Von Nick und Tim war im letzten Beitrag die Rede. Nun gehen wir ihrer Großmutter nach, „Steffie“, wie sie ihre Zeichnungen beim Berliner Ullstein-Verlag ab 1922 kennzeichnete. Steffie Nathan, verheiratete Schaefer, geschieden im April 1939, wenige Tage vor der Ausreise (22. Mai) ihrer Tochter Susanne mit einem Kindertransport von Berlin nach Ayr in Schottland. Steffie folgte der Tochter im Juli. Das war nur mit dem Visum für eine „Hausangestellte“ möglich. Britische Familien suchten solche Angestellten. Es war der einzige Weg, der Steffie noch blieb. Die Lage der Juden in Deutschland und Österreich war verzweifelt. Es war so gut wie unmöglich geworden, überhaupt ein Visum zu bekommen.
Sie, die als Einzelkind in einer sehr vermögenden Bankiersfamilie in Berlin aufgewachsen war; sie, die im renommierten Ullstein-Verlag, Europas größtem Verlagshaus in jenen Jahren, sogar Titelseiten von „UHU“ und von der führenden Illustrierten „Die Dame“ zeichnete – diese in vornehmen Zirkeln beheimatete Bohéme, die in Berliner Künstlerkreisen verkehrte und selbst ein Kindermädchen und eine Hausangestellte hatte – diese Frau musste nun als „House Wife“ nach London.
Sie hat an vielen verschiedenen Stellen Arbeit gesucht. Ihre Versuche, wieder als Grafikerin zu arbeiten, scheiterten. Die Einreisebestimmungen verboten es ihr, in „regulären Berufen“ zu arbeiten. England befürchtete, daß „die Einwanderer“ „uns Briten die Arbeitsplätze wegnehmen“, das war offiziell in jenen Jahren.
Ich bin ihren Orten in London nachgegangen.
Steffie hat zum Beispiel in „The Goring Hotel“ gearbeitet. „The Goring“ ist ein Fünf-Sterne-Hotel (wie das „Adlon“ in Berlin) und gehört zu den 5 besten Fünf-Sterne-Hotels weltweit, wie eine Tafel aus dem Jahr 2025 stolz verkündet:
Man kann dort heutzutage für 900 britische Pfund pro Nacht übernachten, wenn man will und kann. Meine Frau und ich haben uns das alte Familienhotel – gegründet 1910 von Herrn Goring Senior, der mit einem Kohlehandel in Dresden vermögend geworden war – von innen besehen und „eine Tasse Tee“ für 18 Pfund getrunken, das war uns die Sache wert. In einem Nebenflur kann man die Geschichte des Hauses nachlesen. Ich habe mich immer gefragt, wie Steffie eigentlich ins Goring kam: Nun, ihre Mutter Hedwig kommt aus Dresden und Mister Goring senior ebenfalls. Man kann kann davon ausgehen, daß sich die wohlhabende Kaufmanns-Familie Markiewicz und die wohlhabende Familie Goring kannten. Vielleicht hat Herr Goring ja zur Erweiterung seines Geschäfts sogar mal einen Kredit vom Kaufmann Markiewicz bekommen, wer weiß. Die Spur jedenfalls führt nach Dresden und es ist vorstellbar, daß Mutter Hedwig über ihre „alten Kontakte“ in Dresden nach Arbeitsmöglichkeiten für ihre Tochter in London geforscht hat.
Ich wollte „Witterung aufnehmen“, ich wollte mir vorstellen, wie es Steffie irgendwann zwischen 1939 und 1944 in „The Goring“ ergangen sein mag.
Kann ich mir Ullsteins Vorzeige-Grafikerin im Kreise der Angestellten des „Goring“ vorstellen? Alte Firmen-Aufnahmen, die im Foyer des Hotels ausgestellt sind, müssen helfen:
Wo ist Steffie? Vielleicht versteckt sie sich ja in der freundlichen Bedienung, die uns den Tee bringt und uns von dem langjährigen Kollegen erzählt, der die Geschichte der Firma Goring erforscht hat und dem die alten Firmen-Bilder im Foyer zu verdanken sind?
Es ist sehr angenehm im „Goring“. Man ist sehr freundlich, sehr dezent, man lärmt nicht. Die edlen Teppiche sorgen dafür, daß man im Hause „leise auftritt“. Gegenüber, am offenen Kamin sitzt ein russischer Geschäftsmann in Jeans und Pullover mit seiner Sekretärin und verabredet die Termine des Tages. Dezente Musik, sehr freundliche Bedienung. Freundliche Ratschläge bei der Auswahl der feinsten britischen Tees. Jeder Gast ist hier willkommen. Weshalb sind wir hinein gegangen in dieses sehr besondere Hotel? Ich war innerlich auf der Suche nach Steffie. Hab versucht, mir vorzustellen, wie sie wohl hier gearbeitet haben mag? Als Bedienung der Gäste? Als Zimmermädchen? „Mrs. Schaefer, come here, please….“ Man muss bedenken, als Steffie gezwungen wurde auszuwandern, war sie 43 Jahre alt. 1939 kam sie, ab 1940 herrschte Bombenkrieg in London, die Deutschen fielen über England her. „The Blitz“ begegnet einem heute noch überall in der Stadt an zahlreichen Denkmalen. Die Zerstörungen in der Stadt waren horrend. Man kann nicht davon ausgehen, daß Steffies Heimweg von der Arbeit in ihre Bleibe einfach war. Das Gegenteil dürfte der Fall gewesen sein. Wo war Steffie in jenen Jahren? Wie kann ich mir ihr Leben vorstellen? Was ich weiß: Sie musste zusehen, daß sie nicht verhungerte. Die Bezahlung in ihren Jobs war schlecht.
