Peter Lobbenberg, von dem im vorigen Beitrag die Rede war, hatte mich mehrfach ausdrücklich ermutigt, mich mit Nick und Tim zu treffen. Ich war zurückhaltend. Wie komme ich als Deutscher dazu, mich in die Familiengeschichte dieser britischen Familie zu „drängeln“? So empfand ich es anfangs. Aber Peter ließ nicht locker, nein, der Mail-Kontakt sei jetzt hergestellt und nun müsse auch ein persönliches Treffen folgen.
„Du weißt mehr als wir“ hatte mir Nick, der älteste Sohn von Susanne Schaefer, gemailt. Auch das noch. Da kommt so ein Deutscher auf den Spuren von Großmutter und Mutter und „weiß mehr als wir“, die Enkel und Söhne.
Wir verabredeten uns per Mail. Beide würden kommen, schrieb mir Nick, und uns am Hotel abholen, dann könnten wir in ein Café oder Restaurant gehen, wo wir in Ruhe sprechen könnten. So kam es dann auch.
Tim war zuerst da im Foyer des Hotels. Da kam ein sehr aufgeräumter, fröhlicher Mensch durch die Tür „Du bist Ulrich aus Deutschland?“ Ja, der war ich und gleich begannen wir zu reden, es war sehr herzlich, völlig unkompliziert. Tim, Jahrgang 1960, könnte mein jüngerer Bruder sein. Er ist Spezialist für die Pflege von Asperger-Kindern. Krankenpfleger. Ein Mann mit einem großen Herzen. „Nick kommt gleich, er hat angerufen, der Zug hat Verspätung“ sagt er. Und ich erfahre so nebenher, daß Bruder Nick zweieinhalb Stunden Bahnfahrt auf sich genommen hat, um uns in London zu treffen! Nick wohnt ziemlich weit außerhalb von London.
Dann kamen sie beide, Nick und seine Frau, hatten uns durchs Fenster schon gesehen und zugewunken. Eine fröhliche Begegnung. „Wir gehen ins Café im St. James-Park“ meinte Nick, „es ist heiß heute, da können wir draußen sitzen und ungestört reden.“ Wunderbar. St. James ist ja gleich um die Ecke, ganz in der Nähe von unserem Hotel.

Da war sofort eine Beziehung möglich: Nick (re), Jahrgang 1957, pensionierter Pastor der Anglikanischen Kirche. Na, wenn das nicht passt? Und Tim, drei Jahre jünger (li), könnte mein jüngerer Bruder sein. Wir hatten sofort einen guten Kontakt zueinander.
Und tatsächlich, ich wusste „mehr“ als die beiden Männer, die uns da gegenüber saßen. Über die äußeren Stationen von Großmutter Steffie, die deutschlandweit bekannte Grafikerin vom Ullstein-Verlag in Berlin und ihre Tochter Susanne, die im Alter von 12 Jahren mit einem Kindertransport von Berlin nach Ayr in Schottland kam und später in London lebte, wusste ich mehr – aber wie haben die Jungs ihre Mutter und Großmutter erlebt? Was wussten sie von den beiden Frauen und ihrer Vergangenheit?
Wir haben lange gesprochen. Sie wollten viel wissen. Ich auch. Wir haben langsam gesprochen, haben nach Worten gesucht, mussten auch mal den Smartphone-Dolmetscher zu Hilfe nehmen. Solche Sachen bespricht man nicht mal so nebenher bei einer Tasse Kaffee im Park, da ist Sorgfalt am Platze, Rücksicht, Vorsicht, Behutsamkeit, genaues Zuhören.
Und dann waren da immer wieder diese ganz unerwarteten, sehr anrührenden Momente, in denen das viele Ungesagte und Unerzählte dann eben doch durchschien.
„Das Denkmal für die Kindertransportkinder in Berlin-Friedrichstraße ist zweigeteilt, wie Ihr hier auf dem Foto sehen könnt“ hatte ich gesagt.
„Die eine Richtung führt nach England in die Freiheit – die anderen Kinder müssen in die andere Richtung mit dem Zug fahren – nach Auschwitz.“ Da waren die Brüder sehr angefasst, waren stark berührt – daß ihre Mutter nur so knapp dem Tod entkommen war, das war ihnen bislang nicht klar.
