Susanne Schaefer kam mit dem Kindertransport vom 21. Mai/22. Mai 1939 von Berlin nach London. Sie war 12 Jahre alt. Sie hatte ein Buch dabei: Fridolins Wanderzirkus. Gezeichnet von ihrem Vater Albert Schaefer-Ast. Das Buch findet sich nun im London-Museum, ich habe es für diesen Beitrag als Titelbild verwendet. Mit ihr im Zug saß ein 2 Jahre älterer Junge, Jakob J. Petuchowski. Ich habe seinen Namen auf der Transportliste gefunden, die Amy Williams im Dezember 2024 in Yad Vashem in Jerusalem entdeckt hatte. Sie hatte mir die Liste freundlicherweise für meine Recherchen geschickt. Susanne reiste zusammen mit Jakob am nächsten Tag weiter nach Schottland.
Jakob hat sich an die Reise vom 21. Mai 1938 von Berlin über Hoek van Holland und Harwich nach London erinnert. Sein Bericht ist im Buch „Ich kam allein“, herausgegeben von Rebekka Göpfert1, abgedruckt. Im Folgenden soll er hier wiedergegeben werden, weil wir ihn als „Illustration“ des Transportes benötigen, der Susanne von Berlin nach London und weiter nach Schottland gebracht hat:
„Jakob J. Petuchowski (Cincinatti, USA). Aus Berlin
Was haben das Britische Museum, Bloom’s Kosher Restaurant und Charlie Chaplin gemeinsam? Nur das: daß sie alle dicht gedrängt im Zeitraum von nur ein paar Stunden während jener zwei Tage auftauchten, die mein Leben veränderten – und retteten. In meinem Besitz befindet sich ein Dokument mit dem Titel „Aliens Order 1920“, ausgestellt am 30. Juli 1941 – an meinem sechzehnten Geburtstag – in East Lothian, in Schottland. Es bestätigt die Tatsache, daß ich am 22. Mai 1939 in Großbritannien eingereist bin, und bemerkt unter „Beruf oder ausgeübte Tätigkeit“: „Landwirtschaftshelfer in Ausbildung“. Ein Foto, das dem Dokument beiliegt, zeigt mich in der Arbeitskleidung eines Landwirtschaftsgehilfen. Mein Gesicht drückt alles andere als Freude aus. Vielleicht bin ich einfach nicht der geborene Landwirtschaftshelfer. Aber als ich am Ende die Landwirtschaftsschule in Schottland verließ, um meine rabbinischen Studien fortzuführen, bemerkte jemand: „Die Bauern werden immer sagen, daß du ein guter Rabbiner bist, und die Rabbiner werden sagen, du bist ein guter Bauer.“ Vielleicht hatte dieser Jemand recht. Jedenfalls trug mein Status als „Landwirtschaftshelfer in Ausbildung“ dazu bei, daß mir an meinem sechzehnten Geburtstag die Internierung erspart blieb.
Aber jetzt von vorn. Wir haben den 22. Mai 1939, den Tag meiner Ankunft in England, und nun kommen das Britische Museum, Bloom’s und Charlie Chaplin ins Spiel. Dieser Tag war auch der Geburtstag meiner lieben Mutter, ihr erster Geburtstag seit meiner Geburt, den ich nicht mit ihr zusammen verbrachte. Noch sollte ich jemals wieder einen ihrer Geburtstage mit ihr zusammen verbringen. Am Tag zuvor, am 21. Mai 1939, hatten wir uns tieftraurig voneinander verabschiedet – auf einem Bahnsteig in Berlin. Dort sah ich sie zum letztenmal. Sie ist ein Teil der „sechs Millionen“ geworden. Zu jener Zeit konnte das natürlich niemand voraussehen, obwohl seit 1933 schon so vieles geschehen war. Es gab die Hoffnung, daß wir uns in England wiedersahen – bald. Für ein Muttersöhnchen wie mich war es schlimm genug, aus seiner vertrauten Umgebung und den liebenden, verwöhnenden Armen der Mutter gerissen zu werden.
Die Eisenbahnfahrt nach Holland verlief ohne Zwischenfälle. Wir bestiegen die Fähre nach Harwich. Nachts überquerten wir den Ärmelkanal, und am nächsten Morgen trank ich an Deck meinen ersten Becher Tee mit Milch. Es schmeckte gar nicht schlecht. Aber aus irgendeinem geheimnisvollen Grund kann ich bis auf den heutigen Tag nur in England Tee mit Milch trinken. Überall sonst auf der Welt will mir dieses absonderliche Gebräu einfach nicht die Kehle hinunter.
