Die toten Flüchtlingskinder von Prerow (1)

Die toten Flüchtlingskinder von Prerow (1)

Da war diese Mail aus Berlin vom Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Es gäbe doch ein Archiv im Pfarramt in Prerow, ob man dort vielleicht etwas mehr erfahren könne über eine Gruppe von 300 Kindern, die, von Finkenwalde-Stettin kommend, von März – Juni 1945 in Prerow, Zingst, Damgarten, Barth und anderen Orten des Darss auf der Flucht untergebracht waren? Geplant sei, im kommenden Jahr in einer Ausstellung auf diese Kinder-Gruppe einzugehen und von Interesse sei alles, was man über diese Gruppe erfahren könne.

Mich interessiert die Sache, also beginne ich mit der Recherche. Von Anfang an informiere ich mehrere gut informierte Personen hier in Prerow und binde möglichst viele Menschen mit ein, denn eine erste Auskunft lautet: „Von einer solchen Flüchtlings-Kinder-Gruppe höre ich zum ersten Mal“. Es geht also nun auch darum, Lücken in der Ortschronik zu füllen, wenn die Recherche brauchbare Ergebnisse bringt. Seit etwa drei Tagen sind mehrere Menschen hier an der Suche beteiligt, wir stehen im engen Kontakt mit dem Berliner Dokumentationszentrum und inzwischen wissen wir:

Zwischen März und Juni 1945 war eine Gruppe von etwa 300 Kindern, angeführt und begleitet von Diakonissen aus Finkenwalde bei Stettin auf der Flucht auf dem Darss angekommen.

Es gibt einen Bericht der Diakonisse Gertrud Berg (kleines Foto) über diese Flucht von der damaligen Leiterin des Stettiner Flüchtlingsheims aus dem Jahre 1998. Darin heißt es:

Wir haben nun also bereits ein Foto einiger der „Ehemaligen“ Flüchtlingskinder von jenem denkwürdigen Transport aus dem Frühjahr 1945, aufgenommen in Bad Harzburg im Jahr 1991.

Inzwischen war ich im Pfarramtsarchiv und habe dort im Verzeichnis der Beerdigungen nachgesehen, ob sich dort Spuren jener Flüchtlingsgruppe finden lassen. Ich fand bislang 24 Kinder im Alter zwischen wenigen Monaten und etwa 10 Jahren, die zwischen März und Juni 1945 auf dem Prerower Friedhof bestattet wurden. Es finden sich in diesen Aufzeichnungen auch exakte Hinweise auf die Kinder-Einrichtung „Kinderheil“ in Finkenwalde bei Stettin. Auch aus einer zweiten Einrichtung des großen Diakonissenhauses in Stettin, aus Warsow/Stettin kamen Kinder. Günter Altmann zum Beispiel. Von dem ist im Sterbebuch vermerkt: „Kind aus Haus Steglitz in Prerow, Flüchtling aus Warsow/Stettin. Geboren am 24. 5. 1943, gestorben am 28. April 1945, beerdigt am 1. Mai 1945. 1 Jahr 11 Monate“.

Oder ich lese im Bestattungsbuch: „Ein unbekanntes Flüchtlingskind aus Königsberg. War im Kinderheim Stettin-Warsow. Alter unbekannt. Gestorben 12. Mai 1945, beerdigt 15. Mai 1945. Feier in der Halle und am Grab“

Auch finde ich Margrit Cornell. „Kind aus Stettin-Warsow. Geboren am 11.10.1943, gestorben am 12. Mai 1945, beerdigt am 15. Mai 1945 im Alter von 1 Jahr 7 Monaten. Feier in der Halle und am Grabe“.

Horst Meyendank kommt direkt aus dem Haus „Kinderheil-Finkenwalde“. Von ihm lese ich: „Geboren 6.6.1935, gestorben 23. Mai 1945, beerdigt 26. Mai 1945. Feier am Grabe. Fast 10.“

Insgesamt sind 24 Kinder für jenen Zeitraum dokumentiert. Nicht alle werden zur gesuchten Flüchtlingsgruppe gehört haben. Prerow und Zingst waren in jenen Wochen überfüllt mit Flüchtlingen, die Not war gewaltig, wie Pastor Dr. Wilhelm Pleß in seinen Erinnerungen notiert hat. Typhus grassierte. Tote wurden am Bahnhof gestapelt, weil man sie nicht alle zugleich bestatten konnte. An manchen Tagen hielt Pastor Pleß vier Beerdigungen. Er berichtete in seinen Erinnerungen von einem „Schausarg“, der nur von der Kirche bis zum Grab Verwendung fand, dann aber wieder benutzt werden musste, weil nicht genügend Särge zur Verfügung standen. In diesen entsetzlichen Tagen suchten die Kinder Unterschlupf. Nicht wenige starben. Ein paar wenige Spuren finden sich noch. Von manchem Kind wissen wir nicht einmal den Namen.

Noch einen wichtigen Fund mache ich.
Im oben eingefügten Bericht eines der ehemaligen Flüchtlingskinder findet sich der Hinweis auf eine Ärztin der Kinder, die in jener Zeit „ermordet“ worden sei. Und tatsächlich findet sich auf dem Friedhof in Prerow das Grab von Frau Dr. Eva Scheel, die am 19. Juni auf dem Weg über den Deich von Prerow nach Zingst „vergewaltigt und ermordet“ worden sein soll, wie man hier im Ort weiß. Das Grab ist von der Gemeinde renoviert und sehr gut hergerichtet worden, so daß man ihrer würdig gedenken kann. Es dürfte sich dabei exakt um jene Ärztin handeln, die im Juni 1945 umkam, und vom der im Bericht des ehemaligen Flüchtlingskindes die Rede ist.

