Meine liebe Annemie….Kriegsbriefe 1939 – 1945

Meine liebe Annemie….Kriegsbriefe 1939 – 1945

Nun sind sie endlich da: die Kriegsbriefe zwischen Annemarie und Erich. Er, Jahrgang 1900, evangelischer Pastor, Mitglied der Bekennenden Kirche, Vater von vier Kindern, Soldat vom ersten bis zum letzten Kriegstag.
Sie, Jahrgang 1901 – Stendalerin und Altmärkerin, Mutter von vier Kindern in Groß Schwechten in der #Altmark. Sie haben sich beinahe jeden zweiten Tag geschrieben. In Sütterlin, versteht sich.

Diese vielen erhaltenen Briefe haben wir in jahrelanger, recht mühsamer Arbeit nun in lesbare lateinische Schrift gebracht und der rainStein-Verlag in Berlin hat die beiden Bände publiziert.

Erika (1928 – 2020), die älteste Tochter dieses Pfarr-Ehepaares aus der Altmark hatte diese Briefe sorgfältig aufbewahrt. Im hohen Alter sorgte sie sich, was aus „den Briefen“ wohl werden würde, wenn sie gestorben wäre? Sütterlin könne doch kaum noch jemand lesen! Und dann die winzige Schrift ihres Vaters, oftmals nur in Bleistift geschrieben, schnell auf einen Feldpostbrief gekritzelt in der Ladepause des LKW-Kolonnenführers Erich Immelmann! Kaum möglich, solche Kritzelei überhaupt zu erkennen! Erika machte sich Sorgen um den Nachlass ihrer Eltern.

Erika hatte selber keine Kinder, aber um die Tochter ihrer Schwester Maria (1934 – 1957) hat sie sich gekümmert, als wäre es ihre eigene. Und deren Kinder hat sie gleichsam als Enkel adoptiert. Johannes, einer der drei, hat sich anfangs mit ihrer Hilfe um „die Briefe“ gekümmert. Er saß bei Erika bei einer Tasse Kaffee und hat geschrieben, was sie ihm vorlas. Das ging langsam vor sich, weil Erika oft nicht weiter konnte, übermannt von Erinnerungen und aufsteigenden uralten Gefühlen. Erika und ihre Geschwister – das waren Kriegskinder. Traumatisiert, voller Angst um den Vater, viel zu früh „erwachsen“ geworden. Sabine Bode hat umfänglich über Kriegskinder publiziert. Ich hab Annemaries und Erichs Kinder alle noch kennengelernt, da waren sie schon hochbetagt.

Johannes hat zunächst geholfen, meine Frau, Enkelin von Annemarie und Erich, hat ebenfalls stundenlang mit Erika gesessen und „die Briefe“ vorgelesen bekommen und hat sie dann aufgeschrieben. Schließlich hab ich mich beteiligt und sowohl Annemaries als auch die sehr schwer lesbaren Erich-Briefe Zeile für Zeile, manchmal sehr langsam Wort für Wort, Buchstaben um Buchstaben in lesbare Schrift gebracht. Wenn wir gar nicht mehr weiterkamen, holten wir uns Hilfe bei der Sütterlin-Schreibstube der AWO in Konstanz. Dazu mussten die Briefe gescannt werden – viel Handarbeit.

Wir mussten die Briefe zunächst nach Datum sortieren. Sie waren zwar wohlverwahrt, mussten aber sortiert und handhabbar gemacht werden. Jeder einzelne kam deshalb in eine Dokumentenfolie, weil absehbar war, daß wir die Dokumente nun sehr oft in die Hand nehmen mussten, aber nicht beschädigen wollten. Vier dicke Aktenordner standen nun im Regal und harrten ihrer Dechiffrierung.

Wie schwierig manche Originale zu handhaben waren, kann man hier sehen:

Von der Mühsal, schwer lesbare Schrift zu dechiffrieren

Jeder Brief lag schließlich als einzelne Datei vor. Viele mussten vorher gescannt werden, damit man sie in der Vergrößerung am Computer überhaupt erst lesbar bekam. Diese einzelnen Dateien waren nun zu einem Dokument zusammenzuführen. Wenn irgend möglich, ohne Datenverlust …. Selbstverständlich war die Sicherung der geschriebenen Dateien zentrales Thema und mit großer Sorgfalt zu bedenken.

