Die Welt ohne Geheimnisse – etwas vom Internet


Ich stelle mir den Tag vor, an dem alle mit allen vernetzt sind.
Jeder kann, wenn er mag, alles über alle in Erfahrung bringen.
Jeder hat 10 Milliarden followers und ist mit 10 Milliarden „befreundet“.
Endlich kann jeder jederzeit wissen, was der Präsident in Ouagoudugu im Schilde führt.
Endlich ist Schluss mit den Geheimnissen.
Aus „Geheimdiensten“ werden endlich „Geh heim!-Dienste“.
Nur die Ungeborenen und die bereits Gestorbenen werden anfangs von jener Kommunikation aller mit allen ausgeschlossen sein.
Aber dies wird, eines späteren Tages, durch die Gen-Technik beseitigt werden können.
Man wird den Menschen einen Internet-chip in die Gene verpflanzen, damit auch die Ungeborenen schon teilhaben können an jenem Rauschen, das da um die Erde strömt.
Schon im Mutterleibe werden sie in Kontakt treten können mit wem immer sie wollen.
Man wird dann, eines noch späteren Tages, so weit gehen, und all jenen Kindern ein Auftrittsverbot auf der Erde erteilen, die sich weigern, an diesem teilzuhaben.

Was für eine Welt.

Endlich ohne Geheimnisse.
Endlich führt niemand mehr etwas im Schilde, denn jeder kann jederzeit wissen, was jemand im Schilde führt.
Dem Misstrauen wäre ein für alle Mal der Garaus gemacht.
Und endlich könnte jeder an jeden auf dieser Welt alles verkaufen, was er mag und anbieten möchte.
Wunderbar!

Wie eine zweite Atmosphäre sieht das aus, dieses Netz der Netze, in denen alle Menschen miteinander alles Wissen teilen, das sie voneinander haben können.
„Die Menschheit“ wird sichtbar wie eine zweite Atmosphäre rund um den Globus – mit ein wenig Phantasie.
Aber nur die Menschheit.
Denn die Elemente werden an dieser Art der Kommunikation nicht teilhaben.
Das Wasser nicht und auch nicht das Feuer, die Erde nicht und auch nicht die Tiere, die Pflanzen nicht und auch nicht der Mondschein des nachts.

Was wird das sein?
Ein Schmoren im eigenen Saft sozusagen.
Die Menschheit wird sich selbst genügen.
Denn in dem Maße, wie die Menschen in die totale Kommunikation miteinander eintreten, werden sie den Kontakt zu den Elementen verlieren.
Die Ehrfurcht vor dem Geheimnis.

Ihnen wird Wesentliches verborgen bleiben, so sehr sind sie mit sich selbst beschäftigt.
Sie werden das Geheimnis des Sonnenaufgangs nicht verstehen in ihrer Blindheit.
Und nicht das Geheimnis der Rose lüften können.
Sie werden das Geheimnis der Liebe nicht sehen können
und das Geheimnis des Vertrauens.
Sie werden um den Globus wabern mit ihrer Erkenntnis, alle mit allen verbunden, alle Geheimnisse scheinen gelüftet.

Ich höre ein großes Lachen im Weltall.
Ein großes Lachen……
Nie hat sich der Schöpfer so sehr amüsiert wie an jenem Tag……

Massenpsychologie und web 2.0 – mehr als 2.000 Fernsehsender online. (2)


Man kann das für Fortschritt halten. Muß man aber nicht. Daß man nun allein auf i-see-tv.org mehr als 2.000 Fernsehsender online sehen kann.
Der Mensch bastelt sich seine Welt zusammen.
Wählt aus, was er sehen will, was er hören will.
Der Trend heißt: Individualisierung.
Man könnte auch sagen: Zersplitterung der Gesellschaft in einzelne Menschen.

Die Frage entsteht: was verbindet sie noch?
Daß man einen gemeinsamen tv-Favoriten hat?
Daß man ähnliche Musik mag? Oder gar Bücher?

Was hält eine massenmedial kommunizierende Gesellschaft noch zusammen, in der der Trend zur Individualisierung (seit längerem beschrieben und auch für die Unternehmen bestens ausgewertet) derart überhand nimmt?

