Kindertransporte 1939 (3). Der Bericht von Jakob J. Petuchowski über den Transport vom 21. Mai

Kindertransporte 1939 (3). Der Bericht von Jakob J. Petuchowski über den Transport vom 21. Mai

Susanne Schaefer kam mit dem Kindertransport vom 21. Mai/22. Mai 1939 von Berlin nach London. Sie war 12 Jahre alt. Sie hatte ein Buch dabei: Fridolins Wanderzirkus. Gezeichnet von ihrem Vater Albert Schaefer-Ast. Das Buch findet sich nun im London-Museum, ich habe es für diesen Beitrag als Titelbild verwendet. Mit ihr im Zug saß ein 2 Jahre älterer Junge, Jakob J. Petuchowski. Ich habe seinen Namen auf der Transportliste gefunden, die Amy Williams im Dezember 2024 in Yad Vashem in Jerusalem entdeckt hatte. Sie hatte mir die Liste freundlicherweise für meine Recherchen geschickt. Susanne reiste zusammen mit Jakob am nächsten Tag weiter nach Schottland.

Jakob hat sich an die Reise vom 21. Mai 1938 von Berlin über Hoek van Holland und Harwich nach London erinnert. Sein Bericht ist im Buch „Ich kam allein“, herausgegeben von Rebekka Göpfert1, abgedruckt. Im Folgenden soll er hier wiedergegeben werden, weil wir ihn als „Illustration“ des Transportes benötigen, der Susanne von Berlin nach London und weiter nach Schottland gebracht hat:

„Jakob J. Petuchowski (Cincinatti, USA). Aus Berlin

Was haben das Britische Museum, Bloom’s Kosher Restaurant und Charlie Chaplin gemeinsam? Nur das: daß sie alle dicht gedrängt im Zeitraum von nur ein paar Stunden während jener zwei Tage auftauchten, die mein Leben veränderten – und retteten.
In meinem Besitz befindet sich ein Dokument mit dem Titel „Aliens Order 1920“, ausgestellt am 30. Juli 1941 – an meinem sechzehnten Geburtstag – in East Lothian, in Schottland. Es bestätigt die Tatsache, daß ich am 22. Mai 1939 in Großbritannien eingereist bin, und bemerkt unter „Beruf oder ausgeübte Tätigkeit“: „Landwirtschaftshelfer in Ausbildung“. Ein Foto, das dem Dokument beiliegt, zeigt mich in der Arbeitskleidung eines Landwirtschaftsgehilfen. Mein Gesicht drückt alles andere als Freude aus. Vielleicht bin ich einfach nicht der geborene Landwirtschaftshelfer. Aber als ich am Ende die Landwirtschaftsschule in Schottland verließ, um meine rabbinischen Studien fortzuführen, bemerkte jemand: „Die Bauern werden immer sagen, daß du ein guter Rabbiner bist, und die Rabbiner werden sagen, du bist ein guter Bauer.“ Vielleicht hatte dieser Jemand recht. Jedenfalls trug mein Status als „Landwirtschaftshelfer in Ausbildung“ dazu bei, daß mir an meinem sechzehnten Geburtstag die Internierung erspart blieb.

Aber jetzt von vorn. Wir haben den 22. Mai 1939, den Tag meiner Ankunft in England, und nun kommen das Britische Museum, Bloom’s und Charlie Chaplin ins Spiel. Dieser Tag war auch der Geburtstag meiner lieben Mutter, ihr erster Geburtstag seit meiner Geburt, den ich nicht mit ihr zusammen verbrachte. Noch sollte ich jemals wieder einen ihrer Geburtstage mit ihr zusammen verbringen. Am Tag zuvor, am 21. Mai 1939, hatten wir uns tieftraurig voneinander verabschiedet – auf einem Bahnsteig in Berlin. Dort sah ich sie zum letztenmal. Sie ist ein Teil der „sechs Millionen“ geworden. Zu jener Zeit konnte das natürlich niemand voraussehen, obwohl seit 1933 schon so vieles geschehen war. Es gab die Hoffnung, daß wir uns in England wiedersahen – bald. Für ein Muttersöhnchen wie mich war es schlimm genug, aus seiner vertrauten Umgebung und den liebenden, verwöhnenden Armen der Mutter gerissen zu werden.

Die Eisenbahnfahrt nach Holland verlief ohne Zwischenfälle. Wir bestiegen die Fähre nach Harwich. Nachts überquerten wir den Ärmelkanal, und am nächsten Morgen trank ich an Deck meinen ersten Becher Tee mit Milch. Es schmeckte gar nicht schlecht. Aber aus irgendeinem geheimnisvollen Grund kann ich bis auf den heutigen Tag nur in England Tee mit Milch trinken. Überall sonst auf der Welt will mir dieses absonderliche Gebräu einfach nicht die Kehle hinunter.

Nach der Ankunft in Harwich wurde die gesamte Kinderhorde in einen Zug getrieben, der uns nach London brachte. Dort erwarteten uns Mitglieder des Flüchtlingskomitees und Betreuer, die uns an unsere nächsten Zielorte bringen sollten.

Was soll man in der Hauptstadt des britischen Empire schon anfangen mit Dutzenden von müden, ungewaschenen, hungrigen deutsch-jüdischen Flüchtlingskindern, die über vierundzwanzig Stunden unterwegs gewesen waren? Unser freundliches Empfangskomitee war um eine Antwort auf dieses Problem nicht verlegen: Mit Bussen wurden wir zum Britischen Museum gefahren, wo wir auf einer Führung all seine Schätze bestaunen durften. Allerdings weiß ich, ehrlich gesagt, nicht mehr, was wir sahen. Ich bin nicht einmal sicher, ob es mir gelang, während der ganzen Zeit die Augen offen zu halten. Jedenfalls wurde ich an jenem Tag, dem 22. Mai 1939, erstmals mit den kulturellen Reichtümern Großbritanniens bekannt gemacht. Im nachhinein erscheint es mir durchaus sinnvoll, daß man die Kultur damals vor das Essen an die erste Stelle setzte – obwohl wir Kinder gänzlich anders darüber gedacht haben dürften.

Schließlich durften wir die Busse wieder besteigen, und man brachte uns zu Bloom’s Kosher Restaurant, wo wir unsere erste richtige Mahlzeit nach dem Verlassen Deutschlands einnahmen. Ich erinnere mich nicht mehr, was es gab. Das wichtigste war, daß ich meinen Hunger stillen konnte; dafür waren auch alle anderen dankbar.

Ich erfuhr, daß ich nicht in London bleiben sollte. Mein Bestimmungsort war die Whittingehame Farm School in Schottland. Aber es war noch eine lange Zeit zu überbrücken, bis wir den Nachtzug nach Edinburgh besteigen konnten. Wir gingen also ins Kino und sahen Charlie Chaplin im „Großen Diktator“. Ein Jahr Englischunterricht an einer Berliner Jüdischen Schule reichte gewiß nicht aus, um den Dialog mit all seinen Raffinessen zu verstehen, aber Chaplins Schauspielkunst entschädigte mich vollauf für alles, was ich sprachlich nicht mitbekam. Und was es allein schon bedeutete, daß wir dreißig Stunden nach unserer glücklichen Flucht aus Nazi-Deutschland sehen konnten, wie man sich über den Führer lustig machte! Und daß wir ungestraft lachen konnten über das, was hinter uns lag! Jetzt hatten wir endgültig die Gewißheit, daß wir in einem freien Land angekommen waren, und wir atmeten auf.

