Sepp’ls Stolperstein in Stralsund

Sepp’ls Stolperstein in Stralsund

„Seppl“ nannten in die Leute von Prerow, die bei Dr. Hans Beu am Kindersanatorium vorbei kamen, heute kennt man das Haus als „Seestern“. Richtig hieß er Josef Panski. 1911 als einziger Sohn jüdischer Eltern in Lodz geboren, kam er als Kind wegen einer „schwachen Lunge“ zu Dr. Hans Beu nach Prerow. Und der hielt Zeit seines Lebens seine schützende Hand über den Jungen, so gut er konnte.

Heute hat Seppl seinen Stolperstein bekommen, damit man sich an ihn erinnern kann; Josef und seine Frau Gertrud, geborene Kossak.

Sie wohnten in der Wasserstraße 80 in Stralsund.

Seppls Enkelin, Dr. Sabine Dievenkorn war anwesend mit ihrem Mann Shaoul aus Israel, wir hatten uns über das Internet kennengelernt, als Sabine meine Recherchen zu Dr. Hans Beu las, die ja hier im blog nachzulesen sind. Wir sind befreundet seither. Sie hatte ihre Tochter mitgebracht, die war extra zur Stolpersteinverlegung ihres Urgroßvaters aus Israel gekommen. Die Stadt Stralsund war prominent vertreten, das sei ausdrücklich lobend erwähnt und eine Klasse vom Hansa-Gymnasium in Stralsund war ebenfalls dabei. Man hatte sich – ihrem Geschichtslehrer sei’s gedankt, intensiv mit der Geschichte der Juden in Stralsund beschäftigt. Und Paula Westphal aus der 12. Klasse hatte sich besonders mit Josef Panski beschäftigt. Ihren Redebeitrag habe ich hier eingefügt.

Auf diesem Bild zeigen sie drei Fotos mit Bildern von Josef Panski und seiner Frau:

Josef Panski, der „Seppl“ von Prerow, der wie ein Pflegekind bei Dr. Hans Beu aufgewachsen war, bei dem Dr. Beu Taufpate und auch Trauzeuge war, wie die Kirchenbücher belegen – Josef wurde staatenlos unter den Nazis, seine Frau wusste, daß sie ebenfalls staatenlos werden würde, wenn sie als „Arische Frau“ den Judenjungen Josef heiraten würde. Sie tat es dennoch.

Josef ging, wohl auch, um seine Einbürgerung zu erleichtern und sich der Verfolgung zu entziehen (Dr. Beu (der übrigens seit 1933 NSDAP-Mitglied war!) war es bis dahin gelungen, die wahre Identität von Seppl so zu verschleiern, dass die Nazis ihn nicht finden konnten) – Josef ging freiwillig in Hitlers Armee. Er fiel als Kraftfahrer in Hitlers Armee im Jahre 1944. Sabines Großmutter überlebte mit ihrer Tochter, Sabines Mutter; man kam nach dem Krieg nach Wieck. Dort haben wir uns heute wieder gesehen und sind nach Stralsund gefahren, um an Josef zu denken.

Man nannte ihn „Seppl“.

Die Ostsee-Zeitung und auch Stralsund-TV werden über die Stolpersteinverlegung von heute (es wurden insgesamt 9 Steine verlegt!) am kommenden Freitag, 13.9.2024 berichten. Wenn es sich technisch machen lässt, werde ich den Beitrag dann hier einfügen. Mein Buch zu Dr. Hans Beu ist in Vorbereitung, das Manuskript ist beinahe abgeschlossen.

Bericht von Stralsund TV über die Stolpersteinverlegung vom 5.9.24 (3. Beitrag in der Sendung).

Dr. Hans Beu – Prerow.

Dr. Hans Beu – Prerow.

Zwei Jahre Pause bei den Recherchen. Corona kam dazwischen. Nun aber soll es weiter gehen. Etliches Material habe ich bereits zusammengetragen, Fotos, Dokumente, habe neue Gesprächspartner gefunden. So ganz allmählich zeichnet sich ab, was da werden könnte.
1. Eine Kindheit in Ribnitz (22. Januar 1865*)

2. ein Medizin-Studium in Rostock

3. Promotion in Leipzig (1890) und Assistenzarzt im Bürgerhospital Stuttgart

4. Praktischer Arzt in Gnoien (1891)

5. Hochzeit in Rostock (8.4.1892) mit Anna Maria Welge, die aber schon 1896 starb und drei Töchter hinterließ.

6. Praktischer Arzt in Dargun (1892)

7. 1897 ist Beu Einwohner von Prerow

9. zweite Hochzeit 1903 in Prerow mit einer Tochter der Kapitänsfamilie Schall aus Born.

10. Eröffnung des Kindersanatoriums in Prerow (1905)

11. Erster Weltkrieg und die Arbeit als Kinderarzt

12. Weimarer Republik in Prerow

13. Prerow unter den Nazis (1933 – 45)

14. Kriegsende 1945

11. Tod in Prerow (7. August 1947 im Alter von 82 Jahren).

So in etwa könnten die Recherche-Stationen liegen. Nun will ich sehen, wie ich diese einzelnen Abschnitte mit Dokumenten, Fotos, Aufzeichnungen, Erinnerungen anfüllen kann. Die Leitfrage wird sein: wer war dieser Kinderarzt, der während der Nazizeit in seinem Kinderheim mindestens ein jüdisches Kind versteckt hat ? Was hat ihn geprägt? Welche Überzeugung hat ihn ausgezeichnet? Wir werden auch auf die politischen Ereignisse eingehen müssen, denn die waren (von 1870 über die Kaiserzeit, Ersten Weltkrieg, Depression, Weimarer Republik, Naziherrschaft, Deutsche Teilung) allesamt tief einschneidend und Dr. Beu musste sich dazu verhalten. Gleich „nebenan“ in Born residierte ab 1924 der spätere SS-Generalmajor Franz Mueller-Darss – und wiederum gleich „nebenan“, in Zingst, arbeitete 1934 Dietrich Bonhoeffer. Größte politische Spannungen auf engstem Raum zwischen den Dörfern des Darss. Das ist das Spannungsfeld, in dem Dr. Hans Beu sein Kindersanatorium betrieben hat und ich will möglichst genau wissen, wie das ging, ohne sich den Nazis anzudienen. Denn darauf gibt es beim jetzigen Stand der Recherchen schon Hinweise: Beu hat sein privates Sanatorium nicht dem nationalsozialistischen Verband der Privatkliniken und Sanatorien angliedern lassen.
(das Titelbild zeigt Dr. Hans Beu bei seiner Silberhochzeit mit seiner zweiten Frau Louise, geb. Schall. Das Foto stammt aus dem Privatarchiv U.Herrmann, Bremen).