Gemeinsame Werte erodieren. Gemeinsame Orientierungen allemal. Eher zufällig bildet sich Wählerverhalten in einer Bevölkerung, die an Dauermitgliedschaften in irgendwelchen Organisationen (Parteien, Verbänden, Kirchen) jedes Interesse verliert.
Atomisierte Gesellschaft. Jeder sein eigener Unterhalter als Konsument von nur für ihn und von ihm selbst maßgeschneiderten Informationsangeboten, aus denen er sein Weltbild zusammenzimmert.

Was ist das Bindeglied, was ist der Kitt, der die Steinchen beieinander hält, damit das Haus nicht einstürzt?
Vielleicht: daß jeder jedem irgendwas verkaufen will?

Religion ist es nicht. Denn die religiösen Anschauungen sind so vielfältig wie die Nationalitäten, die in der Bevölkerung vertreten sind.
Politik ist es schon lange nicht mehr.

Wie verführbar ist eine derart atomisierte Gesellschaft geworden? Wie bilden sich Mehrheiten, wie bilden sich gemeinsame Anschauungen und Überzeugungen?
Jeder ist sein eigener Redakteur, sein eigener Hörer, sein eigener Designer.

Einsamkeit ist ein Thema. Ganz gewiß. Ein Tabu zumal.
Man zwitschert und mailt, bloggt und „kontaktiert“ – aber wirkliche Begegnung gerät immer mehr zur seltenen Ausnahme.

Wie verführbar ist eine solche Massengesellschaft, die in höchstem Maße weiter individualisiert?

Die Vermutung liegt nahe, daß die Verführbarkeit der indivualisierten Masse in dem Maße steigt, in dem der Grad der Individualisierung zunimmt.
Denn: Gemeinsames geht verloren. Gemeinsame Anschauungen und Überzeugungen beispielsweise, die ein Geländer, vielleicht auch ein Schutz sein könnten gegen politische und wirtschaftliche Verführung.

In dem Maße, in dem jeder – auf sich gestellt – zum Hersteller des Wertekanons, von Grundüberzeugungen und Glaubensinhalten, von Lebenseinstellungen und politischen Vorlieben wird; in dem Maße, wie der Konsum von Massenmedien immer mehr individualisiert und auf „Zielgruppen“ zugeschnitten konsumierbar wird – in dem Maße steigt die Überforderung an den Einzelnen.

Wenn in einer solch atomisierten Gesellschaft, in der das Verbindende vielleicht die Erfahrung von „jeder gegen jeden und Hauptsache irgendwie nach oben“ ist, Angebote von Gemeinschaft, von Gemeinsinn, von überzeugenden gemeinsamen Erfahrungen ermöglicht werden – und solche „Heilsbringer“ sind ja längst in verschiedenster Gestalt unterwegs – was hat denn der Einzelne solchen Angeboten noch entgegenzusetzen?
Die Verführbarkeit steigt.

Es ist im Grunde nur eine Frage der Cleverness der Anbieter, auf welchem Wege (via TV, Radio, print oder Web) man den Einzelnen erreicht.
Die Festung scheint sturmreif geschossen.
Nur der Einzelne steht diesem unglaublichen Überangebot an Informationen, an Wertung, an Urteil gegenüber, daß ihm nun dargeboten wird – im Namen des „Fortschritts“.
Die Frage ist: wie lange wird der Einzelne diesem Druck standhalten?

Gut, es gibt da den besagten Knopf am Fernseher oder Radio oder PC, mit dem der ganze Zauber einfach abzuschalten ist.

Aber dann?

