Kindertransporte 1939 (5). Peter Lobbenberg

Kindertransporte 1939 (5). Peter Lobbenberg

Wie habe ich den freundlichen Peter Lobbenberg eigentlich kennengelernt? Ich glaube, das war so: mein Büchlein über den Prerower Arzt Dr. Hans Beu war gerade fertig, der, obwohl Mitglied der NSDAP, einen jüdischen Jungen, den man in Prerow unter dem Namen „Seppl“ kannte, geschützt hat. Für Seppl und seine spätere Frau wurde im September 2024 in Stralsund ein Stolperstein verlegt. Bei der Verlegung lernte ich Frau Friederike Fechner von der „Initiative zur Erinnerung an jüdisches Leben in Stralsund“ kennen, die sich sehr engagiert um die jüdische Geschichte der Hansestadt bemüht. Frau Fechner wiederum war Peter Lobbenberg dankbar, weil er ihr bei der Recherche Stralsunder Juden von London aus geholfen hat, ein Umstand, der inzwischen auch öffentlich im Gedenkbuch für die Stralsunder Juden lobend vermerkt ist. Den müsse ich „unbedingt kennenlernen“, hatte sie gemeint.
War es so? Nein, so war es nicht, sondern andersherum:
Ich hatte mich an die AJR (Association of Jewish Refugees) in London gewandt, ob man mir behilflich sein könne, die Liste des Kindertransports vom 22. Mai 1939 nach London zu finden. Der Chefredakteur antwortete mir: das könne er nicht selbst, aber er würde meine Suchanfrage in seiner Zeitschrift, die weltweit vertrieben wird, kostenlos abdrucken. Es dauerte nur ein paar Tage, dann meldete sich ein Peter Lobbenberg per Mail aus London. So war das. Und dann stellte sich im beginnenden Mailwechsel die Verbindung nach Stralsund heraus, richtig, so sind die Zusammenhänge mit Stralsund. Wir waren also via Stralsund schon ziemlich nahe beieinander, ohne uns zu kennen.

Das änderte sich nun. Peter, der vorzüglich Deutsch spricht und schreibt, half mir, Susanne Schaefer in England zu recherchieren. Er fand hoch oben in Scotland ein kleines Museum, das Dokumente von Susanne aufbewahrt, er half mir sogar mit ersten Fotos von Susanne, die im London Museum aufbewahrt werden. Dann konnte er einen Kontakt zu Nick und Tim herstellen. Das sind die beiden Söhne von Susanne Schaefer, Jahrgänge 1957 und 1960, von denen wird in einem späteren Beitrag noch zu sprechen sein.

Kurz: als klar war, daß meine Frau und ich für weitere Recherchen nach London reisen würden, war auch klar, daß wir Peter besuchen würden, er hatte uns ausdrücklich eingeladen.

Nun war es so weit. Wir waren auf der Route, die Susanne 1939 von Berlin via Hoek van Holland, Harwich, Liverpool Street Station gekommen war, ebenfalls angereist und hatten uns für den 1. Mai nachmittags bei Peter verabredet. Peter war so freundlich und holte uns in Golders Green im Norden der riesigen Metropole von der U-Bahn-Station mit dem PKW ab. Es war ein heißer Tag. „Das ist wunderbar, da können wir im Garten sitzen“, hatte er am Telefon gemeint.

Und dann saßen wir bei ihm im Garten und redeten miteinander.

Peter liebt das Private, weshalb ich nur wenig von ihm erzählen will, aber ein paar Hinweise sollen es doch sein. Peter ist Jahrgang 1939, also jenem Jahrgang, als Susanne nach England fliehen konnte und jenem Jahr, in dem der Zweite Weltkrieg begann. Peter stammt eigentlich aus Deutschland, seine Eltern waren gerade vor den Nazis geflohen, Peter kam in England zur Welt. Peter hat sich sein Lebtag um die Geschichte jüdischer Flüchtlinge gekümmert, hat im AJR geholfen und verfügt über excellente Kontakte, die bei weiterer Recherche hilfreich sein können. Er hat mich auch ermutigt, mich mit Nick und Tim zu treffen.

Er hatte für den Nachmittagstee selber Kuchen gebacken und als wir dann draußen unter der Rose saßen, die an seinem Haus zum Dach hinauf klettert, berichtete er uns ausführlich von seiner eigenen Familie. Dann stand er auf und holte eine Bleikiste. Darin Briefe. Briefe, die er nach dem Tode seiner Mutter „zufällig“ in ihrem Nachlass gefunden hatte. „Wie oft hast Du diese Briefe schon in der Hand gehalten?“ fragte ich ihn.
Er lächelte schüchtern. „Viele hundert Male“ sagte er.

