Susanne Schaefer kam mit dem Kindertransport vom 21. Mai/22. Mai 1939 von Berlin nach London. Sie war 12 Jahre alt. Sie hatte ein Buch dabei: Fridolins Wanderzirkus. Gezeichnet von ihrem Vater Albert Schaefer-Ast. Das Buch findet sich nun im London-Museum, ich habe es für diesen Beitrag als Titelbild verwendet. Mit ihr im Zug saß ein 2 Jahre älterer Junge, Jakob J. Petuchowski. Ich habe seinen Namen auf der Transportliste gefunden, die Amy Williams im Dezember 2024 in Yad Vashem in Jerusalem entdeckt hatte. Sie hatte mir die Liste freundlicherweise für meine Recherchen geschickt. Susanne reiste zusammen mit Jakob am nächsten Tag weiter nach Schottland.
Jakob hat sich an die Reise vom 21. Mai 1938 von Berlin über Hoek van Holland und Harwich nach London erinnert. Sein Bericht ist im Buch „Ich kam allein“, herausgegeben von Rebekka Göpfert1, abgedruckt. Im Folgenden soll er hier wiedergegeben werden, weil wir ihn als „Illustration“ des Transportes benötigen, der Susanne von Berlin nach London und weiter nach Schottland gebracht hat:
„Jakob J. Petuchowski (Cincinatti, USA). Aus Berlin
Was haben das Britische Museum, Bloom’s Kosher Restaurant und Charlie Chaplin gemeinsam? Nur das: daß sie alle dicht gedrängt im Zeitraum von nur ein paar Stunden während jener zwei Tage auftauchten, die mein Leben veränderten – und retteten.
In meinem Besitz befindet sich ein Dokument mit dem Titel „Aliens Order 1920“, ausgestellt am 30. Juli 1941 – an meinem sechzehnten Geburtstag – in East Lothian, in Schottland. Es bestätigt die Tatsache, daß ich am 22. Mai 1939 in Großbritannien eingereist bin, und bemerkt unter „Beruf oder ausgeübte Tätigkeit“: „Landwirtschaftshelfer in Ausbildung“. Ein Foto, das dem Dokument beiliegt, zeigt mich in der Arbeitskleidung eines Landwirtschaftsgehilfen. Mein Gesicht drückt alles andere als Freude aus. Vielleicht bin ich einfach nicht der geborene Landwirtschaftshelfer. Aber als ich am Ende die Landwirtschaftsschule in Schottland verließ, um meine rabbinischen Studien fortzuführen, bemerkte jemand: „Die Bauern werden immer sagen, daß du ein guter Rabbiner bist, und die Rabbiner werden sagen, du bist ein guter Bauer.“ Vielleicht hatte dieser Jemand recht. Jedenfalls trug mein Status als „Landwirtschaftshelfer in Ausbildung“ dazu bei, daß mir an meinem sechzehnten Geburtstag die Internierung erspart blieb.
Aber jetzt von vorn. Wir haben den 22. Mai 1939, den Tag meiner Ankunft in England, und nun kommen das Britische Museum, Bloom’s und Charlie Chaplin ins Spiel. Dieser Tag war auch der Geburtstag meiner lieben Mutter, ihr erster Geburtstag seit meiner Geburt, den ich nicht mit ihr zusammen verbrachte. Noch sollte ich jemals wieder einen ihrer Geburtstage mit ihr zusammen verbringen. Am Tag zuvor, am 21. Mai 1939, hatten wir uns tieftraurig voneinander verabschiedet – auf einem Bahnsteig in Berlin. Dort sah ich sie zum letztenmal. Sie ist ein Teil der „sechs Millionen“ geworden. Zu jener Zeit konnte das natürlich niemand voraussehen, obwohl seit 1933 schon so vieles geschehen war. Es gab die Hoffnung, daß wir uns in England wiedersahen – bald. Für ein Muttersöhnchen wie mich war es schlimm genug, aus seiner vertrauten Umgebung und den liebenden, verwöhnenden Armen der Mutter gerissen zu werden.
Die Eisenbahnfahrt nach Holland verlief ohne Zwischenfälle. Wir bestiegen die Fähre nach Harwich. Nachts überquerten wir den Ärmelkanal, und am nächsten Morgen trank ich an Deck meinen ersten Becher Tee mit Milch. Es schmeckte gar nicht schlecht. Aber aus irgendeinem geheimnisvollen Grund kann ich bis auf den heutigen Tag nur in England Tee mit Milch trinken. Überall sonst auf der Welt will mir dieses absonderliche Gebräu einfach nicht die Kehle hinunter.
