeindesaal gibt’s eine Suppenküche und ein Nachtcafé, ein Kindergarten ist vorhanden und Migrationsberatung findet statt.
Ich werde neugierig.
Großstadt-Gemeinden bilden inhaltliche Schwerpunkte. Hier also: „Migrationsberatung“. Man arbeitet mit Flüchtlingen.

Die Kirche selbst – eine jener zahlreichen Kirchen, die Kaiserin Auguste Viktoria (im Volksmund „Kirchenjuste“ genannt; allein in Berlin 53 Kirchen!) der Stadt hinterlassen hat: ein neogotischer Klinkerbau. Nix Besonderes. Solche Kirchen finden sich zahlreich in der Stadt. Wichtiger ist mir, was drinnen vor sich geht.

Mein Kaffee ist ausgetrunken, ich habe noch ein paar Minuten, gehe eine Runde um die Kirche herum. An einem Seiteneingang nochmals der Hinweis auf die Migrationsberatung, die hier geleistet wird. In der Bänschstraße sehe ich ein wunderbar restauriertes altes Berliner Mietshaus, einst großbürgerlich, mit wundersamen Balkons, die mich auf die Idee bringen, eine Fotoserie über Berliner Balkone aufzunehmen. Hier meint man, in Venedig oder andernorts weiter südlich angekommen zu sein. Eine hübsche Überraschung.

Neben dem Eingang der Kirche der wichtige Hinweis auf die Bekennende Kirche und Wilhelm Harnisch.

„Ein guter Ort“, geht mir durch den Sinn. Das Thema „Bekennende Kirche“ begleitet mich nun schon fast ein halbes Jahrhundert. Immer wieder bin ich auf den Spuren jener verdammten 12 Jahre zwischen 1933 und 1945. Sie sind ein Lebens-Thema geworden.
Im Kirchenraum ist es noch leer, ich bin früh dran. Ein Kantor und eine junge Frau – vermutlich die Lektorin – unterhalten sich. Letzte Absprachen. Ein freundliches „Guten Morgen“ verbindet uns sofort. Ich nehme Platz im vorderen Drittel des großen Raumes und besehe mir den Altar-Raum in aller Ruhe, während nach und nach die meist jungen Menschen kommen, die an der Veranstaltung teilnehmen wollen. Der Raum sagt mir zu: Sorgfältig vorbereitet, auch die Details stimmen. Einladend vorbereitet. So soll es sein.
An Hitzetagen dient dieser schöne Raum auch als Hitze-Schutzraum für Menschen, die mal eine Pause brauchen von der Hitze der Stadt, ein wenig Schatten, etwas Kühlung. Die großen Kirchenräume bieten sich dafür sehr gut an, zumal stehen sie mitten im Wohngebiet, sind gut erreichbar und haben viel Platz.

Blau – die Farbe des Himmels. Marc Chagall hat am Ende seines Lebens beinahe nur noch in Blau gearbeitet. Wer‘s nicht glaubt, fahre einmal nach Mainz und besehe sich St. Stephan, das „Testament“ des großen Meisters. Rot – die Farbe der Liebe; Gold – die göttliche Farbe. Damit ist alles Wesentliche eigentlich schon gesagt. Die transparenten Fenster bringen das „Licht von außen“ sehr gut in den Raum. Wir leben in finsteren Zeiten, da ist ein „Licht von außen“ gut zu gebrauchen.

Pfarrerin Jasmin El-Manhy bereitet sich an der Seite des Kirchenschiffes vor, das ist immer ein wenig fummelig mit dem Ansteckmikrofon am Talar, man kennt das. Sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, die Sache ist erst fertig, wenn sie fertig ist.
Wir Zuhörer erfahren gleich zu Beginn ihrer Textauslegung, daß sie „Familie in Ägypten“ hat. Da passt das Thema Migrationsberatung wohl gut sowohl zur Gemeinde als auch zur Pastorin. Da ist etwas „stimmig“, wie Musiker vielleicht sagen würden.

Worum geht es heute? Um das Thema „Brot“.
Ein Hinweis also. Ein uraltes Symbol. Antwort auf eine Lebens-Frage: wovon lebe ich eigentlich? Was nährt mich wirklich? Was nährt meine Seele?
Wir leben in Wohlstand und Freiheit – sind aber doch oft unglücklich, streitlustig, aggressiv, rechthaberisch, wirken immer mehr „kriegstüchtig“, sind auf Zank und Streit aus – Zeichen, daß es unserer Seele nicht gut geht, sie ist nicht gut genährt, jeder Therapeut und jeder Seelsorger kennt diese Anzeichen des Seelenzustandes eines Menschen.
Was aber nährt die Seele? Was wäre denn „das richtige Brot“? Was wäre denn das „Brot des Lebens“?

Darum geht es und um die Frage, die gleich zu Beginn in einem uralten Text auftaucht und gemeinsam von allen gelesen wird: Wo ist eigentlich für mich „eine Stadt, in der ich wohnen kann“?

Der alte Text aus der Liedersammlung des Königs David lautet:
„Dankt dem HERRN, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewig. So sollen sagen, die erlöst sind durch den HERRN, die er aus der Not erlöst hat, die er aus den Ländern zusammengebracht hat von Osten und Westen, von Norden und Süden. Die irregingen in der Wüste, auf ungebahntem Wege, und fanden keine Stadt, in der sie wohnen konnten, die hungrig und durstig waren und deren Seele verschmachtete, die dann zum HERRN riefen in ihrer Not und er errettete sie aus ihren Ängsten und führte sie den richtigen Weg, dass sie kamen zur Stadt, in der sie wohnen konnten: Die sollen dem HERRN danken für seine Güte und für seine Wunder, die er an den Menschenkindern tut, dass er sättigt die durstige Seele und die Hungrigen füllt mit Gutem.“

Da ist sie wieder, die „Migrationsberatung“ für alle die „Menschen aus Ost und West, von Norden und Süden“.
Hier findet sich „eine Stadt, in der sich wohnen lässt“. Hier findet sich Gemeinschaft und Gesang.
Hier kann man wieder mal aufatmen von der Last der Woche, abladen, was einem zu tragen zu schwer wurde. Durchatmen, loslassen, singen.

Im Zentrum: Brot und Wein – gemeinsames Essen und Trinken, das ist hier gelebte Praxis in Samariter. Man hört einander zu, man wendet sich dem Nachbarn zu, man ißt gemeinsam. Denn:
Wir sind alle Fremde unter Fremden. Wir sind allesamt nur Durchreisende. Es gibt also überhaupt gar keinen Grund von „wir hier“ und „die da“ zu sprechen.

Mir sagt zu, was ich hier wahrnehme. Das ist glaub-würdig und authentisch. Das ist nicht „gemacht“, sondern schlicht, einfach, durchscheinend, transparent. Hier geht es um Zuwendung und Trost, Stärkung und gemeinsame Hoffnung. Das sagt mir zu. Eine Stadt wie Berlin, in der alle Nationen der Welt vertreten sind, braucht solche Orte der Verständigung und des Miteinanders.

Am Ausgang kann man Geld spenden. Diesmal wird für die Arbeit mit Menschen gesammelt, die an den Berliner Bahnhöfen gestrandet sind. Das alte Wort „Bahnhofsmission“ zeigt ja nur wenig von der wichtigen Arbeit, die da eigentlich an Menschen geleistet wird, die eine Soforthilfe brauchen. Wer etwas in die andere Schale legen will, kann die „Migrationsberatung“ unterstützen. Auch das gefällt mir gut. Hier denkt man nicht nur an sich, sondern an andere. Ganz praktisch. Jeder gibt, was er will und kann.

Den Rückweg nehme ich wieder unter die Füße.
Ich will nachklingen lassen, was da eben aufgeklungen war; will dem nach-denken, was da angesprochen war. Ich gehe durch die Millionenstadt Berlin und der uralte Satz klingt in mir nach von jener „Stadt, in der man leben kann“. Tausende Menschen kommen hierher, weil sie hoffen, daß ihnen hier geholfen wird. Berlin ist Deutschlands Haupt-Anlaufstelle für Flüchtlinge. Kaum eine andere Stadt hat so viel Erfahrung im Umgang mit Menschen aus anderen Ländern. Sie suchen Heimat, suchen einen Ort zum Leben.

Das gilt aber ebenso für die Menschen da oben in den Hochhäusern in der Möllendorffstraße in ihren viereckigen Gefängnissen mit den kaputten Fensterscheiben.
Wo haben diese Menschen denn „eine Stadt, in der man leben kann“?

In solchen Gedanken komme ich am „Hohenschönhausener Tor“ an und setze mich zum Türken in die Bar, draußen droht ein kräftiger Regenschauer, da ist dieser Ort gerade richtig für ein kleines Mittagessen.

Es gibt „chinesische Frühlingsrollen mit Hühnerfleisch“ und ein Berliner Pils – im Plastikbecher. „Gläser ham wa nich“.
Ich sitze in dieser Bar als Fremder unter Fremden. Hier in dieser Bar, die es zu Hunderten gibt in dieser Stadt an diesem Sonntagvormittag, höre ich russisch, chinesisch, einen Menschen aus Afrika sehe ich, neben mir ein Ukrainer, der Chef des Ladens kommt aus der Türkei.
Wo ist Heimat? Wo ist die Stadt, „in der ich wohnen kann“? Eine Frage, die uns verbindet.

Neben mir der ältere Ukrainer im edlen Samthemd, mit Edelsteinring am Finger und Goldschnallen am Schuh löffelt seine Wan Tan Suppe, das riesige Smartphone neben sich. Wo ist sein zu Hause?

Der junge Russe im blauen Trainingsanzug, weißen Socken und Gummisandalen holt sich, das Handy noch am Ohr, einen kleinen Vodka aus dem Kühlschrank und zahlt gleich, die Sache geht schnell, er ist offenbar „in Geschäften unterwegs“.

Die Familie, die draußen vor dem Gastraum gesessen hat, ist weitergezogen. Zwei Kinder und eine jüngere Frau mit schmutzig roten Haaren und rosa Koffern voran, zwei „Galgenvögel-Gestalten“ hinterher, in der rechten Hand Bierflasche und Zigarette, mit der Linken wird der Kinderwagen mit dem dritten Kind geschoben – wo ist die Stadt „in der man leben kann“? Wo haben diese Menschen, mit denen ich eine kurze Zeit verbunden war, ihr zu Hause? Wo findet ihre Seele Nahrung?

Der Bus vom Schienenersatzverkehr bringt mich die letzten anderthalb Kilometer.
„Berlin ist hart aber herzlich“ klingt es im Bus-Lautsprecher.
„Deshalb zeigt Respekt und seid freundlich zueinander.“

Sie war eine stille, zugewandte Frau. Ein Nachruf auf Ilse Jehle

Sie war eine stille, zugewandte Frau. Ein Nachruf auf Ilse Jehle

Ilse war eine jener Frauen, die still ihre zugewandte Art leben, die ihr Wesen ausmacht, derer aber oft nicht gedacht wird, wenn sie gegangen sind.
Sie war keine Berühmtheit, man wird ihr kein Mausoleum errichten, man wird ihr kein Staatsbegräbnis ausrichten – ich will aber öffentlich an sie erinnern, denn der eine oder andere, der bei Facebook unterwegs ist, hat sie auch gekannt.

Ilse war krank, das wusste ich, aber sie starb dennoch unerwartet. Mich hat diese traurige Nachricht faktisch „zufällig“ erreicht, als ich nach einem Urlaub bei facebook nachsah, was eigentlich mit Ilse „los“ sei. Es war so still geworden um sie. Auf ihrer Seite fand ich dann den Eintrag eines anderen Freundes, der darauf schließen ließ, daß Ilse gestorben sei.
Inzwischen bin ich mit der Familie im Kontakt. Mich hat Ilses Tod ziemlich betroffen gemacht, denn er kam überraschend.

In einem ihrer letzten Briefe – sie schrieb in ihren wunderbaren bunten Paketen, die sie hin und wieder schickte, gern farbig ausgestaltete Briefe – schrieb sie davon, daß es ihr gut gehe, daß sie sich auf die Begegnungen mit den Enkelkindern freue und klang eigentlich fröhlich und guten Mutes. Nun aber lag sie doch mehrere Wochen schwerkrank, wurde von Angehörigen gepflegt und ist nun still gegangen.

Wer war sie für mich und die Freunde, die sie kannten?
Ich habe Ilse zunächst per Facebook, später dann auch einmal persönlich kennenlernen dürfen, als sie mich in der Uckermark im Dörfchen Hetzdorf besucht hat. Die Sache kam so: ich hatte in jenem uckermärkischen Dörfchen ein Internet-Projekt begonnen und dazu aufgerufen, sich, wenn man möchte, mit einer Rosenspende an einem neu zu errichtenden Rosen-Garten zu beteiligen. Die Sache ging sehr schnell voran, Zeitungen und Fernsehen kamen, um von diesem „Internet-Garten“ zu berichten und das Dörfchen wurde bekannt, was ja auch beabsichtigt war. Ilse Jehle war eine der ersten, die spontan bei dem riskanten Projekt dabei war – und seither dabei geblieben ist.