Wir wissen, daß sie in London Arzthelferin war, dass sie für eine Modefirma gearbeitet hat, dass sie in einer Bibliothek beschäftigt war – immer für knappes Geld. Und sie hat in „The Goring“ gearbeitet. Ich kann mir nun sehr gut vorstellen, daß diese „Tochter aus gutem Hause“ all diese Lebensumstände als erniedrigend empfunden haben muss. Ein Brite würde vielleicht sagen: diese Umstände waren eine Beleidigung. Das aber durfte Steffie auf gar keinen Fall und niemals aussprechen. Sie hatte still zu sein. Sie hatte dankbar zu sein. Denn: immerhin war sie am Leben geblieben. Sie hatte den Mund zu halten darüber, wie es ihr im Inneren wirklich ging. Kein Wunder, daß sie später Kettenraucherin war, an Depressionen litt und Medikamente brauchte.
1944 hat Steffie in 31 Dorset Square gewohnt. Ganz hoch oben „in einem erbärmlichen Zimmer einer heruntergekommenen Pension hoch oben unter dem Dach“, wie Susannes Ehemann in den Siebziger Jahren aufgeschrieben hat. Nick und Tim sind mit ihrer Großmutter mal da gewesen, da hat Steffie den Enkeln diese Bleibe gezeigt. Die Jungs sind nun auch schon über 60. Sie haben keine weiteren Erinnerungen an diesen Besuch, nur, daß das Klo eine halbe Treppe tiefer war. „Es muss sehr primitiv gewesen sein“, sagt Nick.
Wir sind auch zu dieser Adresse gegangen, denn ich wollte mir vorstellen, wie Steffie – vielleicht nach der Arbeit in „The Goring“, das gar nicht sehr weit und nur ein paar Busstationen von Dorset Square entfernt ist – am Feierabend „nach Hause kam“ und völlig erschöpft die fünf Etagen zu ihrem Zimmer hochstieg – die Tochter ohne Nachricht in Schottland ….
Ganz oben unter dem Dach in 31 Dorset Square musste sie wohnen, die Toilette eine Etage tiefer im Flur, wir mir Nick bei unserem Gespräch im St. James Park erzählt hatte. 1944 übrigens, der Krieg war noch nicht zu Ende, kam Steffies Mutter Hedwig aus dem Exil in Shanghai nach London, um nun auch bei ihrer Tochter zu wohnen. Und Tochter Susanne musste aus Schottland fort, denn die Einreisebestimmungen für die Kindertransport-Kinder besagten, dass sie nur bis zum vollenden 17. Lebensjahr versorgt sein würden. Am 18. Januar aber war Susanne 17 geworden. Sie kam im Februar zu ihrer Mutter nach London. Da „wohnten“ sie nun, die drei Frauen. Es war eine elende Zeit, aber, Hedwig, Steffie und Susanne waren immerhin „noch am Leben“. In jenem Februar 1944 begannen die amerikanische Air Force (USAAF) und die Royal Air Force (RAF) mit ihren schweren Luftangriffen auf die Rüstungsindustrie-Zentren in Mitteldeutschland. Der Krieg war für Deutschland längst verloren, aber die Deutschen glaubten noch an ihre „Wunderwaffe“, Deutsche glauben ohnehin gern an Waffen – deshalb dauerte der verlorene Krieg noch länger als ein Jahr.
Peter Lobbenberg, von dem im vorigen Beitrag die Rede war, hatte mich mehrfach ausdrücklich ermutigt, mich mit Nick und Tim zu treffen. Ich war zurückhaltend. Wie komme ich als Deutscher dazu, mich in die Familiengeschichte dieser britischen Familie zu „drängeln“? So empfand ich es anfangs. Aber Peter ließ nicht locker, nein, der Mail-Kontakt sei jetzt hergestellt und nun müsse auch ein persönliches Treffen folgen. „Du weißt mehr als wir“ hatte mir Nick, der älteste Sohn von Susanne Schaefer, gemailt. Auch das noch. Da kommt so ein Deutscher auf den Spuren von Großmutter und Mutter und „weiß mehr als wir“, die Enkel und Söhne.
Wir verabredeten uns per Mail. Beide würden kommen, schrieb mir Nick, und uns am Hotel abholen, dann könnten wir in ein Café oder Restaurant gehen, wo wir in Ruhe sprechen könnten. So kam es dann auch.
Tim war zuerst da im Foyer des Hotels. Da kam ein sehr aufgeräumter, fröhlicher Mensch durch die Tür „Du bist Ulrich aus Deutschland?“ Ja, der war ich und gleich begannen wir zu reden, es war sehr herzlich, völlig unkompliziert. Tim, Jahrgang 1960, könnte mein jüngerer Bruder sein. Er ist Spezialist für die Pflege von Asperger-Kindern. Krankenpfleger. Ein Mann mit einem großen Herzen. „Nick kommt gleich, er hat angerufen, der Zug hat Verspätung“ sagt er. Und ich erfahre so nebenher, daß Bruder Nick zweieinhalb Stunden Bahnfahrt auf sich genommen hat, um uns in London zu treffen! Nick wohnt ziemlich weit außerhalb von London.
