Nun sind sie endlich da: die Kriegsbriefe zwischen Annemarie und Erich. Er, Jahrgang 1900, evangelischer Pastor, Mitglied der Bekennenden Kirche, Vater von vier Kindern, Soldat vom ersten bis zum letzten Kriegstag. Sie, Jahrgang 1901 – Stendalerin und Altmärkerin, Mutter von vier Kindern in Groß Schwechten in der #Altmark. Sie haben sich beinahe jeden zweiten Tag geschrieben. In Sütterlin, versteht sich.
Diese vielen erhaltenen Briefe haben wir in jahrelanger, recht mühsamer Arbeit nun in lesbare lateinische Schrift gebracht und der rainStein-Verlag in Berlin hat die beiden Bände publiziert.
Erika (1928 – 2020), die älteste Tochter dieses Pfarr-Ehepaares aus der Altmark hatte diese Briefe sorgfältig aufbewahrt. Im hohen Alter sorgte sie sich, was aus „den Briefen“ wohl werden würde, wenn sie gestorben wäre? Sütterlin könne doch kaum noch jemand lesen! Und dann die winzige Schrift ihres Vaters, oftmals nur in Bleistift geschrieben, schnell auf einen Feldpostbrief gekritzelt in der Ladepause des LKW-Kolonnenführers Erich Immelmann! Kaum möglich, solche Kritzelei überhaupt zu erkennen! Erika machte sich Sorgen um den Nachlass ihrer Eltern.
Erika hatte selber keine Kinder, aber um die Tochter ihrer Schwester Maria (1934 – 1957) hat sie sich gekümmert, als wäre es ihre eigene. Und deren Kinder hat sie gleichsam als Enkel adoptiert. Johannes, einer der drei, hat sich anfangs mit ihrer Hilfe um „die Briefe“ gekümmert. Er saß bei Erika bei einer Tasse Kaffee und hat geschrieben, was sie ihm vorlas. Das ging langsam vor sich, weil Erika oft nicht weiter konnte, übermannt von Erinnerungen und aufsteigenden uralten Gefühlen. Erika und ihre Geschwister – das waren Kriegskinder. Traumatisiert, voller Angst um den Vater, viel zu früh „erwachsen“ geworden. Sabine Bode hat umfänglich über Kriegskinder publiziert. Ich hab Annemaries und Erichs Kinder alle noch kennengelernt, da waren sie schon hochbetagt.
Johannes hat zunächst geholfen, meine Frau, Enkelin von Annemarie und Erich, hat ebenfalls stundenlang mit Erika gesessen und „die Briefe“ vorgelesen bekommen und hat sie dann aufgeschrieben. Schließlich hab ich mich beteiligt und sowohl Annemaries als auch die sehr schwer lesbaren Erich-Briefe Zeile für Zeile, manchmal sehr langsam Wort für Wort, Buchstaben um Buchstaben in lesbare Schrift gebracht. Wenn wir gar nicht mehr weiterkamen, holten wir uns Hilfe bei der Sütterlin-Schreibstube der AWO in Konstanz. Dazu mussten die Briefe gescannt werden – viel Handarbeit.
Wir mussten die Briefe zunächst nach Datum sortieren. Sie waren zwar wohlverwahrt, mussten aber sortiert und handhabbar gemacht werden. Jeder einzelne kam deshalb in eine Dokumentenfolie, weil absehbar war, daß wir die Dokumente nun sehr oft in die Hand nehmen mussten, aber nicht beschädigen wollten. Vier dicke Aktenordner standen nun im Regal und harrten ihrer Dechiffrierung.
Wie schwierig manche Originale zu handhaben waren, kann man hier sehen:
Von der Mühsal, schwer lesbare Schrift zu dechiffrieren
Jeder Brief lag schließlich als einzelne Datei vor. Viele mussten vorher gescannt werden, damit man sie in der Vergrößerung am Computer überhaupt erst lesbar bekam. Diese einzelnen Dateien waren nun zu einem Dokument zusammenzuführen. Wenn irgend möglich, ohne Datenverlust …. Selbstverständlich war die Sicherung der geschriebenen Dateien zentrales Thema und mit großer Sorgfalt zu bedenken.
Dann kam ein kleines schmales Fotoalbum im Nachlass von Erika dazu. Ich werde über die Arbeit mit diesen Fotos noch einen eigenen Beitrag schreiben. Soldat Erich Immelmann hat sie selbst aufgenommen. Diese Fotos waren zu scannen, zu bearbeiten und dann vor allem zu recherchieren. Was ist überhaupt auf den Bildern zu sehen? Ein paar wenige dürre Hinweise gab das Album selber her: mit Kreidestift geschriebene Ortsnamen zumeist. Dann ging aber die eigentliche Recherche erst los. Jedes Details von jedem Foto habe ich mir sehr präzise in der Vergrößerung angeschaut, jeder noch so versteckte Hinweis konnte helfen, zu verstehen, was überhaupt zu sehen war. Wenn ich Datum und Ort hatte, kam ich weiter. Was gefunden wurde, landete im Text in der Fußnote zum Foto.
Auf diese Weise fingen nach und nach auch die Bilder an zu sprechen.
Die ganze Arbeit war zu ergänzen durch Fachliteratur. Orts- und Personennamen waren zu prüfen. Zusammenhänge aufzuklären, Hintergründe zu erhellen. Spezialliteratur über die Panzerschlacht von Kursk beispielsweise oder über den Partisanenkrieg in Italien kurz vor Ende des Krieges, Erkenntnisse über das Kriegsgefangenenlager in Rimini oder die Orte in der heutigen Ukraine, die in den Briefen Erwähnung fanden – all das war zunächst zu ermitteln und dann, möglichst kurz, in den Fußnoten so zu vermerken, dass die Lektüre der Briefe weiter vervollständigt und die Zusammenhänge verstehbar wurden.