Ilse schickte Rosen, sie schickte Blumensamen, sie schickte Bücher für die Rosenbibliothek – ich habe immer vermutet, sie müsste wohl irgendeine geheime Quelle für all die interessanten Bücher haben, die sie uns spendiert hat. Da ist im Laufe der Jahre so manches zusammen gekommen. Ich habe Ilse immer als großzügig erlebt, sie hat freudig geschenkt, mit viel Liebe ihre Pakete gepackt und die Briefe dazu geschrieben. Das war bunt und fröhlich und vor allem herzlich.

So manche Mail habe ich ihr geschrieben, sie solle uns nicht so viel schenken, die Sachen kosteten doch alle Geld – das hat sie aber nicht weiter beeindruckt. Sie wollte uns helfen und sie tat es aus vollem Herzen. Mit anderen Worten: Ilse Jehle gehört im Rosengarten im uckermärkischen Hetzdorf wohl ein kleines Denkmal, denn sie hat das Projekt immer aus vollem Herzen unterstützt.

Eines Tages, da schrieb sie mir, sie würde ihre Tochter besuchen, die in der Nähe in Ausbildung sei und Hetzdorf läge doch sozusagen, von Süddeutschland aus gesehen, „am Wege“ und wie es denn mit einem Treffen wäre? Na prima wäre das! Und so kam es dann, daß wir uns getroffen haben. Mutter und Tochter saßen da auf meiner Couch mit dem schönen Blick zum Bach hinunter in den alten Garten.

Als ich 2016 in den Ruhestand ging und Hetzdorf Richtung Berlin verlassen habe, blieb der Kontakt zu Ilse bestehen. Wir waren, was die Beurteilung der gesellschaftlichen und politischen Situation in unserem Lande anbetrifft, sehr oft der gleichen Ansicht. Ich konnte das daran erkennen, welche meiner Beiträge Ilse geteilt hat auch gab es so manche Mail zwischen uns in diesen Angelegenheiten.

Ilse gehörte zu denen, die ein Interesse an meinen Büchern hatte und ich hab sie ihr immer gern geschickt, weil ich wusste, daß sie die Arbeiten aufmerksam lesen würde. So war es offenbar auch mit dem Krebstagebuch, das sie und ihre Angehören in Ilses letzten Lebenstagen intensiv beschäftigt hat.

Mir wird wohl ein inneres Bild von Ilse bleiben: ich sehe da ein schlankes, beinahe zierliches Persönchen, überaus freundlich und zugewandt, treu vor allem – was sie zusagte, hielt sie. Sie war unterstützend, hilfreich, verständnisvoll, kurz: ein durch und durch helfender Mensch. Ich habe mich manchmal gefragt, ob diese Zugewandtheit anderen Menschen gegenüber vielleicht auch ein wenig von der Bedürftigkeit ihrer eigenen Seele erzählt hat. Aber das kann ich sie nun nicht mehr fragen.

Ich bin sehr froh, Ilse kennengelernt zu haben. Ich bin dankbar für die jahrelange Verbindung zwischen uns. Ich weiß, daß es etlichen anderen Menschen, die sie gekannt haben, ebenso geht. Wir wollen sie in guter Erinnerung behalten.

Kindertransporte 1938/39 (7). The Goring Hotel.

Kindertransporte 1938/39 (7). The Goring Hotel.

Von Nick und Tim war im letzten Beitrag die Rede. Nun gehen wir ihrer Großmutter nach, „Steffie“, wie sie ihre Zeichnungen beim Berliner Ullstein-Verlag ab 1922 kennzeichnete. Steffie Nathan, verheiratete Schaefer, geschieden im April 1939, wenige Tage vor der Ausreise (22. Mai) ihrer Tochter Susanne mit einem Kindertransport von Berlin nach Ayr in Schottland. Steffie folgte der Tochter im Juli. Das war nur mit dem Visum für eine „Hausangestellte“ möglich. Britische Familien suchten solche Angestellten. Es war der einzige Weg, der Steffie noch blieb. Die Lage der Juden in Deutschland und Österreich war verzweifelt. Es war so gut wie unmöglich geworden, überhaupt ein Visum zu bekommen.

Sie, die als Einzelkind in einer sehr vermögenden Bankiersfamilie in Berlin aufgewachsen war; sie, die im renommierten Ullstein-Verlag, Europas größtem Verlagshaus in jenen Jahren, sogar Titelseiten von „UHU“ und von der führenden Illustrierten „Die Dame“ zeichnete – diese in vornehmen Zirkeln beheimatete Bohéme, die in Berliner Künstlerkreisen verkehrte und selbst ein Kindermädchen und eine Hausangestellte hatte – diese Frau musste nun als „House Wife“ nach London.

Sie hat an vielen verschiedenen Stellen Arbeit gesucht. Ihre Versuche, wieder als Grafikerin zu arbeiten, scheiterten. Die Einreisebestimmungen verboten es ihr, in „regulären Berufen“ zu arbeiten. England befürchtete, daß „die Einwanderer“ „uns Briten die Arbeitsplätze wegnehmen“, das war offiziell in jenen Jahren.

Ich bin ihren Orten in London nachgegangen.

Steffie hat zum Beispiel in „The Goring Hotel“ gearbeitet. „The Goring“ ist ein Fünf-Sterne-Hotel (wie das „Adlon“ in Berlin) und gehört zu den 5 besten Fünf-Sterne-Hotels weltweit, wie eine Tafel aus dem Jahr 2025 stolz verkündet:

Man kann dort heutzutage für 900 britische Pfund pro Nacht übernachten, wenn man will und kann. Meine Frau und ich haben uns das alte Familienhotel – gegründet 1910 von Herrn Goring Senior, der mit einem Kohlehandel in Dresden vermögend geworden war – von innen besehen und „eine Tasse Tee“ für 18 Pfund getrunken, das war uns die Sache wert. In einem Nebenflur kann man die Geschichte des Hauses nachlesen. Ich habe mich immer gefragt, wie Steffie eigentlich ins Goring kam: Nun, ihre Mutter Hedwig kommt aus Dresden und Mister Goring senior ebenfalls. Man kann kann davon ausgehen, daß sich die wohlhabende Kaufmanns-Familie Markiewicz und die wohlhabende Familie Goring kannten. Vielleicht hat Herr Goring ja zur Erweiterung seines Geschäfts sogar mal einen Kredit vom Kaufmann Markiewicz bekommen, wer weiß. Die Spur jedenfalls führt nach Dresden und es ist vorstellbar, daß Mutter Hedwig über ihre „alten Kontakte“ in Dresden nach Arbeitsmöglichkeiten für ihre Tochter in London geforscht hat.

Ich wollte „Witterung aufnehmen“, ich wollte mir vorstellen, wie es Steffie irgendwann zwischen 1939 und 1944 in „The Goring“ ergangen sein mag.

Kann ich mir Ullsteins Vorzeige-Grafikerin im Kreise der Angestellten des „Goring“ vorstellen? Alte Firmen-Aufnahmen, die im Foyer des Hotels ausgestellt sind, müssen helfen:

Wo ist Steffie? Vielleicht versteckt sie sich ja in der freundlichen Bedienung, die uns den Tee bringt und uns von dem langjährigen Kollegen erzählt, der die Geschichte der Firma Goring erforscht hat und dem die alten Firmen-Bilder im Foyer zu verdanken sind?

Es ist sehr angenehm im „Goring“. Man ist sehr freundlich, sehr dezent, man lärmt nicht. Die edlen Teppiche sorgen dafür, daß man im Hause „leise auftritt“.
Gegenüber, am offenen Kamin sitzt ein russischer Geschäftsmann in Jeans und Pullover mit seiner Sekretärin und verabredet die Termine des Tages. Dezente Musik, sehr freundliche Bedienung. Freundliche Ratschläge bei der Auswahl der feinsten britischen Tees. Jeder Gast ist hier willkommen.
Weshalb sind wir hinein gegangen in dieses sehr besondere Hotel?
Ich war innerlich auf der Suche nach Steffie. Hab versucht, mir vorzustellen, wie sie wohl hier gearbeitet haben mag? Als Bedienung der Gäste? Als Zimmermädchen? „Mrs. Schaefer, come here, please….“
Man muss bedenken, als Steffie gezwungen wurde auszuwandern, war sie 43 Jahre alt.
1939 kam sie, ab 1940 herrschte Bombenkrieg in London, die Deutschen fielen über England her. „The Blitz“ begegnet einem heute noch überall in der Stadt an zahlreichen Denkmalen. Die Zerstörungen in der Stadt waren horrend. Man kann nicht davon ausgehen, daß Steffies Heimweg von der Arbeit in ihre Bleibe einfach war. Das Gegenteil dürfte der Fall gewesen sein.
Wo war Steffie in jenen Jahren? Wie kann ich mir ihr Leben vorstellen? Was ich weiß: Sie musste zusehen, daß sie nicht verhungerte. Die Bezahlung in ihren Jobs war schlecht.

Wir wissen, daß sie in London Arzthelferin war, dass sie für eine Modefirma gearbeitet hat, dass sie in einer Bibliothek beschäftigt war – immer für knappes Geld. Und sie hat in „The Goring“ gearbeitet.
Ich kann mir nun sehr gut vorstellen, daß diese „Tochter aus gutem Hause“ all diese Lebensumstände als erniedrigend empfunden haben muss. Ein Brite würde vielleicht sagen: diese Umstände waren eine Beleidigung. Das aber durfte Steffie auf gar keinen Fall und niemals aussprechen. Sie hatte still zu sein. Sie hatte dankbar zu sein. Denn: immerhin war sie am Leben geblieben. Sie hatte den Mund zu halten darüber, wie es ihr im Inneren wirklich ging.
Kein Wunder, daß sie später Kettenraucherin war, an Depressionen litt und Medikamente brauchte.

1944 hat Steffie in 31 Dorset Square gewohnt. Ganz hoch oben „in einem erbärmlichen Zimmer einer heruntergekommenen Pension hoch oben unter dem Dach“, wie Susannes Ehemann in den Siebziger Jahren aufgeschrieben hat. Nick und Tim sind mit ihrer Großmutter mal da gewesen, da hat Steffie den Enkeln diese Bleibe gezeigt. Die Jungs sind nun auch schon über 60. Sie haben keine weiteren Erinnerungen an diesen Besuch, nur, daß das Klo eine halbe Treppe tiefer war. „Es muss sehr primitiv gewesen sein“, sagt Nick.

Wir sind auch zu dieser Adresse gegangen, denn ich wollte mir vorstellen, wie Steffie – vielleicht nach der Arbeit in „The Goring“, das gar nicht sehr weit und nur ein paar Busstationen von Dorset Square entfernt ist – am Feierabend „nach Hause kam“ und völlig erschöpft die fünf Etagen zu ihrem Zimmer hochstieg – die Tochter ohne Nachricht in Schottland ….

Ganz oben unter dem Dach in 31 Dorset Square musste sie wohnen, die Toilette eine Etage tiefer im Flur, wir mir Nick bei unserem Gespräch im St. James Park erzählt hatte.
1944 übrigens, der Krieg war noch nicht zu Ende, kam Steffies Mutter Hedwig aus dem Exil in Shanghai nach London, um nun auch bei ihrer Tochter zu wohnen. Und Tochter Susanne musste aus Schottland fort, denn die Einreisebestimmungen für die Kindertransport-Kinder besagten, dass sie nur bis zum vollenden 17. Lebensjahr versorgt sein würden. Am 18. Januar aber war Susanne 17 geworden. Sie kam im Februar zu ihrer Mutter nach London. Da „wohnten“ sie nun, die drei Frauen. Es war eine elende Zeit, aber, Hedwig, Steffie und Susanne waren immerhin „noch am Leben“.
In jenem Februar 1944 begannen die amerikanische Air Force (USAAF) und die Royal Air Force (RAF) mit ihren schweren Luftangriffen auf die Rüstungsindustrie-Zentren in Mitteldeutschland. Der Krieg war für Deutschland längst verloren, aber die Deutschen glaubten noch an ihre „Wunderwaffe“, Deutsche glauben ohnehin gern an Waffen – deshalb dauerte der verlorene Krieg noch länger als ein Jahr.

Kindertransporte 1938/39 (6). Nick und Tim. Susannes Söhne.

Kindertransporte 1938/39 (6). Nick und Tim. Susannes Söhne.

Peter Lobbenberg, von dem im vorigen Beitrag die Rede war, hatte mich mehrfach ausdrücklich ermutigt, mich mit Nick und Tim zu treffen. Ich war zurückhaltend. Wie komme ich als Deutscher dazu, mich in die Familiengeschichte dieser britischen Familie zu „drängeln“? So empfand ich es anfangs. Aber Peter ließ nicht locker, nein, der Mail-Kontakt sei jetzt hergestellt und nun müsse auch ein persönliches Treffen folgen.
„Du weißt mehr als wir“ hatte mir Nick, der älteste Sohn von Susanne Schaefer, gemailt. Auch das noch. Da kommt so ein Deutscher auf den Spuren von Großmutter und Mutter und „weiß mehr als wir“, die Enkel und Söhne.

Wir verabredeten uns per Mail. Beide würden kommen, schrieb mir Nick, und uns am Hotel abholen, dann könnten wir in ein Café oder Restaurant gehen, wo wir in Ruhe sprechen könnten. So kam es dann auch.