Dann kamen sie beide, Nick und seine Frau, hatten uns durchs Fenster schon gesehen und zugewunken. Eine fröhliche Begegnung. „Wir gehen ins Café im St. James-Park“ meinte Nick, „es ist heiß heute, da können wir draußen sitzen und ungestört reden.“ Wunderbar. St. James ist ja gleich um die Ecke, ganz in der Nähe von unserem Hotel.
Da war sofort eine Beziehung möglich: Nick (re), Jahrgang 1957, pensionierter Pastor der Anglikanischen Kirche. Na, wenn das nicht passt? Und Tim, drei Jahre jünger (li), könnte mein jüngerer Bruder sein. Wir hatten sofort einen guten Kontakt zueinander.
Und tatsächlich, ich wusste „mehr“ als die beiden Männer, die uns da gegenüber saßen. Über die äußeren Stationen von Großmutter Steffie, die deutschlandweit bekannte Grafikerin vom Ullstein-Verlag in Berlin und ihre Tochter Susanne, die im Alter von 12 Jahren mit einem Kindertransport von Berlin nach Ayr in Schottland kam und später in London lebte, wusste ich mehr – aber wie haben die Jungs ihre Mutter und Großmutter erlebt? Was wussten sie von den beiden Frauen und ihrer Vergangenheit?
Wir haben lange gesprochen. Sie wollten viel wissen. Ich auch. Wir haben langsam gesprochen, haben nach Worten gesucht, mussten auch mal den Smartphone-Dolmetscher zu Hilfe nehmen. Solche Sachen bespricht man nicht mal so nebenher bei einer Tasse Kaffee im Park, da ist Sorgfalt am Platze, Rücksicht, Vorsicht, Behutsamkeit, genaues Zuhören. Und dann waren da immer wieder diese ganz unerwarteten, sehr anrührenden Momente, in denen das viele Ungesagte und Unerzählte dann eben doch durchschien. „Das Denkmal für die Kindertransportkinder in Berlin-Friedrichstraße ist zweigeteilt, wie Ihr hier auf dem Foto sehen könnt“ hatte ich gesagt. „Die eine Richtung führt nach England in die Freiheit – die anderen Kinder müssen in die andere Richtung mit dem Zug fahren – nach Auschwitz.“ Da waren die Brüder sehr angefasst, waren stark berührt – daß ihre Mutter nur so knapp dem Tod entkommen war, das war ihnen bislang nicht klar.
„Deine Großmutter war doch Jüdin“ sage ich zu Nick. „Deine Mutter also auch – wie kommt es, daß Du anglikanischer Pastor geworden bist?“ „Nun, da gab es nichts zu bedenken“ sagt Nick. „Ich wurde als Kind getauft und bin in der britischen Tradition groß geworden. Vielleicht hatten die Quäker, die Susanne in Ayr in Schottland aufgenommen hatten, einen gewissen Einfluss, daß weiß ich gar nicht. Ich bin ganz selbstverständlich wie die anderen Kinder in unserer Umgebung auch, als anglikanischer Brite aufgewachsen und Tim ebenso.“ „Unsere Mutter hat uns seltsamer Weise nie Deutsch beigebracht und sie hat auch nie von Deutschland erzählt“ sagten sie. Und wir sprachen davon, wie verschieden Flüchtlingskinder mit ihrer Vergangenheit in Deutschland umgegangen waren: einige wollten „von Deutschland nichts mehr wissen“. Steffie und Susanne waren wohl so. Sie verstanden ihre Lebensaufgabe darin, sich möglichst schnell zu assimilieren. Das war mit viel Abspaltung und Verdrängung verbunden, wie man aus heutiger Arbeit mit den letzten noch lebenden Flüchtlingskindern und ihren Nachkommen weiß. Die Historikerin Amy Williams und andere wissen davon zu berichten. Andere, wie Peter, haben sich dem Vergangenen sehr bewusst zugewandt und haben sogar Deutsch studiert. So verschieden kann es sein, sich mit dem Vergangenen auseinanderzusetzen.
„Mutter hat nie über ihre Flucht aus Deutschland gesprochen“. Auch so ein markanter Satz, den ich schon befürchtet hatte. Da war es wieder, dieses traumatische Schweigen in der Familie. Dieses „Schweigen“ übrigens verbindet uns, Nick, Tim und mich. Dieses „Schweigen“ gab es auch in unserer Familie. Das Dritte Reich und die industrielle Vernichtung von mehr als 6 Millionen Menschen, der von den Deutschen entfesselte Krieg mit über 60 Millionen Toten – das ist dermaßen fürchterlich, daß viele Menschen darüber gar nicht sprechen konnten, es wäre zu schmerzhaft für sie gewesen. Aber, was nicht „zur Sprache gebracht“ wird, das rumort besonders stark. Es ist unsere Aufgabe, die Aufgabe der Enkel-Generation, dieses viele Ungesagte zur Sprache zu bringen. Unsere Eltern, die Kriegskinder – deren Aufgabe war es, äußerlich den Schutt wegzuräumen, Straßen, Wege, Dörfer und Städte wieder zu bauen. Unsere Aufgabe, die Aufgabe der Kriegsenkel ist es, an die gewaltigen seelischen Schuttberge heranzugehen, die die „fürchterlichen 12 Jahre“ hinterlassen haben und sie nach und nach aufzuräumen. Da ist noch sehr viel Arbeit zu leisten.
