Der Kindertransport 21/22. Mai 1939 Berlin – London. Die Liste. Woher die anderen Kinder kamen (4)

Der Kindertransport 21/22. Mai 1939 Berlin – London. Die Liste. Woher die anderen Kinder kamen (4)

Die Kinder kamen nicht nur aus Berlin. Wir sehen an der Liste, die mir die britische Historikerin Dr. Amy Williams im März 2025 dankenswerterweise in Kopie zur Verfügung gestellt hat – sie kamen auch aus Beuthen (heute Polen):

Sie kamen aus Hamburg:

und sie kamen aus einer ganzen Reihe anderer Städte in Deutschland: aus Breslau, Königsberg, Magdeburg, Chemnitz, Hamm, Gelsenkirchen, Würzburg, Bamberg und Stuttgart.

Diese im Dezember 2024 in Yad Vashem/Jerusalem entdeckten Transportlisten der Kindertransporte werden nun auch in zahlreichen Städten die Forschungen zur Herkunft jüdischer Familien und ihrer Nachfahren ergänzen und erweitern können. Ein wertvoller Fund.

Wer sich mit dem Thema „Kindertransporte“ etwas eingehender befassen will, dem sei folgende Literatur empfohlen:

  1. Wolfgang Benz (Hg). Die Kindertransporte 1938/39. Fischer-Taschenbuch 2024, 2. Auflage
  2. Rebekka Göpfert (Hg). Ich kam allein. Die Rettung von zehntausend jüdischen Kindern. dtv 1994
  3. Rebekka Göpfert. Der jüdische Kindertransport von Deutschland nach England 1938/39. Campus-Verlag Frankfurt/New York 1997
  4. Dorit B. Whiteman. Die Entwurzelten. Jüdische Lebensgeschichten nach der Flucht 1933 bis heute. Böhlau Verlag Wien.Köln.Weimar 1995
  5. Mike Levy: Get the Childen out! Sonderausgabe zum 85. Jahrestag der Transporte.
  6. Das neue Buch von Dr. Amy Williams zu ihrem Fund der Transport-Listen im Dezember vorigen Jahres in Yad Vashem wird im Sommer 2025 erscheinen.

Mike Levy hat sein Buch auch „Die unbesungenen Helden des Kindertransports“ genannt. Von denen wird im nächsten blog-Beitrag die Rede sein, denn die Liste vom 21./22. Mai 1939 nennt auch ihre Namen.

Kindertransport 1939 Berlin – London. Die Mädchen aus Berlin (3)

Kindertransport 1939 Berlin – London. Die Mädchen aus Berlin (3)

Die Liste mit den Namen und Anschriften der Berliner Kinder, die am 21./22. Mai 1939 von Berlin über Hoek van Holland – Harwich nach London fliehen konnten, enthält 45 Namen Berliner Mädchen. Schaut man sich diese Liste genau an, fällt die größte Altersgruppe der 14-16jährigen Mädchen sofort auf.
Auch finden sich Geschwisterpaare. Die drei jüngsten Mädchen dieses Transportes sind 6, die beiden ältesten sind gerade noch 17 Jahre. Die Altersgrenze für die Transporte lag bei 17 Jahren … Man ahnt die Panik der Eltern, ihr Kinder „gerade noch“ auf den Transport bekommen zu haben.
Die jüdischen Hilfsorganisationen in Deutschland, bei denen die „Anwärter-Kinder“ angemeldet waren, mussten auswählen. Erschütternd ist heute, 95 Jahre nach jenen Ereignissen wahrzunehmen, nach welchen Kriterien die Kinder ausgesucht wurden: sie mussten gesund sein, blonde, 12jährige Mädchen waren bevorzugt in England, Jungen hatten es sehr viel schwerer. Behinderte Kinder hatten keine Chance. Zur Tragik der Kindertransporte gehört, dass die meisten Kinder eben nicht gerettet werden konnten. Aber, immerhin 10.000 konnten den Nazis nach England entkommen.

Die Kinder wurden auf englischer Seite entweder von „Pateneltern“ am Bahnhof abgeholt – oder sie kamen gleich in der Nähe von Harwich in ein eigentlich für Sommeraktivitäten gebautes Camp, das aber in den Wintermonaten ab Dezember 1938 nun als Kinder-Flüchtlings-Lager dienen musste. Die Verhältnisse waren entsprechend schlecht. Am Beginn der Transporte waren die Patenschafts-Fragen noch nicht verlässlich geklärt, weshalb es bei der Ankunft zu Szenen „wie auf einem Viehmarkt“ kam, wie ehemalige „Kinder“ in ihren Lebenserinnerungen geschrieben haben. Die Kinder waren aufgestellt und die Gasteltern konnten sich „ein ihnen passendes Kind aussuchen“. Natürlich blieben bei einem solchen Verfahren Kinder „übrig“ – um die sich dann die Hilfsorganisationen selbst kümmern mussten.
Schon bald allerdings waren die Transporte zunehmend professionalisiert. Auch hörten die dramatischen Szenen auf den Berliner Bahnsteigen auf, wenn sich die Eltern von ihren Kindern direkt am Zug verabschiedeten. Norbert Wollheim, von dem noch die Rede sein wird, sorgte dafür, dass sich die Eltern von ihren Kindern in einem eigenen großen Raum verabschieden konnten, bevor die Kinder den Zug bestiegen. Auch hatten die Nazis gefordert, dass diese „Verabschiedungsszenen auf dem Bahnsteig“ aufzuhören hätten, die Berliner Bevölkerung sollte nicht mitbekommen, was da vor sich ging.

