Nun haben wir Kontakt in England. Mein Recherche-Partner Peter in London hat tatsächlich den ältesten Sohn von Susanne Buck, geb. Schaefer „ausgegraben“ und wir haben Mailkontakt miteinander. Wunderbar. Wir haben ihn gefragt, was seine Großmutter (Steffie Schaefer, geb. Nathan) bzw. seine Mutter Susanne Buck (geb. Schaefer, 1927-2002) über die Flucht aus Deutschland 1939 und die erste Zeit in England erzählt hätten.

Wir lesen: „My grandmother died when I was 15 (1972) and I have no recollection of her talking about fleeing Germany. My mother, similarly, didn’t speak of it. I think the shock and trauma of it was something she wanted to put behind her.“

Wir wissen inzwischen Genaueres: am 20. Mai 1939 ging ein Zug von Berlin Friedrichstraße an die holländische Küste und von dort fuhren die Kinder mit der Fährer weiter nach London. Dort kamen sie am 22. Mai 1939 an.
Wir wissen weiterhin, daß Susanne (sie war damals 12) mit 180 anderen Kindern von London aus am Folgetag nach Schottland gebracht wurden. In Ayr kam sie bei wohlhabenden Menschen unter und wurde gut aufgenommen und gefördert, wir haben inzwischen sogar Fotos von Susanne in Schuluniform etwa aus dem Jahre 1942.
Schließlich wissen wir, daß es im Juli 1951 zu einer Wiederbegegnung der drei Menschen in Berlin kam: Vater Albert Schaefer-Ast kam aus Weimar; Mutter Steffi und Tochter Susanne (sie war inzwischen 24 Jahre alt) kamen aus London, Vater Albert hatte die Flugtickets bezahlt. Berlin war geteilt und lag in Trümmern, es war nicht einfach, zwischen den „West-Zonen“ und der „Ost-Zone“ zu pendeln. Schaefer-Ast war beim Treffen schwerst krank, er konnte kaum laufen, hatte Hungerödeme, kam mit der Hitze in der Stadt nicht zurecht und ist vorzeitig Richtung Prerow abgereist.

Susannes ältester Sohn nun ist von Peter in London und von mir gefragt worden, was Susanne von der Flucht und vom Treffen mit ihrem Vater (der zwei Monate nach dem Treffen starb) erzählt hätte: „she didn’t speak of it.“ Sie sprach nicht darüber. „Schock“ und „Trauma“ seien wohl die Gründe dafür.

Diese Flüchtlingskinder mussten eine mehrfache Traumatisierung erleiden, Ute Benz ist in ihrem Aufsatz „Traumatisierung durch Trennung. Familien- und Heimatverlust als kindliche Katastrophen“, der im Buch „Die Kindertransporte 1938/39“, hrsg. von Wolfgang Benz, S.Fischer 2024, erschienen ist, ausführlich darauf eingegangen. Daraus seien nun ein paar zentrale Gedanken zitiert, damit verständlich wird, weshalb Susanne „nicht darüber gesprochen“ hat.

Für Kinder sind Trennungen Katastrophen. Aber Kinder erleben und verarbeiten Trennungstraumata verschieden, je nach den Bedingungen, die sie vorfinden. „Sie betreffen erstens das Alter, in dem die Trennung von der geliebten Person erlebt wurde; zweitens die Art der Trennung, ob vorbereitet oder plötzlich; drittens die Frage, ob das Pflegemilieu günstig und verständnisvoll war; viertens betreffen sie die Dauer der Trennung und fünftens, ob die Trennung endgültig war, weil die Eltern im Holocaust ermordet wurden oder aber, ob sechstens die Kinder veränderte, traumatisierte Eltern wiederfanden und ob sie siebentens durch Familienzusammenführungen neue Trennungen aus den nun gegebenen sozialen Beziehungen, die sie in der Zwischenzeit geknüpft hatten, erfuhren.“ (a.a.O., S. 138).

Bei Susanne kam alles zusammen, bis auf die eher günstigen Bedingungen in der Aufnahmefamilie in Ayr/Schottland. Als sie, inzwischen 24-jährig, nach 6 Trennungsjahren, von denen sie anfangs annehmen musste, die würden endgültig sein, ihren schwerstkranken Vater in Berlin wiedertraf – dürfte sie ihn fast nicht erkannt haben, denn sie war 12, als sie fliehen musste.