Anfänglich interessierten den Briefmarkensammler Peter am Fund in der Bleikiste „nur die Briefmarken“ – bis er einen Brief öffnete und las. Es war ein Brief seiner Großmutter an ihn, Peter Lobbenberg! Der erste Brief ist auf den Tag datiert, als er auf die Welt kam. „Willkommen, lieber Peter, in dieser Welt“ schrieb seine Großmutter. Was für ein Fund! Viele Briefe lagen da in dieser Bleikiste, die er bislang nicht kannte. Seine Mutter hatte sie ihm nie gezeigt – da ist es wieder, dieses „Schweigen in der Familie“, das inzwischen tausendfach bezeugt ist. Nun, nach ihrem Tode, hatte er die Briefe in ihrem Nachlass gefunden und erfuhr, was bislang verschwiegen war, er begann, die Briefe sorgfältig und oft zu lesen, auszuwerten, zu recherchieren. Peters Großmutter ist im KZ umgekommen. Ein letzter Brief kommt von dort. Bei seinem Besuch in Deutschland war er auch in Siegburg. Die Zeitung dort hat seine Geschichte erzählt.
Peter hat es nicht bei der Lektüre und der Recherche belassen, sondern einen befreundeten Musiker gebeten, diese Briefe zu vertonen. Ronald Corp, der in Bath bei London lebte, hat diese Arbeit geleistet. Es gibt eine englische und eine deutsche Fassung dieses Kammermusikstückes, Peter meint, die englische sei „besser“, denn Ronald Corp habe sich mit der „Sprache der Deutschen“ sehr schwer getan.

Das Werk wurde inzwischen mehrfach öffentlich aufgeführt. Peter erzählte uns von der besonderen Aufführung im Jüdischen Museum in Frankfurt/Main am 2.12.2024, zu der er trotz seines Alters persönlich angereist war.

Peter hat, sehr anders als Susanne Schaefer und andere Flüchtlinge, die sich nach ihrer Flucht und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sehr klar von allem „Deutschen“ abgegrenzt hatten, das Gegenteil getan: er wollte verstehen, was es mit „diesen Deutschen“ auf sich hat – er studierte „die Sprache der Mörder“ und Französisch. Peter spricht und schreibt hervorragend deutsch, das hat unser Gespräch sehr erleichtert.
Es wurde ein langer Nachmittag, der Abend kam, wir saßen immer noch und redeten. Der Tag dieser besonderen Begegnung endete erst spät in der Nacht, denn Peter hatte uns zum Abendessen eingeladen und er fuhr uns durch Teile Londons, die ein London-Besucher sonst wohl eher nicht zu sehen bekommt. Wir saßen noch lange in einem seiner Lieblingsrestaurants und das Gespräch miteinander wollte und wollte einfach nicht aufhören. Ich bin nun im engen Kontakt mit Peter Lobbenberg und ich bin sehr dankbar für die Begegnung mit diesem stillen, eher zurückgezogenen, klugen und wachen Menschen, der weltweit mit vielen Menschen verbunden ist, denen die jüngere europäische Vergangenheit nicht gleichgültig ist, weil sie um die in sehr vielen Familien verheerenden Folgen von verschwiegener Schuld und verschwiegenem Leid wissen. Ihm verdanke ich auch den Hinweis auf Julian Borger, den Politikchef von „The Guardian“, mit dem er befreundet ist. Peter kannte den Großvater von Julian, davon ist in dessen spannendem Buch „Suche liebevollen Menschen“, in dem Borger seine eigene – bislang verschwiegene – Familiengeschichte recherchiert, die Rede. Weshalb er sein Leben lang jüdische Schicksale und Verbindungen erforscht, recherchiert und aufgeklärt habe, hatte ich Peter gefragt und er antwortete mit einem Bild, das mir auch sehr vertraut ist. „Das ist, als wenn Dir einer auf der Schulter sitzt und Dir ins Ohr flüstert: „Du musst das herausfinden und aufschreiben!““ hatte Peter gesagt. Genau so ist es und genau deshalb war ich nun auf den Spuren von Susanne und ihrer Mutter Steffie in London. Die ersten Hinweise hatte ich in Prerow bekommen, dann kam die Geschichte mit Albert Schaefer-Ast, dem Vater von Susanne und Ehemann von Steffie. Mittlerweile hat sich daraus eine recht große Geschichte entwickelt, die zu völlig überraschenden Begegnungen geführt hat und immer „größer“ wurde. In den nächsten Beiträgen zur Recherche-Reise nach England wird davon die Rede sein.

1939 – 2025. Auf den Spuren jüdischer Flüchtlingskinder von Deutschland nach England

1939 – 2025. Auf den Spuren jüdischer Flüchtlingskinder von Deutschland nach England