Wir erfahren in den Briefen sehr viel über den „ganz normalen Kriegsalltag“, sowohl in Groß Schwechten im Pfarrhaus in der Altmark, als auch von der Front, wenn Erich von seinen „Einsätzen“ schrieb. Vieles findet sich nur in Andeutungen, manches ist chiffriert – Feldpost wurde kontrolliert, man konnte nicht alles offen schreiben.
Neben den Briefen kommunizierten die Eheleute auch bei persönlichen Treffen – mehrere Urlaube sind dokumentiert -, sie kommunizierten über Kameraden, die auf Besuch „vorbei“kamen und frische Nachrichten brachten, es gab zusätzlich wenigen Telefon- und Telegrammkontakt.
Interessant ist für den Historiker, was in den Briefen steht – und was darin nicht enthalten ist. Interessant ist, wie Großereignisse – z.B. das Attentat auf Hitler, oder die Schlacht um Stalingrad – in den Briefen Widerhall finden. Interessant ist, was die Eheleute unter „Krieg“ verstanden, und wie der Krieg sie über all die Jahre veränderte. Interessant ist auch, wie sich die Wahrnehmung des Krieges im Laufe der Jahre veränderte. Was anfangs „schneller Erfolg“ und „Hoffnung auf ein baldiges Ende des Einsatzes“ war, wurde schon bald zur Sorge, die Kinder ausreichend ernähren zu können. Spätestens nach Stalingrad hatte sich die Wahrnehmung des Krieges völlig verändert und als dann auch die Bomber der Alliierten über Deutschland flogen – auch über die Dörfer der Altmark -, da hatte „Krieg“ plötzlich eine völlig andere Wahrnahme als zu Beginn des Krieges, als er von der Zivilbevölkerung in Deutschland „weit weg“ war.
Nun liegen diese über lange Jahre sorgsam gehüteten Dokumente der Öffentlichkeit vor. Sie sind – und das ist zentral wichtig – keine rückblickende Lebenserinnerung, die ja oftmals geschönt, gefärbt und verändert ist. Was nun vorliegt, das sind historische Dokumente. Sie sind aus dem Moment geschrieben, vom Augenblick beeinflusst. Ungeschönt, ungeschminkt, dokumentarisch. Eben das macht sie so wertvoll.
Die nun vorliegenden Kriegsbriefe mögen allen historisch Interessierten interessanten Lernstoff an die Hand geben und sie ermutigen, doch einmal selbst jenen „alten Koffer auf dem Dachboden“ genauer anzuschauen, den man sich immer schon mal anschauen wollte.
Wir kannten uns von einer Stolperstein-Verlegung im September vorigen Jahres. Da wurde in Stralsund unter anderem ein Stolperstein für Josef Panski und seine Frau verlegt, der in meinem Buch über Dr. Hans Beu aus Prerow vorkommt. „Seppl“ aus Prerow. Bei dieser Stolperstein-Verlegung in Stralsund waren Jugendliche aus dem Leistungskurs Geschichte vom Hansa-Gymnasium in Stralsund dabei, die sich intensiv mit der Geschichte der Personen beschäftigt hatten, für die die Stolpersteine verlegt wurden. Und ihr Lehrer, Mark Fleckeisen (li. im Bild), zog auf freundliche, dezente, aber durchaus bestimmte Art im Hintergrund die Strippen. Er gehört in Stralsund zu denjenigen, die sich schon lange und ausdauernd und konsequent um die Geschichte der Stadt und ihrer Bewohner insbesondere in der Zeit der Naziherrschaft bemühen und zur Aufklärung beitragen.
Bei dieser Stolperstein-Verlegung nun lernten wir uns kennen und die Idee entstand, ich könnte einmal bei Gelegenheit nach Stralsund kommen und über meine Recherchen zu Heinrich Himmlers Spezi, dem „Hundemüller“, Franz Mueller-Darsserzählen, dessen Biografie insofern besonders ist, weil man an ihr den Übergang von der Kaiserzeit zur Weimarer Republik, die Radikalisierung des Kadetten Mueller zum SS-Generalmajor, seine „Entnazifizierung“ und seine schon sehr frühe Mitarbeit erst für die „Organisation Gehlen“, dann für den Bundesnachrichtendienst aufzeigen und belegen kann. Eine Täter-Karriere, die durchaus typisch war für die frühe Bundesrepublik Deutschland, in der nach dem Krieg so viele „Belastete“ schnell wieder in Amt und Würden kamen und so taten, als sei nichts gewesen.
Heute nun kam der Termin zustande, ich war nach Stralsund gereist, hatte mir ein schönes Quartier am Wasser genommen, das liegt ganz in der Nähe des Gymnasiums und schon ziemlich früh am Morgen hatten sich die Geschichtsklassen des Gymnasiums eingestellt: etwa 120 Schülerinnen und Schüler der Klassen 11 und 12 saßen da in der Aula und drei von ihnen, Paula, Tim und Albert führten ihre MitschülerInnen als gut präparierte Moderatoren durch anderthalb Stunden Geschichtsunterricht. Sie hatten Fragen an mich vorbereitet. Erst zur Person, dann zum Buch und im Teil drei ging es darum herauszufinden, weshalb die Arbeit an diesen „12 verdammten Jahren“ heute noch so wichtig ist und weshalb die Rede, man müsse „damit nun endlich mal aufhören“ so unsinnig ist. Heraus kam eine Geschichtsstunde nach dem Prinzip „Schüler unterrichten Schüler“, wie man sie sich besser nicht wünschen kann. Lehrer Fleckeisen hielt sich im Hintergrund zur Verfügung, assistierte wo nötig am Beamer und Laptop, hielt sich ansonsten aber zurück – den Schülern gehörte das Podium. Mir hat das sehr gut gefallen, denn darum geht es ja – daß die Jugendlichen selbständig werden, daß man sie gegen Ende ihrer Ausbildung am Gymnasium immer mehr los-lässt und sie selber Verantwortung übernehmen. Das ist ganz offensichtlich gelungen.