Wir sind erst ganz am Anfang der Recherche. Aber wir wissen inzwischen doch schon Einiges. Wir wissen aus dem Beerdigungsbuch auch, daß es in Prerow mindestens drei Einrichtungen gab, in denen Flüchtlingskinder untergebracht waren: „Haus Asmus“, „Haus Steglitz“ und „Heim Regina“ (im Dokument auch „Haus Regina“).

Inzwischen sind auch etliche ältere Prerower in die weiteren Recherchen mit einbezogen, vielleicht finden sich ja noch weitere Hinweise.

Was die Unterbringung einiger Kinder in Zingst anbelangt, könnte es sich evtl. um den „Zingsthof“ gehandelt haben, der der Diakonie gehört, doch diese Vermutung muss noch überprüft werden.
Die Geschichte ist überaus spannend, und so mancher Prerower wird daran interessiert sein. Ich bin jetzt schon allen, die sich an der Suche nach weiteren Details beteiligen, überaus dankbar. Wenn die Geschichte sich weiter konkretisiert, werde ich berichten.

Die Kindertransporte 1938/39. Das Trauma der Kinder

Die Kindertransporte 1938/39. Das Trauma der Kinder

Nun haben wir Kontakt in England. Mein Recherche-Partner Peter in London hat tatsächlich den ältesten Sohn von Susanne Buck, geb. Schaefer „ausgegraben“ und wir haben Mailkontakt miteinander. Wunderbar. Wir haben ihn gefragt, was seine Großmutter (Steffie Schaefer, geb. Nathan) bzw. seine Mutter Susanne Buck (geb. Schaefer, 1927-2002) über die Flucht aus Deutschland 1939 und die erste Zeit in England erzählt hätten.

Wir lesen: „My grandmother died when I was 15 (1972) and I have no recollection of her talking about fleeing Germany. My mother, similarly, didn’t speak of it. I think the shock and trauma of it was something she wanted to put behind her.“

Wir wissen inzwischen Genaueres: am 20. Mai 1939 ging ein Zug von Berlin Friedrichstraße an die holländische Küste und von dort fuhren die Kinder mit der Fährer weiter nach London. Dort kamen sie am 22. Mai 1939 an.
Wir wissen weiterhin, daß Susanne (sie war damals 12) mit 180 anderen Kindern von London aus am Folgetag nach Schottland gebracht wurden. In Ayr kam sie bei wohlhabenden Menschen unter und wurde gut aufgenommen und gefördert, wir haben inzwischen sogar Fotos von Susanne in Schuluniform etwa aus dem Jahre 1942.
Schließlich wissen wir, daß es im Juli 1951 zu einer Wiederbegegnung der drei Menschen in Berlin kam: Vater Albert Schaefer-Ast kam aus Weimar; Mutter Steffi und Tochter Susanne (sie war inzwischen 24 Jahre alt) kamen aus London, Vater Albert hatte die Flugtickets bezahlt. Berlin war geteilt und lag in Trümmern, es war nicht einfach, zwischen den „West-Zonen“ und der „Ost-Zone“ zu pendeln. Schaefer-Ast war beim Treffen schwerst krank, er konnte kaum laufen, hatte Hungerödeme, kam mit der Hitze in der Stadt nicht zurecht und ist vorzeitig Richtung Prerow abgereist.

Susannes ältester Sohn nun ist von Peter in London und von mir gefragt worden, was Susanne von der Flucht und vom Treffen mit ihrem Vater (der zwei Monate nach dem Treffen starb) erzählt hätte: „she didn’t speak of it.“ Sie sprach nicht darüber. „Schock“ und „Trauma“ seien wohl die Gründe dafür.

Diese Flüchtlingskinder mussten eine mehrfache Traumatisierung erleiden, Ute Benz ist in ihrem Aufsatz „Traumatisierung durch Trennung. Familien- und Heimatverlust als kindliche Katastrophen“, der im Buch „Die Kindertransporte 1938/39“, hrsg. von Wolfgang Benz, S.Fischer 2024, erschienen ist, ausführlich darauf eingegangen. Daraus seien nun ein paar zentrale Gedanken zitiert, damit verständlich wird, weshalb Susanne „nicht darüber gesprochen“ hat.

Für Kinder sind Trennungen Katastrophen. Aber Kinder erleben und verarbeiten Trennungstraumata verschieden, je nach den Bedingungen, die sie vorfinden. „Sie betreffen erstens das Alter, in dem die Trennung von der geliebten Person erlebt wurde; zweitens die Art der Trennung, ob vorbereitet oder plötzlich; drittens die Frage, ob das Pflegemilieu günstig und verständnisvoll war; viertens betreffen sie die Dauer der Trennung und fünftens, ob die Trennung endgültig war, weil die Eltern im Holocaust ermordet wurden oder aber, ob sechstens die Kinder veränderte, traumatisierte Eltern wiederfanden und ob sie siebentens durch Familienzusammenführungen neue Trennungen aus den nun gegebenen sozialen Beziehungen, die sie in der Zwischenzeit geknüpft hatten, erfuhren.“ (a.a.O., S. 138).

