Meine liebe Annemie….Kriegsbriefe 1939 – 1945

Meine liebe Annemie….Kriegsbriefe 1939 – 1945

Nun sind sie endlich da: die Kriegsbriefe zwischen Annemarie und Erich. Er, Jahrgang 1900, evangelischer Pastor, Mitglied der Bekennenden Kirche, Vater von vier Kindern, Soldat vom ersten bis zum letzten Kriegstag.
Sie, Jahrgang 1901 – Stendalerin und Altmärkerin, Mutter von vier Kindern in Groß Schwechten in der #Altmark. Sie haben sich beinahe jeden zweiten Tag geschrieben. In Sütterlin, versteht sich.

Diese vielen erhaltenen Briefe haben wir in jahrelanger, recht mühsamer Arbeit nun in lesbare lateinische Schrift gebracht und der rainStein-Verlag in Berlin hat die beiden Bände publiziert.

Erika (1928 – 2020), die älteste Tochter dieses Pfarr-Ehepaares aus der Altmark hatte diese Briefe sorgfältig aufbewahrt. Im hohen Alter sorgte sie sich, was aus „den Briefen“ wohl werden würde, wenn sie gestorben wäre? Sütterlin könne doch kaum noch jemand lesen! Und dann die winzige Schrift ihres Vaters, oftmals nur in Bleistift geschrieben, schnell auf einen Feldpostbrief gekritzelt in der Ladepause des LKW-Kolonnenführers Erich Immelmann! Kaum möglich, solche Kritzelei überhaupt zu erkennen! Erika machte sich Sorgen um den Nachlass ihrer Eltern.

Erika hatte selber keine Kinder, aber um die Tochter ihrer Schwester Maria (1934 – 1957) hat sie sich gekümmert, als wäre es ihre eigene. Und deren Kinder hat sie gleichsam als Enkel adoptiert. Johannes, einer der drei, hat sich anfangs mit ihrer Hilfe um „die Briefe“ gekümmert. Er saß bei Erika bei einer Tasse Kaffee und hat geschrieben, was sie ihm vorlas. Das ging langsam vor sich, weil Erika oft nicht weiter konnte, übermannt von Erinnerungen und aufsteigenden uralten Gefühlen. Erika und ihre Geschwister – das waren Kriegskinder. Traumatisiert, voller Angst um den Vater, viel zu früh „erwachsen“ geworden. Sabine Bode hat umfänglich über Kriegskinder publiziert. Ich hab Annemaries und Erichs Kinder alle noch kennengelernt, da waren sie schon hochbetagt.

Johannes hat zunächst geholfen, meine Frau, Enkelin von Annemarie und Erich, hat ebenfalls stundenlang mit Erika gesessen und „die Briefe“ vorgelesen bekommen und hat sie dann aufgeschrieben. Schließlich hab ich mich beteiligt und sowohl Annemaries als auch die sehr schwer lesbaren Erich-Briefe Zeile für Zeile, manchmal sehr langsam Wort für Wort, Buchstaben um Buchstaben in lesbare Schrift gebracht. Wenn wir gar nicht mehr weiterkamen, holten wir uns Hilfe bei der Sütterlin-Schreibstube der AWO in Konstanz. Dazu mussten die Briefe gescannt werden – viel Handarbeit.

Wir mussten die Briefe zunächst nach Datum sortieren. Sie waren zwar wohlverwahrt, mussten aber sortiert und handhabbar gemacht werden. Jeder einzelne kam deshalb in eine Dokumentenfolie, weil absehbar war, daß wir die Dokumente nun sehr oft in die Hand nehmen mussten, aber nicht beschädigen wollten. Vier dicke Aktenordner standen nun im Regal und harrten ihrer Dechiffrierung.

Wie schwierig manche Originale zu handhaben waren, kann man hier sehen:

Von der Mühsal, schwer lesbare Schrift zu dechiffrieren

Jeder Brief lag schließlich als einzelne Datei vor. Viele mussten vorher gescannt werden, damit man sie in der Vergrößerung am Computer überhaupt erst lesbar bekam. Diese einzelnen Dateien waren nun zu einem Dokument zusammenzuführen. Wenn irgend möglich, ohne Datenverlust …. Selbstverständlich war die Sicherung der geschriebenen Dateien zentrales Thema und mit großer Sorgfalt zu bedenken.