Dann kam ein kleines schmales Fotoalbum im Nachlass von Erika dazu. Ich werde über die Arbeit mit diesen Fotos noch einen eigenen Beitrag schreiben. Soldat Erich Immelmann hat sie selbst aufgenommen.
Diese Fotos waren zu scannen, zu bearbeiten und dann vor allem zu recherchieren. Was ist überhaupt auf den Bildern zu sehen? Ein paar wenige dürre Hinweise gab das Album selber her: mit Kreidestift geschriebene Ortsnamen zumeist. Dann ging aber die eigentliche Recherche erst los. Jedes Details von jedem Foto habe ich mir sehr präzise in der Vergrößerung angeschaut, jeder noch so versteckte Hinweis konnte helfen, zu verstehen, was überhaupt zu sehen war.
Wenn ich Datum und Ort hatte, kam ich weiter. Was gefunden wurde, landete im Text in der Fußnote zum Foto.

Auf diese Weise fingen nach und nach auch die Bilder an zu sprechen.

Die ganze Arbeit war zu ergänzen durch Fachliteratur. Orts- und Personennamen waren zu prüfen. Zusammenhänge aufzuklären, Hintergründe zu erhellen. Spezialliteratur über die Panzerschlacht von Kursk beispielsweise oder über den Partisanenkrieg in Italien kurz vor Ende des Krieges, Erkenntnisse über das Kriegsgefangenenlager in Rimini oder die Orte in der heutigen Ukraine, die in den Briefen Erwähnung fanden – all das war zunächst zu ermitteln und dann, möglichst kurz, in den Fußnoten so zu vermerken, dass die Lektüre der Briefe weiter vervollständigt und die Zusammenhänge verstehbar wurden.

Wir erfahren in den Briefen sehr viel über den „ganz normalen Kriegsalltag“, sowohl in Groß Schwechten im Pfarrhaus in der Altmark, als auch von der Front, wenn Erich von seinen „Einsätzen“ schrieb. Vieles findet sich nur in Andeutungen, manches ist chiffriert – Feldpost wurde kontrolliert, man konnte nicht alles offen schreiben.

Neben den Briefen kommunizierten die Eheleute auch bei persönlichen Treffen – mehrere Urlaube sind dokumentiert -, sie kommunizierten über Kameraden, die auf Besuch „vorbei“kamen und frische Nachrichten brachten, es gab zusätzlich wenigen Telefon- und Telegrammkontakt.

Interessant ist für den Historiker, was in den Briefen steht – und was darin nicht enthalten ist.
Interessant ist, wie Großereignisse – z.B. das Attentat auf Hitler, oder die Schlacht um Stalingrad – in den Briefen Widerhall finden.
Interessant ist, was die Eheleute unter „Krieg“ verstanden, und wie der Krieg sie über all die Jahre veränderte.
Interessant ist auch, wie sich die Wahrnehmung des Krieges im Laufe der Jahre veränderte. Was anfangs „schneller Erfolg“ und „Hoffnung auf ein baldiges Ende des Einsatzes“ war, wurde schon bald zur Sorge, die Kinder ausreichend ernähren zu können. Spätestens nach Stalingrad hatte sich die Wahrnehmung des Krieges völlig verändert und als dann auch die Bomber der Alliierten über Deutschland flogen – auch über die Dörfer der Altmark -, da hatte „Krieg“ plötzlich eine völlig andere Wahrnahme als zu Beginn des Krieges, als er von der Zivilbevölkerung in Deutschland „weit weg“ war.

Nun liegen diese über lange Jahre sorgsam gehüteten Dokumente der Öffentlichkeit vor. Sie sind – und das ist zentral wichtig – keine rückblickende Lebenserinnerung, die ja oftmals geschönt, gefärbt und verändert ist.
Was nun vorliegt, das sind historische Dokumente.
Sie sind aus dem Moment geschrieben, vom Augenblick beeinflusst. Ungeschönt, ungeschminkt, dokumentarisch. Eben das macht sie so wertvoll.

Die nun vorliegenden Kriegsbriefe mögen allen historisch Interessierten interessanten Lernstoff an die Hand geben und sie ermutigen, doch einmal selbst jenen „alten Koffer auf dem Dachboden“ genauer anzuschauen, den man sich immer schon mal anschauen wollte.