Wir haben über drei Stunden gesessen und geredet. Wir erfuhren, daß sowohl Großmutter Steffie, die eine starke Raucherin war, als auch ihre Tochter Susanne, mit der sie in einer sehr engen Beziehung stand – „die haben täglich miteinander telefoniert! Jeden Tag gegen Abend! Das war ganz selbstverständlich, als wir Kinder waren. Ich war 15, als Steffie starb. Es war eine Katastrophe für unsere Mutter“ – beide Frauen hatten unter schweren Depressionen zu leiden, waren emotional nicht immer ausgeglichen, schnell überfordert. Ein letzter Brief von Steffie an ihre Freundin Jeanne Mammen in Berlin, der mir vorliegt, spricht von diesen Seelenzuständen sehr offen.
Wer sich heute mit Hilfe von Fachliteratur über die seelischen Folgen der Kinder-Flucht nach England informiert, z.B. in Julian Borger „Suche liebevollen Menschen“ oder Rebekka Göpfert, „Der jüdische Kindertransport von Deutschland nach England 1938/39“ – der findet exakt das, was Nick und Tim auch von ihrer Mutter und Großmutter in Erinnerung haben: Schweigen, emotionale Instabilität, Reizbarkeit, Depressivität. Das hat Gründe, die lange nicht gesehen wurden: Kindertransportkinder hatten nicht selten das Gefühl, hinter „den eigentlichen Opfern in den KZs“ zurücktreten zu müssen. Sie seien schließlich gerettet worden, müssten also vor allem dankbar sein – die „eigentlichen Opfer des Holocaust“ seien die vielen Millionen ermordeten Menschen. Eine solche Selbsteinschätzung führte zu großem Leid. Vieles blieb unbetrauert, vieles blieb beschwiegen und hatte umso stärkere seelische Wirkung.
Es war eine sehr bewegende Begegnung zwischen Tim, Nick, seiner Frau, meiner Frau und mir – zwischen gleichaltrigen Deutschen und Briten. Da traf sich die Enkelgeneration. Nachfahren der Deutschen, die in jenen Jahren so großes Unheil über die Welt gebracht hatten und Nachfahren derer, die vor den Deutschen fließen mussten. Wenn ich an dieses sehr besondere Gespräch zurückdenke, geht mir ein Satz besonders nach, den einer der beiden Brüder ziemlich am Ende unseres Gesprächs fand. „Weißt Du“ sagte er, „mein Bruder und ich, wir haben noch nie so wie heute über unsere Mutter und Großmutter gesprochen. Danke, daß Ihr gekommen seid.“
8.06 Gleis 13 Berlin Hauptbahnhof. Der Interregio soll uns nach Amsterdam Centraal bringen (an 13.59). In Gedanken bin ich bei den Kindertransporten von 1939. Was wird man geredet haben beim Abschied auf dem Anhalter Bahnhof? Susanne wird wohl einen Zug später gefahren sein, als wir heute, denn in den Reiseberichten ist davon die Rede, dass man nach Ankunft in Hoek van Holland gleich auf die Nacht-Fähre gegangen sei.
Unser Zug hält zunächst in Spandau. Marie liest im Buch „Ich kam allein“1 den Reisebericht von Jakob J. Petuchowski (geb. 30.7.1925) vom 21.5.1939, jenem Zug, in dem auch Susanne saß, der unsere Reise von Berlin nach Hoek van Holland aus Sicht eines Transport-Kindes erzählt. Wir reisen bequem. Die Waggons für die Kinder waren Dritte Klasse, Holzklasse. Man hatte sie an einen normalen Zug angehängt. Im Zug waren SS-Wachleute, nicht selten schikanierten sie die Kinder.
Nächster Halt: Hannover. Draußen blüht der Raps. Die Windräder und großflächigen Solaranlagen auf den Feldern neben dem Gleis gab es 1939 nicht. Auch waren die Felder sehr viel kleinteiliger, nicht so riesig und ohne Hecken wie heute, insbesondere im früheren „Ostdeutschland“, also bis zur früheren Grenze bei Helmstedt. Unsere Reise findet 35 Jahre nach dem „Fall der Mauer“ statt. Deutschland war 40 Jahre geteilt, eine Folge des Zweiten Weltkrieges, der 1939 im September von Hitler begonnen wurde. Susanne konnte im Mai 1939 gerade noch rechtzeitig nach England entkommen.
Vom Flugzeug aus kann man an der Größe der Felder heute noch die frühere innerdeutsche Grenze sehen: große Felder im Osten, kleinere Felder im Westen.
Susanne wird vielleicht gar nicht aus dem Fenster geschaut, sondern sich mit anderen Kindern unterhalten haben. Vielleicht hat sie in den kleinen Büchern gelesen, die ihr Vater ihr mitgegeben hatte, oder sie war traurig, hat an ihre Eltern gedacht. Ob ihr Vater, der sich am 17. April hatte scheiden lassen, mit am Bahnhof in Berlin war, wissen wir nicht. Ihre Mutter Steffie wird dort gewesen sein.
Wir reisen bequem bei Sonnenschein und blauem Himmel auf reservierten Sitzplätzen in einem Intercity. Susanne reiste mit 117 anderen Kindern und Betreuern in der Holzklasse, angehängt an einem „normalen Zug“. Hinten am Zug, da fuhren die Judenkinder.
Wie war eigentlich das Wetter am 21. Mai 1939 in Berlin? Ich lese bei chronik.net nach:
„Wetter, Berlin am 21. Mai 1939: wolkig mit etwas Regen, Temperatur 9.1°C bis 17.6°C, Luftdruck 1007.80 hpa, Sonnenstunden 8.00 Std., Niederschlag 1.90 l/m².“
Mir fällt beim Blick aus dem Zugfenster ein möglicher Buchtitel ein: „Rapsblüte“.