Freud hat unter Verwendung einer Arbeit von le Bon auf die gewaltigen unbewußten Sehnsüchte hingewiesen, die der Grund für die Verführbarkeit der Massen immer waren: der Wunsch nach Anerkennung wurde den Massen zum Verhängnis, als ein „Führer“ sich anbot, dem sie dienen konnten. Plötzlich wird aus einer Ansammlung von gut ausgebildeten, mehrere Sprachen sprechenden Intelektuellen – eine Horde. Eine Horde von ähnlich empfindenden und sehnsüchtigen Menschen, denen nichts besseres einfällt, als das eigene Denken auszuschalten und einem Führer nachzulaufen.
Ein kurzes Zitat mag genügen:
„Wir sind von der Grundtatsache ausgegangen, daß ein einzelner innnerhalb einer Masse durch den Einfluss derselben eine oft tiefgreifende Veränderung seiner seelischen Tätigkeit erfährt. Seine Affekttivität wird außerodentlich gesteigert, seine intellektuelle Leistung merklich eingeschränkt, beide Vorgänge offenbar in der Richtung einer Angleichung an die anderen Massenindividuen; ein Erfolg, der nur durch die Aufhebung der jedem einzelnen eigentümlichen Triebhemmungen und durch den Verzicht auf die ihm besonderen Ausgestaltungen seiner Neigungen erreicht werden kann. …. der Grundtatsache der Massenpsychologie, den beiden Sätzen von der Affektsteigerung und der Denkhemmung in der primitiven Masse, ist ….nicht widersprochen worden….“ (Sigmund Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse, Fischer, S. 51).

Was hat der Einzelne, der Mensch in der atomisierten, in höchstem Grade atomisierten Gesellschaft solchen Angeboten entgegenzusetzen?
Wie lange wird er dem Werben standhalten können?

Was passiert, wenn im Netz eine solche „zufällige“ Autorität entsteht, das kann eine Person oder eine Idee sein?
Was geschieht, wenn sich diese Person oder diese Idee mit der Kraft des Netzes verbindet und sich über die persönlichen Netzwerke, die jeder unterhält, wie ein Virus verbreitet, basierend auf dem Vertrauen, daß die Netzwerkmitglieder untereinander entwickelt haben, durch die Spiele, die sie miteinander spielen; durch die Geschäftskontakte, die sie miteinander aufgebaut haben; durch die nächtlichen Dialoge, die sie miteinander geführt haben?
Wird eine solche „Welle“, wenn sie durch das Netz geht, in wenigen Stunden und Tagen eine Masse formen, die allen Gesetzen der Massenpsychologie folgend, zunächst jene ausgrenzen wird, die anderer Ansicht sind?

Wir sehen derzeit in einigen europäischen Ländern auch politische Gewinne der Neuen Rechten.
Wir sehen in anderen Kontinenten der Welt die Zunahme von Fundamentalismen.
Einfache Antworten auf komplexe gesellschaftliche Fragen kommen immer mehr in Mode.
Es ist die Stunde der Verführer.

Wozu eine Masse gut ausgebildeter, international erfahrener, mehrere Sprachen sprechender Menschen „fähig“ ist, wenn sie den Rattenfängern ins Netz geht, hat uns das 20. Jahrhundert auf furchtbare Weise gelehrt.
Es war das Zeitalter der industriealisierten Massenvernichtung. In den Lagern des Gulag, in Kambodscha, in Deutschland und anderswo.
Der sogenannte „aufgeklärte“ Mensch hatte – getrieben von den mächtigen unbewußten Sehnsüchten seiner Seele – dem Werben der Verführer nichts mehr entgegenzusetzen und verfiel dem Wahn der „Gemeinschaft“, die einem „Führer“ folgte.
Tagsüber hörten die Schlächter Mozart – dann gingen sie ins Lager, um andere hinzurichten.
Bildung ist offenbar kein Schutz gegen Verführung.
Was aber geschieht, wenn sich solche – im Netz bilden sie sich „zufällig“, abhängig von retweets beispielsweise – Verführer der Macht des Netzes bedienen und binnen weniger Sekunden in beinahe jeden Haushalt gelangen können?

Ich kann es nicht für einen Fortschritt halten, daß wir nun allein auf einer Plattform über 2000 Fernsehsender online sehen können.
Es ist für mich eher ein Zeichen einer aufs Höchste vorangetriebenen Individualisierung, die den Einzelnen immer mehr überfordert und ihn anfällig macht für die Verführung.
Wenn erst die „Freunde“ im Netzwerk einen bestimmten Sender empfohlen haben; wenn erst die „Kontakte“ bei XING oder anderen geschäftlich orientierten Netzwerken einen „Tipp“ gegeben haben; wenn das eigentliche Kapital des Netzes, das „Vertrauen“ und „Authentizität“ heißt – eingesetzt worden ist, um für eine „Idee“ oder eine „Person“ zu werben – dann sind der Verführbarkeit Tor und Tür geöffnet.