Wie ich nach der Veranstaltung erfuhr, wurde die Doppelstunde als „sehr spannend“ wahrgenommen, auch gab es die Reaktion, nun auch mal „in der eigenen Familie genauer nachzufragen“, was denn mit Opa oder Oma eigentlich genau los war in jenen Jahren. Eine Ermutigung also, die eigene Geschichte, die eigene Familiengeschichte daraufhin genauer zu befragen, was eigentlich „gewesen ist in jenen Jahren“.
Ich bin immer gern in Stralsund, jener schönen Stadt am Wasser. Ich hab seit heute einen Grund mehr, die Stadt bei Gelegenheit wieder zu besuchen.
Zwei Jahre Pause bei den Recherchen. Corona kam dazwischen. Nun aber soll es weiter gehen. Etliches Material habe ich bereits zusammengetragen, Fotos, Dokumente, habe neue Gesprächspartner gefunden. So ganz allmählich zeichnet sich ab, was da werden könnte. 1. Eine Kindheit in Ribnitz (22. Januar 1865*)
2. ein Medizin-Studium in Rostock
3. Promotion in Leipzig (1890) und Assistenzarzt im Bürgerhospital Stuttgart
4. Praktischer Arzt in Gnoien (1891)
5. Hochzeit in Rostock (8.4.1892) mit Anna Maria Welge, die aber schon 1896 starb und drei Töchter hinterließ.
6. Praktischer Arzt in Dargun (1892)
7. 1897 ist Beu Einwohner von Prerow
9. zweite Hochzeit 1903 in Prerow mit einer Tochter der Kapitänsfamilie Schall aus Born.
10. Eröffnung des Kindersanatoriums in Prerow (1905)
11. Erster Weltkrieg und die Arbeit als Kinderarzt
11. Tod in Prerow (7. August 1947 im Alter von 82 Jahren).
So in etwa könnten die Recherche-Stationen liegen. Nun will ich sehen, wie ich diese einzelnen Abschnitte mit Dokumenten, Fotos, Aufzeichnungen, Erinnerungen anfüllen kann. Die Leitfrage wird sein: wer war dieser Kinderarzt, der während der Nazizeit in seinem Kinderheim mindestens ein jüdisches Kind versteckt hat ? Was hat ihn geprägt? Welche Überzeugung hat ihn ausgezeichnet? Wir werden auch auf die politischen Ereignisse eingehen müssen, denn die waren (von 1870 über die Kaiserzeit, Ersten Weltkrieg, Depression, Weimarer Republik, Naziherrschaft, Deutsche Teilung) allesamt tief einschneidend und Dr. Beu musste sich dazu verhalten. Gleich „nebenan“ in Born residierte ab 1924 der spätere SS-Generalmajor Franz Mueller-Darss – und wiederum gleich „nebenan“, in Zingst, arbeitete 1934 Dietrich Bonhoeffer. Größte politische Spannungen auf engstem Raum zwischen den Dörfern des Darss. Das ist das Spannungsfeld, in dem Dr. Hans Beu sein Kindersanatorium betrieben hat und ich will möglichst genau wissen, wie das ging, ohne sich den Nazis anzudienen. Denn darauf gibt es beim jetzigen Stand der Recherchen schon Hinweise: Beu hat sein privates Sanatorium nicht dem nationalsozialistischen Verband der Privatkliniken und Sanatorien angliedern lassen. (das Titelbild zeigt Dr. Hans Beu bei seiner Silberhochzeit mit seiner zweiten Frau Louise, geb. Schall. Das Foto stammt aus dem Privatarchiv U.Herrmann, Bremen).
„1926 is unsre Brücke jebaut und gleich einjestürzt. Da sind drei Mann mit umm’t Leben jekomm. 1926, wie Ilse jeboren is“ erzählt Martha Dähn, geborene Engelmann etwa im Jahre 1980.
Das war ein einschneidendes Ereignis für das Ackerbauernstädtchen und hat sich tief ins Ortsgedächtnis eingebrannt. Die alten Gartzer datieren ihre Erinnerungen nicht selten in die Zeit „vor der Brücke“ und in die Zeit „nach dem Einsturz der Brücke“. Und für die damals knapp 24-jährige Martha Dähn verbindet sich diese Erinnerung mit der Erinnerung an die Geburt ihrer Tochter Ilse am 22. Mai 1926.
Man kann heute noch recht gut recherchieren, was damals vor sich gegangen ist, einige Zeitungen aus jenen Jahren stehen ja inzwischen online zur Verfügung. Eine alte Holzbrücke über die Oder hatte es über Jahrhunderte gegeben, die Gartzer Landwirte hatten ja ihre Felder und Wiesen auf der anderen Seite der Oder und mussten oft über den Strom. Allerdings war die Holzbrücke eingestürzt und lange gab es keinen Ersatz, weshalb man Kühe und anderes Vieh mit einem Kahn über die Oder bringen musste. Martha Dähn wird an anderer Stelle davon erzählen. Der Wunsch der Gartzer nach einer „neuen Brücke“ führte dann im Jahre 1925 zum Beginn des Baus. Ausgeführt wurde sie mit einer in Deutschland damals noch weitgehend neuen Brückenbau-Technologie: Stahlbeton.
Zehn Tage vor der Eröffnung der neuen Brücke, am 19. September 1926, stürzte diese neue Brücke ein. Das „Schwedter Tageblatt“, das ich hier der Einfachheit halber einlese und akustisch dokumentiere, berichtet folgendermaßen von den Ereignissen. „Schwedter Tageblatt“ vom 21. 09. 1926:
Man kann sich die Aufregung in dem kleinen Ackerbauernstädtchen an jenem Wochenende lebhaft vorstellen. Das oben im Beitrag wiedergegebene Foto hat noch etwas von der Atmosphäre eingefangen. Und findige Unternehmer aus der Umgebung wussten die Sache auch zu nutzen, wie diese Anzeige im „Schwedter Tageblatt“ vom 21.09. 1926 belegt.