Dann kam ein kleines schmales Fotoalbum im Nachlass von Erika dazu. Ich werde über die Arbeit mit diesen Fotos noch einen eigenen Beitrag schreiben. Soldat Erich Immelmann hat sie selbst aufgenommen.
Diese Fotos waren zu scannen, zu bearbeiten und dann vor allem zu recherchieren. Was ist überhaupt auf den Bildern zu sehen? Ein paar wenige dürre Hinweise gab das Album selber her: mit Kreidestift geschriebene Ortsnamen zumeist. Dann ging aber die eigentliche Recherche erst los. Jedes Details von jedem Foto habe ich mir sehr präzise in der Vergrößerung angeschaut, jeder noch so versteckte Hinweis konnte helfen, zu verstehen, was überhaupt zu sehen war.
Wenn ich Datum und Ort hatte, kam ich weiter. Was gefunden wurde, landete im Text in der Fußnote zum Foto.

Auf diese Weise fingen nach und nach auch die Bilder an zu sprechen.

Die ganze Arbeit war zu ergänzen durch Fachliteratur. Orts- und Personennamen waren zu prüfen. Zusammenhänge aufzuklären, Hintergründe zu erhellen. Spezialliteratur über die Panzerschlacht von Kursk beispielsweise oder über den Partisanenkrieg in Italien kurz vor Ende des Krieges, Erkenntnisse über das Kriegsgefangenenlager in Rimini oder die Orte in der heutigen Ukraine, die in den Briefen Erwähnung fanden – all das war zunächst zu ermitteln und dann, möglichst kurz, in den Fußnoten so zu vermerken, dass die Lektüre der Briefe weiter vervollständigt und die Zusammenhänge verstehbar wurden.

Wir erfahren in den Briefen sehr viel über den „ganz normalen Kriegsalltag“, sowohl in Groß Schwechten im Pfarrhaus in der Altmark, als auch von der Front, wenn Erich von seinen „Einsätzen“ schrieb. Vieles findet sich nur in Andeutungen, manches ist chiffriert – Feldpost wurde kontrolliert, man konnte nicht alles offen schreiben.

Neben den Briefen kommunizierten die Eheleute auch bei persönlichen Treffen – mehrere Urlaube sind dokumentiert -, sie kommunizierten über Kameraden, die auf Besuch „vorbei“kamen und frische Nachrichten brachten, es gab zusätzlich wenigen Telefon- und Telegrammkontakt.

Interessant ist für den Historiker, was in den Briefen steht – und was darin nicht enthalten ist.
Interessant ist, wie Großereignisse – z.B. das Attentat auf Hitler, oder die Schlacht um Stalingrad – in den Briefen Widerhall finden.
Interessant ist, was die Eheleute unter „Krieg“ verstanden, und wie der Krieg sie über all die Jahre veränderte.
Interessant ist auch, wie sich die Wahrnehmung des Krieges im Laufe der Jahre veränderte. Was anfangs „schneller Erfolg“ und „Hoffnung auf ein baldiges Ende des Einsatzes“ war, wurde schon bald zur Sorge, die Kinder ausreichend ernähren zu können. Spätestens nach Stalingrad hatte sich die Wahrnehmung des Krieges völlig verändert und als dann auch die Bomber der Alliierten über Deutschland flogen – auch über die Dörfer der Altmark -, da hatte „Krieg“ plötzlich eine völlig andere Wahrnahme als zu Beginn des Krieges, als er von der Zivilbevölkerung in Deutschland „weit weg“ war.

Nun liegen diese über lange Jahre sorgsam gehüteten Dokumente der Öffentlichkeit vor. Sie sind – und das ist zentral wichtig – keine rückblickende Lebenserinnerung, die ja oftmals geschönt, gefärbt und verändert ist.
Was nun vorliegt, das sind historische Dokumente.
Sie sind aus dem Moment geschrieben, vom Augenblick beeinflusst. Ungeschönt, ungeschminkt, dokumentarisch. Eben das macht sie so wertvoll.