Bei Susanne kam alles zusammen, bis auf die eher günstigen Bedingungen in der Aufnahmefamilie in Ayr/Schottland. Als sie, inzwischen 24-jährig, nach 6 Trennungsjahren, von denen sie anfangs annehmen musste, die würden endgültig sein, ihren schwerstkranken Vater in Berlin wiedertraf – dürfte sie ihn fast nicht erkannt haben, denn sie war 12, als sie fliehen musste.

Diese Kinder der Kindertransporte – interessanter Weise nennt man sich bei den Ehemaligentreffen immer noch „Kinder“ – haben sehr schwere seelische Verletzungen davongetragen – obwohl sie doch eigentlich „gerettet“ wurden. Sie haben sich deshalb lange nicht getraut, davon zu sprechen, weil sie dachten, hinter die „eigentlichen Opfer der Shoah“ zurücktreten zu müssen, denn schließlich seien sie ja nicht ermordet, sondern gerettet worden. Das aber hat ihr seelisches Leid nur verlängert und an den Folgen haben noch die Kinder der Kindertransportkinder zu tragen.

Ute Benz schreibt: „Von besonderem Interesse ist neben der Trennungsproblematik auch die der Wiederbegegnung, auf die Eltern oft nicht vorbereitet sind, wenn sie ihr Kind nach einer Trennung wieder in die Arme schließen möchten in der Erwartung, nun sei wieder alles gut. Das Kind stürzt sich eben nicht, wie man erwarten könnte, glücklich wieder in die Arme der Mutter. Es ist offensichtlich, dass es sich beim Wiedersehen nicht mehr spontan zu freuen und von seiner Mutter trösten zu lassen vermag. Beim Anblick der qualvoll vermissten Mutter (resp. des Vaters) wendet das Kind sich seinerseits zunächst einmal ab. Die Schmerzen der Trennung, die Verzweiflung des Kindes stehen für geraume Zeit unüberbrückbar zwischen dem Kind und der Mutter.“ (a.a.O. S. 140) Man kann nun in etwa ein Gefühl dafür bekommen, wie kompliziert die Wiederbegegnung der von Albert geschiedenen Jüdin Steffi, ihrer inzwischen 24-jährigen Tochter Susanne und dem emotional ganz sicher überforderten Albert Schaefer-Ast in der zerstörten Stadt Berlin stattgefunden hat.
Wir wissen, dass Steffi bei dem Treffen wohl unmissverständlich mitgeteilt hat, dass sie nicht wieder nach Deutschland zurückkehren würde. Susanne kam im September wieder. Da wurde ihr Vater in Weimar beerdigt. …

Übrigens hat Anna Freud, die Tochter von Sigmund Freud, der ja aus Wien auch nach London emigriert war, im Oktober 1940, zunächst mit privaten Spenden, in London ein Heim für Kleinkinder eingerichtet, das sie nach psychoanalytischen Gesichtspunkten leitete, anders, als es damals „üblich“ war. Aufnahme fanden Kinder, die nach den deutschen Bombenangriffen auf London aus den Familien herausgenommen werden mussten, weil ihre Eltern nicht mehr für sie sorgen konnten. Es ist spannend zu lesen, was Anna Freud über diese Kinder herausfand und wie sie ihnen zu helfen versuchte in einer Zeit, als die allermeisten Helferinnen und Helfer schon damit überfordert waren, für die Kinder in Not wenigstens „ein Dach über dem Kopf“ und „eine warme Mahlzeit am Tag“ zu organisieren, weshalb ich das weiter oben zitierte Buch nochmals empfehlen möchte.

Schließlich sei daran erinnert, dass in der Gegenwart solche traumatisierten Kinder, die plötzlich ihre Eltern oder einen Elternteil verlassen mussten, die über Nacht auf die Flucht mussten und nun in völlig fremder Umgebung irgendwie klar kommen müssen – zu Tausenden in unserem Land leben, weil in ihrer Heimat der Krieg herrscht.

Wir sollten einen Blick für diese Kinder haben.

Begegnungen. Ein Podcast aus Berlin. (2) Nana Dorn. Pastorin im „Ostsee-Viertel“ Berlins.

Begegnungen. Ein Podcast aus Berlin. (2) Nana Dorn. Pastorin im „Ostsee-Viertel“ Berlins.

Derzeit entsteht die größte evangelische Gesamtgemeinde Berlins im Norden der Metropole. Drei ehemals selbständige, große Gemeinden mitten in riesigen Neubaugebieten wollen ihre Zusammenarbeit weiter verstärken und ihre Sichtbarkeit im Kiez (hier leben mittlerweile etwa 120.000 Menschen) verbessern. Die Beschlüsse sind alle gefasst, noch im April wird das Projekt auch offiziell mit einem Feier-Tag aus der Taufe gehoben. Mich interessiert dieser Prozess, weshalb ich mit einzelnen Akteuren Interviews führe. Mit der Vorsitzenden des Gemeindekirchenrates, Petra Wüst, hatte ich bereits gesprochen. Heute nun ein Gespräch mit Nana Dorn, seit 10 Jahren Pastorin in „Hohenschönhausen-Nord“, einem Stadtteil von Hohenschönhausen und damit Teil Lichtenbergs. Man nennt diesen Kiez auch das „Ostsee-Viertel“, weil es hier Straßen wie „Darßer Straße“, „Zingster Straße“, Ahrenshooper Straße“ und so weiter gibt.
Das etwa einstündige Gespräch habe ich aus praktischen Gründen dreigeteilt.
Im Teil 1 hören wir eher Biografisches von Nana Dorn, damit die Hörerinnen und Hörer ein Gefühl dafür bekommen, „mit wem wir es eigentlich zu tun haben.“ Wir sprechen auch über Heinrich Grüber, den Namenspatron des Zentrums.