Die Sache zog natürlich Kreise und wurde untersucht. Im „Schwedter Tageblatt“ vom 21. 9. stand zu lesen, daß der für den Bau verantwortliche Betonmeister aus Berlin verhaftet worden sei. Weiter ist zu erfahren:
Allerdings wurde Betonmeister Firch schon bald wieder aus der Haft entlassen. Das „Schwedter Tageblatt“ weiß am 22. 9. 1926 in einem längeren Text inzwischen Folgendes:
Die Gartzer Stadtverwaltung hatte sich in jenen Tagen entschieden, trotz allem Unglück eine neue Brücke errichten zu lassen. Diese wurde – nach aufwändiger Beseitigung der Reste der Betonbrücke, große Teile mussten gesprengt werden – als Stahlkonstruktion ausgeführt. Diese Stahlbrücke konnte 1928 eröffnet werden und hielt bis zum April 1945, als sie von deutschen Pionieren gesprengt wurde, um den Vormarsch der Sowjetarmee, die schon breit aufgestellt am Ostufer der Oder lag, aufzuhalten. Auch zu diesem Abschnitt in der Ortsgeschichte kommen wir noch.
Das vorliegende Tonband ist vor etwa vierzig Jahren aufgenommen worden. Martha Dähn (*1902) erinnert sich an ihre Zeit in Gartz an der Oder am Ostrand der Uckermark. .“Schön am Strom gelegen“, wie Johannes Bobrowski vielleicht sagen würde. Dieses etwa einstündige Band teile ich in kleine Abschnitte auf und kombiniere Tondokument und Transskription, um es als Quelle für die Ortsgeschichte zur Verfügung zu stellen, solche alten „oral history“ Dokumente sind ja eher selten.
Martha Dähn, geborene Engelmann wohnte beinahe ihr ganzes Leben in Gartz an der Oder in der Großen Mönchenstraße 360. Von dort aus hat sie die Welt kennengelernt. Die Welt kurz nach der Jahrhundertwende im kleinen Ackerbürgerstädtchen Gartz mit etwa 3.500 Einwohnern. Man kannte sich. Bauern, Fischer, Handwerker, ein Gymnasium, ein Gericht, einen „Supperndenten“ von der Kirche, einen „Paster“ auch. Und dann natürlich das eine oder andere „Original“, wie es sich gehört für einen uckermärkisch-pommernschen Ort.
Im heutigen clip erinnert sich Martha Dähn an den Zeppelin und an die Titanic. Vom Untergang der Titanic erfuhren die Menschen aus der Zeitung oder, wie man damals sagte, von den „Zigeunern“, denn, wenn die „zum Volksfest“ nach Gartz kamen, hatten sie die neuesten Nachrichten „auf die Planen gemalt“, Fernsehen und Radio gabs ja noch nicht. Wir hören auch von Zauberern und „Hipnotisierern“, erahnen etwas von der Stimmung bei einem Gartzer Volksfest kurz nach der Jahrhundertwende, so, wie es sich in der Erinnerung der mittlerweile Achtzigjährigen eingegraben hat. Im Originalton klingt das so:
„Zepplin[1], ja! So 1911 muss et jewesen sind. 1910 oder 1911. Da warick noch’n klein Mädchen. Und da haben se lauter Zettel runterjeschmissen. Wees ick noch janz jenau. Wie die Zijarre[2] so rüber kam so janz langsam. Ja.“
Wann war dat, 1910 oder 1911, wo die Titanic[1] unterjejang is? Da kam se bei uns: so’n großen Wagen, mit lauter Leinen bespannt ringsrum und da war dat all’s jezeichnet. Der janze Untergang der Titanic.
Da ist so’n Zauberer jewesen, eener, der hat denen wat vorjemacht, und da hat er jesacht: „Bei mir jehen die Leute durch’n Baumstamm!“ Er ginge jetzt durch’n Baumstamm. Und da ham die jesacht: „Nee, dat is nich wahr!“ Und dann isser, ham auch wirklich jedacht, er jeht durch’n Baumstamm, und eene Frau hat jesacht: „Nee, der is nich durch’n Baumstamm, der is gleich nebenbei jejang.“ Die hat dat jesehn. „Huh, Wasser, Wasser!“ hat er jesacht und da hat sie janz und jar die Röcke hat se hoch jenomm. Und die Leute haben jelacht, und wie! Du, früher war dat überhaupt, wo dat allet frei war, da kam so ne, na, die so hipnotisiert[2] ham. Und dat war, wie hieß er denn noch, Mensch, siehste, ick hab den Nam‘ verjessen. Die sagen, der is früh jestorben. Da hat er se immer hipnotisiert, da war’n Leute bei uns, der hatte die Gasanstalt, und wir jingen ja immer da hin, wenn wat los war. Bei uns war ja wenig und denn jing[3] wir da hin. Und da sacht er zu ihm, er soll uffen Tisch, nee, ein Flugzeug fährt über, nich, und er soll winken und so jelenkig und denn hopst er aufen[4] Tisch und hat jewunken, als ob er richtig da dem Flugzeug zuwinkt, haha, dabei war jar nüscht. Und erst sacht er, wir mussten alle so machen, guck mal, so. Und die dat so nich auseinander krichten, ob er damit wat bezweckt, die hat er wohl, die hat er auch meist hoch[5] jeholt. Und denn hat er allet versteckt bei die Leut und denn immer wieder rausjeholt, ach, wie hieß denn dieser Kerl noch, dat war so ein Schwarzer. Da zogen sie ja all mit sowat rumher. Und denn nachher, da waren welche da, die ham solche Ringkämpfe jemacht. Und denn mussten welche vom Publikum ruff komm‘, wer da mitmacht, nich. Und denn da ruff[6]. Und denn nachher, ach, dat war immer ein Gaudium! Da war immer wat los.“
[1] Die „Titanic“ galt damals als das schnellste und sicherste Passagierschiff der Welt. Auf seiner ersten Fahrt ist das Schiff am 14. April 1912 auf einen Eisberg gefahren und untergegangen.
