His name is James. James Hansen

Prof. Dr. James Hansen, Klimaforscher. Geboren 1941. Ehemals bei der NASA, Direktor des Goddard Institute for Space Studies. Früher Entwickler und Nutzer von numerischen Klimamodellen. Weltberühmt ist Hansen seit seiner Rede vor dem Energy and Natural Resources Committee des amerikanischen Senates am 23. Juni 1988, in der er eindringlich vor den Gefahren des Klimawandels warnte.
Weltberühmt? Fragen Sie doch mal Ihren Nachbarn, ob er James Hansen kennt!

Hansen ist unbequem. Er sagt, die Modelle und Berechnungen des IPCC seien zu vorsichtig, die Realität sei viel härter, als bislang angenommen. Er sagt, man müsse den Menschen die naturwissenschaftliche Erkenntnis zutrauen und nicht durch Konjunktive verharmlosen. Man solle nicht sagen: „weiter steigende Emissionen „könnten“ den Klimawandel beschleunigen“ sondern man müsse sagen: „sie werden ihn beschleunigen.“

Hansen ist ein Kämpfer. Ronald Reagan hatte ihm dereinst die Forschungsgelder um die Hälfte gekürzt, seine Ergebnisse „passten dem Präsidenten nicht“ – Hansen machte weiter. George Bush kam mit Hansen auch nicht klar – Hansens Forderungen „passten nicht in die Zeit“. Kriege waren wichtiger.

Man hat ihn immer wieder von Seiten „interessierter Kreise“ angegriffen, er sei ein „Panikmacher“ – Hansen ließ sich nicht beirren: „Zahlen lügen nicht“.

Immer wieder zeigte sich: was Hansen vorhergesehen hatte, trat ein:
Vergleicht man seine damaligen Beschreibungen mit den heutigen Beobachtungen, so lässt sich Folgendes festhalten: Hansen prognostizierte, dass sich die globalen Durchschnittstemperaturen in den 1990er Jahren so stark erhöht haben, dass sie sich klar vom natürlichen Rauschen der Messdaten abheben würden. Tatsächlich war im zweiten Sachstandsbericht des IPCC von 1995 erstmals zu lesen, dass es deutliche Hinweise darauf gibt, dass der Mensch das Klima der Erde beeinflusst (…discernable human influence on climate).
Mittlerweile hat Prof. Klaus Hasselmann den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel sogar beweisen können, wofür er 2021 den Nobelpreis für Physik bekam.
Hansen erwartete im Zeitraum von 1980 bis 2010 eine Erwärmung zwischen 0,28 und 0,45 Grad, was etwas unterhalb der beobachteten Erwärmung von 0,48 Grad liegt. Er erwartete, dass sich in Regionen in Nordamerika und Asien ausgeprägte Dürren zeigen würden. In Kalifornien war von 2011 bis 2017 tatsächlich eine auch im Vergleich zur vorangegangenen Dürreperiode extreme Dürre zu beobachten. Außerdem erwartete er einen fortschreitenden Zerfall des westantarktischen Eisschildes. Tatsächlich wurde in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts ein schneller Zerfall des Larsen-Schelfeises und anderer Eismassen beobachtet. Die von ihm ebenfalls erwartete Öffnung der Nordwestpassage trat ebenfalls ein, und zwar erstmals im Jahr 2007. 
2008 veröffentlichte Hansen eine Studie, die besagt, dass der Gehalt von Kohlenstoffdioxid in der Erdatmosphäre einen Wert von 350 parts per million (ppm) nicht dauerhaft überschreiten dürfe, wenn das 2-Grad-Ziel noch erreicht und ein Kippen des globalen Klimasystems mit potentiell irreversiblen Folgen verhindert werden solle. Daher müsse der Wert von damals bereits ca. 385 ppm durch „negative Emissionen“ auf 350 ppm reduziert werden. 
Mit Stand 2024 liegt der Wert bei ca. 420 ppm.

Jahr für Jahr zeigt sich immer klarer: der Klimawandel geht sehr viel schneller vonstatten, als die Wissenschaft bislang angenommen hatte, die Modelle des IPCC waren zu vorsichtig. Die gemessene Realität übertrifft die Prognosen bei Weitem. Hansen lag richtig.

Ich lese die wichtigsten Arbeiten von James Hansen seit dem Ende der achtziger Jahre, seit seiner Rede vor dem amerikanischen Senat.
Für mich ist James Hansen eine moderne Kassandra, ein Seher, der auf Grund seiner Daten und Modelle Erkenntnisse gewinnt, vor denen die Mehrheit der Menschheit die Augen verschließen möchte. Er ist ein ungehörter Rufer.

„Wir werden, wenn wir so weitermachen, zum Ende des Jahrhunderts nicht bei plus 2 Grad, sondern bei plus 4 Grad herauskommen“ sagt er. „Das bedeutet aber den Zusammenbruch der Landwirtschaft, weil die Klimaerwärmung über Land bei plus 6 bis plus 8 Grad liegen wird.“ Klimaforscher wie Mojib Latif vom GEOMAR Forschungszentrum in Kiel bestätigen ihn: „wir landen bei mindestens plus 3 Grad“ sagt auch er.
Prof. Hans-Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) sieht das ebenso und fügt hinzu: „bei plus 3 Grad werden große Teile des Planeten unbewohnbar sein, weil die Temperaturen über Land noch deutlich höher sein werden“.