Marie schickt vom Zug aus ein Selfie und schöne Grüße von uns an ihre älteste Tochter in Hannover, während wir durch den Bahnhof dort fahren. Eine solche Technologie wäre damals eine großartige Möglichkeit gewesen, mit Eltern oder Kindern in Verbindung zu bleiben. Damals aber blieb nur die Post. Es gibt in britischen Museen erhaltene Postkarten, die manche Kinder noch aus dem Zug an ihre Eltern geschickt haben.
Ab 3. September 1939 gab es auch diese geringe Möglichkeit nicht mehr. Es blieb nur noch die Möglichkeit, über das Rote Kreuz Kurzbriefe zu schreiben. 25 Worte. Solche „Rot-Kreuz-Briefe“ sind aus einem eventuellen Schriftwechsel zwischen Albert Schaefer-Ast, der nach der Scheidung in Berlin geblieben war und seiner Frau Steffie oder seiner Tochter Susanne nicht erhalten geblieben. Wenn es sie überhaupt gegeben hat.
Es ist extrem trocken in unseren Reisetagen. Auf einigen Feldern wird bereits jetzt im April beregnet. Nicht nur in Deutschland herrscht Dürre. Es sei schlimmer als 2018, sagt der Wetterdienst. Die Waldbesitzerverbände melden, etwa ein Drittel der Wälder müsse neu aufgeforstet werden.
Mir fällt zum ersten Mal auf: die Zugfahrt von Berlin nach Amsterdam dauert sehr lange. Wenn wir Erwachsenen das schon bemerken – die Kinder damals werden es ganz bestimmt bemerkt haben. Man kennt ja die Kinderfrage: „Wann sind wir denn da?“ Die Betreuerinnen im Zug vom 21. Mai 1939 werden alle Hände voll zu tun gehabt haben, um die Kinder zu beruhigen. Wir wissen durch einen Fund vom Dezember 2024 in Yad Vashem, der der britischen Historikerin Amy Williams gelungen war, dass der Transport vom 21. Mai 1939 von folgenden Personen begleitet wurde:
Norbert Wollheim selbst, jener unermüdliche Helfer, der beinahe alle Kindertransporte organisierte, war mit an Bord. Er hat überlebt und nach dem Krieg einen Prozess gegen die IG-Farben angestrengt und gewonnen. Er hatte auf Entschädigung für die entgangenen Löhne als Häftling in Auschwitz, der für die IG-Farben gearbeitet hatte, geklagt. Der Prozess hatte großes Aufsehen erregt. Norbert Wollheim hat später über seine Arbeit für die Kindertransporte Erinnerungen aufgeschrieben und publiziert. Andere Helferinnen dieses Zuges kamen im KZ um. Adolf Eichmann hatte zur Auflage gemacht, daß die Helfer nach der Übergabe der Kinder in London zurückzukehren hätten, andernfalls wären die Transporte sofort eingestellt worden.
„Frau Davidsohn, wann sind wir denn da?“ werden nicht nur die kleinen Kinder im Zug oft gefragt haben. Wir wissen aus der nun gefundenen Transportliste, daß die jüngsten Kinder 6 Jahre und die zwei ältesten gerade 18 geworden waren. Die meisten Kinder waren im Alter zwischen 12 und 16 Jahren. Es fuhren mehr Mädchen (45) als Jungen (17) aus Berlin in diesem Zug.
Wie kann man sich die Atmosphäre in diesem Kinderzug vorstellen? Laut? Eher still? Hörte man Kinder weinen? Andere Kinder spielten und lachten vielleicht? Die gerade überstandene Aufregung jedenfalls war gewaltig. Norbert Wollheim hat die dramatischen Abschiedsszenen am Bahnhof beschrieben. Das Geschrei, die weinenden oder völlig verstummten Eltern, letzte Blicke, Angst. Mütter, die ihre Kinder nicht hergeben wollten. Die Szenen waren so schrecklich, daß Wollheim sich entschied, einen separaten Raum im Anhalter Bahnhof zu mieten, in dem der Abschied stattfinden konnte. Auch wollten die Nazis nicht, daß diese Abschiede öffentlich auf dem Bahnsteig stattfanden. Wenn sich Kinder und Eltern verabschiedet hatten, wurden die Kinder von den Begleiterinnen in den Zug gebracht. Das Gepäck war durch Gepäckboten extra verladen worden. Manche Eltern, so wird es in Zeitzeugenberichten geschildert, fuhren mit der S-Bahn voraus, damit sie den Kindern in der Station Bahnhof Zoo oder gar in Wannsee nochmals im Zug zuwinken konnten.
All das war da anwesend in den Waggons mit den Kindern. Dieser Zug war vollgepackt mit Emotionen, mit überbordenden Gefühlen von Unsicherheit, Angst, Trauer, Abschiedsschmerz, aber auch Neugier und Reisespannung.
Dann kam die Müdigkeit.
Wir merken schon ab Hannover, daß wir müder werden. Nun, Kinder sind anders, die halten länger durch, aber von Berlin nach Hannover ist schon mal ein gutes Stück Weg gefahren.
Der Zug hielt in Hannover, aber die angehängten Kinderwaggons blieben geschlossen. Niemand stieg ein, niemand stieg aus. Wir können uns die uniformierten Wachen auf dem Bahnsteig lebhaft vorstellen.
Im Zug die Kinder. Manche schliefen, manche spielten, die größeren lasen vielleicht oder schrieben eine Postkarte an die Eltern. Daß überhaupt Postkarten aus dem Zug an die Zurückgebliebenen geschrieben wurden, dürfte eine Anregung der Begleiterinnen gewesen sein, um den Kindern eine ablenkende Aufgabe zu geben.