Während der Eisenbahnfahrt nach Edinburgh in dieser Nacht fanden viele von uns Kindern keinen Schlaf. Die vielen neuen Eindrücke der letzten Stunden, ganz zu schweigen von den köstlichen koscheren Würsten bei Bloom’s – all das mußte schließlich verdaut werden; und die Zukunft war ungewiß. Am 23. Mai 1939 kamen wir pünktlich in Edinburgh an. Das Datum war in diesem Jahr der Vorabend des Wochenfestes, Schawout2. An der Whittingehame Farm School blieben jene, die es wollten, traditionsgemäß die ganze Nacht wach, um miteinander Abschnitte aus der Thora und andere Bibelschriften und rabbinische Texte zu lesen. Das Jahr, in dem ich Bar Mizwa hatte, war noch nicht vollendet, und ich war naturgemäß begierig darauf, als ein erwachsener Jude an diesem nächtlichen Gemeinschaftsstudium teilzunehmen. Wir hatten kaum das zweite der fünf Bücher Mosis beendet, – da überwältigte mich schließlich der Schlaf.

Seither bin ich oft im Britischen Museum gewesen; 1978 saß ich in der berühmten Bibliothek, um zu forschen. Ich habe viele köstliche Mahlzeiten bei Bloom’s verzehrt, und auch den „Großen Diktator“ habe ich später wiedergesehen. Aber die Wiederholungen reichen nicht an das heran, was alle drei Elrebnisse zusammen an jenem 22. Mai 1939 für mich bedeuteten. Damals standen sie für die Freiheit. Wenn ich heute daran zurückdenke, empfinde ich tiefe Dankbarkeit für jene, die mein Leben retteten.“

Soweit seine Erinnerung. Als wir am 30. April 2025 von Harwich kommend, auf den Spuren der Flüchtlingskinder in London ankamen, hatten wir ein etwas anderes Programm als die Kinder damals. Davon mehr im nächsten Beitrag.

  1. dtv Frankfurt 1994, Seite 66-69 ↩︎
  2. die mittlere von drei großen Ernte- und Wallfahrtsfeiern des Jahres, die zur Erinnerung an die Offenbarung am Berg Sinai im Mai oder im Juni stattfindet. ↩︎

Der Kindertransport vom 21./22. Mai 1939 von Berlin nach London. Die Helfer (6)

Der Kindertransport vom 21./22. Mai 1939 von Berlin nach London. Die Helfer (6)

Über Norbert Wollheim hatten wir gerade in Teil 5 gesprochen. Nun noch ein paar Worte über die in der Transportliste erwähnten „übrigen Begleiter“.

Dr. Erna Davidsohn. Von ihr wissen wir Folgendes:
„Dr. Sophie Erna Davidsohn wurde am 5. März 1897 in Berlin geboren. Sie war eine Kinderärztin und lebte mit ihren Eltern und ihrer Schwerster Ilse in der zweiten Etage der Crellestraße 1 (früher Bahnstraße 1–2). Dort hatte ihr Vater Dr. Heinrich Davidsohn eine Kinderarztpraxis.
Erna ging auf die erste höhere Töchterschule, die Chamisso-Schule nahe dem Barbarossaplatz, und machte 1918 ihr Abitur an der Königlichen Augusta Schule, der Vorgängerin der heutigen Sophie-Scholl-Schule. Sie studierte Medizin in Freiburg und Berlin, schloss im Jahr 1924 ihre Doktorarbeit erfolgreich ab. Sie arbeitete dann zunächst in der Praxis ihres Vaters und eröffnete dann eine eigene Praxis in der Tempelhofer Manteuffelstraße 21. Lange konnte sie diese Praxis aber nicht halten, da sie und ihr Vater wie viele andere jüdische Berliner_innen 1938 durch die Nationalsozialisten mit einem Berufsverbot belegt wurden. Die Familie Davidsohn wurde 1939 gezwungen, ihre Wohnung in der Crellestraße zu verlassen und zog zwangsweise in beengte Verhätnisse in die Marburger Straße 5.
Dr. Erna Davidsohn engagierte sich in der Jüdischen Gemeinde und begleitete mehrere Kindertransporte nach England und Schweden.
Auch Erna Davidsohn und ihre Schwester Ilse wollten auswandern, doch ihre Anträge wurden abgelehnt. Drei Versuche, eine Aufenthaltsgenehmigung für Schweden zu erwirken, um dort auf die Erlaubnis zur Weiterreise in die USA zu warten, scheiterten, trotz der Unterstützung schwedischer Ärzte, die sich für Erna Davidsohn verbürgten.
Erna Davidsohn und ihre Schwester mussten inzwischen Zwangsarbeit leisten, Erna in der Schneiderei der Firma Michalski in der Großen Frankfurter Straße.
Im September 1940 starb der Vater Heinrich Davidsohn im Alter von 75 Jahren. 1942 wurde die 77-jährige Mutter Martha Charlotte Davidsohn, geb. Jacoby, in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert und dort ermordet.
Am 9. Mai 1943 mussten Erna und Ilse Davidsohn die Vermögenserklärung ausfüllen, am 17. Mai 1943 wurden beide mit dem „38. Osttransport“ nach Auschwitz deportiert. Ilse Davidsohn wurde dort vermutlich kurz nach der Ankunft ermordet. Erna Davidsohn wurde als Ärztin mit zwei Kolleginnen im Lagerlazarett des sogenannten Zigeunerlagers eingesetzt und musste unter widrigsten Bedingungen die Inhaftierten versorgen. Die beiden Kolleginnen waren Dr. Paula Heymann und Dr. Lucie Aldelsberger, nur letztere überlebte und beschreibt in ihrer Veröffentlichung „Auschwitz ein Tatsachenbericht“ die Jahre in Ausschwitz. Sie nannte keine ihrer Kolleginnen namentlich, aber beschrieb deren Erkrankungen und qualvollen Tod.“ (Quelle: Stolpersteine-Berlin).

2. Edith Bähler und 3. Kurt Schaefer.
Die Recherche ergab bislang (8.4.2025) keine Ergebnisse.

4. Heinz Cohn. Heinz Albert Cohn wurde am 3. Oktober 1903 in der Großbeerenstraße 25 in Berlin-Kreuzberg geboren. Sein Vater, der Kaufmann Moritz Cohn, war bei seiner Geburt 46 Jahre alt und seine Mutter Lucia Cohn geborene Francken 33 Jahre. Heinz hatte zwei ältere Brüder, den 7-jährigen Alfred und den 4-jährigen Julius. Als Heinz 8 Jahre alt war, starb sein Vater Moritz Cohn am 25. Mai 1912 mit 55 Jahren. Seine Mutter wurde mit 42 Jahren Witwe. 
Sein ältester Bruder Alfred nahm mit 18 Jahren am Ersten Weltkrieg teil. Mit dem Verwundetenabzeichen und dem Eisernen Kreuz II. Klasse kehrte er 1918 aus dem Krieg zurück. Alfred studierte Medizin und wurde Arzt. Es ist anzunehmen, dass auch Heinz eine höhere Bildung genoss, leider konnte hierzu nichts recherchiert werden.

Als sein ältester Bruder im Dezember 1931 heiratete, wohnte Heinz zusammen mit seiner Mutter und seinem Bruder Julius in der Mainzer Straße 16 in Berlin-Wilmersdorf. 1936 zogen die drei in die Landhausstraße 36 in eine 3-Zimmer-Parterrewohnung im Gartenhaus rechts. Hier waren sie auch bei der Minderheiten-Volkszählung am 17. Mai 1939 gemeldet. 

