Es ist schön in Bansin und in diesem Jahr wollten wir uns mal wieder etwas ausführlicher mit dem wohl berühmtesten Sohn des kleinen Ortes, Hans Werner Richter, befassen, weshalb wir uns ausgiebig mit ihm sowohl im kleinen Museum im „Hans Werner Richter Haus“ (einem ehemaligen Haus der Feuerwehr) als auch mit seinen Büchern beschäftigen, insbesondere mit denen über die von ihm geleitete „Gruppe 47“, zu der so wichtige Autoren wie Günter Grass, Johannes Bobrowski, Ingeborg Bachmann, Walter Jens und viele andere gehörten, die für die literarischen Neuanfänge nach dem Ende des Hitlerschen „Reiches“ so ungemein wichtig geworden sind.

Hans Werner Richter hat in seinen autobiografischen Büchern (etwa in „Spuren im Sand“, auch in „Geschichten aus Bansin“ und „Die Stunde der falschen Triumphe“) nachdrücklich aufgezeigt, wo er politisch stand. Eher im „linken Milieu“, der Sozialdemokratie nahestehend, heute würde man vielleicht etikettieren „links-liberal“. Richter hat sich mit der Gründung der „Gruppe 47“ sehr um die deutsche Literatur-Sprache verdient gemacht, denn diese Sprache war nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges weitgehend zerstört. Worte wie „Treue“, „Vaterland“, „Gehorsam“, „Heimat“, „Volk“ etc. waren unbrauchbar geworden, es galt, neu zu beginnen, weshalb bei den Treffen der „Gruppe 47“ vor allem scharfe Wort-Kritik geübt wurde. Der Nachkriegs-Literatur hat das sehr gut getan.

Hans Werner Richter starb zwar in München, liegt aber – seinem Wunsch entsprechend – in Bansin begraben. Wir haben ihn besucht; auch das Haus, in dem er mit seiner Familie ab 1908 gelebt hat, „Villa Paula“ in der Seestraße 68 in Bansin, wollten wir sehen. Heute beherbergt das Haus eine Buchhandlung.

Seestraße 68 in Bansin. Hier hat Hans Werner Richter mit seiner Familie lange Jahre gewohnt.

Um das Haus auch von innen sehen zu können, mussten wir bis zum nächsten Tage warten, da war die Buchhandlung geöffnet.
Was ich vorfand, hat mich erschreckt: sehr prominent, gleich unter Büchern zur „Gruppe 47“ präsentiert, der Kopp-Verlag. Der nun gehört zu den umstrittensten Verlagen überhaupt, DeutschlandradioKultur hat mehrfach umfänglich recherchiert und gesendet, u.a. in dem hier verlinkten Beitrag.
Selbst Wikipedia widmet sich dem Verlag überaus kritisch. Man kann erfahren, der Verlag führe  „rechtsesoterischegrenz- und pseudowissenschaftlicheverschwörungstheoretische sowie rechtspopulistische und rechtsextreme Titel.“

Soweit der Befund.
Ich fand, der Verlag habe im ehemaligen Wohnhaus der Gründers der Gruppe 47 nichts zu suchen und schrieb deshalb an den Buchhändler: „Der Kopp-Verlag ist der führende Verlag der organisierten Rechtsextremisten nicht nur in Deutschland, sondern auch für Österreich und die Schweiz. Er munitioniert die AfD und gehört zu denen, die gern „Verschwörungsmythen“ verbreiten. Es wäre sicher nicht im Sinne von Hans Werner Richter, derlei Verlagsaktivitäten zu unterstützen.
Meine Frau und ich haben deshalb darauf verzichtet, bei Ihnen zu kaufen“.

Dann kam eine Antwortmail, die mich nachdenklich gestimmt hat, denn darin war nicht nur das in solchen Fällen Übliche zu lesen, die Bücher seien nicht indiziert, sie seien auch nicht verboten, und was nicht verboten sei, könne gehandelt werden, sondern in der Antwortmail kam eine Verteidigungsrede. Darin heißt es u.a.:

„….vielen Dank für Ihre Mail.