Was aber hat unsere atomisierte Gesellschaft einer solchen Entwicklung wirklich entgegenzusetzen?
Was könnte sie wappnen vor der Verführbarkeit?

Der unsichtbare Fünfte- die Folgen der Bundespräsidentenwahl


Manch einer täuscht sich. Er glaubt, die Menschen im Internet gäbe es nicht wirklich. Nur, weil man sie nicht sieht.

Diese Täuschung hat ihre Folgen.
Denn: Unabhängig vom Ausgang der Wahl ist die gewaltige Bürgerbewegung, die sich über das Internet für ihren Kandidaten organisiert hat, real vorhanden. Zehntausende Menschen. Mit ihren Rechnern und Handys.

Sie sind zu einer fünften Gewalt im Staate geworden. Nicht mehr nur Legislative und Exekutive, nicht mehr nur Justiz und Medien bestimmen, was in dieser Republik gedacht und entschieden wird, sondern, da ist nun jener unsichtbare Fünfte beteiligt, der von Tag zu Tag an Einfluss gewinnt. Wie mächtig das Internet werden kann, konnte man beispielhaft an der Kampagne für Joachim Gauck ablesen.
Heute können wir noch nicht wissen, wie morgen die Wahl ausgeht.
Davon unabhängig können wir aber bereits sehen, daß sich unsere Demokratie stark verändert hat.
Denn mit den Möglichkeiten des Internets wächst die politische Kreativität – über die Möglichkeiten von Parlament und Regierung hinaus.
Was liegt näher als die Annahme, daß sich künftig bei hoch umstrittenen Fragen die Menschen in diesem Land in höherem Maße als bislang beteiligen werden?
Das Instrument ist ja nun erprobt.
Man hat Erfahrungen gesammelt.

Es tauchen neue Fragen auf:
Wie wird sich das Verhältnis von Sichtbarkeit auf der Straße und unsichtbarem politischen Einfluss über das Netz gestalten?
Werden sich die klassischen Demonstrationen ebenso verändern wie es die Meinungsbildung im parlamentarischen Prozess durch die direkten Möglichkeiten von facebook, twitter  & co bereits tut?
Noch hat so mancher Vertreter der „alten“ Politik gespottet, man „sehe“ ja die Menschen aus dem Netz gar nicht auf den Straßen.
So, als gäbe es sie gar nicht.
Doch: weit gefehlt.
Nie hat es in der Geschichte dieser Republik eine größere Bürgerbewegung für einen Kandidaten gegeben, die in so überaus kurzer Zeit, ohne „Apparat“ der etablierten Parteien ausgekommen ist und sich selbst organisiert hat.
Wird die „alte“ Politik, die von klarer Aufgabenteilung zwischen für eine Legislatur Gewählten und dem Wahlvolk unterscheidet, an diesem Punkt neue Möglichkeiten eröffnen? Die online-Petitionen des Bundestages weisen in diese Richtung.
Die Wahl des Präsidenten hat beispielsweise die Frage nach der Rolle der Verfassung, nach der Bedeutung des Grundgesetzes in ungeahnter Schärfe wie ein Menetekel an die Wand geschrieben: „Wie hältst du’s mit dem Grundgesetz?“

Und die Wahl des Präsidenten hat eine weitere Frage unübersehbar auf die Agenda gelegt: wie ist es mit der direkten Demokratie in unserem Lande?
Sind wir zufrieden mit der parlamentarischen Demokratie, wie wir sie tagtäglich erleben? Getrieben von Rücksichten und parteitaktischen Spielen, nicht zuletzt von Machttaktik geprägt? Oder wollen die Menschen, daß mehr Kreativität und Bewegung einzieht in unsere Demokratie, mehr Glaubwürdigkeit und argumentative Klarheit statt Parteit- und Machttaktik?

Die fünfte Macht im Staate – die unsichtbaren Menschen, die sich im Netz verknüpfen, hat sich in bislang nie gehörter Klarheit zu Wort gemeldet.
Sie kommuniziert sehr eng mit den klassischen Medien in Funk, Fernsehen und print. Das verstärkt ihren Einfluss.

