Nun sind sie endlich da: die Kriegsbriefe zwischen Annemarie und Erich. Er, Jahrgang 1900, evangelischer Pastor, Mitglied der Bekennenden Kirche, Vater von vier Kindern, Soldat vom ersten bis zum letzten Kriegstag.
Sie, Jahrgang 1901 – Stendalerin und Altmärkerin, Mutter von vier Kindern in Groß Schwechten in der #Altmark. Sie haben sich beinahe jeden zweiten Tag geschrieben. In Sütterlin, versteht sich.

Diese vielen erhaltenen Briefe haben wir in jahrelanger, recht mühsamer Arbeit nun in lesbare lateinische Schrift gebracht und der rainStein-Verlag in Berlin hat die beiden Bände publiziert.

Erika (1928 – 2020), die älteste Tochter dieses Pfarr-Ehepaares aus der Altmark hatte diese Briefe sorgfältig aufbewahrt. Im hohen Alter sorgte sie sich, was aus „den Briefen“ wohl werden würde, wenn sie gestorben wäre? Sütterlin könne doch kaum noch jemand lesen! Und dann die winzige Schrift ihres Vaters, oftmals nur in Bleistift geschrieben, schnell auf einen Feldpostbrief gekritzelt in der Ladepause des LKW-Kolonnenführers Erich Immelmann! Kaum möglich, solche Kritzelei überhaupt zu erkennen! Erika machte sich Sorgen um den Nachlass ihrer Eltern.

Erika hatte selber keine Kinder, aber um die Tochter ihrer Schwester Maria (1934 – 1957) hat sie sich gekümmert, als wäre es ihre eigene. Und deren Kinder hat sie gleichsam als Enkel adoptiert. Johannes, einer der drei, hat sich anfangs mit ihrer Hilfe um „die Briefe“ gekümmert. Er saß bei Erika bei einer Tasse Kaffee und hat geschrieben, was sie ihm vorlas. Das ging langsam vor sich, weil Erika oft nicht weiter konnte, übermannt von Erinnerungen und aufsteigenden uralten Gefühlen. Erika und ihre Geschwister – das waren Kriegskinder. Traumatisiert, voller Angst um den Vater, viel zu früh „erwachsen“ geworden. Sabine Bode hat umfänglich über Kriegskinder publiziert. Ich hab Annemaries und Erichs Kinder alle noch kennengelernt, da waren sie schon hochbetagt.

Johannes hat zunächst geholfen, meine Frau, Enkelin von Annemarie und Erich, hat ebenfalls stundenlang mit Erika gesessen und „die Briefe“ vorgelesen bekommen und hat sie dann aufgeschrieben. Schließlich hab ich mich beteiligt und sowohl Annemaries als auch die sehr schwer lesbaren Erich-Briefe Zeile für Zeile, manchmal sehr langsam Wort für Wort, Buchstaben um Buchstaben in lesbare Schrift gebracht. Wenn wir gar nicht mehr weiterkamen, holten wir uns Hilfe bei der Sütterlin-Schreibstube der AWO in Konstanz. Dazu mussten die Briefe gescannt werden – viel Handarbeit.

Wir mussten die Briefe zunächst nach Datum sortieren. Sie waren zwar wohlverwahrt, mussten aber sortiert und handhabbar gemacht werden. Jeder einzelne kam deshalb in eine Dokumentenfolie, weil absehbar war, daß wir die Dokumente nun sehr oft in die Hand nehmen mussten, aber nicht beschädigen wollten. Vier dicke Aktenordner standen nun im Regal und harrten ihrer Dechiffrierung.

Wie schwierig manche Originale zu handhaben waren, kann man hier sehen:

Von der Mühsal, schwer lesbare Schrift zu dechiffrieren

Jeder Brief lag schließlich als einzelne Datei vor. Viele mussten vorher gescannt werden, damit man sie in der Vergrößerung am Computer überhaupt erst lesbar bekam. Diese einzelnen Dateien waren nun zu einem Dokument zusammenzuführen. Wenn irgend möglich, ohne Datenverlust …. Selbstverständlich war die Sicherung der geschriebenen Dateien zentrales Thema und mit großer Sorgfalt zu bedenken.