Nach der Ankunft in Harwich wurde die gesamte Kinderhorde in einen Zug getrieben, der uns nach London brachte. Dort erwarteten uns Mitglieder des Flüchtlingskomitees und Betreuer, die uns an unsere nächsten Zielorte bringen sollten.
Was soll man in der Hauptstadt des britischen Empire schon anfangen mit Dutzenden von müden, ungewaschenen, hungrigen deutsch-jüdischen Flüchtlingskindern, die über vierundzwanzig Stunden unterwegs gewesen waren? Unser freundliches Empfangskomitee war um eine Antwort auf dieses Problem nicht verlegen: Mit Bussen wurden wir zum Britischen Museumgefahren, wo wir auf einer Führung all seine Schätze bestaunen durften. Allerdings weiß ich, ehrlich gesagt, nicht mehr, was wir sahen. Ich bin nicht einmal sicher, ob es mir gelang, während der ganzen Zeit die Augen offen zu halten. Jedenfalls wurde ich an jenem Tag, dem 22. Mai 1939, erstmals mit den kulturellen Reichtümern Großbritanniens bekannt gemacht. Im nachhinein erscheint es mir durchaus sinnvoll, daß man die Kultur damals vor das Essen an die erste Stelle setzte – obwohl wir Kinder gänzlich anders darüber gedacht haben dürften.
Schließlich durften wir die Busse wieder besteigen, und man brachte uns zu Bloom’s Kosher Restaurant, wo wir unsere erste richtige Mahlzeit nach dem Verlassen Deutschlands einnahmen. Ich erinnere mich nicht mehr, was es gab. Das wichtigste war, daß ich meinen Hunger stillen konnte; dafür waren auch alle anderen dankbar.
Ich erfuhr, daß ich nicht in London bleiben sollte. Mein Bestimmungsort war die Whittingehame Farm School in Schottland. Aber es war noch eine lange Zeit zu überbrücken, bis wir den Nachtzug nach Edinburgh besteigen konnten. Wir gingen also ins Kino und sahen Charlie Chaplin im „Großen Diktator“. Ein Jahr Englischunterricht an einer Berliner Jüdischen Schule reichte gewiß nicht aus, um den Dialog mit all seinen Raffinessen zu verstehen, aber Chaplins Schauspielkunst entschädigte mich vollauf für alles, was ich sprachlich nicht mitbekam. Und was es allein schon bedeutete, daß wir dreißig Stunden nach unserer glücklichen Flucht aus Nazi-Deutschland sehen konnten, wie man sich über den Führer lustig machte! Und daß wir ungestraft lachen konnten über das, was hinter uns lag! Jetzt hatten wir endgültig die Gewißheit, daß wir in einem freien Land angekommen waren, und wir atmeten auf.
Während der Eisenbahnfahrt nach Edinburgh in dieser Nacht fanden viele von uns Kindern keinen Schlaf. Die vielen neuen Eindrücke der letzten Stunden, ganz zu schweigen von den köstlichen koscheren Würsten bei Bloom’s – all das mußte schließlich verdaut werden; und die Zukunft war ungewiß. Am 23. Mai 1939 kamen wir pünktlich in Edinburgh an. Das Datum war in diesem Jahr der Vorabend des Wochenfestes, Schawout2. An der Whittingehame Farm School blieben jene, die es wollten, traditionsgemäß die ganze Nacht wach, um miteinander Abschnitte aus der Thora und andere Bibelschriften und rabbinische Texte zu lesen. Das Jahr, in dem ich Bar Mizwa hatte, war noch nicht vollendet, und ich war naturgemäß begierig darauf, als ein erwachsener Jude an diesem nächtlichen Gemeinschaftsstudium teilzunehmen. Wir hatten kaum das zweite der fünf Bücher Mosis beendet, – da überwältigte mich schließlich der Schlaf.