Im Zug wurden die Kinder von Erwachsenen begleitet, die aber, so war die Bedingung der Nationalsozialisten, nach dem Transport von England nach Deutschland zurückkehren mussten. Falls jemand die Gelegenheit zur Flucht nutzen sollte, würde man die Transporte sofort einstellen.

Wir sehen hier an den Blättern zwei und drei (Blatt 3 enthält Susanne Schaefer, um die es bei der Recherche eigentlich geht) der Transportliste, dass die Kinder dieses Transportes nicht nur aus Berlin kamen.
Im nächsten Beitrag gehe ich näher darauf ein.

Kindertransport 1939 (1). Die Liste

Kindertransport 1939 (1). Die Liste

Es geht um Susanne Schaefer, geboren am 18. Januar 1927 als einzige Tochter des Pressezeichners und Grafikers Albert Schaefer-Ast und seiner zweiten Frau Steffie, geborene Nathan.

Ich wusste inzwischen, dass Susanne am 21. Mai 1939 mit einem „Kindertransport“ von Berlin via Hoek van Holland zunächst nach London und dann weiter nach Ayr in Schottland fliehen konnte. Aber ich kannte keine Details, denn auch nach intensivster Suche war keine Transportliste dieses Transportes zu finden. Alle Historiker, die sich mit dieser Thematik befasst hatten, waren der Ansicht, diese Listen seien verschollen und aufgrund von „Kriegseinwirkungen“ verloren gegangen. Am 31.3.2025 bekam ich eine Mail aus New York mit einem Artikel in der New York Times, der von einem „Sensationsfund“ berichtete. Der britischen Historikerin Dr. Amy Williams sei es Ende 2024 im Archiv in Yad Vashem gelungen, die Transportlisten der „Kindertransporte“ von 1938/39 zu finden. Die Listen seien „beinahe vollständig“.

Was für eine Nachricht! Ich fing sofort an, weiter zu suchen, um Dr. Williams irgendwie zu erreichen und noch in der Nacht konnte ich an Dr. Williams eine Mail schreiben mit meiner Frage, ob sie „zufällig“ auch die Liste vom 21. Mai 1939 von Berlin via Hoek van Holland nach London gefunden hätte?

Schon nach wenigen Stunden kam ihre Antwort. Tatsächlich ist diese Liste enthalten. Frau Dr. Williams wird über ihren umfänglichen Fund und die Auswertung des Fundes im Sommer diesen Jahres publizieren und dennoch schickte sie mir die Liste mit Susannes Namen – wofür ich ihr einen großen Dank sagen möchte. Solche Kollegialität ist nicht selbstverständlich.

Ich will im Folgenden etwas zu dieser Liste sagen. Heute Teil 1: Das Deckblatt vom 19. Mai 1939.

Die Übersetzung lautet:
DAS KINDER-COMITÉ
Amsterdam 19. Mai 1939
Heerengracht 466

an

Grenzschutz und Nationaler Ausländerdienst
Nassau Zuilensteinstraat 11, Den Haag

Nach dem Telefongespräch mit Frau Wijsmuller bestätigen wir hiermit, dass am Sonntag, den 21. Mai, ein deutscher Kindertransport bestehend aus
128 Kindern
um 16:51 Uhr über den Grenzbahnhof Oldenzaal durch unser Land fahren und von dort über Hoek van Holland (Ankunft 21:37 Uhr) noch am selben Abend mit dem Nachtschiff nach England reisen wird.

Zu Ihrer Information legen wir Ihnen eine Liste mit den Namen der Kinder und der Betreuer bei.

Wir haben die Leiter der Grenzstationen Oldenzaal und Hoek van Holland über diesen Transport informiert.

Mit freundlichen Grüßen, „Das Kinder-Komitee“

Angefügt ist die angekündigte 5-seitige Liste (verfasst am 17.5.1939) mit 128 Namen und Adressen der Kinder und ein Blatt mit den Namen der BegleiterInnen dieses Transportes. Darüber wird es einen eigenen Beitrag geben.

Ich bin derzeit bei der Vorbereitung einer Recherche-Reise nach London. Ich will exakt auf dem Weg reisen, den die jüdischen Flüchtlingskinder im Mai 1939 gereist sind: früh mit dem Zug ab Berlin nach Amsterdam, von dort weiter zum Hafen in Hoek van Holland, dann mit dem „Nachtschiff“ um 22 Uhr ab Hoek van Holland nach Harwich, von dort am Folgetag weiter nach London Liverpool Street Station.

Das Titelblatt der in Jerusalem gefundenen Liste verrät uns, dass „Frau Wijsmuller“ den Transport vom 21. Mai 1939 den Grenzbehörden schon telefonisch angekündigt hatte. Sie ist eine bemerkenswerte und sehr durchsetzungsstarke Frau gewesen, die sich unter größtem persönlichen Einsatz um die jüdischen Kinder gekümmert hat. Unter abenteuerlichsten Umständen ist es ihr noch im September 1939 gelungen, ein letztes Flüchtlingsboot außer Landes zu bringen, da wurde das Boot schon von Flugzeugen aus beschossen – aber die Kinder wurden gerettet. Ich werde in einem weiteren Beitrag ausführlich auf sie eingehen.
Der Transport wurde begleitet vom „Hauptführer“, wie das Dokument formuliert, Norbert Wollheim, der maßgeblich die Kindertransporte von Berlin organisiert, vorbereitet und begleitet hat. Auch er wird einen eigenen Blogbeitrag bekommen. Norbert Wollheim ist ein wirklich bemerkenswerter Mensch gewesen, der viel zu wenig bekannt ist. Wollheim kehrte immer wieder nach einem Transport aus London zurück, um den nächsten Transport durchzuführen, er kam ins KZ, überlebte, emigrierte in die USA. Er hat ausführlich über seine Arbeit für die „Kindertransporte“ geschrieben. Davon wird noch die Rede sein.