Peter Schaefer. Ein kurzes Leben in Briefen. „Nun bin ich schon seit 5 Tagen Soldat“

Über Steffies Stiefsohn Peter Schaefer habe ich nicht sehr viel herausfinden können. Er wurde am 12. Mai 1924 in Berlin geboren, ging dort zur Schule. Ich habe ihn eigentlich erst aus seinen Briefen an seine Mutter Oda etwas näher kennengelernt. Diese Briefe habe ich vor Kurzem in einem Münchner Archiv entdeckt. Peter kannte seinen Vater Albert Schaefer in sehr früher Kindheit gar nicht, denn Oda zog mit dem Kind nach der Trennung von Schaefer-Ast zu ihrem Bruder. Peter kam erst im Alter von 10 Jahren zu seinem Vater und seiner zweiten Frau Steffie und der Halbschwester Susanne nach Berlin. Peter war als Junge in Prerow, auch in Begleitung seiner Mutter Oda; Steffie und Susanne waren nie dort. Über eine Ausbildung nach der Schule ist mir nichts bekannt. Es sieht in den Briefen so aus, als sei Peter gleich nach dem Abitur erst zum „Reichsarbeitsdienst“ und dann zur Wehrmacht gekommen.

Im Sommer 1940, Peter ist 16 Jahre alt, verbringt er die Ferien in Prerow. „Pappi“, also Albert Schaefer, „hat 6 Gänse gekauft“, schreibt er an seine Mutter Oda, die inzwischen mit ihrem zweiten Mann zusammen lebt und für eine 2 in der Schule hat er von „Pappi“ „eine Mark“ bekommen, so kann man es im Brief lesen.

Am 9.6.1941 (mit 17) schreibt er, er hätte „eine 5 in Mathe“ bekommen und das kurz vor der „Versetzung“. Allerdings habe er „in Latein eine 3“ geschrieben. Im Sport sei er ganz gut und wolle nun „in Prerow Langestreckenlaufen üben“. Die Zigaretten im Paket der Mutter habe er „ein bißchen parfümiert“. Der Abiturient raucht offenbar und bekommt von seiner Mutter Pakete, was darauf hindeutet, daß er nicht in Berlin zum Gymnasium geht. Am 15.9.1942 schreibt Peter einen Brief an seine Mutter, auf den sie später „Reichsarbeitsdienst“ notiert hat. Die Dienstzeit beim R.A.D. betrug in der Regel ein halbes Jahr.  Die Briefe aus Calau muten allerdings schon an, als sei er beim Militär. In dem Brief schreibt er, er habe für seine Mutter Zuckerstücken gesammelt und seine Mutter bräuchte nun „keine Angst mehr um den Weihnachtskuchen“ zu haben. Er berichtet von einem „Selbstverstümmler“, den man schon in eine Einrichtung in Daldorf (Wittenau) eingeliefert habe. Offenbar war da ein junger Mann, der alles versuchte, um nicht zum Militär und nicht an die Front zu kommen. Man sprach damals auch in solchen Fällen vom „Heimatschuß“. Peter will, wenn es mit dem Weihnachtsurlaub klappt, mit „Horschtel“, gemeint ist Odas zweiter Ehemann Horst Lange, „in civil“ sich betrinken gehen. Und dann will er gründlich ausschlafen. Er beschwert sich bei seiner Mutter über seine Freundin „Chenny“, die ihm „seit 5 Monaten nicht geschrieben“ habe. Seine Mutter solle der Chenny mal „den Kopf waschen“.

Im März 1943 schreibt er davon, wie schwer ihm die Trennung von „Chenny“ fällt, die er wohl an Weihnachten vollzogen hat, jedenfalls klingt der Brief so, und er berichtet, er werde gegen Ende des Monats März aus dem Reichsarbeitsdienst entlassen, allerdings wisse er nicht, wann er zum Militär eingezogen würde, das wüssten nur „die Götter“.

Am 24. 5. 1943 schreibt er: „Nun bin ich schon seit 5 Tagen Soldat und habe davon noch nicht viel gemerkt. Wir machen jeden Tag Revierreinigen und spielen Karten.“ Der junge Soldat, der grade der Schulbank entronnen ist, langweilt sich „im Kriege“. Offenbar hat er sich doch nicht wirklich von „Chenny“ getrennt, denn er hofft im Brief darauf, daß sie beim Besuch der Mutter in der Kaserne „hoffentlich mitkommt“. Er trägt jetzt „Wickelgamaschen und Breeches“ und sähe aus „wie ein britischer Offizier, wenn er sich die Mütze aufsetzet“. In Berlin gibt es bereits Tagalarm. Britische und amerikanische Bomber kommen nun auch am Tage. Peter weiß davon. Seine Mutter hat es ihm geschrieben.