Aber sie selbst ist auflagenstärker als das größte politische Magazin.

Und diese fünfte Macht ist schwerer einzuschätzen und zu kalkulieren, als es Chefredaktionen oder Fraktionsvorstände jemals waren.
Das macht die Sache so spannend.
Denn die Meinungsbildungsprozesse im Netz verlaufen nach anderen Gesetzen als die Meinungsbildungsprozesse in der alten Republik.
Ein Neues ist hinzugetreten.

Wir alle sind Lernende.
Die Menschen zu Hause oder auf der Straße, die mit ihren Laptops und Handys politisch arbeiten, haben diese Veränderungen vielleicht schneller begriffen, als so mancher, der im politischen System alt geworden ist.
Auch das wird sich ändern.
Ein neues Zusammenspiel von Legislative, Exekutive, Justiz, Medien und Netz muß und wird sich herausbilden.

Die Bundespräsidentenwahl war nur der zarte Beginn dieser spannenden Entwicklung.

Bundespräsidentenwahl – oder eine Notiz über die Kultur im Internet


Nun haben wir glücklicherweise von den Griechen nicht nur eine Währungskrise bekommen. Sondern auch die Demokratie.

Wer hat’s erfunden? Genau! Nicht die Schweizer.
Auf der agorá – dem öffentlichen Platz – wurde sie eingeübt.

Debatten um Zeitfragen, Diskussionen um politische Fragen – z.B. ob ein Krieg geführt, oder wie man wählen sollte; was die beste Staatsform sei oder woran man einen guten Redner erkennen könne – sie waren öffentlich.
Fanden „auf dem Marktplatz“ statt. Auf der agorá.
Die agorá wurde so geradezu zum  Merkmal der pólis, der mündigen Stadt.

Heute ist die agorá größer geworden.
Wenn heute diskutiert wird, dann können Menschen aus verschiedenen Städten und Orten der Welt, egal, ob sie gerade in der S-Bahn sitzen oder zu Hause sind, ob sie gerade unterwegs sind im Ausland oder auf der Terrasse beim Kaffee sitzen, daran teilnehmen.

Die Demokratie verändert sich dramatisch. „Griechenlandkrise“ II.
Manche sprechen von einer „elitären Web 2.0 Blase“, andere verstehen, daß der antike Marktplatz nur ein wenig größer geworden ist und nutzen seine Chancen.

Die Chance zum Austausch der Meinungen.
Die Chance, das eigene Argument zu prüfen am Argument des anderen.
Die Chance, zu lernen; neue Einsichten zu gewinnen.

Man kann natürlich auch zum Marktplatz gehen und lediglich sein Plakat hochhalten.
Auf dem dann steht: „Bin gegen….“ oder „Bin für…..“.
Dieses Plakat hält man in die Luft, trägt es deutlich sichtbar vor sich her – aber bleibt eigentlich stumm.
Man kann aber auch argumentieren üben; kann Überlegungen abwägen; kann neugierig sein auf die Art und Weise, wie andere Menschen auf dem Marktplatz die Welt sehen und verstehen.

Gestern hatten wir auf dem Markt eine, wie ich fand, sehr interessante Diskussion über die Frage, ob man einen Bundespräsidenten direkt wählen sollte vom Volk.
Fast achtzig Diskussionbeiträge wurden zusammengetragen.
Es diskutierten Menschen aus verschiedenen Städten miteinander.

Und alles war öffentlich.
Eine ganze Reihe von stillen Zuschauern hörten sich an, was da diskutiert wurde und machten sich ihr eigenes Bild.
Einige gingen vielleicht gelangweilt weiter ins nächste Restaurant, um einen Schoppen zu trinken.
Wieder andere gingen weiter, weil sie noch Einkäufe zu erledigen hatten.
Andere blieben.
Und beteiligten sich am Gespräch.
Bis spät in die Nacht wurde noch diskutiert.

Debattenkultur im Internet.
Auf der agorá, dem öffentlichen Marktplatz.
Freie Bürger tauschen frei ihre Meinungen aus, lernen, hören zu, gewinnen Einsichten. Geben auch mal eine Beurteilung eines Arguments ab. Dies oder jenes sei „elitär“ oder „völlig daneben“. Es wird auch mal laut auf der agorá, wenn man sich über einen Beitrag aufregt.
Es geht zu, wie auf dem Markt.
Das gefällt mir.

