KZ-Außenlager Born a. Darss – Und sie schweigen immer noch


Da
KZ-Häftlinge aus dem „Borner Hof“ sind ganz in der Ecke des Friedhofs von Born a. Darss bestattet. Die Geschichte vom „Borner Hof“ wird bis heute beschwiegen.

„Da hinten ganz in der Ecke“ sei „das Russengrab“ sagt mir der Mann auf dem Friedhof in Born. Was es mit diesem angeblichen „Russengrab“ auf sich hat, hab ich mittlerweile herausgefunden:
Wenn man nach Born auf dem Darss fährt, findet man mitten im Ort den „Borner Hof“, eine ehemalige Gaststätte. Vom FDGB kann man etwas lesen, auch davon, dass das Haus einst dem Kapitän Witt gehört hat, weshalb es auch „Witt’s Hotel“ hieß. Dass im „Borner Hof“ im Jahre 1943 etwa 120 Häftlinge – allesamt Zeugen Jehovas – in einer KZ-Außenstelle untergebracht und von etwa 20 SS-Leuten bewacht wurden, davon steht nichts geschrieben. Die Häftlinge wurden eingesetzt, um „Rohr zu schneiden“ – ohne Schutzkleidung im eiskalten Boddenwasser…..
Erst mühsame Recherche fördert nun zu Tage, was eigentlich auf eine öffentliche Erinnerungstafel gehört. http://www.dok-barth.de/vvn/veroeff/oz_30_06_2007.pdf

Borner Hof „Wie es früher war“. Das KZ-Außenlager wird immer noch verschwiegen. Wir schreiben das Jahr 2019. Das Gedicht dazu „…unter seinem Dache wohnt sich’s angenehm“ ist angesichts der Umstände blanker Zynismus.

 

Borner Hof im September 2019. Heute Treffpunkt der Senioren, Dorfgemeinschaftshaus und Dorfbibliothek

Was also können wir wissen? Ende 1943 treffen 120 Häftlinge in Born ein.
In der etwa einen Kilometer vom «Borner Hof» entfernt liegenden Meilerei mussten die Häftlinge Holz zur Betriebsstoffbeschaffung «verkohlen». Die Meilerei bestand aus sechs Meilern (Metall-Brennöfen). Als einen weiteren Nebenbetrieb kaufte die SS 1943 Teile eines privaten Bauernhofes vom staatlichen Forstamt an und richtete dort eine Hartholzbearbeitung in den Wirtschaftsgebäuden ein. Im Winter wurde zusätzlich am Saaler Bodden Reet geschnitten, das aber nur noch direkt vor Ort für Reetdächer gebraucht wurde. Verantwortlich für den Arbeitseinsatz war Forstmeister Franz Müller.
Drei sowjetischen Häftlingen gelang in der Nacht zum 12. Oktober 1944 die Flucht, worauf die Kriminalpolizeistelle Schwerin eine Fahndung veranlasste.
Es gibt Hinweise, dass fünf Männer im Oktober 1944 bei einem Fluchtversuch erschossen und am Rande des Borner Friedhofes begraben wurden.

Unterbringung
Gaststätte Borner Hof
(„Witt’s Gasthaus“ (später auch „Borner Hof“) wurde um 1885 erbaut und entwickelte sich schon zehn Jahre später zum ersten Hotel am Platze. War Prinz Eitel Friedrich als Jagdgast auf dem Darß, wurde er von hier mit Rauchware und Getränken beliefert.)
Das Lager wurde von ca. 20 SS-Männern bewacht, die im zweiten Stock der Gaststätte untergebracht wurden. Dort wurde auch das Dienstzimmer des Kommandoführers Wilhelm P. eingerichtet. Die Häftlinge brachte man im großen Saal unter. Dort existierten dreistöckige Betten. Zum gleichen Zeitpunkt befanden sich vermutlich polnische Zwangsarbeiter im «Borner Hof». (http://www.tenhumbergreinhard.de/1933-1945-lager-1/1933-1945-lager-d/dar-born-gaststaette-borner-hof.html)
Ich hatte schon Hinweise auf das Außenlager bei Wolfgang Benz gefunden https://www.perlentaucher.de/buch/wolfgang-benz-barbara-distel/der-ort-des-terrors-geschichte-der-nationalsozialistischen-konzentrationslager-neun-baende-2009.html