In unserer Buchhandlung ist nicht nur der Kopp-Verlag vertreten, sondern eine große Auswahl von Verlagen mit unendlich vielen verschiedenen Titeln.
Unsere Kundschaft wünscht auch diese Abwechslung, denn die gleiche Literatur, wie in vielen anderen Buchhandlungen Deutschlands ist für uns nicht ausreichend.
Das ist ein Ausdruck von Vielfalt und Toleranz gegenüber verschiedener Standpunkte.
Keines der Bücher in unserem Laden ist indiziert und so viel wir wissen, besteht in unserem Land immer noch Meinungs- und Pressefreiheit. …
Wenn Sie der Meinung sind, dass der Kopp-Verlag rechtsextremes Gedankengut verbreitet, geben Sie uns doch bitte nur ein einziges Beispiel dafür.
Der Zusammenhang mit einer Bundestagspartei und angeblichen Verschwörungsmythen erschließt sich uns nicht.
Hans Werner Richter schätzen wir aus Darstellungen seiner Familie als einen weltoffenen, systemkritischen aber vor allem selbstdenkenden Autoren ein.
Offenbar beziehen Sie allerdings Ihre sehr einseitigen und eingeschränkten Informationen immer noch aus den Massenmedien.
Das tut uns sehr leid.
Denn es gibt in der Zwischenzeit genügend Literatur, für Menschen, die der Wahrheit näher kommen wollen.“

Das ist AfD-Jargon. Da weiß jemand um „die Wahrheit“; da bezieht man seine Informationen nicht mehr „aus den Massenmedien“, Menschen, die das tun (zum Beispiel DeutschlandradioKultur zitieren), gelten als „sehr einseitig und eingeschränkt informiert“ etc. etc.

Schade.
Ich habe mir für einen Moment vorgestellt, der alte Hans Werner Richter wäre aus seinem Grabe aufgestanden, um in seinem ehemaligen Wohnhaus mal nach dem Rechten zu sehen.
Ich glaube, er hätte dem Buchhändler mit einem kurzen pommernschen Satze die Gedanken grade gerückt: „Lass den Schiet“. Dann wäre er grummelnd wieder die Seestraße hinauf gegangen und hätte sich wieder dort zur Ruhe gelegt, wo er nun schon seit 1993 liegt.
In diesem Jahr übrigens feiert Bansin den 30. Todestag seines berühmtesten Sohnes. Zahlreiche Lesungen sind zu erwarten.
Ich wünsche diesen besonderen Veranstaltungen viele Besucher.

2 Gedanken zu “Hans Werner Richter und der Kopp-Verlag. Eine seltsame Begebenheit aus Bansin

  1. Man muss dem Buchhändler Recht geben; faktisch sowie juristisch und vor allem dann, wenn mögliche Kunden die indirekte „Erpresser“-Karte ausspielen („Meine Frau und ich haben deshalb darauf verzichtet, bei Ihnen zu kaufen“). Man darf das Sortiment des Rottenburger Verlags, so wie aller anderen Verlage auch, hinterfragen und niemand ist gezwungen, dort zu bestellen. Meinen Lesestoff finde ich da nicht, aber deren Angebot lässt sich online einsehen.

    Unterlassen sollte man allerdings, die eigene Argumentation auf Quellen aufzubauen, welche eindeutig populistisch eingefärbt sind bzw. aus Gründen fehlender Neutralität und Sachlichkeit unbrauchbar sind – dazu zählt zweifelsfrei ein Artikel aus Wikipedia. Ich hätte gehofft, dass ein ehemaliger Politiker sich mit seriös(er)en Quellen beschäftigt. Ihnen ist schon klar, dass Wikipedia von freiwilligen Hobbyautoren und -IT’lern betrieben wird, die sich mit eigenen Pseudo-Regeln versuchen, einen Duden ähnlichen Anstrich zu verpassen?

    Und dass im Kopp Verlag ebenfalls Literatur von „prominenten“ und „etablierten“ Verlagen erhältlich ist, wird von den Kritikern gerne vergessen zu erwähnen.

    Natürlich soll jeder seine Meinung haben und äußern, denn nur so kann eine umfassende Diskussion in unserem Lande stattfinden, wie sie medien- und regierungs-gelenkt aktuell eben nicht passiert. Und dazu braucht es Themen, Literatur und Medienhäuser, die alle Meinungen einsammeln und zum argumentativen Austausch zur Verfügung stellen.

    Und ja, geschützt werden jedwede Meinungen und Medien durch unser Gesetz. Anhaltspunkte für eine vermeintliche Gefahr des Verlagssortiments sind nicht existent; das hat die staatliche Kontrollinstanz entsprechend untersucht Das Untersuchungsergebnis ist über den Landtag BW einsehbar.

    Was bleibt also? Ein Verlag, der seinen Fokus auf gesellschaftskritische als auch grenzwissenschaftliche Inhalte legt, der die Meinungs- und Pressefreiheit füttert, um möglichst auch die Menschen zum gemeinsamen Diskurs einzuladen, deren Meinung durch Whitewashing-Medien nicht abgebildet wird.

    Für mich persönlich bleibt die Frage, ob Hans Werner Richter nicht vielmehr aus seinem Grabe aufsteht, um Ihren einseitigen Blogartikel kopfschüttelnd mit „Lass den Schiet“ zu kommentieren…

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