„1926 is unsre Brücke jebaut und gleich einjestürzt. Da sind drei Mann mit umm’t Leben jekomm. 1926, wie Ilse jeboren is“ erzählt Martha Dähn, geborene Engelmann etwa im Jahre 1980.

Das war ein einschneidendes Ereignis für das Ackerbauernstädtchen und hat sich tief ins Ortsgedächtnis eingebrannt. Die alten Gartzer datieren ihre Erinnerungen nicht selten in die Zeit „vor der Brücke“ und in die Zeit „nach dem Einsturz der Brücke“. Und für die damals knapp 24-jährige Martha Dähn verbindet sich diese Erinnerung mit der Erinnerung an die Geburt ihrer Tochter Ilse am 22. Mai 1926.

Man kann heute noch recht gut recherchieren, was damals vor sich gegangen ist, einige Zeitungen aus jenen Jahren stehen ja inzwischen online zur Verfügung. Eine alte Holzbrücke über die Oder hatte es über Jahrhunderte gegeben, die Gartzer Landwirte hatten ja ihre Felder und Wiesen auf der anderen Seite der Oder und mussten oft über den Strom. Allerdings war die Holzbrücke eingestürzt und lange gab es keinen Ersatz, weshalb man Kühe und anderes Vieh mit einem Kahn über die Oder bringen musste. Martha Dähn wird an anderer Stelle davon erzählen.
Der Wunsch der Gartzer nach einer „neuen Brücke“ führte dann im Jahre 1925 zum Beginn des Baus. Ausgeführt wurde sie mit einer in Deutschland damals noch weitgehend neuen Brückenbau-Technologie: Stahlbeton.

Zehn Tage vor der Eröffnung der neuen Brücke, am 19. September 1926, stürzte diese neue Brücke ein. Das „Schwedter Tageblatt“, das ich hier der Einfachheit halber einlese und akustisch dokumentiere, berichtet folgendermaßen von den Ereignissen.
„Schwedter Tageblatt“ vom 21. 09. 1926:

Man kann sich die Aufregung in dem kleinen Ackerbauernstädtchen an jenem Wochenende lebhaft vorstellen. Das oben im Beitrag wiedergegebene Foto hat noch etwas von der Atmosphäre eingefangen. Und findige Unternehmer aus der Umgebung wussten die Sache auch zu nutzen, wie diese Anzeige im „Schwedter Tageblatt“ vom 21.09. 1926 belegt.

Die Sache zog natürlich Kreise und wurde untersucht. Im „Schwedter Tageblatt“ vom 21. 9. stand zu lesen, daß der für den Bau verantwortliche Betonmeister aus Berlin verhaftet worden sei. Weiter ist zu erfahren:

Allerdings wurde Betonmeister Firch schon bald wieder aus der Haft entlassen. Das „Schwedter Tageblatt“ weiß am 22. 9. 1926 in einem längeren Text inzwischen Folgendes:

Die Gartzer Stadtverwaltung hatte sich in jenen Tagen entschieden, trotz allem Unglück eine neue Brücke errichten zu lassen. Diese wurde – nach aufwändiger Beseitigung der Reste der Betonbrücke, große Teile mussten gesprengt werden – als Stahlkonstruktion ausgeführt. Diese Stahlbrücke konnte 1928 eröffnet werden und hielt bis zum April 1945, als sie von deutschen Pionieren gesprengt wurde, um den Vormarsch der Sowjetarmee, die schon breit aufgestellt am Ostufer der Oder lag, aufzuhalten. Auch zu diesem Abschnitt in der Ortsgeschichte kommen wir noch.

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