Als Radiohören lebensgefährlich war. Gartzer Geschichten. Clip 6. Etwas von der „Gartzer Zeitung“ und von Telefunken

Als Radiohören lebensgefährlich war. Gartzer Geschichten. Clip 6. Etwas von der „Gartzer Zeitung“ und von Telefunken

Beinahe beiläufig erwähnt Martha Dähn (*1902) im aufgezeichneten Gespräch von 1980, daß man zu Hause „mit nem Kissen drüber“ Radio gehört habe. Sie war gefragt worden, ob sie sich an das erste Radio in der Familie Engelmann noch erinnern könne?
Ihre Antwort:

„Und denn ham wir Radio anjemacht und denn durften wir doch nicht hören! Westen und so, also „England“. „England“ hat ja immer durchjesendet.
Und denn ham wir so’n Kissen drüberjemacht und denn ham wir immer so jehorcht[1].“

Damit gehörte Familie Engelmann zu den etwa 14 Millionen Deutschen, die trotz Verbot dennoch BBC gehört haben. Der Deutschlandfunk hat sich mit der Sache in einem kleinen Beitrag ausführlicher befasst.

Familie Dähn jedenfalls hatte schon vor 1933 diesen „schönen Telefunken“, von dem die Rede ist und war gut informiert. Und dann war zusätzlich ja noch die „Gartzer Zeitung“. Die kommt in der Erzählung von Martha Dähn öfter vor, meist im Zusammenhang mit irgendwelchen uckermärkischen Schnurren wie der von Frau Hahn. Sie erzählt:

Ach ja, dat wer ick dir noch erzähln:
Also, bei uns hat die öfter jeholfen. Frau Heifelder.
Und Frau Heifelder ihr erster Mann hieß Hahn.
Und die konnten sich nicht verstehn. Und denn ham sich[1] scheiden lassen.
Und denn hat der Hahn in der Zeitung setzen lassen, in der „Gartzer Zeitung“, da stand denn immer alles drin: wenn eener eine Beleidung hatte: „ich nehme die Beleidung zurück“
Und denn steht drin: „Wenn meine Frau wat borcht, Jeld borcht[2], ich komme für nichts auf. Hahn“
Und nächste Mal steht drin: „Mein Hahn is mir entlaufen. Wer ihn findet, kann ihn behalten!“
Dat stand alles drin in „Gartzer Zeitung[3]“. Du kannst dir denken, wie die Leut jelacht ham! Und eener kannt’n andern!
Der hatte so viel Sommersprossen und sie hat jesacht: „Och, du bist ja mit Brotsupp bebroken[4]“ . Also, die Brotsupp, die war so schwarz. Und er hatte so viel Sommersprossen.
Und so stand dat denn immer in‘ Zeitung. Und, na, dat war ja wat.

„Und dann kam irgendwann Radio. Wann habt ihr Radio gekriegt?“
„Du, wir hatten eigentlich jar nich so spät Radio. Wir hatten einen großen „Telefunken[5]“ uns jekauft, da lebte mein Willem[6] noch. Da hatten wir schon nen „Telefunken“. Dat war – wann war denn dat….,
Dat ham uns nachher die Russen, da waren doch die Paulus-Russen, also die Russen, die überjejangen[7] waren zu den andern, die gegen die Russen kämpften[8], und da hat uns eener den abjekauft. Wann war’n dat…,
Na, denk dir mal an, 33 is er jestorben[9], und da hatt’n wir’n ja schon!
Ja, den ham wir schon früh jehabt. Schön großet „Telefunken“.
Dat war ja nu wat Schönet, dat wir Radio hatten.
Und denn ham wir Radio anjemacht und denn durften wir doch nicht hören! Westen und so, also „England“. „England“ hat ja immer durchjesendet.
Und denn ham wir so’n Kissen drüberjemacht und denn ham wir immer so jehorcht[10].“

Im Zusammenhang des aufgezeichneten Gesprächs von 1980 hört sich die heutige Episode so an:


[1] Hochdeutsch: „haben sie sich“

[2] Geld borgt

[3] Im Archiv erhalten geblieben sind die Ausgaben bis 1926.