Teil 2 macht das „Heinrich-Grüber-Zentrum“ am Berl 17 auch als Gebäude hörbar, das im Jahre 1983 erbaute und 1988 geweihte neue Gemeindezentrum, das in diesem Jahr 35-jähriges Jubiläum feiert. Die Geschichte des „Heinrich-Grüber-Zentrums“ ist auch deshalb interessant, weil sie von der Vergangenheit erzählt, als Berlin noch geteilt war. Wir erfahren Interessantes von der staatlichen „Kirchenpolitik“ der DDR – und von den Neuanfängen nach 1990, als der große Umzug begann. Ein Glasfenster spielt in diesem Teilbeitrag eine besondere Rolle, weshalb es auch gezeigt werden soll:


Teil 3 gibt uns einen guten Einblick in die sozialen Problemlagen im Kiez: eine große vietnamesische Community; soziale Probleme wie Armut, Alkohol, fehlende Angeboten für Jugendliche, Gewalt in Familien und erzählt davon, wie sich sowohl die Kirchgemeinde als auch die Diakonie mit ihrer Jugendarbeit dort einmischt und engagiert, wo die Probleme besonders drückend werden. Über das Sozial-Projekt „Leib und Seele“ werde ich noch extra einen Podcast anfertigen, auch über die offene Jugendarbeit im Projekt der Diakonie SPIK e.V., von deren Arbeit im Beitrag schon die Rede ist.

Nachtrag: wer sich etwas genauer mit Heinrich Grüber befassen möchte, dem sei zum Beginn seiner Studien dieser Dokumentarfilm empfohlen:

Die Tabor-Kirchgemeinde Berlin- Hohenschönhausen zwischen 1933 und 1945. Ein Beitrag zur Regionalgeschichte (1)

Die Tabor-Kirchgemeinde Berlin- Hohenschönhausen zwischen 1933 und 1945. Ein Beitrag zur Regionalgeschichte (1)

Kirchengeschichte ist Teil der allgemeinen Geschichtsschreibung. Will man die Geschichte eines ehemaligen Dorfes im ehemaligen Landkreis Barnim in den Jahren zwischen 1933 und 1934 erkunden, muss man sich mit den Ereignissen in der evangelischen Kirchgemeinde befassen, denn sie waren wesentlicher Teil der Ereignisse im Dorf. Die Kirchgemeinde hatte in jenen Jahren immer noch großen Einfluss und es war nicht unerheblich für das gesamte Dorf Hohenschönhausen (seit 1920 Teil Berlins), wie der Pastor und der Gemeindekirchenrat dachten und sich verhielten.
Umgekehrt ist die Darstellung der Verhältnisse in der evangelischen Kirchgemeinde auch Spiegelbild der allgemeinen Verhältnisse im ehemaligen barnimschen Dorf Hohenschönhausen, das 1933 seit 13 Jahren zu Berlin gehörte.
Wesentlich waren in den zu beschreibenden Jahren zwei Pastoren:
Dr. Julius Kurth und Pfarrer Albrecht Neuberg.
Julius Kurth (von 1910 bis 1935 Pastor in Hohenschönhausen) gehörte seit 1933 zu den „Deutschen Christen“, Albrecht Neuberg (1936 – 1945 Pastor in Hohenschönhausen) galt im Urteil von Gemeindegliedern, mit denen ich Anfang der zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts sprechen konnte, zu den „scharfen NS-Unterstützern.“ Wir werden uns im Folgenden mit beiden Pastoren, aber auch mit dem Gemeindekirchenrat und den kirchlichen Gruppen innerhalb der Gemeinde beschäftigen und versuchen, möglichst exakte Dokumente beizufügen. Wichtigste Quelle sind bislang die Unterlagen über die Kirchgemeinde im Zentralarchiv der Landeskirche und im Lichtenberger Stadtmuseum.
Beginnen wir mit den Pastoren und ihren Porträts. Beide sind in der Sakristei der Tabor-Kirche aufbewahrt.

Dr. Julius Kurth war ein national gesinnter, konservativ eingestellter Privatgelehrter, der sich mit Fragen antiker Kunst bestens auskannte und dazu auch publiziert hat. Grosse-Leege hatte ihn – in seiner Eigenschaft als Patron der Kirchgemeinde – noch berufen.