Es ist ein besonderes Jahr, dieses 2025.
80 Jahre Kriegsende. Amerikaner, Briten, Franzosen, Rote Armee hatten dafür gesorgt, dass die Hitlerei endlich ein Ende nahm. Die Deutschen waren dazu selbst nicht in der Lage. Dieses Unvermögen bleibt wohl ewige Schande. In diesem besonderen Jubiläumsjahr sorgt das deutsche Auswärtige Amt dafür, dass Vertreter Russlands nicht zum Gedenken des Kriegsendes eingeladen werden. Grund sei die Sorge des Amtes, russische Vertreter könnten das Gedenken „instrumentalisieren“. Es ist eine sehr verquere Debatte. Denn nun geschieht exakt das: eine Instrumentalisierung des Gedenkens unter Verbiegung historischer Fakten.
Die Enkel der Täter wollen doch tatsächlich den Enkeln der Opfer eine Teilnahme am Gedenken an die Opfer des Krieges untersagen. Glücklicherweise gelingt das nicht, wie man gerade in Seelow beim Gedenken an diese Schlacht und bei zahlreichen weiteren Veranstaltungen in Berlin und anderen Orten sehen kann.
Das alles findet statt auf dem Hintergrund einer bereits beschlossenen massiven Aufrüstung Europas, insbesondere Deutschlands, bei der vorgesehen ist, knapp 1 Billion Euro in Aufrüstung zu investieren. Es handelt sich um die massivste deutsche Aufrüstung seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Was für ein Gedenkjahr!

Wie kann man in diesem verwirrten, von Interessen geleiteten Gedenkjahr angemessen den Ereignissen nach-denken, die da vor 80 Jahren stattgefunden haben?

Wir, meine Frau und ich, haben uns entschieden, in diesem besonderen Jahr auf den Spuren jüdischer Flüchtlingskinder von Berlin nach London zu reisen. Am 21. Mai 1939, kurz vor dem deutschen Überfall auf Polen und dann auf die Sowjetunion, fuhr ein „Kindertransport“ von Berlin über Hoek van Holland und Harwich zunächst nach London, später weiter nach Ayr in Schottland. Diesem Transport werden wir folgen.

Bald schon, am 29. April 2025, also beinahe auf den Tag genau 86 Jahre später, machen wir uns exakt auf der Route auf den Weg, den die Kinder damals genommen haben. Der Zug wird uns von Berlin nach Amsterdam, von dort nach Hoek van Holland bringen. Dort besteigen wir die Nachtfähre, die geplant 22 Uhr ablegen und am nächsten Tag früh morgens im englischen Harwich ankommen soll, so, wie es auch die Flüchtlingskinder erlebt haben. In Harwich steht heutzutage ein Pendant zum Kindertransport-Denkmal, das man vor dem heutigen Bahnhof Berlin-Friedrichstraße findet. Ein weiteres werden wir in London in der Liverpool-Street-Station finden, jenem Bahnhof, an dem die meisten der Transportzüge ankamen.
Der oben abgebildete Ausschnitt aus dem Berliner Denkmal zeigt ein Mädchen, das zu einem vielleicht zwei Jahre älteren Jungen aufblickt. Exakt dies kann sich im Zug vom 21. Mai 1939 zugetragen haben, denn nicht nur die 12-jährige Susanne Schaefer war im Zug, auf deren Spuren wir reisen, sondern auch der 14-jährige Jakob J. Petuchowski (geb. 30.7.1925), der später die Fahrt exakt dieses Zuges vom 21. Mai 1939 im Buch „Ich kam allein. Die Rettung von zehntausend jüdischen Kindern“, herausgegeben von Rebekka Göpfert (dtv. 1994) ausführlich beschrieben hat. Ich habe seinen Namen auf der Transport-Liste vom 21. 5. 39 gefunden, die Dr. Williams im Dezember 2024 in Yad Vashem sehr überraschend entdeckt hat, denn diese Listen galten bislang unter Historikern als verschollen. Ich hatte ein paar Beiträge weiter vorn davon geschrieben.

Wir begeben uns auf Spurensuche in diesem besonderen Jahr des Gedenkens.
Geplant ist unter anderem ein Treffen mit dem ältesten Sohn eines der Flüchtlingskinder, die damals in jenem Zug vom 21. Mai 1939 gesessen haben, Susanne Schaefer, Tochter der Zeichnerin Steffie Schaefer-Ast, geborene Nathan, die während der Weimarer Republik bekannte und anerkannte Zeichnerin unter anderem für „Die Dame“, den „Uhu“ und den „Querschnitt“ war, die vom größten Verlagshaus Europas, dem Ullstein-Verlag herausgegeben wurden.
Susannes Sohn und ich sind ein und derselbe Geburtsjahrgang. Eine britisch-deutsche Begegnung
80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges steht uns bevor. Eine Begegnung der Enkel-Generationen. Die Generation unserer Großeltern hat erbitterten Krieg gegeneinander geführt, gegen die jüdische Bevölkerung war es gar ein Vernichtungskrieg, der im industriellen Maßstab geführt wurde; die Deutschen waren diejenigen, die die anderen überfallen hatten, der deutsche Luftkrieg auf London war verheerend.
Auf der anderen Seite des Tisches wird der Sohn eines Flüchtlingskindes sitzen, das damals – gleichsam im letzten noch möglichen Moment – Deutschland verlassen konnte und in Schottland Hilfe und Unterkunft fand.
Werden wir im Gespräch zueinander finden?
Es ist eine offene Frage kurz vor Beginn der Reise.

Wir werden von unseren Eindrücken hier im blog berichten.