Seither bin ich oft im Britischen Museum gewesen; 1978 saß ich in der berühmten Bibliothek, um zu forschen. Ich habe viele köstliche Mahlzeiten bei Bloom’s verzehrt, und auch den „Großen Diktator“ habe ich später wiedergesehen. Aber die Wiederholungen reichen nicht an das heran, was alle drei Elrebnisse zusammen an jenem 22. Mai 1939 für mich bedeuteten. Damals standen sie für die Freiheit. Wenn ich heute daran zurückdenke, empfinde ich tiefe Dankbarkeit für jene, die mein Leben retteten.“
Soweit seine Erinnerung. Als wir am 30. April 2025 von Harwich kommend, auf den Spuren der Flüchtlingskinder in London ankamen, hatten wir ein etwas anderes Programm als die Kinder damals. Davon mehr im nächsten Beitrag.
die mittlere von drei großen Ernte- und Wallfahrtsfeiern des Jahres, die zur Erinnerung an die Offenbarung am Berg Sinai im Mai oder im Juni stattfindet. ↩︎
8.06 Gleis 13 Berlin Hauptbahnhof. Der Interregio soll uns nach Amsterdam Centraal bringen (an 13.59). In Gedanken bin ich bei den Kindertransporten von 1939. Was wird man geredet haben beim Abschied auf dem Anhalter Bahnhof? Susanne wird wohl einen Zug später gefahren sein, als wir heute, denn in den Reiseberichten ist davon die Rede, dass man nach Ankunft in Hoek van Holland gleich auf die Nacht-Fähre gegangen sei.
Unser Zug hält zunächst in Spandau. Marie liest im Buch „Ich kam allein“1 den Reisebericht von Jakob J. Petuchowski (geb. 30.7.1925) vom 21.5.1939, jenem Zug, in dem auch Susanne saß, der unsere Reise von Berlin nach Hoek van Holland aus Sicht eines Transport-Kindes erzählt. Wir reisen bequem. Die Waggons für die Kinder waren Dritte Klasse, Holzklasse. Man hatte sie an einen normalen Zug angehängt. Im Zug waren SS-Wachleute, nicht selten schikanierten sie die Kinder.
Nächster Halt: Hannover. Draußen blüht der Raps. Die Windräder und großflächigen Solaranlagen auf den Feldern neben dem Gleis gab es 1939 nicht. Auch waren die Felder sehr viel kleinteiliger, nicht so riesig und ohne Hecken wie heute, insbesondere im früheren „Ostdeutschland“, also bis zur früheren Grenze bei Helmstedt. Unsere Reise findet 35 Jahre nach dem „Fall der Mauer“ statt. Deutschland war 40 Jahre geteilt, eine Folge des Zweiten Weltkrieges, der 1939 im September von Hitler begonnen wurde. Susanne konnte im Mai 1939 gerade noch rechtzeitig nach England entkommen.
Vom Flugzeug aus kann man an der Größe der Felder heute noch die frühere innerdeutsche Grenze sehen: große Felder im Osten, kleinere Felder im Westen.
Susanne wird vielleicht gar nicht aus dem Fenster geschaut, sondern sich mit anderen Kindern unterhalten haben. Vielleicht hat sie in den kleinen Büchern gelesen, die ihr Vater ihr mitgegeben hatte, oder sie war traurig, hat an ihre Eltern gedacht. Ob ihr Vater, der sich am 17. April hatte scheiden lassen, mit am Bahnhof in Berlin war, wissen wir nicht. Ihre Mutter Steffie wird dort gewesen sein.
Wir reisen bequem bei Sonnenschein und blauem Himmel auf reservierten Sitzplätzen in einem Intercity. Susanne reiste mit 117 anderen Kindern und Betreuern in der Holzklasse, angehängt an einem „normalen Zug“. Hinten am Zug, da fuhren die Judenkinder.
Wie war eigentlich das Wetter am 21. Mai 1939 in Berlin? Ich lese bei chronik.net nach:
„Wetter, Berlin am 21. Mai 1939: wolkig mit etwas Regen, Temperatur 9.1°C bis 17.6°C, Luftdruck 1007.80 hpa, Sonnenstunden 8.00 Std., Niederschlag 1.90 l/m².“
Mir fällt beim Blick aus dem Zugfenster ein möglicher Buchtitel ein: „Rapsblüte“.
Marie schickt vom Zug aus ein Selfie und schöne Grüße von uns an ihre älteste Tochter in Hannover, während wir durch den Bahnhof dort fahren. Eine solche Technologie wäre damals eine großartige Möglichkeit gewesen, mit Eltern oder Kindern in Verbindung zu bleiben. Damals aber blieb nur die Post. Es gibt in britischen Museen erhaltene Postkarten, die manche Kinder noch aus dem Zug an ihre Eltern geschickt haben.