Kurth ging mit einem Riesenkrach aus der Gemeinde Hohenschönhausen in Pension. Lange Jahre schon gab es Intrigen gegen ihn, er hat das Konsistorium – also seine vorgesetzte kirchenleitende Behörde – mehrfach schriftlich „um Schutz“ gebeten. In seinen letzten Berufs-Jahren 1933 – 1935 waren es vor allem Nationalsozialisten im Gemeindekirchenrat, die ihn „weghaben“ wollten, obwohl er zu den „Deutschen Christen“ gehörte, der hitlertreuen Mehrheit der Berliner Pastoren also. Allen voran ein Dr. Bork, der damals im Rathaus Hohenschönhausen wohnte. Aber auch der Ortsgruppenchef der NSDAP, Vahlberg, war Mitglied im Gemeindekirchenrat und arbeitete gegen Dr. Kurth. Wir werden dem im Einzelnen noch nachgehen.
Zum Gemeindekirchenrat lässt sich sagen: er war schon im Sommer 1933 zu 100% deutsch-christlich, also „hitlertreu“. Allerdings muss man auch da genauer hinschauen. Das werden wir anhand der Dokumente tun.
Der Ortsteil Berlins, um den es geht, war allgemein-politisch eher links: Kommunisten und Sozialdemokraten stellten bis 1933 die Mehrheiten. Das änderte sich allerdings mit der „Machtergreifung“ schlagartig. Ähnlich wie im „roten Wedding“ wurde, was ehemals „rot“ war, überraschend schnell „braun“. Die Rolle der Kirche dabei war nicht unerheblich. Denn man sprach im Dorf über das Verhalten, die Veröffentlichungen und auch die Predigten des Pastors und die Ereignisse im Gemeindekirchenrat.
Das oben als Header eingefügte Titelbild stammt aus dem Jahre 1944. Ich habe es dem Band „1945. Nun hat der Krieg ein Ende. Erinnerungen aus Hohenschönhausen“, zusammengestellt und eingeleitet von Thomas Friedrich und Monika Hansch, herausgegeben vom Museum Hohenschönhausen 1995, auf Seite 145 entnommen.
Die nächsten Texte zum Thema werden unter der Kategorie „Hohenschönhausen zwischen 1933 und 1945“ zu finden sein. Zeitgleich lege ich die Beiträge auf der dafür eingerichteten facebook-Projektseite ab.

1945. Das Ende des Krieges in Hohenschönhausen. Zeitzeugenberichte. Ein Podcast

1945. Das Ende des Krieges in Hohenschönhausen. Zeitzeugenberichte. Ein Podcast

Gerade in großen Neubaugebieten gibt es ein Bedürfnis, der Geschichte des Ortes nachzugehen. Die Menschen suchen nach Wurzeln des Jetzigen. Hohenschönhausen war bis 1920 ein Dorf im Niederbarnim. Ab 1920 gehörte es – eine Folge des „Groß-Berlin-Gesetzes“ – zu Berlin, blieb aber noch lange Jahre eher ländlich geprägt. Bauern lebten hier, Handwerker, Kleinviehschlachter. Dorf eben. Man kannte sich.
1995 hat das Heimatmuseum Hohenschönhausen eine Broschüre in sehr kleiner Auflage (nur 1500 Exemplare) drucken lassen, in der Zeitzeugenberichte über das Ende des Zweiten Weltkrieges in diesem ehemaligen niederbarnimschen Dorf am Stadtrand von Berlin festgehalten wurden. („1945. Nun hat der Krieg ein Ende. Erinnerungen aus Hohenschönhausen“. Zusammengestellt und eingeleitet von Thomas Friedrich und Monika Hansch. Herausgegebenen vom Bezirksamt Hohenschönhausen von Berlin, Abt. Jugend, Familie und Kultur. 1995).
Da diese wichtige Quelle nicht mal mehr antiquarisch zu beziehen ist, lese ich die Beiträge nach und nach in einem Podcast ein und stelle sie auf diese Weise Interessierten zur Verfügung.
Wir beginnen mit Hermann Wegener, einem alteingesessenen Hohenschönhausener, Jahrgang 1929. Er war am Ende des Krieges 16 Jahre alt.

Im zweiten Beitrag berichtet Horst Kern (Jahrgang 1928), wie es war, als er als 17-Jähriger aus der Gefangenschaft nach Hause kam:
„Vater hatte man erschossen. Mutter hatte sich vergiftet…….“

Beitrag 3: Clemens Napieraj, der Sohn des Friedhofsverwalters.

Beitrag 4: Liesel Jacoby. Sie stammte aus Leipzig und war in der Siedlung Wartenberg mit dem Juden Fritz Jacoby verheiratet. Dort erlebt sie am 1. Mai 1945 „den schönsten ersten Mai meines langen Lebens“.

Clip 5. Hildegard Müller. „Bei uns, gleich hinter dem Haus, standen die Stalinorgeln und schossen ihre Granaten Richtung Friedrichshain“

„Meine beste Freundin wurde von ihrem Vater umgebracht, der sich dann mit seiner Frau das Leben nahm. Er war wohl ein Nazi.“ Ingrid Mattern (geb. 1929) erinnert sich an der Ende des Krieges 1945 in Hohenschönhausen.
Clip 6

Begegnungen. Ein Podcast aus Berlin

Begegnungen. Ein Podcast aus Berlin

Früher habe ich meinen Podcast bei Soundcloud benutzt, um Zeitzeugeninterviews im Zusammenhang mit meinen Buch-Recherchen insbesondere zur NS-Zeit zu dokumentieren.
Podcasts sind gut geeignet für Menschen, die einmal mitten im oder abends nach dem Trubel des Tages ganz in Ruhe zuhören wollen. Hier geht es nicht um Schnelligkeit, sondern um Aufmerksamkeit.
Jetzt will ich den Podcast erweitern. Er wird „Begegnungen“ heißen.
Dabei geht es mir um die Dokumentation von Gesprächen mit Menschen, die mir auf meinem Lebensweg „über den Weg laufen“, wie man so sagt und die ich interessant finde.
Ich beginne mit einer Frau, die bereit war, mit mir über einen langen, keineswegs einfachen Prozess einer Gemeindebildung im Norden Berlins zu sprechen, der deshalb von Interesse ist, weil es sich im Ergebnis um die nun größte Gesamtgemeinde Berlins handelt. Und Petra Wüst ist die Vorsitzende des Parlaments dieser Gesamtgemeinde – Vorsitzende vom Gesamtgemeindekirchenrat. Mich interessiert ihr Blick auf die Vorgänge.
Deshalb habe ich mich bei ihr angemeldet und wir haben uns getroffen, um miteinander zu sprechen.
Wer meine Interviews bei Soundcloud hören möchte: dort sind sie in Playlists thematisch sortiert. Künftig werde ich Podcast-Beiträge auf Soundcloud und auch hier auf WordPress zugänglich machen. Abonnieren und teilen kann man selbstverständlich auch.
Nun also. „Begegnungen. Ein Podcast aus Berlin.“

Episode 1. Petra Wüst. Vorsitzende des Gesamtgemeindekirchenrates der größten Gesamtgemeinde Berlins in Hohenschönhausen. Ein Gespräch im März 2023.
Clip 1. Petra Wüst.
Wie es anfing.