[5] Auf dem Markt war wohl eine kleine Bühne aufgebaut. Und die ausgesuchten Leute mussten dann „hoch“ auf die Bühne für die Kunststückchen beim Jahrmarkt.
[6] Rauf auf die Bühne. Den einfachen Bauersleuten ist das nicht leicht gefallen. Jetzt konnte einen ja jeder sehen…..
[1] Zeppelin. Ein mit Wasserstoff gefülltes, riesiges Luftschiff
[2] „Zigarre“ sagten die Leute, weil das Luftschiff wie eine große Zigarre aussah
Der Historiker und Journalist Dr. Edwin Sternkiker von der Ostsee-Zeitung in Ribnitz-Damgarten, der sich intensiv mit der NS-Zeit und auch der Zeit danach auf dem Darss befasst hat und befasst, meint, Franz Mueller-Darss habe am Ende des Krieges im April/Mai 1945 versucht, von seinen Bunkern im Darss-Wald aus Aktionen des „Werwolf“ zu organisieren. Schriftliche Belege dafür habe ich bislang in den untersuchten Akten zu Mueller-Darss nicht gefunden, was auch seltsam wäre, ich will aber dennoch dieser Spur einmal genauer nachgehen. Gesichert ist, dass sich Mueller-Darss ab dem 30. April 1945 in Bunkern im Darss eingegraben hat. In seinem Buch „Kein Ort zu bleiben“ (Schweiz 1955) spricht er von zwei Bunkern, im Buch „Verklungen Horn und Geläut“ (verfasst von dem NS-Schriftsteller Wolfgang Frank) ist von vier Bunkern die Rede. Die Frage ist, weshalb Mueller-Darss nicht auf die Flucht gegangen ist, sondern weshalb er sich überhaupt eingegraben hat. Klar war, „die Russen“ suchten ihn. Er behauptet, „10.000 Mark“ seien auf ihn ausgesetzt gewesen. In seinem Buch „Kein Ort zu bleiben“ behauptet er, er sei „aus Liebe zu meinem Wald“ geblieben, er habe „seinen Lebensinhalt“ auf dem Darss gefunden und wollte deshalb bleiben. Das ist wenig glaubwürdig. Man bleibt nicht, wenn man mit Kopfprämie gesucht wird, nur weil man einen Wald schön findet. Glaubwürdiger ist ein anderer Gedanke: dass sich der SS-Mann Mueller „so lange es irgend geht gegen die Russen“ zur Wehr setzen wollte. Mueller-Darss war er verblendeter Russen-Hasser, die Belege dafür sind zahlreich. Allerdings schreibt er in „Kein Ort zu bleiben“: „Zwar habe ich meine Waffen vergraben, doch wollen wir sie nicht anrühren. Ich habe keine Lust, Werwolf zu spielen. Das war die letzte verrückte, verbrecherische Idee, die in Berlin ausgeheckt wurde. Der Krieg ist aus, und jeder, der die Waffe och einmal aufnimmt, ist des Todes. Und ist ein Narr!“ Diese Bemerkung wiederum könnte ein nachträglicher Vertuschungsversuch seines Verhaltens sein. Das Buch erschien erst 1955, also zehn Jahre nach den Ereignissen in einer Zeit, in der man nicht gern an seine SS-Vergangenheit erinnert werden wollte.
Klar ist zweitens: Mueller-Darss und Himmlers Beauftragter für die „Werwolf“-Organisation, der SS-Oberführer Hans-Adolf Prützmann kannten sich. Und zwar kannten sie sich gut. Sie waren mehrmals bei Himmler zu Tisch, wie ich anhand des Diensttagebuches von Himmler kürzlich nachgewiesen habe. Mehr noch, sie waren „gute Kameraden“. Mueller-Darss berichtet im Buch „Verklungen Horn und Geläut“: „Ich habe auch noch einmal eine Frau gefunden, zudem die Witwe eines Kameraden, ……“ (433 in der 15. Auflage von 1985). Diese Frau war Christa, geb. von Boddien, verwitwete Prützmann, wie meine Recherchen nachweisen konnten. Ihre Todesanzeige von 2008 gibt den Hinweis. Ihre Söhne unterzeichnen mit „Prützmann“, nicht mit „Mueller-Darß“. Auch diese enge Verbindung zwischen der Familie Prützmann und Franz Mueller-Darss könnte ein Hinweis dafür sein, dass sich der „Forstmeister“ eher den „Werwölfen“ angeschlossen hat, als einfach in den Westen zu ziehen. Der Darss war militärisches Sondergebiet, Anschläge hätten wirkungsvoll sein können. Allerdings: es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass Mueller-Darss und seine Kumpane, mit denen er im Bunker gesessen hat, tatsächlich Anschläge verübt haben. Heute fand ich eine englisch-sprachige Aufzeichnung über die „Werwölfe“, die hier im Beitrag eingefügt sein soll. Zu sehen sind unter anderem Reichsführer SS, Heinrich Himmler und sein Werwolf-Organisator Hans-Adolf Prützmann. Auch gibt es einführende Hinweise im „Lebendigen Museum online.“ Klar ist: am Ende des Krieges waren es oft verblendete sehr junge Hitler-Jungen, die als „Werwölfe“ unterwegs waren, wie der Schriftsteller Erich Loest im hier verlinkten Beitrag des ZDF von sich erzählt. In der sowjetischen Besatzungszone sind viele von ihnen zunächst im NKWD-Sonderlager (zum Beispiel in Fünfeichen oder auch in Hohenschönhausen), nicht wenige von ihnen auch im Gulag gelandet. So mancher Ort ist von der Roten Armee beinahe dem Erdboden gleichgemacht worden, nur weil in den letzten Tagen des Krieges solche verblendeten „Werwolf“-Jüngelchen auf einem Kirchturm die Hakenkreuzfahne gehisst haben, obwohl die russischen Panzer schon direkt vor dem Ortseingang standen, wie es in Gartz an der Oder beispielsweise gewesen ist. Dieser Heimatort meiner Familie war bis unmittelbar vor dem Kriegsende fast völlig unversehrt, wurde dann aber zu einer Ruinen-Stadt, als Hitler-Jungen, die sehr wahrscheinlich den Werwölfen zuzurechnen sind, die alte Fahne auf der Kirche gehisst haben. Die militärischen Erfolge, die sich Himmler von den „Werwölfen“ erhoffte, sind nicht eingetreten.