In der bei seiner Deportation angelegten Vermögensakte fand sich ein Schreiben des Finanzamtes Wilmersdorf-Süd an den Oberfinanzpräsidenten, in dem mitgeteilt wurde, dass „Heinz Israel Cohn, Autovermietung“ für 1943 noch Vermögenssteuer in Höhe von 40 RM zu entrichten habe. „Nach dem Stande vom 1. Januar 1940 besaß der Steuerpflichtige ein Vermögen von 8.486 RM.“ Demnach verdiente Heinz seinen Unterhalt mit Autovermietung. Da ab dem 3. Dezember 1938 Juden das Führen und Halten von PKWs mit sofortiger Wirkung verboten war, konnte er diese Tätigkeit danach nicht mehr ausüben. Führerscheine und Kfz-Papiere mussten bis spätestens 31. Dezember 1938 zurückgegeben werden. Wann und wo Heinz Cohn seine spätere Ehefrau Flora kennenlernte, ist nicht bekannt. 
Die am 15. November 1907 geborene Flora Ball, Tochter des aus Galizien stammenden Eiergroßhändlers Abraham Ball und seiner Gattin Berta Erika Ball geborene Alexandrowitz, hatte zum ersten Mal mit 22 Jahren am 29. April 1930 den 23-jährigen Österreicher Karl Opat geheiratet. Schon drei Monate später kam ihr Sohn Victor Alexander zur Welt. 
1935 wurde auf der Heiratsurkunde mit einem Stempel vermerkt, dass die Ehe zwischen Karl Opat und Flora Opat durch das am 28. Juni 1935 rechtskräftig gewordene Urteil für aufgelöst erklärt wurde, wobei das auf dem Stempel vorgegebene Wort „geschieden“ durchgestrichen wurde. Es ist anzunehmen, dass Karl Opat sich als Opfer einer arglistigen Täuschung sah und deshalb den Antrag auf Aufhebung der Ehe stellte. Er selber gab später in Wien an, dass er nicht geschieden, sondern ledig sei.
In der von Flora bei der Deportation ausgefüllten Vermögenserklärung schrieb sie mehrmals, dass ihr mittlerweile 12-jähriger Sohn Victor „Geltungsjude“ sei. Karl Opat war Jude, deshalb kann davon ausgegangen werden, dass Victors leiblicher Vater nicht Karl Opat war. 
Nach Auflösung der Ehe zog Flora zu ihrer Mutter, die seit 1932 verwitwet war. Bei der Minderheiten-Volkszählung 1939 waren Flora, Victor und ihre Mutter Berta in der Madaistraße1 in Horst-Wessel-Stadt (heute Berlin-Friedrichshain) in der Nähe des Ostbahnhofs gemeldet. Von dieser Adresse wurde ihre Mutter am 8. September 1942 nach Riga deportiert.
Heinz und Flora heirateten am 18. Dezember 1941. Heinz wurde mit der Heirat Stiefvater von Victor. Erst nach der Deportation von Floras Mutter zog die kleine Familie im Oktober 1942 zu Heinz Mutter in 1 ½ Zimmer ihrer Wohnung in der Landhausstraße 36.
Heinz und Flora hatten seit 1941 Zwangsarbeit zu leisten. Heinz arbeitete wie sein älterer Bruder Julius als Maschinenarbeiter bei der Firma Heinrich Klüssendorf im Zitadellenweg 20 in Berlin-Spandau. Die Firma Klüssendorf war auch als Rüstungsbetrieb tätig und lieferte Teile für die Herstellung automatischer Waffen. Während des Zweiten Weltkriegs wurden zudem die Junkers Flugzeug- und Motorenwerke beliefert. Flora arbeitete als Stanzerin in der Firma Max Scheele in der Blücherstraße 37 in Berlin-Kreuzberg. Da die jüdischen Schulen 1941 schon geschlossen waren, wird Victor sich in der Wohnung bei Heinz‘ Mutter aufgehalten haben.
Als ersten der Familie Cohn deportierte die Gestapo Julius zusammen mit seiner Ehefrau Judith am 26. Februar 1943 aus der Martin-Luther-Straße 87 nach Auschwitz. Kurze Zeit später erhielten Heinz, Flora und Viktor den Deportationsbefehl. Im Sammellager in der Großen Hamburger Str. 21 mussten sie am 12. März 1943 die Vermögenserklärungen ausfüllen und danach auf ihre Deportation warten.
Heinz‘ Mutter Lucia hatte ihre Vermögenserklärung schon am 6. März 1943 ausgefüllt. Auf die Frage, welche Familienangehörigen schon ausgewandert seien, gab sie ihre beiden Söhne, Julius und Heinz mit der Bemerkung „abgewandert“ an. Mit dem 4. Großen Alterstransport wurde sie am 17. März 1943 mit 1.199 anderen vom Anhalter Bahnhof in Berlin nach Theresienstadt deportiert. 
Heinz, Flora und Victor blieben noch über einen Monat im Sammellager. Da Heinz ältester Bruder Alfred für die Reichsvereinigung der Juden arbeitete, wird er alles versucht haben, die Deportation seines jüngsten Bruders hinauszuzögern, allerdings ohne Erfolg. Am 19. April 1943 deportierte die Gestapo Heinz, Flora und Victor zusammen mit weiteren 685 Personen mit dem 37. Osttransport in das Vernichtungslager Auschwitz, wo sie sie ermordeten. Heinz Cohn starb mit 39 Jahren, Flora Cohn mit 35 Jahren und Victor Opat mit 12 Jahren. (Quelle: Stolpersteine Berlin).

5. Frau Irma Zancker. Frau Zancker ist bei den Hamburger Stolpersteinen dokumentiert. Dort heißt es kurz: Irma Zancker (geborene David) * 1901 Sierichstraße 46 (Hamburg-Nord, Winterhude) Irma Zancker, geb. David, geb. 25.6.1901 in Altona, deportiert am 23.6.1943 nach Theresienstadt, weiterdeportiert am 28.10.1944 nach Auschwitz, dort ermordet.
In einer auf der Seite der Stolpersteine Hamburg eingefügten Tondatei (Nr. 7 im hier eingefügten link) erfährt man noch etwas mehr über ihr Leben.

Irma Zancker war schon Begleitperson beim ersten Kinder-Transport am 29. November 1938, wie dieses Dokument belegt:

6. Schwester Thekla Picard. Wir wissen bislang nicht viel von ihr. Sie wird bei den Hamburger „Stolpersteinen“ als Fürsorgerin in der Jüdischen Gemeinde erwähnt. Diese Fürsorgestellen waren wichtig bei der Auswahl der Kinder, denn die Kinder mussten vorher einem Gesundheits- und Sozial-Check unterzogen worden sein. Die Fürsorgestellen hatten von jedem „Transport-Kind“ eine eigene Akte mit den notwendigen Papieren angelegt. (Quelle: Stolpersteine Hamburg).

Der Kindertransport 21/22. Mai 1939 Berlin – London. Die Liste. Woher die anderen Kinder kamen (4)

Der Kindertransport 21/22. Mai 1939 Berlin – London. Die Liste. Woher die anderen Kinder kamen (4)

Die Kinder kamen nicht nur aus Berlin. Wir sehen an der Liste, die mir die britische Historikerin Dr. Amy Williams im März 2025 dankenswerterweise in Kopie zur Verfügung gestellt hat – sie kamen auch aus Beuthen (heute Polen):

Sie kamen aus Hamburg:

und sie kamen aus einer ganzen Reihe anderer Städte in Deutschland: aus Breslau, Königsberg, Magdeburg, Chemnitz, Hamm, Gelsenkirchen, Würzburg, Bamberg und Stuttgart.

Diese im Dezember 2024 in Yad Vashem/Jerusalem entdeckten Transportlisten der Kindertransporte werden nun auch in zahlreichen Städten die Forschungen zur Herkunft jüdischer Familien und ihrer Nachfahren ergänzen und erweitern können. Ein wertvoller Fund.