Tim war zuerst da im Foyer des Hotels. Da kam ein sehr aufgeräumter, fröhlicher Mensch durch die Tür „Du bist Ulrich aus Deutschland?“ Ja, der war ich und gleich begannen wir zu reden, es war sehr herzlich, völlig unkompliziert. Tim, Jahrgang 1960, könnte mein jüngerer Bruder sein. Er ist Spezialist für die Pflege von Asperger-Kindern. Krankenpfleger. Ein Mann mit einem großen Herzen. „Nick kommt gleich, er hat angerufen, der Zug hat Verspätung“ sagt er. Und ich erfahre so nebenher, daß Bruder Nick zweieinhalb Stunden Bahnfahrt auf sich genommen hat, um uns in London zu treffen! Nick wohnt ziemlich weit außerhalb von London.

Dann kamen sie beide, Nick und seine Frau, hatten uns durchs Fenster schon gesehen und zugewunken. Eine fröhliche Begegnung. „Wir gehen ins Café im St. James-Park“ meinte Nick, „es ist heiß heute, da können wir draußen sitzen und ungestört reden.“ Wunderbar. St. James ist ja gleich um die Ecke, ganz in der Nähe von unserem Hotel.

Da war sofort eine Beziehung möglich: Nick (re), Jahrgang 1957, pensionierter Pastor der Anglikanischen Kirche. Na, wenn das nicht passt? Und Tim, drei Jahre jünger (li), könnte mein jüngerer Bruder sein. Wir hatten sofort einen guten Kontakt zueinander.

Und tatsächlich, ich wusste „mehr“ als die beiden Männer, die uns da gegenüber saßen. Über die äußeren Stationen von Großmutter Steffie, die deutschlandweit bekannte Grafikerin vom Ullstein-Verlag in Berlin und ihre Tochter Susanne, die im Alter von 12 Jahren mit einem Kindertransport von Berlin nach Ayr in Schottland kam und später in London lebte, wusste ich mehr – aber wie haben die Jungs ihre Mutter und Großmutter erlebt? Was wussten sie von den beiden Frauen und ihrer Vergangenheit?

Wir haben lange gesprochen. Sie wollten viel wissen. Ich auch. Wir haben langsam gesprochen, haben nach Worten gesucht, mussten auch mal den Smartphone-Dolmetscher zu Hilfe nehmen. Solche Sachen bespricht man nicht mal so nebenher bei einer Tasse Kaffee im Park, da ist Sorgfalt am Platze, Rücksicht, Vorsicht, Behutsamkeit, genaues Zuhören.
Und dann waren da immer wieder diese ganz unerwarteten, sehr anrührenden Momente, in denen das viele Ungesagte und Unerzählte dann eben doch durchschien.
„Das Denkmal für die Kindertransportkinder in Berlin-Friedrichstraße ist zweigeteilt, wie Ihr hier auf dem Foto sehen könnt“ hatte ich gesagt.
„Die eine Richtung führt nach England in die Freiheit – die anderen Kinder müssen in die andere Richtung mit dem Zug fahren – nach Auschwitz.“ Da waren die Brüder sehr angefasst, waren stark berührt – daß ihre Mutter nur so knapp dem Tod entkommen war, das war ihnen bislang nicht klar.

„Deine Großmutter war doch Jüdin“ sage ich zu Nick. „Deine Mutter also auch – wie kommt es, daß Du anglikanischer Pastor geworden bist?“ „Nun, da gab es nichts zu bedenken“ sagt Nick. „Ich wurde als Kind getauft und bin in der britischen Tradition groß geworden. Vielleicht hatten die Quäker, die Susanne in Ayr in Schottland aufgenommen hatten, einen gewissen Einfluss, daß weiß ich gar nicht. Ich bin ganz selbstverständlich wie die anderen Kinder in unserer Umgebung auch, als anglikanischer Brite aufgewachsen und Tim ebenso.“
„Unsere Mutter hat uns seltsamer Weise nie Deutsch beigebracht und sie hat auch nie von Deutschland erzählt“ sagten sie. Und wir sprachen davon, wie verschieden Flüchtlingskinder mit ihrer Vergangenheit in Deutschland umgegangen waren: einige wollten „von Deutschland nichts mehr wissen“. Steffie und Susanne waren wohl so. Sie verstanden ihre Lebensaufgabe darin, sich möglichst schnell zu assimilieren. Das war mit viel Abspaltung und Verdrängung verbunden, wie man aus heutiger Arbeit mit den letzten noch lebenden Flüchtlingskindern und ihren Nachkommen weiß. Die Historikerin Amy Williams und andere wissen davon zu berichten.
Andere, wie Peter, haben sich dem Vergangenen sehr bewusst zugewandt und haben sogar Deutsch studiert. So verschieden kann es sein, sich mit dem Vergangenen auseinanderzusetzen.

„Mutter hat nie über ihre Flucht aus Deutschland gesprochen“. Auch so ein markanter Satz, den ich schon befürchtet hatte. Da war es wieder, dieses traumatische Schweigen in der Familie. Dieses „Schweigen“ übrigens verbindet uns, Nick, Tim und mich. Dieses „Schweigen“ gab es auch in unserer Familie. Das Dritte Reich und die industrielle Vernichtung von mehr als 6 Millionen Menschen, der von den Deutschen entfesselte Krieg mit über 60 Millionen Toten – das ist dermaßen fürchterlich, daß viele Menschen darüber gar nicht sprechen konnten, es wäre zu schmerzhaft für sie gewesen. Aber, was nicht „zur Sprache gebracht“ wird, das rumort besonders stark.
Es ist unsere Aufgabe, die Aufgabe der Enkel-Generation, dieses viele Ungesagte zur Sprache zu bringen. Unsere Eltern, die Kriegskinder – deren Aufgabe war es, äußerlich den Schutt wegzuräumen, Straßen, Wege, Dörfer und Städte wieder zu bauen. Unsere Aufgabe, die Aufgabe der Kriegsenkel ist es, an die gewaltigen seelischen Schuttberge heranzugehen, die die „fürchterlichen 12 Jahre“ hinterlassen haben und sie nach und nach aufzuräumen. Da ist noch sehr viel Arbeit zu leisten.

Wir haben über drei Stunden gesessen und geredet. Wir erfuhren, daß sowohl Großmutter Steffie, die eine starke Raucherin war, als auch ihre Tochter Susanne, mit der sie in einer sehr engen Beziehung stand – „die haben täglich miteinander telefoniert! Jeden Tag gegen Abend! Das war ganz selbstverständlich, als wir Kinder waren. Ich war 15, als Steffie starb. Es war eine Katastrophe für unsere Mutter“ – beide Frauen hatten unter schweren Depressionen zu leiden, waren emotional nicht immer ausgeglichen, schnell überfordert. Ein letzter Brief von Steffie an ihre Freundin Jeanne Mammen in Berlin, der mir vorliegt, spricht von diesen Seelenzuständen sehr offen.

Wer sich heute mit Hilfe von Fachliteratur über die seelischen Folgen der Kinder-Flucht nach England informiert, z.B. in Julian Borger „Suche liebevollen Menschen“ oder Rebekka Göpfert, „Der jüdische Kindertransport von Deutschland nach England 1938/39“ – der findet exakt das, was Nick und Tim auch von ihrer Mutter und Großmutter in Erinnerung haben: Schweigen, emotionale Instabilität, Reizbarkeit, Depressivität.
Das hat Gründe, die lange nicht gesehen wurden: Kindertransportkinder hatten nicht selten das Gefühl, hinter „den eigentlichen Opfern in den KZs“ zurücktreten zu müssen. Sie seien schließlich gerettet worden, müssten also vor allem dankbar sein – die „eigentlichen Opfer des Holocaust“ seien die vielen Millionen ermordeten Menschen. Eine solche Selbsteinschätzung führte zu großem Leid. Vieles blieb unbetrauert, vieles blieb beschwiegen und hatte umso stärkere seelische Wirkung.

Es war eine sehr bewegende Begegnung zwischen Tim, Nick, seiner Frau, meiner Frau und mir – zwischen gleichaltrigen Deutschen und Briten.
Da traf sich die Enkelgeneration. Nachfahren der Deutschen, die in jenen Jahren so großes Unheil über die Welt gebracht hatten und Nachfahren derer, die vor den Deutschen fließen mussten. Wenn ich an dieses sehr besondere Gespräch zurückdenke, geht mir ein Satz besonders nach, den einer der beiden Brüder ziemlich am Ende unseres Gesprächs fand.
„Weißt Du“ sagte er, „mein Bruder und ich, wir haben noch nie so wie heute über unsere Mutter und Großmutter gesprochen. Danke, daß Ihr gekommen seid.“

Kindertransporte 1939 (5). Peter Lobbenberg

Kindertransporte 1939 (5). Peter Lobbenberg

Wie habe ich den freundlichen Peter Lobbenberg eigentlich kennengelernt? Ich glaube, das war so: mein Büchlein über den Prerower Arzt Dr. Hans Beu war gerade fertig, der, obwohl Mitglied der NSDAP, einen jüdischen Jungen, den man in Prerow unter dem Namen „Seppl“ kannte, geschützt hat. Für Seppl und seine spätere Frau wurde im September 2024 in Stralsund ein Stolperstein verlegt. Bei der Verlegung lernte ich Frau Friederike Fechner von der „Initiative zur Erinnerung an jüdisches Leben in Stralsund“ kennen, die sich sehr engagiert um die jüdische Geschichte der Hansestadt bemüht. Frau Fechner wiederum war Peter Lobbenberg dankbar, weil er ihr bei der Recherche Stralsunder Juden von London aus geholfen hat, ein Umstand, der inzwischen auch öffentlich im Gedenkbuch für die Stralsunder Juden lobend vermerkt ist. Den müsse ich „unbedingt kennenlernen“, hatte sie gemeint.
War es so? Nein, so war es nicht, sondern andersherum:
Ich hatte mich an die AJR (Association of Jewish Refugees) in London gewandt, ob man mir behilflich sein könne, die Liste des Kindertransports vom 22. Mai 1939 nach London zu finden. Der Chefredakteur antwortete mir: das könne er nicht selbst, aber er würde meine Suchanfrage in seiner Zeitschrift, die weltweit vertrieben wird, kostenlos abdrucken. Es dauerte nur ein paar Tage, dann meldete sich ein Peter Lobbenberg per Mail aus London. So war das. Und dann stellte sich im beginnenden Mailwechsel die Verbindung nach Stralsund heraus, richtig, so sind die Zusammenhänge mit Stralsund. Wir waren also via Stralsund schon ziemlich nahe beieinander, ohne uns zu kennen.

Das änderte sich nun. Peter, der vorzüglich Deutsch spricht und schreibt, half mir, Susanne Schaefer in England zu recherchieren. Er fand hoch oben in Scotland ein kleines Museum, das Dokumente von Susanne aufbewahrt, er half mir sogar mit ersten Fotos von Susanne, die im London Museum aufbewahrt werden. Dann konnte er einen Kontakt zu Nick und Tim herstellen. Das sind die beiden Söhne von Susanne Schaefer, Jahrgänge 1957 und 1960, von denen wird in einem späteren Beitrag noch zu sprechen sein.

Kurz: als klar war, daß meine Frau und ich für weitere Recherchen nach London reisen würden, war auch klar, daß wir Peter besuchen würden, er hatte uns ausdrücklich eingeladen.

Nun war es so weit. Wir waren auf der Route, die Susanne 1939 von Berlin via Hoek van Holland, Harwich, Liverpool Street Station gekommen war, ebenfalls angereist und hatten uns für den 1. Mai nachmittags bei Peter verabredet. Peter war so freundlich und holte uns in Golders Green im Norden der riesigen Metropole von der U-Bahn-Station mit dem PKW ab. Es war ein heißer Tag. „Das ist wunderbar, da können wir im Garten sitzen“, hatte er am Telefon gemeint.

Und dann saßen wir bei ihm im Garten und redeten miteinander.

Peter liebt das Private, weshalb ich nur wenig von ihm erzählen will, aber ein paar Hinweise sollen es doch sein. Peter ist Jahrgang 1939, also jenem Jahrgang, als Susanne nach England fliehen konnte und jenem Jahr, in dem der Zweite Weltkrieg begann. Peter stammt eigentlich aus Deutschland, seine Eltern waren gerade vor den Nazis geflohen, Peter kam in England zur Welt. Peter hat sich sein Lebtag um die Geschichte jüdischer Flüchtlinge gekümmert, hat im AJR geholfen und verfügt über excellente Kontakte, die bei weiterer Recherche hilfreich sein können. Er hat mich auch ermutigt, mich mit Nick und Tim zu treffen.

Er hatte für den Nachmittagstee selber Kuchen gebacken und als wir dann draußen unter der Rose saßen, die an seinem Haus zum Dach hinauf klettert, berichtete er uns ausführlich von seiner eigenen Familie. Dann stand er auf und holte eine Bleikiste. Darin Briefe. Briefe, die er nach dem Tode seiner Mutter „zufällig“ in ihrem Nachlass gefunden hatte. „Wie oft hast Du diese Briefe schon in der Hand gehalten?“ fragte ich ihn.
Er lächelte schüchtern. „Viele hundert Male“ sagte er.