Nächster Halt: Bünde in Westfalen.
In unser Zugabteil waren in Hannover Kinder zugestiegen und zwei ältere Juden, die englisch sprechen. Sie sind an ihrer Kippa zu erkennen. Vielleicht treffen wir sie auf der Fähre wieder?
Wir sprechen beide darüber, wie es den Kindern im Zug wohl gegangen sein mag? Marie meint, die Kinder werden wohl immer noch aufgeregt gewesen sein.
10.45 Uhr Osnabrück. Der Zug ist nun schon mehr als 2,5 Stunden unterwegs. Und die Kinder wissen immer noch nicht, was ihnen eigentlich bevorsteht.
In Westfalen blüht der Ginster. Wir fahren durch hügeliges Land. In Osnabrück kreuzen sich große Eisenbahnlinien. Unsere Ost-West-Strecke wird von der Nord-Süd-Strecke Hamburg-München gekreuzt.
Es waren auch Kinder aus Hamburg im Transport vom 21. Mai 1939, sie sind aber nicht in Osnabrück zugestiegen, sondern wohl erst direkt auf der Fähre in Hoek van Holland. Im Wirtschaftsbahnhof Osnabrück sind heute viele Auto-Züge mit verladenen AUDIs zu sehen und mir fällt die Unternehmensgeschichte von HORCH und AUDI ein, die 1910 vor Gericht entschieden worden war. Aus HORCH wurde das lateinische „AUDI“, was halt auch „horch!“ heißt. Geschichte begegnet einem überall, auch in Osnabrück auf dem Güterbahnhof.
Nächster stop: Rheine. Grünes Land, wenn ich aus dem Zugfenster schaue, kleine Wirtschaftshöfe.
Die Bauern werden damals vielleicht auch auf ihren Feldern gewesen sein. Ein Zug fuhr vorbei. Irgend so ein Zug, wie täglich viele hier vorbeifahren. Der hier hatte drei Waggons mehr als sonst. Die Bauersleute werden nicht wahrgenommen haben, wer da fuhr. Irgend so ein Zug halt.
„Ich bin in Berlin geboren“ denkt vielleicht die 12-jährige Susanne. „Ich bin Deutsche. Aber die anderen Deutschen wollen mich nicht mehr. Deshalb muss ich jetzt nach England.“ So wird sie vielleicht gedacht haben – es sind meine Gedanken. Jedenfalls hat Susanne schon erlebt, daß sie sich in der Schulklasse von einem Tag auf den anderen von den anderen Kindern trennen und auf die hinterste Schulbank setzen musste. Das Schulministerium hatte die Trennung von den anderen deutschen Kindern angeordnet. Jüdische Kinder durften nun auch nicht mehr mit den anderen die Schulpausen verbringen. Sie wurden „separiert“. Jüdische Kinder wurden schikaniert, angepöbelt, erniedrigt. Das Novemberpogrom war gerade mal ein halbes Jahr her. Judenkinder waren nicht mehr erwünscht in Deutschland.
Susanne wird an ihre Mutter Steffie gedacht haben, die sie an den Bahnhof gebracht hatte. Oder sie hat an Großmutter Hedwig gedacht, die schon bald nach Hongkong ausreisen würde und ganz bestimmt hat sie an ihren Vater gedacht, der ihr seine lustigen Kinderbücher mitgegeben hatte. Vielleicht war es so.
Längerer Halt in Rheine/Westfalen. Wir stehen beinahe 10 Minuten.
Amy Williams, die junge britische Historikerin, die voriges Jahr die Transportlisten in Yad Vashem entdeckt hat, schreibt bei Facebook in „Kindertransport Dialogue“, einer Facebook-Gruppe, der ich mich angeschlossen habe und die weltweit die Nachfahren der „Kinder“ zusammenführt, dass sie „immer noch nicht die Liste vom ersten Transport“ gefunden hätte, ihr läge aber ein britisches Dokument vor, daß der erste Transport „am Donnerstag, 1. Dezember 1938 um 15.59“ die Grenze (Deutschland bis Niederlande) bei Bentheim überschritten hat. Es geht um „8 Erwachsene mit 200 Kindern“. Ich war mit Amy Williams in direkten Mailkontakt getreten, als ich via New York Times von ihrem Fund in Jerusalem erfahren hatte und hatte sie gefragt, ob sie „zufällig“ die Liste vom 21. Mai 1939 gefunden hätte? Ja, die hatte sie und sie hat sie mir schon am nächsten Tag geschickt. Dadurch wissen wir nun, welche Kinder mit im Zug waren. Mit Namen und Anschriften. Ein Junge hieß Jakob J. Petuchowski. Er war 2 Jahre älter als Susanne. Er hat später, da war er schon in den USA, seine Erinnerung an den Transport vom 21. Mai 1939 aufgeschrieben, im nächsten Blogbeitrag werde ich ihn abdrucken.
Wir haben nun einen neuen Zugführer. Der spricht Deutsch, aber mit klar erkennbarem niederländischen Akzent.
Aus Berlin erreicht mich eine Mail vom Reisebüro mit einem link und einem QR-Code vom Hotel, mit dem wir uns morgen selber im Hotel einchecken sollen.
Hotel? Welches Hotel? Die Kinder haben kein Hotel. Man wird sie am Bahnhof abholen, manche werden in eine Art Kinderheim kommen, weil niemand sie abholt, wieder andere werden weiterreisen müssen.