Nach der Ankunft in Harwich wurde die gesamte Kinderhorde in einen Zug getrieben, der uns nach London brachte. Dort erwarteten uns Mitglieder des Flüchtlingskomitees und Betreuer, die uns an unsere nächsten Zielorte bringen sollten.
Was soll man in der Hauptstadt des britischen Empire schon anfangen mit Dutzenden von müden, ungewaschenen, hungrigen deutsch-jüdischen Flüchtlingskindern, die über vierundzwanzig Stunden unterwegs gewesen waren? Unser freundliches Empfangskomitee war um eine Antwort auf dieses Problem nicht verlegen: Mit Bussen wurden wir zum Britischen Museum gefahren, wo wir auf einer Führung all seine Schätze bestaunen durften. Allerdings weiß ich, ehrlich gesagt, nicht mehr, was wir sahen. Ich bin nicht einmal sicher, ob es mir gelang, während der ganzen Zeit die Augen offen zu halten. Jedenfalls wurde ich an jenem Tag, dem 22. Mai 1939, erstmals mit den kulturellen Reichtümern Großbritanniens bekannt gemacht. Im nachhinein erscheint es mir durchaus sinnvoll, daß man die Kultur damals vor das Essen an die erste Stelle setzte – obwohl wir Kinder gänzlich anders darüber gedacht haben dürften.
Schließlich durften wir die Busse wieder besteigen, und man brachte uns zu Bloom’s Kosher Restaurant, wo wir unsere erste richtige Mahlzeit nach dem Verlassen Deutschlands einnahmen. Ich erinnere mich nicht mehr, was es gab. Das wichtigste war, daß ich meinen Hunger stillen konnte; dafür waren auch alle anderen dankbar.
Ich erfuhr, daß ich nicht in London bleiben sollte. Mein Bestimmungsort war die Whittingehame Farm School in Schottland. Aber es war noch eine lange Zeit zu überbrücken, bis wir den Nachtzug nach Edinburgh besteigen konnten. Wir gingen also ins Kino und sahen Charlie Chaplin im „Großen Diktator“. Ein Jahr Englischunterricht an einer Berliner Jüdischen Schule reichte gewiß nicht aus, um den Dialog mit all seinen Raffinessen zu verstehen, aber Chaplins Schauspielkunst entschädigte mich vollauf für alles, was ich sprachlich nicht mitbekam. Und was es allein schon bedeutete, daß wir dreißig Stunden nach unserer glücklichen Flucht aus Nazi-Deutschland sehen konnten, wie man sich über den Führer lustig machte! Und daß wir ungestraft lachen konnten über das, was hinter uns lag! Jetzt hatten wir endgültig die Gewißheit, daß wir in einem freien Land angekommen waren, und wir atmeten auf.
Während der Eisenbahnfahrt nach Edinburgh in dieser Nacht fanden viele von uns Kindern keinen Schlaf. Die vielen neuen Eindrücke der letzten Stunden, ganz zu schweigen von den köstlichen koscheren Würsten bei Bloom’s – all das mußte schließlich verdaut werden; und die Zukunft war ungewiß. Am 23. Mai 1939 kamen wir pünktlich in Edinburgh an. Das Datum war in diesem Jahr der Vorabend des Wochenfestes, Schawout2. An der Whittingehame Farm School blieben jene, die es wollten, traditionsgemäß die ganze Nacht wach, um miteinander Abschnitte aus der Thora und andere Bibelschriften und rabbinische Texte zu lesen. Das Jahr, in dem ich Bar Mizwa hatte, war noch nicht vollendet, und ich war naturgemäß begierig darauf, als ein erwachsener Jude an diesem nächtlichen Gemeinschaftsstudium teilzunehmen. Wir hatten kaum das zweite der fünf Bücher Mosis beendet, – da überwältigte mich schließlich der Schlaf.
Seither bin ich oft im Britischen Museum gewesen; 1978 saß ich in der berühmten Bibliothek, um zu forschen. Ich habe viele köstliche Mahlzeiten bei Bloom’s verzehrt, und auch den „Großen Diktator“ habe ich später wiedergesehen. Aber die Wiederholungen reichen nicht an das heran, was alle drei Elrebnisse zusammen an jenem 22. Mai 1939 für mich bedeuteten. Damals standen sie für die Freiheit. Wenn ich heute daran zurückdenke, empfinde ich tiefe Dankbarkeit für jene, die mein Leben retteten.“
Soweit seine Erinnerung. Als wir am 30. April 2025 von Harwich kommend, auf den Spuren der Flüchtlingskinder in London ankamen, hatten wir ein etwas anderes Programm als die Kinder damals. Davon mehr im nächsten Beitrag.





