Zunächst also die „Titelseite“ der Transportliste vom 21. Mai 1939, angefertigt am 19. Mai 1939 in Amsterdam. Dort war „DAS KINDER-COMITÉ“ untergebracht, das den deutschen jüdischen Kindern half, den Weg in die Sicherheit zu finden. Viele Kinder haben noch aus dem Zug an ihre in Deutschland gebliebenen Eltern geschrieben und auf den Postkarten und in den Briefchen davon erzählt, wie herzlich sie in den Niederlanden aufgenommen und versorgt worden seien.

Die britische Regierung hatte sich nach den Novemberpogromen 1938 bereit erklärt, „wenigstens jüdische Kinder für eine begrenzte Zeit“ aufzunehmen, obwohl England kaum noch erwachsene Flüchtlinge aufnahm, man befürchtete, dass die deutschen Flüchtlinge „unseren Leuten die Arbeit wegnehmen“ (!) könnten. Auch waren die Ausreisen nach Palästina, das damals unter britischem Protektorat stand, begrenzt worden. Die jüdischen privaten Hilfsorganisationen, die zusammen mit den Quäkern in Deutschland und England die „Kindertransporte“ organisierten, mit denen „etwa 10.000 Kinder“ gerettet werden konnten, setzten deshalb darauf, dass man „wenigstens die Kinder für eine begrenzte Zeit“ außer Landes bringen müsse; die Helfer mussten alles privat organisieren, denn die britische Regierung hatte zur Bedingung ihrer Einreisegenehmigung gemacht, dass „dem Staat keinerlei Kosten“ entstehen dürften. Adolf Eichmann hatte unmittelbar nach dem Novemberpogrom 1938, als „wenigstens die Kinder“ gerettet werden mussten, den jüdischen Helfern einen ersten Transport unter der Bedingung genehmigt, dass er „noch im Dezember“ 1938 erfolgen müsse. Eine schier unlösbare Aufgabe. Aber: es gelang. Der erste Kindertransport verließ Deutschland noch im Dezember 1938. Die mediale Aufmerksamkeit insbesondere in Großbritannien für diesen ersten Transport war sehr groß, man findet zahlreiche Dokumente darüber.
Über die Helfer in Berlin und in Amsterdam ist weniger bekannt, „Frau Wijsmuller“ und „Norbert Wollheim“ sind nur Menschen bekannt, die sich intensiv mit den „Kindertransporten“ beschäftigt haben. Meine Beiträge sollen ein wenig helfen, dass sich das ändert.

„Schüblinge“ in „Ausreisezentren“. Etwas von der entmenschlichenden Sprache deutscher Behörden