Am 9. Februar 1944 schreibt Peter einen längeren Brief, meistens hat er nur kurze „Feldpostkarten“ geschrieben. Er erzählt in diesem längeren Brief vom „Bunker“, in dem er bei „Hindenburglichtern“ sitzt, eine Art Teelichter, die man zur Beleuchtung des Bunkers verwendete. Auch zeichnet er den Bunker, offenbar hat er sich das Zeichnen vom Vater angenommen.

Peter bedauert „nicht wirklich“, „daß wir nun alles verloren haben, bloß daß Pap seine ganzen Zeichnungen verloren hat, das ist unendlich traurig“.
Im November 1943 war Schaefers Wohnung bei einem gewaltigen Fliegerangriff zerstört worden. Schaefer galt nun als „ausgebombt“ und musste ins kleine Häuschen nach Prerow ausweichen. Peter hatte an der Front durch Briefe seiner Mutter davon erfahren.

Indirekt verrät er seiner Mutter, wo er steckt: er habe 2x „aus Bunzlau“ an seine Freundin Chenny geschrieben, aber die habe sich wieder nicht gemeldet. „Denk Dir, ich war in Liegnitz“ schreibt er und erinnert seine Mutter an die gemeinsame sehr frühe Zeit, als er als Säugling von Berlin mit der Mutter nach der Trennung von Schaefer-Ast zu ihrem Bruder nach Liegnitz gekommen war. Liegnitz liegt in Schlesien. Und nach Russland ist es nicht mehr weit. Im Brief zeichnet er einen Unfall, den er gehabt hatte, als die Soldaten das „Haus eines Russen“ durchsuchten.

Auch fügt er dem Brief eine Zeichnung vom Bunker bei, damit seine Mutter eine Vorstellung hat, wie er seinen Tag zubringt.

Er berichtet seiner Mutter vom „Bettenbau“, von ersten Erfahrungen mit einer russischen Sauna und davon, daß er sich mühsam mit der Hand genähte „Bunkerschuhe baut“. „Ich muß immer warten, bis die Daumen verheilt sind, dann kann ich wieder weiternähen. Ja, Ziegenfell ist zähe!“, schreibt er und erwähnt, das Ziegenfell habe er auch bei einer „Hausdurchsuchung“ in einem „Russenhaus“ gefunden. Der Bunker sei am morgen nämlich ein „Eiskeller“, da müsse man vorsorgen. Das Moos zwischen den Ritzen der Bunkerbalken sei „halt nicht dicht genug“.

Er teilt seiner Mutter die neue Feldpostnummer mit und bittet sie, diese Nummer auch der Freundin „Chenny“ mitzuteilen. Er verrät etwas sehr Intimes an seine Mutter: er schreibe eine „Novelle von Chenny und mir“ mit dem Titel „Kismet“.
Da ist er, der Künstler-Sohn, der Kunstpostkarten sammelt und an einer Novelle arbeitet.

Am 10.4.1944 schreibt er eine Feldpostkarte an seine Mutter in Berlin:

„Meine liebe Mutsche!

Ich danke dir recht herzlich für deinen lieben Brief. Nun wird ja auch die andere Post nicht auf sich warten lassen. Die hübschen „Blumen“, die im Brief liegen, fand ich in einem Russenhaus. Es waren wieder reiche Bauern, ich fand auch Schulbücher mit Schulheften, wo alles drin war, was wir auch gehabt haben Wurzel und logarithmische Rechnungen usw. Ja, das Wollgras muß es hier viel geben weil alles Sumpf ist, hier in der Umgebung. So langsam taut es jetzt, es gibt schon große Stellen, wo der Schnee ganz weg ist. Die Vögel zwitschern den ganzen Tag. In dem Haus fand ich auch ein Barometer, das wird jetzt andauernd kritisch betrachtet. Die Kameraden sind nicht ganz überzeugt davon! Sonst geht’s mir gut! Denke an das Briefpapier! Sonst schreibe ich nicht mehr!