Anfänglich interessierten den Briefmarkensammler Peter am Fund in der Bleikiste „nur die Briefmarken“ – bis er einen Brief öffnete und las. Es war ein Brief seiner Großmutter an ihn, Peter Lobbenberg! Der erste Brief ist auf den Tag datiert, als er auf die Welt kam. „Willkommen, lieber Peter, in dieser Welt“ schrieb seine Großmutter. Was für ein Fund! Viele Briefe lagen da in dieser Bleikiste, die er bislang nicht kannte. Seine Mutter hatte sie ihm nie gezeigt – da ist es wieder, dieses „Schweigen in der Familie“, das inzwischen tausendfach bezeugt ist. Nun, nach ihrem Tode, hatte er die Briefe in ihrem Nachlass gefunden und erfuhr, was bislang verschwiegen war, er begann, die Briefe sorgfältig und oft zu lesen, auszuwerten, zu recherchieren. Peters Großmutter ist im KZ umgekommen. Ein letzter Brief kommt von dort. Bei seinem Besuch in Deutschland war er auch in Siegburg. Die Zeitung dort hat seine Geschichte erzählt.
Peter hat es nicht bei der Lektüre und der Recherche belassen, sondern einen befreundeten Musiker gebeten, diese Briefe zu vertonen. Ronald Corp, der in Bath bei London lebte, hat diese Arbeit geleistet. Es gibt eine englische und eine deutsche Fassung dieses Kammermusikstückes, Peter meint, die englische sei „besser“, denn Ronald Corp habe sich mit der „Sprache der Deutschen“ sehr schwer getan.

Das Werk wurde inzwischen mehrfach öffentlich aufgeführt. Peter erzählte uns von der besonderen Aufführung im Jüdischen Museum in Frankfurt/Main am 2.12.2024, zu der er trotz seines Alters persönlich angereist war.

Peter hat, sehr anders als Susanne Schaefer und andere Flüchtlinge, die sich nach ihrer Flucht und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sehr klar von allem „Deutschen“ abgegrenzt hatten, das Gegenteil getan: er wollte verstehen, was es mit „diesen Deutschen“ auf sich hat – er studierte „die Sprache der Mörder“ und Französisch. Peter spricht und schreibt hervorragend deutsch, das hat unser Gespräch sehr erleichtert.
Es wurde ein langer Nachmittag, der Abend kam, wir saßen immer noch und redeten. Der Tag dieser besonderen Begegnung endete erst spät in der Nacht, denn Peter hatte uns zum Abendessen eingeladen und er fuhr uns durch Teile Londons, die ein London-Besucher sonst wohl eher nicht zu sehen bekommt. Wir saßen noch lange in einem seiner Lieblingsrestaurants und das Gespräch miteinander wollte und wollte einfach nicht aufhören. Ich bin nun im engen Kontakt mit Peter Lobbenberg und ich bin sehr dankbar für die Begegnung mit diesem stillen, eher zurückgezogenen, klugen und wachen Menschen, der weltweit mit vielen Menschen verbunden ist, denen die jüngere europäische Vergangenheit nicht gleichgültig ist, weil sie um die in sehr vielen Familien verheerenden Folgen von verschwiegener Schuld und verschwiegenem Leid wissen. Ihm verdanke ich auch den Hinweis auf Julian Borger, den Politikchef von „The Guardian“, mit dem er befreundet ist. Peter kannte den Großvater von Julian, davon ist in dessen spannendem Buch „Suche liebevollen Menschen“, in dem Borger seine eigene – bislang verschwiegene – Familiengeschichte recherchiert, die Rede. Weshalb er sein Leben lang jüdische Schicksale und Verbindungen erforscht, recherchiert und aufgeklärt habe, hatte ich Peter gefragt und er antwortete mit einem Bild, das mir auch sehr vertraut ist. „Das ist, als wenn Dir einer auf der Schulter sitzt und Dir ins Ohr flüstert: „Du musst das herausfinden und aufschreiben!““ hatte Peter gesagt. Genau so ist es und genau deshalb war ich nun auf den Spuren von Susanne und ihrer Mutter Steffie in London. Die ersten Hinweise hatte ich in Prerow bekommen, dann kam die Geschichte mit Albert Schaefer-Ast, dem Vater von Susanne und Ehemann von Steffie. Mittlerweile hat sich daraus eine recht große Geschichte entwickelt, die zu völlig überraschenden Begegnungen geführt hat und immer „größer“ wurde. In den nächsten Beiträgen zur Recherche-Reise nach England wird davon die Rede sein.

Kindertransporte 1939 (4) von Hoek van Holland nach London

Kindertransporte 1939 (4) von Hoek van Holland nach London

„Morgen früh, wenn alles gut geht, wird die Fähre an Land anlegen. Die Station heißt Harwich. Harwich liegt in England.“ Das waren die letzten Sätze im Abschnitt zuvor.

Wir sind um 19 Uhr an Bord. 11. Stock Außenkabine mit 5 Betten. „Hoffentlich kommt nicht noch jemand“, denken wir uns und der Wunsch wird erfüllt, wir haben die Kabine für uns .
Dann gehen wir aufs Oberdeck und sitzen in der Abendsonne.
Rhein und Maas strömen vor uns Richtung Meer, die Mündung ist sehr breit, hier können die ganz großen Pötte fahren.
Vor uns, tief unten, reger Schiffsverkehr. Riesige Frachter passieren die Hafeneinfahrt. Die ganz großen Pötte werden geschleppt. Auf dem anderen Ufer gewaltige Tanklager. Öl, Gas, Chemikalien. Alles, was die moderne Industriegesellschaft verlangt, ist hier gelagert.
Unter uns werden LKWs nach Harwich verladen. Handel zwischen Europa und der Insel nach dem BREXIT. Nach den LKWs kommen die Caravans. Prächtige Sonne immer noch, aber nur wenige Möwen, obwohl wir dicht am Meer sind.

Mittwoch, 30. April 2025

Hier ticken die Uhren anders.

Zehn vor 5 Uhr rüttelt das Schiff nach ruhiger Fahrt. „Wir sind da“ sage ich. Ein erster Blick aus unserer Kabine zeigt ein vor Anker liegendes kleines Segelboot.

Aber: welche Zeit? Wie spät ist es „wirklich“? Ach, ja richtig, Zeitumstellung!

Die Kinder werden nicht so bequem geschlafen haben wie wir. Vermutlich hatten sie nicht mal Schlafsachen an, haben sich nicht mal umziehen können zur Nacht. Sie werden irgendwo unter Deck gelegen haben, vielleicht die Schuhe aus, mehr ging nicht bei über hundert Kindern. Man kennt solche Nächte, die man leicht fröstelnd unter einer Decke, noch angezogen vom Tage, irgendwie hinter sich bringen muss.

Was mögen die Kinder gedacht haben?
Wir sind nun in einem fremden Land. England. Europa liegt hinter uns. Deutschland ist „weit weg“. „Mama und Papa“ sind nun auch weit weg – über eine Nachtfahrt übers Meer entfernt. Nur unsere Betreuerinnen sind noch da, aber die müssen wieder zurück in Hitlers Deutschland …..

Wir aber gehen zum Frühstück ins große Schiffsrestaurant. Zu unseren Tickets gehörten auch Voucher für ein kleines Frühstück. Wir such uns einen Platz mit Blick nach Osten in den Sonnenaufgang, das Frühstück ist schnell zusammengestellt.

Die Kinder hatten damals kein Frühstück. Sie bekamen einen Tee mit Milch, britischen Tee. Erst mittags gab es das erste Essen, wie sie sich viele Jahre später noch erinnerten.

Wir können beim Frühstück zusehen, wie unter uns die vielen LKWs den Bauch des Schiffes verlassen. Eine große Kolonne setzt sich da in Bewegung, muss noch diverse Zollformalitäten erledigen – viel Aufwand ist das nun, nachdem England den europäischen Wirtschaftsraum verlassen hat und für Europa wieder „Ausland“ geworden ist.

Ich hatte verschiedene Zugverbindungen nach London herausgesucht. Es hätte eine Verbindung mit einem Umstieg in Colchester gegeben, wo ich vor 25 Jahren mal mit Abgeordneten der letzten Volkskammer einen Intensiv-Englischkurs absolviert habe, aber wir entscheiden uns dann doch für den früheren Zug, der uns ohne Umstieg direkt nach London Liverpool Street Station bringen wird. Dort sind auch die Kinder damals angekommen.

Zum Denkmal in Harwich gehen wir nicht mehr.
Wir müssten dazu etwa eine Stunde Fußweg in einer Richtung auf uns nehmen, also mindestens zwei Stunden insgesamt, die Fotos vom Denkmal werde ich im Internet finden. Wir wissen ja, daß die Kinder hier in Harwich angekommen waren und ich bin auch in Verbindung mit Museen[1] in Harwich, die sich um die Geschichte des Ortes und insbesondere die Geschichte der Kindertransporte kümmern.

Wir gehen statt zum Denkmal direkt zum Bahnhof, der Ausstieg ist inzwischen sehr bequem gebaut, man geht von der Fähre direkt zum Bahnhof und zum Bahnsteig nach London hinüber. Der Umstieg ist sehr gemütlich, sogar ein paar Möwen lassen sich blicken.

Beinahe wären wir beim Ausstieg vom Schiff in eine chinesische Reisegruppe geraten, aber wir konnten gerade noch entwischen.

Das alte Bahnhofsgebäude von Harwich, aus dem schon kleine Bäume wachsen, hat wohl auch Susanne schon gesehen, es ist mindestens achtzig Jahre alt.

Wir haben noch ein paar Minuten Zeit, bis unser Zug kommt und schauen uns um. Man kann vom Bahnsteig aus noch unsere Fähre im Hafen liegen sehen, es ist alles dicht beieinander.

Im Zug haben wir gut Platz, sogar ein Fensterplatz ist frei. Ein letzter Blick zurück zum Schiff, dann geht es schnell durch grünes Land Richtung London. Wir kommen von Südosten gefahren, durch Colchester, einem Umsteigepunkt. Der Zug ist sehr pünktlich, sauber, jede noch so kleine Verspätung wird angesagt: „In 30 Sekunden fahren wir weiter….“. Auch hier blüht der Raps und der Ginster strahlt leuchtend neben den Gleisen.
Dann sind wir da: 9.15 an London, Liverpool Street Station.

Der große alte viktorianische Bahnhof aus der Zeit der Dampfloks ist oft beschrieben worden. Julian Borger, der Politikchef von The Guardian, schreibt in seinem Buch „Suche liebevollen Menschen“ über die Ankunft seines Vaters, Bobby Borger 1939 in diesem Bahnhof:
„Der Bahnhof war eine der Kathedralen des englischen Dampfzeitalters. Das hochgewölbte Dach aus Glas und Stahl bedeckte der Ruß aus vielen tausend Lokomotiven, die Heerscharen von Pendlern aus Essex und East Anglia hinaus- und wieder hineinbefördert hatten. Das war das schmutzige, lärmende Tor, durch das mein Vater und die anderen Kinder aus den Inseraten vom Manchester Guardian nach England gelangten. Großbritannien war für viele der Neuankömmlinge nicht die erste Wahl gewesen, aber es bot unmittelbare Sicherheit, Auskommen und Zuflucht, die sich als bemerkenswert zuverlässig erweisen sollten. …. Als Omi und Bobby im Bahnhof Liverpool Street eintrafen, wussten sie, dass sie recht lange getrennt sein würden, wenn auch keiner von ihnen ahnte, dass sie nie wieder wirklich zusammenleben würden. Omi, die Herrin in ihrem eigenen Haus und an der Leitung des Familiengeschäfts beteiligt gewesen war, stand im Begriff, ihre Stelle als Dienstbotin im Haus von Fremden anzutreten, deren Sprache sie nicht beherrschte.[2]

Das war auch Steffies Schicksal. Die anerkannte Grafikerin beim Ullstein-Verlag in Berlin, ehemals verheiratet mit dem Grafiker Albert Schaefer-Ast, die sich ein eigenes Hausmädchen leisten konnte, kam im Juli 1939 auch mit einem Visum als „Dienstbotin“ nach London, eine andere Möglichkeit hatte sie nicht mehr. Als ihre Tochter Susanne am 22. Mai in London ankam, wusste sie noch nicht, ob ihrer Mutter Steffie die Flucht aus Deutschland auch gelingen würde. Als Susanne ankam, war sie von Vater und Mutter getrennt, die Eltern hatten sich gerade vor vier Wochen am 17. April 1939 scheiden lassen. Das Kind dürfte in Einsamkeit und Müdigkeit versunken gewesen sein, die mehr als 24stündige Fahrt, die nun auch hinter uns lag, fordert Tribut.

Als wir nun, 86 Jahre später, beinahe auf den Tag genau, in Liverpool Street ankamen, fanden wir den alten viktorianischen Bahnhof vor allem laut und übervoll. Overground, British Railway, Underground – alle Stationen, Verkehrswege und Richtungen der Metropole kreuzen sich hier, Liverpool Street ist einer der größten Bahnhöfe der vielen Bahnhöfe, über die London verfügt.