Letzter Halt in Deutschland. Bad Bentheim. 11.45 Uhr.
Hier ist die SS-Begleitung ein letztes Mal durch den Zug gegangen. Manche von denen haben die Kinder nochmal angerüpelt und verspottet, andere haben nochmal die Koffer der Kinder „kontrolliert“. Dann verließen sie den Zug.
Dann kam Holland.
Die Stimmung im Zug änderte sich schlagartig, so ist es von ehemaligen Flüchtlingskindern beschrieben worden. Die Angst löste sich allmählich. Etliche Kinder haben sich noch Jahre später daran erinnern können.
Die Grenze war überschritten. Deutschland lag hinter den Kindern. Susanne wird erst im Sommer 1951 für einen kurzen Aufenthalt nach Berlin zurückkehren, um ihren schwerkranken Vater zu treffen. Im September 1951, kurz nach dem Treffen mit seiner geschiedenen Frau Steffie und mit seiner Tochter Susanne, stirbt Alber Schaefer-Ast, der Professor für Grafik an der Bauhaus-Akademie geworden war, in Weimar. Ein erneuter, schwerer Schlag für Susanne, der seine Spuren in ihrer Seele hinterlassen wird.
Der Zug fährt weiter.
Haengelo. „Herzlich willkommen in den Niederlanden“ tönt es aus dem Lautsprecher.
Wir wissen aus Zeitzeugenberichten, daß die Kinder in Holland versorgt wurden. Es gab etwas zu trinken, es gab Süßigkeiten. Das niederländische „Kinder-Komitee“ kümmerte sich nun und unterstützte die Begleiterinnen im Zug. Vom niederländischen „Kinder-Komitee“ stammen auch jene Listen, die Amy Williams in Jerusalem entdeckt hat.
Ich schaue aus dem Fenster: ein kleiner Kanal am Bahngleis. Flaches, grünes Land, Pferdekoppeln, Gewächshäuser, flache Gebäude, maximal 5 Etagen hohe Wohnhäuser. Die Kastanien blühen.
Haengelo. 12.07 Uhr
Nach 4 Stunden haben wir den ersten Halt in den Niederlanden erreicht. Vermutlich gab es hier schon die erste Versorgung der Kinder. Noch 2 Stunden bis Amsterdam.
Halt in Waterplaats.
Ich schaue nach, wann Hitler Holland überfallen hatte: vom 10. – 28. Mai 1940 war das. Es ging „blitzschnell“. Die Rede von den „Blitzkriegen“ machte in Deutschlands Zeitungen die Runde. Die Deutschen müssen wie im Rausch vorgerückt sein. 18 Tage nur. Dann waren Holland und Belgien überrannt. Wer geglaubt hatte, er sei in Holland in Sicherheit vor den Deutschen, war im Irrtum. Schon ein Jahr nach Susannes Transport war Holland überrannt.
Hinter Waterplaats ein breiter Fluss, der offenbar schon zum großen Fluß- und Kanalsystem von Amsterdam gehört.
Halt in Apeldoorn um 12.58 Uhr.
Noch eine Stunde bis Amsterdam. Unsere Klimaanlage im Waggon ist ausgefallen, die Fenster sind nicht zu öffnen, wir müssen ein wenig Durchzug schaffen und die inneren Waggontüren offenhalten. Aber bald ist Abhilfe geschaffen, die Kühlung funktioniert wieder.
Kühlung? Welche Kühlung? Die Waggons der Kindertransporte kannten keine Kühlung. Bei denen konnte man – wenn das überhaupt erlaubt war – die Fenster herunterlassen. Die Kinder reisten Holzklasse. Da war nichts mit „Kühlung“.
Wir stellen uns vor, daß nun die Unruhe und die Aufregung in den Kinderwaggons wieder zunehmen. Denn es ist nur noch eine Stunde bis Amsterdam.
13.18. Uhr Amesfort Centraal. Hier zweigt eine Spur nach Rotterdam und Den Haag ab. Viele Menschen steigen zu. Englisch mischt sich mit Niederländisch.
Noch etwa 30 Minuten bis Amsterdam.
Nächster Halt: Hilversum.
15.40 Uhr: Leiden
16.14 Uhr an Schidam Centraal.
Wir fahren nun schon durch Marschland, von Kanälen durchzogen – Gärtnereien bauen auf Blumenfeldern Tulpen an. Tulpen aus Amsterdam.
Die „Wolkenkratzer“ in den Haag wirken ein wenig wie die Hochhäuser im Bankenviertel von Frankfurt, sie kommen überraschend in diesem flachen Land.
Delft. Der Bahnhof liegt unterirdisch, ähnlich einem U-Bahnhof.
In Schidam brauchen wir eine U-Bahn-Fahrkarte. Die muss man sich an einem Automaten ziehen, das ist nicht ganz so einfach, weil wir mit unserem Interregio-Bahnticket zunächst die Ausgangsbahnschranken überwinden müssen. Aber wir bekommen schnelle Hilfe von einer jungen Holländerin.
20 Minuten Wartezeit auf die Bahn, die uns zum Hafen bringen soll.
Natürlich sind wir in Gedanken bei den Kindern. Ihr Zug ist vermutlich direkt weitergefahren bis direkt an die Fähre. Sie mussten nicht umsteigen. Sie brauchten auch kein U-Bahn-Ticket, denn die Verhandler, die mit der britischen Regierung die Einreisemodalitäten für die Kinder verhandelt hatten, hatten ein „Pauschalvisum“ erreichen können. Die Kinder hatten eine Pappkarte um den Hals mit einer Nummer drauf. Diese Nummer erschien wieder in den Transportlisten, die von Deutschland aus mit London abgeglichen worden waren und für die man von britischer Seite das „Pauschalvisum“ erteilt hatte. Die Transportkosten mussten privat aufgebracht werden. Jüdische andere private Hilfsorganisationen (wichtig waren die Quäker) hatten mit Zeitungsannoncen und Spendenaufrufen dafür gesorgt.