[4] Mit Brotsuppe bebrochen

[5] Als Markenfirma – nicht aber als Herstellerin – dominiert Telefunken für Deutschland in Sachen Radios bereits ab Mitte der 20er Jahre den Markt und erreicht 1933 einen Marktanteil von 17,4%, gefolgt von Saba mit 10,9 und Mende mit 10,1% [503]. Der Anteil fällt 1934 auf 12,1%.

[6] Wilhelm Dähn

[7] übergelaufen

[8] Die größte Spur bei der Verteidigung von Stalingrad hinterließen in diesem dramatischsten Moment – in der letzten Periode der Verteidigung, im Moment der Kapitulation und danach, die russischen Freiwilligen. 
Kurz vor dem Ausgang der Schlacht, wurde aus einem Teil der russischen Kämpfer eine Division gebildet, die in die Geschichte unter dem Namen «Von Stumpfeld“ nach dem Namen ihres Kommandeurs, General- Leutnant Hans Joachim von Stumpfeld eingegangen ist.. Die Division beteiligte sich aktiv an den Kämpfen, wurde von ehemaligen Rotarmisten aufgestellt, und ist allmählich zahlenmäßig gewachsen, die Offiziers- Stellungen wurden durch freiwillige ehemaligen Offiziere der roten Armee aufgefüllt. Aufgestellt am 12. Dezember 1942 in Stalingrad aus russischen Freiwilligen, Kosaken, Ukrainern und russischen Polizisten sowie deutschen Kommandeuren. Die Division war mit russischen Beutewaffen ausgestattet, die Panzerabwehr-Waffen stammten von der 9. Flak-Division. Die Division wurde im Februar 1943 in Stalingrad vernichtet.
Die ungeklärte Frage bleibt, wie solche „Überläufer“ nach Gartz kamen, um von Martha Dähn den „Telefunken“ zu kaufen.

[9] Da war Ilse Dähn sieben Jahre alt, als ihr Vater starb

[10] Während der Nazizeit war das Abhören von ausländischen „Feind“-Sendern streng verboten und wurde hart bestraft. Seit Kriegsbeginn, aber speziell als der Krieg die entscheidende Wende zu Ungunsten Deutschlands genommen hatte, war das Abhören ”feindlicher” Sender wie zum Beispiel der englischen BBC lebensgefährlich, denn es wurde als Landesverrat betrachtet und mit sofortiger Erschießung geahndet. Ein von Joseph Goebbels vorgelegter Entwurf für ein Gesetz über das Abhören kommunistischer Sender, das „Geldstrafen und Gefängnisstrafen nicht unter zwei Jahren“ vorsah, wurde 1937 auf Geheiß Adolf Hitlers nicht umgesetzt.[3]

In einem Monatsbericht aus Bayern, der zur Information der Gestapo angefertigt wurde, wird im April 1939 gemeldet:

„Bedenklich ist die immer größer werdende Sucht, die in deutscher Sprache ausgehenden Meldungen ausländischer Rundfunksender abzuhören. Das führt dazu, dass auch auf dem Lande von weniger begüterten Volksgenossen anstelle der einfachen billigen Volksempfänger die teuren und leistungsfähigen Rundfunkgeräte bevorzugt werden, mit denen auch die Sendungen aus dem Ausland gut abgehört werden können.“[4]

Hitler billigte später eine mehrfach veränderte Vorlage, bei der Goebbels das ablehnende Votum des Ministerrates durch vorzeitige Veröffentlichung überspielt hatte, und die Verordnung wurde am 7. September 1939 im Reichsgesetzblatt verkündet.


[1] Während des Krieges war das Abhören von ausländischen „Feind“-Sendern streng verboten und wurde hart bestraft. Seit Kriegsbeginn, aber speziell als der Krieg die entscheidende Wende zu Ungunsten Deutschlands genommen hatte, war das Abhören ”feindlicher” Sender wie zum Beispiel der englischen BBC lebensgefährlich, denn es wurde als Landesverrat betrachtet und mit sofortiger Erschießung geahndet. Ein von Joseph Goebbels vorgelegter Entwurf für ein Gesetz über das Abhören kommunistischer Sender, das „Geldstrafen und Gefängnisstrafen nicht unter zwei Jahren“ vorsah, wurde 1937 auf Geheiß Adolf Hitlers nicht umgesetzt.[3]