1874 wurde Victoria Street eröffnet.
1939 kam Susanne mit über 100 weiteren Kindern hier an. Sie fuhr am nächsten Tag weiter nach Ayr hoch oben in Schottland. Nochmals über 8 Stunden Bahnfahrt lagen vor ihr und der kleineren Gruppe von Kindern, die nach Schottland weiterfuhren.

Wir aber wollten zunächst zum Denkmal.

Es befindet sich vor dem Haupteingang des Bahnhofs. Viele tausende Menschen sehen es täglich. Amy Williams, jene junge britische Historikerin, die 2024 in Yad Vashem die kompletten Transportlisten der Kindertransporte entdeckt hat, schrieb allerdings kürzlich einen ziemlich kritischen Beitrag in ihrem blog über die vielen Passanten, die „sehr achtlos“ an diesem Denkmal vorübergingen, sich „einfach darauf setzen, um ihr Frühstück zu verzehren, ihre Kaffeebecher dort stehen lassen“ etc. Sie war ziemlich empört. Gut aber ist, daß das Denkmal sehr zentral gelegen ist. Wer aufmerksam ist, kann es nicht übersehen und innehalten. Wir haben viele Menschen beobachtet, die genau das taten.

Man sieht: die Kinder verlassen nun „das alte Gleis“.

Neue Wege sind zu gehen. Angebracht sind seitlich Städtenamen von den Orten, aus denen die Flüchtlingskinder kamen.

Wir brauchen nach der Reise dringend eine Pause und setzen und gleich ganz in der Nähe ins „Green King Railway Tavern since 1799“ schräg gegenüber und nehmen einen englischen Tee. Mit Milch, versteht sich. Hektische Betriebsamkeit auf der Straße, wir sind mitten im Zentrum.
City of London. Hektische Business-Man eilen vorüber, blauer Anzug, braune Schuhe, Handy, Rucksack, kleiner Ring am Finger – immer busy busy. Hier wird Geld verdient, Zeit ist kostbar. Die Stadt rennt.

Susanne hatte damals kaum Zeit, sich umzusehen. Sie wurde mit den anderen Kindern nach ihrer Ankunft in Liverpool Street in einen Bus verfrachtet. Der brachte sie nicht etwa zum Essen oder zum Ausruhen, sondern – ins British Museum. Das erste ordentliche Essen für die Kinder gabs erst nach diesem Museums-Pflicht-Besuch. Ob die Kinder überhaupt mitbekommen haben, was da gerade mit ihnen geschah, ist wohl eher zweifelhaft. Die Müdigkeit dürfte gewaltig gewesen sein nach der langen Reise ohne Schlaf.

Uns bleibt diese Strapaze erspart. Wir nehmen die Circle Line bis St. James Park, die fährt alle 10 Minuten, die Oyster-Card hatte ich schon vorab von Deutschland aus besorgt und mir schicken lassen, damit wir keine Schwierigkeiten im Öffentlichen Straßenverkehr hatten. Die Sache mit der Oyster-Card ist sehr praktisch. Man lädt eine Summe auf und hält die Karte dann beim Einsteigen im Bus an ein Lesegerät – fertig. Bei der „Röhre“ (Tube) muss man ja ohnehin noch vor dem Betreten des Bahnsteigs eine Schranke überwinden – das geht nur mit der Card. Abgebucht wird je nach Tageszeit, es gibt teurere Fahrzeiten und günstigere. Ab 10 Uhr am Vormittag fährt man etwas günstiger, dann ist die rush hour vorüber.
Man fährt etwa 20 Minuten von Liverpool Street bis St. James Park. Von der Station St. James Park läuft man nochmal 5 Minuten. Ich hatte uns das Premier Inn gebucht, ein sehr einfaches, dafür aber noch bezahlbares Hotel mitten im Zentrum, zwei Minuten von Westminster Abbey entfernt. Hotels in London sind verflixt teuer, wenn im Stadtzentrum Quartier nehmen will. Am Stadtrand ist es etwas günstiger. Der Stadtteil Westminister war für Steffie wichtig, Susannes Mutter. Hier hat sie gelebt und gearbeitet, ihre Spur wollten wir aufnehmen, deshalb hatte ich das Hotel „mittendrin“ genommen.

Nach einer kleinen Pause machten wir uns dann auf einen ersten Stadtbummel auf den Weg: St. James Park (Downingstreet ist ganz in der Nähe), Westminster, Westminster-Bridge und dann am anderen Ufer weiter, House of Parliament lag schön als Silhouette vor der Abendsonne, an der langen Mauer vom St. Thomas Hospital entlang. Das St. Thomas Hospital gibt es schon seit 1215 und wan wird dort kostenlos behandelt. Florence Nightingale hatte hier eine Schule zur Ausbildung von Krankenpflegern eingerichtet. Die Mauer dieses bemerkenswerten Krankenhauses ist ein Nationales Denkmal an die britischen Opfer von Covid 19. Jedes der roten Herzen steht für einen an Covid gestorbenen Menschen und die Mauer ist sicher einen Kilometer lang:

Spät sind wir ins Hotel gekommen, ziemlich fußmüde, dort gabs noch eine Kleinigkeit als Nachtmahl. Morgen früh werden wir „richtig ankommen“ in der riesigen Metropole mit über 10 Millionen Einwohnern. Wir sind verabredet mit Peter Lobbenberg. Aber erst morgen Nachmittag.


[1] https://kindertransport-memorial.org/

[2] Julian Borger, Suche liebevollen Menschen, Molden Verlag 2024, S. 101 f.

Kindertransporte 1939 (3). Der Bericht von Jakob J. Petuchowski über den Transport vom 21. Mai

Kindertransporte 1939 (3). Der Bericht von Jakob J. Petuchowski über den Transport vom 21. Mai

Susanne Schaefer kam mit dem Kindertransport vom 21. Mai/22. Mai 1939 von Berlin nach London. Sie war 12 Jahre alt. Sie hatte ein Buch dabei: Fridolins Wanderzirkus. Gezeichnet von ihrem Vater Albert Schaefer-Ast. Das Buch findet sich nun im London-Museum, ich habe es für diesen Beitrag als Titelbild verwendet. Mit ihr im Zug saß ein 2 Jahre älterer Junge, Jakob J. Petuchowski. Ich habe seinen Namen auf der Transportliste gefunden, die Amy Williams im Dezember 2024 in Yad Vashem in Jerusalem entdeckt hatte. Sie hatte mir die Liste freundlicherweise für meine Recherchen geschickt. Susanne reiste zusammen mit Jakob am nächsten Tag weiter nach Schottland.

Jakob hat sich an die Reise vom 21. Mai 1938 von Berlin über Hoek van Holland und Harwich nach London erinnert. Sein Bericht ist im Buch „Ich kam allein“, herausgegeben von Rebekka Göpfert1, abgedruckt. Im Folgenden soll er hier wiedergegeben werden, weil wir ihn als „Illustration“ des Transportes benötigen, der Susanne von Berlin nach London und weiter nach Schottland gebracht hat:

„Jakob J. Petuchowski (Cincinatti, USA). Aus Berlin

Was haben das Britische Museum, Bloom’s Kosher Restaurant und Charlie Chaplin gemeinsam? Nur das: daß sie alle dicht gedrängt im Zeitraum von nur ein paar Stunden während jener zwei Tage auftauchten, die mein Leben veränderten – und retteten.
In meinem Besitz befindet sich ein Dokument mit dem Titel „Aliens Order 1920“, ausgestellt am 30. Juli 1941 – an meinem sechzehnten Geburtstag – in East Lothian, in Schottland. Es bestätigt die Tatsache, daß ich am 22. Mai 1939 in Großbritannien eingereist bin, und bemerkt unter „Beruf oder ausgeübte Tätigkeit“: „Landwirtschaftshelfer in Ausbildung“. Ein Foto, das dem Dokument beiliegt, zeigt mich in der Arbeitskleidung eines Landwirtschaftsgehilfen. Mein Gesicht drückt alles andere als Freude aus. Vielleicht bin ich einfach nicht der geborene Landwirtschaftshelfer. Aber als ich am Ende die Landwirtschaftsschule in Schottland verließ, um meine rabbinischen Studien fortzuführen, bemerkte jemand: „Die Bauern werden immer sagen, daß du ein guter Rabbiner bist, und die Rabbiner werden sagen, du bist ein guter Bauer.“ Vielleicht hatte dieser Jemand recht. Jedenfalls trug mein Status als „Landwirtschaftshelfer in Ausbildung“ dazu bei, daß mir an meinem sechzehnten Geburtstag die Internierung erspart blieb.

Aber jetzt von vorn. Wir haben den 22. Mai 1939, den Tag meiner Ankunft in England, und nun kommen das Britische Museum, Bloom’s und Charlie Chaplin ins Spiel. Dieser Tag war auch der Geburtstag meiner lieben Mutter, ihr erster Geburtstag seit meiner Geburt, den ich nicht mit ihr zusammen verbrachte. Noch sollte ich jemals wieder einen ihrer Geburtstage mit ihr zusammen verbringen. Am Tag zuvor, am 21. Mai 1939, hatten wir uns tieftraurig voneinander verabschiedet – auf einem Bahnsteig in Berlin. Dort sah ich sie zum letztenmal. Sie ist ein Teil der „sechs Millionen“ geworden. Zu jener Zeit konnte das natürlich niemand voraussehen, obwohl seit 1933 schon so vieles geschehen war. Es gab die Hoffnung, daß wir uns in England wiedersahen – bald. Für ein Muttersöhnchen wie mich war es schlimm genug, aus seiner vertrauten Umgebung und den liebenden, verwöhnenden Armen der Mutter gerissen zu werden.

Die Eisenbahnfahrt nach Holland verlief ohne Zwischenfälle. Wir bestiegen die Fähre nach Harwich. Nachts überquerten wir den Ärmelkanal, und am nächsten Morgen trank ich an Deck meinen ersten Becher Tee mit Milch. Es schmeckte gar nicht schlecht. Aber aus irgendeinem geheimnisvollen Grund kann ich bis auf den heutigen Tag nur in England Tee mit Milch trinken. Überall sonst auf der Welt will mir dieses absonderliche Gebräu einfach nicht die Kehle hinunter.

Nach der Ankunft in Harwich wurde die gesamte Kinderhorde in einen Zug getrieben, der uns nach London brachte. Dort erwarteten uns Mitglieder des Flüchtlingskomitees und Betreuer, die uns an unsere nächsten Zielorte bringen sollten.

Was soll man in der Hauptstadt des britischen Empire schon anfangen mit Dutzenden von müden, ungewaschenen, hungrigen deutsch-jüdischen Flüchtlingskindern, die über vierundzwanzig Stunden unterwegs gewesen waren? Unser freundliches Empfangskomitee war um eine Antwort auf dieses Problem nicht verlegen: Mit Bussen wurden wir zum Britischen Museum gefahren, wo wir auf einer Führung all seine Schätze bestaunen durften. Allerdings weiß ich, ehrlich gesagt, nicht mehr, was wir sahen. Ich bin nicht einmal sicher, ob es mir gelang, während der ganzen Zeit die Augen offen zu halten. Jedenfalls wurde ich an jenem Tag, dem 22. Mai 1939, erstmals mit den kulturellen Reichtümern Großbritanniens bekannt gemacht. Im nachhinein erscheint es mir durchaus sinnvoll, daß man die Kultur damals vor das Essen an die erste Stelle setzte – obwohl wir Kinder gänzlich anders darüber gedacht haben dürften.

Schließlich durften wir die Busse wieder besteigen, und man brachte uns zu Bloom’s Kosher Restaurant, wo wir unsere erste richtige Mahlzeit nach dem Verlassen Deutschlands einnahmen. Ich erinnere mich nicht mehr, was es gab. Das wichtigste war, daß ich meinen Hunger stillen konnte; dafür waren auch alle anderen dankbar.

Ich erfuhr, daß ich nicht in London bleiben sollte. Mein Bestimmungsort war die Whittingehame Farm School in Schottland. Aber es war noch eine lange Zeit zu überbrücken, bis wir den Nachtzug nach Edinburgh besteigen konnten. Wir gingen also ins Kino und sahen Charlie Chaplin im „Großen Diktator“. Ein Jahr Englischunterricht an einer Berliner Jüdischen Schule reichte gewiß nicht aus, um den Dialog mit all seinen Raffinessen zu verstehen, aber Chaplins Schauspielkunst entschädigte mich vollauf für alles, was ich sprachlich nicht mitbekam. Und was es allein schon bedeutete, daß wir dreißig Stunden nach unserer glücklichen Flucht aus Nazi-Deutschland sehen konnten, wie man sich über den Führer lustig machte! Und daß wir ungestraft lachen konnten über das, was hinter uns lag! Jetzt hatten wir endgültig die Gewißheit, daß wir in einem freien Land angekommen waren, und wir atmeten auf.

Während der Eisenbahnfahrt nach Edinburgh in dieser Nacht fanden viele von uns Kindern keinen Schlaf. Die vielen neuen Eindrücke der letzten Stunden, ganz zu schweigen von den köstlichen koscheren Würsten bei Bloom’s – all das mußte schließlich verdaut werden; und die Zukunft war ungewiß. Am 23. Mai 1939 kamen wir pünktlich in Edinburgh an. Das Datum war in diesem Jahr der Vorabend des Wochenfestes, Schawout2. An der Whittingehame Farm School blieben jene, die es wollten, traditionsgemäß die ganze Nacht wach, um miteinander Abschnitte aus der Thora und andere Bibelschriften und rabbinische Texte zu lesen. Das Jahr, in dem ich Bar Mizwa hatte, war noch nicht vollendet, und ich war naturgemäß begierig darauf, als ein erwachsener Jude an diesem nächtlichen Gemeinschaftsstudium teilzunehmen. Wir hatten kaum das zweite der fünf Bücher Mosis beendet, – da überwältigte mich schließlich der Schlaf.