Dienstlich habe ich auch mit der Bundespolizei zu tun und so ergibt es sich, dass ich eine Menge lerne. Zum Beispiel etwas von der Sprache.
Heute habe ich gelernt, dass die Beamten von „Schüblingen“ sprechen. „Schüblinge“ sind leibhaftige Menschen, die aus den verschiedensten Gründen aus Deutschland „abgeschoben“ werden.
Das Wort jedoch suggeriert, es handle sich um Sachen.
Tische werden „verschoben“, Pakete, Drogen, Gegenstände, manchmal auch Wahrnehmungen.
Das Wort „abgeschoben“ jedoch hat sich für Menschen etabliert. Nicht nur in der Behörden-Sprache, sondern auch im allgemeinen Sprachgebrauch.
Menschen, die „abgeschoben“ werden, sind nun also „Schüblinge“.
Dieses Wort entspricht offenbar einer offiziellen behördeninternen „Sprachregelung“, denn es wird an verschiedenen Grenz-Standorten verwendet.
Dieses Wort verschleiert.
Es klingt beinahe freundlich. So ähnlich wie „Pfifferling“ oder „Drilling“ oder „Rübling“, den man als Pilz-Freund erkennt.
„Schübling“ also. Eigentlich kennt man dieses Wort für eine Wurst-Ware. In Österreich war das Wort immerhin mal „Unwort des Jahres“, aber das hat keiner so recht mitbekommen.
Wenn nun eine Behörde von „Schüblingen“ spricht,  wird plötzlich nicht mehr der Ingenieur, nicht mehr der Lehrer, nicht mehr der Student ausgewiesen, da wird nun also ein „Schübling“ „abgeschoben“. Da wird nicht mehr die Mutter mit ihren Kindern ausgewiesen, da werden „Schüblinge“ „abgeschoben“.
Aus einer Person wird eine Sache.
Es ist eine entmenschlichende Sprache.
Das ist ja auch der Sinn: auf diese Weise wird den Beamten, die mit diesem Thema Tag für Tag befasst und nicht selten auch sehr belastet sind, erleichtert, „damit“ umzugehen.
Nun hat das Bundesinnenministerium vorgeschlagen, „Ausreisezentren“ einzurichten. Auch dieses Wort klingt freundlich. So, als ginge es darum, die Urlaubsreise mit noch mehr Service beginnen zu können.
Diese Zentren haben den Sinn, die „Abschiebung“ der „Schüblinge“ „deutlich zu beschleunigen“. In diesen Zentren werden nun also Schicksale „gebündelt“. Dramen werden sich „abspielen“, denn durchaus nicht jeder ist mit seiner „Abschiebung“ einverstanden. Wer als Beamter auf einem Flughafen – in Frankfurt beispielsweise – arbeitet, kann davon erzählen.
Die „Abläufe“ einer „Abschiebung“ sollen durch die „Ausreisezentren“ „effizienter“ werden. Denn, so will es die Kanzlerin, es bedürfe nun einer „nationalen Kraftanstrengung, die Abschiebungen zu beschleunigen.“
Menschen werden zu „Sachen“. Und, was mit ihnen zu tun hat, soll „effizienter“ gestaltet werden. So organisiert ein Betriebsleiter seine „Auslieferungsketten“: die Förderbänder müssen geschmiert, die Räder geölt, die Transporte effizienter werden. Das Ergebnis zählt.
Wer solche Sprache erfindet – in der Regel kommen solche „Sprachregelungen“ aus den Tiefen eines Ministeriums (in den seltensten Fällen wird sich konkret nachverfolgen lassen, wer genau sie „erfunden“ hat) – und benutzt, der wird im Verlaufe dieses Sprachgebrauchs Menschen nach und nach wie Sachen, wie Gegenstände betrachten.
Es handelt sich dann schon bald nicht mehr um konkrete Menschen mit Lebensläufen, Schicksalen und Biografien, sondern um „Vorgänge“.
„Schüblinge“ eben.
Es gibt auch aus früheren Zeiten vergleichbare Sprache. Auch in diesen früheren Zeiten wurden Menschen zu „Sachen“, zu „Vorgängen“.
Am Ende ging es darum, bestimmte Abläufe in den Lagern noch effizienter zu machen. Verbrennungen mussten effizienter werden, die Öfen mussten größer werden (in der Erfurter Gedenkstätte Topf&Söhne findet man bedrückende Belege für solches Denken).
Bürokratien stehen ständig in der Gefahr, Menschen zu „Vorgängen“ zu machen, damit man sie „bearbeiten“ kann.
Auf der einen Seite sitzt da irgendein Beamter oder „Entscheider“ hinter irgendeinem Schreibtisch und entscheidet, dass dieser „Vorgang“ geschlossen und der vor ihm sitzende Mensch „abgeschoben“ werden muss.
Der Mensch wird zum „Schübling“.
Sobald man diesen „Schübling“ über die Landesgrenze „abgeschoben“ hat, zeigt die Bürokratie übrigens keinerlei Interesse mehr „an der Sache“.
Was aus diesen Menschen wird, die nun außerhalb der Grenzen Europas durch die Gegend irren, interessiert niemanden mehr.
Der „Vorgang“ ist abgeschlossen.
Der Aktendeckel ist zu.

Sollen sie doch in der Wüste verrecken! Was Malta bedeutet

Heute, am 3. Februar 2017 haben die europäischen Staats- und Regierungschefs beschlossen, in Libyen „Auffang-Lager“ für Flüchtlinge zu errichten. Man will mit dieser „Maßnahme“ (eigentlich handelt es sich um ein ganzes Maßnahmepaket von 10 Punkten) die „Mittelmeerroute schließen“. Man will also verhindern, dass die Flüchtlinge nach Europa kommen.
Was aber bedeutet der Beschluss?
Ich will mich in diesem kurzen Beitrag nur auf einen Gesichtspunkt konzentrieren, der in der Debatte bislang nicht berücksichtigt wird:
Wir wissen, dass Nordafrika (und Libyen liegt bekanntlich in Nordafrika) schon in wenigen Jahren unbewohnbar sein wird. Und zwar deshalb, weil dort die Temperaturen in Hitzeperioden auf 50 Grad Celsius und mehr ansteigen werden. Jos Lelieveld vom Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz und Professor am Cyprus Institute in Nikosia hat auf diese Zusammenhänge hingewiesen und sie auch publiziert.
Diese heute beschlossenen „Auffang-Lager“ für Flüchtlinge werden also nicht nur in einem jetzt schon politisch höchst instabilen Staatsgebilde errichtet, sondern zudem in einer Region, die in absehbarer Zeit unbewohnbar sein wird.

Regierungschefs müssen diese Zusammenhänge wissen. Und sie wissen sie auch.
Aber sie haben dennoch beschlossen, diese „Auffang-Lager“ eben genau dort zu errichten.

Ihr Beschluss bedeutet deshalb im Kern: „Sollen die Flüchtlinge doch in der Wüste verrecken! Hauptsache, sie kommen nicht zu uns.“
Auf Folgendes sei noch hingewiesen: die Klimaforschung geht bislang davon aus, dass diese Entwicklung etwa „ab Mitte des Jahrhunderts“ eingetreten sein wird, also etwa ab dem Jahre 2040, in etwa 20 Jahren also. Es wird aber schneller gehen.
Denn die neue US-Administration hat vom ersten Tag an deutlich gemacht, dass sie eine veränderte Energie-Politik durchsetzen will. Und die bedeutet einen noch stärkeren Anstieg der Emissionen. Das in Paris vereinbarte Ziel, den Anstieg der Durchschnittstemperatur auf 2 Grad zu begrenzen, ist nach Auskunft vieler Forscher nicht mehr erreichbar. Wir steuern gegenwärtig auf plus 3 Grad zu.
Mit anderen Worten: die Veränderungen werden nicht erst „in der Mitte des Jahrhunderts“ eintreten, sondern früher.
Und diese Veränderungen insbesondere in Nordafrika werden zu einem starken Anstieg der Zahl der Klimaflüchtlinge führen.
Man kann Menschen, die keine Lebensgrundlage mehr haben, nicht in „Auffang-Lagern“ einsperren. Entweder, sie sterben dort, oder sie machen sich auf den Weg, um einen Ausweg zu finden.
Mauern, Zäune und Lager sind keine Lösung.
Europa muss legale Fluchtwege einrichten und Einwanderungsgesetze beschließen, die Menschen in Not eine tatsächliche Lebens-Möglichkeit eröffnen.
Und zwar jetzt.