Im Moment überwiegen noch diejenigen, die lediglich ihr Plakat hochhalten, über den Marktplatz laufen und den anderen Menschen auf diese Weise mitteilen, wofür oder wogegen sie gerade sind.
Es gibt auch etliche, die suchen sich andere Menschen, die ihre Ansicht teilen: die so entstehenden Gruppen, die für oder gegen etwas sind, wachsen mitunter blitzschnell.

Es ist schon mehrfach passiert, daß diese Gruppen so groß wurden da draußen auf dem Marktplatz, daß das Parlament darauf reagieren mußte.
Diese grummelnden Menschengruppen da draußen konnte man nicht länger ignorieren.

Das war eine neue Erfahrung für die Menschen auf dem Markt: sie konnten Dinge anstoßen.
Und verändern.

Die pólis (das schöne Wort Politik kommt daher), die griechische „Stadt“, ist ohne die agorá, den öffentlichen Platz, auf dem die Dinge des Lebens öffentlich miteinander diskutiert werden können, nicht denkbar. Die agorá ist geradezu das Kennzeichen der freien Stadt mündiger Bürger.

Im Moment, so scheint mir, entdecken wir diese alte Tradition des öffentlichen Meinungsaustausches auf neue Weise.
Die Bevölkerung holt sich mit Hilfe des Internets eine Möglichkeit der Demokratie zurück, die sie lange Jahre nur eingeschränkt hatte.

Zu Zeiten, in denen nur die Mächtigen reden durften: die Redakteure und Moderatoren, die Mitglieder des Parlaments oder Feldherren.
Das ist vorbei.

Der Marktplatz ist wieder geöffnet.
Der öffentliche Meinungsaustausch ist wieder möglich. Man kann wieder „zum Markt“ gehen, wenn man möchte.
Jeder kann sich beteiligen.
Kann sein Argument vortragen, kann dem anderen zuhören.
Wenn er will, kann er auch herumschreien oder andere beschimpfen, die er auf dem Marktplatz trifft.
Er wird seine Erfahrungen damit machen.

Die große Kunst der Rhetorik, der Redekunst, ist in den Zeiten der griechischen agorá entwickelt worden.
Eine Kunst, die heute leider sehr verkümmert ist.
Ein Blick in die Rede-Protokolle im Parlament genügt.

Aber der neue, schnell wachsende Marktplatz des Internets hat auch diese Chance: die Kunst des genauen Arguments kann wieder eingeübt und gepflegt werden.
Denn im Internet redet man frei und ohne Manuskript, ohne „handschriftliche“ Notiz.

Ich glaube nicht, daß diejenigen, die das web 2.0 für eine „elitäre Blase“ halten, Recht haben.
Ich setze darauf, daß die „Kultur der agorá“ auf neue Weise entsteht und gepflegt wird.
Zum Wohle der pólis, zum Besten der Stadt.

Einen Nachteil haben wir allerdings gegenüber den alten Griechen, die das Kulturgut der agorá entwickelt haben:
wenn uns jemand den Strom ausknipst, oder wenn der Rechner ein Problem hat, dann ist’s schwieriger geworden, mit dem Nachbarn oder auch dem Fremden wirklich ins Gespräch zu kommen.

Manche beklagen, das Internet sei ja „lediglich ein Marktplatz auf dem jeder, der will, sein Plakat hochhält“.
Für mich ist der Marktplatzcharakter des Internets eine Bereicherung.

Ich kann mich entschließen, „mal zum Markt“ zu gehen, um zu hören, worüber die Menschen so diskutieren.
Was sie bewegt, wie ihre Urteile sind.
Ich kann mich daran beteiligen, wenn ich möchte; kann eigene Argumente überprüfen, neue Argumente lernen.
Das gefällt mir.

Und wenn ich nicht mehr mag, dann gehe ich meiner Wege.
Auch das gefällt mir.

Das Schönste angesichts einer bevorstehenden Bundespräsidentenwahl jedoch ist: ich kann mich auf dem Marktplatz mit anderen Menschen verabreden.
Wir können gemeinsam arbeiten für den Bürgerpräsidenten Joachim Gauck.