„Deine Großmutter war doch Jüdin“ sage ich zu Nick. „Deine Mutter also auch – wie kommt es, daß Du anglikanischer Pastor geworden bist?“ „Nun, da gab es nichts zu bedenken“ sagt Nick. „Ich wurde als Kind getauft und bin in der britischen Tradition groß geworden. Vielleicht hatten die Quäker, die Susanne in Ayr in Schottland aufgenommen hatten, einen gewissen Einfluss, daß weiß ich gar nicht. Ich bin ganz selbstverständlich wie die anderen Kinder in unserer Umgebung auch, als anglikanischer Brite aufgewachsen und Tim ebenso.“
„Unsere Mutter hat uns seltsamer Weise nie Deutsch beigebracht und sie hat auch nie von Deutschland erzählt“ sagten sie. Und wir sprachen davon, wie verschieden Flüchtlingskinder mit ihrer Vergangenheit in Deutschland umgegangen waren: einige wollten „von Deutschland nichts mehr wissen“. Steffie und Susanne waren wohl so. Sie verstanden ihre Lebensaufgabe darin, sich möglichst schnell zu assimilieren. Das war mit viel Abspaltung und Verdrängung verbunden, wie man aus heutiger Arbeit mit den letzten noch lebenden Flüchtlingskindern und ihren Nachkommen weiß. Die Historikerin Amy Williams und andere wissen davon zu berichten.
Andere, wie Peter, haben sich dem Vergangenen sehr bewusst zugewandt und haben sogar Deutsch studiert. So verschieden kann es sein, sich mit dem Vergangenen auseinanderzusetzen.
„Mutter hat nie über ihre Flucht aus Deutschland gesprochen“. Auch so ein markanter Satz, den ich schon befürchtet hatte. Da war es wieder, dieses traumatische Schweigen in der Familie. Dieses „Schweigen“ übrigens verbindet uns, Nick, Tim und mich. Dieses „Schweigen“ gab es auch in unserer Familie. Das Dritte Reich und die industrielle Vernichtung von mehr als 6 Millionen Menschen, der von den Deutschen entfesselte Krieg mit über 60 Millionen Toten – das ist dermaßen fürchterlich, daß viele Menschen darüber gar nicht sprechen konnten, es wäre zu schmerzhaft für sie gewesen. Aber, was nicht „zur Sprache gebracht“ wird, das rumort besonders stark.
Es ist unsere Aufgabe, die Aufgabe der Enkel-Generation, dieses viele Ungesagte zur Sprache zu bringen. Unsere Eltern, die Kriegskinder – deren Aufgabe war es, äußerlich den Schutt wegzuräumen, Straßen, Wege, Dörfer und Städte wieder zu bauen. Unsere Aufgabe, die Aufgabe der Kriegsenkel ist es, an die gewaltigen seelischen Schuttberge heranzugehen, die die „fürchterlichen 12 Jahre“ hinterlassen haben und sie nach und nach aufzuräumen. Da ist noch sehr viel Arbeit zu leisten.
Wir haben über drei Stunden gesessen und geredet. Wir erfuhren, daß sowohl Großmutter Steffie, die eine starke Raucherin war, als auch ihre Tochter Susanne, mit der sie in einer sehr engen Beziehung stand – „die haben täglich miteinander telefoniert! Jeden Tag gegen Abend! Das war ganz selbstverständlich, als wir Kinder waren. Ich war 15, als Steffie starb. Es war eine Katastrophe für unsere Mutter“ – beide Frauen hatten unter schweren Depressionen zu leiden, waren emotional nicht immer ausgeglichen, schnell überfordert. Ein letzter Brief von Steffie an ihre Freundin Jeanne Mammen in Berlin, der mir vorliegt, spricht von diesen Seelenzuständen sehr offen.
Wer sich heute mit Hilfe von Fachliteratur über die seelischen Folgen der Kinder-Flucht nach England informiert, z.B. in Julian Borger „Suche liebevollen Menschen“ oder Rebekka Göpfert, „Der jüdische Kindertransport von Deutschland nach England 1938/39“ – der findet exakt das, was Nick und Tim auch von ihrer Mutter und Großmutter in Erinnerung haben: Schweigen, emotionale Instabilität, Reizbarkeit, Depressivität.
Das hat Gründe, die lange nicht gesehen wurden: Kindertransportkinder hatten nicht selten das Gefühl, hinter „den eigentlichen Opfern in den KZs“ zurücktreten zu müssen. Sie seien schließlich gerettet worden, müssten also vor allem dankbar sein – die „eigentlichen Opfer des Holocaust“ seien die vielen Millionen ermordeten Menschen. Eine solche Selbsteinschätzung führte zu großem Leid. Vieles blieb unbetrauert, vieles blieb beschwiegen und hatte umso stärkere seelische Wirkung.
Es war eine sehr bewegende Begegnung zwischen Tim, Nick, seiner Frau, meiner Frau und mir – zwischen gleichaltrigen Deutschen und Briten.
Da traf sich die Enkelgeneration. Nachfahren der Deutschen, die in jenen Jahren so großes Unheil über die Welt gebracht hatten und Nachfahren derer, die vor den Deutschen fließen mussten. Wenn ich an dieses sehr besondere Gespräch zurückdenke, geht mir ein Satz besonders nach, den einer der beiden Brüder ziemlich am Ende unseres Gesprächs fand.
„Weißt Du“ sagte er, „mein Bruder und ich, wir haben noch nie so wie heute über unsere Mutter und Großmutter gesprochen. Danke, daß Ihr gekommen seid.“