Und immer wieder Klemperer

Victor Klemperers „LTI – Sprache des Dritten Reiches“ (erschienen 1947) gehört zu den Büchern, die mein Leben maßgeblich geprägt haben. Immer und immer wieder ziehe ich es zu Rate. Nicht nur aus historischen Gründen, sondern, um die eigene Aufmerksamkeit zu trainieren. Ich kann mir mein politisches Leben ohne dieses Buch nicht vorstellen. Es ist zum Fundament meines Denkens geworden.
Was ist die Botschaft dieses Buches?
Achtet auf die Sprache! Denn an der Sprache zeigt sich, was kommen wird. An der Sprache kann man ein Beben erkennen, bevor es eingetreten ist. Sprache ist wie ein Seismograph. Ändert sich die Sprache, wird sich bald das Handeln ändern. Klemperer hat die Notizen zur Sprache des Nationalsozialismus in der Not geschrieben, um sich als Linguist, der er war, sinnvoll zu beschäftigen, trotz Arbeitsverbot.
Dieses Buch hat nicht nur mir geholfen, während der Zeit des DDR-Sozialismus die „offiziellen Verlautbarungen“, wie sie zum Beispiel im „Neuen Deutschland“ zu lesen waren, zu decodieren. Dieses Buch hat nicht nur mir die Augen geöffnet für die eigentlich gemeinte Wirklichkeit hinter der veröffentlichten Sprache.
Dieses Buch ist auch eine Anregung, mit der Gegenwartssprache aufmerksam zu sein.
Besonders wichtig ist die genaue Beobachtung der Sprache im Themenkomplex, der sich um die Worte „Flüchtlinge“, „Asyl“, „Asylrecht“ etc. abbildet.
Denn in kaum einem Politikfeld ist die Sprache so verschleiernd, so vernebelnd, so unklar wie in diesem Themenbereich. Und das hat Gründe.
Da ist zum Beispiel davon die Rede, Afghanistan sei „hinreichend sicher“, um Flüchtlinge dorthin „abzuschieben“. („Abschiebung“ übrigens ist ein Wort der LTI).
Es ist offenkundig, dass Afghanistan kein sicheres Land ist. Eher im Gegenteil. Die Unsicherheit im Lande nimmt Tag für Tag zu, die Belege dafür sind zahlreich. Dennoch hört man aus dem Bundesinnenministerium, das Land sei „hinreichend sicher„. Der Bundesinnenminister ist sich auch nicht zu schade, der Öffentlichkeit zu erklären, „ein Drittel“ der gestern von Frankfurt aus nach Afghanistan abgeschobenen Menschen sei „kriminell“ gewesen. Die Botschaft solcher öffentlichen Rede soll sein: „Im Grunde sind sie alle so“.
Die ZEIT hat in einem längeren Text die Genese solcher verschleiernden Begriffe aufgezeigt. Wer diesen Text aufmerksam liest, teilt vielleicht meine Erschütterung. In den Tiefen eines Bundesministeriums, in den Referaten und Abteilungen kommen solche „Wortdrechseleien“, solche verschleiernden Worte aufs Papier. Irgendein Referatsleiter denkt sich eine solche Formulierung aus, damit möglichst freundlich, möglichst elegant klingt, was nicht freundlich und schon gar nicht elegant ist. Der Minister achtet mit der gesamten Leitung des Ministeriums auf eine entsprechende „Sprachregelung„. Ich weiß, wovon ich rede.

Um zu verhindern, dass insbesondere aus Afrika Menschen zu uns kommen, schließt die Bundesregierung nun mit nicht wenigen Staaten Abkommen ab. Solche Abkommen sind im Munde der Bundeskanzlerin „Migrationspartnerschaften„.  Gemeint aber sind politische Deals. Europa gibt Geld, damit afrikanische Regierungen dabei helfen, dass Afrikaner in Afrika bleiben und sich nicht auf den Weg nach Europa machen.
Alle diese verschleiernden Worte dienen der Abwehr von Flüchtlingen. Man muss keine Mauern bauen, um Flüchtlinge „abzuwehren“.
Worte genügen.

Dahinter tritt ein Denken zu Tage, das nur ein Ziel hat: die Abwehr.
Das Wort „Flüchtling“ ist auf diese Weise, Schritt für Schritt, Wort um Wort, Veröffentlichung um Veröffentlichung für nicht wenige Menschen zu einem Synonym für „Bedrohung“ geworden.
So entstehen Feindbilder.
Und wer auf Wilhelm Heitmeyer hört, der wird die Gefahr erkennen, die in solcher „gruppenbezogenen Fremdenfeindlichkeit“ liegt: am Ende richtet sich die Kraft einer Gesellschaft gegen die schon längst von der Sprache ausgemachten „Feinde“.