Reichsführer SS Heinrich Himmler lud regelmäßig zum Essen ein. Mittagessen gab es pünktlich um 14 Uhr. Abendessen – je nach Lage – zwischen 20 und 21 Uhr. Ich habe die gerade neu herausgebrachten Diensttagebücher Himmlers der Jahre 1943-1945 auf Treffen zwischen Himmler und Franz Mueller-Darss hin ausgewertet. Ich wollte wissen, mit wem sich Mueller-Darss an Himmlers Tisch getroffen hat. Dieses „Ganoven-Netzwerk“ wurde nach dem Kriege zentral wichtig, als es für viele darum ging, eine neue Identität und eine neue Karriere aufzubauen. Die Recherche der Tischgäste ist nur ein erster Beginn – was aber jetzt bereits sichtbar wird: hier handelt es sich um Ganoven-Netzwerk erster Güte. Viele von denen wurden in Kriegsverbrecherurteilen verurteilt, etliche haben sich das Leben genommen, manche wurden hingerichtet, einige sind geflohen und untergetaucht. Aber: man kannte sich vom Essen beim Reichsführer SS.
Quelle: Diensttagebuch Heinrich Himmler 1943-45, hrsg. Von Matthias Uhl, u.a. Piper, 2020.
Dienstag, 28. Juni 1943 Berchtesgaden
14 Uhr Essen mit SS-Obergruppenführer Lorenz[1], SS-Obergruppenführer von dem Bach[2], SS-Gruppenführer v. Herff[3], SS-Gruppenführer Oberg[4], SS-Brigadeführer Kammler[5], SS-Brigadeführer v. Alvensleben[6], SS-Standartenführer Mueller. 15 Uhr: Vorführung eines Hundeschlittens durch Mueller
Mittwoch, 9. Juni 1943 Berchtesgaden. 20.15 Uhr Essen mit SS-Obergruppenführer Lorenz, SS-Standartenführer Mueller.
Donnerstag, 10. Juni 1943 Berchtesgaden (Himmler ist erkältet im Bett) 15 Uhr Treffen Himmler-Mueller
12. Montag, 22. Mai 1944 Feldkommandostelle Bergwald (in der Nähe von Hitlers Berghof) 20.00 Uhr Essen Himmlers mit SS-Obergruppenführer Stuckart[26], SS-Gruppenführer Bracht[27], SS-Brigadeführer Kreißl[28], Regierungspräsident Dr. Faust, SS-Brigadeführer Diermann[29], Oberst Flade, SS-Standartenführer Mueller, Dr. Bode[30].
[2] Bereits im Oktober 1942 hatte Himmler Erich von dem Bach-Zelewski als „Bevollmächtigten des RF-SS für die Bandenbekämpfung“ eingesetzt (Uhl, a.a.O. 31). In den zu „Bandenkampfgebieten“ erklärten Regionen „konnten SS und Polizei willkürlich schalten und walten, die Besatzungsjustiz wurde durch „Standgerichte“ ergänzt, die im Schnellverfahren Todesurteile herbeiführten.1943/44 überzogen Wehrmacht und Polizei fast im Wochentakt einzelne „Partisanenregionen“ mit großen Aktionen. Am 4. August 1944 schickte Himmler von dem Bach nach Warschau und ordnete die systematische Erschießung der Zivilbevölkerung in den umkämpften Vierteln (Ghettoaufstand) an, etwa 160.000 Menschen wurden getötet. (a.a.O. 33).
[33]https://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Becher. Dieser Herr Becher könnte mit seinen zahlreichen Handelsfirmen in Bremen und Umgebung dem Herrn Mueller durchaus behilflich gewesen sein, nach dem Kriege wieder Fuß zu fassen…..
[37]https://de.qaz.wiki/wiki/Ludwig_Stumpfegger der Leibarzt vom Heinrich Himmler, der zuletzt im Führerbunker dabei war. Der konnte dem Herrn Mueller nach dem Kriege allerdings nicht mehr viel nützen, weil er selber schon tot war.
[51] SS-Obergruppenführer Demelhuber fungierte als Befehlshaber der Waffen-SS in den Niederlanden, SS-Standartenführer Ax war der Chef seines Stabes (Uhl, a.a.O. 939) vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Maria_Demelhuber. Hier sieht man ihn „mit Hund“. Nach dem Kriege führt seine Spur nach Schleswig-Holstein und zur HIAG. Mueller könnte seine Hilfe in Anspruch genommen haben. Möglicherweise war Mueller selbst Mitglied in der HIAG (was zu prüfen wäre).
[52] „Der RF SS erließ einen Organisationsbefehl für das Diensthunde- und Brieftaubenwesen. Er unterstellte sich diesen Bereich „unmittelbar“ und beauftragte Franz Mueller-Darß, mit dem er mehrmals die Notwendigkeit der Neuordnung der Rekrutierung und Ausbildung von Diensthunden erörtert hatte, mit der Leitung.“ (Uhl, Der Dienstkalender Heinrich Himmlers 1943-1945, a.a.O. S. 939)
[59] Das letzte gemeinsame Essen vor dem Ende des Krieges.