Seither bin ich oft im Britischen Museum gewesen; 1978 saß ich in der berühmten Bibliothek, um zu forschen. Ich habe viele köstliche Mahlzeiten bei Bloom’s verzehrt, und auch den „Großen Diktator“ habe ich später wiedergesehen. Aber die Wiederholungen reichen nicht an das heran, was alle drei Elrebnisse zusammen an jenem 22. Mai 1939 für mich bedeuteten. Damals standen sie für die Freiheit. Wenn ich heute daran zurückdenke, empfinde ich tiefe Dankbarkeit für jene, die mein Leben retteten.“

Soweit seine Erinnerung. Als wir am 30. April 2025 von Harwich kommend, auf den Spuren der Flüchtlingskinder in London ankamen, hatten wir ein etwas anderes Programm als die Kinder damals. Davon mehr im nächsten Beitrag.

  1. dtv Frankfurt 1994, Seite 66-69 ↩︎
  2. die mittlere von drei großen Ernte- und Wallfahrtsfeiern des Jahres, die zur Erinnerung an die Offenbarung am Berg Sinai im Mai oder im Juni stattfindet. ↩︎

Kindertransport 1939 (2). Von Berlin nach Hoek van Holland. Auf den Spuren jüdischer Flüchtlingskinder

Kindertransport 1939 (2). Von Berlin nach Hoek van Holland. Auf den Spuren jüdischer Flüchtlingskinder

Dienstag, 29. April 2025 Berlin – Amsterdam

8.06 Gleis 13 Berlin Hauptbahnhof. Der Interregio soll uns nach Amsterdam Centraal bringen (an 13.59). In Gedanken bin ich bei den Kindertransporten von 1939. Was wird man geredet haben beim Abschied auf dem Anhalter Bahnhof? Susanne wird wohl einen Zug später gefahren sein, als wir heute, denn in den Reiseberichten ist davon die Rede, dass man nach Ankunft in Hoek van Holland gleich auf die Nacht-Fähre gegangen sei.

Unser Zug hält zunächst in Spandau. Marie liest im Buch „Ich kam allein“1 den Reisebericht von Jakob J. Petuchowski (geb. 30.7.1925) vom 21.5.1939, jenem Zug, in dem auch Susanne saß, der unsere Reise von Berlin nach Hoek van Holland aus Sicht eines Transport-Kindes erzählt. Wir reisen bequem. Die Waggons für die Kinder waren Dritte Klasse, Holzklasse. Man hatte sie an einen normalen Zug angehängt. Im Zug waren SS-Wachleute, nicht selten schikanierten sie die Kinder.

Nächster Halt: Hannover. Draußen blüht der Raps. Die Windräder und großflächigen Solaranlagen auf den Feldern neben dem Gleis gab es 1939 nicht. Auch waren die Felder sehr viel kleinteiliger, nicht so riesig und ohne Hecken wie heute, insbesondere im früheren „Ostdeutschland“, also bis zur früheren Grenze bei Helmstedt. Unsere Reise findet 35 Jahre nach dem „Fall der Mauer“ statt. Deutschland war 40 Jahre geteilt, eine Folge des Zweiten Weltkrieges, der 1939 im September von Hitler begonnen wurde. Susanne konnte im Mai 1939 gerade noch rechtzeitig nach England entkommen.

Vom Flugzeug aus kann man an der Größe der Felder heute noch die frühere innerdeutsche Grenze sehen: große Felder im Osten, kleinere Felder im Westen.

Susanne wird vielleicht gar nicht aus dem Fenster geschaut, sondern sich mit anderen Kindern unterhalten haben. Vielleicht hat sie in den kleinen Büchern gelesen, die ihr Vater ihr mitgegeben hatte, oder sie war traurig, hat an ihre Eltern gedacht. Ob ihr Vater, der sich am 17. April hatte scheiden lassen, mit am Bahnhof in Berlin war, wissen wir nicht. Ihre Mutter Steffie wird dort gewesen sein.

Wir reisen bequem bei Sonnenschein und blauem Himmel auf reservierten Sitzplätzen in einem Intercity. Susanne reiste mit 117 anderen Kindern und Betreuern in der Holzklasse, angehängt an einem „normalen Zug“.
Hinten am Zug, da fuhren die Judenkinder.

Wie war eigentlich das Wetter am 21. Mai 1939 in Berlin? Ich lese bei chronik.net nach:

„Wetter, Berlin am 21. Mai 1939: wolkig mit etwas Regen, Temperatur 9.1°C bis 17.6°C, Luftdruck 1007.80 hpa, Sonnenstunden 8.00 Std., Niederschlag 1.90 l/m².“

Mir fällt beim Blick aus dem Zugfenster ein möglicher Buchtitel ein: „Rapsblüte“.

Marie schickt vom Zug aus ein Selfie und schöne Grüße von uns an ihre älteste Tochter in Hannover, während wir durch den Bahnhof dort fahren. Eine solche Technologie wäre damals eine großartige Möglichkeit gewesen, mit Eltern oder Kindern in Verbindung zu bleiben. Damals aber blieb nur die Post. Es gibt in britischen Museen erhaltene Postkarten, die manche Kinder noch aus dem Zug an ihre Eltern geschickt haben.

Ab 3. September 1939 gab es auch diese geringe Möglichkeit nicht mehr. Es blieb nur noch die Möglichkeit, über das Rote Kreuz Kurzbriefe zu schreiben. 25 Worte.  Solche „Rot-Kreuz-Briefe“ sind aus einem eventuellen Schriftwechsel zwischen Albert Schaefer-Ast, der nach der Scheidung in Berlin geblieben war und seiner Frau Steffie oder seiner Tochter Susanne nicht erhalten geblieben. Wenn es sie überhaupt gegeben hat.

Es ist extrem trocken in unseren Reisetagen. Auf einigen Feldern wird bereits jetzt im April beregnet. Nicht nur in Deutschland herrscht Dürre. Es sei schlimmer als 2018, sagt der Wetterdienst. Die Waldbesitzerverbände melden, etwa ein Drittel der Wälder müsse neu aufgeforstet werden.

Mir fällt zum ersten Mal auf: die Zugfahrt von Berlin nach Amsterdam dauert sehr lange. Wenn wir Erwachsenen das schon bemerken – die Kinder damals werden es ganz bestimmt bemerkt haben. Man kennt ja die Kinderfrage: „Wann sind wir denn da?“ Die Betreuerinnen im Zug vom 21. Mai 1939 werden alle Hände voll zu tun gehabt haben,  um die Kinder zu beruhigen. Wir wissen durch einen Fund vom Dezember 2024 in Yad Vashem, der der britischen Historikerin Amy Williams gelungen war, dass der Transport vom 21. Mai 1939 von folgenden Personen begleitet wurde:

Norbert Wollheim selbst, jener unermüdliche Helfer, der beinahe alle Kindertransporte organisierte, war mit an Bord. Er hat überlebt und nach dem Krieg einen Prozess gegen die IG-Farben angestrengt und gewonnen. Er hatte auf Entschädigung für die entgangenen Löhne als Häftling in Auschwitz, der für die IG-Farben gearbeitet hatte, geklagt. Der Prozess hatte großes Aufsehen erregt. Norbert Wollheim hat später über seine Arbeit für die Kindertransporte Erinnerungen aufgeschrieben und publiziert. Andere Helferinnen dieses Zuges kamen im KZ um. Adolf Eichmann hatte zur Auflage gemacht, daß die Helfer nach der Übergabe der Kinder in London zurückzukehren hätten, andernfalls wären die Transporte sofort eingestellt worden.

„Frau Davidsohn, wann sind wir denn da?“ werden nicht nur die kleinen Kinder im Zug oft gefragt haben. Wir wissen aus der nun gefundenen Transportliste, daß die jüngsten Kinder 6 Jahre und die zwei ältesten gerade 18 geworden waren. Die meisten Kinder waren im Alter zwischen 12 und 16 Jahren. Es fuhren mehr Mädchen (45) als Jungen (17) aus Berlin in diesem Zug.

Wie kann man sich die Atmosphäre in diesem Kinderzug vorstellen? Laut? Eher still? Hörte man Kinder weinen? Andere Kinder spielten und lachten vielleicht? Die gerade überstandene Aufregung jedenfalls war gewaltig. Norbert Wollheim hat die dramatischen Abschiedsszenen am Bahnhof beschrieben. Das Geschrei, die weinenden oder völlig verstummten Eltern, letzte Blicke, Angst. Mütter, die ihre Kinder nicht hergeben wollten. Die Szenen waren so schrecklich, daß Wollheim sich entschied, einen separaten Raum im Anhalter Bahnhof zu mieten, in dem der Abschied stattfinden konnte. Auch wollten die Nazis nicht, daß diese Abschiede öffentlich auf dem Bahnsteig stattfanden. Wenn sich Kinder und Eltern verabschiedet hatten, wurden die Kinder von den Begleiterinnen in den Zug gebracht. Das Gepäck war durch Gepäckboten extra verladen worden. Manche Eltern, so wird es in Zeitzeugenberichten geschildert, fuhren mit der S-Bahn voraus, damit sie den Kindern in der Station Bahnhof Zoo oder gar in Wannsee nochmals im Zug zuwinken konnten.

All das war da anwesend in den Waggons mit den Kindern. Dieser Zug war vollgepackt mit Emotionen, mit überbordenden Gefühlen von Unsicherheit, Angst, Trauer, Abschiedsschmerz, aber auch Neugier und Reisespannung.

Dann kam die Müdigkeit.

Wir merken schon ab Hannover, daß wir müder werden. Nun, Kinder sind anders, die halten länger durch, aber von Berlin nach Hannover ist schon mal ein gutes Stück Weg gefahren.

Der Zug hielt in Hannover, aber die angehängten Kinderwaggons blieben geschlossen. Niemand stieg ein, niemand stieg aus. Wir können uns die uniformierten Wachen auf dem Bahnsteig lebhaft vorstellen.

Im Zug die Kinder. Manche schliefen, manche spielten, die größeren lasen vielleicht oder schrieben eine Postkarte an die Eltern. Daß überhaupt Postkarten aus dem Zug an die Zurückgebliebenen geschrieben wurden, dürfte eine Anregung der Begleiterinnen gewesen sein, um den Kindern eine ablenkende Aufgabe zu geben.

Nächster Halt: Bünde in Westfalen.

In unser Zugabteil waren in Hannover Kinder zugestiegen und zwei ältere Juden, die englisch sprechen. Sie sind an ihrer Kippa zu erkennen. Vielleicht treffen wir sie auf der Fähre wieder?

Wir sprechen beide darüber, wie es den Kindern im Zug wohl gegangen sein mag? Marie meint, die Kinder werden wohl immer noch aufgeregt gewesen sein.

10.45 Uhr Osnabrück. Der Zug ist nun schon mehr als 2,5 Stunden unterwegs. Und die Kinder wissen immer noch nicht, was ihnen eigentlich bevorsteht.

In Westfalen blüht der Ginster. Wir fahren durch hügeliges Land. In Osnabrück kreuzen sich große Eisenbahnlinien. Unsere Ost-West-Strecke wird von der Nord-Süd-Strecke Hamburg-München gekreuzt.

Es waren auch Kinder aus Hamburg im Transport vom 21. Mai 1939, sie sind aber nicht in Osnabrück zugestiegen, sondern wohl erst direkt auf der Fähre in Hoek van Holland. Im Wirtschaftsbahnhof Osnabrück sind heute viele Auto-Züge mit verladenen AUDIs zu sehen und mir fällt die Unternehmensgeschichte von HORCH und AUDI ein, die 1910 vor Gericht entschieden worden war. Aus HORCH wurde das lateinische „AUDI“, was halt auch „horch!“ heißt. Geschichte begegnet einem überall, auch in Osnabrück auf dem Güterbahnhof.

Nächster stop: Rheine. Grünes Land, wenn ich aus dem Zugfenster schaue, kleine Wirtschaftshöfe.

Die Bauern werden damals vielleicht auch auf ihren Feldern gewesen sein. Ein Zug fuhr vorbei. Irgend so ein Zug, wie täglich viele hier vorbeifahren. Der hier hatte drei Waggons mehr als sonst. Die Bauersleute werden nicht wahrgenommen haben, wer da fuhr. Irgend so ein Zug halt.

„Ich bin in Berlin geboren“ denkt vielleicht die 12-jährige Susanne. „Ich bin Deutsche. Aber die anderen Deutschen wollen mich nicht mehr. Deshalb muss ich jetzt nach England.“ So wird sie vielleicht gedacht haben – es sind meine Gedanken. Jedenfalls hat Susanne schon erlebt, daß sie sich in der Schulklasse von einem Tag auf den anderen von den anderen Kindern trennen und auf die hinterste Schulbank setzen musste. Das Schulministerium hatte die Trennung von den anderen deutschen Kindern angeordnet. Jüdische Kinder durften nun auch nicht mehr mit den anderen die Schulpausen verbringen. Sie wurden „separiert“. Jüdische Kinder wurden schikaniert, angepöbelt, erniedrigt. Das Novemberpogrom war gerade mal ein halbes Jahr her. Judenkinder waren nicht mehr erwünscht in Deutschland.