Stefan Zweig hat darauf hingewiesen, dass die Veränderungen, die am Ende zur Katastrophe führten, während der Zeit des Nationalsozialismus „Schritt für Schritt“ kamen. Es waren leise Veränderungen. Ein Raunen nur. Eine kaum merkliche Veränderung der Sprache. Kaum hatte man sich an eins dieser Wörter gewöhnt, kam die nächste Eskalation. Bis man sich auch daran gewöhnt hatte.
Heitmeyer spricht deshalb von „Gewöhnungsgewinnen„.
Diese Gewöhnung an die „neue Sprache“ – die ist eines der größten Probleme.
Wer sich anschaut, wie sich die veröffentlichte und mittlerweile öffentliche Sprache im Zusammenhang mit dem Thema Flucht und Migration seit dem öffentlichen Auftreten von AFD, von Pegida & Co verändert hat, der bekommt ein ungefähres Gefühl dafür, was da kommt.
Wenn auch die sogenannten etablierten Parteien mittlerweile völlig unverblümt von „Asylmissbrauch“ sprechen und damit „Abschiebungen“ begründen, dann sieht man, wie das gegangen ist: von ganz rechts außen kam das Wort. Und nun ist es mitten im alltäglichen Sprachgebrauch.
Die unterlegte, (noch) nicht ausgesprochene Grundthese dabei lautet: „die sind alle kriminell. Die missbrauchen alle unsere Großzügigkeit. Die gehören alle „abgeschoben““. Das genau ist die Absicht derjenigen, die ihre „gruppenbezogene Fremdenfeindlichkeit“ längst in Hass gewandelt haben.

Wenn aber die veröffentlichte Sprache solche Rede übernimmt, ohne zu reflektieren, was da eigentlich vor sich geht – dann zieht der Hass ein in die ganze Gesellschaft. Und dieser Hass richtet sich dann stets gegen die Schwächsten, gegen die, die Hilfe brauchen.
Es beginnt mit der Sprache.

Dimensionen des Wandels. Es gibt keine Ausreden mehr

Alte Schlehen-Hecke bei Güterberg (Uckerland)
Alte Schlehen-Hecke bei Güterberg (Uckerland)

Wir pflanzen auf unserem Land. Aus guten Grund.
Denn der Klimawandel geht mit einem Tempo vor sich, dass einem der Atem stocken könnte. Wir sind verpflichtet zu handeln. Wir sind es unseren Kindern und Enkeln schuldig. Es gibt keine Ausreden mehr. 
Morgens ist in Uckerland Lektüre-Zeit. Deshalb habe ich mir eine Studie angesehen, die das Max-Planck-Institut für Chemie (Deutschland) und das Cyprus-Institut in Nicosia (Griechenland) veröffentlicht hat.
Zwei Annahmen liegen der Prognose bis 2050 zugrunde (das ist schon in 34 Jahren!)
a) Es gelingt der Weltgemeinschaft tatsächlich, die CO2-Emissionen so zu begrenzen, das die weltweite Durchschnittstemperatur nicht mehr als 2 Grad ansteigt. Selbst dann wäre die beschriebene Region von katastrophalen Hitzewellen heimgesucht.
b) alles läuft weiter wie bisher: dann steigt die Durchschnitts-Temperatur um 4 Grad.
Das aber hält der Mensch nicht mehr aus.

Das aber macht große Teile Nordafrikas und des Nahen Ostens unbewohnbar.
500 Millionen Menschen leben in dieser Region. Und sie werden sich auf den Weg machen.
Israel wird betroffen sein: all die Jahrzehnte, die der Jüdische Nationalfonds in mühsamer Arbeit in Bewaldung investiert hat – vergeblich.
Jordanien wird betroffen sein. Dort sind die Bedingungen schon jetzt katastrophal.
Nordafrika – von dort kommen jetzt schon die boat people.

2050.
Das ist in 34 Jahren. Eine winzige Zeitspanne. Ein Wimpernschlag.
Unsere Gesellschaften aber dümpeln vor sich hin, nur mit sich selbst beschäftigt, nur auf den eigenen Wohlstand bedacht – dass einen das blanke Entsetzen packen kann.

Ich weiß wohl, dass sich auch etwas tut in der Welt.
Die divestment-Bewegung macht Fortschritte. Mehrere Billionen (!) Dollar sind bereits aus Kohle-Investments abgezogen worden, obwohl die weltweite Kampagne noch relativ jung ist.
Erneuerbare Energien werden – auch in China und Indien – in großem Maßstab eingesetzt. Selbst Saudi-Arabien bereitet sich auf den Ausstieg aus dem Ölgeschäft vor.

Allerdings: die Zeit reicht voraussichtlich nicht mehr. Denn Investitionen in Erneuerbare benötigen ebenso Zeit wie gesellschaftliche Prozesse des Umdenkens.
Pflanzungen benötigen ebenfalls Zeit, bis sie ihre volle Wirkung entfalten können. Etwa 20 – 30 Jahre braucht eine neue Pflanzung dafür.

Wer eher pessimistisch veranlagt ist, wird angesichts dieser gewaltigen Dimensionen des Wandels sagen: Die Erneuerbaren, die Aufforstung, das Divestment – alles gut gemeint, aber: Zu spät.
Lasst uns noch ein paar Jahre feiern. Nach uns die Dürre.