Dann kam ein kleines schmales Fotoalbum im Nachlass von Erika dazu. Ich werde über die Arbeit mit diesen Fotos noch einen eigenen Beitrag schreiben. Soldat Erich Immelmann hat sie selbst aufgenommen.
Diese Fotos waren zu scannen, zu bearbeiten und dann vor allem zu recherchieren. Was ist überhaupt auf den Bildern zu sehen? Ein paar wenige dürre Hinweise gab das Album selber her: mit Kreidestift geschriebene Ortsnamen zumeist. Dann ging aber die eigentliche Recherche erst los. Jedes Details von jedem Foto habe ich mir sehr präzise in der Vergrößerung angeschaut, jeder noch so versteckte Hinweis konnte helfen, zu verstehen, was überhaupt zu sehen war.
Wenn ich Datum und Ort hatte, kam ich weiter. Was gefunden wurde, landete im Text in der Fußnote zum Foto.

Auf diese Weise fingen nach und nach auch die Bilder an zu sprechen.

Die ganze Arbeit war zu ergänzen durch Fachliteratur. Orts- und Personennamen waren zu prüfen. Zusammenhänge aufzuklären, Hintergründe zu erhellen. Spezialliteratur über die Panzerschlacht von Kursk beispielsweise oder über den Partisanenkrieg in Italien kurz vor Ende des Krieges, Erkenntnisse über das Kriegsgefangenenlager in Rimini oder die Orte in der heutigen Ukraine, die in den Briefen Erwähnung fanden – all das war zunächst zu ermitteln und dann, möglichst kurz, in den Fußnoten so zu vermerken, dass die Lektüre der Briefe weiter vervollständigt und die Zusammenhänge verstehbar wurden.

Wir erfahren in den Briefen sehr viel über den „ganz normalen Kriegsalltag“, sowohl in Groß Schwechten im Pfarrhaus in der Altmark, als auch von der Front, wenn Erich von seinen „Einsätzen“ schrieb. Vieles findet sich nur in Andeutungen, manches ist chiffriert – Feldpost wurde kontrolliert, man konnte nicht alles offen schreiben.

Neben den Briefen kommunizierten die Eheleute auch bei persönlichen Treffen – mehrere Urlaube sind dokumentiert -, sie kommunizierten über Kameraden, die auf Besuch „vorbei“kamen und frische Nachrichten brachten, es gab zusätzlich wenigen Telefon- und Telegrammkontakt.

Interessant ist für den Historiker, was in den Briefen steht – und was darin nicht enthalten ist.
Interessant ist, wie Großereignisse – z.B. das Attentat auf Hitler, oder die Schlacht um Stalingrad – in den Briefen Widerhall finden.
Interessant ist, was die Eheleute unter „Krieg“ verstanden, und wie der Krieg sie über all die Jahre veränderte.
Interessant ist auch, wie sich die Wahrnehmung des Krieges im Laufe der Jahre veränderte. Was anfangs „schneller Erfolg“ und „Hoffnung auf ein baldiges Ende des Einsatzes“ war, wurde schon bald zur Sorge, die Kinder ausreichend ernähren zu können. Spätestens nach Stalingrad hatte sich die Wahrnehmung des Krieges völlig verändert und als dann auch die Bomber der Alliierten über Deutschland flogen – auch über die Dörfer der Altmark -, da hatte „Krieg“ plötzlich eine völlig andere Wahrnahme als zu Beginn des Krieges, als er von der Zivilbevölkerung in Deutschland „weit weg“ war.

Nun liegen diese über lange Jahre sorgsam gehüteten Dokumente der Öffentlichkeit vor. Sie sind – und das ist zentral wichtig – keine rückblickende Lebenserinnerung, die ja oftmals geschönt, gefärbt und verändert ist.
Was nun vorliegt, das sind historische Dokumente.
Sie sind aus dem Moment geschrieben, vom Augenblick beeinflusst. Ungeschönt, ungeschminkt, dokumentarisch. Eben das macht sie so wertvoll.

Die nun vorliegenden Kriegsbriefe mögen allen historisch Interessierten interessanten Lernstoff an die Hand geben und sie ermutigen, doch einmal selbst jenen „alten Koffer auf dem Dachboden“ genauer anzuschauen, den man sich immer schon mal anschauen wollte.

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