„Zuständig“ und verantwortlich für das Lager in Born war Forstmeister Franz Mueller-Darß, der „Beauftragte für das Diensthundewesen“ beim „Reichsführer SS Heinrich Himmler„. Er bildete die Wachhunde für die Konzentrationslager aus…..Mueller-Darß bekleidete 1944 zum Schluss seiner SS-Karriere den Rang eines SS-Oberführers, konnte sich verstecken und fliehen, arbeitete nach dem Krieg für den Bundesnachrichtendienst und starb „friedlich“ 1976 im oberbayrischen Lenggries. Eine juristische Aufarbeitung weder der Außenlager auf dem Darss noch der Verantwortlichkeit von Mueller-Darss hat nie stattgefunden.
Man schweigt bis heute. (https://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Mueller-Dar%C3%9F)

Cornelia Schmalz-Jacobsen notiert in ihre Erinnerungsbuch „Russensommer“ über den Mai 1945: „Was ist eigentlich aus Mueller-Darß geworden?“ fragte ich Friedel, „hat der sich eigentlich auch umgebracht?“ ….doch Friedel wusste es nicht. Von Mueller-Darß hatte er lange nichts gehört, und so sagte er nur: „Umgebracht? Nein, das glaube ich nicht.“…..Tatsächlich hatte sich Mueller-Darß nicht umgebracht, sondern nur gut versteckt. Er kannte den dichten Wald und auch einen gut mit Proviant gefüllten Bunker darin. Dort verpasste er den Einmarsch der Russen. Zwar durchkämmte die Rote Armee die Wälder gründlich mit Suchkommandos, doch der SS-Standartenführer und Hundeabrichter Mueller-Darß ging ihnen dabei durch die Lappen – sie fanden ihn nicht. Mueller-Darß hatte großes Glück, denn es gelang ihm, in einem Boot über den Bodden in Richtung Hamburg zu entwischen. Wie es heißt, geriet er dort kurze Zeit in britische Gefangenschaft, durfte dann aber nicht mehr zurück in die Forstverwaltung und den öffentlichen Dienst. So kam er schließlich – wen wundert es heute noch – beim Bundesnachrichtendienst unter und starb erst 1976 im Alter von sechsundachtzig Jahren in Oberbayern. Er starb friedlich – seine Rolle im KZ-Außenlager Darß oder als Himmlers Beauftragter für das Diensthundewesen, Diensthunden, die in Konzentrationslagern gezielt Menschen angriffen, ist nie aufgearbeitet worden.“
(Cornelia Schmalz-Jacobsen, Russensommer,  S. 105 f.).

Was neben der fehlenden juristischen Aufarbeitung in meinen Augen beinahe noch schwerer wiegt: man beschweigt diese Tatsachen auf dem Darss bis heute. Es könnte ja dem Tourismus schaden. Mich ärgert das. Deshalb mache ich die Funde nun nach und nach öffentlich.
Wenn man sich die Chroniken der Orte auf dem Darss (Prerow, Wieck, Born) auf den Internetseiten der entsprechenden Kommunen besieht: die Jahre zwischen 1933 bis 1945 haben da nicht stattgefunden. Hitler und den Nationalsozialismus hat es hier offiziell nie gegeben. Dass Prerow sich schon 1929 rühmte, „judenfrei“ zu sein, wird verschwiegen. Es wird Zeit, dass da „Luft dran kommt“.
Deshalb werde ich meine Recherche-Ergebnisse über jene Zeit im pommerschen Landkreis Franzburg-Barth hier nach und nach veröffentlichen.