1,2 Zettabyte – Fragen in der digitalen Welt – wer wird mein Nachbar sein?


Bis 2020 wird sich die Datenmenge im Internet um das 44 fache gesteigert haben, schreibt der kurier am 7.5.2010 aus Österreich.

http://kurier.at/techno/1999804.php

Da ist ein Rauschen um den Globus, ein Wellen und Wabern, „zu 90% aus Bildern bestehend“.
Ich versuche mir für einen Moment diese Erde aus dem Weltall gesehen anzuschauen.
Versuche, mir diesen Datenstrom vorzustellen, der da anschwillt und den Globus wie eine „zweite Atmosphäre“ umschließt.
Zehn Jahre noch.
Dann, so sagen die Forscher, sind wir bei 1,2 Zettabyte angelangt.

Der Strom schwillt weiter an. Tag für Tag. Die Wachstumsraten bei den online-Diensten sind groß.
Am Ende könnte jeder mit jedem sprechen.
Von jedem Sofa der Welt könnte man mit jeder Hütte in Afrika Kontakt aufnehmen.
Sozusagen.
So aber wohl doch nicht.
Denn:
Die Themen-Wellen verstärken sich durch „retweeds“. Was nicht „retweeted“ wird, „fällt durch“.
Die Masse entscheidet, was wichtig ist.
Die Masse entscheidet, was eine richtige „Welle“ im Netz wird.
Was oft „retweedet“ wird, kann eine „Welle“ werden.
Blitzschnell geht das.
Die Masse der Nutzer entscheidet  – und ein paar wichtige „Netzwerkknoten“, die wie große Beschleuniger in diesem Datenozean wirken.
Große Zeitungen zum Beispiel, deren Nachrichten häufig weiter geschickt werden; große blogs auch.

Ich versuche, für einen Moment ein Gefühl für diese Entwicklungen zu bekommen, es will nicht recht gelingen.
Wie fühlt sich das an, was da zu erwarten ist?
Könnte man das malen?
Könnte man da ein Gedicht drüber schreiben?
Wie klingt ein Musikstück, das diese Entwicklungen ausdrückt?
Oder bleibt am Ende nur ein „großes Rauschen“ einer Menschheit, die sich um sich selber dreht wie die Erde selbst?

Ich ahne, daß es „Gewinner“ und „Verlierer“ dieser Entwicklung geben wird.
„Verlierer“ sind, auf den ersten Blick jedenfalls, alle diejenigen, die keinen Zugang zum Netz haben.
Es soll ja Menschen auf der Welt geben, die nicht mal sauberes Wasser haben….. (etwa 2 Milliarden sind es im Moment).

Nehmen wir für einen Moment das Bild, daß jeder mit jedem vernetzt ist und theoretisch alles über ihn erfahren kann, weil das Netz und seine wenig geschützten Daten Vorgänge und Prozesse immer transparenter machen (Datenschutz).
Da sehe ich sie sitzen an ihren Laptops und Handys, an ihren e-books und PCs, wie sie vernetzt sind mit allem und jedem – und doch ihren Nacharn nicht kennen.

Wird eine solche Entwicklung zu mehr Nähe zwischen den Menschen führen? Zu mehr Verständnis füreinander?
Oder wird sie lediglich eine „Verkopfung“ befördern, die ja längst eingetreten ist?
Wird sie jene Trennung von Kopf und Körper befördern, die ja heute schon problematisch genug ist?
Was wird mit der bekannten aber zu wenig berücksichtigten Tatsache, daß über 90% unseres Verhaltens unbewußt gesteuert ist, in einer Welt, die zu 90% aus „bewußten“ Bildern besteht und kognitiv-visuell aufgenommen und verarbeitet wird?
Wird es zu „Eruptionen“ des Unbewußten kommen? Denn: man weiß ja, daß sich das Unbewußte, wenn man nicht um seine Kraft und Bedeutung weiß, um so mächtiger zu Wort meldet.
Was für „Wellen“ werden dann entstehen in jenem gewaltigen Datenstrom, der da jede Minute um den Globus rauscht?