Diese Kinder der Kindertransporte – interessanter Weise nennt man sich bei den Ehemaligentreffen immer noch „Kinder“ – haben sehr schwere seelische Verletzungen davongetragen – obwohl sie doch eigentlich „gerettet“ wurden. Sie haben sich deshalb lange nicht getraut, davon zu sprechen, weil sie dachten, hinter die „eigentlichen Opfer der Shoah“ zurücktreten zu müssen, denn schließlich seien sie ja nicht ermordet, sondern gerettet worden. Das aber hat ihr seelisches Leid nur verlängert und an den Folgen haben noch die Kinder der Kindertransportkinder zu tragen.

Ute Benz schreibt: „Von besonderem Interesse ist neben der Trennungsproblematik auch die der Wiederbegegnung, auf die Eltern oft nicht vorbereitet sind, wenn sie ihr Kind nach einer Trennung wieder in die Arme schließen möchten in der Erwartung, nun sei wieder alles gut. Das Kind stürzt sich eben nicht, wie man erwarten könnte, glücklich wieder in die Arme der Mutter. Es ist offensichtlich, dass es sich beim Wiedersehen nicht mehr spontan zu freuen und von seiner Mutter trösten zu lassen vermag. Beim Anblick der qualvoll vermissten Mutter (resp. des Vaters) wendet das Kind sich seinerseits zunächst einmal ab. Die Schmerzen der Trennung, die Verzweiflung des Kindes stehen für geraume Zeit unüberbrückbar zwischen dem Kind und der Mutter.“ (a.a.O. S. 140) Man kann nun in etwa ein Gefühl dafür bekommen, wie kompliziert die Wiederbegegnung der von Albert geschiedenen Jüdin Steffi, ihrer inzwischen 24-jährigen Tochter Susanne und dem emotional ganz sicher überforderten Albert Schaefer-Ast in der zerstörten Stadt Berlin stattgefunden hat.
Wir wissen, dass Steffi bei dem Treffen wohl unmissverständlich mitgeteilt hat, dass sie nicht wieder nach Deutschland zurückkehren würde. Susanne kam im September wieder. Da wurde ihr Vater in Weimar beerdigt. …

Übrigens hat Anna Freud, die Tochter von Sigmund Freud, der ja aus Wien auch nach London emigriert war, im Oktober 1940, zunächst mit privaten Spenden, in London ein Heim für Kleinkinder eingerichtet, das sie nach psychoanalytischen Gesichtspunkten leitete, anders, als es damals „üblich“ war. Aufnahme fanden Kinder, die nach den deutschen Bombenangriffen auf London aus den Familien herausgenommen werden mussten, weil ihre Eltern nicht mehr für sie sorgen konnten. Es ist spannend zu lesen, was Anna Freud über diese Kinder herausfand und wie sie ihnen zu helfen versuchte in einer Zeit, als die allermeisten Helferinnen und Helfer schon damit überfordert waren, für die Kinder in Not wenigstens „ein Dach über dem Kopf“ und „eine warme Mahlzeit am Tag“ zu organisieren, weshalb ich das weiter oben zitierte Buch nochmals empfehlen möchte.

Schließlich sei daran erinnert, dass in der Gegenwart solche traumatisierten Kinder, die plötzlich ihre Eltern oder einen Elternteil verlassen mussten, die über Nacht auf die Flucht mussten und nun in völlig fremder Umgebung irgendwie klar kommen müssen – zu Tausenden in unserem Land leben, weil in ihrer Heimat der Krieg herrscht.

Wir sollten einen Blick für diese Kinder haben.

2 Gedanken zu “Die Kindertransporte 1938/39. Das Trauma der Kinder

  1. das freut mich. Ich finde, wenn man schon in die Archive steigt, dann sollen andre auch was davon haben, deshalb mache ich meistens öffentlich, was ich gefunden habe im Zusammenhang mit einem Projekt wie einem Buch beispielsweise. Das Buch zu Schaefer-Ast wird wohl im ersten Quartal fertig werden, ich komme gut voran.

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