[60] Generalleutnant Walther Wenck, „Hitlers letzte Hoffnung“; Chef der Operationsgruppe des Generalstabes des Heeres, sollte das Unternehmen „Sonnenwende“ koordinieren. (Uhl, a.a.O. 1030) https://de.wikipedia.org/wiki/Walther_Wenck in seiner 12. Armee dienten Hans-Dietrich Genscher und Dieter Hildebrandt. Wenck gelang ein Rückzug nach Westen bis Tangermünde an der Elbe. Im Rathaus von Stendal kapitulierte seine 12. Armee.
Es war eine Sensation, als man die verloren geglaubten Blätter mit dem Dienstkalender Heinrich Himmlers für die Jahre 1943 – 1945 im Jahre 2013 in Podolsk in der Nähe von Moskau in einem russischen Archivbestand fand. Nun (2020) sind sie ganz frisch in einer sorgfältig edierten wissenschaftlich kommentierten Ausgabe bei piper erschienen und stehen der Forschung als erstklassige Quelle zur Verfügung.
Die Jahre 1943 – 1945 sind für unseren Zusammenhang der Erforschung der NS-Geschichte auf dem Darss insofern von Bedeutung, als der Forstmeister und spätere SS-Generalmajor der Waffen-SS, Franz Mueller-Darss in jenen Jahren hauptamtlich im Persönlichen Stab des Reichsführers SS, Heinrich Himmler arbeitete. Er war zuständig für das „Hundewesen“ in Polizei, Wehrmacht und SS.
Himmlers Dienstkalender gibt uns nun exakte Auskunft darüber, mit wem Mueller-Darss im Kontakt war, wann er sich mit Himmler und den anderen Ganoven traf und manchmal wurde sogar vermerkt, worüber gesprochen wurde.
Beispielsweise Sonntag, 19. September 1943. Feldkommandostelle Hochwald. 14.00 Uhr Mittagessen mit SS-Obergruppenführer Berger, SS-Obergruppenführer Krüger, SS-Brigadeführer Glücks, SS-Standartenführer Mueller, SS-Standartenführer Rode, SS-Hauptsturmführer Cantow 17.10 Uhr SS-Brigadeführer Glücks, SS Standartenführer Mueller 20.10 Uhr Abendessen mit SS-Obergruppenführer von dem Bach, SS-Obergruppenführer Berger, SS-Obergruppenführer Krüger, SS-Standartenführer Rode, SS-Standartenführer Mueller, SS-Standartenführer Lammerding. (zitiert nach: Matthias Uhl u.a. „Die Organisation des Terrors. Der Dienstkalender Heinrich Himmlers 1943-1945“ Piper 2020, S. 452)
Beim Gespräch um 17.10 Uhr mit Glücks und Mueller ging es um den vermehrten Einsatz von Hunden bei der Bewachung der Konzentrationslager.
Wir sehen an diesem einen Tag: Mueller gehörte zum engsten Kreis um Himmler, er gehörte zur „Tafelrunde“ und traf sich an Tagen wie diesem gleich mehrfach mit dem Reichsführer SS.
Ich werde mir diese wertvolle mehr als 1000-seitige Quelle, die mir seit gestern zur Verfügung steht, nun genau auf die Kontakte von Mueller-Darss durchschauen und auch seine „Tischgenossen“ genauer in den Blick nehmen, damit deutlicher wird, in was für einem SS-Netzwerk der Hundemüller aus Born a. Darß gearbeitet hat. Was wir jetzt bereits sehen können: Mueller-Darss war keineswegs ein „irgendwer“ im Kreise des Reichsführers SS, sondern gehörte zum inneren Zirkel.
Es gibt Unterschiede beim öffentlichen Umgang mit der NS-Zeit. Manche Städte und Dörfer kümmern sich aktiv darum, historische Erkenntnis vor Ort so umzusetzen und öffentlich zu machen, dass sich auch Ortsfremde schnell in die Geschichte des Ortes einfinden und erfahren können, was im Ort vor sich gegangen ist. Prora ist so ein Ort. Ribnitz-Damgarten ist ein eben solcher Ort. Auch hier kümmert man sich aktiv um die Erforschung der Ortsgeschichte und lässt auch keine Epoche aus, wie in anderen Orten. Heute hatte ich Gelegenheit, mit dem stellvertretenden Leiter der Lokalredaktion Ribnitz-Damgarten der Ostsee-Zeitung zu sprechen. Und ich fand einen promovierten Historiker vor mir, der sich kontinuierlich und sorgfältig um Recherche und Aufarbeitung der Ortsgeschichte kümmert. Gemeinsam mit anderen tut er das. Da geht es um die frühe Vergangenheit von Ribnitz und Damgarten ebenso, wie um die Zeit zwischen 1933 und 45; die Zeit unmittelbar nach dem Krieg, geprägt von Flüchtlingen und Besatzungszeit ebenso, wie die Zeit der frühen DDR. Die DDR-Zeit ebenso wie die nun mittlerweile schon wieder 30 Jahre gesamtdeutscher Entwicklung. Die Redaktion hält bei all diesen Themen einen sehr engen Kontakt zur Bevölkerung, nimmt Anregungen auf, folgt verschütteten Spuren. Es ist eine gute Gemeinsamkeit geworden zwischen Arbeit in der Redaktion und Leserschaft. Dr. Edwin Sternkiker zeigte sich als bestens informierter, gründlich arbeitender Journalist, der sich einer sorgfältigen Geschichtsschreibung verpflichtet weiß. Diese Begegnung war für mich wie eine erfrischende Wohltat. Es ist nicht selbstverständlich, dass Zeitungen auf diese Art ihre Verantwortung wahrnehmen, aber es ist erwähnenswert.
Eine Freundin hat mich ermutigt, mit diesem Experiment zu beginnen. „Du hast dreißig Jahre in der Diktatur gelebt, bist von ihr geprägt worden. Du hast lange vor dem Fall der Mauer und besonders in den Jahren der Wende für die Demokratie gekämpft, warst danach in politischen Spitzenämtern engagiert, kennst den Westen nun auch dreißig Jahre – so einen Einblick haben wenige. Schreibe darüber!“ hat sie gemeint.