In einem Monatsbericht aus Bayern, der zur Information der Gestapo angefertigt wurde, wird im April 1939 gemeldet:

„Bedenklich ist die immer größer werdende Sucht, die in deutscher Sprache ausgehenden Meldungen ausländischer Rundfunksender abzuhören. Das führt dazu, dass auch auf dem Lande von weniger begüterten Volksgenossen anstelle der einfachen billigen Volksempfänger die teuren und leistungsfähigen Rundfunkgeräte bevorzugt werden, mit denen auch die Sendungen aus dem Ausland gut abgehört werden können.“[4]

Hitler billigte später eine mehrfach veränderte Vorlage, bei der Goebbels das ablehnende Votum des Ministerrates durch vorzeitige Veröffentlichung überspielt hatte, und die Verordnung wurde am 7. September 1939 im Reichsgesetzblatt verkündet.

Wenn die mündliche Erinnerung in der Familie bis 1840 zurückreicht – als die Bahn von Berlin nach Stettin gebaut wurde….clip 4

Wenn die mündliche Erinnerung in der Familie bis 1840 zurückreicht – als die Bahn von Berlin nach Stettin gebaut wurde….clip 4

Martha Dähn (*1902) hatte im Jahre 1980 noch Erinnerungen an ihre Großmutter. Die war nämlich Zeitzeugin, als die Bahn von Berlin nach Stettin gebaut wurde. Die Berlin-Stettiner Eisenbahn-Gesellschaft war ein privates preußisches Eisenbahnunternehmen, das von 1840 bis 1885 bestand. Die Hauptstrecke der Gesellschaft war die 1842 bis 1843 eröffnete Bahnstrecke Berlin-Stettin. Bis 1877 erweiterte die Gesellschaft ihr Netz um weitere Strecken in Vor- und Hinterpommern auf eine Gesamtlänge von rund 960 Kilometern; sie gehörte damit zu den größten deutschen Privatbahnen. Am 13. Juni 1879 kaufte der preußische Staat die Gesellschaft zum 1. Februar 1880 auf.

Gartz/Oder war in den Anfangsjahren nicht an die Berlin-Stettiner Bahn angeschlossen, man musste mit der Kutsche zur Bahn fahren. Erst im Jahre 1913 wurde Gartz selbst mit einer kleinen Nebenbahn an die Hauptstrecke Berlin-Stettin angeschlossen.

Diese Großmutter wird in der Familienerinnerung mit einem Satz zitiert: „Wenn die Bahn erst ohne Ross kommt, dann jeht die Welt nach ihrem Ende.“
Wir sind nun angekommen in der ackerbäuerlichen Umgebung von Gartz an der Oder etwa im Jahre 1840, genauer in Hohenselchow, wo die Großmutter von Martha Dähn herstammte, genauer: die Mutter ihres Mannes Wilhelm Dähn. So mancher konnte sich damals in den Dörfern an der Oder nicht vorstellen, daß eine Bahn „ohne Ross“ bewegt werden könnte und befürchtete das Ende der Welt.

Die Großmutter von Martha Dähn galt als „sehr belesen“. Das meinte konkret: sie hatte vor allem die Bibel gelesen, denn – so die Auskunft von Martha Dähn im Jahre 1980, als die hier zu besprechende Tonbandaufzeichnung entstand: „Wir hatten ja nüscht außer Bibel und Zeitung. „Gartzer Zeitung“. Da die Großmutter von Martha Dähn aber nun „sehr belesen“ war, hatte sie für jede Lebenslage „einen Spruch“ parat. Zum Beispiel, wenn die jungen Mädchen mit 14 (nach dem Abschluss der Acht-Klassen-Schule) aufs Feld mussten zur schweren Arbeit.

Im hier besprochenen Textabschnitt der Tonbandaufzeichnung erfahren wir nicht nur etwas über die verschiedene Aussprache in den Dörfern und Städten der Uckermark – in Hohenselchow sprach man „allet so’n bißchen auf „a“ – , sondern es taucht auch eine Schwester von Martha Dähns späterem Mann auf: Mariechen. Die beiden Geschwister verstanden sich gut, machten Musik zusammen und „amüsierten“ sich über die Aussprache der Großmutter aus Hohenselchow.

