Kindertransport 1939 (1). Auf den Spuren jüdischer Flüchtlingskinder von Berlin nach London.

Kindertransport 1939 (1). Auf den Spuren jüdischer Flüchtlingskinder von Berlin nach London.

Ich wollte mehr über Susanne Schaefer herausbekommen. Susanne, geboren am 28. Januar 1927 in Berlin, Tochter der Grafikerin Steffie Schaefer-Nathan und des Grafikers Albert Schaefer-Ast. Über ihren Vater, Albert Schaefer, hatte ich schon lange Monate recherchiert und auch geschrieben, das Buch über ihn kam Anfang 2025 auf den Markt.
Aber was war eigentlich genauer mit Steffie, ihrer Mutter und mit Susanne selbst? Und, beinahe so ganz nebenher, aber von zentraler Bedeutung: weshalb beschäftigt mich selbst denn diese Geschichte einer mir eigentlich völlig fremden Jüdin so sehr, dass ich Zeit und Geld investiere, um ihr zu folgen? Was verbindet mich mit ihr? Geht es vielleicht auch um meine eigene Familiengeschichte? Geht es bei der Lebenserzählung von Steffie und Susanne um das „zufällige“ Verweben dieser zu erzählenden Familien-Geschichten? Was haben Steffie (Jahrgang 1895) und Susanne (geboren 1927) eventuell mit meinen Eltern (1926 und 1929) zu tun? Beide Familien hatten rein äußerlich überhaupt gar nichts miteinander zu tun, die Erzählfäden laufen nur in meiner Person zusammen, da treffen sie sich, aber offenbar haben die Familien eben doch miteinander zu tun. Rein äußerlich haben Susanne und meine Eltern als fast gleichaltrige Kinder die Zeit des NS erlebt – auf sehr verschiedene, aber eben doch zusammenhängende Weise. Wir haben „miteinander zu tun“. Die Geschichten hängen irgendwie zusammen, sie begegnen sich – jetzt, 2025, bei dieser Recherche-Reise. Wie sie sich begegnen, weiß ich noch nicht. Ob es wirklich so ist, ist zunächst ebenfalls nur eine Vermutung. Wir werden diese wichtige Frage aber ständig im Blick behalten, wenn wir den Spuren von Steffie und Susanne folgen.

Ich wusste inzwischen, dass die 12-jährige Susanne am 21. Mai 1938 mit einem „Kindertransport“ von Berlin nach London und weiter nach Ayr in Schottland gekommen war. Genau das wollte ich genauer verstehen.
Wie kam ein Kind auf einen „Kindertransport“? Wie erfuhr man überhaupt von der Möglichkeit, Deutschland zu entkommen? Wer entschied, welches Kind nach England durfte und welches nicht? Etwa 10.000 Kinder kamen mit einem „Kindertransport“ nach England, aber Hunderttausende Kinder kamen nicht nach England, sondern – nach Auschwitz. Wie war das also genau mit Susanne, ihren Eltern und Großeltern, den Pflegeeltern in Ayr hoch oben im Norden Schottlands? Wie muss man sich einen solchen „Kindertransport“ vorstellen? Kann man sich einfühlen in die Kinderseele einer Zwölfjährigen, die ihre Eltern verlassen muss und in einer großen Kindergruppe von mehr als 100 anderen Kindern – aber doch allein – in die Fremde muss? Versteht dieses Kind, was vor sich geht? Wie wird es reagieren? Was für seelische Spuren werden in diesem Leben bleiben? Was kann man erfahren über jenes Kind, das da wohl von ihrer Mutter Steffie an den Anhalter Bahnhof in Berlin gebracht wurde, sich dort in einem separaten Raum verabschieden musste (die Nazis hatten den Abschied direkt auf dem Bahnsteig verboten, um Aufsehen zu vermeiden, die Szenen waren schrecklich) – kann man sich dem damaligen Geschehen überhaupt noch annähern?

Nun, es gibt autobiografische Zeitzeugenberichte von Kindern, die mit einem Kindertransport nach England kamen. Auch fand sich kürzlich die Transportliste exakt jenes Transportes vom 21. Mai 1938, in der Susanne Schaefer auf Seite 3 vermerkt ist, ich hatte hier im blog darüber geschrieben. Auch habe ich inzwischen einen „Reisebericht“ von exakt diesem Transport gefunden, den ein mitreisender Junge, der zwei Jahre älter als Susanne war, später aus dem Gedächtnis aufgeschrieben hat. Ich werde darauf zurückkommen.
Ich wollte Genaueres über Susanne wissen, wollte herausfinden, wie es ihr wohl vielleicht ergangen sein mag auf jener Reise, die zu einer endgültigen Trennung von Deutschland führen würde.

Also habe ich eine Reise nach England vorbereitet. Diese Reise sollte exakt auf der Route verlaufen, die der Kindertransport vom 21. Mai 1938 genommen hatte: von Berlin mit dem Zug nach Amsterdam, dann mit dem Zug weiter bis an die Atlantikküste in Hoek van Holland, dort auf die Nacht-Fähre nach England. Nach einer Nacht auf See am frühen Morgen des Folgetages Ankunft in Harwich. Von dort mit dem Zug weiter nach London. Endstation: Liverpool Street Station.
Diese Reise soll nun zunächst in weiteren Blogbeiträgen nachgezeichnet werden, bevor von Begegnungen in London zu berichten ist: der Begegnung mit Peter Lobbenberg (Jahrgang 1939) nämlich und von der Begegnung mit Susannes Söhnen Nick (Jahrgang 1957) und Tim (1960).

Die Reise begann am 29. April 2025 in Berlin. Der Interregio nach Amsterdam verließ den Berliner Hauptbahnhof um 8.06 Uhr (anders als die Kinder damals – ihr morgendlicher Transport begann am Anhalter Bahnhof, von dem heute nur noch Reste zu sehen sind).
Wir gerieten bei dieser Reise ab dem Folgetag in England mitten in die Vorbereitungen für den 80. Jahrestag des Sieges der Alliierten über den Hitler-Faschismus, die Erzähl-Ebenen begannen sich sofort zu kreuzen – das wird uns auf der ganzen Reise weiter begleiten. Diese Recherche-Reise wurde zu einem Geflecht zwischen gegenwärtiger Erinnerungskultur, Kriegsgedenken und genauer Recherche der damaligen Vorgänge.
Wie stehen wir Nachfahren zu denen in Beziehung, die vor uns waren?

Der Auslandskorrespondent von The Guardian, Julian Borger hat in seinem Buch „Suche liebevollen Menschen“, in dem er seiner eigenen „verschwiegenen“ Familiengeschichte nachgeht, den bemerkenswerten Satz gefunden: „Wir haben vielleicht den Wunsch, die Vergangenheit zu vergessen, aber das heißt nicht unbedingt, dass sie uns vergisst.“

Und Greg Iles, Chronist des amerikanischen Südens, schreibt: „Jeder von uns bewegt sich in Netzen, die schon lange vor unserer Geburt gesponnen werden, Netze aus Vererbung und Umgebung, aus Begierde und Konsequenzen, aus Geschichte und Ewigkeit.“
Von diesen „Netzen“ wird nun die Rede sein.