Ab 3. September 1939 gab es auch diese geringe Möglichkeit nicht mehr. Es blieb nur noch die Möglichkeit, über das Rote Kreuz Kurzbriefe zu schreiben. 25 Worte. Solche „Rot-Kreuz-Briefe“ sind aus einem eventuellen Schriftwechsel zwischen Albert Schaefer-Ast, der nach der Scheidung in Berlin geblieben war und seiner Frau Steffie oder seiner Tochter Susanne nicht erhalten geblieben. Wenn es sie überhaupt gegeben hat.
Es ist extrem trocken in unseren Reisetagen. Auf einigen Feldern wird bereits jetzt im April beregnet. Nicht nur in Deutschland herrscht Dürre. Es sei schlimmer als 2018, sagt der Wetterdienst. Die Waldbesitzerverbände melden, etwa ein Drittel der Wälder müsse neu aufgeforstet werden.
Mir fällt zum ersten Mal auf: die Zugfahrt von Berlin nach Amsterdam dauert sehr lange. Wenn wir Erwachsenen das schon bemerken – die Kinder damals werden es ganz bestimmt bemerkt haben. Man kennt ja die Kinderfrage: „Wann sind wir denn da?“ Die Betreuerinnen im Zug vom 21. Mai 1939 werden alle Hände voll zu tun gehabt haben, um die Kinder zu beruhigen. Wir wissen durch einen Fund vom Dezember 2024 in Yad Vashem, der der britischen Historikerin Amy Williams gelungen war, dass der Transport vom 21. Mai 1939 von folgenden Personen begleitet wurde:
Norbert Wollheim selbst, jener unermüdliche Helfer, der beinahe alle Kindertransporte organisierte, war mit an Bord. Er hat überlebt und nach dem Krieg einen Prozess gegen die IG-Farben angestrengt und gewonnen. Er hatte auf Entschädigung für die entgangenen Löhne als Häftling in Auschwitz, der für die IG-Farben gearbeitet hatte, geklagt. Der Prozess hatte großes Aufsehen erregt. Norbert Wollheim hat später über seine Arbeit für die Kindertransporte Erinnerungen aufgeschrieben und publiziert. Andere Helferinnen dieses Zuges kamen im KZ um. Adolf Eichmann hatte zur Auflage gemacht, daß die Helfer nach der Übergabe der Kinder in London zurückzukehren hätten, andernfalls wären die Transporte sofort eingestellt worden.
„Frau Davidsohn, wann sind wir denn da?“ werden nicht nur die kleinen Kinder im Zug oft gefragt haben. Wir wissen aus der nun gefundenen Transportliste, daß die jüngsten Kinder 6 Jahre und die zwei ältesten gerade 18 geworden waren. Die meisten Kinder waren im Alter zwischen 12 und 16 Jahren. Es fuhren mehr Mädchen (45) als Jungen (17) aus Berlin in diesem Zug.
Wie kann man sich die Atmosphäre in diesem Kinderzug vorstellen? Laut? Eher still? Hörte man Kinder weinen? Andere Kinder spielten und lachten vielleicht? Die gerade überstandene Aufregung jedenfalls war gewaltig. Norbert Wollheim hat die dramatischen Abschiedsszenen am Bahnhof beschrieben. Das Geschrei, die weinenden oder völlig verstummten Eltern, letzte Blicke, Angst. Mütter, die ihre Kinder nicht hergeben wollten. Die Szenen waren so schrecklich, daß Wollheim sich entschied, einen separaten Raum im Anhalter Bahnhof zu mieten, in dem der Abschied stattfinden konnte. Auch wollten die Nazis nicht, daß diese Abschiede öffentlich auf dem Bahnsteig stattfanden. Wenn sich Kinder und Eltern verabschiedet hatten, wurden die Kinder von den Begleiterinnen in den Zug gebracht. Das Gepäck war durch Gepäckboten extra verladen worden. Manche Eltern, so wird es in Zeitzeugenberichten geschildert, fuhren mit der S-Bahn voraus, damit sie den Kindern in der Station Bahnhof Zoo oder gar in Wannsee nochmals im Zug zuwinken konnten.