Clip 2. Petra Wüst.
Wenn Straßen Stadtteile trennen, statt sie zu verbinden. Von den Schwierigkeiten der Zusammenarbeit in einem großen Neubaugebiet der Metropole Berlin.

Clip 3. Petra Wüst.
Was mir Hoffnung macht.

Berlin. Sinfonie der Großstadt… Chaplin, Dix, Klee, Kollwitz, Feininger und mehr…

Die Ausstellung „Moderne Zeiten“ in der Neuen Nationalgalerie.
„Berlin. Sinfonie einer Großstadt“. Mit diesem Stummfilm von 1927 beginnt der Rundgang. Dieser sorgfältig restaurierte Film zeigt auf sehr schön komponierte Weise das Berlin der zwanziger Jahre: Industrie, Arbeiterschaft; wie Berlin isst; Berlin am Abend. Nicht nur für an zeitgeschichtlichen Dokumenten interessierte Berlinkenner, auch für den nachdenklichen Cineasten, den die „Themen“ des Films regelrecht anspringen, so sehr sind sie herausgearbeitet: industrielle Massenproduktion; der Mensch als winziges Glied in einer sich immer schneller drehenden Produktionsmaschine; Die Zeitungs-Schlagzeilen „Krise“, „Krise“, „Krise“ und „Geld, Geld, Geld“, „Börse“ und „Profit“ – was da Ende der zwanziger Jahre unter der Regie von Walther Ruttmann produziert worden ist, erweist sich dem zeitgenössischen Zuschauer wie ein Menetekel. Denn die heutige, „moderne“ Leistungsgesellschaft, die vom Aberglauben ans „Wachstum“ lebt, die weiterhin jenem „schneller, höher, weiter“ das Wort redet, zeigt sich auf der Folie dieses alten Films als das, was es in der Tat ist: als fortgesetzter Irr-Sinn.

Charlie Chaplin hat in seinem wundervollen Film „Moderne Zeiten“ eben jenen Gedanken präzisiert: Am Ende gerät der kleine, hilflose Arbeiter gar selbst ins Fließband und in die Zahnräder der Maschinen, die er doch eigentlich „bedienen“ sollte. Der Mensch als Opfer seiner „Schöpfung“. Auch dieser Film ist in der Ausstellung zu sehen.

Doch der eigentliche Schwerpunkt dieser neuen Dauerausstellung in der Neuen Nationalgalerie ist die Malerei. Bilder zwischen 1900 und 1945. Bilder der „Moderne“. Bilder vor und während der großen Kriege entstanden, während der Weltwirtschaftskrise. Zeichen an der Wand. Menetekel.
Karl Schmidt-Rottluff, Karl Kirchner, Erich Heckel, Otto Müller, Max Pechstein, Emil Nolde beginnen. Die gezeigten Themen: Massenproduktion, Industriealisierung. Rene Magrite, Salvador Dali, Hanna Höch, Max Ernst, Hans Arp, Kurt Schwitters, Paul Klee, Lyonel Feininger, Oskar Schlemmer, Willi Baumeister. „Der Radionist“ von Kurt Günther zeigt schon 1927 die Segnungen, aber auch die Gefahren moderner Massenkommunikation zu einem Zeitpunkt, wo sie doch gerade erst entsteht. Jenes Bild möchte man so manchem modernen Handybesitzer auf den Schreibtisch stellen…..
Die Reihe ist lang.
Und zeigt die Besten. Die Macher der Ausstellung haben ihre Schatztruhen geöffnet und geben Anteil an großem Reichtum.
Selten hat man auf so engem Raum die wichtigsten Künstler der Zeit zwischen 1900 und 1945 mit eigenen Werken versammelt gesehen.
Es ist eine wundervolle Gesamtschau jener wichtigen Zeit um die Jahrhundertwende, die in die großen Katastrophen mündete, den Ersten und zweiten Weltkrieg.
Käthe Kollwitz ist vertreten, Gerhard Marcks, Hans Grundig, Karl Hofer, Ernst Wilhelm Nay.
Das Bild „Feldgrau schafft Dividende“ von Alice Lex-Nerlinger zeigt schon 1931, zwei Jahre vor der Machtergreifung der Nazis, was 1939 – 45  kommen würde: die Zerstörung des Menschlichen durch das Militärische.
Es ist frappierend, wie früh die Künstler gesehen und gemalt haben, was sie da schon in ihrem Inneren sehen konnten.
Wilhelm Lachnitt malt 1933 „Der traurige Frühling“. Zu einer Zeit, als die Deutschen millionenfach ihrem neuen „Führer“ hinterherliefen. Sie waren blind in ihrem Glauben. Die wachen Künstler aber, nicht wenige von ihnen wenig später von den Nazis als „entartete Kunst“ verboten, verbrannt, verbannt – sahen, was kommen würde.
Karl Hofers „Der Wächter“ von 1936 (drei Jahre vor Kriegsbeginn!) nimmt schon Stalingrad (1942) vorweg! Wer dieses Bild sieht, sieht Stalingrad.
Es ist mir fast unheimlich, mit welcher seherischen Kraft Künstler wie Karl Hofer dem vertrauten, was sie in ihrem Innern sahen, was sie kommen sahen und auf die Leinwand brachten. Leute wie er waren wohl etwas, das man im Altertum mit „Seher“ bezeichnet hat.
Er sah, was kommen würde. Und malte es, lange, bevor es „eintrat“.

