Im Dezember 2024 hatte die britische Historikerin Dr. Amy Williams in Yad Vashem/Jerusalem „fast alle“ Transportlisten der „Kindertransporte“ aus den Jahren 1938/1939 gefunden – für Kenner der Materie eine Sensation, denn diese Listen galten bislang als verschollen. Ich erfuhr von diesem Fund Ende März 2025 durch einen Artikel in der New York Times, setzte mich sofort mit Dr. Williams in Verbindung und erhielt von ihr schon am Folgetag dankenswerter Weise die Liste in Kopie, die mich besonders interessiert: die Liste vom 13e Transport am 21/22. Mai 1939 von Berlin über Hoek van Holland nach London. Mit diesem Transport kam nämlich die einzige Tochter des Grafikers und Pressezeichners Albert Schaefer-Ast und seiner zweiten Frau, der Modezeichnerin Steffie, geborene Nathan, gleichsam „in letzter Minute“ nach Schottland in Sicherheit. Steffie selbst konnte noch im Juli 1939 als „house wife“ nach England emigrieren, Schaefer-Ast hatte sich im April 1939 von der Jüdin Steffie scheiden lassen und blieb in Berlin. Im Buch über Schaefer-Ast habe ich diese Fakten ausführlich beschrieben.
Über die Titelseite der Liste vom Mai-Transport hatte ich bereits im vorigen blog-Beitrag geschrieben, nun also die Seiten 1 + 2, wir finden zunächst die Namen und Adressen der Jungen, die mit diesem Transport fliehen konnten. Es handelt sich dabei um eine von holländischen Helfern ausgestellte und an die holländischen Grenzbehörden übersandte Liste, die erst am 17. Mai endgültig feststand:
35 Berliner Jungs waren im Zug. Insgesamt waren es 128 Kinder, auch aus anderen Orten als Berlin, die in Begleitung von mehreren Erwachsenen, über die wir noch sprechen werden, mit diesem Transport von Berlin nach London entkommen konnten. Im Zug waren nicht nur Berliner Kinder, wie wir noch sehen werden, aber wir beginnen zunächst mit den Berlinern, der Reihenfolge der Liste folgend.
Besonders aufschlussreich ist, dass mehr Mädchen als Jungen im Zug waren. Das wurde zum Merkmal der Transporte insgesamt: denn viele britische Gasteltern bevorzugten Mädchen, die „nicht schwierig“ waren; Mädchen, die sich eher angepasst und ruhig verhielten. Nicht wenige von ihnen wurden auch als Kindermädchen und Reinigungshilfen ausgenutzt, davon wird noch zu sprechen sein. Jungen hatten es da schwerer. Fliehen konnten nur Kinder, die noch keine 17 waren, die meisten waren sehr viel jünger, wie man leicht an den Geburtsdaten erkennen kann. Die Berliner Jungs in diesem Transport waren im Alter zwischen 6 und 17 Jahren, größte Teilgruppe waren die Jungs im Alter zwischen 13 und 14 Jahren.
Wer sich mit der jüdischen Geschichte Berlins beschäftigt, hat durch diese Liste nun einen weiteren Hinweis auf die Wohnorte jüdischer Familien im Mai des Jahres 1939 und eine Grundlage für weitere Recherchen.
Im nächsten Blogbeitrag schauen wir uns die Mädchen auf der Berliner Liste an, dann sehen wir uns die anderen Orte an, aus denen Kinder dieses Transportes kamen und schließlich werden wir uns mit den Helferinnen auf diesem Transport beschäftigen. Aber: eins nach dem anderen.
Es geht um Susanne Schaefer, geboren am 18. Januar 1927 als einzige Tochter des Pressezeichners und Grafikers Albert Schaefer-Ast und seiner zweiten Frau Steffie, geborene Nathan.
Ich wusste inzwischen, dass Susanne am 21. Mai 1939 mit einem „Kindertransport“ von Berlin via Hoek van Holland zunächst nach London und dann weiter nach Ayr in Schottland fliehen konnte. Aber ich kannte keine Details, denn auch nach intensivster Suche war keine Transportliste dieses Transportes zu finden. Alle Historiker, die sich mit dieser Thematik befasst hatten, waren der Ansicht, diese Listen seien verschollen und aufgrund von „Kriegseinwirkungen“ verloren gegangen. Am 31.3.2025 bekam ich eine Mail aus New York mit einem Artikel in der New York Times, der von einem „Sensationsfund“ berichtete. Der britischen Historikerin Dr. Amy Williams sei es Ende 2024 im Archiv in Yad Vashem gelungen, die Transportlisten der „Kindertransporte“ von 1938/39 zu finden. Die Listen seien „beinahe vollständig“.
Was für eine Nachricht! Ich fing sofort an, weiter zu suchen, um Dr. Williams irgendwie zu erreichen und noch in der Nacht konnte ich an Dr. Williams eine Mail schreiben mit meiner Frage, ob sie „zufällig“ auch die Liste vom 21. Mai 1939 von Berlin via Hoek van Holland nach London gefunden hätte?
Schon nach wenigen Stunden kam ihre Antwort. Tatsächlich ist diese Liste enthalten. Frau Dr. Williams wird über ihren umfänglichen Fund und die Auswertung des Fundes im Sommer diesen Jahres publizieren und dennoch schickte sie mir die Liste mit Susannes Namen – wofür ich ihr einen großen Dank sagen möchte. Solche Kollegialität ist nicht selbstverständlich.
Ich will im Folgenden etwas zu dieser Liste sagen. Heute Teil 1: Das Deckblatt vom 19. Mai 1939.