Susanne wird an ihre Mutter Steffie gedacht haben, die sie an den Bahnhof gebracht hatte. Oder sie hat an Großmutter Hedwig gedacht, die schon bald nach Hongkong ausreisen würde und ganz bestimmt hat sie an ihren Vater gedacht, der ihr seine lustigen Kinderbücher mitgegeben hatte. Vielleicht war es so.

Längerer Halt in Rheine/Westfalen. Wir stehen beinahe 10 Minuten.

Amy Williams, die junge britische Historikerin, die voriges Jahr die Transportlisten in Yad Vashem entdeckt hat, schreibt bei Facebook in „Kindertransport Dialogue“, einer Facebook-Gruppe, der ich mich angeschlossen habe und die weltweit die Nachfahren der „Kinder“ zusammenführt, dass sie „immer noch nicht die Liste vom ersten Transport“ gefunden hätte, ihr läge aber ein britisches Dokument vor, daß der erste Transport „am Donnerstag, 1. Dezember 1938 um 15.59“ die Grenze (Deutschland bis Niederlande) bei Bentheim überschritten hat. Es geht um „8 Erwachsene mit 200 Kindern“.  
Ich war mit Amy Williams in direkten Mailkontakt getreten, als ich via New York Times von ihrem Fund in Jerusalem erfahren hatte und hatte sie gefragt, ob sie „zufällig“ die Liste vom 21. Mai 1939 gefunden hätte? Ja, die hatte sie und sie hat sie mir schon am nächsten Tag geschickt. Dadurch wissen wir nun, welche Kinder mit im Zug waren. Mit Namen und Anschriften. Ein Junge hieß Jakob J. Petuchowski. Er war 2 Jahre älter als Susanne. Er hat später, da war er schon in den USA, seine Erinnerung an den Transport vom 21. Mai 1939 aufgeschrieben, im nächsten Blogbeitrag werde ich ihn abdrucken.

Wir haben nun einen neuen Zugführer. Der spricht Deutsch, aber mit klar erkennbarem niederländischen Akzent.

Aus Berlin erreicht mich eine Mail vom Reisebüro mit einem link und einem QR-Code vom Hotel, mit dem wir uns morgen selber im Hotel einchecken sollen.

Hotel? Welches Hotel? Die Kinder haben kein Hotel. Man wird sie am Bahnhof abholen, manche werden in eine Art Kinderheim kommen, weil niemand sie abholt, wieder andere werden weiterreisen müssen.

Letzter Halt in Deutschland. Bad Bentheim. 11.45 Uhr.

Hier ist die SS-Begleitung ein letztes Mal durch den Zug gegangen.
Manche von denen haben die Kinder nochmal angerüpelt und verspottet, andere haben nochmal die Koffer der Kinder „kontrolliert“. Dann verließen sie den Zug.

Dann kam Holland.

Die Stimmung im Zug änderte sich schlagartig, so ist es von ehemaligen Flüchtlingskindern beschrieben worden. Die Angst löste sich allmählich. Etliche Kinder haben sich noch Jahre später daran erinnern können.

Die Grenze war überschritten. Deutschland lag hinter den Kindern. Susanne wird erst im Sommer 1951 für einen kurzen Aufenthalt nach Berlin zurückkehren, um ihren schwerkranken Vater zu treffen. Im September 1951, kurz nach dem Treffen mit seiner geschiedenen Frau Steffie und mit seiner Tochter Susanne, stirbt Alber Schaefer-Ast, der Professor für Grafik an der Bauhaus-Akademie geworden war, in Weimar. Ein erneuter, schwerer Schlag für Susanne, der seine Spuren in ihrer Seele hinterlassen wird.

Der Zug fährt weiter.

Haengelo. „Herzlich willkommen in den Niederlanden“ tönt es aus dem Lautsprecher.

Wir wissen aus Zeitzeugenberichten, daß die Kinder in Holland versorgt wurden. Es gab etwas zu trinken, es gab Süßigkeiten. Das niederländische „Kinder-Komitee“ kümmerte sich nun und unterstützte die Begleiterinnen im Zug. Vom niederländischen „Kinder-Komitee“ stammen auch jene Listen, die Amy Williams in Jerusalem entdeckt hat.

Ich schaue aus dem Fenster: ein kleiner Kanal am Bahngleis. Flaches, grünes Land, Pferdekoppeln, Gewächshäuser, flache Gebäude, maximal 5 Etagen hohe Wohnhäuser. Die Kastanien blühen.

Haengelo. 12.07 Uhr

Nach 4 Stunden haben wir den ersten Halt in den Niederlanden erreicht. Vermutlich gab es hier schon die erste Versorgung der Kinder. Noch 2 Stunden bis Amsterdam.

Halt in Waterplaats.

Ich schaue nach, wann Hitler Holland überfallen hatte: vom 10. – 28. Mai 1940 war das. Es ging „blitzschnell“. Die Rede von den „Blitzkriegen“ machte in Deutschlands Zeitungen die Runde. Die Deutschen müssen wie im Rausch vorgerückt sein. 18 Tage nur. Dann waren Holland und Belgien überrannt. Wer geglaubt hatte, er sei in Holland in Sicherheit vor den Deutschen, war im Irrtum. Schon ein Jahr nach Susannes Transport war Holland überrannt.

Hinter Waterplaats ein breiter Fluss, der offenbar schon zum großen Fluß- und Kanalsystem von Amsterdam gehört.

Halt in Apeldoorn um 12.58 Uhr.

Noch eine Stunde bis Amsterdam. Unsere Klimaanlage im Waggon ist ausgefallen, die Fenster sind nicht zu öffnen, wir müssen ein wenig Durchzug schaffen und die inneren Waggontüren offenhalten. Aber bald ist Abhilfe geschaffen, die Kühlung funktioniert wieder.

Kühlung? Welche Kühlung? Die Waggons der Kindertransporte kannten keine Kühlung. Bei denen konnte man – wenn das überhaupt erlaubt war – die Fenster herunterlassen. Die Kinder reisten Holzklasse. Da war nichts mit „Kühlung“.

Wir stellen uns vor, daß nun die Unruhe und die Aufregung in den Kinderwaggons wieder zunehmen. Denn es ist nur noch eine Stunde bis Amsterdam.

13.18. Uhr Amesfort Centraal. Hier zweigt eine Spur nach Rotterdam und Den Haag ab. Viele Menschen steigen zu. Englisch mischt sich mit Niederländisch.

Noch etwa 30 Minuten bis Amsterdam.

Nächster Halt: Hilversum.

15.40 Uhr: Leiden

16.14 Uhr an Schidam Centraal.

Wir fahren nun schon durch Marschland, von Kanälen durchzogen – Gärtnereien bauen auf Blumenfeldern Tulpen an. Tulpen aus Amsterdam.

Die „Wolkenkratzer“ in den Haag wirken ein wenig wie die Hochhäuser im Bankenviertel von Frankfurt, sie kommen überraschend in diesem flachen Land.

Delft. Der Bahnhof liegt unterirdisch, ähnlich einem U-Bahnhof.

In Schidam brauchen wir eine U-Bahn-Fahrkarte. Die muss man sich an einem Automaten ziehen, das ist nicht ganz so einfach, weil wir mit unserem Interregio-Bahnticket zunächst die Ausgangsbahnschranken überwinden müssen. Aber wir bekommen schnelle Hilfe von einer jungen Holländerin.

20 Minuten Wartezeit auf die Bahn, die uns zum Hafen bringen soll.

Natürlich sind wir in Gedanken bei den Kindern. Ihr Zug ist vermutlich direkt weitergefahren bis direkt an die Fähre. Sie mussten nicht umsteigen. Sie brauchten auch kein U-Bahn-Ticket, denn die Verhandler, die mit der britischen Regierung die Einreisemodalitäten für die Kinder verhandelt hatten, hatten ein „Pauschalvisum“ erreichen können. Die Kinder hatten eine Pappkarte um den Hals mit einer Nummer drauf. Diese Nummer erschien wieder in den Transportlisten, die von Deutschland aus mit London abgeglichen worden waren und für die man von britischer Seite das „Pauschalvisum“ erteilt hatte. Die Transportkosten mussten privat aufgebracht werden. Jüdische andere private Hilfsorganisationen (wichtig waren die Quäker) hatten mit Zeitungsannoncen und Spendenaufrufen dafür gesorgt.

Die Anfahrt von Berlin bis zum Hafen in Hoek van Holland muss für die Kinder überaus anstrengend und sehr aufregend gewesen sein. Wir merken es ja an unserer eigenen Müdigkeit. Die lange Fahrt von Berlin nach Hoek van Holland ist auch für Kinder strapaziös.
In manchen Erinnerungen der Kinder heißt es, dass sie erst am Folgetag, nach dem Besuch des British Museums (!) die erste warme Mahlzeit bekommen hätten. Sie hatten Hunger und sie hatten Durst. Aber die Reise ging immer weiter.

Susanne konnte nicht in London bleiben, sie musste gleich noch weiter nach Norden. Noch am Folgetag musste sie weitere 8 Stunden mit dem Zug nach Schottland. Die Kinder dürften völlig k.o. und am Ende ihrer Kräfte gewesen sein. Dann nahmen sie, wenn sie Glück hatten, Pflegeeltern in Empfang. Die aber sprachen kein Wort Deutsch……Für wen man keine Pflegeeltern gefunden hatte, der kam zunächst in ein Heim.

Uns geht es auf unserer Nach-Reise besser, als es den Kindern gegangen sein dürfte. Wir sind sehr früh am Hafen, erkundigen uns bei Stena Line über den Beginn vom check in und gehen dann zu einem nahegelegenen Restaurant. Stena Line übrigens, das sei hier erwähnt, hat sich an der Finanzierung der Kindertransport-Denkmale als Sponsor beteiligt, denn nicht wenige Kinder kamen mit einer Stena Line-Fähre nach England.

Ab 17.30 Uhr sitzen wir in der Sonne im Hafen von Hoek van Holland an den Lotsenbooten. Von hier aus kann man im Hintergrund schon unsere große Fähre sehen.

Die Bord-Tickets habe ich schon, nun essen wir eine Kleinigkeit, genießen die frische Seeluft. „TorpedoLoods“ nennt sich das Lokal. „Eat, dream and enjoy“. Wir genießen diese Pause nach der sehr langen Zugfahrt. Herrliche Seeluft. Frühsommerlich ist es, kaum Wind. Sieht aus wie Urlaub, fühlt sich an wie Urlaub. Um 10 Uhr geht die Fähre, ab 18.45 Uhr können wir an Bord.

Es gibt ein Denkmal hier ganz in der Nähe im Hafen von Hoek van Holland. Das Denkmal erinnert an die Kindertransporte, die von hier aus Europa verließen und die Kinder nach England brachten. Es ist gar nicht weit entfernt, wir gehen hinunter an den Kai und schauen uns das Denkmal an.

Frank Meisler hat – wie in Berlin Friedrichstraße – auch dieses Denkmal gestaltet. Wir werden seine Figuren bald in London wiedertreffen. London Liverpool Street Station. Hier kamen die meisten „Kinder“ an.

Uns gefällt diese Arbeit. Auch der Standort ist gut. Man kann von hier aus die Mündung des Rheins sehen – hier beginnt die Überfahrt. Man kann auch von hier aus im Hafen die große Fähre sehen – Endpunkt einer langen Bahnfahrt. Vergangenheit und offene Zukunft sind auch in der Skulptur zu sehen. Kinder, die zurückdenken; Kinder die nachdenklich stehen, was die nächste Zeit wohl bringen wird? Kinder, die recht optimistisch schauen. Da ist viel versteckt in den Kindergesichtern.

Frank Meisler weiß, wovon er in seinen Figuren spricht, er war selbst ein „Kindertransport-Kind“ und kam mit dem letzten möglichen Transport im August 1939 noch aus Danzig nach England.

Wir fahren – wie die Kinder im Mai 1939 – mit der „Nachtfähre“.
Sie legt um 22 Uhr in Hoek van Holland ab. Unser Schiff ist eine moderne Scandlines Fähre, die Kinder im Jahre 1939 hatten wahrscheinlich nicht mal ein Bett, sondern mussten in einem Raum, vielleicht auf Decken, vielleicht wenigstens die Schuhe aus, unter Deck schlafen. Wenn sie denn überhaupt schlafen konnten.

Wir genießen die Stunden des Sonnenuntergangs hoch oben auf dem Deck. Wir haben eine schöne Außenkabine in der elften Etage mit herrlichem Blick über die See.

Unsere Gedanken sind bei den Kindern. Wie mögen sie wohl das große Schiff, die vielen neuen Eindrücke, die vielen fremden Menschen, Hunger und Durst, die Müdigkeit, die Trauer, die Aufgeregtheit über das viele Neue erlebt haben?