All das war da anwesend in den Waggons mit den Kindern. Dieser Zug war vollgepackt mit Emotionen, mit überbordenden Gefühlen von Unsicherheit, Angst, Trauer, Abschiedsschmerz, aber auch Neugier und Reisespannung.
Dann kam die Müdigkeit.
Wir merken schon ab Hannover, daß wir müder werden. Nun, Kinder sind anders, die halten länger durch, aber von Berlin nach Hannover ist schon mal ein gutes Stück Weg gefahren.
Der Zug hielt in Hannover, aber die angehängten Kinderwaggons blieben geschlossen. Niemand stieg ein, niemand stieg aus. Wir können uns die uniformierten Wachen auf dem Bahnsteig lebhaft vorstellen.
Im Zug die Kinder. Manche schliefen, manche spielten, die größeren lasen vielleicht oder schrieben eine Postkarte an die Eltern. Daß überhaupt Postkarten aus dem Zug an die Zurückgebliebenen geschrieben wurden, dürfte eine Anregung der Begleiterinnen gewesen sein, um den Kindern eine ablenkende Aufgabe zu geben.
Nächster Halt: Bünde in Westfalen.
In unser Zugabteil waren in Hannover Kinder zugestiegen und zwei ältere Juden, die englisch sprechen. Sie sind an ihrer Kippa zu erkennen. Vielleicht treffen wir sie auf der Fähre wieder?
Wir sprechen beide darüber, wie es den Kindern im Zug wohl gegangen sein mag? Marie meint, die Kinder werden wohl immer noch aufgeregt gewesen sein.
10.45 Uhr Osnabrück. Der Zug ist nun schon mehr als 2,5 Stunden unterwegs. Und die Kinder wissen immer noch nicht, was ihnen eigentlich bevorsteht.
In Westfalen blüht der Ginster. Wir fahren durch hügeliges Land. In Osnabrück kreuzen sich große Eisenbahnlinien. Unsere Ost-West-Strecke wird von der Nord-Süd-Strecke Hamburg-München gekreuzt.
Es waren auch Kinder aus Hamburg im Transport vom 21. Mai 1939, sie sind aber nicht in Osnabrück zugestiegen, sondern wohl erst direkt auf der Fähre in Hoek van Holland. Im Wirtschaftsbahnhof Osnabrück sind heute viele Auto-Züge mit verladenen AUDIs zu sehen und mir fällt die Unternehmensgeschichte von HORCH und AUDI ein, die 1910 vor Gericht entschieden worden war. Aus HORCH wurde das lateinische „AUDI“, was halt auch „horch!“ heißt. Geschichte begegnet einem überall, auch in Osnabrück auf dem Güterbahnhof.
Nächster stop: Rheine. Grünes Land, wenn ich aus dem Zugfenster schaue, kleine Wirtschaftshöfe.
Die Bauern werden damals vielleicht auch auf ihren Feldern gewesen sein. Ein Zug fuhr vorbei. Irgend so ein Zug, wie täglich viele hier vorbeifahren. Der hier hatte drei Waggons mehr als sonst. Die Bauersleute werden nicht wahrgenommen haben, wer da fuhr. Irgend so ein Zug halt.
„Ich bin in Berlin geboren“ denkt vielleicht die 12-jährige Susanne. „Ich bin Deutsche. Aber die anderen Deutschen wollen mich nicht mehr. Deshalb muss ich jetzt nach England.“ So wird sie vielleicht gedacht haben – es sind meine Gedanken. Jedenfalls hat Susanne schon erlebt, daß sie sich in der Schulklasse von einem Tag auf den anderen von den anderen Kindern trennen und auf die hinterste Schulbank setzen musste. Das Schulministerium hatte die Trennung von den anderen deutschen Kindern angeordnet. Jüdische Kinder durften nun auch nicht mehr mit den anderen die Schulpausen verbringen. Sie wurden „separiert“. Jüdische Kinder wurden schikaniert, angepöbelt, erniedrigt. Das Novemberpogrom war gerade mal ein halbes Jahr her. Judenkinder waren nicht mehr erwünscht in Deutschland.
Susanne wird an ihre Mutter Steffie gedacht haben, die sie an den Bahnhof gebracht hatte. Oder sie hat an Großmutter Hedwig gedacht, die schon bald nach Hongkong ausreisen würde und ganz bestimmt hat sie an ihren Vater gedacht, der ihr seine lustigen Kinderbücher mitgegeben hatte. Vielleicht war es so.