Wer sich mit dem Thema „Kindertransporte“ etwas eingehender befassen will, dem sei folgende Literatur empfohlen:

  1. Wolfgang Benz (Hg). Die Kindertransporte 1938/39. Fischer-Taschenbuch 2024, 2. Auflage
  2. Rebekka Göpfert (Hg). Ich kam allein. Die Rettung von zehntausend jüdischen Kindern. dtv 1994
  3. Rebekka Göpfert. Der jüdische Kindertransport von Deutschland nach England 1938/39. Campus-Verlag Frankfurt/New York 1997
  4. Dorit B. Whiteman. Die Entwurzelten. Jüdische Lebensgeschichten nach der Flucht 1933 bis heute. Böhlau Verlag Wien.Köln.Weimar 1995
  5. Mike Levy: Get the Childen out! Sonderausgabe zum 85. Jahrestag der Transporte.
  6. Das neue Buch von Dr. Amy Williams zu ihrem Fund der Transport-Listen im Dezember vorigen Jahres in Yad Vashem wird im Sommer 2025 erscheinen.

Mike Levy hat sein Buch auch „Die unbesungenen Helden des Kindertransports“ genannt. Von denen wird im nächsten blog-Beitrag die Rede sein, denn die Liste vom 21./22. Mai 1939 nennt auch ihre Namen.

Kindertransport 1939 Berlin – London. Die Mädchen aus Berlin (3)

Kindertransport 1939 Berlin – London. Die Mädchen aus Berlin (3)

Die Liste mit den Namen und Anschriften der Berliner Kinder, die am 21./22. Mai 1939 von Berlin über Hoek van Holland – Harwich nach London fliehen konnten, enthält 45 Namen Berliner Mädchen. Schaut man sich diese Liste genau an, fällt die größte Altersgruppe der 14-16jährigen Mädchen sofort auf.
Auch finden sich Geschwisterpaare. Die drei jüngsten Mädchen dieses Transportes sind 6, die beiden ältesten sind gerade noch 17 Jahre. Die Altersgrenze für die Transporte lag bei 17 Jahren … Man ahnt die Panik der Eltern, ihr Kinder „gerade noch“ auf den Transport bekommen zu haben.
Die jüdischen Hilfsorganisationen in Deutschland, bei denen die „Anwärter-Kinder“ angemeldet waren, mussten auswählen. Erschütternd ist heute, 95 Jahre nach jenen Ereignissen wahrzunehmen, nach welchen Kriterien die Kinder ausgesucht wurden: sie mussten gesund sein, blonde, 12jährige Mädchen waren bevorzugt in England, Jungen hatten es sehr viel schwerer. Behinderte Kinder hatten keine Chance. Zur Tragik der Kindertransporte gehört, dass die meisten Kinder eben nicht gerettet werden konnten. Aber, immerhin 10.000 konnten den Nazis nach England entkommen.

Die Kinder wurden auf englischer Seite entweder von „Pateneltern“ am Bahnhof abgeholt – oder sie kamen gleich in der Nähe von Harwich in ein eigentlich für Sommeraktivitäten gebautes Camp, das aber in den Wintermonaten ab Dezember 1938 nun als Kinder-Flüchtlings-Lager dienen musste. Die Verhältnisse waren entsprechend schlecht. Am Beginn der Transporte waren die Patenschafts-Fragen noch nicht verlässlich geklärt, weshalb es bei der Ankunft zu Szenen „wie auf einem Viehmarkt“ kam, wie ehemalige „Kinder“ in ihren Lebenserinnerungen geschrieben haben. Die Kinder waren aufgestellt und die Gasteltern konnten sich „ein ihnen passendes Kind aussuchen“. Natürlich blieben bei einem solchen Verfahren Kinder „übrig“ – um die sich dann die Hilfsorganisationen selbst kümmern mussten.
Schon bald allerdings waren die Transporte zunehmend professionalisiert. Auch hörten die dramatischen Szenen auf den Berliner Bahnsteigen auf, wenn sich die Eltern von ihren Kindern direkt am Zug verabschiedeten. Norbert Wollheim, von dem noch die Rede sein wird, sorgte dafür, dass sich die Eltern von ihren Kindern in einem eigenen großen Raum verabschieden konnten, bevor die Kinder den Zug bestiegen. Auch hatten die Nazis gefordert, dass diese „Verabschiedungsszenen auf dem Bahnsteig“ aufzuhören hätten, die Berliner Bevölkerung sollte nicht mitbekommen, was da vor sich ging.

Im Zug wurden die Kinder von Erwachsenen begleitet, die aber, so war die Bedingung der Nationalsozialisten, nach dem Transport von England nach Deutschland zurückkehren mussten. Falls jemand die Gelegenheit zur Flucht nutzen sollte, würde man die Transporte sofort einstellen.

Wir sehen hier an den Blättern zwei und drei (Blatt 3 enthält Susanne Schaefer, um die es bei der Recherche eigentlich geht) der Transportliste, dass die Kinder dieses Transportes nicht nur aus Berlin kamen.
Im nächsten Beitrag gehe ich näher darauf ein.

Kindertransport 1939 Berlin-London. Die Liste (2)

Kindertransport 1939 Berlin-London. Die Liste (2)

Im Dezember 2024 hatte die britische Historikerin Dr. Amy Williams in Yad Vashem/Jerusalem „fast alle“ Transportlisten der „Kindertransporte“ aus den Jahren 1938/1939 gefunden – für Kenner der Materie eine Sensation, denn diese Listen galten bislang als verschollen. Ich erfuhr von diesem Fund Ende März 2025 durch einen Artikel in der New York Times, setzte mich sofort mit Dr. Williams in Verbindung und erhielt von ihr schon am Folgetag dankenswerter Weise die Liste in Kopie, die mich besonders interessiert: die Liste vom 13e Transport am 21/22. Mai 1939 von Berlin über Hoek van Holland nach London. Mit diesem Transport kam nämlich die einzige Tochter des Grafikers und Pressezeichners Albert Schaefer-Ast und seiner zweiten Frau, der Modezeichnerin Steffie, geborene Nathan, gleichsam „in letzter Minute“ nach Schottland in Sicherheit. Steffie selbst konnte noch im Juli 1939 als „house wife“ nach England emigrieren, Schaefer-Ast hatte sich im April 1939 von der Jüdin Steffie scheiden lassen und blieb in Berlin. Im Buch über Schaefer-Ast habe ich diese Fakten ausführlich beschrieben.

Über die Titelseite der Liste vom Mai-Transport hatte ich bereits im vorigen blog-Beitrag geschrieben, nun also die Seiten 1 + 2, wir finden zunächst die Namen und Adressen der Jungen, die mit diesem Transport fliehen konnten. Es handelt sich dabei um eine von holländischen Helfern ausgestellte und an die holländischen Grenzbehörden übersandte Liste, die erst am 17. Mai endgültig feststand:

35 Berliner Jungs waren im Zug. Insgesamt waren es 128 Kinder, auch aus anderen Orten als Berlin, die in Begleitung von mehreren Erwachsenen, über die wir noch sprechen werden, mit diesem Transport von Berlin nach London entkommen konnten. Im Zug waren nicht nur Berliner Kinder, wie wir noch sehen werden, aber wir beginnen zunächst mit den Berlinern, der Reihenfolge der Liste folgend.

Besonders aufschlussreich ist, dass mehr Mädchen als Jungen im Zug waren. Das wurde zum Merkmal der Transporte insgesamt: denn viele britische Gasteltern bevorzugten Mädchen, die „nicht schwierig“ waren; Mädchen, die sich eher angepasst und ruhig verhielten. Nicht wenige von ihnen wurden auch als Kindermädchen und Reinigungshilfen ausgenutzt, davon wird noch zu sprechen sein. Jungen hatten es da schwerer. Fliehen konnten nur Kinder, die noch keine 17 waren, die meisten waren sehr viel jünger, wie man leicht an den Geburtsdaten erkennen kann. Die Berliner Jungs in diesem Transport waren im Alter zwischen 6 und 17 Jahren, größte Teilgruppe waren die Jungs im Alter zwischen 13 und 14 Jahren.

Wer sich mit der jüdischen Geschichte Berlins beschäftigt, hat durch diese Liste nun einen weiteren Hinweis auf die Wohnorte jüdischer Familien im Mai des Jahres 1939 und eine Grundlage für weitere Recherchen.