Viele herzliche Grüße von deinem Peter“

Am 6.5.1944 klingt es im Brief so:  „Besonders gut haben wir es hier nicht getroffen. Aber wir haben wenigstens ein Dach überm Kopf und nicht wie die armen Infanteristen, die in Erdlöchern hausen.“

26. Mai 1944: „ich habe einen furchtbaren Schreck bekommen, ich dachte schon, sie holen mich als Offz. Bewerber, sie hatten hier schon sone Prüfung gemacht. Aber es wird G.s.d[1]. nichts draus!“
Peter erzählt, dass er eine alte Katze mit ein paar jungen Kätzchen gefunden hätte. Er hat sie in diesem Brief gezeichnet. Und er erzählt, daß diese Kätzchen im Haus verbrannt seien, als „die Landser“ das ganze Haus in Brand gesetzt hätten.

Am 7. Juni 1944 schreibt Peter Schaefer folgende Zeilen an seine Mutter:

„Meine arme Mutscheline!

Hast Du so einen bösen Sohn? Nein! Ich hatte wirklich wenig Zeit, mir ging es in letzter Zeit auch dreckig. Hurra, dein Paket ist angekommen! Ich danke dir mit einem Träne in der Knopfloch! Pardon! Umgekehrt! Ich hab mich wahnsinnig über alles gefreut, bloß ich habe schon eine Bibliothek zusammen, von der ich mich bald nach Prerow erleichtern werde. Apropos Prerow, ich komme höchstwahrscheinlich Anfang bis Ende Oktober auf Urlaub. Na, nu geht’s um die Wurst! Wir verfolgen gespannt die Ereignisse im Westen. Hier ist Stellungskrieg in höchster Potenz, d.h. der „Heilige Barrasius“ d.i. der „Barras“ oder Kommis, ist in höchsteigener Person dabei, den Landsern die letzte Lust zu vertreiben, indem an ruhigen Tagen allerlei „dienstlicher Unfug“ getrieben wird.

Ihr habt in „Groß Kaputt[2]“ nun wohl schlimme Tage, ihr armen Hascherln? Na, vielleicht geht’s bald zu Ende!

Wir haben hier schöne Tage und mitunter, wenn wir zur „Tarnung“, das ganz groß geschrieben wird, Bäume schlagen, dann werfe ich mich ins hohe Gras und atme tief den betäubend schönen Geruch ein, drehe mich rum und starre in die Wipfel und daran vorbei in den blauen Himmel mit den weißen Wölkchen. Entschuldige, Mutsche, ich kann nicht mehr weiterschreiben, ich erzähl es dir mal später, warum.

Seid herzlich gegrüßt, ich denke immer an Euch Euer Peter.“

Die letzte erhaltene Nachricht von Peter Schaefer stammt vom 14. Juni 1944. Eine Feldpostkarte mit einer neuen Feldpostnummer, abgestempelt im „Bezirk Breslau“. Sie lautet:

Feldpostkarte von Peter (27906) an Oda in Zehlendorf  (abgestempelt 20.6.44 in Brieg, BZ Breslau 1)

„Liebe Mutsche!

Neue F.P.Nr. steht hinten. Hier ist auch alles in Blüte, da hier viel Sumpf ist, blüht das Wollgras, ich schick dir mal welches. Es sieht sehr hübsch aus in den hellgrünen Binsen mit dem Hahnenfuß zusammen. Sonst geht’s mir danke, was ich auch von Euch hoffe!

Viele herzliche Grüße Dein Peter“

Schaefer-Ast und seine erste Frau Oda schreiben sich noch lange und in den Briefen wird immer wieder deutlich, daß sich insbesondere Oda fragt, wo ihr Sohn sein könnte, sie will nicht glauben, daß er ums Leben gekommen ist. Schaefer versucht sie zu trösten und meint, Peter hätte sich bestimmt mit „einigen Kameraden“ über Persien „oder sonstwie“ abzusetzen versucht, um sich nach Deutschland „durchzuschlagen“. Aber die Hoffnungen bleiben vergebens. Peter kehrt nicht zurück.

Erst im Jahre 1967 taucht er wieder auf. Und zwar auf jener Zeichnung, die Steffie von ihm gezeichnet hatte, da war er etwa 10 Jahre alt. Steffie, nun schon im Alter von 72 Jahren, schickt diese Zeichnung an seine Mutter Oda nach München und schreibt dies:

Man kann ahnen, was in Oda vorgegangen sein mag, als sie diesen Brief öffnete.


[1] Gott sei dank

[2] Von Berlin war nach den fürchterlichen Luftangriffen bei Tag und Nacht nicht mehr viel übrig in jenen Tagen.

Etwas von Büchern

Etwas von Büchern

Derzeit katalogisiere ich meine Bibliothek, sortiere aus, ordne neu und nehme deshalb jedes Buch nochmals in die Hände. Dabei fiel mir ein altes Buch von 1891 auf. Genauer: das, was vorn eingestempelt zu lesen ist.