Man kann das alles nachlesen. Es ist alles seit Jahren bekannt.
Der alte James Hansen kämpft inzwischen gemeinsam mit seiner Enkelin Sophie – denn um die Welt, in der sie wird leben müssen, geht es ihm. Hansen geht es um Generationengerechtigkeit.
Er kämpft inzwischen gemeinsam mit der Generation seiner Enkelin auch vor höchsten Gerichten darum, daß den Kindern Klimagerechtigkeit widerfährt und die jetzt Regierenden ihrer Verantwortung endlich gerecht werden.
»Er war seiner Zeit bemerkenswert voraus und prognostizierte die Erderwärmung, die wir drei Jahrzehnte später tatsächlich so gemessen haben«, sagt der renommierte US-Klimaforscher Michael E. Mann über ihn.

James Hansen ist umstritten. Auch ich teile nicht alle seiner Ansichten. Ich kann verstehen, dass er angesichts der schier aussichtslosen Lage in Bezug auf das Weltklima vor 10 Jahren der beinahe verzweifelten Ansicht war, man könne nicht ohne Atomkraft das Weltklima stabilisieren, teile seine Ansicht allerdings nicht. Denn wir können keine Garantien für 1 Million Jahre abgeben. Diese Garantien müssten wir jedoch abgeben, wenn wir den Atommüll irgendwo „sicher“ lagern wollten. Das bedeutet aber: wenn die Atom-Option ausscheidet – dann ist die Herausforderung, die CO2-Emissionen schnell und umfassend zu senken, noch größer, denn uns bleibt auch der (scheinbare) atomare Ausweg versperrt.

Wie reagiert die Öffentlichkeit auf Hansen?

Man greift ihn an. Man verspottet ihn. Man verhaftet ihn mehrmals.
Man verleiht ihm Preise.
Man sagt, er sei ein „Panikmacher“.
Vor allem aber erwartet man, er solle „endlich den Mund halten“. Aber genau das wird der mittlerweile 84 Jahre alte Mann nicht tun.

Ich schreibe diesen Text im August 2025. Wir erleben weltweit eine Renaissance der fossilen Energieträger. Die USA unter Donald Trump bekämpfen die exakten Klimawissenschaften mit allen dem Staat zur Verfügung stehenden Mitteln, Vernichtung von Datenbanken inklusive. Wir erleben weltweit weiter steigende CO2-Emissionen. Wir sehen eine deutsche Wirtschaftsministerin, die im großen Stil in neue Gaskraftwerke investieren will.
Was wir sehen, ist das glatte Gegenteil von dem was erforderlich wäre, um die Existenz der Menschheit zu schützen. „Drill Baby, drill!“ ist aus den USA zu hören und die rasant schnell auftauenden ehemaligen Permafrostgebiete der Welt geben neue Lagerstätten frei: gewaltige kurzfristige Renditen verlocken Investoren, „schnelles Geld“ zu verdienen. Genau das wird passieren.

Wenn Hansens Zahlen jedoch richtig sind, hier die hässliche Mathematik im Klartext:

  • Wir haben bereits jetzt eine Erwärmung von etwa 1,6 °C und die bereits jetzt sichtbaren Folgen sind gewaltig und verschlingen bereits jetzt Unsummen. Bereits jetzt sprechen die Rückversicherer davon, daß bestimmte Schäden „nicht mehr versicherbar“ sind.
  • Mit der derzeitigen Politik jedoch werden wir bereits in etwas mehr als einem Jahrzehnt die 2-Grad-Marke überschreiten (ca. 2030/35).
  • In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts (ab 2050) werden wir auf 4 °C oder mehr herabblicken – eine Welt, in der Eisschilde kollabieren, die Ozeane um Meter ansteigen, Küstenstädte überflutet werden, die Ernährungssysteme unter Hitze und Dürre zusammenbrechen und Massenmigration keine Krise, sondern die Norm ist.

Man muss bei der Betrachtung dieser Zahlen bedenken: 4 °C sind der globale Durchschnitt. An Land, und vor allem im Inneren von Kontinenten, auch in lebensspendenden bisherigen „Kornkammern“, sind das eher 6–8°C. Ganze Regionen werden buchstäblich unbewohnbar und unbewachsen sein, eine Situationen, wie sie ja sogar das zurückhaltende IPCC in seinen „worst case szenarios“ beschreibt.

Das ist Physik. Mehr Hitze im System verändert alles, Stürme, Regenfälle, Landwirtschaft, Ökosysteme, Wirtschaft, Politik. Und da sich der Planet schneller erwärmt, als die Modelle vorhergesagt haben, wird „später in diesem Jahrhundert“ „noch zu unseren Lebzeiten“ sein.

Man kann das natürlich alles als „Spinnerei eines alten Mannes“ abtun.
Man kann weiter mit Trinkwasser seinen Garten gießen oder die Toilette spülen. Selbstverständlich kann man das.
Man kann weiter in den Urlaub fliegen, sich ein neues Verbrenner-Auto kaufen, weiter die Wohnung mit Öl oder Gas heizen. Man kann weiterhin die Augen verschließen, sich ein frisches Bier aufmachen und den Grill anwerfen. Selbstverständlich kann man das. Die meisten werden das auch so tun.

Aber, was ist eigentlich, wenn James Hansens Zahlen stimmen?