Leben in zwei Systemen. Kapitel 3. Unterschriften sammeln


Die Unterschiede könnten nicht größer sein.
Unterschriften sammeln gehörte in der Diktatur zu den Tätigkeiten, die strengster staatlicher Kontrolle unterlagen.
Der Staat sammelte selbst welche. Zum Beispiel setzte sich die Pionierorganisation „Ernst Thälmann“ und auch die „Freie Deutsche Jugend“ mit Hilfe von „Postkartenaktionen“ und „Unterschriftensammlungen“ für die Freilassung von Angela Davis ein. Die saß in den USA als Bürgerrechtlerin im Gefängnis.
Die Aktion an sich war schon ein Witz: denn für eine Bürgerrechtlerin Unterschriften zu sammeln in einer Diktatur – das „hat was“. Natürlich wurde gesammelt, weil sie in den USA im Gefängnis saß. Da sah man mal wieder, „was das für ein System“ war in den USA.
Man sammelte auch Unterschriften um den Fünf-Jahres-Plan zu erfüllen.
Man sammelte Unterschriften, um die Regierung in ihrer „Friedens- und Sozialpolitik“ zu unterstützen. Aber alldas war harmlos, war völlig ungefährlich und führte am Ende zu gar nichts außer dazu, dass die Stasi-Leute in den Betrieben sehr fein registrierten, wer solche Sammlung nicht (!) unterschrieb.

Umgekehrt jedoch: wenn eine private Initiative in der DDR Unterschriften sammelte, dann war das sofort „politisch“ und die Staatssicherheit (STASI) interessierte sich für die Sache. Nichts war auffälliger, als wenn man die Obrigkeit in der Diktatur mit Hilfe einer Unterschriftensammlung an die Einhaltung von Bürgerrechten erinnern wollte. Es war schon schwierig, Unterschriften dafür zu bekommen, denn natürlich wusste jeder, was es bedeutete, wann man mit Namen und Anschrift unter so einem Papier zu lesen stand. Die Angst regierte das Land.
Wer also im Lande selbst etwas verändern wollte und dafür Unterschriften sammelte – das ging mit Listen aus Papier und handschriftlicher Unterschrift und durfte selbstverständlich nicht auf öffentlichen Plätzen stattfinden -, stand sofort unter Beobachtung. Nicht selten endeten solche Aktionen im Gefängnis und anschließend nach der „Ausreise“ im Westen. Derlei Lebensgeschichten sind zahlreich und in den DDR-Museen mittlerweile gut dokumentiert.

Ganz anders dreißig Jahre später.
Die Mauer ist gefallen, man sieht noch spärliche Reste, eingelassen in manche Straßen in Berlin, damit man nicht vergisst, wo sie einmal gestanden hat.
Dreißig Jahre später haben wir eine Inflation von Unterschriftensammlungen.
Allenthalben werden Unterschriften gesammelt. Mit und ohne Listen. Mit und ohne Papier. Für und gegen Kohleausstieg. Für und gegen moderne Landwirtschaft. Für und gegen Gentechnik. Überall wird gesammelt.
Seit uns das Internet über E-mail und insbesondere social media-Anwendungen auch auf den Smartphones die Möglichkeit gibt, in Echtzeit miteinander zu kommunizieren, geht die ganze Sache natürlich auch online. Eine Möglichkeit, von der die Oppositionsgruppen in der DDR nicht mal träumen konnten.

Allerdings: die Bedeutung solcher Sammlungen hat sich völlig verändert.
Wurden „zu Ost-Zeiten“, wie man heute sagt, auch die zahlenmäßig kleinsten Sammlungen sehr genau registriert und politisch „ausgewertet“ (ohne dass sich am Sachverhalt selbst etwas änderte), sind Unterschriftensammlungen heute beinahe alle völlig wirkungslos. Es gibt nur wenige Beispiele, bei denen solche – online durchgeführten – Sammlungen tatsächlich zu Veränderungen führten.
Etwas anderes ist aber wichtig: Unterschriftensammlungen zeigen heutzutage Kräfteverhältnisse. Selbst wenn man die automatisierten Unterschriften von bots herausrechnet, zeigen online durchgeführte Unterschriftensammlungen, wie stark eine Interessengruppe in etwa ist.
Und: Unterschriftensammlungen dienen auch dem Sammeln von Daten.
Natürlich hat eine Organisation, die sich auf online durchgeführte Unterschriftensammlungen spezialisiert hat (das geht nicht ohne eine e-mail-Adresse) politische Macht, denn sie kann, wenn Thema und Zeitpunkt „stimmen“ große Menschenmassen mobilisieren.
So mancher fragt sich deshalb, ob er sich überhaupt an einer solchen „Unterschriftenaktion“ beteiligen solle. Man kann es tun, wohl wissend, dass sich am Sachverhalt selbst so schnell nichts ändern wird durch eine Unterschrift.
Wohl aber kann man das Lager derer stärken, die für das unterstützte Anliegen eintreten.
Haftstrafen jedenfalls gibt es für das Sammeln von Unterschriften nicht mehr…..

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