Angst essen Seele auf. Etwas aus der reichen Welt.


Die ErdeDie Debatte um Flüchtlinge in Deutschland ist erbärmlich. Weil sie provinziell ist.
Die reichsten Bundesländer – Bayern beispielsweise – tun sich dadurch hervor, dass sie Szenarien an die imaginäre Wand malen, die frei erfunden sind. Herr Scheuer (CSU) glaubt zu wissen, dass da nun „Millionen vor unseren Toren“ stehen. Der Zweck seiner Rede: „Die sollen hier ja nicht herkommen und uns unseren Wohlstand aufessen“.
Hier zeigt sich der Egoismus der reichen Welt in seiner ganzen Brutalität.
Angst regiert die Politik. Angst, der Gartenzwerg im Vorgarten könnte Schaden nehmen, wenn Menschen in Not geholfen wird.
Schaut man auf die Welt – und nichts anderes ist sinnvoll, wenn man zu angemessenen Antworten kommen will – sieht die Situation so aus, dass „über 86 % der Flüchtlinge in sogenannte Entwicklungsländer fliehen“. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) weist immer wieder darauf hin. ARTE hat nun dankenswerter Weise diese Daten noch einmal zusammengetragen, verbunden mit Berichten aus den großen Flüchtlingslagern dieser Welt.
„Wer nimmt Flüchtlinge auf? Noch vor dem Iran und dem Libanon liegt Pakistan mit 1,6 Millionen hauptsächlich afghanischen Flüchtlingen als Gastland an der Spitze; dies gilt auch bezüglich der Wirtschaftsleistung: Auf jeden Dollar BIP pro Einwohner kommen 512 Flüchtlinge, gefolgt von Äthiopien mit 336 und Kenia mit 295 Flüchtlingen. Im Verhältnis zur Bevölkerungszahl liegt allerdings der Libanon an der Spitze: Jeder vierte Einwohner ist dort derzeit ein Flüchtling. Mehrheitlich sind dies Palästinenser, die schon seit 1948 in libanesischen Camps untergebracht sind und Syrer, die seit Ausbruch des Bürgerkriegs 2011 ins Land gekommen sind. Ein trauriger Rekord, seit Somalia vor drei Jahrzehnten 1980 zwei Millionen äthiopische Flüchtlinge aufgenommen hat. Auf 1000 Einwohner kamen seinerzeit 328 Flüchtlinge. Bei den Kontinenten liegt Asien mit 3,5 Millionen Flüchtlingen noch vor dem Mittleren Osten (2,6 Millionen), Europa (1,8 Millionen) und Amerika (800 000). Ferner ist anzumerken, dass 86% aller Flüchtlinge in sogenannte Entwicklungsländer geflohen sind – dies ist der höchste Prozentsatz seit 22 Jahren.“

Auf welcher Grundlage also wird in Deutschland davon geredet, das Land sei „überfordert“?
Auf Grund der „Kassenlage“. Es geht nicht um Barmherzigkeit, es geht um Geld.
Es ist sehr wichtig, dass wir uns das klar vor Augen halten. Weil wir daran sehen können, was unsere eigentlichen Maßstäbe sind.
Man führt uns „Zeltlager“ in den Städten vor, man schreibt, die Kommunen seien „überfordert“, man addiert diverse Missstände – all das mit einem Ziel: Flüchtlinge abzuschieben. Die gegenwärtig geltende europäische Regelung, wonach ein Asylverfahren von dem Land der „Einreise“ in die Europäische Union geregelt werden muss, erschwert die Lage. Denn nicht selten werden Menschen in Not „weitergereicht“, obwohl sie schon begonnen haben, in ihrem Ankunftsort ein wenig einzuwurzeln. Die ARD hat das in einer sehr guten Dokumentation gestern (21.7.2015) ausführlich dargestellt.
Deutschland hat zudem kein modernes Zuwanderungsrecht. Burkhard Jung (Oberbürgermeister von Leipzig) und andere weisen zutreffend darauf hin.

Angesichts der tatsächlichen Verhältnisse ist die Flüchtlings- und Asylpolitik der Europäischen Union ein einziges Desaster. Je reicher ein Land, je mehr wehrt es sich gegen die Aufnahme von Menschen in Not.
Es ist de Angst, man könne durch die Aufnahme von Menschen ein winziges Teilchen seines „Wohlstandes“ verlieren. Was für ein Irrsinn.
Menschen, die glauben, ihr materieller Wohlstand – ihr Haus, ihr Auto, ihr Boot, ihr Vorgärtchen, ihre Lebensversicherung – würden sie „reich“ machen, sind sehr arm.
Weil sie die Angst regiert.
Reich ist, wer teilt.
Deshalb zeigt die Debatte um die Aufnahme von Menschen in Not vor allem eines: wir sind erbärmlich.