Die nun vorliegenden Kriegsbriefe mögen allen historisch Interessierten interessanten Lernstoff an die Hand geben und sie ermutigen, doch einmal selbst jenen „alten Koffer auf dem Dachboden“ genauer anzuschauen, den man sich immer schon mal anschauen wollte.

Menschenwürdig sterben. Das Hospiz in Stendal/Altmark

Menschenwürdig sterben. Das Hospiz in Stendal/Altmark

Ulrich Paulsen hatte gerufen und alle waren sie gekommen.

Der Ministerpräsident, die Sozialministerin, der Landrat, der Oberbürgermeister, der MDR, die Zeitung, die Sparkasse, die Regionalbischöfin, der Superintendent und viele viele Stendaler. Oben in der Bergstraße, die zu Ost-Zeiten auch mal Wilhelm-Pieck-Straße hieß, an der Ecke zur Mannstraße steht nun der Neubau vom Hospiz Stendal.

Meine Frau und ich waren extra aus Berlin angereist, weil wir im Vorgängerhaus des schönen Neubaus unsere Kindheit bzw. Schulzeit verbracht haben. Stendal ist uns vertraut und uns hat natürlich interessiert, wie es nach dem Abriss des alten Gemeindehauses, in dem wir gelebt haben, weitergehen würde.

Nun wissen wir es, denn der Neubau für das Hospiz in Stendal wurde gestern, am 15.8.2024 offiziell eröffnet, MDR und Volksstimme werden sicher darüber berichten. Es ist schön geworden, es ist gut geworden und eines gefällt mir besonders: dieses Projekt wurde und wird von mehr als 120 Haupt- und vor allem Ehrenamtlichen in der ganzen Altmark getragen, deshalb zeigt das Titelfoto für diesen kleinen Beitrag auch einen Teil der Ehrenamtlichen, die sich sowohl mobil (also bei den kranken Menschen zu Hause) als auch stationär (also z.B. im Neubau in der Bergstraße in Stendal) in der gesamten Altmark um die sterbenskranken Menschen kümmern.

Viele Reden wurden gehalten, viel wurde geklatscht. Wir haben gesungen miteinander, Auszeichnungen wurden verliehen. All so etwas gehört zur Routine einer Bau-Eröffnung.

Wenn man jedoch den Applaus des Publikums einmal zum Maßstab für öffentliche Anerkennung nimmt, dann hatten die Ehrenamtlichen ganz klar den Hauptgewinn des gestrigen Tages.

Das Haus ist gut geworden. Für 10 Gäste ist sehr guter Platz. Die Zimmer sind hell und geräumig, die BetreuerInnen haben guten Raum für ihre Arbeit. Die größeren Gemeinschaftsräume sind durch verschiebbare Wände vielfach nutzbar. Ein sehr guter Ort. Und wenn die Außenanlagen im Herbst, wenn wieder gepflanzt werden kann, angelegt werden, dann wird die Sache „rund“. Hier kann man am Ende des Lebens wirklich „ankommen“. Hier kann man Heimat finden. Ein guter Ort, um in Würde den Lebensweg zu beenden. Hier ist man in wirklich guten Händen. Die MitarbeiterInnen sind bestens ausgebildet, sie werden ständig weitergebildet, hier arbeiten Profis, man merkt es sofort, wenn man mit ihnen spricht.

In nur anderthalb Jahren wurde der Neubau realisiert, die Baugeschichte ist auf der Homepage vom Hospiz Stendal erzählt. Ca. 5 Millionen Euro hat die Sache gekostet, etliches davon kam aus öffentlichen Geldern, aber auch sehr sehr viel aus Eigenmitteln der Diakonie und vor allem aus Spenden. Das Projekt ist fast ausfinanziert, es fehlen noch ca. 30.000 Euro, wie mir Pastor Ulrich Paulsen gestern anvertraute.

Deshalb schicke ich hier nochmals die Kontoverbindung, für alle die Menschen, die das Hospiz in Stendal unterstützen möchten:

Hospiz Stendal Kreditinstitut: Kreissparkasse Stendal
IBAN: DE96 8105 0555 3010 0231 02
BIC: NOLADE21SDL