Die Anfahrt von Berlin bis zum Hafen in Hoek van Holland muss für die Kinder überaus anstrengend und sehr aufregend gewesen sein. Wir merken es ja an unserer eigenen Müdigkeit. Die lange Fahrt von Berlin nach Hoek van Holland ist auch für Kinder strapaziös. In manchen Erinnerungen der Kinder heißt es, dass sie erst am Folgetag, nach dem Besuch des British Museums (!) die erste warme Mahlzeit bekommen hätten. Sie hatten Hunger und sie hatten Durst. Aber die Reise ging immer weiter.
Susanne konnte nicht in London bleiben, sie musste gleich noch weiter nach Norden. Noch am Folgetag musste sie weitere 8 Stunden mit dem Zug nach Schottland. Die Kinder dürften völlig k.o. und am Ende ihrer Kräfte gewesen sein. Dann nahmen sie, wenn sie Glück hatten, Pflegeeltern in Empfang. Die aber sprachen kein Wort Deutsch……Für wen man keine Pflegeeltern gefunden hatte, der kam zunächst in ein Heim.
Uns geht es auf unserer Nach-Reise besser, als es den Kindern gegangen sein dürfte. Wir sind sehr früh am Hafen, erkundigen uns bei Stena Line über den Beginn vom check in und gehen dann zu einem nahegelegenen Restaurant. Stena Line übrigens, das sei hier erwähnt, hat sich an der Finanzierung der Kindertransport-Denkmale als Sponsor beteiligt, denn nicht wenige Kinder kamen mit einer Stena Line-Fähre nach England.
Ab 17.30 Uhr sitzen wir in der Sonne im Hafen von Hoek van Holland an den Lotsenbooten. Von hier aus kann man im Hintergrund schon unsere große Fähre sehen.
Die Bord-Tickets habe ich schon, nun essen wir eine Kleinigkeit, genießen die frische Seeluft. „TorpedoLoods“ nennt sich das Lokal. „Eat, dream and enjoy“. Wir genießen diese Pause nach der sehr langen Zugfahrt. Herrliche Seeluft. Frühsommerlich ist es, kaum Wind. Sieht aus wie Urlaub, fühlt sich an wie Urlaub. Um 10 Uhr geht die Fähre, ab 18.45 Uhr können wir an Bord.
Es gibt ein Denkmal hier ganz in der Nähe im Hafen von Hoek van Holland. Das Denkmal erinnert an die Kindertransporte, die von hier aus Europa verließen und die Kinder nach England brachten. Es ist gar nicht weit entfernt, wir gehen hinunter an den Kai und schauen uns das Denkmal an.
Frank Meisler hat – wie in Berlin Friedrichstraße – auch dieses Denkmal gestaltet. Wir werden seine Figuren bald in London wiedertreffen. London Liverpool Street Station. Hier kamen die meisten „Kinder“ an.
Uns gefällt diese Arbeit. Auch der Standort ist gut. Man kann von hier aus die Mündung des Rheins sehen – hier beginnt die Überfahrt. Man kann auch von hier aus im Hafen die große Fähre sehen – Endpunkt einer langen Bahnfahrt. Vergangenheit und offene Zukunft sind auch in der Skulptur zu sehen. Kinder, die zurückdenken; Kinder die nachdenklich stehen, was die nächste Zeit wohl bringen wird? Kinder, die recht optimistisch schauen. Da ist viel versteckt in den Kindergesichtern.
Frank Meisler weiß, wovon er in seinen Figuren spricht, er war selbst ein „Kindertransport-Kind“ und kam mit dem letzten möglichen Transport im August 1939 noch aus Danzig nach England.
Wir fahren – wie die Kinder im Mai 1939 – mit der „Nachtfähre“. Sie legt um 22 Uhr in Hoek van Holland ab. Unser Schiff ist eine moderne Scandlines Fähre, die Kinder im Jahre 1939 hatten wahrscheinlich nicht mal ein Bett, sondern mussten in einem Raum, vielleicht auf Decken, vielleicht wenigstens die Schuhe aus, unter Deck schlafen. Wenn sie denn überhaupt schlafen konnten.
Wir genießen die Stunden des Sonnenuntergangs hoch oben auf dem Deck. Wir haben eine schöne Außenkabine in der elften Etage mit herrlichem Blick über die See.
Unsere Gedanken sind bei den Kindern. Wie mögen sie wohl das große Schiff, die vielen neuen Eindrücke, die vielen fremden Menschen, Hunger und Durst, die Müdigkeit, die Trauer, die Aufgeregtheit über das viele Neue erlebt haben?
Vielleicht sind sie wenigstens für ein paar Stunden vor Erschöpfung eingeschlafen. Morgen früh, wenn alles gut geht, wird die Fähre an Land anlegen. Die Station heißt Harwich. Harwich liegt in England.
Rebekka Göpfert (Hg). „Ich kam allein. Die Rettung von zehntausend jüdischen Kindern nach England 1938/39“ Aus dem Englischen von Susanne Röckel. dtv 1994, S. 66 ↩︎