Was vom Ja – Sagen.


say yes and the world will dance with you!

Der Satz sprang mich regelrecht an. Wie eine Katze.
Aus einem facebook-posting.
Nicht von den Ja-Sagern rede ich, nicht von den „Abnickern“, die „einfach“ Ja sagen. Ohne eigenes Nach-Denken.
Von denen haben wir zu viele, scheint mir.
Von denen rede ich, die zum Leben „Ja“ sagen.
Zu den Dingen und Erlebnissen, die ihnen das Leben bereithält.

Mir fällt auf, wie sehr wir ins „Nein!“ Sagen verliebt sind.
Ein Blick in die social-media-Netzwerke hilft: überall finden sich Gruppen „gegen“ irgend etwas.
Allenthalben sind Klagen über die Zustände verbreitet.
Pessimismus macht sich breit.
Angst regiert.

Wovor eigentlich?
Dass uns der Strom, der uns trägt, in einen Strudel treiben könnte?
Dass da eine Zukunft auf uns wartet, die nicht „schön“ sein könnte?
Was ist das für eine Angst, die uns da festhält und den Atem nimmt?

Die Seele wird eng.
Entscheidungen verzögern sich.
Mut verlässt uns.
Man beginnt, sich nur noch nach „Mehrheiten“ zu richten: schielt darauf, was wohl der Nachbar dazu sagen könnte….
Es bleibt das „Nein“ zum eigenen Leben.
Nach Tanzen ist uns nicht mehr zu Mute, wenn die Seele eng ist.

Wie anders lebt es sich, wenn man die Dinge annimmt, die der Tag bereit hält.
Auch die unangenehmen.
Auch die scheinbar lästigen.
Auch die mühevollen.
Ich tue, was zu tun ist. Und im nächsten Moment sind die Dinge schon wieder anders, denn die Zeit ist weitergegangen.
Augenblick für Augenblick.
Weil das Leben fließt.
Wie ein Strom.
Da gibt es nichts festzuhalten.

Ja – Sagen im tieferen Sinn wird möglich, wenn ich eigene Pläne lasse.
„Du sollst Dir kein Bildnis machen“ mahnt Max Frisch. Kein „Bildnis“ von der Zukunft oder davon, wie der Mensch neben dir wohl so „ist“.
Manchmal muss ich sie sogar lassen, diese inneren Bilder. Werde regelrecht gezwungen dazu.
Das sind Zeiten der Übung.
Übung im Loslassen.
Zeiten der Krankheit beispielsweise sind solche „Übungszeiten“.
Wenn es anders kommt, als ich mir „vorgestellt“ hatte.
Wenn der Körper woanders lang will, als mein Kopf zu wissen glaubt.
Wenn die Seele andres vorhat, als mir meine Gedanken vorgaukeln wollen.
Übungszeiten, Training im Loslassen: Dann, wenn ich selbst gar nichts mehr tun kann.
Wenn ich nur noch geschehen lassen kann, was da geschehen will.

„Say yes and the world will dance with you“ – sag „ja“ und die Welt wird mit dir tanzen.
Das ist eine Einsicht, die hinter der Not liegt.
Ein Land, das sich erst öffnet, wenn man durch Schweres hindurchgegangen ist.
Eine Gegend, die ihre Musik erst klingen lässt, wenn ich die Angst gelassen habe.
Los gelassen.

Wir können nicht wissen, was uns die nächste Stunde bringt.
Nicht mal, was in den nächsten Minuten geschehen wird.
Wir wissen nur, was jetzt ist.
Und auch dies nur in Bruchstücken.

Deshalb ist soetwas wie „Zukunftsangst“ unmenschlich.
Eigentlich ist diese Angst eine Form der Hybris, des Hoch-Mutes, einer Lebenshaltung, die ihre Wurzeln vergessen hat.
Elisabeth Kübler-Ross und andere haben darauf hingewiesen, wie wichtig das „Ja“ sagen am Ende eines Lebens ist.
Ja-Sagen zu meinem Leben so, wie es ist.

Darum geht es.
„say yes and the world will dance with you“.
Anders gesagt: „Mensch lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel nichts mit dir anzufangen“…..