Wir erfahren außerdem etwas von der „Gartzer Zeitung“ und von der „Parole„. „Parole“ war eine deutsch-national ausgerichtete Zeitung, die sich vor allem an Kriegsveteranen wandte.

Die „Parole“, so erfahren wir auch im Text, „jing immer rum“ – wurde also von Haus zu Haus weitergereicht. Man sparte sich so ein teures Abonnement. Die „Kriegervereine“ und ihre Zeitung werden Ende der Zwanziger Jahre am Ende der Weimarer Republik eine zentrale Rolle spielen, denn sie waren – gerade in den ländlichen Regionen Pommerns – mit wahlentscheidend zugunsten der Nationalsozialisten.

Heute aber soll es um die Bahn Berlin-Stettin gehen. Wir stoßen auf die Erinnerung an den Bau der Bahn, die einfachen Bauern im Jahre 1840 befürchteten nun „das Ende der Welt“, wenn die Bahn „ohne Ross“ gefahren käme.
Heutzutage bemüht man sich wieder, die Bahnverbindung von Berlin nach Stettin so zu ertüchtigen, daß beide Metropolregionen besser miteinander verbunden werden können, allerdings war die Beziehung zwischen Szeczin und Berlin auch nach dem Kriege nie ohne Probleme, wie ein Beitrag anlässlich der Schienenverkehrswochen 2003 ausführlich darlegt.

Und nun Text und Original-Aufnahme des Gesprächsabschnittes der Tonbandaufzeichnung von 1980, die auf all die beschriebenen Details hinweisen:


„Und da hat die Großmutter, die alte, die war sehr belesen, die konnte die Bibel bald auswendig. Und denn war 1800 in der Sechziger (um 1860), da ham sie die Bahn jekricht Berlin-Stettin und da hat sie gesagt:
„Wenn die Bahn erst ohne Ross kommt, dann jeht die Welt nach ihren Ende.“
Und auch so: immer Sprüche!

Denn hat dat Dienstmädel jesacht, dat erzählte mir mein Mann immer, wat dein Großvadder is, da war dat so heiß, und die Mädels kamen mit vierzehn aus der Schule und denn gleich auf’n Acker und denn eine Hitze auf’n Kopp und denn dat Hacken, nich. Ach und dat fiel ihnen so sauer.
Und denn haben se jesacht:
„Großmutter, Großmutter, nu sach uns noch eens nen schönen Spruch!“
Und denn sacht se:
„So dir sauer wird um deine Arbeit, lass dir’s nicht verdrießen, denn Gott hat es so gewollt.“
Für allet hat se’n Spruch jehabt!
Und wenn se denn so öfter Hohenselchowsch[2] jesprochen hat, die sprechen allet so’n bisschen auf „a“, so sprechen die, denn jeder Ort hat seine andere Sprache.
Und denn ham’s bede[3] jelacht, er und Mariechen, er hat sich mit seine Schwester jut verstanden, die haben immer beide musiziert, also die haben sich wunderbar verstanden, und dann haben sich immer beide anjeguckt, wenn Großmutter denn immer so auf „a“ Hohenselchowsch jesprochen hat, denn ham se jelacht.  
Wie hat se immer noch jesacht:  „Da wird das Lachen werden teuer, wenn alles wird verjehn in Feuer“
Also, für allet hatte se nen Bibelspruch!
Ja. Weißt du, die haben doch früher jar nüscht weiter jehabt wie die Bibel.
Bibel und bisschen Zeitung.
Wir hatten bloß „Gartzer Zeitung“, wir hatten jar keene[4] andre Zeitung.
Und Vater hatte politisch noch „Parole[5]“. „Parole“, dat war von Deutsch-National, det jing immer rum[6].
Aber sonst jabt nischt[7] weiter wie „Gartzer Zeitung“.
Denn wusst‘ all’s[8], wat neu is, wat passiert.“

Im Originalton klingt der Abschnitt so:



[2] Hohenselchow ist ein Dorf in der Nähe von Gartz

[3] Beide

[4] Gar keine

[5] „Parole“ war die „Krieger-Zeitung“, also ein Blatt, das sich an ehemalige Kriegs-Teilnehmer wandte.

[6] Wurde von Haus zu Haus weiter gegeben

[7] Gab es nichts

[8] Dann wusstest du alles