Die Übersetzung lautet: DAS KINDER-COMITÉ Amsterdam 19. Mai 1939 Heerengracht 466
an
Grenzschutz und Nationaler Ausländerdienst Nassau Zuilensteinstraat 11, Den Haag
Nach dem Telefongespräch mit Frau Wijsmuller bestätigen wir hiermit, dass am Sonntag, den 21. Mai, ein deutscher Kindertransport bestehend aus 128 Kindern um 16:51 Uhr über den Grenzbahnhof Oldenzaal durch unser Land fahren und von dort über Hoek van Holland (Ankunft 21:37 Uhr) noch am selben Abend mit dem Nachtschiff nach England reisen wird.
Zu Ihrer Information legen wir Ihnen eine Liste mit den Namen der Kinder und der Betreuer bei.
Wir haben die Leiter der Grenzstationen Oldenzaal und Hoek van Holland über diesen Transport informiert.
Mit freundlichen Grüßen, „Das Kinder-Komitee“
Angefügt ist die angekündigte 5-seitige Liste (verfasst am 17.5.1939) mit 128 Namen und Adressen der Kinder und ein Blatt mit den Namen der BegleiterInnen dieses Transportes. Darüber wird es einen eigenen Beitrag geben.
Ich bin derzeit bei der Vorbereitung einer Recherche-Reise nach London. Ich will exakt auf dem Weg reisen, den die jüdischen Flüchtlingskinder im Mai 1939 gereist sind: früh mit dem Zug ab Berlin nach Amsterdam, von dort weiter zum Hafen in Hoek van Holland, dann mit dem „Nachtschiff“ um 22 Uhr ab Hoek van Holland nach Harwich, von dort am Folgetag weiter nach London Liverpool Street Station.
Das Titelblatt der in Jerusalem gefundenen Liste verrät uns, dass „Frau Wijsmuller“ den Transport vom 21. Mai 1939 den Grenzbehörden schon telefonisch angekündigt hatte. Sie ist eine bemerkenswerte und sehr durchsetzungsstarke Frau gewesen, die sich unter größtem persönlichen Einsatz um die jüdischen Kinder gekümmert hat. Unter abenteuerlichsten Umständen ist es ihr noch im September 1939 gelungen, ein letztes Flüchtlingsboot außer Landes zu bringen, da wurde das Boot schon von Flugzeugen aus beschossen – aber die Kinder wurden gerettet. Ich werde in einem weiteren Beitrag ausführlich auf sie eingehen. Der Transport wurde begleitet vom „Hauptführer“, wie das Dokument formuliert, Norbert Wollheim, der maßgeblich die Kindertransporte von Berlin organisiert, vorbereitet und begleitet hat. Auch er wird einen eigenen Blogbeitrag bekommen. Norbert Wollheim ist ein wirklich bemerkenswerter Mensch gewesen, der viel zu wenig bekannt ist. Wollheim kehrte immer wieder nach einem Transport aus London zurück, um den nächsten Transport durchzuführen, er kam ins KZ, überlebte, emigrierte in die USA. Er hat ausführlich über seine Arbeit für die „Kindertransporte“ geschrieben. Davon wird noch die Rede sein.
Zunächst also die „Titelseite“ der Transportliste vom 21. Mai 1939, angefertigt am 19. Mai 1939 in Amsterdam. Dort war „DAS KINDER-COMITÉ“ untergebracht, das den deutschen jüdischen Kindern half, den Weg in die Sicherheit zu finden. Viele Kinder haben noch aus dem Zug an ihre in Deutschland gebliebenen Eltern geschrieben und auf den Postkarten und in den Briefchen davon erzählt, wie herzlich sie in den Niederlanden aufgenommen und versorgt worden seien.
Die britische Regierung hatte sich nach den Novemberpogromen 1938 bereit erklärt, „wenigstens jüdische Kinder für eine begrenzte Zeit“ aufzunehmen, obwohl England kaum noch erwachsene Flüchtlinge aufnahm, man befürchtete, dass die deutschen Flüchtlinge „unseren Leuten die Arbeit wegnehmen“ (!) könnten. Auch waren die Ausreisen nach Palästina, das damals unter britischem Protektorat stand, begrenzt worden. Die jüdischen privaten Hilfsorganisationen, die zusammen mit den Quäkern in Deutschland und England die „Kindertransporte“ organisierten, mit denen „etwa 10.000 Kinder“ gerettet werden konnten, setzten deshalb darauf, dass man „wenigstens die Kinder für eine begrenzte Zeit“ außer Landes bringen müsse; die Helfer mussten alles privat organisieren, denn die britische Regierung hatte zur Bedingung ihrer Einreisegenehmigung gemacht, dass „dem Staat keinerlei Kosten“ entstehen dürften. Adolf Eichmann hatte unmittelbar nach dem Novemberpogrom 1938, als „wenigstens die Kinder“ gerettet werden mussten, den jüdischen Helfern einen ersten Transport unter der Bedingung genehmigt, dass er „noch im Dezember“ 1938 erfolgen müsse. Eine schier unlösbare Aufgabe. Aber: es gelang. Der erste Kindertransport verließ Deutschland noch im Dezember 1938. Die mediale Aufmerksamkeit insbesondere in Großbritannien für diesen ersten Transport war sehr groß, man findet zahlreiche Dokumente darüber. Über die Helfer in Berlin und in Amsterdam ist weniger bekannt, „Frau Wijsmuller“ und „Norbert Wollheim“ sind nur Menschen bekannt, die sich intensiv mit den „Kindertransporten“ beschäftigt haben. Meine Beiträge sollen ein wenig helfen, dass sich das ändert.