Vielleicht sind sie wenigstens für ein paar Stunden vor Erschöpfung eingeschlafen. Morgen früh, wenn alles gut geht, wird die Fähre an Land anlegen. Die Station heißt Harwich. Harwich liegt in England.

  1. Rebekka Göpfert (Hg). „Ich kam allein. Die Rettung von zehntausend jüdischen Kindern nach England 1938/39“ Aus dem Englischen von Susanne Röckel. dtv 1994, S. 66 ↩︎

Kindertransport 1939 (1). Auf den Spuren jüdischer Flüchtlingskinder von Berlin nach London.

Kindertransport 1939 (1). Auf den Spuren jüdischer Flüchtlingskinder von Berlin nach London.

Ich wollte mehr über Susanne Schaefer herausbekommen. Susanne, geboren am 28. Januar 1927 in Berlin, Tochter der Grafikerin Steffie Schaefer-Nathan und des Grafikers Albert Schaefer-Ast. Über ihren Vater, Albert Schaefer, hatte ich schon lange Monate recherchiert und auch geschrieben, das Buch über ihn kam Anfang 2025 auf den Markt.
Aber was war eigentlich genauer mit Steffie, ihrer Mutter und mit Susanne selbst? Und, beinahe so ganz nebenher, aber von zentraler Bedeutung: weshalb beschäftigt mich selbst denn diese Geschichte einer mir eigentlich völlig fremden Jüdin so sehr, dass ich Zeit und Geld investiere, um ihr zu folgen? Was verbindet mich mit ihr? Geht es vielleicht auch um meine eigene Familiengeschichte? Geht es bei der Lebenserzählung von Steffie und Susanne um das „zufällige“ Verweben dieser zu erzählenden Familien-Geschichten? Was haben Steffie (Jahrgang 1895) und Susanne (geboren 1927) eventuell mit meinen Eltern (1926 und 1929) zu tun? Beide Familien hatten rein äußerlich überhaupt gar nichts miteinander zu tun, die Erzählfäden laufen nur in meiner Person zusammen, da treffen sie sich, aber offenbar haben die Familien eben doch miteinander zu tun. Rein äußerlich haben Susanne und meine Eltern als fast gleichaltrige Kinder die Zeit des NS erlebt – auf sehr verschiedene, aber eben doch zusammenhängende Weise. Wir haben „miteinander zu tun“. Die Geschichten hängen irgendwie zusammen, sie begegnen sich – jetzt, 2025, bei dieser Recherche-Reise. Wie sie sich begegnen, weiß ich noch nicht. Ob es wirklich so ist, ist zunächst ebenfalls nur eine Vermutung. Wir werden diese wichtige Frage aber ständig im Blick behalten, wenn wir den Spuren von Steffie und Susanne folgen.

Ich wusste inzwischen, dass die 12-jährige Susanne am 21. Mai 1938 mit einem „Kindertransport“ von Berlin nach London und weiter nach Ayr in Schottland gekommen war. Genau das wollte ich genauer verstehen.
Wie kam ein Kind auf einen „Kindertransport“? Wie erfuhr man überhaupt von der Möglichkeit, Deutschland zu entkommen? Wer entschied, welches Kind nach England durfte und welches nicht? Etwa 10.000 Kinder kamen mit einem „Kindertransport“ nach England, aber Hunderttausende Kinder kamen nicht nach England, sondern – nach Auschwitz. Wie war das also genau mit Susanne, ihren Eltern und Großeltern, den Pflegeeltern in Ayr hoch oben im Norden Schottlands? Wie muss man sich einen solchen „Kindertransport“ vorstellen? Kann man sich einfühlen in die Kinderseele einer Zwölfjährigen, die ihre Eltern verlassen muss und in einer großen Kindergruppe von mehr als 100 anderen Kindern – aber doch allein – in die Fremde muss? Versteht dieses Kind, was vor sich geht? Wie wird es reagieren? Was für seelische Spuren werden in diesem Leben bleiben? Was kann man erfahren über jenes Kind, das da wohl von ihrer Mutter Steffie an den Anhalter Bahnhof in Berlin gebracht wurde, sich dort in einem separaten Raum verabschieden musste (die Nazis hatten den Abschied direkt auf dem Bahnsteig verboten, um Aufsehen zu vermeiden, die Szenen waren schrecklich) – kann man sich dem damaligen Geschehen überhaupt noch annähern?

Nun, es gibt autobiografische Zeitzeugenberichte von Kindern, die mit einem Kindertransport nach England kamen. Auch fand sich kürzlich die Transportliste exakt jenes Transportes vom 21. Mai 1938, in der Susanne Schaefer auf Seite 3 vermerkt ist, ich hatte hier im blog darüber geschrieben. Auch habe ich inzwischen einen „Reisebericht“ von exakt diesem Transport gefunden, den ein mitreisender Junge, der zwei Jahre älter als Susanne war, später aus dem Gedächtnis aufgeschrieben hat. Ich werde darauf zurückkommen.
Ich wollte Genaueres über Susanne wissen, wollte herausfinden, wie es ihr wohl vielleicht ergangen sein mag auf jener Reise, die zu einer endgültigen Trennung von Deutschland führen würde.

Also habe ich eine Reise nach England vorbereitet. Diese Reise sollte exakt auf der Route verlaufen, die der Kindertransport vom 21. Mai 1938 genommen hatte: von Berlin mit dem Zug nach Amsterdam, dann mit dem Zug weiter bis an die Atlantikküste in Hoek van Holland, dort auf die Nacht-Fähre nach England. Nach einer Nacht auf See am frühen Morgen des Folgetages Ankunft in Harwich. Von dort mit dem Zug weiter nach London. Endstation: Liverpool Street Station.
Diese Reise soll nun zunächst in weiteren Blogbeiträgen nachgezeichnet werden, bevor von Begegnungen in London zu berichten ist: der Begegnung mit Peter Lobbenberg (Jahrgang 1939) nämlich und von der Begegnung mit Susannes Söhnen Nick (Jahrgang 1957) und Tim (1960).

Die Reise begann am 29. April 2025 in Berlin. Der Interregio nach Amsterdam verließ den Berliner Hauptbahnhof um 8.06 Uhr (anders als die Kinder damals – ihr morgendlicher Transport begann am Anhalter Bahnhof, von dem heute nur noch Reste zu sehen sind).
Wir gerieten bei dieser Reise ab dem Folgetag in England mitten in die Vorbereitungen für den 80. Jahrestag des Sieges der Alliierten über den Hitler-Faschismus, die Erzähl-Ebenen begannen sich sofort zu kreuzen – das wird uns auf der ganzen Reise weiter begleiten. Diese Recherche-Reise wurde zu einem Geflecht zwischen gegenwärtiger Erinnerungskultur, Kriegsgedenken und genauer Recherche der damaligen Vorgänge.
Wie stehen wir Nachfahren zu denen in Beziehung, die vor uns waren?

Der Auslandskorrespondent von The Guardian, Julian Borger hat in seinem Buch „Suche liebevollen Menschen“, in dem er seiner eigenen „verschwiegenen“ Familiengeschichte nachgeht, den bemerkenswerten Satz gefunden: „Wir haben vielleicht den Wunsch, die Vergangenheit zu vergessen, aber das heißt nicht unbedingt, dass sie uns vergisst.“

Und Greg Iles, Chronist des amerikanischen Südens, schreibt: „Jeder von uns bewegt sich in Netzen, die schon lange vor unserer Geburt gesponnen werden, Netze aus Vererbung und Umgebung, aus Begierde und Konsequenzen, aus Geschichte und Ewigkeit.“
Von diesen „Netzen“ wird nun die Rede sein.

1939 – 2025. Auf den Spuren jüdischer Flüchtlingskinder von Deutschland nach England

1939 – 2025. Auf den Spuren jüdischer Flüchtlingskinder von Deutschland nach England

Es ist ein besonderes Jahr, dieses 2025.
80 Jahre Kriegsende. Amerikaner, Briten, Franzosen, Rote Armee hatten dafür gesorgt, dass die Hitlerei endlich ein Ende nahm. Die Deutschen waren dazu selbst nicht in der Lage. Dieses Unvermögen bleibt wohl ewige Schande. In diesem besonderen Jubiläumsjahr sorgt das deutsche Auswärtige Amt dafür, dass Vertreter Russlands nicht zum Gedenken des Kriegsendes eingeladen werden. Grund sei die Sorge des Amtes, russische Vertreter könnten das Gedenken „instrumentalisieren“. Es ist eine sehr verquere Debatte. Denn nun geschieht exakt das: eine Instrumentalisierung des Gedenkens unter Verbiegung historischer Fakten.
Die Enkel der Täter wollen doch tatsächlich den Enkeln der Opfer eine Teilnahme am Gedenken an die Opfer des Krieges untersagen. Glücklicherweise gelingt das nicht, wie man gerade in Seelow beim Gedenken an diese Schlacht und bei zahlreichen weiteren Veranstaltungen in Berlin und anderen Orten sehen kann.
Das alles findet statt auf dem Hintergrund einer bereits beschlossenen massiven Aufrüstung Europas, insbesondere Deutschlands, bei der vorgesehen ist, knapp 1 Billion Euro in Aufrüstung zu investieren. Es handelt sich um die massivste deutsche Aufrüstung seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Was für ein Gedenkjahr!

Wie kann man in diesem verwirrten, von Interessen geleiteten Gedenkjahr angemessen den Ereignissen nach-denken, die da vor 80 Jahren stattgefunden haben?

Wir, meine Frau und ich, haben uns entschieden, in diesem besonderen Jahr auf den Spuren jüdischer Flüchtlingskinder von Berlin nach London zu reisen. Am 21. Mai 1939, kurz vor dem deutschen Überfall auf Polen und dann auf die Sowjetunion, fuhr ein „Kindertransport“ von Berlin über Hoek van Holland und Harwich zunächst nach London, später weiter nach Ayr in Schottland. Diesem Transport werden wir folgen.

Bald schon, am 29. April 2025, also beinahe auf den Tag genau 86 Jahre später, machen wir uns exakt auf der Route auf den Weg, den die Kinder damals genommen haben. Der Zug wird uns von Berlin nach Amsterdam, von dort nach Hoek van Holland bringen. Dort besteigen wir die Nachtfähre, die geplant 22 Uhr ablegen und am nächsten Tag früh morgens im englischen Harwich ankommen soll, so, wie es auch die Flüchtlingskinder erlebt haben. In Harwich steht heutzutage ein Pendant zum Kindertransport-Denkmal, das man vor dem heutigen Bahnhof Berlin-Friedrichstraße findet. Ein weiteres werden wir in London in der Liverpool-Street-Station finden, jenem Bahnhof, an dem die meisten der Transportzüge ankamen.
Der oben abgebildete Ausschnitt aus dem Berliner Denkmal zeigt ein Mädchen, das zu einem vielleicht zwei Jahre älteren Jungen aufblickt. Exakt dies kann sich im Zug vom 21. Mai 1939 zugetragen haben, denn nicht nur die 12-jährige Susanne Schaefer war im Zug, auf deren Spuren wir reisen, sondern auch der 14-jährige Jakob J. Petuchowski (geb. 30.7.1925), der später die Fahrt exakt dieses Zuges vom 21. Mai 1939 im Buch „Ich kam allein. Die Rettung von zehntausend jüdischen Kindern“, herausgegeben von Rebekka Göpfert (dtv. 1994) ausführlich beschrieben hat. Ich habe seinen Namen auf der Transport-Liste vom 21. 5. 39 gefunden, die Dr. Williams im Dezember 2024 in Yad Vashem sehr überraschend entdeckt hat, denn diese Listen galten bislang unter Historikern als verschollen. Ich hatte ein paar Beiträge weiter vorn davon geschrieben.

Wir begeben uns auf Spurensuche in diesem besonderen Jahr des Gedenkens.
Geplant ist unter anderem ein Treffen mit dem ältesten Sohn eines der Flüchtlingskinder, die damals in jenem Zug vom 21. Mai 1939 gesessen haben, Susanne Schaefer, Tochter der Zeichnerin Steffie Schaefer-Ast, geborene Nathan, die während der Weimarer Republik bekannte und anerkannte Zeichnerin unter anderem für „Die Dame“, den „Uhu“ und den „Querschnitt“ war, die vom größten Verlagshaus Europas, dem Ullstein-Verlag herausgegeben wurden.
Susannes Sohn und ich sind ein und derselbe Geburtsjahrgang. Eine britisch-deutsche Begegnung
80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges steht uns bevor. Eine Begegnung der Enkel-Generationen. Die Generation unserer Großeltern hat erbitterten Krieg gegeneinander geführt, gegen die jüdische Bevölkerung war es gar ein Vernichtungskrieg, der im industriellen Maßstab geführt wurde; die Deutschen waren diejenigen, die die anderen überfallen hatten, der deutsche Luftkrieg auf London war verheerend.
Auf der anderen Seite des Tisches wird der Sohn eines Flüchtlingskindes sitzen, das damals – gleichsam im letzten noch möglichen Moment – Deutschland verlassen konnte und in Schottland Hilfe und Unterkunft fand.
Werden wir im Gespräch zueinander finden?
Es ist eine offene Frage kurz vor Beginn der Reise.

Wir werden von unseren Eindrücken hier im blog berichten.