Längerer Halt in Rheine/Westfalen. Wir stehen beinahe 10 Minuten.
Amy Williams, die junge britische Historikerin, die voriges Jahr die Transportlisten in Yad Vashem entdeckt hat, schreibt bei Facebook in „Kindertransport Dialogue“, einer Facebook-Gruppe, der ich mich angeschlossen habe und die weltweit die Nachfahren der „Kinder“ zusammenführt, dass sie „immer noch nicht die Liste vom ersten Transport“ gefunden hätte, ihr läge aber ein britisches Dokument vor, daß der erste Transport „am Donnerstag, 1. Dezember 1938 um 15.59“ die Grenze (Deutschland bis Niederlande) bei Bentheim überschritten hat. Es geht um „8 Erwachsene mit 200 Kindern“. Ich war mit Amy Williams in direkten Mailkontakt getreten, als ich via New York Times von ihrem Fund in Jerusalem erfahren hatte und hatte sie gefragt, ob sie „zufällig“ die Liste vom 21. Mai 1939 gefunden hätte? Ja, die hatte sie und sie hat sie mir schon am nächsten Tag geschickt. Dadurch wissen wir nun, welche Kinder mit im Zug waren. Mit Namen und Anschriften. Ein Junge hieß Jakob J. Petuchowski. Er war 2 Jahre älter als Susanne. Er hat später, da war er schon in den USA, seine Erinnerung an den Transport vom 21. Mai 1939 aufgeschrieben, im nächsten Blogbeitrag werde ich ihn abdrucken.
Wir haben nun einen neuen Zugführer. Der spricht Deutsch, aber mit klar erkennbarem niederländischen Akzent.
Aus Berlin erreicht mich eine Mail vom Reisebüro mit einem link und einem QR-Code vom Hotel, mit dem wir uns morgen selber im Hotel einchecken sollen.
Hotel? Welches Hotel? Die Kinder haben kein Hotel. Man wird sie am Bahnhof abholen, manche werden in eine Art Kinderheim kommen, weil niemand sie abholt, wieder andere werden weiterreisen müssen.
Letzter Halt in Deutschland. Bad Bentheim. 11.45 Uhr.
Hier ist die SS-Begleitung ein letztes Mal durch den Zug gegangen. Manche von denen haben die Kinder nochmal angerüpelt und verspottet, andere haben nochmal die Koffer der Kinder „kontrolliert“. Dann verließen sie den Zug.
Dann kam Holland.
Die Stimmung im Zug änderte sich schlagartig, so ist es von ehemaligen Flüchtlingskindern beschrieben worden. Die Angst löste sich allmählich. Etliche Kinder haben sich noch Jahre später daran erinnern können.
Die Grenze war überschritten. Deutschland lag hinter den Kindern. Susanne wird erst im Sommer 1951 für einen kurzen Aufenthalt nach Berlin zurückkehren, um ihren schwerkranken Vater zu treffen. Im September 1951, kurz nach dem Treffen mit seiner geschiedenen Frau Steffie und mit seiner Tochter Susanne, stirbt Alber Schaefer-Ast, der Professor für Grafik an der Bauhaus-Akademie geworden war, in Weimar. Ein erneuter, schwerer Schlag für Susanne, der seine Spuren in ihrer Seele hinterlassen wird.
Der Zug fährt weiter.
Haengelo. „Herzlich willkommen in den Niederlanden“ tönt es aus dem Lautsprecher.
Wir wissen aus Zeitzeugenberichten, daß die Kinder in Holland versorgt wurden. Es gab etwas zu trinken, es gab Süßigkeiten. Das niederländische „Kinder-Komitee“ kümmerte sich nun und unterstützte die Begleiterinnen im Zug. Vom niederländischen „Kinder-Komitee“ stammen auch jene Listen, die Amy Williams in Jerusalem entdeckt hat.
Ich schaue aus dem Fenster: ein kleiner Kanal am Bahngleis. Flaches, grünes Land, Pferdekoppeln, Gewächshäuser, flache Gebäude, maximal 5 Etagen hohe Wohnhäuser. Die Kastanien blühen.
Haengelo. 12.07 Uhr
Nach 4 Stunden haben wir den ersten Halt in den Niederlanden erreicht. Vermutlich gab es hier schon die erste Versorgung der Kinder. Noch 2 Stunden bis Amsterdam.
Halt in Waterplaats.