Im nächsten Blogbeitrag schauen wir uns die Mädchen auf der Berliner Liste an, dann sehen wir uns die anderen Orte an, aus denen Kinder dieses Transportes kamen und schließlich werden wir uns mit den Helferinnen auf diesem Transport beschäftigen. Aber: eins nach dem anderen.

Kindertransport 1939 (1). Die Liste

Kindertransport 1939 (1). Die Liste

Es geht um Susanne Schaefer, geboren am 18. Januar 1927 als einzige Tochter des Pressezeichners und Grafikers Albert Schaefer-Ast und seiner zweiten Frau Steffie, geborene Nathan.

Ich wusste inzwischen, dass Susanne am 21. Mai 1939 mit einem „Kindertransport“ von Berlin via Hoek van Holland zunächst nach London und dann weiter nach Ayr in Schottland fliehen konnte. Aber ich kannte keine Details, denn auch nach intensivster Suche war keine Transportliste dieses Transportes zu finden. Alle Historiker, die sich mit dieser Thematik befasst hatten, waren der Ansicht, diese Listen seien verschollen und aufgrund von „Kriegseinwirkungen“ verloren gegangen. Am 31.3.2025 bekam ich eine Mail aus New York mit einem Artikel in der New York Times, der von einem „Sensationsfund“ berichtete. Der britischen Historikerin Dr. Amy Williams sei es Ende 2024 im Archiv in Yad Vashem gelungen, die Transportlisten der „Kindertransporte“ von 1938/39 zu finden. Die Listen seien „beinahe vollständig“.

Was für eine Nachricht! Ich fing sofort an, weiter zu suchen, um Dr. Williams irgendwie zu erreichen und noch in der Nacht konnte ich an Dr. Williams eine Mail schreiben mit meiner Frage, ob sie „zufällig“ auch die Liste vom 21. Mai 1939 von Berlin via Hoek van Holland nach London gefunden hätte?

Schon nach wenigen Stunden kam ihre Antwort. Tatsächlich ist diese Liste enthalten. Frau Dr. Williams wird über ihren umfänglichen Fund und die Auswertung des Fundes im Sommer diesen Jahres publizieren und dennoch schickte sie mir die Liste mit Susannes Namen – wofür ich ihr einen großen Dank sagen möchte. Solche Kollegialität ist nicht selbstverständlich.

Ich will im Folgenden etwas zu dieser Liste sagen. Heute Teil 1: Das Deckblatt vom 19. Mai 1939.

Die Übersetzung lautet:
DAS KINDER-COMITÉ
Amsterdam 19. Mai 1939
Heerengracht 466

an

Grenzschutz und Nationaler Ausländerdienst
Nassau Zuilensteinstraat 11, Den Haag

Nach dem Telefongespräch mit Frau Wijsmuller bestätigen wir hiermit, dass am Sonntag, den 21. Mai, ein deutscher Kindertransport bestehend aus
128 Kindern
um 16:51 Uhr über den Grenzbahnhof Oldenzaal durch unser Land fahren und von dort über Hoek van Holland (Ankunft 21:37 Uhr) noch am selben Abend mit dem Nachtschiff nach England reisen wird.

Zu Ihrer Information legen wir Ihnen eine Liste mit den Namen der Kinder und der Betreuer bei.

Wir haben die Leiter der Grenzstationen Oldenzaal und Hoek van Holland über diesen Transport informiert.

Mit freundlichen Grüßen, „Das Kinder-Komitee“

Angefügt ist die angekündigte 5-seitige Liste (verfasst am 17.5.1939) mit 128 Namen und Adressen der Kinder und ein Blatt mit den Namen der BegleiterInnen dieses Transportes. Darüber wird es einen eigenen Beitrag geben.

Ich bin derzeit bei der Vorbereitung einer Recherche-Reise nach London. Ich will exakt auf dem Weg reisen, den die jüdischen Flüchtlingskinder im Mai 1939 gereist sind: früh mit dem Zug ab Berlin nach Amsterdam, von dort weiter zum Hafen in Hoek van Holland, dann mit dem „Nachtschiff“ um 22 Uhr ab Hoek van Holland nach Harwich, von dort am Folgetag weiter nach London Liverpool Street Station.

Das Titelblatt der in Jerusalem gefundenen Liste verrät uns, dass „Frau Wijsmuller“ den Transport vom 21. Mai 1939 den Grenzbehörden schon telefonisch angekündigt hatte. Sie ist eine bemerkenswerte und sehr durchsetzungsstarke Frau gewesen, die sich unter größtem persönlichen Einsatz um die jüdischen Kinder gekümmert hat. Unter abenteuerlichsten Umständen ist es ihr noch im September 1939 gelungen, ein letztes Flüchtlingsboot außer Landes zu bringen, da wurde das Boot schon von Flugzeugen aus beschossen – aber die Kinder wurden gerettet. Ich werde in einem weiteren Beitrag ausführlich auf sie eingehen.
Der Transport wurde begleitet vom „Hauptführer“, wie das Dokument formuliert, Norbert Wollheim, der maßgeblich die Kindertransporte von Berlin organisiert, vorbereitet und begleitet hat. Auch er wird einen eigenen Blogbeitrag bekommen. Norbert Wollheim ist ein wirklich bemerkenswerter Mensch gewesen, der viel zu wenig bekannt ist. Wollheim kehrte immer wieder nach einem Transport aus London zurück, um den nächsten Transport durchzuführen, er kam ins KZ, überlebte, emigrierte in die USA. Er hat ausführlich über seine Arbeit für die „Kindertransporte“ geschrieben. Davon wird noch die Rede sein.

Zunächst also die „Titelseite“ der Transportliste vom 21. Mai 1939, angefertigt am 19. Mai 1939 in Amsterdam. Dort war „DAS KINDER-COMITÉ“ untergebracht, das den deutschen jüdischen Kindern half, den Weg in die Sicherheit zu finden. Viele Kinder haben noch aus dem Zug an ihre in Deutschland gebliebenen Eltern geschrieben und auf den Postkarten und in den Briefchen davon erzählt, wie herzlich sie in den Niederlanden aufgenommen und versorgt worden seien.

Die britische Regierung hatte sich nach den Novemberpogromen 1938 bereit erklärt, „wenigstens jüdische Kinder für eine begrenzte Zeit“ aufzunehmen, obwohl England kaum noch erwachsene Flüchtlinge aufnahm, man befürchtete, dass die deutschen Flüchtlinge „unseren Leuten die Arbeit wegnehmen“ (!) könnten. Auch waren die Ausreisen nach Palästina, das damals unter britischem Protektorat stand, begrenzt worden. Die jüdischen privaten Hilfsorganisationen, die zusammen mit den Quäkern in Deutschland und England die „Kindertransporte“ organisierten, mit denen „etwa 10.000 Kinder“ gerettet werden konnten, setzten deshalb darauf, dass man „wenigstens die Kinder für eine begrenzte Zeit“ außer Landes bringen müsse; die Helfer mussten alles privat organisieren, denn die britische Regierung hatte zur Bedingung ihrer Einreisegenehmigung gemacht, dass „dem Staat keinerlei Kosten“ entstehen dürften. Adolf Eichmann hatte unmittelbar nach dem Novemberpogrom 1938, als „wenigstens die Kinder“ gerettet werden mussten, den jüdischen Helfern einen ersten Transport unter der Bedingung genehmigt, dass er „noch im Dezember“ 1938 erfolgen müsse. Eine schier unlösbare Aufgabe. Aber: es gelang. Der erste Kindertransport verließ Deutschland noch im Dezember 1938. Die mediale Aufmerksamkeit insbesondere in Großbritannien für diesen ersten Transport war sehr groß, man findet zahlreiche Dokumente darüber.
Über die Helfer in Berlin und in Amsterdam ist weniger bekannt, „Frau Wijsmuller“ und „Norbert Wollheim“ sind nur Menschen bekannt, die sich intensiv mit den „Kindertransporten“ beschäftigt haben. Meine Beiträge sollen ein wenig helfen, dass sich das ändert.