Wir sehen Spuren von zwei Kindern. Der eine zehn, der andere 11 Jahre alt.
Der eine, Gerhard, damals, 1939, wohnte er in Halle, hat das Buch zu seinem zehnten Geburtstag bekommen und unter „Nr. 13“ in seine kleine Kinder-Bibliothek aufgenommen. Er war ordentlich, wie sein Vater, der war Registrator und Rendant in einer großen Kirchgemeinde einer Stadt an der Oder gewesen und dort zuständig für das Ausstellen von Arier-Nachweisen, aber das ist eine sehr eigene, bedrückende Geschichte.

Als Gerhard das Buch zum Geburtstag bekam, war der Zweite Weltkrieg gerade 12 Tage alt, die Wehrmacht war am 1. September 1939 in Polen einmarschiert, unter dem Vorwand übrigens, man sei „dazu gezwungen worden“ und müsse „sich verteidigen“.

Den Adreß-Stempel für seine Kinder-Bibliothek hat sich Gerhard vermutlich in der Druckerei der Franckeschen Stiftung anfertigen können, dort konnten die Schüler ihren Werkunterricht wahrnehmen. Gerhard war ab 1938 Schüler der Knabenschule der Franckeschen Stiftungen. Jene Schule wurde noch 1938 mit großem Tamtam in „Hans Lody Schule“ umbenannt. Der Hallenser SS-Oberganove Reinhard Heydrich schickte ein Grußwort. Der Schulunterricht begann in jenen Jahren mit den „aktuellen Berichten von der Front“. Karten waren aufgebaut, in die Schlachten und Orte von Schlachten eingezeichnet waren. Der tägliche „Frontbericht“ war Schulalltag, schließlich müssen wohlerzogene Volksgenossen im Alter von 10 Jahren wissen, wo die Front verläuft.

Der andere Junge bekam das Buch im Jahr 1968, da war er elf.
Deutschland und Europa waren geteilt. Truppen des Warschauer Paktes waren in diesem Jahr in Prag einmarschiert, um einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, wie Dubcek ihn wollte, zu verhindern.
Katalogisiert wurde das Büchlein nun im Februar 2023, da war der russisch-ukrainische Krieg 1 Jahr alt.

Zu diesem Bild gehört eine Geschichte.
Als ich 18 wurde, nahm mich mein Vater, ein Kriegskind, das seine ganze Kindheit und Jugend unter den Nazis verbracht hatte, Mitglied bei den Pimpfen und in der HJ war, der das Schießabzeichen der HJ in Bronze besaß und der am Ende des Krieges als 15-Jähriger Brandschutzhelfer Leichen aus den Trümmern in Ammendorf und Halle ziehen musste, mit auf einen Friedhof.

Wir gingen in eine besondere Abteilung dieses Friedhofes.
„Schau Dir mal genau die Grabsteine an“ sagte mein Vater. „Was fällt Dir auf?“
„Die Geburtsdaten“, sagte ich. „Es sind alles junge Männer zwischen 16 und 25 Jahren.“
„Kannst Du mir sagen, weshalb diese jungen Leute gestorben sind?“ fragte er nach.
„Man hat sie in den Krieg eingezogen, dort wurden sie erschossen. Die jüngsten unter ihnen waren noch Kinder“, sagte ich.
Darauf mein Vater, und diesen Satz hab ich mein Lebtag nicht vergessen: „Kannst Du mir heute, an Deinem achtzehnten Geburtstag versprechen, niemals eine Waffe in die Hand zu nehmen, auch wenn Du dafür massive Probleme bekommen wirst?“

„Ja“, war meine Antwort, „das kann ich versprechen.“

Meinen Vater hat der Krieg Jahre später doch noch geholt, er wurde nur 56 Jahre alt, zehn Jahre jünger, als ich jetzt bin. Die schweren Depressionen, direkte traumatische Folgen einer Jugend im Krieg, haben ihn am Ende doch noch besiegt. Sabine Bode hat in ihren Büchern über Kriegskinder viel über die seelischen Folgen einer Kriegskindheit gearbeitet und publiziert.

Ich bin dem Kriegskind Gerhard, der mein Vater wurde, dankbar für jenes besondere Geburtstagsgeschenk an meinem achtzehnten Geburtstag.
Bis auf den heutigen Tag.