In trüben Momenten fliegen mich derlei Gedanken auch an, ich sag es offen.
Dann allerdings gehe ich zurück in den gegenwärtigen Moment. Den nur den „haben“ wir, flüchtig, wie er ist.
Was also kann ich heute tun? Gestern ist vergangen und was morgen sein wird, kann ich nicht wissen. Ich habe nur den heutigen Tag. Was also kann ich tun?
Ich kann die Pflanzungen weiter vorbereiten, die für den Herbst auf Kirchenland vorgesehen sind.
Denn: wir haben Verantwortung. Es gibt keine Ausreden mehr.
Wer sich beteiligen will, kann das hier tun.

Über den Tag hinaus….

Im vergangenen Jahr gab es weltweit 60 Millionen Flüchtlinge. Das war der höchste Stand seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
In zweieinhalb Legislaturperioden, also in etwa 10 Jahren, werden es 250 Millionen sein. So sagt es das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, UNHCR.
Man weiß auch: einer der wichtigsten Treiber dieser Entwicklung ist der Wandel des Klimas.
Ein geringer Teil dieser gegenwärtig 60 Millionen erreicht Europa. Ein noch kleinerer Teil davon Deutschland. Und dennoch sind Reaktionen bereits jetzt enorm. Rechtsradikalismus macht sich breit, Gewalt nimmt zu. Der sächsische Polizeipräsident warnt öffentlich vor einer gefährlichen Pogromstimmung.
Gegenwärtig, also im Jahre 2016, schlagen nun einige vor, Menschen, die zu uns kommen, als „ultima ratio“ „mit dem Einsatz von Waffengewalt“ abzuwehren.
Erstens kann bei diesem Vorschlag von „ratio“ keine Rede sein und zweitens werden selbst diese Leute einsehen, dass man 250 Millionen Menschen nicht einfach erschießen kann.

Die Kanzlerin hat früh erkannt, dass die „Flüchtlingsfrage“ eine globale Frage ist, auf die Europa als Kontinent und politische Gemeinschaft eine Antwort entwickeln muss, weil Nationalstaaten dazu nicht mehr in der Lage sind.
Wir erleben jedoch gegenwärtig überall in Europa eine Zunahme nationalstaatlichen Denkens, was aber den „Problemen“, die da auf uns zu kommen, nicht angemessen ist.

Willy Brandt hat vor langen Jahren davon gesprochen, man müsse „mehr Demokratie wagen.“ Er hat die Republik damit zukunftsfähiger gemacht.
Mir scheint die Zeit gekommen zu sein, wo man sagen muss:
Wir müssen mehr internationale Kooperation wagen„.

Denn: wenn schon in zehn Jahren 250 Millionen Menschen auf der Flucht sein werden – nicht nur aus Gründen von Konflikten und Kriegen, sondern eben auch, weil sich das Klima so verändert, dass viele Menschen zu Hause „nichts mehr haben“, wie gerade jetzt in Äthiopien, wo die schlimmste Dürre seit 30 Jahren herrscht – dann wird man nur durch mehr internationale Kooperation zu angemessenen Lösungen kommen.

Die Kanzlerin hat die Dimension der Fragestellung verstanden, weshalb sie konsequent versucht, eine europäische Lösung zu finden.
Man wird ihr eines Tages noch sehr dankbar sein, dass sie so weitsichtig war und sich davon auch nicht abbringen läßt.
Dass alle diejenigen, die nun von „mehr Kontrollen“, „besser geschützten Grenzen“, gar vom „Einsatz von Schusswaffen“ reden, viel zu kurz springen, ist offensichtlich, wenn man die Trends ansieht, die ja bekannt sind. Sogar auf dem gerade erst zu Ende gegangenen Weltwirtschaftsforum in Davos hat man sich mit der Angelegenheit befasst, weil sie sich nicht „wegdiskutieren“ lässt.

Also: etwa 250 Millionen in den nächsten zehn bis 15 Jahren.
Nun sagt aber die Klimaforschung – der Weltklimagipfel in Paris hat das ja weltöffentlich gemacht – die eigentliche Herausforderung kommt erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts.
Denn: allein mehr als eine Milliarde Menschen lebt in Küstengebieten.
Die Zahl der Umweltflüchtlinge wird also weiter stark ansteigen.

Da helfen auch keine Zäune und keine Kontrollen. Und: man kann diese Menschen nicht einfach erschießen, wie die AfD vorschlägt und das auch noch „ultima ratio“ nennt.

Was ist zu erwarten und was bleibt zu tun?
Diese abzusehende Entwicklung kann zu mehr Nationalismus führen.
Das tritt dann ein, wenn die Hetzer gewinnen und die Menschen „ihr letztes Hab und Gut“ gegen andere „verteidigen“ wollen.
Das wäre der Zerfall Europas und das würde Kriegsgefahr bedeuten. Auch in Europa.

Diese abzusehende Entwicklung kann aber auch zu mehr Kooperation führen.
Denn eine“Krise“ ist immer auch eine Chance.
Die Krise kann „zum Tode“ führen, wie bei einer ernsten Erkrankung, sie kann aber auch zur Heilung führen, wie bei einer ernsten Erkrankung.

Leadership, also wirklich weitsichtige politische Führung, müsste die Chance zu mehr internationaler Kooperation zum Leitbild machen.
Und zwar sehr viel deutlicher als bislang.
Denn es genügt ja bei Weitem nicht, wenn Landes- und Bundes- und Europapolitik sich immer nur auf den status quo und die jeweils gerade im Kalender stehenden Wahltermine orientiert. Das wäre viel zu kurz gesprungen.
Zehn Jahre sind nicht lang.
Das sind nur zweieinhalb Legislaturperioden.
Jetzt sind es 60 Millionen Flüchtlinge weltweit, dann sind es 250 Millionen.
Und dreißig Jahre sind auch nicht lang. Gerade mal so eine Generation. dann kommt die eigentliche Herausforderung.