Die Kindertransporte 1938/39. Das Trauma der Kinder

Die Kindertransporte 1938/39. Das Trauma der Kinder

Nun haben wir Kontakt in England. Mein Recherche-Partner Peter in London hat tatsächlich den ältesten Sohn von Susanne Buck, geb. Schaefer „ausgegraben“ und wir haben Mailkontakt miteinander. Wunderbar. Wir haben ihn gefragt, was seine Großmutter (Steffie Schaefer, geb. Nathan) bzw. seine Mutter Susanne Buck (geb. Schaefer, 1927-2002) über die Flucht aus Deutschland 1939 und die erste Zeit in England erzählt hätten.

Wir lesen: „My grandmother died when I was 15 (1972) and I have no recollection of her talking about fleeing Germany. My mother, similarly, didn’t speak of it. I think the shock and trauma of it was something she wanted to put behind her.“

Wir wissen inzwischen Genaueres: am 20. Mai 1939 ging ein Zug von Berlin Friedrichstraße an die holländische Küste und von dort fuhren die Kinder mit der Fährer weiter nach London. Dort kamen sie am 22. Mai 1939 an.
Wir wissen weiterhin, daß Susanne (sie war damals 12) mit 180 anderen Kindern von London aus am Folgetag nach Schottland gebracht wurden. In Ayr kam sie bei wohlhabenden Menschen unter und wurde gut aufgenommen und gefördert, wir haben inzwischen sogar Fotos von Susanne in Schuluniform etwa aus dem Jahre 1942.
Schließlich wissen wir, daß es im Juli 1951 zu einer Wiederbegegnung der drei Menschen in Berlin kam: Vater Albert Schaefer-Ast kam aus Weimar; Mutter Steffi und Tochter Susanne (sie war inzwischen 24 Jahre alt) kamen aus London, Vater Albert hatte die Flugtickets bezahlt. Berlin war geteilt und lag in Trümmern, es war nicht einfach, zwischen den „West-Zonen“ und der „Ost-Zone“ zu pendeln. Schaefer-Ast war beim Treffen schwerst krank, er konnte kaum laufen, hatte Hungerödeme, kam mit der Hitze in der Stadt nicht zurecht und ist vorzeitig Richtung Prerow abgereist.

Susannes ältester Sohn nun ist von Peter in London und von mir gefragt worden, was Susanne von der Flucht und vom Treffen mit ihrem Vater (der zwei Monate nach dem Treffen starb) erzählt hätte: „she didn’t speak of it.“ Sie sprach nicht darüber. „Schock“ und „Trauma“ seien wohl die Gründe dafür.

Diese Flüchtlingskinder mussten eine mehrfache Traumatisierung erleiden, Ute Benz ist in ihrem Aufsatz „Traumatisierung durch Trennung. Familien- und Heimatverlust als kindliche Katastrophen“, der im Buch „Die Kindertransporte 1938/39“, hrsg. von Wolfgang Benz, S.Fischer 2024, erschienen ist, ausführlich darauf eingegangen. Daraus seien nun ein paar zentrale Gedanken zitiert, damit verständlich wird, weshalb Susanne „nicht darüber gesprochen“ hat.

Für Kinder sind Trennungen Katastrophen. Aber Kinder erleben und verarbeiten Trennungstraumata verschieden, je nach den Bedingungen, die sie vorfinden. „Sie betreffen erstens das Alter, in dem die Trennung von der geliebten Person erlebt wurde; zweitens die Art der Trennung, ob vorbereitet oder plötzlich; drittens die Frage, ob das Pflegemilieu günstig und verständnisvoll war; viertens betreffen sie die Dauer der Trennung und fünftens, ob die Trennung endgültig war, weil die Eltern im Holocaust ermordet wurden oder aber, ob sechstens die Kinder veränderte, traumatisierte Eltern wiederfanden und ob sie siebentens durch Familienzusammenführungen neue Trennungen aus den nun gegebenen sozialen Beziehungen, die sie in der Zwischenzeit geknüpft hatten, erfuhren.“ (a.a.O., S. 138).

Bei Susanne kam alles zusammen, bis auf die eher günstigen Bedingungen in der Aufnahmefamilie in Ayr/Schottland. Als sie, inzwischen 24-jährig, nach 6 Trennungsjahren, von denen sie anfangs annehmen musste, die würden endgültig sein, ihren schwerstkranken Vater in Berlin wiedertraf – dürfte sie ihn fast nicht erkannt haben, denn sie war 12, als sie fliehen musste.

Diese Kinder der Kindertransporte – interessanter Weise nennt man sich bei den Ehemaligentreffen immer noch „Kinder“ – haben sehr schwere seelische Verletzungen davongetragen – obwohl sie doch eigentlich „gerettet“ wurden. Sie haben sich deshalb lange nicht getraut, davon zu sprechen, weil sie dachten, hinter die „eigentlichen Opfer der Shoah“ zurücktreten zu müssen, denn schließlich seien sie ja nicht ermordet, sondern gerettet worden. Das aber hat ihr seelisches Leid nur verlängert und an den Folgen haben noch die Kinder der Kindertransportkinder zu tragen.

Ute Benz schreibt: „Von besonderem Interesse ist neben der Trennungsproblematik auch die der Wiederbegegnung, auf die Eltern oft nicht vorbereitet sind, wenn sie ihr Kind nach einer Trennung wieder in die Arme schließen möchten in der Erwartung, nun sei wieder alles gut. Das Kind stürzt sich eben nicht, wie man erwarten könnte, glücklich wieder in die Arme der Mutter. Es ist offensichtlich, dass es sich beim Wiedersehen nicht mehr spontan zu freuen und von seiner Mutter trösten zu lassen vermag. Beim Anblick der qualvoll vermissten Mutter (resp. des Vaters) wendet das Kind sich seinerseits zunächst einmal ab. Die Schmerzen der Trennung, die Verzweiflung des Kindes stehen für geraume Zeit unüberbrückbar zwischen dem Kind und der Mutter.“ (a.a.O. S. 140) Man kann nun in etwa ein Gefühl dafür bekommen, wie kompliziert die Wiederbegegnung der von Albert geschiedenen Jüdin Steffi, ihrer inzwischen 24-jährigen Tochter Susanne und dem emotional ganz sicher überforderten Albert Schaefer-Ast in der zerstörten Stadt Berlin stattgefunden hat.
Wir wissen, dass Steffi bei dem Treffen wohl unmissverständlich mitgeteilt hat, dass sie nicht wieder nach Deutschland zurückkehren würde. Susanne kam im September wieder. Da wurde ihr Vater in Weimar beerdigt. …

Übrigens hat Anna Freud, die Tochter von Sigmund Freud, der ja aus Wien auch nach London emigriert war, im Oktober 1940, zunächst mit privaten Spenden, in London ein Heim für Kleinkinder eingerichtet, das sie nach psychoanalytischen Gesichtspunkten leitete, anders, als es damals „üblich“ war. Aufnahme fanden Kinder, die nach den deutschen Bombenangriffen auf London aus den Familien herausgenommen werden mussten, weil ihre Eltern nicht mehr für sie sorgen konnten. Es ist spannend zu lesen, was Anna Freud über diese Kinder herausfand und wie sie ihnen zu helfen versuchte in einer Zeit, als die allermeisten Helferinnen und Helfer schon damit überfordert waren, für die Kinder in Not wenigstens „ein Dach über dem Kopf“ und „eine warme Mahlzeit am Tag“ zu organisieren, weshalb ich das weiter oben zitierte Buch nochmals empfehlen möchte.