Ich schaue nach, wann Hitler Holland überfallen hatte: vom 10. – 28. Mai 1940 war das. Es ging „blitzschnell“. Die Rede von den „Blitzkriegen“ machte in Deutschlands Zeitungen die Runde. Die Deutschen müssen wie im Rausch vorgerückt sein. 18 Tage nur. Dann waren Holland und Belgien überrannt. Wer geglaubt hatte, er sei in Holland in Sicherheit vor den Deutschen, war im Irrtum. Schon ein Jahr nach Susannes Transport war Holland überrannt.
Hinter Waterplaats ein breiter Fluss, der offenbar schon zum großen Fluß- und Kanalsystem von Amsterdam gehört.
Halt in Apeldoorn um 12.58 Uhr.
Noch eine Stunde bis Amsterdam. Unsere Klimaanlage im Waggon ist ausgefallen, die Fenster sind nicht zu öffnen, wir müssen ein wenig Durchzug schaffen und die inneren Waggontüren offenhalten. Aber bald ist Abhilfe geschaffen, die Kühlung funktioniert wieder.
Kühlung? Welche Kühlung? Die Waggons der Kindertransporte kannten keine Kühlung. Bei denen konnte man – wenn das überhaupt erlaubt war – die Fenster herunterlassen. Die Kinder reisten Holzklasse. Da war nichts mit „Kühlung“.
Wir stellen uns vor, daß nun die Unruhe und die Aufregung in den Kinderwaggons wieder zunehmen. Denn es ist nur noch eine Stunde bis Amsterdam.
13.18. Uhr Amesfort Centraal. Hier zweigt eine Spur nach Rotterdam und Den Haag ab. Viele Menschen steigen zu. Englisch mischt sich mit Niederländisch.
Noch etwa 30 Minuten bis Amsterdam.
Nächster Halt: Hilversum.
15.40 Uhr: Leiden
16.14 Uhr an Schidam Centraal.
Wir fahren nun schon durch Marschland, von Kanälen durchzogen – Gärtnereien bauen auf Blumenfeldern Tulpen an. Tulpen aus Amsterdam.
Die „Wolkenkratzer“ in den Haag wirken ein wenig wie die Hochhäuser im Bankenviertel von Frankfurt, sie kommen überraschend in diesem flachen Land.
Delft. Der Bahnhof liegt unterirdisch, ähnlich einem U-Bahnhof.
In Schidam brauchen wir eine U-Bahn-Fahrkarte. Die muss man sich an einem Automaten ziehen, das ist nicht ganz so einfach, weil wir mit unserem Interregio-Bahnticket zunächst die Ausgangsbahnschranken überwinden müssen. Aber wir bekommen schnelle Hilfe von einer jungen Holländerin.
20 Minuten Wartezeit auf die Bahn, die uns zum Hafen bringen soll.
Natürlich sind wir in Gedanken bei den Kindern. Ihr Zug ist vermutlich direkt weitergefahren bis direkt an die Fähre. Sie mussten nicht umsteigen. Sie brauchten auch kein U-Bahn-Ticket, denn die Verhandler, die mit der britischen Regierung die Einreisemodalitäten für die Kinder verhandelt hatten, hatten ein „Pauschalvisum“ erreichen können. Die Kinder hatten eine Pappkarte um den Hals mit einer Nummer drauf. Diese Nummer erschien wieder in den Transportlisten, die von Deutschland aus mit London abgeglichen worden waren und für die man von britischer Seite das „Pauschalvisum“ erteilt hatte. Die Transportkosten mussten privat aufgebracht werden. Jüdische andere private Hilfsorganisationen (wichtig waren die Quäker) hatten mit Zeitungsannoncen und Spendenaufrufen dafür gesorgt.
Die Anfahrt von Berlin bis zum Hafen in Hoek van Holland muss für die Kinder überaus anstrengend und sehr aufregend gewesen sein. Wir merken es ja an unserer eigenen Müdigkeit. Die lange Fahrt von Berlin nach Hoek van Holland ist auch für Kinder strapaziös. In manchen Erinnerungen der Kinder heißt es, dass sie erst am Folgetag, nach dem Besuch des British Museums (!) die erste warme Mahlzeit bekommen hätten. Sie hatten Hunger und sie hatten Durst. Aber die Reise ging immer weiter.