Ich war unsicher, ob das sinnvoll sein könnte.
Es gibt ein paar Millionen Menschen, die auch in beiden System gelebt haben. In der Diktatur und seit 1990 im wieder größer gewordenen Deutschland. Was also könnte ich beisteuern, was nicht auch andere erzählen können?
Ok, nicht jeder hat den Westen so erfahren wie ich, der als Ostler bis so ziemlich ganz nach „oben“ kam, politisch gesehen. So sehr viele waren und sind das ja nicht. Und, bezogen auf den Osten – auch da gehörte ich zur einer verschwindend geringen Minderheit. Insofern könnte es schon ein unterscheidbarer Beitrag werden.
Vielleicht kann aber ein solches Experiment zusätzlich auch eine Einladung an andere sein, die jeweils „eigene Geschichte“ zu erzählen. Und das wäre viel.
Zunächst ein Doppeltes:
In der Diktatur (schon die Wortwahl zeigt dem Leser, aus welcher „Ecke“ ich komme) gehörte ich nicht zu den Privilegierten und gehörte doch zu ihnen.
Zu den politisch Privilegierten gehörte ich ganz sicher nicht. Ich war, wie meine beiden Brüder, nie Mitglied bei den Pionieren, war nicht in der FDJ, war nicht bei der Armee, hab mich nie an Wahlen beteiligt, die ja keine waren. Das hatte Konsequenzen, wir durften ein staatliche Abitur machen, durften nicht studieren, was wir wollten, obwohl wir zu den Klassenbesten gehörten.
Wir gehörten nicht „zum System“. Wir waren „Kirchenleute“, stammten aus einem Pfarrhaushalt in dem ein klares „Die da draußen“ und „wir hier drinnen“ galt. „Die da draußen“ – das war „der Staat“, vor allem der atheistische Staat, der die Kirche bekämpfte mit allen Möglichkeiten, die er hatte.
Meine Eltern waren ganz bewusst nicht „in den Westen gegangen“, als das noch einfach möglich war, vor dem Bau der Mauer 1961 also. Nein, sie blieben „im roten Osten“, weil sie hier ihre Lebensaufgabe sahen: Christ sein in unchristlichem Umfeld.
Das hat mich natürlich geprägt.
Ich war während der Diktatur, wie meine Brüder, politisch extremer Außenseiter, ich galt als „bürgerlich“, später, so sagt es die Stasi-Akte, galt ich gar als „Staatsfeind“, aber dazu kommen wir noch.
Ich gehörte nicht zu den Privilegierten und war doch sehr privilegiert: wir lernten nämlich von klein auf, was wirkliche Freiheit bedeutet. Eine Freiheit nämlich, die es auch hinter Mauern geben kann und die sehr viel mehr ist als Wahl- oder Reisefreiheit oder die Freiheit, zu kaufen, was das Portmonee erlaubt.
Es ist die Freiheit zum eigenen Weg, zum eigenen Denken und zur eigenen Überzeugung auch zu stehen. Davon wird zu reden sein.
Jetzt, dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer, nach dem politischen und wirtschaftlichen Tornado, der über das Land fegte, jetzt frage ich mich manchmal: was ist eigentlich aus denen geworden, die damals politisch Privilegierte waren? Es waren ja nicht alles „Scharfmacher“, die meisten waren Mitläufer.
Nicht wenige von ihnen haben mittlerweile eine ganz ordentliche Rente – nicht wenige Stasiopfer beispielsweise bekommen dagegen extrem wenig. Da ist es also ungerecht zugegangen. Ich komme darauf später in einem anderen Beitrag zurück.
Dann gibt es welche, die schwammen damals „oben“ und schwimmen wieder „oben“. Opportunisten. Die gehen immer nach den Mehrheiten, suchen den eigenen Vorteil und fertig ist die Weltanschauung. Die gibt’s überall, in Ost wie West.
Nicht wenige der „Bürgerrechtler“, wie man uns später bezeichnete haben sich mittlerweile enttäuscht zurückgezogen, äußern sich kaum noch öffentlich, stecken nicht selten in Erinnerungen fest. Auch davon wird zu erzählen sein.
Mir ging es anders.
Davon will ich nach und nach erzählen. Anhand von konkreten Themen und Erlebnissen. So mancher Vergleich wird dabei zu Tage treten, denn es ist ja mehr als verstehbar, dass einer wie ich, der beide Systeme gründlich kennt, auch vergleicht, sich erinnert, Schlüsse zieht, Einordnungen versucht. Es wird dabei konsequent persönlich zugehen. Denn ich kann nicht für andere sprechen. Bei einem solchen „Experiment“ schon gar nicht.
Also, ich glaube, ich nehme die Anregung der Freundin auf, will mich einlassen auf dieses Experiment, obwohl ich nicht weiß, wo es mich hinführen wird.
Wenn es gut geht, entsteht ein Gespräch.
Nicht nur eines unter denen, die auch in der Diktatur gelebt haben, sondern auch eines mit denen, die nicht wissen, was eine Diktatur ist.
Vielleicht entsteht so nach und nach ein Beitrag zum besseren wechselseitigen Verständnis. Vielleicht entsteht auf diese Weise eine Art Brücke, über die man gehen kann. Meine Freundin, die viel gesehen hat von der Welt, sagt: es mangelt an solchen Brücken.
Vielleicht hat sie ja Recht. Dann lasst uns also Brücken bauen und beginnen.
Die Texte werden nach und nach entstehen, ich habe im Moment noch gar keine klaren Vorstellungen, wie sich das ungeheuer viele Erinnerungsmaterial einigermaßen sortieren läßt. Wer Interesse hat, abonniert die Sache einfach und kann sich entsprechend auf dem Laufenden halten, wenn er mag.
Wenn durch dieses Experiment Begegnungen oder Gespräche möglich werden, dann ist es gut.