Schließlich sei daran erinnert, dass in der Gegenwart solche traumatisierten Kinder, die plötzlich ihre Eltern oder einen Elternteil verlassen mussten, die über Nacht auf die Flucht mussten und nun in völlig fremder Umgebung irgendwie klar kommen müssen – zu Tausenden in unserem Land leben, weil in ihrer Heimat der Krieg herrscht.

Wir sollten einen Blick für diese Kinder haben.

Schaefer-Ast 1939. Das Jahr der Entscheidung

Schaefer-Ast 1939. Das Jahr der Entscheidung

Inzwischen habe ich die Personalakte der „Reichskulturkammer“ zu Schaefer-Ast im Landesarchiv in Berlin auswerten können. Mich hat interessiert, ob zutrifft, was Schaefer-Ast nach dem Kriege gleichsam gebetsmühlenartig behauptet: dass er „wegen Mischehe“ und „entarteter Kunst“ „aus der Kammer rausgeschmissen“ worden sei. Das Ergebnis ist ernüchternd. Ich drucke hier nun den Abschnitt aus dem entstehenden Buch über Schaefer-Ast, das Jahr 1939 betreffend, ab:

1939. Scheidung. Exil. Beginn des Zweiten Weltkrieges

Schaefer wird mit seiner jüdischen Frau Steffi die entstandene Lage nach den Novemberpogromen 1938 ausführlich besprochen haben. Man kann sich lange Gespräche, endlose Nächte, etliche Flaschen Wein vorstellen. Was war zu tun? Bleiben oder gehen? Gehen wir alle drei oder nur Susanne und Steffi?

Wir werden in diesem Jahr die Ausreise der gemeinsamen Tochter Susanne mit einem „Kindertransport“, organisiert von Berliner Quäkern sehen; wir sehen die Scheidung von Steffi und deren Ausreise im Juli des Jahres nach England. Am 1. September beginnt der Krieg mit dem Überfall der Wehrmacht auf Polen.

Doch der Reihe nach, denn aktenkundig sind die Bemühungen von Schaefer-Ast, in die Reichsschrifttumskammer aufgenommen zu werden. Es gibt für das Jahr 12 Dokumente in seiner Personalakte, die zu etwas mehr Aufklärung beitragen können.

3.2.1939 Der Reichsminister für Volksaufklärung, an den die Personalakte Schaefer ja Ende 1938 übergeben worden war, teilt in Gestalt von Herrn Hinkel dem Präsidenten der Reichsschrifttumskammer mit, „dass ich die weitere Mitgliedschaft des Albert Schaefer, Berlin, zu Ihrer Kammer bzw. Befreiung von der Mitgliedschaft aus grundsätzlichen Erwägungen ablehne.“[1] Die Personalunterlagen gibt er ebenfalls zurück und bittet, „das Weitere“ zu veranlassen.

18.2.1939 Der Präsident der Reichskammer der bildenden Künste erinnert Herrn „Maler und Pressezeichner“ Schaefer-Ast an die Ausnahmegenehmigung des Herrn Ministers vom 5.7.1938 „auf dem Gebiete der Reichskammer der bildenden Künste tätig zu sein“ und befreit ihn gleichzeitig von der Mitgliedschaft in der Kammer. Er bittet Schaefer, den Ausweis 754 zurück zu geben. Die Befreiung erfolgt unter der Voraussetzung, daß er seine Beiträge bezahlt[2].

20.2.1939 Aktennotiz: „A II (Studt) wünscht Akte Schäfer noch einmal zurück, da Neubehandlung des Falles“[3]  

23. 2. 1939 Der Reichsminister für Volksaufklärung hatte also, wie wir gesehen haben, nochmals um die Personalakte Schaefer gebeten, die ihm nun nochmals mit kurzem Anschreiben überreicht wird.[4]

17.4.1939 Scheidung. Offenbar war man in der Familie Schaefer zu einer Entscheidung gekommen. Steffi war in Gefahr und musste möglichst außer Landes, Tochter Susanne ebenfalls. Albert würde in Deutschland bleiben. Eine Scheidung von der Jüdin Steffi würde ihm im Übrigen beruflich weiterhelfen. So kam es dann auch.

Noch im Mai[6] wird Susanne, mittlerweile 12 Jahre alt, mit einem „Kindertransport“ von Berlin-Friedrichstraße über die Niederlande und dann mit dem Schiff London erreichen.

26.5.1939 Schaefer-Ast bekommt bescheinigt, daß er nun auch noch schriftstellerisch tätig sein darf und gleichzeitig von der Mitgliedschaft in der Reichsschrifttumskammer befreit ist. „Die Einnahmen aus Ihrer schriftstellerischen Tätigkeit haben Sie bei der Kammer, der Sie als Mitglied angehören, jährlich anzumelden.“[7]

Wir halten fest:

Schaefer ist nun Mitglied in der Reichspressekammer, Fachschaft Pressezeichner, dort zahlt er seine Beiträge.

Außerdem darf er als Maler und Grafiker tätig sein (Ausnahmegenehmigung) und er darf schriftstellerisch tätig sein.

Schaefer hat, was er wollte.
Von einem „Rausschmiss aus der Kammer“, von „Berufsverbot wegen Mischehe“ wie er später in seinen Lebensläufen nach dem Kriege sprechen wird, kann überhaupt gar keine Rede sein. Schaefer war immer Kammer-Mitglied. Nach der Scheidung bekam er noch zusätzliche Möglichkeiten der Publikation.

Die drängendste Frage nach den Novemberpogromen innerhalb der kleinen Familie war nun entschieden: Steffi und Susanne gehen, wenn noch möglich. Schaefer-Ast wird bleiben.

Exkurs: Die Kindertransporte

Den Kindern wurde erzählt, sie würden in eine Art Ferien fahren. Es sei schön dort, wohin sie kämen. Man würde nett und freundlich zu ihnen sein und sie könnten sich auf das Abenteuer der langen Reise freuen.

Die Kinder werden gemerkt haben, daß da etwas nicht stimmte. Spätere Zeugenaussagen ehemaliger „Transportkinder“ bestätigen das. Was war der Hintergrund dieser „Transporte?“
Nach den Novemberpogromen 1938 wollten viele Juden Deutschland verlassen, aber kaum ein Land war bereit, Juden aufzunehmen. Allenfalls Kinder würde man aufnehmen. Allen voran Großbritannien. Schon wenige Tage nach den Novemberpogromen in Deutschland nahmen einige einflussreiche JüdInnen und Quäker Kontakt zum britischen Premierminister Chamberlain auf und warben dafür, „wenigstens Kinder für eine Übergangszeit“ in England aufzunehmen. Man bürge auch für alle Notwendige (Kosten, Unterkunft, Pflegefamilien etc.). Der erste Kindertransport fuhr bereits am 1. Dezember 1938. Bis zum Beginn des Krieges im September wurden allein nach England etwa 10.000 Kinder in Sicherheit gebracht. Die Kinder durften nur einen Koffer, eine Handtasche und 10 Reichsmark mitführen. Manche Kinder hatten Glück und kamen bei Verwandten unter. Anderen ging es sehr schlecht in Massenunterkünften. Susanne scheint Glück gehabt zu haben.

Die Kindertransporte sind inzwischen relativ gut erforscht[8] und auch dokumentiert worden[9]. Es gibt auch Filmberichte[10] vom ersten Transport, der mit großem Medieninteresse insbesondere in England aufgenommen wurde.

Vor dem S-Bahnhof Berlin-Friedrichstraße steht ein Mahnmal zur Erinnerung an diese Transporte, so, wie in den anderen Städten, in denen die Transporte ankamen, ebenfalls.

Prof. Wolfgang Benz, einer der kenntnisreichsten Historiker über die Zeit des NS, hat dazu bei S.Fischer publiziert[11].