Susanne konnte nicht in London bleiben, sie musste gleich noch weiter nach Norden. Noch am Folgetag musste sie weitere 8 Stunden mit dem Zug nach Schottland. Die Kinder dürften völlig k.o. und am Ende ihrer Kräfte gewesen sein. Dann nahmen sie, wenn sie Glück hatten, Pflegeeltern in Empfang. Die aber sprachen kein Wort Deutsch……Für wen man keine Pflegeeltern gefunden hatte, der kam zunächst in ein Heim.
Uns geht es auf unserer Nach-Reise besser, als es den Kindern gegangen sein dürfte. Wir sind sehr früh am Hafen, erkundigen uns bei Stena Line über den Beginn vom check in und gehen dann zu einem nahegelegenen Restaurant. Stena Line übrigens, das sei hier erwähnt, hat sich an der Finanzierung der Kindertransport-Denkmale als Sponsor beteiligt, denn nicht wenige Kinder kamen mit einer Stena Line-Fähre nach England.
Ab 17.30 Uhr sitzen wir in der Sonne im Hafen von Hoek van Holland an den Lotsenbooten. Von hier aus kann man im Hintergrund schon unsere große Fähre sehen.
Die Bord-Tickets habe ich schon, nun essen wir eine Kleinigkeit, genießen die frische Seeluft. „TorpedoLoods“ nennt sich das Lokal. „Eat, dream and enjoy“. Wir genießen diese Pause nach der sehr langen Zugfahrt. Herrliche Seeluft. Frühsommerlich ist es, kaum Wind. Sieht aus wie Urlaub, fühlt sich an wie Urlaub. Um 10 Uhr geht die Fähre, ab 18.45 Uhr können wir an Bord.
Es gibt ein Denkmal hier ganz in der Nähe im Hafen von Hoek van Holland. Das Denkmal erinnert an die Kindertransporte, die von hier aus Europa verließen und die Kinder nach England brachten. Es ist gar nicht weit entfernt, wir gehen hinunter an den Kai und schauen uns das Denkmal an.
Frank Meisler hat – wie in Berlin Friedrichstraße – auch dieses Denkmal gestaltet. Wir werden seine Figuren bald in London wiedertreffen. London Liverpool Street Station. Hier kamen die meisten „Kinder“ an.
Uns gefällt diese Arbeit. Auch der Standort ist gut. Man kann von hier aus die Mündung des Rheins sehen – hier beginnt die Überfahrt. Man kann auch von hier aus im Hafen die große Fähre sehen – Endpunkt einer langen Bahnfahrt. Vergangenheit und offene Zukunft sind auch in der Skulptur zu sehen. Kinder, die zurückdenken; Kinder die nachdenklich stehen, was die nächste Zeit wohl bringen wird? Kinder, die recht optimistisch schauen. Da ist viel versteckt in den Kindergesichtern.
Frank Meisler weiß, wovon er in seinen Figuren spricht, er war selbst ein „Kindertransport-Kind“ und kam mit dem letzten möglichen Transport im August 1939 noch aus Danzig nach England.
Wir fahren – wie die Kinder im Mai 1939 – mit der „Nachtfähre“. Sie legt um 22 Uhr in Hoek van Holland ab. Unser Schiff ist eine moderne Scandlines Fähre, die Kinder im Jahre 1939 hatten wahrscheinlich nicht mal ein Bett, sondern mussten in einem Raum, vielleicht auf Decken, vielleicht wenigstens die Schuhe aus, unter Deck schlafen. Wenn sie denn überhaupt schlafen konnten.
Wir genießen die Stunden des Sonnenuntergangs hoch oben auf dem Deck. Wir haben eine schöne Außenkabine in der elften Etage mit herrlichem Blick über die See.
Unsere Gedanken sind bei den Kindern. Wie mögen sie wohl das große Schiff, die vielen neuen Eindrücke, die vielen fremden Menschen, Hunger und Durst, die Müdigkeit, die Trauer, die Aufgeregtheit über das viele Neue erlebt haben?
Vielleicht sind sie wenigstens für ein paar Stunden vor Erschöpfung eingeschlafen. Morgen früh, wenn alles gut geht, wird die Fähre an Land anlegen. Die Station heißt Harwich. Harwich liegt in England.
Rebekka Göpfert (Hg). „Ich kam allein. Die Rettung von zehntausend jüdischen Kindern nach England 1938/39“ Aus dem Englischen von Susanne Röckel. dtv 1994, S. 66 ↩︎