Am Ende steht Horst Strempels „Nacht über Deutschland“. 1945/46 entstanden. Ein Altarbild.
Was für ein Altar!

Der Besuch der Ausstellung braucht Zeit. Zwei Stunden sollte man mindestens haben.
Denn sie ist kompakt. Sie ist verdichtet. Sie versammelt die Großen auf relativ wenig Raum. Jeder Künstler für sich bräuchte im Grunde eine eigene Ausstellung.
In dieser Versammlung der Besten jedoch vereinen sie sich und ihre künstlerische Kraft zu etwas sehr Besonderem.

Deshalb lohnt sich der Besuch dieser neuen Daueraussstellung in der Neuen Nationalgalerie sehr.
„Moderne Zeiten“. Malerei zwischen 1900 und 1945.

Sehr empfehlenswert!

Der große Dichter aus Brandenburg – Paul Gerhardt (12.3.1607 Gräfenhainichen – 27.5. 1676 Lübben/Spreewald)

Ein echter Brandenburger. Dieser Paul Gerhardt.
Damals nannte sich seine Heimat noch „Kursachsen“ – heute kennen viele den Spreewald. Vom Kahnfahren.
Seine Eltern starben früh – Paul war 12, als der Vater starb; 14, als er auch die Mutter verlor. In Grimma ist der Junge zur Schule gegangen, in Wittenberg hat er studiert. 1643 kam er nach Berlin.
Die Stadt war durch einen fast dreißigjährigen Krieg stark zerstört. 1651-57 war Paul Gerhardt in Mittenwalde, 1655 – im Alter von 48 Jahren, heiratete er Anna Maria Berthold. Von fünf Kindern hat nur eines die Eltern überlebt. Vier Kinder musste Paul Gerhardt zu Grabe tragen.
1657 kam Paul Gerhardt an die Nikolaikirche in Berlin. Viele kennen sie. Sie steht am Alex.
Weil er sich scharf gegen die Obrigkeit wandte – sie hätte sich unangemessen in kirchliche Belange eingemischt – gab’s eine Bürgerbewegung zu seinen Gunsten: Petitionen von Bürgern, Magistrat und märkischem Adel führten zur Wiedereinsetzung als Berliner Pfarrer.
Im März 1668 starb ihm seine Frau – sie waren 13 Jahre verheiratet.
Im Herbst dieses Jahres wechselte er nach Lübben im Spreewald.
1676 wurde er dort beerdigt.

Paul Gerhardt hat wie wenige sehr viel persönliches Leid erlebt: vier Kinder hatte er zu beerdigen, dann auch seine Frau.
Und doch: geblieben sind seine wunderbaren Lieder. Eins der berühmtesten ist sicher: „Befiel du deine Wege und was dein Herze kränkt, der allertreusten Pflege, des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann……“. Jedermann kennt auch „Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser schönen Sommerzeit…..“
15 lateinische und 138 deutsche Gedichte und Lieder sind von Paul Gerhardt überliefert. Ein gewaltiges Werk. Einige seiner Texte gehören zu den bekanntesten deutschen Strophen überhaupt.
„Auffallend ist die Reichtumskritik, wohl ebenso aus Gerhardts sozialer Gesinnung wie aus der Ablehnung reformiert-höfischen Erfolgsstrebens erwachsen“ schreibt ein Lexikon über seine Dichtung.
Die internationale Ausstrahlung und Rezeption seiner Texte begann schon im 17. Jahrhundert und führte zu vielen Übersetzungen, auch in asiatische und afrikanische Sprachen.

Schulen, Straßen, Stiftungen und Kirchen wurden nach ihm benannt. Viele große Dichter haben sich auf ihn bezogen: Goethe, Matthias Claudius, Theodor Fontante, Heinrich und Thomas Mann, Georg Benn, Günter Grass. Große Komponisten haben seine Texte vertont: Johann Sebastian Bach, Georg Philipp Telemann, Max Reger und andere.

Jetzt, im Advent des Jahres 2010, etwa 400 Jahre nach Paul Gerhardts Geburt, sei an eines seiner schönen weltbekannten Lieder erinnert:
Ich erinnere mich an sein schweres Schicksal im dreißigjährigen Krieg, an den Tod seiner vier Kinder und der Ehefrau und singe mit ihm:

„Was hast du unterlassen zu meinem Trost und Freud,
als Leib und Seele saßen in ihrem größten Leid?
Als mir das Reich genommen, da Fried und Freude lacht,
da bist du, mein Heil, kommen und hast mich froh gemacht.

Ich lag in schweren Banden,
du kommst und machst mich los;
ich stand in Spott und Schanden,
du kommst und machst mich groß
und hebst mich hoch zu Ehren
und schenkst mir großes Gut,
das sich nicht läßt verzehren,
wir irdisch Reichtum tut.“

(Aus dem Adventslied „Wie soll ich dich empfangen….“).

Jeder gegen jeden oder geht’s auch mit ’nem Leitbild? Etwas über Berlin.