Die genauen Umstände des Mai-Transportes mit Susanne Schaefer im Jahre 1939 konnte ich bislang noch nicht aufklären und dokumentieren, aber eines ist völlig klar: die Familie Schaefer-Ast war ab Mai 1939 zerrissen. Die Tochter in England, die Frau auf der verzweifelten Suche nach einer Ausreisemöglichkeit, der Vater in einer anderen Wohnung ein paar Häuser weiter.

Die exilierten Kinder konnten nur noch schriftlich mit ihren Eltern in Verbindung bleiben, nach Beginn des Zweiten Weltkrieges nur noch über Formulare des Internationalen Roten Kreuzes.

Nach Steffis Flucht im Juli gab es nur noch zwei erhaltene Brief zwischen den Eheleuten. Beide aus dem Jahre 1939, beide aus Prerow. Dann herrschte Stille. Erst nach dem Kriege, sechs lange Jahre später, kam wieder ein Briefwechsel zustande.

Wir gehen zurück ins Jahr 1939.

26. Mai 1939. Schaefer wird nun, nach der Scheidung von der Jüdin Steffi, vom Staat belohnt. Er erfährt: „Der Herr Präsident der Reichskammer der bildenden Künste hat mit Schreiben vom 16.5.39 die Ihnen für den Bereich der Reichskammer der bildenden Künste erteilte Sondergenehmigung auf die in den Zuständigkeitsbereich meiner Kammer fallenden schriftstellerischen Veröffentlichungen ausgedehnt.“[12] Schaefer-Ast darf nun zeichnen, malen und schreiben.

Nach Susannes und Steffis Ausreise kauft sich Schaefer im Sommer 1939 in Prerow ein kleines Häuschen mit Grundstück.

Der inzwischen ehemals NS-kritische, nun aber „gleichgeschaltete“ Simplicissimus bringt am 4.6.1939 die Grafik „Grand Compliment“[13], die nach all diesen Ereignissen ein wenig seltsam anmutet.  Wen der Schaefer-Ast da wohl meint?

25.6.1939 Schaefer-Ast schreibt von Prerow aus an Steffi, die in Berlin in der Kurfürstenstraße 43 offenbar krank ist, aber dennoch ihr Exil vorbereiten muss:

„Liebe Steffie, heute Morgen das Telefongespräch hat mir wohlgetan, es war mein Sonntag. Zu schade, dass Du so wenig auf dem Posten bist. Hoffentlich stimmt Dich der normale Ablauf etwas ruhiger, und Du erholst Dich auf den Schreck, und Du trittst vergnügt deine Sommerreise[14] an. So musst Du denken. Und siehst Mopsie! und Schottland. Es wird bestimmt alles gut werden. Zu Dienstag (Berlin) möge der Herr Dir Kraft verleihen, das muss schwierig sein.

Wir waren erst einmal am Strand! Kannst Dir denken, wie wir schuften. Also morgen kommt Peter. Ich schreibe dann wieder. Dein Ast.“[15]

28. Juli 1939. Schaefer schreibt von Prerow aus an seine Tochter Susanne in England.

„Prerow, Freitag, 28. Juli.

Liebe Susanne, heute bekam ich Muttis Brief, dass sie schon Mittwoch abgefahren ist.[16] Na! Das müssen ja wunderschöne Tage gewesen sein in Ayr[17]. Mutti war auch ganz begeistert von der schönen Umgebung und vom Haus und von der lieben Familie Hamilton. Und von Craster und Dackelbaby. Wir leben auch noch immer ein rechtes Ferienleben, nur dass ich jetzt Luise mitgebracht habe aus Berlin, die jetzt für uns kocht. Heute gab es Bratwurst mit grünen Bohnen und neuen Kartoffeln. Hinterher Kirschkompott von eigenen Kirschen. Zum Frühstück gibt es Peters Radieschen, auch Saat hat er gepflanzt und seinen Sonnenblumenpfad, aber den kann man nicht essen. Als ich in Berlin war, um Mami an die Bahn zu bringen[18], da haben Peter und ein Freund von mir aus der Düsseldorfer Zeit allein gekocht, da gab es viel Makkaroni, Pellkartoffeln und Hering und Bratkartoffeln mit Ei. Ich habe noch eine große schwarze Bratpfanne (handgeschmiedet, man sieht jeden Hammerschlag) beim Dorfschmied gekauft, nun braten sie doppelte Portionen; und als Luise kam, musste sie zuerst Kartoffelpuffer backen. Nächstens schicke ich als Drucksache die Blumen und Bilder aus der „Dame“, die ich in Prerow gemalt hatte. Ich wünsche Dir noch recht schönes Wetter für deine Ferien[19] und grüße Dich herzlich. Dein Vater.“[20]

3.8.1939. Haushälterin Luise schreibt einen letzten Brief aus Prerow an „Susannchen“ in England[21].

1.12.1939 Eine Werbeanzeige in der Südwestdeutschen Handelszeitung weist auf das „Große Weihnachtsheft der DAME“ hin, in der Schaefer-Ast vertreten ist. Schaefer darf publizieren und verdient gut.

13. 12. 1939 trotz all dieser Entwicklungen, die ja ganz im Sinne der NS-Reichskulturkammer sind, fragt ein ganz Beflissener im Amt des Präsidenten der Kammer der bildenden Künste bei der GESTAPO nach, ob „Tatsachen bekannt sind, die auf weitere Beziehungen des  Sch.-A. zu seiner früheren Frau schließen lassen.“ [22]  Man traut ihm nicht. Vielleicht hatte man auch die Briefe vom 28.7. und vom 25.6. abgefangen und studiert.

Inzwischen aber hat Hitlers Wehrmacht Polen überfallen.


[1] Reichskulturkammer, Personalakte Schaefer, Landesarchiv Berlin, ARep.243-04 Nr. 7925 a.a.O., Blatt 15

[2] Reichskulturkammer, Personalakte Schaefer, a.a.O., Blatt 62

[3] Reichskulturkammer, Personalakte Schaefer, a.a.O. Blatt 10

[4] Reichskulturkammer, Personalakte Schaefer, a.a.O., Blatt 12

[5] Ausschnitt aus der Scheidungsurkunde vom 17.4.1939 vom Standesamt Berlin-Charlottenburg.

[6] Buck, a.a.O., S. 12

[7] Reichskulturkammer, Personalakte Schaefer, a.a.O., Blatt 3

[8] https://www.dw.com/de/kindertransporte-flucht-vor-den-nazis/a-65194239

[9] https://www.jmberlin.de/thema-kindertransport

[10] https://www.spiegel.de/geschichte/reichspogromnacht-1938-kindertransporte-retten-juedische-kinder-das-war-keine-kindheit-a-22e2124a-342e-4322-b6f1-c4e441440491

[11] https://www.fischerverlage.de/buch/die-kindertransporte-1938-39-9783596157457

[12] Reichskulturkammer, Personalakte Schaefer, a.a.O., Blatt 24

[13] Simplicissimus online, 4.6.1939, Heft 22, S. 262

[14] damit ist das Exil gemeint!

[15] Buck, a.a.O., S. 35, wie mag diese Karte wohl auf Steffie gewirkt haben?

.[16] Steffi hatte Tochter Susanne in Ayr/England aufgesucht

[17] das ist keineswegs sicher. Steffi war völlig mittellos, sie durfte nur mit 10 Reichsmark ausreisen und war auf die Freundlichkeit anderer Menschen angewiesen.

[18] Schaefer scheint ja seine Frau Steffi wenigstens zum Bahnhof gebracht zu haben.

[19] entweder macht Schaefer mit der Bemerkung „Ferien“ einen groben Scherz oder Susanne wusste tatschlich nicht, was eigentlich los war.

[20] Buck , a.a.O., S. 37

[21] Buck, a.a.O., S. 38

[22] Reichskulturkammer, Personalakte Schaefer, a.a.O., Blatt 60