Wie werden sich politische Systeme verändern in einer Welt, in der praktisch nichts mehr „nichtöffentlich“ ist?
Werden am Ende diejenigen die Gewalt über die „Wellen“ im Netz haben, die gut kalkulierten Zugang zu den „Knoten“ im Netz pflegen, ihre sonstigen Aktivitäten aber aus guten Gründen nicht veröffentlichen?

90% Bilder.
Lese ich.
Und stelle mir für einen Moment die Verkürzung der Botschaft vor, die in dieser Aussage enthalten ist.
Was werden die Menschen voneinander „wissen“, wenn sie nur noch im „Meer der Bilder“ schwimmen?

Etliches scheint sich abzuzeichnen:
die parlamentarischen Demokratien stehen vor gewaltigen Veränderungen. Denn das Tempo ihrer Entscheidungsfindung: über Kandidaturen, Wahlen, Mehrheitsfindungsprozesse etc. wird hinter dem weiter wachsenden Tempo, mit dem „Wellen“ im Netz entstehen – und natürlich die Parlamente beeinflussen – noch mehr zum Problem werden.
Sie werden sich anpassen müssen.

Im Moment machen Parlamente erste Erfahrungen mit online-Petitionen.
Man kann sehen, wie innerhalb kürzester Zeit über Web 2.0 oder 3.0 oder 4.0 oder was da alles noch kommen mag, Themen zu wirklich politisch relevanten „Themen“ werden, auf die man reagieren muß.
Kampagnen machen die Erfahrung, daß sie „etwas bewegen können“, wenn sie das web nutzen.
Die Möglichkeiten der direkten Teilhabe an politischen Prozessen im Parlament vergrößern sich.

Wenn sich dieser Trend jedoch verstärkt: wie ist es dann um die Bedeutung von Wahlen bestellt?
Wird man die althergebrachten Wahlprozesse noch benötigen? Oder entscheiden am Ende die „neuen Mehrheiten“, die sich – von wem eigentlich gesteuert? – zu „Wellen im Netz“ entwickeln und „thematische Mehrheiten“ entwickeln?

Im Moment haben noch längst nicht alle Politiker und NGos die Chancen des dialogischen Prinzips der neuen Medien für sich entdeckt.
Im Moment überwiegt noch die Zahl derjenigen, die das Internet lediglich nutzen wie einen öffentlichen Markt, auf den sie „ihr Plakat“ stellen.
Das ändert sich gerade.
Die „Chance für den Dialog“ wird zunehmend mehr gesehen: online-Tagungen mit chat; blogs, Videogestützte Veranstaltungen wachsen.

Doch: wie ist es mit der durch Wahlen begründeten parlamentarischen Demokratie, wenn sich in solchen Dialogprozessen neue „Themen“ und „Mehrheiten“ herausbilden, die sich so im Parlament selbst nicht finden lassen?
Werden die Abgeordneten diesen neuen „Wellen“ folgen? Oder werden sie auf ihre eigenen Meinungsfindungsprozesse vertrauen, wie sie eingeübt sind im Zusammenspiel von Arbeitsgruppen, Ausschüssen, Fraktionen; zwischen Parlament und Regierung; zwischen Bundestag und Bundesrat; zwischen Nationalstaaten und Europa; zwischen den Kontinenten und der UNO beispielsweise?

Was ich mir nicht vorstellen mag, ist ein Bild von einer Welt, in der nicht alle Menschen Zugang zu den Chancen des Internets haben.
Was ich mir nicht vorstellen mag, ist ein Bild von einer Welt, in der die Armen, die nicht mal sauberes Wasser zum Trinken haben, noch mehr abgeschnitten werden vom „Rest der Welt“.
Ich mag mir auch keine Welt vorstellen, in der zwar alle mit allen „vernetzt“ sind, aber dennoch nichts vom Nachbar wissen.
Sie kennen seine Wünsche und Sehnsüchte nicht.
Sie können ihn nicht berühren und trösten.
Sie können nicht wirklich „in Kontakt gehen“ zu dem, der neben ihnen lebt.

Was wird überwiegen?
Die Chancen oder die Gefahren einer Entwicklung, die sich abzeichnet schon für die nächsten zehn Jahre?

Im Moment überwiegen die Fragen.