Die Potenziale der Metropole sind enorm.
Die ehemalige Nobelpreisträgerschmiede der Nation könnte zu neuer Stärke wachsen – wenn man sich nicht im Kleinkrieg lähmte.
Ein Wahlkampf droht – nach altem Muster.
Dieses Muster ist einfach gehäkelt.
Es geht so: „Mein Kandidat ist besser als deine Kandidatin“.
Das war’s schon.
Soetwas ist langweilig, gibt keine Perspektive und macht zumal keine Freude, weil es unpolitisch ist.
Politisch wäre es, den Wählerinnen und Wählern in der Metropole ein Leitbild zu geben, das wählbar ist.
Getragen von einer weltoffenen, wissenschaftsfreundlichen, wirtschaftsunterstützenden, innovationsfreudigen rot-grünen Bürgerschaft, die sich gegen jenen stumpfen Nationalismus wendet, den einstige Finanzsenatoren dieser Stadt nun in papiernen Koffern unter die Leute tragen.
Die Chance dieser Stadt ist die liberale, ökologische, wissenschaftsfreundliche Weltoffenheit.
Aber, es droht ein Wahlkampf, in der sich die im Parlament vertretenen Parteien nur gegenseitig niedrig reden und schreiben. Ein Klein-Klein droht, wo eine große Perspektive notwendig wäre.
Das Potenzial dafür hat die Stadt.
Wie in kaum einer anderen Metropole Deutschlands gibt es eine Dichte an Universitäten, Fachhochschulen, Max-Planck-Instituten, Fraunhofer- und Leibnizinstituten wie in Berlin.
Diese Wissenschaftsdichte könnte genutzt werden – wenn es denn einen Geist der Kooperation gäbe, den die Stadt braucht wie die Luft zum atmen.
Andere Regionen machen es längst vor.
Sogar über nationalstaatliche Grenzen hinweg.

Berlin – die Metropole.
Berlin – die Bundeshauptstadt.
Eingefügt in das Bündnis der Metropolen der Welt.
Weltoffen, tolerant, international, integrationsfreundlich.
Hier treffen sich die Spitzen internationaler Kultur und Wissenschaft.
Die Metropole könnte zeigen, daß Kooperation allemal vernünftiger und effektiver ist als Konkurrenz.
Die Metropole könnte zeigen, daß Kooperation Synergien ermöglicht; Konkurrenz dagegen Energien lähmt.

Deshalb:
Was ist zu hören von den Parteien?
Wo wäre Potenzial für ein modernes Leitbild für die Metropole, das von einem breiten Bürgerbündnis ins Parlament getragen werden könnte?

Wenig ist zu hören.
Was zu hören ist: „Mein Kandidat ist aber besser als deine Kandidatin“.

Das genügt nicht, um den Wähler, um die Wählerin zu überzeugen.
Das hat keine Kraft.
Das strahlt nicht aus.
Das trägt nicht.

Der Bürger wendet sich ab und überlässt die Parteien sich selbst.

„Schaut auf diese Stadt!“ hat einer der ganz Großen dieser Stadt einmal ausgerufen, als die Not groß war.
„Bürger der Welt, schaut auf diese Stadt!“
Lang, lang ist’s her.
Keiner hat mehr den Mut, die Metropole in solchem Horizont zu sehen.
Der Kleingeist ist eingezogen.
Der Kleingeist der Konkurrenz.

Wie stark könnte ein Bündnis aus sozialer und ökologischer Politik sein, das der Metropole wieder ein Leitbild gibt, das wirklich trägt.
Wir strahlkräftig könnte Politik wieder werden, wenn der Mut zurückkehrte, die Bundeshauptstadt wirklich als Bundeshauptstadt zu entwickeln.

Aber dazu bedarf es der Kooperation.
Wie mühsam allein der Prozess einer Zusammenführung der drei großen Berliner Universitäten ist, konnten wir in den vergangenen Jahren besichtigen.
Andere Städte gehen da mit höherem Tempo.

Doch nicht nur die Universitäten, auch die ausseruniversitäre Forschung wäre einzubinden in jenes große Bündnis für die Region.
Ein breites Bündnis zwischen Wirtschaft und Wissenschaft; zwischen Unternehmern und Entwicklern; getragen von einem politischen Bündnis von weitsichtigen Menschen in der Politik, die den Mut haben, ein Leitbild für die Metropole zu entwickeln, das von den Menschen verstanden und mitgetragen wird.

Da genügt ein „be Berlin“ bei weitem nicht.
Da genügt es nicht, eine Werbeagentur mit einer neuen Kampagne zu beauftragen, um das Image der Stadt aufzupolieren.

Da bedarf es politischer Bündnisse.

Nun lässt sich beobachten, daß außer von Grünen und Sozialdemokraten ein wirklich tragfähiges Leitbild von anderen Parteien nicht erwartet werden kann.
Die Union ist in einem bedauernswerten Zustand.
Die Linken haben begriffen, daß sie eine Regionalpartei sind, die sich vor allem im Ostteil der Stadt verwurzelt hat.
Die FDP hat sich selbst derart stark beschädigt, daß ihr niemand mehr glaubwürdige Politik zutraut.

Um so größer müssen die Erwartungen sein, die an ein rot-grünes oder grün-rotes Bündnis für die Metropole zu stellen sind.

Wir sind gespannt.
In einem Jahr wird gewählt.
Wir würden gern wissen, wie es weiter gehen soll mit dieser Stadt, die so große Chancen hat…..