Ich weiß auch, Politik ist vor allem Tagesgeschäft. Es geht um das möglichst schnelle Lösen von aktuellen Konflikten.
Dennoch muss ein Denken über den Tag hinaus möglich sein.
Dummerweise lassen sich die Ursachen der abzusehenden Entwicklung – also der Klimawandel beispielsweise – nicht „einfach abstellen“. Und zwar deshalb nicht, weil das Klima langsam reagiert.
Deshalb muss gegenwärtig beides gelingen:
Die Versorgung der Flüchtlinge aktuell. Und zwar europäisch und wesentlich kooperativer als bislang. Darin ist die Kanzlerin unbedingt zu unterstützen.
Gleichzeitig jedoch muss mit starker Energie die internationale Kooperation in Sachen Klimavorsorge und Flüchtlingsfürsorge vorangetrieben werden. Denn im Klimawandel liegt eine der Hauptursachen für die abzusehende Entwicklung.

Ich weiß nicht, ob es gelingt, diese große Herausforderung zu bewältigen.
Falls es nicht gelingt, wird es Krieg geben. Auch in Europa.
Es gibt aber Hinweise dafür, dass es gelingen kann. Weil die Zahl der Menschen wächst, die bereit sind, über den Tag hinaus zu denken.  Das hat man beim Weltklimagipfel in Paris sehen können.
Wir müssen mehr Kooperation wagen, denn die Zahl der Menschen, die gegen Kooperation und für mehr nationalstaatliche Lösungen argumentieren, wächst leider gegenwärtig auch in ganz Europa.

Aber dieses Wagnis zu mehr Kooperation müssen wir eingehen.
Nicht allein der Flüchtlinge wegen, sondern auch um unser selbst willen.

 

 

Kein Offener Brief an Frau Wagenknecht und Herrn Seehofer

Liebe Frau Wagenknecht, lieber Herr Seehofer, meine alten Ohren mussten in den zurückliegenden Tagen öfter aus Ihrem gewählten Munde die Rede vom “Gastrecht” vernehmen. Und meine alten Augen mussten davon lesen.
Sie führten unter anderem aus, dass dieses Gastrecht den Deutschen gehöre und vor allem, dass dieses Gastrecht mißbraucht werden könne.
Weshalb Sie die Ansicht vertreten, dass Menschen, die “unser Gastrecht missbrauchen” möglichst schnell woandershin weitergeschoben werden sollten.
Ich will Sie deshalb etwas fragen:
Als Sie liebe Frau Wagenknecht und Sie lieber Herr Seehofer, auf diese schöne Welt kamen, da war diese schöne Welt doch schon da, oder irre ich mich?
Hm.
Und eines fernen Tages – der Herr schenke Ihnen einen langes und arbeitsreiches Leben – werden Sie diese schöne Welt in einer Kiste (vermutlich) wieder verlassen und weiter ziehen.
Sie beiden sind also, wie wir alle, Durchreisende in einer Welt, die uns nicht gehört.
Haben wir darin Übereinstimmung?
Nun. Dann meine einfache Frage:
Wenn uns diese Erde nicht gehört, sondern wir Menschen alle nur Durchreisende sind, wie alle unsere Vorfahren und Nachkommen, wie kommen Sie dann auf die Idee, ein Teil dieser Erde – sagen wir Bayern -, gehöre nur den Deutschen?
Und die Deutschen hätten ein “Gastrecht” zu vergeben?
Also: schlafen Sie doch noch mal eine Nacht über Ihrer Rede vom Gastrecht und dann packen Sie mal etwas von dem Überfluss aus, der in unseren Schränken und Häusern und auf unseren Konten anzufinden ist und zeigen Sie sich mal von der menschlichen Seite.
Wir geben unserem Kumpel und seiner Frau, die da auf der Durchreise sind, schlicht etwas ab von dem, was wir zu viel haben.
Schließlich können wir sie ja verstehen.
Denn wir sind ja selber nur auf der Durchreise.
Mit freundlichen Grüßen Ulrich Kasparick Dorfpastor

 

Da muss man einfach zur Feder greifen und unterstützen.

Es gibt Projekte, die bedürfen einfach der Unterstützung.
Das Zentrum für Folteropfer in Ulm ist so ein Projekt.
Was kann ich tun?
Ich kann zur Feder greifen und auf dieses Zentrum hinweisen.
Ich verbinde das mit der Bitte, sowohl die Homepage als auch die fb-site aktiv zu „teilen“.
Weshalb? Nun, hier wird nicht gehetzt, wie es Mode geworden ist, sondern hier wird geholfen.
Sehr konkret.
Sehr mühsam.
Ehrenamtlich.
Von Profis.
Was dort geleistet wird, erfährt man zum Beispiel in diesem kleinen Artikel.

Die fb-site des Zentrums für Folteropfer hat im Moment (ich schreibe diese wenigen Zeilen am 20.11.2015 abends) 60 likes. Das kann ja wohl nicht wahr sein.
Ich wünsche mit 10.000 likes auf dieser Seite. Das ist nicht zu viel verlangt bei einer Bevölkerung von 80 Millionen, von denen etwa 40 Millionen social media nutzen.
Meine Hoffnung ist auch, dass sich der eine oder die andere findet, vielleicht sogar ein Unternehmer samt seiner Belegschaft, die ihre diesjährige Weihnachtsgabe dem Zentrum zur Verfügung stellen.